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Aus dem Englischen von

Michael Krug

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Für meinen Großvater,
Captain Henry »Hank« D. Moreland.

Als Pilot flog er im Zweiten Weltkrieg heldenhaft
Maschinen des Typs C-47, die Fallschirmjäger
der US-Armee über Frankreich abwarfen.
Er hat überlebt und wurde mein persönlicher Held.

DANKSAGUNG

Wenn ich auf die Jahre zurückblicke, die ich damit verbracht habe, für Schattenkrieger zu recherchieren und das Buch zu verfassen, sehe ich viele Freunde und Angehörige, die mich bei meinem Abenteuer unterstützt und zu den Worten beigetragen haben, die sich darin finden.

Als Erstem möchte ich meinem Freund Tim Williams danken. Nachdem Tim meine Kurzgeschichte »The Refuge« gelesen hatte, ermutigte er mich, die Geschichte zu einem Roman auszuweiten. Schattenkrieger ist das Ergebnis.

Mehrere Profis der Verlagsbranche haben sich mit selber Leidenschaft für die Qualität des Buches eingesetzt. Ich danke meinem Lektor, Karl Monger, für seine positive Einstellung, seinen Stil beim Lektorieren und sein Engagement dafür, die Stimme des Autors zu bewahren, außerdem meiner ursprünglichen Lektorin, Susan Malone, für ihre Kritik an einer früheren Version, bei der sich die Handlung in die falsche Richtung entwickelte. Die Innengestaltung von Liz Tufte fügte dem geschriebenen Wort eine völlig neue Dimension hinzu. Ein besonderer Dank ergeht an Scott »Skip« Rudsenske für seine hervorragende rechtliche Beratung und seine allgemeine Unterstützung.

Ferner danke ich Kathi Dunn für ein spektakuläres Cover; ich bin stolz, dass mein Name darauf steht; außerdem Ron »Hobie« Hobart für seine Weisheit und sein Geleit. Und ich habe die Ehre, dass der legendäre Les Edwards mein Cover illustriert hat. Seine Grafik erfasst die Essenz meiner Geschichte mit ihren kunstfertigen Details und ihrer gotischen Schönheit uneingeschränkt.

Ed Zabel, meinem Fotografen, danke ich für seine Perspektive und seinen Humor, für das Korrekturlesen Leann Garms und Toni Wilson. Tausend Dank für die Abbildungen im Buch gehen an drei talentierte Illustratoren: an Brian Altman für die wunderbaren Darstellungen des Kreuzes und der Runen; an Brian Bodecker für die Inspiration seiner 2.-WK-Kunst und eine exzellente Karte von Deutschland; an meine Schwester Laura Moreland für ihre Grafiken und dafür, dass sie zu meinem engsten Freundeskreis zählt. Danke auch an David Alexander und meine Nichte Saxon für ihre Liebe und Unterstützung.

Für die unschätzbaren Geschichten aus dem 2. Weltkrieg möchte ich den verstorbenen Tex Smith erwähnen, der als Sergeant mit der 28. Infanteriedivision im Hürtgenwald in Deutschland kämpfte. Ewig dankbar für die Gelegenheit einer Reise durch Deutschland und Belgien bin ich dem deutschen Historiker Albert Trostorf, dem niederländischen Historiker Ron van Rijt, dem Dokumentarfilmer Julian Hudson von BBC und den deutschen Veteranen der 89. Infanteriedivision, Regimente 1055 und 1056. Und zu guter Letzt meinem Großvater, Captain Henry Dawson Moreland, dafür, dass er Erinnerungen mit mir geteilt hat, von denen ich weiß, dass sie schmerzlich sind.

Vielen Dank auch an die Freunde, die mich unterstützt haben: an Greg Bernstein, meinen Aloha-Bruder; an Mary Helen Leonard, Bart Baggett, Dave Gulling, Jan Marszalek, Andrea Westerfeld, Carolyn Ash, Pamela Rueda und die gesamte Rueda-Familie – Roberto, Pamela, Beto und Stefan; an Val Hey, Scott Anderson, Blane Richard und Gary Sleeper; an Bil Arscott, Laura Thomas, Asha Cobb, Silver Ra Baker, Eric und Jodi Kean, Brenda Kimbrough, Paula und Kenneth Chin, Mack und Carolyn Rudsenske, Paul und Dawn Richardson.

Aus tiefstem Herzen danke ich meiner erweiterten Familie in White Bluff: Jim und Dyann Smith, Toni und Ted Wilson, Madeleine und Glen Lively, Toni und Ken Wengler; den wunderbaren Damen des Wild Bunch und ihren Männern: Bill und Betsy Torman, Dale und Luann Westerfeld, Tom und JoAnn Reedy, George und Maura Collins, Dale und Judy Moore, Patti und Keith Moreland. Insbesondere möchte ich den Damen des Buchklubs »The Bookies« für ihre Unterstützung danken: Betsy Torman, JoAnn Reedy, Judy Moore, Luann Westerfeld, Maura Collins, Patti Moreland, Linda Watson, Sarah Torbett, Cynthia Redden, Nancy Gibson, Ann Duncan und Pam Huges.

Außerdem danke ich einem ganz besonderen Lehrer, George Klotz, und dessen Studenten in Syracuse, New York: Lauren Candee, Jackie Cavender, Alan Chargin, Meghan Coholan, Linsey Day, Caitlyn Drumm, Amy Hegan, Leora Kenney, Kelsey Klopfer, Elissa Leathers, Tyler Massaro, Mary McAfoose, Chris Nelson, Audrey Owens, Angela Passamonte, Melissa Petti, Marc Schoeberlein, Brent Scott, Mark Seeber, Meredith Stevens und Erin Wohlers. Unsere Zusammenarbeit hat mich dazu inspiriert, den Roman fertigzustellen, als die Schreibblockade die Schlacht gerade zu gewinnen drohte. Großen Einfluss auf mein Werk hatten die folgenden Mentoren und Kollegen: John Saul, Mike Sack, Terry Brooks, Dorothy Allison, Elizabeth Engstrom Cratty, Katheryn Mattingly und Dan White, Autor von Crevasse. Besonderer Dank ergeht an John Saul für seinen zeitgerechten Rat. Unsere Gespräche in Rom und Maui haben mich dazu motiviert, meinen Roman zu Ende zu schreiben.

Einer der vielleicht einflussreichsten Autoren auf meinem Weg ist mein guter Freund und Kollege Ernest de L’Autin, Autor von Reach to the Wounded Healer. Er ist mein steter Verbündeter und erinnert mich daran, dass der Pfad eines Autors ein Abenteuer sein kann, das man mit anderen der schreibenden Zunft teilt. Und Debbie Autin hat mir Herz und Magen mit ihrer Hausmannskost erwärmt, insbesondere mit ihrem berühmten »Hofvogel«. Danke an beide für ihre moralische und emotionale Unterstützung.

Abschließend danke ich meinen Eltern, Patti und Keith Moreland, für die Jahre der Ermutigung und Liebe sowie für die Werte, die sie mich gelehrt haben. Als unglaubliche Beispiele haben sie mir gezeigt, wie man mit Leidenschaft und Hartnäckigkeit einen Traum verfolgt. Danke, dass ihr in meinem Bestreben, Schriftsteller zu werden, hinter mir gestanden habt. Ich bin so glücklich, diesen Traum mit euch und allen, die ich kenne, zu teilen.

Herzlichst
Brian Moreland

Ok|kul|tis|mus <lat.-nlat.> der; -: Geheimwissenschaft; Lehren u. Praktiken, die sich mit der Wahrnehmung übersinnlicher Kräfte beschäftigen.

Duden Wörterbuch

DER KULT DES SCHWARZEN ORDENS

In den 30er und 40er Jahren des 20. Jahrhunderts entwickelten die Nazis eine Faszination für Okkultismus und Bewusstseinskontrolle. Reichsführer-SS Heinrich Himmler, Oberbefehlshaber der Schutzstaffel, erkor mehrere bekannte Okkultisten in seinen inneren Kreis. Ein solcher Okkultist war der Schriftsteller und Runologe Karl Maria Wiligut. Gemeinsam schufen Himmler und Wiligut esoterische Rituale für SS-Zeremonien, entwarfen den Totenkopfring, der einen Totenschädel und gekreuzte Knochen aufwies, und verwandelten die Wewelsburg in Westfalen, Deutschland, in ein Camelot der Nazis.

Okkulte Studien schürten eine geheime Besessenheit. Im Jahr 1935 richtete Himmler formell eine okkulte Forschungsinstitution ein, die Forschungsgemeinschaft Deutsches Ahnenerbe e. V. Über fünfzig Abteilungen beschäftigten sich mit wissenschaftlichen Studien und entsandten Wissenschaftsmannschaften der Nazis nach Indien, Tibet, China, Südamerika und in nordische Länder wie Island, um den archäologischen Beweis für die bizarren geschichtlichen Fantasievorstellungen der Nazis zu erbringen – dass sie die wahren Nachkommen der Arier bekannten, mythischen Supermenschen seien.

Die als der ›Schwarze Orden‹ bezeichneten Okkultisten der SS teilten Hitlers Vision des Tausendjährigen Reichs – des Plans der Nazis, den Planeten von jeder Rasse zu säubern, die man als nicht von ›reinem‹ deutschen Blut erachtete. In der Überzeugung, dazu bestimmt zu sein, die arische Herrenrasse zu werden, ermordeten die Nazis Millionen von Juden, Zigeunern, Freimaurern und Bolschewiken und entzündeten die Flamme, die sich unkontrolliert ausbreiten und zum Zweiten Weltkrieg ausweiten sollte.

PROLOG

AUGUST 1944
SS-HAUPTQUARTIER, WEWELSBURG

Knarrend öffneten sich die Burgtüren für den Todesengel.

Zwei Nazi-Wachmänner zerrten an den Leinen ihrer knurrenden Dobermänner und traten zurück. »Guten Abend, mein Herr.«

Mit einem argwöhnischen Blick auf die Hunde und einer an sein Handgelenk geketteten Aktentasche betrat Manfred von Streicher die Burg. Die schweren Türen schlossen sich hinter ihm und sandten eine Abfolge jenseitig anmutender Echos durch die aus Stein errichtete Festung. Von Streicher schauderte.

Jetzt gibt es kein Zurück mehr.

Alleine stapfte er durch den Prunksaal teutonischer Ritter. Auf Podesten ragten zu beiden Seiten Wachen in Rüstungen mit Schwertern und Eisenspeeren auf. Von Streicher eilte an ihnen vorbei. Seine Stiefel polterten über den Steinboden. Seine Finger – an einem prangte der Totenkopfring – verkrampften sich um den Griff der Aktentasche. Die Handschellen schabten an seinem Gelenk. Der steife Kragen seiner schwarzen Uniformjacke schnürte ihm die Kehle zu. Mit kontrollierten Atemzügen bahnte er sich den Weg durch die gewundenen Gänge. Die schattigen Weiten der Burg ächzten, als fühlten sie sich durch seine Gegenwart gestört.

Das ist Wahnsinn, Manfred. Um Gottes willen, kehr um! Vernichte die Forschungsergebnisse.

Und dann was? Ich soll mich dem Reich widersetzen? Himmler würde mich bei lebendigem Leib häuten!

Von Streicher hielt vor einer gewaltigen Doppeltür inne. Stimmengemurmel drang von der anderen Seite herüber, dann brach Gelächter aus. Sie sind heute Abend in ausgelassener Stimmung. Ich hasse es, eine gute Feier zu verderben. Von Streicher wischte sich einige vom Wind zerzauste Haare aus dem Gesicht und öffnete die Türen.

Das Gelächter verstummte. Kelche und Besteck klirrten auf einem runden Tisch. Ein Dutzend schwarz gekleideter Offiziere richtete die arischen Augen auf den Boten an der Tür.

Von Streicher hob den Arm. »Heil Hitler!«

Auf der entfernten Seite des runden Tisches blickte Heinrich Himmler finster auf die Uhr. »SS-Hauptsturmführer, Sie haben drei Gänge verpasst.«

»Meine aufrichtige Entschuldigung, Reichsführer. Mein Flugzeug hatte in Norwegen Verspätung. Ein Unwetter …«

Himmler schwenkte wegwerfend die Hand. »Zeigen Sie uns die Entwürfe.«

»Sofort, Reichsführer.« Von Streicher stellte die Aktentasche auf dem Tisch ab, zog einen winzigen Schlüssel aus dem Zahnfleisch hervor und schloss die Tasche auf. »Meine Expedition nach Island hat uns zu einer bahnbrechenden Entdeckung geführt.« Er entnahm der Tasche einen Stapel Fotos und eine Akte.

Reichsleiter Alfred Rosenberg grinste über den Tisch. »Was ist es diesmal, von Streicher? Weitere nordische Höhlenmalereien?« Ein Kichern machte unter den Männern die Runde.

Von Streicher reichte die Fotos herum. »Tatsächlich, Herr Rosenberg, habe ich Ihre Forschung mit der meinen kombiniert.« Die Fotos wurden ringsum mit verdutzten Mienen aufgenommen.

Ein Lächeln breitete sich auf Himmlers Zügen aus. »Haben Sie das wirklich zum Funktionieren gebracht?«

»Unsere Tests an dem Prototyp haben sich als erfolgreich erwiesen.« Von Streicher nahm den dreizehnten Platz an dem runden Tisch ein, wo ihn ein Teller mit kalter Lammkeule und ein Kelch mit Rotwein erwarteten. Er schob den Teller beiseite und trank einen Schluck Wein.

Reichsleiter Rosenberg, der ein Foto in der Hand hielt, lachte nervös. »Aber das ist doch bloß eine Legende.«

Von Streicher lächelte. »Wie der Weltenbaum Yggdrasil entspringen Legenden aus einem Körnchen Wahrheit. Dieses Körnchen hat mein Team entdeckt. Jetzt können wir mit der Macht Odins den Baum herstellen.«

Himmler ergriff das Wort. »Nicht nur einen Baum, meine Herren, einen ganzen Wald. Wir beginnen unverzüglich mit der Massenproduktion.«

Von Streicher verschluckte sich an seinem Wein. »Bei allem Respekt, Reichsführer, wir stecken noch in den Anfangsphasen. Mein Team braucht mehr Zeit, um …«

»Keine weitere Forschung. Uns bleiben nur noch Wochen, bis die Alliierten und die Sowjets unsere Grenzen erreichen. Wir müssen jetzt zuschlagen – mit einem Blitzkrieg, der die Erde erschüttert.« Himmler reichte von Streicher eine Landkarte. »Packen Sie gar nicht erst aus. Sie werden die Operation von unserem neuen Stützpunkt aus beaufsichtigen.« Auf der Karte kennzeichnete ein rotes Rechteck einen Bereich in der Nähe der Grenze zwischen Deutschland und Belgien.

»Der Hürtgenwald?«

Grinsend hob Himmler seinen Kelch. »Sobald wir diese Waffen im Krieg zum Einsatz bringen, wird keine Armee mehr der Macht des Reichs standhalten können. Heil Hitler!« Die Mitglieder des Schwarzen Ordens taten es Himmler gleich und hoben ebenfalls die Kelche. »Heil Hitler!«

Von Streicher hielt seinen Wein mit zittriger Hand. Er blickte auf die Karte hinab … von den Eisfeldern des Himmels zu den Wäldern der grünen Hölle.

Der Todesengel kommt. Und ich bringe meine Dämonen mit.

KAPITEL 1

OKTOBER 1944
DER HÜRTGENWALD, DEUTSCHLAND

Grauer Nebel trieb über die vom Regen aufgeweichte Gefechtszone und verschmolz mit schwarzen Ranken, die aus dem schwelenden Dorf aufstiegen. Schüsse krachten. Kugeln sausten wie zornige Hornissen an Lieutenant Jack Chambers’ Ohren vorbei.

»Hier lang!«, brüllte er seinem Zug zu. »Bewegung, Bewegung, Bewegung!« Chambers preschte durch den Qualm und Nieselregen vorwärts. Er duckte sich hinter die Ruine eines Ziegelsteingebäudes und winkte seine Männer zu sich.

»Krauts!«, schrie ein Soldat.

»In Deckung!« Chambers zielte mit seiner Thompson-Maschinenpistole über die brusthohen Mauerreste.

Ra-ta-ta-ta-tat!

Ein Dutzend bewaffneter Umrisse von Deutschen kam aus den Gebäuden hervor.

Ra-ta-ta-ta-tat! Ra-ta-ta-ta-tat!

Ein Metallhagel prasselte auf seinen Zug ein und fällte mehrere Männer. Diejenigen, die es schafften, scharten sich um Chambers. »Sperrfeuer, alle Mann! Wachsam bleiben!« Sergeant Mahoney brüllte die Linie entlang: »Ihr habt den Mann gehört. Gebt ihnen volles Rohr!«

Der Zug feuerte über die brusthohe Mauer. Mehrere Schatten fielen zurück, doch weitere tauchten auf und nahmen ihre Plätze ein. Der Feind näherte sich auf fünfzig Meter. Ein Panzergeschoss zersprengte eine Mauer in der Nähe. Staub rieselte über den Zug und nistete sich knirschend in Chambers’ Mund ein. Die Männer feuerten wild in den Nebel.

Ra-ta-ta-ta-tat! Ra-ta-ta-ta-tat!

Chambers kauerte hinter der Mauer, den Rücken flach an den kalten Stein gepresst. Metallhornissen ließen Steinsplitter über seinen Helm hinwegspritzen.

Corporal Goldstein, der sich einen Rotkreuzhelm auf den Kopf drückte, robbte zu Chambers. »Haben wir einen Plan, Sir?«

»Sammelt die Verwundeten ein. Wir rücken ab.«

Goldstein rannte geduckt die Ziegelsteinmauer entlang.

Chambers betrachtete die trübe Nebelsuppe hinter ihnen.

Wohin jetzt, Jack? Denk nach! Er betrachtete seinen Zug. Geschundene, blutige Halbwüchsige, die ihn als ihren Heiland betrachteten. Kugeln pfiffen über die Mauer. Ein GI fiel mit einem roten Loch in der Stirn. Chambers starrte in die glasigen Augen des Jungen – blau wie ein Frühlingshimmel. Er presste die Lider des Gefallenen zu, um den gespenstischen Anblick jener leeren Augen auszusperren.

Artilleriegeschosse schwirrten durch das Dorf. Ein nur eine Straße entferntes Gebäude explodierte unter einem Geröllschauer. Sergeant Mahoney brüllte: »Sie kommen näher!«

Chambers schüttelte seine Benommenheit ab. »Granaten!« Mit den Zähnen zog er den Stift aus einer Metallananas und warf sie in hohem Bogen über die Mauer. »Deckung!« Metallsplitter prasselten gegen die Ziegelsteine. »Auf geht’s, Jungs. Bewegung, Bewegung, Bewegung.« Chambers führte den Trupp zwischen Geröllhaufen hindurch. Weiter vorne ragten die schwarzen Kiefern des Hürtgenwalds durch den Nebel auf.

Artilleriefeuer kreischte. Hinter ihnen ging eine Tankstelle in einer feuerschwangeren Explosion auf. Wild mit den Armen rudernde Körper wurden durch die Luft geschleudert. Ein Schwall sengender Hitze schlug Lieutenant Chambers flach auf den Bauch. Ein schweres Gewicht landete auf ihm.

Keuchend wischte er sich Schlamm und Kiefernnadeln aus dem Gesicht. Regen löschte die Flammen rings um ihn. Er versuchte, sich zu bewegen, aber ein toter Soldat drückte seinen Rumpf und seine Beine nieder. Neben ihm lag ein weiterer toter GI, dessen verkohltes Gesicht ihn mit einem heraushängenden Auge anstarrte. Chambers ließ den Blick über die Lichtung wandern und sah nur qualmende Leichen. »Mahoney … Buck …«

Großer Gott, sie sind alle tot!

Die Erde erbebte unter dem metallischen Gebrüll von Panzerketten.

Ein lodernder GI rannte vorbei und schwenkte in Flammen stehende Arme. Er schrie wie ein panisches Kind, bevor er von einer Maschinenpistolensalve umgemäht wurde.

Die Welt drehte sich wie bei einer verrückten Achterbahnfahrt. Benommen lag Chambers da, während der Nieselregen Ringe in die Schlammpfützen zauberte. Ich habe versagt. Weitere Verluste für Lieutenant Sensenmann.

Schemen griffen durch den Nebel an und feuerten mit Maschinenpistolen auf die Gefallenen. Die GIs zuckten, als ihre Glieder und Rümpfe vom Ansturm der Metallgeschosse durchgeschüttelt wurden. Kugeln ließen den Schlamm rings um Chambers aufspritzen. Grundgütiger! Er packte seine Maschinenpistole und robbte auf dem Bauch durch die Leichen. Beharkendes Feuer schlug in den Boden ein und folgte ihm dicht. Er rollte sich hinter einen Baum. Rinde und Kiefernzweige knackten. Schwer atmend wartete er, bis die Salve endete. Dann rannte er im Zickzack durch den Wald, preschte durch Mauern spitzer Kiefernnadeln. Der Lärm der Gefechtszone blieb immer weiter hinter ihm zurück.

Chambers stolperte, fiel auf ein Knie und stützte sich auf seine Waffe. Eisiger Regen durchnässte sein Gesicht. Blitze zuckten über den unruhigen, schwarzen Himmel. Er lehnte sich an einen Baum und stieß ein Seufzen der Erleichterung aus. Der Hürtgenwald glich einer triefenden, grünen Höhle, in der, abgesehen von vereinzelten, entfernten Schüssen, Stille herrschte. Der undurchdringliche graue Nebel beherrschte die Bäume. Chambers’ Hände zitterten. Sie sind alle tot. Nur ich bin übrig. Eine Mischung aus Schluchzen und irrem Gelächter stieg aus seinem Bauch auf. Er schüttelte den Kopf.

Sensenmann. Sensenmann. Sensenmann.

Chambers sah sich zwischen den schattenverhangenen Bäumen um.

Jungs, ihr solltet hoffen, dass ihr nicht in Lieutenant Sensenmanns Zug kommt. Wenn doch, Kameraden, seid ihr so gut wie tot. So gut wie tot.

»Nein, es war nicht meine Schuld.«

Chambers’ Gedanken rasten. Schuldgefühle verkrampften ihm die Eingeweide. Sollen diese Männer umsonst gestorben sein, Chambers? Es war die Stimme von Captain Murdock. Ich habe Sie nicht zu einem Drückeberger ausgebildet. Sie haben eine Mission zu erfüllen. Und jetzt setzen Sie Ihren Arsch in Bewegung! Chambers’ Züge verhärteten sich. Mit finsterer Miene schaute er zum Himmel empor. Eine endlose Gewitterwolke blitzte und wirbelte über ihm. »Was jetzt? Hä? Was, zum Henker, soll ich jetzt tun?«

Entferntes Geschrei hallte durch den Wald. »Lieutenant!«

Chambers verspürte einen Stich in der Brust. »Männer!« Suchend starrte er in den Nebel und versuchte, die Richtung des Gebrülls zu bestimmen.

»Sie kommen!«

Zu Chambers’ Rechter ertönten nicht weit entfernt die Laute rennender Füße und knackender Zweige hinter den Bäumen. Dann erfüllte ein neues Geräusch den Wald – ein Knurren, wild und hundeartig.

Chambers preschte über eine Anhöhe und folgte einem gewundenen, mit umgestürzten Baumstämmen und rutschigen Steinen übersäten Bach. Eiskaltes Wasser drang in seine Stiefel, als er watend gegen die kniehohe Strömung eilte.

Platschende Laute ertönten von der Biegung unmittelbar hinter ihm. Das Knurren wurde lauter.

Chambers rannte schneller. Er erklomm einen Hang und folgte einem Pfad zu einem schmiedeeisernen Zaun, über den sich Efeu rankte. Dahinter lag ein Friedhof. Er öffnete das Tor und lief zwischen Kreuzen und Grabsteinen hindurch.

Das Unwetter heulte durch den Hürtgenwald wie eine lebendige, tobende Kreatur. Es peitschte die Nadelbäume hin und her und fegte abgebrochene Zweige quer über den Friedhof. Regen prasselte in schrägem Winkel wie silbrige Luftschlangen im böigen Wind herab. Auf der Kuppe des Hügels ragten ein schartiges Dach und ein Glockenturm über die Kiefern auf. Blitze zerrissen den Himmel und erhellten eine gotische Kirche mit zerbrochenen Fenstern und Ziegelsteinen, die Kriegsnarben aufwiesen. Seine Soldaten riefen von irgendwo in der Nähe der Kirche. »Lieutenant!«Chambers ließ den Blick über die Grabsteine und Grüfte wandern, die den Hügel bis zur Kirche hinauf sprenkelten. »Mahoney! Buck! Goldstein!«

»Chambers!«

»Hier drüben!« Chambers watete durch den Matsch zwischen den Grabsteinen.

Mehrere Stimmen riefen mit einem röchelnden, nassen Gurgeln: »Sensenmann …«

Chambers erstarrte. »Wo seid ihr?«

»Hier unten, Lieutenant Sensenmann«, ertönte blubbernd eine Stimme aus dem Schlamm.

Etwas drückte gegen seine Stiefelsohle. Chambers sprang zurück. Die aufgeweichte Erde teilte sich. Ein Gesicht mit fahlen, verschleierten Augen, die an einen grauen Wintertag erinnerten, trieb an die Oberfläche. Matschige Finger kamen zum Vorschein. Eine weitere Hand spross aus dem Boden und packte von hinten seine Wade.

»Was zum …?« Er trat die Hand weg und stolperte rücklings in einen Garten von nach ihm greifenden Händen.

»Chambers …« Skelettartige Kreaturen in verrotteten Uniformen kämpften sich aus den Gräbern empor. »Sensenmann …« Sie krochen auf ihn zu, die knochigen Hände ausgestreckt.

Großer Gott!

»Du gehörst zu uns …«

Chambers taumelte und rutschte aus. Sie zerrten an seinen Beinen, zogen ihn hüfttief in ein Grab. Er hielt sich an einem Grabstein fest und kämpfte aus Leibeskräften darum, sich zu befreien. Die Toten überfluteten ihn regelrecht, zogen ihn tiefer in die Erde, bis der Schlamm über seine Oberschenkel, seinen Bauch und seine Brust aufstieg. Seine Hände schlossen sich um ein Kreuz. Verzweifelt setzte er sich gegen die Strömung des Todes zur Wehr.

Ra-tat-tat. Ra-tat-tat-tat-tat.

Schatten stürmten aus dem Nebel hervor. Kugeln ließen den Schlamm aufspritzen. Die fahlen Hände ließen Chambers los und sanken zurück in die Erde.

Deutsche Stiefel umgaben seinen halb vergrabenen Körper. Mit rasendem Herzen schaute er zu einer Einheit von Schattensoldaten auf. Blitze erhellten den Nebel hinter ihnen. Dunkelheit verhüllte ihre Gesichter.

Ein stämmiger Soldat kniete sich nieder und musterte Chambers mit Augen so kalt und schwarz wie tiefe, arktische Gewässer. Er schaute zu seinem deutschen Zug zurück. Die schwarz behelmten Köpfe nickten. Mit einem metallischen Zischen zog der stämmige Nazi ein Schwert und trieb die Klinge durch Chambers’ Herz …

* * *

Jack Chambers erwachte schweißgebadet.

Ruckartig setzte er sich auf und ließ den Blick suchend durch sein Schlafzimmer wandern. Die Überreste seines Albtraums bewegten sich noch rings um ihn, Vergangenheit und Gegenwart verschmolzen miteinander. Jack umklammerte die Bettlaken.

Draußen flüsterte der Wind: Sensenmann …

Die Toten sanken blubbernd zurück in den Schlamm.

Schatten des deutschen Feinds verblassten in der Düsternis der Vergangenheit. Der Nebel löste sich auf.

Bloß ein weiterer Albtraum, Jack. Mit dreiundachtzig bist du jetzt endgültig für die Klapsmühle fällig.

Ein stechender Schmerz zuckte durch seinen linken Arm, breitete sich wie ein Feuer über seine Schulter und durch die linke Brusthälfte aus. Jack krümmte sich vornüber und rang stöhnend nach Luft. »Eva …«

Seine Frau schaltete die Nachttischlampe ein. »Was ist, Jack?«

Colonel Jack Chambers presste sich eine Faust an die Brust. »Wähl den Notruf … mein Herz …«

TEIL 1

VERGRABENE GEHEIMNISSE

Der Krieg bringt das Beste und das Schlimmste in Menschen hervor. Mehrere Jahrzehnte sind seit dem Zweiten Weltkrieg vergangen, und ich versuche immer noch festzustellen, was er in mir hervorgebracht hat.

Colonel Jack Chambers
Kriegstagebuch

KAPITEL 2

Sean Chambers rannte von seinem Leihwagen zur Veranda des Hauses seiner Großeltern. Er betätigte die Klingel und spähte durch das Buntglasfenster der Tür – ein rotes, weißes und blaues Sternenmuster in einem Kreis. Goldie, der Golden Retriever seiner Großeltern, begrüßte ihn als Erster, indem er hinter einem der Foyerfenster bellte.

Sean ließ den Blick über den von der Sonne ausgedörrten Hof und welke Blumenbeete schweifen und wischte sich Schweiß von der Stirn. Die Sonne hatte ihren Höchststand erreicht, und die drückende Hitze klebte ihm das Hemd auf den Rücken.

Eine vertraute Gestalt zeichnete sich durch das Buntglas ab. Seans Herz schwoll an, als sich die Tür öffnete und eine bemerkenswerte, grauhaarige Frau eine Hand an die Brust hob. »O Sean, Gott sei Dank, du hast es geschafft.«

»Hallo, Oma.« Während er sie umarmte und auf die Wange küsste, umkreiste Goldie bellend ihre Beine. »Und wie geht es dir, altes Mädchen?« Sean kraulte die pelzigen Ohren des Hundes. Dann spähte er mit gerunzelter Stirn ins Wohnzimmer. »Ich bin gekommen, so schnell ich konnte. Wie geht es Opa?«

Seine Großmutter schlug nach zwei Fliegen, die in der Nähe der Tür umherschwirrten. »Ich fürchte, er erholt sich etwas langsam. Schwester Ruby sagt, sein Zustand ist stabil, aber du kennst ja deinen Großvater. Er ist ein störrischer Esel und weigert sich, das Bett zu hüten.«

»Also ist er wach?«

Seine Großmutter nickte, wodurch sich die Falten um die jugendlich braunen Augen vertieften. »O ja, er bastelt schon den ganzen Vormittag im Kriegszimmer herum. Komm erst mal aus der Hitze rein, mein Schatz. Ich wollte gerade Limonade machen.«

Sean ergriff seinen Koffer und war dankbar für den Schwall kühler Luft. Er folgte seiner Großmutter durch das mit texanischen Flaggen geschmückte und antiken Möbeln eingerichtete Wohnzimmer. Über einem Steinkamin hingen Hirschgeweihe. Großmutters Wasserfarbengemälde von Windmühlen, Langhornrindern und Gürteltieren zierten die Wände. Vorbei an einer gut ausgestatteten Küche, aus der es nach Obst und Kräutern roch, ging es zu einem abgeschiedenen Herrenzimmer, in dem zwei Stimmen über der eines Sportmoderators miteinander diskutierten.

»Sie haben keine Ahnung, Schwester Ruby, das ist alles, was ich zu sagen habe.« Colonel Jack Chambers saß in einem Rollstuhl vor einem Erkerfenster. Draußen schlugen zwei Golfer Bälle den Fairway hinab.

Eine füllige Krankenpflegerin mit toupierter Hochfrisur saß auf einer Couch und sah fern. »Und ich sage Ihnen, Colonel, dass niemand Tiger Woods das Wasser reichen kann.«

Seans Großvater grunzte. »Der wird überschätzt. Tiger mag momentan einen Lauf haben, aber das macht ihn noch nicht zum besten Golfer aller Zeiten. Harvey Penick, Byron Nelson – das sind Legenden.«

Die Krankenpflegerin legte auf dem Kaffeetisch eine Patience. »Ach, nun seien Sie mal nicht so altmodisch.«

Seans Großmutter klopfte an die Tür. »Zeit für einen Waffenstillstand. Liebling, du hast Besuch.«

Jack Chambers drehte sich im Rollstuhl herum, einen Pinsel in einer Hand, einen Miniatursoldaten in der anderen. Der einst muskulöse Körper des Colonels präsentierte sich ausgemergelt. Doch ungeachtet der abgehärmten Züge funkelte in Chambers’ grünen Augen nach wie vor Leben. »Wie geht’s, Sean?«

Sean zwang sich zu einem Lächeln, betrat das Zimmer und schüttelte seinem Großvater die zerbrechliche Hand. »Wie geht es dir, Großvater?«

»Tja, ich hab einen Reißverschluss in der Brust und mein Golfspiel geht den Bach runter. Abgesehen davon ist das Leben klasse.«

Die Krankenpflegerin mischte die Karten. »Colonel, das ist keine der Heilung förderliche Einstellung. Was habe ich Ihnen darüber gesagt, ein alter Miesepeter zu sein?«

Chambers knurrte. »Hören Sie, Ruby, ich habe der Armee vier Jahrzehnte gewidmet, damit ich meine goldenen Jahre damit verbringen kann, Golf zu spielen. Ich habe jedes Recht, ein alter Miesepeter zu sein.«

»Machen Sie nur so weiter, Colonel, und Sie bescheren sich einen weiteren Herzinfarkt.«

»Ruby, machen Sie sich rar, damit ich mich mit meinem Enkel unterhalten kann.«

Die Krankenpflegerin schaltete den Fernseher stumm. »Kommandieren Sie mich nicht wie einen Ihrer Soldaten herum. Sonst erhöhe ich Ihre Lebertrandosis.«

»Ich kann Sie immer noch durch eine Armeekrankenpflegerin austauschen lassen.«

»Mann o Mann, was haben wir heute wieder für eine Laune!« Ruby warf die Hände hoch und durchquerte schwerfällig das Zimmer. Sie stupste Sean in die Schulter. »Achten Sie darauf, dass der Colonel im Rollstuhl bleibt. Heute Morgen habe ich ihn auf dem hinteren Rasen beim Putten ertappt.«

»Ich werde nicht den ganzen Tag untätig rumsitzen. Und jetzt achten Sie drauf, dass die Tür auf dem Weg nach draußen auf ihr Hinterteil klatscht.«

Rubys Stimme verhallte zeternd den Flur hinab.

Sean lächelte. »Opa, ich glaube, du hast deinen Meister gefunden.«

»Sie ist ein echter Knaller.« Lächelnd schüttelte Jack Chambers den Kopf. Draußen fuhr ein Golfwagen vorbei und erregte seine Aufmerksamkeit.

Sean nahm neben dem Rollstuhl seines Großvaters Platz. »Denkst du, dass du dein Golfspiel wieder auf Vordermann bringen kannst?«

»Na ja, ich muss mich vielleicht von achtzehn auf neun Löcher einschränken, aber ich kann immer noch einen Schläger schwingen.« Chambers kicherte. »Wie geht es Meg und den Kindern?«

»Gut. Sie kommen dieses Wochenende her.«

»Schön. Ich kann’s kaum erwarten zu sehen, wie sehr Danny und Katie gewachsen sind. Wie lange ist es her? Zwei Jahre?«

Sean senkte den Blick. »Ja.«

»Tja, das ist zu lange. Oma und ich werden nicht jünger.« Sean rutschte unruhig auf seinem Sitz hin und her. Selbst in einem Rollstuhl gelang es seinem Großvater, mit dessen ehernem Blick zu bewirken, dass sich Sean wie ein Fünfjähriger fühlte. »Ich weiß. Wir waren mit dem Umzug ziemlich beschäftigt … Aber jetzt bin ich eine Weile in New Mexico stationiert, also können wir öfter zu Besuch kommen.«

Chambers nickte.

Sean sah sich im Zimmer um. An den Wänden hingen gerahmte Propagandaposter aus dem Zweiten Weltkrieg, Schwarz-Weiß-Aufnahmen von Soldaten, Medaillen und Aufnäher, außerdem ein Waffenschaukasten mit Gewehren und Pistolen aus mehreren Kriegen. Er ging zu einem großen Glasrahmen mit zwei Bronzesternen, drei Silbersternen, je einem Legion of Merit, Croix-de-Guerre und American Campaign Orden sowie sieben Purple Hearts. »Stammen die aus dem Zweiten Weltkrieg?«

»Ne, hauptsächlich aus Korea und Vietnam. Ich habe vor, sie zu verstauen.«

»Warum?«

»Es ist einfach Zeit für eine Veränderung.« Jack Chambers rollte sich zu seinem Hobbytisch am Erkerfenster. Er ergriff einen Miniatursoldaten und einen winzigen Pinsel, mit dem er ein rotes Kreuz auf den Helm malte. Hinter ihm erstreckte sich ein langer Tisch, der an die Luftaufnahme eines Waldes erinnerte und aus Modellbäumen, -steinen und -hügeln, Plastikbächen und kleinen, aus Geröll gefertigten Dörfern bestand. Den Wald füllten Hunderte Soldaten samt Panzern, Transportern und Artillerie. Einige Soldaten waren kunstfertig mit dem Grün der US-Army bemalt worden, andere mit dem Grau der Wehrmacht.

»Ist das eines der Gefechte, in dem du gekämpft hast?«

Jack Chambers blieb stumm und platzierte einige handbemalte Soldaten in dem Waldmodell.

»Tut mir leid, Sir, das geht mich nichts an.«

»Nein, es ist an der Zeit, dass du es erfährst, Sean. Das hier stellt den Hürtgenwald in Deutschland dar. Dort hat sich das blutigste Gefecht abgespielt, in dem ich je gekämpft habe. Schlimmer als Korea und Vietnam. Wir haben diesen Wald als ›Fleischwolf‹ bezeichnet, weil er Soldaten zu Tausenden verschlungen hat. Jeden Tag hat es geregnet, und der Nebel war so dicht, dass man den Feind nie sehen konnte.« Er deutete auf eine lange Reihe kleiner, weißer Pyramiden zwischen dem Wald und einigen Feldern. »Das waren die Drachenzähne. Sie bildeten die Siegfriedlinie zwischen Belgien und Deutschland. Anfangs kamen unsere Panzer nicht durch, deshalb bestritt unsere Infanterie die erste Angriffswelle. Es war der schlimmste Nahkampf, den ich je erlebt habe.«

»Erstaunlich, dass du ihn unversehrt überstanden hast.«

»Mein Zug hatte weniger Glück. Sean, schließ die Tür ab. Ich muss dich um einen besonderen Gefallen bitten.«

»Gern.«

Jack Chambers lenkte seinen Rollstuhl zu einem Schreibtisch, den er mit aller Kraft zu schieben versuchte. Sein kahler Schädel rötete sich vor Anstrengung. Der Tisch bewegte sich einige Zentimeter. Chambers grunzte frustriert.

Sean eilte ihm zu Hilfe. »Warte, lass mich mal.« Die Bohlen knarrten, als Sean den Tisch einen Meter die Wand entlang verschob. Im Holzboden kam ein quadratischer Ausschnitt zum Vorschein.

Jack Chambers fasste hinab und hob dessen Abdeckung auf. »Hol die Schatulle heraus.«

Sean griff in das Loch. Er schob die Finger durch Spinnweben und zog eine staubige Metallschatulle hervor. Fragend sah er seinen Großvater an.

Schwert atmend wischte sich Jack Chambers über die Stirn. »Die Kombination ist 797.«

Sean gab sie ein und öffnete den Deckel. Im Inneren befanden sich eine Karte von Deutschland und ein schwarzes, mit einem Lederriemen umwickeltes Tagebuch.«

Jack Chambers blickte seinen Enkel mit düsteren, umwölkten Augen an. »Die Karte zeigt, wo mein Zug in Deutschland begraben wurde. Das Tagebuch schildert, was ihnen wirklich widerfahren ist. Bring das zu General Briggs auf dem USArmy-Stützpunkt in Heidelberg.« Damit reichte er seinem Enkel ein Flugticket.

»Deutschland? Das verstehe ich nicht.«

»General Briggs schuldet mir einen Gefallen.« Chambers umklammerte das Handgelenk seines Enkels. »Es ist dringend. Ich setze großes Vertrauen in dich, mein Junge. Liefere das Tagebuch und die Karte einfach bei General Briggs ab.«

Sean starrte auf die beiden Gegenstände in seinen Händen. »Jawohl, Sir. Das werde ich.«

KAPITEL 3

Sechs Stunden nach Antritt des Fluges nach Frankfurt saß Sean Chambers in der ersten Klasse, trank ein Sprite und starrte auf den Klapptisch. Vor ihm lagen die geheimnisvollen Relikte aus der Vergangenheit seines Großvaters – ein Kriegstagebuch und eine laminierte Karte von Deutschland. Sean fuhr mit den Fingern über die abgewetzten Kanten des Buchs. Der Geruch von altem Leder verlockte ihn, die darin befindlichen Geschichten zu erkunden.

Er schob das Tagebuch weg. »Das geht mich nichts an.«

Sean setzte Kopfhörer auf und schloss die Augen. Vielleicht würde Mozart ihn in den Schlaf lullen. Seine Finger wanderten automatisch über den um das Tagebuch gewickelten Lederriemen, begannen, diesen zu lösen, dann hielten sie inne. Sean stieß den Atem aus, riss die Kopfhörer herunter, starrte erneut auf das Buch und rieb sich das Kinn.

Er faltete die laminierte Karte auf. Ein ›X‹ kennzeichnete eine Region in Westdeutschland nahe der belgischen Grenze. Auf die Rückseite der Karte hatte sein Großvater Katholischer Friedhof neben eine Adresse in Richelskaul gekritzelt.

Was könnte Opa geschrieben haben, dass eine so plötzliche Reise nach Deutschland rechtfertigt?

Sean hob das Tagebuch auf. Ein Schwarz-Weiß-Foto rutschte teilweise heraus. Er zog es hervor. Es zeigte einen Zug von sieben abgehärmten Soldaten. Ein paar trugen Helme, einige lächelten. Ein Mann hatte eine Zigarette zwischen den Lippen, ein anderer den Arm auf der Schulter eines Kumpels. Ein grinsender, zahnlückiger Soldat lag quer auf den Armen der Männer der vorderen Reihe, die ihn hielten. Lieutenant Jack Chambers stand mit stoischer Miene an einem Ende der Gruppe. In seiner Jugend war er ein gut aussehender Mann mit hellbraunem Haar und smaragdgrünen Augen gewesen. Im Vergleich zu einigen seiner Kameraden nahm sich Jack mit ein Meter zweiundachtzig mittelgroß aus und besaß eine schlanke, aber muskulöse Statur. Dennoch gebot allein sein durchdringender Blick Respekt und Bewunderung. Auf der Rückseite des Fotos stand: ›Die Glücklichen Sieben.‹

Sean legte das Bild zurück und starrte auf die zunehmend dunkleren Wolken vor seinem Fenster. Im Gedanken ging er durch, wie er General Briggs alles erklären sollte. Was habe ich eigentlich wirklich zu berichten? Alles, was Opa mir gegeben hat, sind ein Tagebuch und eine Karte samt einer Liste von Grabstätten. Aber was bedeutet das alles? Es geht mich, verdammt noch mal, nichts an.

Doch Seans Finger entwickelten einen eigenen Willen und machten sich erneut an dem Lederriemen zu schaffen. Er schlug das Tagebuch auf. Die Seiten waren steif und vergilbt wie altes Zeitungspapier. Wasserflecken prangten an den Rändern und sprenkelten die handgeschriebenen Worte seines Großvaters. Sean las einen Absatz.

Seit fast einem Monat kämpfen wir in diesem gottverdammten Wald. Die Grüne Hölle. Der Fleischwolf. Ich hasse allein seinen Anblick. Endlose Kiefernbäume. Brutales Gelände. Steile Hügel und zerklüftete Felsen säumen Deutschland wie eine riesige Mauer. Mein Zug und ich kundschaften Tag und Nacht und versuchen, Feindpositionen zu erfassen.

Sean blätterte die verwitterten Seiten um. Schuldgefühle beschlichen ihn, als er das geheime Leben überflog, von dem zu erzählen sich sein Großvater immer geweigert hatte. Was war das? Etwa in der Mitte des Buchs wechselte die Sprache von Englisch auf Hebräisch. Sean wusste, dass sein Familienstammbaum mit christlichen und jüdischen Linien durchkreuzt war. Seine Eltern hatten sich dafür entschieden, Sean eine Mischung beider Glaubensrichtungen zu lehren und ihn selbst eine Entscheidung treffen zu lassen. Wenngleich er noch immer nach dem richtigen Weg suchte, war er durchaus versiert in Bibelgeschichte, und als Junge hatte er gelernt, Hebräisch zu lesen. Allerdings gestaltete es sich dadurch nicht einfacher, das Tagebuch seines Großvaters zu lesen. Die Buchstaben waren hebräisch, aber der Text war völlig unentzifferbar.

Zwischen der Handschrift tauchten grobe Zeichnungen auf: ein stilisiertes Kreuz, der Davidstern, Runen und eine komplexe Skizze miteinander verbundener Kreise. Mittlerweile brannte Sean vor Neugier und blätterte in den hinteren Teil des Buchs. Als er gerade auf eine Zeichnung von skelettartigen Gestalten stieß, die auf einem Friedhof standen, tippte ihm eine Hand auf die Schulter. Sean zuckte zusammen. Ein älterer Mann mit gestutztem weißem Bart stand im Gang. »Entschuldigen Sie, junger Mann. Ich habe mich gefragt, ob ich vielleicht diesen Gangplatz haben könnte.« Er deutete mit einem Mahagonistock darauf. »Der Mann neben mir schnarcht wie eine Kettensäge.«

Sean verstaute das Tagebuch und die Karte.

Hinter dicken Brillengläsern kniffen sich hellbraune Augen zusammen, als der Mann lächelte. »Ah, danke. Ich werde allmählich zu alt für so lange Flüge.« Er brauchte einige Sekunden, um sich zu setzen, und stöhnte bei jeder Bewegung. »Mein Rücken ist nicht mehr, was er mal war.« Er rückte eine zerknitterte Jarmulke auf seinem Kopf zurück und schob die Brille auf dem Rücken seiner großen Nase hoch.

Das Flugzeug geriet in eine Turbulenz. Die Kabine wurde seitwärts durchgeschüttelt.

»Holla! Ich wünschte, wir würden dieses Chaos hinter uns lassen.« Der Mann drückte die Ruftaste für die Flugbegleiterinnen. »Entschuldigen Sie, Stacey, dürfte ich sie um eine weitere Bloody Mary bemühen?«

»Kein Problem, Rabbi.« Die Blondine lächelte Sean an. »Was ist mit Ihnen, Fliegerheld?«

»Danke, ich möchte nichts.«

»Wie wär’s mit Eiscreme? Ich habe auch Oreos

»Nein, danke.«

Sie zwinkerte Sean zu. »Tja, wenn Sie irgendetwas möchten, rufen Sie mich einfach.«

Der Rabbi beobachtete, wie die Stewardess den Gang hinabschlenderte. »Ich glaube, Sie hat mit Ihnen geflirtet. Muss an der Uniform liegen.«

»Möglich.« Sean setzte die Kopfhörer auf und tat so, als sähe er sich den gerade laufenden Film an.

Der Rabbi stupste ihn am Ellbogen. »Also, wenn ich in Ihrem Alter wäre, Sean, würde ich Sie zum Abendessen einladen.«

Sean hob die Hand und wackelte mit dem Finger, an dem sein goldener Ehering steckte.

»Ja, geht mir genauso.« Der Rabbi holte seine Brieftasche hervor und zeigte Sean ein Foto einer lächelnden, älteren Frau. »Wir haben unlängst unseren siebenundfünfzigsten Hochzeitstag gefeiert. Sechs Kinder, vierzehn Enkel …«

»Moment – woher kennen Sie meinen Namen?«

»Ich habe gehört, wie ihn die Stewardess gesagt hat.«

»Nein, hat sie nicht.«

»Oh, wie tollpatschig von mir.« Der alte Mann errötete.

»Ich wäre ein erbärmlicher Spion.« Er streckte Sean eine leberfleckige Hand entgegen. »Ich bin Rabbi Jacob Goldstein. Klingelt da etwas bei Ihnen?«

Sean ließ die Arme vor der Brust verschränkt.

Der Rabbi schüttelte den Kopf. »Was für ein alter Gauner.

Na ja, gut zu wissen, dass Ihr Großvater wenigstens ein Geheimnis bewahren kann.«

Sean setzte eine finstere Miene auf, als sich der alte Rabbi nach vorne auf seinen Stock stützte.

»Ich habe im Zweiten Weltkrieg in der Einheit Ihres Großvaters gedient. Er und ich sind in Kontakt geblieben. Ich weiß von dem Tagebuch. Haben Sie es schon gelesen?«

»Es steht mir nicht frei, darüber zu sprechen.« Sean schloss seine Aktentasche und verstaute sie unter dem Sitz.

Mit den Händen über dem Messinggriff seines Stocks senkte Goldstein den Blick. »Ich war dabei.« Goldsteins durch die Brille vergrößerte Augen wurden glasig. »Vor über fünfzig Jahren wurden Jack und ich Zeugen eines unaussprechlichen Grauens. Wir schlossen einen Pakt, das Geheimnis mit ins Grab zu nehmen. Als er mir erzählte, dass er den Zwischenfall in seinem Tagebuch festgehalten hat, da …« Er schürzte die Lippen. »Sean, Sie dürfen der Armee dieses Tagebuch nicht geben.«

Sean sah aus dem Fenster.

Der alte Mann seufzte. »Wie kann ich es Ihnen nur begreiflich machen?«

»Was begreiflich machen?«

»In dem Tagebuch geht es um mehr als ein paar vermisste Soldaten. Glauben Sie an das Übernatürliche, Sean? Glauben Sie, dass es auf der Erde eine spirituelle Präsenz gibt?«

Sean kniff die Augenbrauen zusammen. »Worauf wollen Sie hinaus, Rabbi?«

Goldstein blickte auf seine betagten Hände hinab. »Was vergraben ist, sollte vergraben bleiben. Händigen Sie mir das Tagebuch einfach aus. Für alles Weitere trage ich Sorge. Sagen Sie Ihrem Großvater, Sie haben sich darum gekümmert. Dann können wir alle unsere glücklichen Leben weiterführen.«

Sean presste die Füße gegen die Aktentasche.

Goldstein verkrampfte die Kiefermuskeln und starrte nachdenklich auf den Sitz vor sich, bevor er sich mit geweiteten Pupillen wieder Sean zudrehte. »Ihr Großvater denkt nicht klar. Wenn Sie dieses Tagebuch General Briggs geben … wird das eine militärische Untersuchung heraufbeschwören. Wissen Sie, was das für Ihre Familie bedeutet? Sie lieben Meg doch, oder nicht? Und Danny und Katie? Warum wollen Sie das riskieren?« Mit zitternden Wangen wandte er sich ab.

Eine Gänsehaut überzog Seans Arme. »Lassen Sie meine Familie aus dem Spiel.«

Goldsteins zerfurchtes Gesicht lief rot an. »Ich versuche, Ihre Familie zu schützen

Sean blickte dem weißbärtigen Mann direkt in die Augen. »Rabbi, es ist an der Zeit, dass Sie auf Ihren Sitz zurückkehren.«

»Sie sind wahrlich Jack Chambers’ Enkel.« Er stand auf und klopfte mit seinem Stock auf den Kabinenboden. »Ich bete dafür, dass Sie noch vor der Landung zur Vernunft kommen und es sich anders überlegen.«

Die Flugbegleiterin kam mit Goldsteins Drink. »Bitte sehr, Rabbi.«

Goldstein stapfte den Gang hinab davon. Die Stewardess sah Sean verdutzt an. Er starrte vor Wut schäumend aus dem Fenster in den pechschwarzen Nachthimmel.

KAPITEL 4

Im Gepäckausgabebereich des Frankfurter Flughafens wimmelte es vor Passagieren. Sean stand an einem Münztelefon und hielt sich eine Hand über ein Ohr, um den Lärm der Menschenmenge auszusperren, während er über das statische Rauschen der Verbindung versuchte, der Stimme seines Großvaters zu lauschen. »Tu einfach, worum ich dich gebeten habe. Liefere das Buch bei General Briggs ab.«

Sean verspürte einen Blick im Rücken. Er drehte sich um und sah Rabbi Goldstein, der sich auf der gegenüberliegenden Seite des Gepäckausgabeförderbands auf seinen Stock stützte und ihn anstarrte.

Sean wandte sich ab. »Ist Goldstein gefährlich?«

»Ich dachte, ich könnte ihm vertrauen, aber anscheinend ist er unberechenbar. Sei einfach vorsichtig und lass nicht zu, dass ihm das Tagebuch in die Hände fällt.«

»Du hast mein Wort darauf, Opa.« Mit festem Griff um die Aktentasche suchte Sean die Menge nach dem alten Rabbi ab, doch Goldstein war verschwunden.

* * *

Sean begab sich geradewegs zur Bahnstation und erwarb eine Fahrkarte nach Heidelberg. Laut seiner Karte lag die kleine Stadt etwa eine Stunde Bahnfahrt südwestlich von Frankfurt.

Nur noch eine kurze Reise, dann eine heiße Dusche und ein Bett.

Er traf ein paar Minuten vor dem Zug am Bahnsteig ein, setzte sich auf eine Bank und genoss einen der Schokoladenkuchen seiner Großmutter. Er beobachtete einige Rucksacktouristen beiderlei Geschlechts, die nicht älter als zwanzig sein konnten und über einer Karte brüteten. Sie lachten und unterhielten sich auf Holländisch miteinander.

Sean klopfte mit dem Fuß und lehnte sich auf der Bank zurück. Plötzlich erzitterte der Sitz unter dem Gewicht von jemandem, der neben ihm Platz nahm.

»Wie ich sehe, haben Sie immer noch vor, die Sache durchzuziehen.« Rabbi Goldstein füllte die Bank neben ihm aus.

»Tut mir leid wegen meiner ungehaltenen Reaktion vorher. Ich hatte nicht vor, die Beherrschung zu verlieren.«

»Schon gut. Und jetzt entschuldigen Sie mich bitte.« Sean ergriff sein Gepäck und ging zum Ende des Bahnsteigs.

Goldstein folgte ihm und kratzte sich am Bart. »Ich glaube, Ihnen ist nicht bewusst, was Ihr Großvater von Ihnen verlangt. Diese Geheimnisse der Armee preiszugeben, wird schwerwiegende Konsequenzen haben.« Er strich seinen langen, grauen Regenmantel glatt.

Verbirgt er darunter eine Pistole? Sean wappnete sich. »Sir, bei allem gehörigen Respekt, ich weiß nicht …«

»Wenn die Armee dieses Tagebuch in die Hände bekommt, wird sie auf Beweise stoßen, die ihren Großvater belasten könnten«, flüsterte Goldstein.

Der Zug fuhr in den Bahnstein ein und kam kreischend vor ihnen zum Stehen. »Ich muss los.«

Auf seinen Stock gestützt, hielt Goldstein mit ihm Schritt. »Hören Sie zu, Sean. Sie möchten bestimmt nicht sehen, was ich gesehen habe. Ich flehe Sie an, verbrennen Sie das Buch. Sie können Ihrem Großvater ja sagen, dass die Armee es hat. Jack wird es nie erfahren. Er will diese Welt bloß in dem Glauben verlassen, das Richtige getan zu haben.«

Sean verkrampfte die Kiefermuskeln. »Ich werde meinen Großvater nicht belügen.«

Goldstein klopfte mit seinem Stock auf den Zementboden. »Ehren Sie einfach den Pakt zwischen zwei Soldaten. Sorgen Sie dafür, dass die Armee dieses Buch nicht in die Finger bekommt. Ich habe einen Holocaust miterlebt, und so wahr mir Gott helfe, ich werde tun, was immer nötig ist, um einen weiteren zu verhindern.«

Sean starrte ihn finster an.

Goldstein schüttelte den ergrauten Kopf. »Was, wenn ich Ihnen sage, dass die Ausgrabung einiger toter Soldaten zu weiteren Toten in der Zukunft führen könnte? Vertrauen Sie mir. Manche Gebeine sollten besser begraben bleiben.«

»Ich muss den Zug erwischen. Wenn Sie sich mir noch einmal nähern, lasse ich Sie verhaften.« Damit stieg Sean ein und suchte sich einen Fensterplatz. Der alte Rabbi blieb am Bahnsteig zurück. Sein Blick schien ein Loch in die Glasscheibe zu brennen. Langsam rollte der Zug aus der Station. Als Sean seinen Schokoladenkuchen zu Ende essen wollte, stellte er fest, dass er den Appetit verloren hatte.

* * *

Als Sean am Bahnhof in Heidelberg eintraf, herrschte ein frischer, aber sonniger Morgen, und das leise Geläut von Kirchenglocken ertönte. Er warf sein Gepäck auf den Rücksitz eines Taxis. »Hotel Tannhauser, bitte.«

Während das Taxi über kopfsteingepflasterte, von kunstvoller Barockarchitektur gesäumten Straßen rollte, lehnte sich Sean auf dem Sitz zurück. Bunte Blumen zierten Mansardenfenster. Üppige, bewaldete Hügel umgaben die alte Stadt. Das Taxi passierte Marktplätze mit Straßencafés und ein halbes Dutzend mittelalterlicher Kirchen. Aus ihren Türmen erscholl eine Symphonie widerhallender Glocken. Heidelberg schien ihm ein magischer Ort zu sein.

Das Taxi gelangte zu einer verkehrsreichen Innenstadtkreuzung vor dem Hotel Tannhauser. »Da drüben ist die Hauptstraße.« Der Fahrer deutete auf eine Fußgängerpassage mit Einheimischen, Touristen und Trampern. »Das ist auch die größte Einkaufsstraße in Heidelberg. Dort finden Sie reich lich Geschäfte, in denen Sie Souvenirs kaufen können. Außerdem eine Menge Lokale, wo Sie Bratwurst essen und das beste deutsche Bier im Neckartal trinken können. Ich wünsche einen schönen Aufenthalt.«

»Danke.« Sean bezahlte den Fahrer und stieg aus.

Das Ambiente des Hotels bot eine Mischung aus Art déco und klassischen Elementen, die das dramatische Flair der Theaterwelt vermitteln sollte. Mit seinem Zimmerschlüssel in der Hand trug Sean sein Gepäck eine gewundene Treppe hinauf und kam auf einem der Absätze an der weißen Statue einer nackten Frau vorbei. Er betrat ein mit erlesenen, alten Möbeln eingerichtetes Zimmer mit roten Teppichen auf dem Holzboden. Sean verriegelte die Tür, stellte sein Gepäck ab und ließ sich auf das Bett plumpsen. Er kämpfte gegen die Schläfrigkeit an, um zu Hause anzurufen.