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Michael Laimo

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Aus dem Englischen von

Michael Krug

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DANKSAGUNG

Dieses Buch ist meinen Eltern gewidmet, Stellario und Josephine Laimo.

* * *

All meine Liebe gilt meiner Familie und meinen Freunden.

Ein Dankesruf an alle, die je eines meiner Bücher gekauft oder gelesen haben – ich weiß die Unterstützung, die Ihr mir im Laufe der Jahre gewährt habt, aufrichtig zu schätzen.

An alle, die über MySpace mit mir befreundet sind und mich unterstützen – Ihr habt echt etwas bewirkt.

An meine lieben Freunde Brian Keene, Gord Rollo und J. F. Gonzalez – durch Euch wird die harte Arbeit spaßig und interessant.

Ein besonderer Dank ergeht an Monsignore Thomas Sandi, der mir beim Verfassen dieses Buchs mit unschätzbaren Rückmeldungen zur Seite gestanden hat. Ich hoffe, ich habe alles richtig verarbeitet. Oh, und Sie dürfen es nicht lesen. Ich kann immer noch nicht glauben, dass Sie The Demonologist gelesen haben.

PROLOG

An der Upper East Side Manhattans im Jahr 1892 herrschte zunehmendes Zwielicht.

Der Oktobersonnenuntergang warf rubinrote Strahlen über Schweinefarmen und unbestelltes Land. Kleine Gruppen von Hütten um den Central Park trotzten den kalten Oktoberwinden. Die Bewohner, zu arm, um sich Unterkünfte im Gebiet der dicht besiedelten Innenstadt zu leisten, froren und beteten um bessere Tage.

Zwanzig Häuserblocks südlich und etwas östlich ließen sich glücklichere Seelen in den neuen Sandsteinhäusern nieder, die neben älteren Holzgebäuden errichtet worden waren.

Vereinzelte Gaslampen säumten den Gehsteig und warfen trübe Lichtkegel auf die Wege. Pferdekutschen holperten über heubedeckte Straßen. Menschen liefen stumm vor sich hin, die Männer in langen Anzügen und mit Melonen, die Frauen in Kleidern und mit hauchdünnen Schleiern. Die Luft stank nach Kohlenrauch und Pferdedung.

Hierher waren fast hundert Männer aus den armseligen Hütten am Central Park gezogen und hatten sich auf einem kleinen Landstrich niedergelassen, wo sie endlose Tage und Nächte daran arbeiteten, die Kirche ihrer Hoffnungen und Träume zu errichten.

Schicht um Schicht, Ziegel um Ziegel bauten sie das Grundgerippe auf. Draußen, jenseits der Mauern, die ihnen Sicherheit boten, übernahmen Kinder kleinere Arbeiten als Gegenleistung für Obst und Wasser. Die Frauen woben Wandteppiche, die bald die Wände der Kirche zieren sollten.

Drei Meilen entfernt standen in der Hafengegend zwei Männer, die noch vor wenigen Stunden im neu errichteten Pfarrhaus geschuftet hatten, am Rand eines Ziegelsteinlagerhauses, das sich bis zum Kai hinab erstreckte.

Östlich des Piers befanden sich die Seemannsunterkünfte. Westlich schien aus Rum- und Matrosenkneipen grellrotes Licht auf die nebligen Straßen. Viele der Gebäude hier wiesen neugotische Züge mit Kranzgesimsen und gewölbten Balken auf.

Das Schiff, das die beiden Männer finden sollten, befand sich vor ihnen und unterschied sich gar nicht so sehr von dem Lagerhaus, in das es seine Fracht abgeladen hatte. Ein Lagerarbeiter tauchte auf, dessen Bart so unbezähmbar wirkte wie die Ratten, die über die Docks huschten.

Er nickte den beiden Männern zu.

Sie sahen über der Tür ein Holzschild mit schwarzen Buchstaben – Pier 13 – und folgten dem Arbeiter hinein.

Zwei Glühbirnen in Metallgehäusen erhellten den Eingang und warfen einen schwachen Schein auf den Holzboden. Die beiden Männer folgten ihrem bärtigen Führer einen staubigen Korridor entlang, gesäumt von schmutzigen Fenstern, die auf eine Gasse hinauswiesen. Der Korridor verlief zu einem kleinen Raum, leer – bis auf eine Kiste aus Obstbaumholz mit Seilgriffen an den Seiten.

Die beiden Männer gingen zu der Kiste und betrachteten die in die Oberfläche eingeritzten lateinischen Worte: Castigo laudible, corpus meum

Der Bärtige reichte ihnen eine Ladungsliste und forderte sie auf, diese zu unterzeichnen. Obwohl der Monsignore ihnen gesagt hatte, die Lieferung stamme aus Italien – ein Geschenk vom Papst höchstpersönlich –, stand in der Ladungsliste: Herkunft unbekannt.

Sie hinterfragten die Richtigkeit des Schriftstückes.

Der Bärtige forderte sie auf, die Kiste zu berühren.

Sie taten es, und binnen Sekunden war ihnen klar, dass die Fracht in der Tat für sie – für ihre Kirche – bestimmt war. Verblüfft starrten die Männer einander an, während ihre Hände noch ob der Wärme kribbelten, die von dem polierten Holz ausging.

Der Bärtige gab einem der Männer ein versiegeltes Dokument für den Monsignore. Es verschwand in der Tasche des Mannes. Der Monsignore hatte gesagt, es würde bei der nächsten Messe verlesen, bevor das Geschenk – die Kiste – der Gemeinde überantwortet würde.

Jeder der Männer packte einen der Seilgriffe, und sie kehrten zurück auf das Pier.

Gemessenen Schrittes passierten sie eine Vielzahl von Läden, mittlerweile geschlossen, da die Sonne bereits hinter dem Fluss unterging.

Sie schwenkten nach Norden und hielten auf die Wohnviertel zu, wo Köpfe mit Melonen und offene Pferdekutschen das Bild der Straßen beherrschten. Handkarren wurden – angreifenden Bullen gleich – mitten auf der Straße entlanggeschoben. Marktschreier säumten die schmalen Gehwege und verkauften ihre Waren, von Pfannen bis hin zu Äpfeln.

Die beiden Männer hielten die Seilgriffe fest umklammert. Irgendwie verlieh ihnen die Wärme aus dem Inneren der Kiste die Kraft und Ausdauer, den Weg unbeeinträchtigt von Erschöpfung fortzusetzen. Die Blicke hielten sie geradeaus gerichtet, ihre Gedanken galten allein dem Transport des Geschenks zu ihrer Kirche.

Sie bogen um eine Ecke. Die erhöhte Zugplattform ragte über ihnen auf. Dunkles Öl und schmierige Asche besudelten die Unterseite. Der Zug schien auf ihre Ankunft zu warten. Schwarzer Rauch kräuselte sich aus seinem Schlot und verdunkelte die abendliche Luft.

Die Männer beschleunigten die Schritte und erklommen die Stufen hinauf zum Bahnsteig, wo sie den Fahrtpreis von zwei Cent bezahlten und den Zug bestiegen. Sekunden später schlossen sich die Türen, die Räder kreischten, und sie rollten in Richtung der oberen Gefilde der Stadt.

Rings um sie plauderten Passagiere in Gruppen. Zweifellos fragten sie sich, wer die beiden schäbig gekleideten Männer waren, und weshalb sie eine so fein wirkende Kiste bei sich hatten.

An der 24. Straße stiegen sie aus und wechselten in eine Straßenbahn, die sie zur 76. Straße brachte, drei Häuserblocks von ihrer Kirche entfernt.

Erstaunlicherweise bewältigten sie den Rest des Weges mit mehr Kraft und Elan, als sie je zuvor verspürt hatten. Das Blut strömte entfesselt durch ihre Adern, ihre Herzen hatten Mühe, damit Schritt zu halten. Eine Woge unverhoffter Glücksgefühle schwappte über sie hinweg. Beiden wurde klar, dass es sich bei der Kiste und deren Inhalt tatsächlich um ein erhebendes Geschenk Gottes handelte, das es ihrer Kirche in den kommenden Jahren ermöglichen würde, zu blühen und zu gedeihen.

Nachdem sie das Gotteshaus betreten hatten, marschierten sie den Mittelgang hinab. Den Sperrholzboden sollte schon bald eine Marmorspende von einem Fabrikbesitzer aus der Gegend ersetzen. Die Männer näherten sich dem Altar, wo der Monsignore betete.

Er lächelte, als er sie erblickte. »Bringt das Geschenk ins Pfarrhaus.«

Der Mann mit dem versiegelten Dokument reichte es dem Priester, und sie begaben sich mit der Kiste ins Pfarrhaus.

Dort hatten sich alle versammelt – viele der Männer, von denen die Kirche gebaut worden war, die Frauen, die sämtliehe Wände ausgemalt und die Kinder, die Besorgungsgänge erledigt hatten. Rund fünfzig Leute, vielleicht mehr, standen um eine Grube, die tief in die Erde gegraben worden war.

Die Männer trugen die Kiste an den Rand des Lochs und stellten sie vor den dort wartenden Priestern ab. Kurz darauf trat der Monsignore ein und gesellte sich zu den anderen Geistlichen. Er öffnete das versiegelte Dokument und begann, den in Latein verfassten Inhalt zu verlesen.

Eine Minute später, als er damit fertig war, sagte er: »Uns wurde ein Geschenk von großer Bedeutung überlassen. Wir werden es schützen, und im Gegenzug wird es unserer Kirche gehörige Kraft verleihen. Der Inhalt der Kiste darf nie offenbart werden. Sie wird unter unserer Kirche vergraben bleiben, so lange diese besteht.«

Der Monsignore ging zu den Männern, die das Geschenk vom Hafen geholt hatten. »Spürt ihr ihre Kraft, ihre Macht?«

Die beiden Angesprochenen nickten.

»So sollen denn alle, die heute hier sind, von der heiligen Macht profitieren.«

Unter dem wachsamen Geleit des Monsignores berührte jeder Mann, jede Frau und jedes Kind nacheinander die Kiste. Alle konnten ihre Wärme, das Geschenk ihrer Macht spüren. Alle, die sich wieder davon entfernten, starrten auf ihre gefalteten Hände und waren sich der Kraft und des Mutes bewusst, die ihnen gewährt worden waren.

Nachdem alle an der Reihe gewesen waren, stimmte der Monsignore mit der Gemeinde ein Gebet an. Anschließend wies er eine Gruppe von Männern an, die Kiste in die Grube zu senken. Mehrere Männer sprangen in das Loch, während zwei weitere die Seilgriffe packten und die Kiste über den Rand hoben.

Einer der beiden verlor den Halt und fiel in das Loch. Der andere gab sich alle Mühe, die Kiste festzuhalten, doch sie rutschte aus seinem Griff, stürzte über den Rand, polterte in die Tiefe und landete mit einem lauten Krachen auf dem Boden. Der Deckel brach auf, und der Inhalt der Kiste kullerte heraus.

48 Stunden später

Der Junge, der vor einer Woche zwölf Jahre alt geworden war, folgte seiner Mutter durch einen dunklen Gang.

Beide weinten.

Sie eilten in einen kleinen Kellerraum, der an eine Zelle erinnerte. In der Mitte standen ein Holztisch und ein Stuhl auf dem fahlen Steinboden. Zwei brennende Kerzen auf dem Tisch warfen flackerndes Licht auf ihre verängstigten Gesichter. Die Frau setzte ihren Sohn auf den Stuhl und kniete sich vor ihn.

Sie schluckte schwer, bevor sie ihn in gehetztem Flüsterton fragte: »Siehst du, was passiert? Was mit dem Rest der Welt passieren wird, wenn du nicht tust,was ich verlange?«

Zitternd nickte der Junge.

Die Frau fasste in das Oberteil ihres Kleids und holte eine Kette mit großen Holzperlen hervor. Die Perlen wurden von verschiedenen winzigen, sternförmigen Anhängern sowie einem etwa sieben Zentimeter langen Kruzifix unterteilt, das wie Christbaumschmuck an der Kette baumelte, und hielt sie dem Jungen hin.

»Was ist das?«, fragte er.

Sie drückte ihm die Kette in die Hand und schloss seine Finger darum. »Es könnte das sein, wonach die Menschen bereits seit Hunderten Jahren suchen. Der Heilige Gral, der wahre Name Gottes. Schon viele haben ihr Leben dafür geopfert. Dies ist die Schöpfung allen Lebens. Jetzt liegt es an dir, es an seinen rechtmäßigen Platz zurückzubringen.«

Der Junge schüttelte vehement den Kopf. Panik verzerrte seine schmutzigen Züge. »Ich … ich kann nicht.« Er sah die Hand seiner Mutter an und betrachtete einen roten Ring von Narben an ihrem Finger, die geschwollen und blutig im goldenen Kerzenlicht schimmerten.

»Du musst!«, beharrte sie mit Tränen in den Augen, ließ seine Hand los und berührte den glitzernden Narbenring an ihrem Finger. »Siehst du das?«

Er nickte.

»Du bist sein Sohn. Du bist der ohne Sünde.«

Er wusste, dass diese Narben für ihre Ehe mit Christus standen, und starrte auf den groben Rosenkranz in seiner Hand. Unter den Perlen zeichneten sich tiefrote Flecken auf der Handfläche ab.

Bald würden auch sie zu bluten beginnen.

Sie stand auf. »Du hast gesehen, was das Böse mit den Menschen anrichtet. Du musst die Güte in deinen Händen nutzen, um dem Bösen Einhalt zu gebieten und es wieder dorthin verbannen, wo es hingehört.«

Ungläubig schaute er zu ihr auf. Ich bin der ohne Sünde … Ich bin Christus’ Sohn. »Warum hast du mir das nicht früher erzählt?«

»Wenn ich gewusst hätte, dass es soweit kommt …«

Die Tür des Raums flog auf, und einer der Erbauer der Kirche erschien.

Das Böse hatte ihn in den Klauen.

Mit nackter Brust stand der Mann auf der Schwelle, Blut verschmierte seinen Körper und sein Gesicht. Seine Kopfhaut hing in Fetzen vom Schädel. Weißer Knochen schimmerte darunter hervor. Seine Augen waren nach oben gerollt.

In seiner Hand prangte ein Schwert aus der Bürgerkriegszeit, von dessen Klinge Blut tropfte.

Er betrat den Raum.

Die Frau stellte sich vor ihren Sohn, um ihn vor dem Besessenen zu beschützen.

Der Mann hob das Schwert … und griff an.

»Lauf! Jetzt!«, brüllte die Frau und stieß ihren Sohn mit einem Arm hinter dem Rücken in Bewegung.

Der Junge kreischte, verbarg den Rosenkranz in der Tasche, stolperte um den Tisch und an dem Mann vorbei. Dabei versuchte er, seine Mutter nicht anzusehen … aber er war außerstande, den Blick zu lösen, als die Klinge in ihre Schulter hackte.

Der Mann riss das Schwert heraus; Blut spritzte aus der Wunde. Er hob die Waffe erneut an …

Der Junge flüchtete aus dem Zimmer. Hinter sich hörte er das schwere Grunzen des Mannes, das Geräusch der Klinge, die durch Fleisch und Knochen hieb, die qualvollen Todesschreie seiner Mutter.

Weinend raste er durch die dunklen Gänge und gelangte in die Kirche, die mittlerweile fast fertig gestellt, aber völlig menschenleer war – ein Anblick, den er nie für möglich gehalten hatte. Fünf Jahre Arbeit, und niemand war hier, um die himmlischen Freuden der heiligen Stätte zu genießen. Er durchquerte den Altarraum und lief in den Flur zum Pfarrhaus.

Leise eilte er durch den dunklen Korridor. Am Eingang zum Pfarrhaus hielt er inne und lauschte. Über das Geräusch seines Atems vernahmen seine Ohren die Laute der Folterungen, die aus dem Versammlungsraum drangen – das Stöhnen und das Gebrüll der Opfer des Bösen, das kehlige Gelächter derer, die sich in seiner Gewalt befanden.

Der Junge umklammerte den Rosenkranz. Er war warm und bewegte sich leicht, wie eine Schlange. Als er hinabblickte, sah er Blut an seinen Händen, das aus einer gezackten Wunde in der Mitte jeder Handfläche hervortrat.

Stigmata

Schaudernd betrat er das Pfarrhaus und wusste nun mit Sicherheit, dass er als Einziger in der Lage war, die Leben derer zu retten, die noch nicht tot waren.

Ich bin der ohne Sünde

Er folgte dem Flur zum Versammlungsraum und hörte die Schreie, die aus dem Inneren hallten.

In seinem Geist ertönte die Stimme seiner Mutter. Der Rosenkranz wird dich beschützen. Hör auf seine Worte und erfülle deinen Teil, um das Böse zu Fall zu bringen, das der Menschheit das Ende aller Tage verspricht

Er dachte zurück an den Augenblick, in dem die Kiste am Boden der Grube aufbrach. Ein Geräusch wie das eines heftigen Windstoßes war herausgedrungen, dann erhob sich aus der Kiste ein schwarzer Kelch in die Luft und verharrte an einer Stelle über dem Rand des Lochs.

Alle Anwesenden waren auf die Knie gesunken und hatten – angesichts des Wunders vor ihren Augen – gebetet.

Aber nicht seine Mutter. Sie hatte etwas anderes aus der Kiste fallen gesehen, und während alle Augen auf den schwebenden Kelch geheftet waren, kletterte sie in die Grube hinab und holte den Rosenkranz. Sie hatte ihn ergriffen und zum ersten Mal bemerkt, was sie ihr gesamtes jungfräuliches Leben lang erwartet hatte: den Ring von rubinroten Narben um ihren Finger.

Schaudernd hatte sie begriffen, dass sie diese unglaubliche Entdeckung allein ihrem Sohn preisgeben durfte, denn er war derjenige – der ohne Sünde –, der dazu bestimmt war, den Rosenkranz für seinen wahren Zweck zu verwenden.

Der Junge betrat den Raum.

Und erblickte den Kelch.

Wie zuvor schwebte er über der Mitte der Grube, schwarz und glänzend, überzogen mit Blut und Feuer. Darunter spielte sich eine Szene geradewegs aus der Hölle ab: Die Erbauer der Kirche standen am Rand des Lochs, durchtränkt mit dem Blut derer, die sie geopfert hatten – ihrer Frauen, Söhne und Töchter.

In den Händen hielten sie die Werkzeuge, mit denen sie die Kirche errichtet hatten – die Waffen, mit denen sie ihre unschuldigen Familien abgeschlachtet hatten.

Stück für Stück, Glied für abgetrenntes Glied fütterten die Arbeiter die Grube mit ihren Opfern. Aus den Tiefen des Lochs wölbten sich dünne Blutstrahlen empor und ergossen sich in den Kelch, in dem tosend Feuer und Wind wüteten und die Ohren des Jungen quälten.

Die Arbeiter drehten sich um und sahen ihn an. Ihre Augen waren nach oben gerollt, ihre Gesichter glichen blutigen Masken.

Der Junge streckte den Rosenkranz vor sich.

Die Männer zuckten zusammen und brüllten. Dann stieg aus den Eingeweiden der Grube eine abscheuliche Bestie auf, eine Kreatur aus Blut, Schlamm und den abgetrennten Körperteilen der Abgeschlachteten. Der Schädel, der aus den Köpfen der jüngst Enthaupteten bestand, baumelte auf einem ineinandergeschlungenen Bündel von Rückgraten. Die Münder der menschlichen Köpfe schrien wie aus einer Kehle.

Die Arbeiter flüchteten mit seltsamen, ruckartigen Bewegungen in die Winkel des Raums. Diejenigen, die noch nicht geopfert worden waren, und jene, von denen die Bestie nicht Besitz ergriffen hatte, kreischten hysterisch und huschten durch Pfützen aus Blut und Knorpel davon.

Die Bestie brüllte – vor Enttäuschung, vor Erwartung, vor Verwirrung.

Der Junge trat an den Rand der Grube, bis er sich nur wenige Meter von der Bestie entfernt befand, und griff nach dem Kelch.

KAPITEL EINS

In seinen Träumen wurde er Zeuge der Vergangenheit; er sah Hunderte der treuen Anhänger – Männer, Frauen und Kinder –, die sich zusammenscharten, um ihren Glauben innerhalb der Mauern der Kirche zu teilen, in denen er selbst gerade schlief. Die Gläubigen hatten sie einst von Hand errichtet; unzählige Männer, die unaufhörlich schufteten, bis sie erschöpft und blutend niedersanken, mehr tot als lebendig. Einige von ihnen verloren durch die sorgsame Perfektion, die sie zu erschaffen suchten, tatsächlich ihr Leben; ihre Leichen wurden in dem Betonfundament, das unter den Holzböden ausgegossen worden war, zur letzten Ruhe gebettet.

Dazu diese Farben! Die Statuen, der Altar, die Wandteppiche und die Kirchenbänke, jede davon mit vollkommener Hingabe für diejenigen errichtet, die erwarteten, die himmlischen Freuden genießen zu dürfen. Die kunstvollen Reliefe der Stützsäulen stellten die Geschichte um Jesu Geburt dar, während die Gewölbedecke, die Buntglasfenster und die bogenförmigen Eingänge anscheinend erbaut worden waren, um einen Abglanz des Himmels wachzurufen. Hier befand sich der Himmel auf Erden, eine schützende Zuflucht, die Ruhe, Beschaulichkeit und ein Gefühl der Zugehörigkeit für die empfänglichen Massen bot.

Etwas ruft mich. Und ich muss dem Ruf folgen.

Aber all dies waren bloß Träume – Träume von einer Vergangenheit, die schon seit über hundert Jahren verstrichen war. Er hatte die Träume seit zwei Wochen, von dem Tag an, als er sich gewaltsam Zutritt zu der verlassenen Kirche verschafft hatte. Die Gitter, die von dem U-Bahn-Tunnel aus hineinführten, waren alt, rostig und einfach herauszunehmen gewesen. Auch die Lüftungsschächte erwiesen sich als breit genug, um hindurchkriechen zu können. Er hatte sich alle erdenkliche Mühe gegeben, seinen speziellen Schlupfwinkel vor den anderen geheim zu halten – immerhin standen noch richtige Betten in der Pfarrwohnung im zweiten Stock. Aber in der Nachbarschaft sprachen sich Neuigkeiten schnell herum, sodass die Kirche schnell mit seinen Pennbrüdern besetzt war, die sich die klammen Matratzen und Teppiche teilten.

Jyro dachte zurück an seine Kindheit – an die Tage, als seine Mutter noch gelebt und ihn Jerry gerufen hatte. Damals hatte sie ihn immer wieder gemahnt, dass ›alle guten Dinge vergänglich sind‹. Eine Weisheit, die sich immer wieder bewahrheitet hatte. Gerade, als es für seinen Geschmack etwas zu voll in der alten Kirche geworden war, tauchten Bauarbeiter auf und begannen, die untere Etage aufzureißen.

Einige der Streuner flohen zurück auf die Straßen und in die U-Bahn-Tunnel, da sie den pausenlosen Krach nicht ertrugen. Andere empfanden die Betten als ausreichenden Grund zum Bleiben, vergruben die Köpfe tief in ihren Lumpen und erduldeten den Lärm, solange die Arbeiter unten blieben. Jyro hingegen schlief tief und fest, unberührt vom donnernden Getöse der Presslufthämmer und Kreissägen der wachen Welt – die Jahre auf den Straßen der Stadt hatten ihn immun gegen laute Geräusche gemacht. Und im Schlaf setzten sich die Träume von einer rätselhaften Vergangenheit fest, hielten ihn gefangen wie eine Fliege im Netz der Spinne.

Etwas ruft mich. Und ich muss dem Ruf folgen.

Nach sechs Tagen und Nächten endlosen Krachs stellten die Arbeiter ihre Tätigkeiten unverhofft ein. Als die letzten Geräusche in die Nacht verhallten, verließen Jyro die Träume, und er fand keinen Schlaf mehr. Er wälzte sich unruhig hin und her. Das Stöhnen und Schnarchen der anderen – Jyro hatte neun gezählt – trieb ihn in den Wahnsinn. Wie kann es sein, dass mich dröhnende Maschinen in den Schlaf lullen, mir aber Schnarchen ins Hirn fährt wie ein Schuss aus einer Nagelpistole?

Er setzte sich auf und betrachtete die schlafenden Körper, die in den Schatten nebeneinander lagen. Einer der Hausbesetzer, ein Mann namens Larry, der noch ein Ohr und zwei Zähne besaß, bewahrte neben sich eine Sammlung von gestohlenem Werkzeug auf. Jyro fand es seltsam, dass die Arbeiter Larry nie dabei sahen, wie er ihr Zeug durchwühlte. Genauso seltsam wie der Umstand, dass die Arbeiter noch nie heraufgekommen sind und uns gefunden haben.

Da Jyro ohnehin nicht schlafen konnte, beschloss er, der plötzlichen Stille unten in der Kirche auf den Grund zu gehen. Behutsam fasste er unter Larrys Decke und ›borgte‹ sich eine Halogentaschenlampe. Dann verließ er das Schlafzimmer, folgte dem breiten Strahl der Lampe, tappte den Flur hinunter und vergewisserte sich, dass ihn keiner der anderen sah.

Er stieg die noch immer mit Teppich belegte Treppe hinab. Jedes Knarren unter seinen Füßen glich in der Stille der Explosion eines Feuerwerkskörper. Unten ging er in den Empfangsraum der Pfarrei.

Der Raum erwies sich als einigermaßen groß und mochte einst als Versammlungsstätte für die Priester und Diakone gedient haben. Risse zogen sich über die Wände. Ein einsames Notlicht an der Decke lieferte spärliche Beleuchtung und enthüllte etliche metallene Klappstühle, die an der Wand lehnten.

Langsam bewegte er sich in die Mitte des Raumes und schwenkte den Strahl der Taschenlampe. Linker Hand befand sich ein unbeleuchteter Korridor, der in der Dunkelheit verschwand. Jyro verengte die Augen, doch er konnte keinen Hinweis darauf ausmachen, dass hier Arbeiten stattgefunden hatten, und betrat den dunklen Korridor.

Zu seiner Rechten passierte er einen kleinen, weiß gefliesten Pausenraum und eine Reihe von rostigen Spinden mit Zahlenschlössern an der Wand, aufgereiht wie Soldaten. Weiter vorne gerieten Haufen gesplitterten Holzes in Sicht, die den abgewetzten Teppich unter sich begruben.

Bald gelangte er zu einer großen Doppeltür. Er trat über die Schwelle und erblickte offenbar das ehemalige Freizeitzentrum der Kirche: eine etwa hundertfünfzig Quadratmeter große Turnhalle mit einer kleinen Bühne, die sich über die gesamte Länge der gegenüberliegenden Wand erstreckte. Jyro ließ den Taschenlampenstrahl über einen einsamen Basketballkorb wandern, der in der Wand verankert war, dann schwenkte er das Licht nach unten und sah sofort das abscheuliche Werk der Bauarbeitermannschaft.

Im Hartholzboden klaffte ein Loch, das beinah die Hälfte des Turnsaals einnahm, die Kanten schartig und aufwärts gesplittert. Ein zusammenklappbarer Kartentisch befand sich gefährlich nahe an der entfernten Kante.

Er trat einen Schritt nach vorn. Im zittrigen Strahl der Taschenlampe stach ihm eine Vielzahl von Werkzeugen ins Auge, die an der Bühne und der Wand lehnten. Etwas ruft mich. Und ich muss dem Ruf folgen. Abermals huschten die Worte durch Jyros Geist, packten ihn und zogen ihn wie ein Strudel unaufhaltsam vorwärts.

Seine verschlissenen Schuhe knirschten auf Geröllstücken. Mit einem Mal umfing ihn ein Hitzeschwall und raubte ihm fast den Atem. Eine graue Wolke schränkte seinen Blick ein und erschuf einen Tunnel, der die Sicht auf einen einsamen, dunklen Punkt in der Grube lenkte. Er streckte die Arme nach der Stelle aus. Es ruft mich. Etwas dort unten

Unvermutet traf er mit seinem Fuß auf die unebene Kante der Öffnung. Einen Moment lang erstarrte er, dann brach der Boden unter ihm weg. Vergeblich ruderte er mit den Armen, um das Gleichgewicht wiederzuerlangen; er rutschte hinunter; die Taschenlampe entglitt seiner Hand und landete klirrend irgendwo in der Nähe. Seine zerlumpte Jacke verhakte sich an einer hervorstehenden Kante und riss am Rücken auf. Gute zwei Meter tiefer prallte er inmitten eines Schutthaufens auf den harten Boden. Der Atem entwich seinen Lungen mit einem qualvollen Hmph. Als er sich herumrollte, bohrte sich etwas Hartes schmerzhaft in seine Rippen. Jyro schrie gepeinigt auf und öffnete die Augen.

Er sah auf Knochen – menschliche Knochen –, die aus dem Boden ragten.

Panisch kroch er davon weg und tastete nach der Taschenlampe. Als er sie fand, schwenkte er ihren Strahl herum und sah im unsteten Strahl eine lange Reihe von Skeletten – vollständige Brustkörbe, zerschmetterte Beinknochen mit Knorpelresten und verwestem Fleisch, Schädel, an denen noch Haarklumpen hingen.

Enthauptet.

Ich habe in meinen Träumen gesehen, wie sie begraben wurden. Aber … hier sind viel mehr, als ich gesehen habe. Was ist das?

Er löste den Strahl der Lampe von den Gebeinen und richtete ihn geradeaus.

Dort erblickte er eine solide Mauer aus Schüttmaterial, die unteren Schichten des Fundaments der Kirche, aufgerissen wie eine Wunde: Asphalt und Zement über Ziegelstein und Erde. Auf diesem Grundgerüst würden die Arbeiter ein neues Zementfundament errichten. Er schwenkte die Lampe weiter und sah etwas wie eine Holzkiste, die aus der unteren Erdschicht ragte.

Jyro schüttelte den Kopf, riss sich zusammen und rappelte sich auf die Beine. Er holte tief Luft und trat auf die Kiste zu. Die alten Knochen im Erdreich knirschten unter seinem Gewicht.

Mit bloßen Fingern fing er an, die feste Erde rings um das Holz wegzubuddeln, zuerst vorsichtig, dann immer ungestümer, als sein Herz voll unerklärlicher Erregung heftiger zu pochen begann. Etwas ruft mich. Und ich muss dem Ruf folgen.

Während er mehr und mehr Schmutz beiseite schaffte, schien sich das Behältnis zu erwärmen … oder war es vielleicht nur sein Verstand, der ihm etwas vorgaukelte? Ungeachtet dessen schuftete er eine Zeit lang weiter, bis ein Erdbrocken unterhalb des Holzes nachgab und das Teil auf den Boden fiel.

Er packte die Kante der Kiste … und riss die Hand jäh zurück. Das Ding war heiß. Wie ein Kind, das seine Suppe abkühlen wollte, pustete er gegen die Oberfläche und hustete, als dadurch Staub aufgewirbelt wurde, der ihm in die Nase stieg.

Er holte die Taschenlampe wieder hervor und hielt sie über die Kiste. Das Holz war mit seltsamen, fremdartigen Worten verziert. Er wischte so viel Erde wie möglich beiseite, wurde dadurch jedoch nicht schlauer aus den Schriftzeichen.

Flüsternd las er: »Castigo laudible, corpus meum …« Eine unerklärliche Beunruhigung erfasste ihn.

Er zwängte die Finger einer Hand unter den Deckel, der sich gelockert hatte. Mit einem Ruck riss er ihn ab. Das war zu einfach, dachte er.

Er zog den Deckel von der Kiste, ließ ihn zu Boden fallen und zielte mit der Taschenlampe ins Innere.

Das Herz schlug ihm bis in die Kehle. Großer Gott … Doch es schien keinen logischen Grund dafür zu geben, sich dermaßen vor dem zu fürchten, was er darin erblickte: zwei äußerst gewöhnlich wirkende Jutetücher, steif und zerfranst.

Er griff nach einem davon.

Ausgedörrt und verrottet zerbröckelte es. Dabei stieg ein berauschender Duft nach Meeressalz auf. Aus dem Tuch glitt eine Schnur mit hölzernen Perlen in seine Hand.

Jyro beseitigte Stoffreste von den Anhängern. Er wusste augenblicklich, worum es sich handelte. Meine Mutter hat früher genauso einen bei sich getragen, wohin sie auch gegangen ist; das ist ein Rosenkranz. Aber dieser hier … ist anders als der, den meine Mutter hatte. Die Perlen sind so groß wie Murmeln, das Kreuz so groß wie mein Zeigefinger. Und was sind das für merkwürdig geformten Anhänger, die wie winzige Sterne aussehen?

Er ließ die Perlen durch die Finger gleiten. Sein Körper erzitterte über die fast greifbare, überirdisch anmutende Wohligkeit, mit der sie ihn erfüllten. Sie fühlten sich warm an, körperwarm.

Schnell schob er den Rosenkranz in die linke Hosentasche und spähte wieder in die Kiste.

Die zweite Leinentasche bewegte sich, als kämpfte sich eine Maus oder ein großes Insekt darunter hervor.

Jyro griff danach. Die Bewegungen endeten, und er riss seine Hand zurück. Über seinen Rücken kroch eine Gänsehaut.

Einige Sekunden lang starrte er das Bündel an, dann streckte er langsam noch einmal die Hand danach aus.

Ein Schimmer roten Lichts brach daraus hervor. Verängstigt zuckte Jyro zurück an die unnachgiebige Wand der Grube. Er hustete, hielt den Arm mit einer kraftlosen Geste in die Höhe und krümmte sich, als sich etwas Schweres in seiner Mitte umdrehte.

Urplötzlich barst eine winzige Flamme aus dem Jutebündel und verbrannte es vollständig. Schwarze Asche und Glut flatterten wie Motten auf. Darunter kam etwas zum Vorschein, das wie ein Kelch aussah.

Jyro beugte sich vor und erkannte, dass er etwa zwanzig Zentimeter hoch war, schwarz und glänzend, überzogen mit einer Schicht glimmender Rückstände. Wie die Assistentin eines Magiers stieg das Gefäß aus der Kiste in die Luft. Dabei verströmte es einen sanften roten Schimmer, den Jyro bereits bemerkt hatte, als er unter dem Jutestoff hervorgedrungen war.

Reglos beobachtete er mit geweiteten Augen, wie der Kelch gut drei Meter emporschwebte. An der Außenseite des Gefäßes bemerkte er ähnliche Schriftzeichen wie auf der Oberfläche der Kiste.

Das rote Licht wurde heller, der Kelch selbst schwoll vor Jyros Augen an wie eine ausschließlich auf ihn gerichtete Pupille.

Der Raum wurde heißer. Ranziger Schweiß perlte auf Jyros schmutziger Stirn, als Angst und Unbehagen in seinem Blut brodelten. Er steckte sich die Taschenlampe in die Hose, stieg keuchend auf die Kiste, griff nach den abgebrochenen Holzrändern der Grube und hievte sich nach oben. Seine Füße traten gegen die frei liegenden Ziegelsteine, seine Hände verkrampften sich, als er sich aus dem Loch auf den staubigen Boden zog. Hastig rappelte er sich auf die Beine und rannte zum Eingang, wo er den Türknauf ergriff, ehe er über die Schulter zurück zu dem Kelch schaute.

Dieser schwebte hoch über dem Loch. Ein sich weitender Fleck in der Aura roten Lichts zielte immer noch auf ihn – sah ihn an.

Aus der Grube brandete der Lärm tosender Feuer, füllte Jyros Ohren mit einem heftigen Druck, der seine Schreie dämpfte. Ein nach Verwesung und Schwefel stinkender Wind kam auf und trieb ihn zurück in den Gang.

Wirr sah sich Jyro um und stolperte rücklings, folgte dem Strahl der Taschenlampe zurück in den dunklen Eingangsbereich. Als er wieder zu Atem gelangte, stieß er ein jähes Keuchen aus und spähte zurück in den Korridor. Rotes Licht ergoss sich aus dem Turnsaal und erhellte den Flur, als wüte in der Nähe ein Brand.

Jyro flüchtete die Stufen zum Absatz im ersten Stock hinauf. Schnaufend brach er auf dem abgenutzten Teppich zusammen und versuchte, den Anblick des schwebenden Kelchs aus seinem Kopf zu verbannen.

Das hier wird mir helfen, dachte er und tastete nach dem Rosenkranz in seiner Hosentasche. Mit zitternden Fingern umfasste er ihn, zog ihn hervor und starrte mit Ehrfurcht und Verwunderung darauf.

Er ist wunderschön und wird mich beschützen, wie der Rosenkranz meiner Mutter vor all den Jahren sie bis zum Tag ihres Todes beschützt hat.

Jyro knüllte ihn zu einem Ball zusammen und konzentrierte sich ausschließlich auf die beruhigende Magie, die der Rosenkranz zu besitzen schien. Erschöpft legte er sich auf den Teppich und starrte in die Dunkelheit, lauschte dem Hämmern seines Herzens, spürte das Kribbeln seiner Haut.

Bald ereilte ihn der Schlaf, und in seinen Träumen konnte er vage seine eigene Stimme hören, die unablässig denselben Satz wiederholte: Das Böse, das der Menschheit das Ende aller Tage verspricht.

KAPITEL ZWEI

Blauer Himmel.

Strahlender Sonnenschein.

Ein laues Lüftchen.

Das mittägliche Wetter in Manhattan konnte durchaus als ›erfreulich‹ beschrieben werden. Der Verkehr glitt flüssig dahin, bar jedes ungeduldigen Hupens. In den Zweigen der Bäume, die inmitten der zementierten Ausschnitte wuchsen, hatten sich flatternd und zwitschernd Vögel versammelt und schienen eifersüchtig auf die mutigen Tauben zu sein, die neben den Füßen der vorbeilaufenden Passanten pickten.

Zwei Männer mittleren Alters trafen sich in der 78. Straße vor dem Eingang der Kirche St. Peter. Einer von ihnen war ein Priester, der andere ein Polier. Beide waren etwa im gleichen Alter, von ähnlicher Statur, Größe und ethnischer Herkunft. Damit jedoch endeten die Übereinstimmungen.

»Hier entlang, Vater.«

Der Polier, der einen gelben Sicherheitshelm trug, hielt das orangefarbene Absperrband hoch und ließ Vater Anthony Pilazzo hindurchschlüpfen. Der Priester beugte sich nach unten. Die Knochen in seinem dreiundvierzig Jahre alten Körper ächzten. Vielleicht wäre jetzt ein guter Zeitpunkt, wieder mit dem Trainieren anzufangen, dachte er. Gleichzeitig wusste er, dass es aussichtslos war. Dafür Zeit zu finden, würde sich ähnlich schwierig gestalten wie der Gottesdienst in einer Kirche voll Satanisten.

Er richtete sich wieder auf und betrachtete die Kirche St. Peter, deren abbröckelnde Fassade umso deutlicher zutage trat, da nun der Abriss bevorstand. Die einstmals roten Backsteine waren verblichen und abgeplatzt. Die öffentliehe Ankündigungstafel war geborsten, und der Großteil der Plastiklettern lag auf dem Gehsteig wie weggeworfene Zigarettenkippen. Ursprünglich lautete die Beschriftung: Einst war ich verloren, jetzt aber bin ich gefunden; einst war ich blind, nun aber sehe ich. Derzeit stand dort in einer befremdlichen Anordnung der Buchstaben zu lesen: alte Zuchthure. Die kreativen Ergüsse des beschränkten Verstands eines idiotischen Passanten.

Pilazzo schüttelte den Kopf und rückte sein Kollar zurecht, als Schweiß darunter entlangsickerte. Er atmete tief ein, schmeckte körnigen Zementstaub und Sägemehl und vergrub die Hände in den Taschen seiner schwarzen Hose. »Einhundertfünfzehn Jahre. Was für eine himmelschreiende Schande.«

Der Polier presste die Lippen aufeinander und kniff die Augen zusammen, versuchte, Anteilnahme zu heucheln. Er schob seinen Helm zurück und offenbarte eine verschwitzte Stirn.

Er wirkt nervös, stellte Pilazzo fest. Warum? Alles, was er zu tun hat, ist, etwas abzureißen, um dann etwas anderes aufzubauen.

»Ich bin nie besonders religiös gewesen, Vater, aber ich kann Ihre Enttäuschung durchaus nachvollziehen. Meiner Frau und mir blieb auch nichts anderes übrig, als unser Zuhause aufzugeben, nachdem ihre Firma sie letztes Jahr in die Stadt versetzt hatte. Das war verdammt schwierig für uns, erst recht für die Kinder, die auf eine neue Schule mussten. Erst jetzt fangen wir allmählich an, uns in der neuen Umgebung heimisch zu fühlen.«

Auf dem Baum, der sich direkt hinter Pilazzo befand, schmetterte ein Schwarm Sperlinge seinen melodischen Gesang in die Luft. »Es ist viel schlimmer, als Sie es sich vorstellen können«, brachte er hervor. »Es fühlt sich an, als müsste ich mit ansehen, wie meine Mutter in die Gaskammer geführt wird, so morbid das auch klingen mag.«

Der Polier grinste, gab sich keine weitere Mühe, seinen Mangel an Mitgefühl zu verhehlen.

Pilazzo schüttelte den Kopf. »Bei allem Respekt, Mr. … Verzeihen Sie, wie war Ihr Name noch mal?«

»Henry. Henry Miller.«

»Richtig, Mr. Miller.« Er deutete auf die Kirche. »Diese Kirche steht hier seit der vorigen Jahrhundertwende. Sie wurde 1892 von unseren Großvätern errichtet, von den Priestern und Gemeindemitgliedern selbst. Jede Säule, jede Kirchenbank, jeder Splitter Buntglas wurde von denen bezahlt, hergestellt und aufgebaut, die in denselben Wänden beteten und lebten. Hier existiert Geschichte, wie sie in dieser Form nie wieder stattfinden wird. Und jetzt … jetzt schwingt das kapitalistische Amerika seine mächtige Faust und lässt sie auf eine der wenigen wirklich historischen katholischen Kirchen niedersausen, die diese Stadt noch zu bieten hat. Es ist eine fürchterliche Schande, Mr. Miller, eine Ungerechtigkeit an der katholischen Religion.«

Miller kniff die Augenbrauen zusammen. »Ich widerspreche Ihnen ja nicht, Vater, aber wissen Sie, ich habe einen Auftrag zu erledigen.«

Der Priester fuhr fort:. »Was unsere Vorväter in Jahren harter Arbeit aufgebaut haben, wird Ihre Mannschaft in wenigen Tagen niederreißen. In einigen Monaten wird hier zwischen Bürogebäude eins und Bürogebäude zwei ein drittes Bürogebäude stehen. Im Dachgeschoss werden es sich geldgierige Anwälte gemütlich machen und Verträge zwischen geifernden Vermietern und deren Zwinger voll Pächtern überwachen. Es geht immer bloß ums Geld.« Pilazzo hielt kurz inne, schluckte den Staub in seiner Kehle hinunter. »Niemand schert sich noch um Gott.«

Miller senkte den Blick seiner dunklen Augen auf den Gehsteig. Berufstätige liefen in der Mittagspause am Absperrband vorbei und nahmen nicht wahr – oder interessierten sich nicht dafür –, dass eine über hundert Jahre alte Kirche abgerissen werden sollte.

Pilazzo schob sich an Miller vorbei und schritt über den Gehsteig auf die fünf Stufen zu, die zum Eingang der Kirche führten. Er stellte einen Fuß auf die unterste Stufe und starrte in die Dunkelheit jenseits der offenen Hälfte der Doppeltür.

Ein leichter Wind kam auf und trug eine Staubwolke ins Innere der finsteren Tiefen der Kirche. Schlagartig drehte sich die Luftströmung und schleuderte Pilazzo Schuttteilchen ins Gesicht. Er schloss die Augen und hustete. Hinter ihm raschelten die Blätter des einsamen Baumes. Als er die Lider wieder öffnete, verfing sich ein Strahl der Nachmittagssonne an der Metallkante des geschlossenen linken Türflügels und erzeugte eine winzige, gleißende Lichtreflexion, die ihn blendete. Er bewegte sich zur Seite und registrierte dabei, dass der fröhliche Gesang der Vögel jäh verstummt war.

»Der eigentliche Abriss beginnt erst nächste Woche«, offenbarte Miller schließlich. »Derzeit baut die Mannschaft die Kirchbänke und einige andere Gegenstände ab, die auf der Spendenliste stehen. Wie besprochen brauchen wir Ihre Zustimmung für die neuen Anträge, bevor wir alles rausräumen können.«

Pilazzo nickte und heftete den Blick auf den Baum. Die Spatzen hatten die Flucht ergriffen. Der Baum sieht leer aus ohne sie. Genau wie die Kirche St. Peter ohne ihre Gläubigen.

»Und die Statuen und das Kruzifix hinter dem Altar …«, fügte Henry hinzu.

»Was ist damit?« Pilazzo richtete die Aufmerksamkeit wieder auf den Polier. Sein Herz begann zu hämmern. Er massierte sich mit der geschlossenen Faust die Brust. »Sie wurden doch nicht beschädigt, oder?«

Miller zögerte. Sein Gesicht wurde bleich. Sein Adamsapfel hüpfte auf und ab. »Nein, wurden sie nicht«, antwortete er matt.

»Ich habe mindestens tausend Messen unter den wachsamen Augen dieser Statuen gelesen. Hoffentlich ist damit nichts passiert.«