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Aus dem Englischen von

Michael Krug

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Inhalt

DER HANDEL

Schwarze Wolken hingen dicht über dem gewaltigen Turm, der aus dem trockenen, trostlosen Land aufragte. Ein träger Wind stöhnte leise vor sich hin, wirbelte dunklen Sand in die Luft und in die Augen des Reiters, der sich dem Tor des Turmes näherte. Seufzend hielt er inne und rückte sein Halstuch zurecht, um das Gesicht besser vor den Böen zu schützen. Er und sein schwarzes Pferd waren die einzigen atmenden Wesen im Umkreis von mehreren Meilen des Turms, denn im verwüsteten Land Mul Kytuer vermochte nichts, lange zu überleben. Außer dem Geschöpf, das im Turm wartete.

Der Reiter schien ein sehr alter Mann zu sein. Seine Haut war tief zerfurcht, die Augen wirkten eingefallen und stumpf. Sein Haar war licht und grau, sein Fleisch mit Altersflecken übersät. Er trug einen schmutzig grauen Umhang und hatte sich eine Kapuze über den Kopf gezogen. An seiner Seite schimmerte ein Schwert, das mit sonderbaren Zeichen überzogen und in dessen Heft große Edelsteine eingesetzt waren.

Schließlich erreichte der Reiter das mächtige Bauwerk, das sich fast über sein Blickfeld hinaus in den grauen Himmel erstreckte. Eine breite, lange Stufenreihe führte hinauf zum Tor des schwarzen Turms, das sich knarrend öffnete, als sich der Reiter näherte. Er trieb das Pferd die Treppe hinauf und ritt in das Gemäuer.

Die vordere Hälfte des untersten Stockwerks bestand aus einem großen, offenen Bereich mit einem schmutzigen Boden. In der hinteren Hälfte befanden sich Hunderte leer stehende Ställe, in denen vermutlich einst Pferde untergebracht gewesen waren. In einem davon standen Futter und Wasser bereit. Dort ließ der greise Reiter sein Ross zurück und begab sich zu einer Treppe, die nach oben führte.

Über eine Stunde ging er langsam empor und hielt nur einmal inne, um zu rasten. Stockwerk um Stockwerk erklomm er den gewaltigen Turm. Nur gelegentlich dachte er über die Bedeutung der einzelnen Ebenen nach. Hier waren vielleicht Unterkünfte für Soldaten, dort ein Speisesaal. Jenes in kleinere Räume unterteilte Geschoss mochte für Offiziere oder bedeutende Gäste vorgesehen sein. Das nächste diente womöglich als Waffenkammer. Je höher er gelangte, desto kleiner wurden die Stockwerke, da sich der Turm nach oben hin verjüngte.

Endlich erreichte er die oberste Ebene, die sich hundert Fluchten über dem Erdboden befand. Sie war mit Abstand die kleinste, aber dennoch so groß wie die Hallen der großen Könige aus grauer Vorzeit. Silber, Gold und edle Kunstwerke zierten die Umgebung. In der Mitte des Raumes stand ein mächtiger schwarzer Thron, auf dem eine dürre Gestalt in schwarzen Roben saß. Die Gestalt war knochig und schauerlich anzusehen. Gräuliches Fleisch spannte sich straff über brüchige Knochen. Die eingesunkenen Augen saßen so tief in den Höhlen, dass sie kaum zu sehen waren. Die Hände waren dünn und knorrig, und die spindeldürren Finger endeten in langen, gelblichen Krallen. Als der alte Mann den Raum betrat, deutete die Kreatur auf ihn. Ein Schauder lief ihm über den Rücken. Der Reiter war ein finsterer, mächtiger Hexer, doch die Kreatur auf dem Thron war erheblich finsterer und mächtiger.

»Salin Urdrokk, du hast den Gefilden von Mul Kytuer getrotzt, um zum Turm von Vorik Seth zu gelangen. Wonach trachtest du, und was hast du mitgebracht, um zu handeln?«

»Großer Vorik Seth, ich trachte nach Auskunft und möchte mit selber Münze handeln. Ich stehe als Euer untertänigster Diener vor Euch.«

Salin kniete vor dem mächtigen Vorik Seth nieder, der mit einer Stimme so dunkel wie die Nacht und so schauerlich wie der Tod sprach.

»Erhebe dich, Salin. Du hast mir über viele Zeitalter dieser Welt hinweg treue Dienste geleistet. Doch seit Jahrhunderten hast du mich nicht mehr aufgesucht und ich dich nicht mehr benötigt. Dennoch habe ich dich seit unserer letzten Begegnung beobachtet und mit angesehen, wie du in meinem Namen Könige vernichtet und Reiche errichtet hast. Die Dinge entwickeln sich gut für uns, wie schon die letzten tausend Jahre. Was ist es, wonach dir der Sinn steht?«

»Mächtiger Fürst Vorik, die Welt ist groß, und viel davon ist noch unverzeichnet und unbekannt. Wir haben die Reiche Margon und Nord-Eglak erobert. Unsere Diener besetzen die Länder von Mittel-Estron bis Nord-Riglak. Dahinter aber liegen Reiche mit starken Männern, und noch weiter entfernt lebt das Volk der Elben in Gebieten des Friedens und der Schönheit. Sie haben sich Eurem Willen noch nie gebeugt und werden Jahr für Jahr stärker. Bald werden sie es wagen, westwärts in unsere Länder einzufallen. Da sie sich weigern, Euch als ihren Herrn und Meister anzuerkennen, werden sie alles herausfordern, was wir aufgebaut haben. Sie glauben noch immer, dass der Eine, der Hüter des Lichts und Spender des Lebens, Euch letztlich vernichten wird.«

Vorik Seth lächelte, wodurch er eine Reihe fauliger Zähne entblößte. »Sie sind Narren, wenn sie so denken. Der ewige Kampf zwischen Licht und Finsternis wütet weiter wie schon seit Anbeginn dieser Welt. Das Machtgefüge wandelt sich ständig, dies aber ist vorherbestimmt: Am Ende wird die Finsternis das Licht verschlingen, und der Tod wird sich allen Seins bemächtigen. Außerdem irrst du dich, wenn du sagst, das Volk der Elben hätte sich mir nie gebeugt, denn einst, lange vor deiner Zeit, herrschte ich in ihren grünen Wäldern über sie. Oh, gewiss, damals war ich jünger und anmutiger anzusehen. In jenen Tagen war Furcht nicht meine einzige Waffe. Ich war von großer Schönheit, und wer mich ansah, wurde verzaubert und gelobte, mir zu gehorchen. Was ich durch Gewalt nicht erobern konnte, holte ich mir durch Lügen, Verrat, Versprechen von Größe und Macht. Ich bedachte sie mit vielen Gaben und brachte ihnen das Formen bei. Leider schenkte ich ihnen dadurch jene Mittel, mit denen sie mich schließlich besiegten und vertrieben. Dennoch währt der Sieg des Volks der Elben nur vorübergehend. Ich werde wieder über sie herrschen.«

»Gewiss, Herr. Dennoch gibt es Grund zur Besorgnis. Wir verlieren gegen die Männer im Osten an Boden. Das Volk der Elben selbst schart Armeen, die eines Tages den Euren ebenbürtig sein könnten. Und es gibt noch weiteren Anlass zur Sorge. Ihr habt doch nicht die Drei vergessen, oder?«

»Ich vergesse nichts, junger Salin. Die Drei waren im Lauf der Jahre zweifellos eine Hürde für meine Pläne, aber ihre Zeit neigt sich dem Ende zu. Der Erste der Drei hat sich meinem Willen bereits unterworfen, den Zweiten kümmert seine hehre Mission nicht mehr. Der Dritte könnte noch eine Bedrohung darstellen, doch bestenfalls eine geringe. Nur gemeinsam könnten sie hoffen, gegen mich zu bestehen. Ich versichere dir, unser Imperium wird nicht untergehen. Vielmehr erstarkt es unter meinem Schatten jeden Tag. Sobald mir die gesamte Welt anheimgefallen ist, kann ich endlich meine wahre Bestimmung erfüllen. Doch genug des müßigen Geredes, Salin. Was willst du wissen?«

Salin holte tief Luft. Er wandte sich niemals leichtfertig um Rat an seinen dunklen Meister. Es war stets besser, aus der Ferne zu dienen, denn ein Blick in das graue, verfallene Antlitz des Seth erinnerte unweigerlich an die Wahrheit: Salin war nur ein weiterer Sklave der größten und finstersten Macht der Welt.

»Herr, ich habe einen längst vergessenen Text über hohe Hexerkunst gelesen, den ich in einem vergrabenen Gewölbe der Archive von Alt-Syngara im Westen von Nord-Riglak entdeckte. Er berichtet vom Talisman der Einheit, der die Gedanken des Volks der Elben verbindet und es ihnen ermöglicht, als ein Wesen zu handeln und zu denken. Dies ist der Schlüssel zu ihrer Macht. Wer den Talisman innehat, besitzt großen Einfluss auf die Gedanken des Elbenvolks. Mächtiger Vorik, wenn einer Eurer Diener den Talisman der Einheit finden und einsetzen könnte, wären wir endlich in der Lage, das Volk der Elben Eurem Willen zu unterwerfen. Dann wärt Ihr der Erfüllung Eurer Bestimmung wahrlich nahe.«

Der Seth lachte. »Und du möchtest derjenige sein, der diese Macht besitzt? Salin, denkst du wirklich, ich könnte deine Pläne nicht durchschauen? Es ist so offenkundig, dass du danach trachtest, dein eigenes Wohl zu fördern. Ich weiß, dass dir einerlei ist, ob ich meine Bestimmung zu erfüllen vermag. Tatsächlich fürchtest du den Tag – und das zu Recht! Mein wahrer Zweck ist nur mir und den Göttern bekannt. So wurde es verfügt, als ich zum ersten Mal in das Reich der Sterblichen eintrat. Ja, ich kann dir helfen, den Talisman zu finden. Schließlich habe ich den Narren geholfen, das verfluchte Ding zu erschaffen. Es ist seit Langem verschollen, doch selbst vergraben und vergessen bewahrt es seine Wirkung. Mit dem Talisman vermag der König der Elben, Einblick in die Gedanken und Herzen seiner Untertanen zu nehmen – und sie zu beeinflussen. Doch in unseren Händen und für unsere Zwecke entfremdet … könnte er in der Tat ein wertvolles Werkzeug sein. Allerdings frage ich mich … weshalb sollte ich ausgerechnet dir helfen, ihn zu erlangen? Wieso sollte ich jemandem wie dir das bedeutendste aller Artefakte der Elfen anvertrauen? Schließlich habe ich dir bereits eine Hexerkette gewährt. Genügt das nicht, um deinen Durst nach Macht zu stillen?«

Stumm verfluchte Salin seinen Meister. Die Hexerkette war ein rares und unvorstellbar kraftvolles Werkzeug. Doch im Verlauf seiner Verwendung band es den Träger nur noch enger an Vorik Seths Willen. Salin brauchte etwas anderes, das mehr Sicherheit bot. Er verdrängte die Kette aus seinen Gedanken und zwang sich zu lächeln. Er wusste, dass sein dunkler Meister nicht in der Lage sein würde, jener Verlockung zu widerstehen, die er als Handelsgut mitgebracht hatte. »In dem uralten Text offenbaren sich noch andere, bedeutsame Geheimnisse. Er berichtet von den Dreien. Der Erste ist, wie Ihr sagt, Eurer Macht bereits erlegen. Der Zweite hat von seinem einstigen Unterfangen abgesehen.. Aber der Dritte. O ja, der Dritte. Er trachtet noch immer, Eure Pläne zu vereiteln und Eurer Herrschaft ein für alle Mal ein Ende zu bereiten. Über den Dritten möchte ich reden. In dem Text habe ich seinen Namen entdeckt. Seinen geheimen Namen.«

Zum ersten Mal seit Hunderten Jahren weiteten sich Vorik Seths eingesunkene Augen vor Erregung. Seine Lippen kräuselten sich zu einem bösen, aber aufrichtigen Lächeln. Er rieb sich die Hände, erhob sich von seinem Thron und stimmte ein heiseres, schnarrendes Lachen an.

»Salin, das hast du gut gemacht! So sehr ich es auch versucht habe, in all den Jahren ist es mir nie gelungen, die geheimen Namen der Drei in Erfahrung zu bringen.« Er begann, aufgeregt auf und ab zu schreiten. Salin konnte beinah spüren, wie sich im Schädel seines Meisters finstere Pläne regten. »Mit dem Namen des Dritten kann ich ihn in meinen Schlupfwinkel rufen, ihn mit Hexerei fesseln und nach Belieben vernichten oder versklaven. Oh, was für ein Freudentag! Nenn mir seinen Namen.«

»Das werde ich, o Großmächtiger. Doch ich bin gekommen, um zu verhandeln. Tauscht Ihr Auskünfte über den Talisman der Einheit gegen den Namen des Dritten der Drei?«

Vorik Seths Züge verfinsterten sich. Zorn loderte in seinen Augen auf. Dann zeigte er sich schlagartig wieder ruhig und unergründlich wie ein Leichnam. »Ich müsste nicht verhandeln. Ich könnte die Finger in deinen Schädel graben und mir das Wissen aus deinem kümmerlichen Verstand klauben. Ich könnte dich auf der Stelle bannen und dir das Fleisch Schicht um Schicht vom Leib schälen, bis du mir verrätst, was ich wissen will.«

Salin leckte sich beunruhigt über die Lippen. Nur mit Müh und Not gelang es ihm, das Zittern seiner Hände zu beherrschen. Er fürchtete keinen einzigen Sterblichen doch Vorik Seth verkörperte keinen bloßen Sterblichen. Allmählich begann sich Salin zu fragen, ob er lebendig aus dem Turm des Seths entkommen würde.

Der Seth musterte Salin von oben bis unten, als wäge er seinen Wert ab. »Hmmm … Ich denke, in Anbetracht aller Umstände könntest du mir noch nützlich genug sein, um dich am Leben zu lassen.« Salins Erleichterung schien nachgerade greifbar. »Vorerst«, fügte Vorik hinzu. »Da du deinen Nutzen im Verlauf der Jahrhunderte mehrfach unter Beweis gestellt hast, will ich dir verraten, was du zu erfahren wünschst.« Salins Herz vollführte einen Luftsprung. Er vermochte kaum, ein Lächeln zu unterdrücken, denn dies war seine Gelegenheit, Macht jenseits aller Vorstellungskraft zu erlangen. »Der Talisman der Einheit«, fuhr Vorik fort, »ging vor drei Jahrhunderten bei der Schlacht in Tyridan verloren. Geh in das kleine Bauerndorf Bartambuckel weit im Norden Tyridans. Die Menschen dort sind ein schlichtes, dummes Volk, mit dem du keine Mühe haben solltest. Such einen Alek Maurer. Er ist der Schlüssel.«

»Alek Maurer in Bartambuckel, Tyridan. Was weiß er über den Talisman?«

Der Seth grinste Unheil verkündend. »Mehr sage ich nicht. Von hier an bist du auf dich allein angewiesen. Nun erfülle deinen Teil es Handels. Wie lautet der Name?«

Salin Urdrokk blickte in die Augen seines Meisters und sprach den geheimen Namen aus. Vorik lächelte breit und abscheulich, dann rieb er sich die knorrigen Hände. Salin wurde schlagartig bewusst, dass sein Meister das bessere Ende der Abmachung erhalten hatte. Und dennoch, gelänge es Salin tatsächlich, diesen Talisman zu finden und mit seiner Hilfe die Herrschaft über das Volk der Elben zu erlangen, wüchse seine Macht auf das Zehnfache an. Er würde noch höher in den Rängen von Vorik Seth aufsteigen, und wenn Vorik letztlich seinem Schicksal entgegenging, würde er Salin vielleicht mitnehmen.

Während Salin Urdrokk vom Turm fortritt, dachte er darüber nach und gelangte zu dem Schluss, dass dies unwahrscheinlich war. Er war verflucht. Sobald der Seth keine Verwendung mehr für ihn hatte, würde er ihn wie den Rest fallen lassen und seine unsterbliche Seele zerstören.

Aber ach, dachte er. In der Zwischenzeit werde ich eine Macht besitzen, von der Sterbliche nur zu träumen wagen können. In der Zwischenzeit werde ich ein Gott sein.

BARDENTAG

Die Hitze der Sommersonne brannte auf Alek Maurer herab, als er die Schaufel in den Boden rammte. Das Loch wurde allmählich größer, dennoch hatte er noch eine Menge Arbeit vor sich, ehe er auf Wasser stoßen würde. Alek hielt kurz inne, um sich den Schweiß von der Stirn zu tupfen, dann grub er mit einem tiefen Seufzen weiter.

Eine junge Frau blieb auf der Straße stehen, um Alek zu beobachten. Zunächst bemerkte er sie nicht und widmete sich ungebrochen seiner Aufgabe. Der Beobachterin fiel vermutlich auf, dass er nicht recht geschaffen für derlei Unterfangen schien. Abgesehen von einer Speckrolle um die Leibesmitte, die bei der Arbeit waberte, besaß er eine eher schmächtige Gestalt. Seine Arme waren dünn, die Hände klein. Dafür konnte er sich eines hellen, gut aussehenden Gesichtes und sandblonder Haare rühmen. Er war noch ein sehr junger Mann, wohl zwischen zwanzig und einundzwanzig Jahre alt. Jedes Mal, wenn er sich eine Schaufel voll Erde über die Schulter hievte, grunzte er vor Anstrengung.

»Ich würde zu gern wissen«, sagte das Mädchen kichernd, »wer den klugen Einfall hatte, ausgerechnet den Bäckerlehrling damit zu betrauen, einen neuen Brunnen zu buddeln. Warum nicht jemanden mit Muskeln wie den Schmied oder vielleicht den Friedenswächter der Schänke, den guten Kraig?«

Alek schaute zu der jungen Frau auf und runzelte die Stirn. »Lach du nur, Sarah. Alle Männer kommen mit graben an die Reihe.«

»Und anscheinend auch alle Knaben?«

Alek versuchte, wütend zu werden, doch ihr Gelächter wirkte ansteckend. Er ließ die Schaufel fallen, stimmte mit ein und hielt sich vor Kichern den wabernden Bauch.

»Sarah, du bist eine rechte Plage. Solltest du nicht deiner Mutter in ihrem Laden helfen, statt Männer bei ehrlicher Arbeit zu piesacken?«

Während die junge Frau abermals lachte, musterte er sie. Sarah war klein und zierlich. Sie besaß blonde Haare und fein geschnittene Züge. Unlängst hatte sie ihren siebzehnten Geburtstag gefeiert, aber wenn Alek sie betrachtete, sah er immer noch ein Kind. Er liebte sie wie eine Schwester – und wie bei Geschwistern üblich raubte sie ihm oft den letzten Nerv.

»Der Laden ist heute geschlossen, Alek. Wir haben Bardentag, oder hast du das vergessen?«

Bei der Erwähnung des Feiertags weitete sich Aleks Lächeln. Er verschränkte die Arme vor der Brust, schüttelte den Kopf und antwortete: »Bei Groks Bart, Mädchen, selbstverständlich habe ich das nicht vergessen! Was glaubst du denn, mit wem du redest? Immerhin gibt es heute Nacht im Silberschild eine große Feier mit Gesang, Tanz und Umtrunken; darauf freue ich mich schon seit Wochen! Oh, ich hoffe, der alte Jordi Luppis wird die Laute spielen und ein, zwei Liedchen zum Besten geben.«

Der Bardentag war Aleks Lieblingsfeiertag. Er stand im Mittsommer an, in dem Feiertage rar – und dazu noch mit langen Abständen dazwischen – gesät waren. Abgesehen von Yule galt er als eine der festlichsten Gelegenheiten überhaupt. Der Tag war dem Andenken des großen Barden Otis Brachnitter gewidmet, der einige der bedeutendsten Balladen und Geschichten ersonnen hatte, die in Tyridan je gesungen oder erzählt wurden. An seinem Gedenktag versammelten sich sämtliche Sänger und Geschichtenerzähler der Umgebung und unterhielten die Dorfbewohner bis spät in die Nacht. Aleks Lieblingsbarde hieß Jordi Luppis, der stets die berühmte Geschichte Die Hügelschlacht erzählte, die Alek von frühester Kindheit an geliebt hatte.

»Jordi wird auftreten«, verriet Sarah. »Er ist bereits in der Schänke und bereitet sich vor. Bei Sonnenuntergang wird es dort keinen freien Sitzplatz mehr geben, und die Leute werden sich vor der Tür drängen. Mutter hat den Laden früh geschlossen, um selbst ein Lied vorzubereiten.«

»Deine Mutter wird auch singen? Tja, das wird mit Sicherheit ein denkwürdiger Tag.«

»Das glaube ich auch. Na ja, viel Spaß noch beim Buddeln. Wir sehen uns heute Abend.«

Lächelnd winkte sie, dann setzte sie den Weg die Straße entlang fort. Alek schaute ihr noch einen Augenblick grinsend nach. Dabei fielen ihm einige Rundungen auf, die sie vor einem Jahr noch nicht besessen hatte, und er gelangte zu dem Schluss, dass sie wohl doch kein Kind mehr verkörperte. Dann setzte er die Arbeit fort und freute sich bereits auf die bevorstehende Nacht des Feierns.

Das Dorf Bartambuckel war vor zweihundert Erntezeiten als Bauerngemeinde gegründet worden, um zur Ernährung der Einwohner des nördlichen Tyridan beizutragen. Als das Land Tyridan wuchs, wurden große Städte und mächtige Schlösser errichtet, woraufhin zahlreiche Menschen aus benachbarten Reichen zuwanderten. Bald wurden zusätzliches Ackerland und Leute nötig, die es bestellten, daher entsandte man Kundschafter gen Norden in die bis dahin unerforschten Gebiete, um bepflanzbaren Boden zu suchen. Was sie fanden, schien wie eine Gabe der Götter: meilenweit sanfte Hügel mit einem Erdreich, das zu den fruchtbarsten der östlichen Länder zählte. Kurz darauf zogen über einhundert Familien nach Bartambuckel und begannen, das üppige Land zu bewirtschaften. Es dauerte nicht lange, bis sich das Dorf zu einem wertvollen Gut für Tyridan mauserte.

Die Menschen von Bartambuckel und der umliegenden Weiler führten einfache Leben. Sie waren glücklich damit, die Erde zu bestellen und die größeren Belange den Leuten in den Städten zu überlassen. Abgesehen von den paar Händlern, die herkamen, um Geschäfte zu machen, gab es wenig Berührung mit der Welt außerhalb des Dorfes. Einmal im Monat rollten Karren aus anderen Gegenden Tyridans an, um die Erzeugnisse der Bauern Bartambuckels abzuholen. Die Bauern wurden vorwiegend mit anderen Gütern bezahlt, denn mit Silberlingen konnten sie wenig anfangen. Die wenigen Münzen, die in der Ortschaft umgingen, wurden für neues Landgerät, Getränke im Silberschild oder Ziertand und Seltsamkeiten aus dem Drachenhort ausgegeben, dem Altwarenladen von Ara Mühls, Sarahs Mutter. Ara verdiente sich einen bescheidenen Lebensunterhalt, indem sie merkwürdige Altertümer für ein paar Silberlinge verkaufte. Die meisten der Gegenstände hatte sie von ihrem Großvater geerbt, der einst auf der Suche nach Wohlstand und Ruhm quer durch die bekannte Welt getingelt war. Zwar fand er weder das eine, noch das andere, aber er sammelte eine Unzahl eigentümlicher, wenngleich praktisch wertloser Habseligkeiten an.

Alek Maurer war als Sohn eines buckligen Bauern namens Brok und dessen junger Gemahlin Karlyn in Bartambuckel geboren worden. Als Alek erst sechs Jahre alt war, erkrankte Karlyn und starb. Dem alten Brok brach darob so sehr das Herz, dass er eines Nachts fortwanderte und nie zurückkehrte. Alek wurde vom Bäckermeister und dessen Gemahlin aufgenommen und erlernte schließlich das Bäckerhandwerk. Da Alek nie besondere Abenteuerlust verspürte, wagte er sich auch nie weit von Zuhause weg. Er war noch nie in einer großen Stadt gewesen, hatte noch nie ein prunkvolles Schloss gesehen. Er hatte Berichte von Kriegen und Magie gehört, von Ogern und Elben, doch für ihn waren das bloß Geschichten, um sich abends am Feuer die Zeit zu vertreiben. Trotzdem gab es einige, an denen er sich gar nicht satt hören konnte. So begeisterte ihn beispielsweise die Erzählungen der Umgebung – er liebte es, etwas über die frühen Tage des Dorfes und die Rolle seiner Ahnen zu hören, die es mitbegründet hatten. Deshalb mochte er den Bardentag so sehr, denn an diesem besonderen Abend wurden die Geschichten über das Dorf von den besten Erzählern in ganz Nord-Tyridan vorgetragen.

Als der Abend nahte, beendete Alek die Arbeit und brachte die Schaufel und die Spitzhacke ins Lagerhaus des Dorfes zurück. Am nächsten Tag würde es für Alek wieder zurück in die Backstube gehen, und jemand anderes würde weitergraben. Ihm war das mehr als recht, denn er arbeitete erheblich lieber an der Seite von Stan Kulnip, dem Bäckermeister. Allerdings wusste Alek schon jetzt, dass er am nächsten Morgen rundum wund sein würde. Den ganzen Tag ein Loch zu schaufeln, war wesentlich anstrengender, als Brot, Kleingebäck und Kuchen zu backen. Er spürte bereits die Verspannungen am Rücken, in den Armen und in der Brust.

Alek begab sich in sein Heim, eine kleine Hütte neben Stans größerer, um sich für die bevorstehenden Feierlichkeiten vorzubereiten. Die Hütte war mit einer schmalen Strohmatratze samt warmen Wolldecken, einem dreibeinigen Holztisch zum Essen und Schreiben sowie zwei Holzstühlen bescheiden eingerichtet. Gegenüber dem Tisch stand ein kleiner Holzofen, um die Behausung im Winter zu wärmen, neben der Liegestatt eine schlichte Truhe, in der Alek seine spärlichen Besitztümer aufbewahrte. Er öffnete die Truhe und begann, darin zu wühlen, um seine neueste braune Jacke, seine beste Hose, ein paar frische Handtücher und einen Klumpen weißer Seife hervorzukramen.

Bevor er die Truhe schloss, verharrte sein Blick einen Augenblick auf einem Gemälde seiner Eltern, das er darin aufbewahrte. Gelegentlich betrachtete er es, damit er sie nicht vergaß, denn er war noch sehr jung gewesen, als seine Mutter verstarb und sein Vater verschwand. Er erinnerte sich noch an den Tag, an dem das Bildnis entstanden war: Ein Künstler war durch Bartambuckel gereist und hatte angeboten, gegen Silberlinge schlichte Portraits zu malen. Brok und Karlyn hatten Alek zu einem Spaziergang im Grok-Tempel mitgenommen, als der Künstler an sie herantrat, und sie hatten eingewilligt für ihn Modell zu stehen.

Das waren glückliche Tage gewesen, und Alek lächelte, als er daran zurückdachte. Das Bildnis seiner Eltern war recht gut gelungen. Karlyn besaß langes, wallendes Haar und große, gütige Augen. Brok war kein gut aussehender Mann, aber er hatte ein freundliches, sonnengebräuntes Gesicht und einen gedrungenen, jedoch kräftigen Körper. Sie wirkten auf dem Bild aufrichtig glücklich, genau wie der fünfjährige Alek, der zwischen ihnen stand.

Aber Alek war nicht hergekommen, um über die Vergangenheit nachzugrübeln. Er ergriff seine Habseligkeiten, schloss die Truhe und verließ die winzige Kate. Anschließend begab er sich zu dem schmalen Bach auf der Westseite der Ortschaft, wo er manchmal hinging, um zu baden. Er suchte seine Lieblingsstelle auf, einen kleinen, von Weiden und grünen Büschen geschützten Bereich, wo klares, kaltes Wasser über ein weißes Kieselbett floss. Nachdem er sich vergewissert hatte, dass sich niemand in der Nähe befand, zog er die schmutzigen Arbeitskleider aus und watete in den Bach. Das Wasser ließ ihn frösteln, dennoch tauchte er wohlig hinein und wusch sich den Dreck des Tages vom Körper.

Als er sich sauber und erfrischt fühlte, verließ er das kühle Nass und rieb sich mit den Handtüchern trocken. Rasch kleidete er sich an, um es vor Einbruch der Dunkelheit zur Schänke zu schaffen. Davor brachte er noch die verdreckten Kleider nach Hause, dann brach er umgehend zum Silberschild auf.

Als Alek zehn Minuten später bei der Schänke eintraf, hatte sich davor bereits eine beträchtliche Menschenmenge gebildet. Die Dorfbewohner standen zwischen Bäumen oder hockten auf den grasigen Hügeln hinter dem Silberschild. Die wirklich guten Barden würden drinnen auftreten, und Alek verspürte leichte Enttäuschung darüber, dass er womöglich nicht hineingelangen würde. Sobald die Sitzplätze in der Gaststube gefüllt waren, musste sich der Rest der Gäste mit der Vorstellung im Freien zufriedengeben.

Alek wollte sich schon einen Platz auf einem grünen Hügel sichern, als jemand den Kopf durch ein geöffnetes Fenster heraussteckte und seinen Namen rief. Es war Sarah, und sie lächelte.

»Alek Maurer, du Tölpel! Ich hab dir doch gesagt, du sollst nicht zu spät kommen!«

»Reit nicht auch noch drauf herum, Sarah«, rief er zurück. »Ich werde die Festlichkeiten eben von hier aus genießen müssen.«

»Aber nein, du Dummkopf. Ich habe dir einen Platz am Tisch meiner Mutter freigehalten. Das ist ein Vorrecht, das mir zusteht, weil sie heute Abend selbst auftritt. Sag Kraig einfach, dass du zu mir gehörst, dann lässt er dich herein. Und beeil dich. Es geht gleich los.«

Alek vergeudete keine Zeit. Die Dorfbewohner auf dem Hügel schauten ihm nach und riefen spitze Bemerkungen wie: »Holla, da ist Ihre Hoheit, Prinz Alek, dem am Bardentag ein Sitzplatz freigehalten wird!« und »Wen muss man denn kennen, um in der Schänke einen Platz zu bekommen?« Er drehte sich kurz zu ihnen um und vollführte eine recht garstige Geste, die ihnen allen Gelächter entlockte. Alek lachte mit ihnen, denn weder ihre Scherze noch seine Erwiderung waren böse gemeint gewesen. Bald erreichte er die Tür, die Kraig bewachte, ein hünenhafter Mann, der für den Besitzer der Schänke als Friedenswächter arbeitete. Kraig trug das dunkle Haar hinten kurz und vorne lang. Die langen Strähnen hingen zu einer Seite und halb über die Stirn. Außerdem besaß er einen äußerst kurzen Bart, wenig mehr als dunkle, struppige Borsten, die den Anschein rauer Stärke unterstrichen.

»Immer langsam, Alek!« Kraig legte dem kleineren Mann eine mächtige Pranke auf die Brust. »Die Schänke ist voll.«

»Das geht schon in Ordnung, Kraig. Ich bin mit Ara und Sarah hier.«

»Ach ja, stimmt. Sarah hat mir gesagt, dass sie dich erwartet. Na, dann geh mal rein.«

Alek betrat den Silberschild, den bereits betrunkene und angeheiterte Gäste bevölkerten. Der große Gastraum besaß einen Holzboden und ein Dach mit hölzernen Sparren. Am gegenüberliegenden Ende wies er einen Knick auf, eine Art Nische, in der Kundschaft sitzen konnte, die ein wenig Abgeschiedenheit bevorzugte. Alek stand am Eingang und lauschte dem Gebrüll, dem Gelächter, dem Klatsch und den Gesängen der Dörfler. Er atmete tief ein und roch Schweiß, Ale und gekochte Gerichte. Obwohl der Abend erst begonnen hatte, waren die Feierlichkeiten bereits in vollem Gange. Alek hatte Einiges aufzuholen.

Er ließ den Blick zur Theke wandern, die entlang der rechten Wand verlief. Der Schankwirt, Derik, war damit beschäftigt, ein Glas Ale nach dem anderen zu füllen. Für ihn war dies die betriebsamste Nacht des Jahres. Lachend sah Alek, wie dem fettleibigen, kahlköpfigen Mann der Schweiß von der Stirn troff.

Dann suchte er mit seinen Blicken die zahlreichen Tische nach Sarah ab. Dabei entdeckte er etliche Leute, die er gut kannte, darunter Stan und dessen Gemahlin Matilda, die er im Vorbeigehen grüßte. Schließlich gelangte er zu einem Tisch im hinteren Bereich, an dem er Sarah erspähte, die wild mit den Armen fuchtelte, um ihn auf sich aufmerksam zu machen. Er ging zu ihr hinüber und nahm Platz.

»Hallo. Tut mir leid, dass ich so lange gebraucht habe. Mann, hier ist es ja berstend voll!«

»Das kannst du laut sagen. Du hättest wirklich früher kommen sollen.«

»Ich musste bis zum Sonnenuntergang arbeiten. So lauten die Regeln.«

»Regeln sind dafür da, um gebrochen zu werden. Besonders am Bardentag. Schau, da kommt meine Mutter.«

Ara setzte sich zu ihnen und stellte drei große Krüge auf den Tisch. »Ich dachte mir, dass du inzwischen hier sein würdest, deshalb habe ich dir auch etwas zu trinken mitgebracht, Alek. Schön, dich zu sehen. In den Laden kommst du ja nicht mehr oft.«

»Hallo, Ara. Ich freue mich auch, dich zu sehen. In letzter Zeit schaffe ich es kaum noch aus der Bäckerei. Ich arbeite hart daran, das Handwerk zu erlernen, damit ich den Laden übernehmen kann, wenn sich Stan zur Ruhe setzt. In drei Jahren soll es soweit sein, und bis dahin muss ich mindestens Geselle sein.«

»So, wie ich dich kenne, Alek, wirst du es in der halben Zeit zum Meister gebracht haben. Trotzdem wünschte ich, du würdest häufiger vorbeischauen. Sarah würde sich übrigens auch darüber freuen.«

Sarah schleuderte ihrer Mutter einen wütenden Blick zu. »Ich wüsste nicht, was mir gleichgültiger sein könnte«, widersprach sie heftig.

Ara sah ihre Tochter an und zog eine Augenbraue hoch; dann musterte sie den stummen Alek. »Jedenfalls könnte ich im Laden deine Hilfe gebrauchen. Ich muss einige Dinge aus dem Keller holen, um sie ins Schaufenster zu stellen. Dabei hast du mir früher auch immer geholfen. Ich will dir gern zwanzig Silberlinge dafür bezahlen.«

»Zwanzig!«, stieß Alek hervor. »Das ist ein Monatslohn!«

»Das ist mir deine Hilfe wert. Selbst zwei Frauen vermögen nicht, einige der schwereren Gegenstände zu tragen, die ich dort unten habe – Truhen voll Schmuck und wer weiß was für Tand.«

Alek rieb sich das Kinn. »Ich mach es diesen Sonntag, da habe ich in der Bäckerei frei. Zwar könnte ich durchaus einen Tag Erholung brauchen, vor allem nach der Buddelei, aber ich helfe dir gerne. Und du weißt, dass ich es auch kostenlos machen würde.«

»Ich weiß, aber das ist nicht nötig. Die Geschäfte gehen gut. Einige der Händler, die durch das Dorf reisen, zeigen sich oft sehr angetan von meinen ungewöhnlicheren Stücken, bisweilen so sehr, dass sie mit Goldlingen bezahlen. Keine Ahnung weshalb. Mein Großvater hat sein Leben lang Gerümpel angehäuft. Eigentlich habe ich den Laden eröffnet, um einen Teil davon loszuwerden. Ich hätte nie gedacht, dass die Sachen wirklich jemand haben möchte.«

Plötzlich kehrte Stille im Raum ein. Ein schlanker, bärtiger Mann mit einem Umhang und in feine Gewänder gekleidet war auf einen Tisch gesprungen und hob die Hand. Jedermanns Aufmerksamkeit richtete sich auf ihn, denn alle wussten, dies bedeutete, dass gleich die Festlichkeiten des Abends beginnen würden.

»Seid gegrüßt, meine Freunde. Ich bin Landyn, Sohn des Gordon, Spielmann der Stadt Freiboll. Ich werde euch heute Abend durch die Vorstellungen begleiten. Wie ihr wisst, wird der Bardentag überall im Norden Tyridans gefeiert, um des großen Barden Otis Brachnitters zu gedenken. Zum Abschluss des Abends werde ich eine seiner bedeutendsten Balladen für euch singen. Bis dahin genießt die Lieder und Geschichten eurer Freunde, Nachbarn und der Barden, die durch das wunderbare Land Tyridan reisen.«

Alek beugte sich zu Sarah hinüber und kicherte. »Er ist fürchterlich langatmig. Schluss mit dem Gerede und her mit einem Lied!«

»Pst! Wir können froh sein, ihn hier zu haben. Er ist einer der Besten.«

»Ein Jordi Luppis ist er nicht.«

»Jordi Luppis!«, höhnte sie gespielt verächtlich.

Und so begannen die Festlichkeiten. Gemäß altem Brauch bestritt den ersten Auftritt des Abends der Bürgermeister der Ortschaft, in Bartambuckel daher Brian O’Lynnen. Der dicke alte Bürgermeister kletterte auf einen Stuhl und begann, ein bekanntes Trinklied zu grölen. Er sang laut und falsch, aber alle lachten und jubelten, während der sonst so gleichmütige O’Lynnen betrunken sein schlüpfriges Lied zum Besten gab.

Aus Gildenheim ein Mädel kam,
ich sah sie oft, sie war nicht zahm,
die Augen grün, das Haar wie Gold,
die Brüste groß, die Hüften hold.

Das Tanzbein schwang sie, das war ihr Gewerk,
sie waberte stets wie ein Butterberg,
wie sie wirklich tanzte, beschreibt kein Reim,
alle liebten das Mädel aus Gildenheim.

So schnell er konnte, leerte Alek den Krug, um seine Verlegenheit zu überspielen. Über diesen zotigen Auftritt des Bürgermeisters würde nie Gras wachsen! Je länger das Lied dauerte, desto anzüglicher wurde es. Die angeheiterten Gäste jubelten über jeden Vers, hoben die Krüge an und stimmten mit ein.

»Das ist ein schreckliches Lied!«, rief der angehende Bäcker aus.

»Jetzt sei nicht so engstirnig«, mahnte ihn Sarah und stupste ihm den Ellbogen in die Seite. »Hol dir noch etwas zu trinken.«

Alek befolgte ihren Rat, und nach seinem zweiten Ale hatte er etwas mehr Spaß. Der nächste Sänger, der alte Heiler Hamlick, erwies sich als etwas besser als der Bürgermeister, wenngleich er ein ähnlich albernes Lied vortrug. Hamlick tanzte und trat mit den Beinen aus, während er sang, und er jonglierte sogar mit ein paar Krügen, die er von einem Tisch in der Nähe ergriff. Derik beobachtete ihn dabei mit entsetzter Miene und sorgte sich um das Wohl seiner Krüge. Alek vermochte nicht recht zu entscheiden, was lustiger war: Deriks kummervoller Gesichtsausdruck oder der ungestüme Auftritt des Heilers.

Holla, holla, du meine Güte,
du tanzt ja schlimmer als Jüte,
das Mädel mit den Riesenfüßen.

»Bei Groks Bart!«, rief Alek aus. »Jetzt singt er auch noch Das Mädel mit den Riesenfüßen. Hat denn niemand mehr Sinn für guten Geschmack?«

Trotz seiner Äußerung fühlte sich Alek mittlerweile rundum wohl und etwas beduselt vom Ale. Er lachte ebenso laut wie die anderen, als Hamlick zu dem Teil des Liedes kam, in dem Jütes Füße mit Kürbissen und ähnlich großem Gemüse verglichen wurden.

Der Abend schritt voran, das Ale floss in rauen Mengen, und aus jedem Winkel des Raums waren Jubel, Gelächter und Gebrüll zu vernehmen. Einige der Sänger waren weit besser als O’Lynnen und Hamlick, besonders Jon Dugan, ein junger Spielmann aus Flussfurt. Die Menge bekundete lauthals Beifall, als er die klassische Geschichte von Preston, dem Oger zum Besten gab.

Der Ritter sprach zum Oger:
»Mir scheint, du bist verwirrt;
rosig, nicht grün ist ein Menschenherz,
glaub mir, du hast dich geirrt.«

So meinte Preston zum Ritter:
»Das wollen wir doch gleich mal sehen!«
Und reißt dem Ritter das Herz heraus –
»Sapperlot, es stimmt, das muss ich gestehen!«

Nicht weniger als fünf Gäste kippten von den Stühlen und rollten sich vor Lachen auf dem Boden. Als Jon das Lied beendete, hallte donnernder Beifall durch die Schankstube. Der Spielmann verneigte sich, lächelte und gesellte sich zurück in die Menge.

Nicht allen Auftretenden wurde ein solch herzlicher Empfang bereitet. Brik Meisterling, der Sohn des Dorfschmieds, erklomm betrunken einen Tisch und begann, Es ist die Zeit für Götterspeise zu verunstalten, ein beliebtes Lied, das für gewöhnlich zum Winterfest gesungen wurde. Auf halbem Wege durch die Weise zerrte ihn eine Gruppe Feiernder vom Tisch und warf ihn durch das nächstbeste geöffnete Fenster hinaus. Die Menge lachte schallend darüber, und Brik schloss sich unbeirrt der Veranstaltung draußen an. Einige weitere vermeintliche Künstler ereilte im Verlauf des Abends ein ähnliches Los, aber es blieb alles in einem spaßigen Rahmen, und niemand wurde ernsthaft verletzt. Wenn die Dinge aus dem Ruder zu laufen drohten, war stets der kräftige und allzeit ernste Kraig zur Stelle, um für Frieden zu sorgen.

Alek hatte sechs große Krüge Ale getrunken und fühlte sich rundum glücklich, als er einen Mann in einer Ecke bemerkte, der ihn beobachtete. Der Mann saß still auf seinem Stuhl, nippte verhalten an einem Krug Ale und schien den ausgelassenen Feierlichkeiten rings um ihn keinerlei Beachtung zu schenken. Seine grauen Augen saßen tief in den Höhlen, die leberfleckige Haut wies tiefe Falten auf, und sein Haar war schütter und grau. Er trug eine feine Lederkluft und einen schweren, schwarzen Mantel. Als er sah, dass Alek ihn gesichtet hatte, lächelte er nur und nippte erneut an seinem Getränk.

»Ein merkwürdiger Kauz«, meinte Alek.

Sarah folgte seinem Blick und nickte zustimmend. »Wenigstens weiß er, sich zu kleiden. Warum starrt er mich an?«

»Er starrt mich an, Sarah. Er hat gerade kurz gelächelt, als ich seinem Blick begegnet bin.«

Ara schaute hinüber. »Ich habe ihn noch nie gesehen. Schenkt ihm keine Beachtung. Er scheint mir harmlos. Ich brauche noch etwas zu trinken, und dann muss ich singen. Bitte entschuldigt mich.« Damit stand sie auf und bewegte sich ein wenig torkelnd in Richtung Ausschank.

Schnell hatte Alek den geheimnisvollen Fremden in der abgeschiedenen Nische völlig vergessen, hob das Glas und sang mit, als Jordi Luppis die berühmte Hügelschlacht anstimmte.

Mit Tränen angeheiterter Verzückung in den Augen rief Alek: »Bei Groks Bart, ich liebe dieses Lied! Ich liebe diesen Mann.« Er begann, die Arme zu schwenken und zum Takt von Jordis Weise auf dem Stuhl zu schaukeln.

»O bitte«, murmelte Sarah, deren erst zweites Ale sich dem Ende zuneigte.

Höret sie, meine wahre Mär,
höret von Rittern so tapfer und kühn,
die bis ins Grab verfochten die Ehr’
und dafür starben auf dem Hügel so grün.

Vor zweihundert Jahren trug es sich zu,
sie kamen, um die Erde mit Blut zu röten,
die Oger zerstörten Frieden und Ruh’,
um mit Klingen zu verstümmeln und zu töten.

Die Stadtwacht trat ihnen wacker entgegen,
focht verwegen mit Schwert, Axt und Bogen,
und doch waren die Oger ihnen überlegen,
die Schlacht schien verloren, der Mut verflogen.

Doch dann nahte Hoffnung auf Pferden so weiß,
mit Kämpfern von gar edlem Geschlecht,
denn auf der hehren Eglak Geheiß
stürzten die Klingenritter sich mit ins Gefecht.

Der alte, runzlige Spielmann setzte das Lied fort, das sich insgesamt über fast zwanzig Minuten erstreckte. Gegen Ende weinte Alek hemmungslos, tief berührt von der Geschichte über jene Ritter, die ihr Leben geopfert hatten, um Bartambuckel und die umliegenden Dörfer zu retten. Schließlich beendete Jordi Luppis das Lied und verließ den Tisch in der Mitte. Die Feiernden bejubelten ihn und stimmten Sprechgesänge mit seinem Namen an. Niemand liebte ihn so sehr wie Alek, aber sein bewegender Auftritt hatte bei allen einen Eindruck hinterlassen.

Nach einer kurzen Pause half der gut aussehende Spielmann Landyn Sarahs Mutter auf den Tisch. Erwartungsfreudiges Gebrüll hallte durch den Schankraum, als die Dörfler sahen, dass die allseits beliebte Ara die Bühne betrat. Sie wartete, bis der Jubel verebbte, dann stellte sie ihr Lied vor.

»Dies ist die Geschichte der Liebe eines Mannes und einer Frau. Außerdem schildert sie den Krieg, der zwischen die beiden geriet. Sie heißt ›Lydias Klagelied‹.«

Unbegleitet scholl Aras wundervolle Stimme durch den Raum. Die von ihr gefesselten Feiernden vergaßen vorübergehend ihre Getränke und saßen schweigend da, wie gebannt von der Geschichte und der Frau, die sie erzählte.

Verwundert schüttelte Alek den Kopf. »Ich bin zutiefst beeindruckt, Sarah. Ich wusste gar nicht, dass deine Mutter so begabt ist.«

Sarah lächelte. »Ich auch nicht, Alek. Aber sie ist wirklich wunderbar. Das ist ihr Augenblick des Ruhms.«

Alek lehnte sich zurück und lauschte.

Feuer erlöschen, Winde verebben, Meeresrauschen verstummt,
der Himmel weint, Musik erstirbt, Trauer in Herzen kommt.
Denn Traurigkeit erfüllt alle jene, die hören die Geschichte
vom Krieg, der Träume und auch Leben hat vernichtet.

Das Lied setzte sich über mehrere Minuten hinweg fort und berichtete die Geschichte des Krieges von Madagon, der laut Legende begann, als ein böser Geist aus den unerforschten Ebenen des Nordens die Menschen verdarb und dazu anspornte, ihre Nachbarn anzugreifen. Der König von Pren Dalah, des Landes südlich von Madagon, befahl seiner Armee, gegen den verheerenden Geist und seine Gefolgschaft zu kämpfen. Lydia war die Gemahlin eines Hauptmanns der Armee des Königs, und sie flehte ihn an, nicht in die Schlacht zu ziehen. Sie war eine weise Frau, spürte die Macht des Geistes und wusste, dass eine Armee bloßer Sterblicher niemals den Sieg erringen könnte. Als ihr Gemahl sie verließ, wusste sie, dass er sterben würde.

In weiterer Folge erzählte die Geschichte abwechselnd von der trauernden Lydia und der zum Scheitern verurteilten Schlacht gegen den Geist. Erst, als die Armee bereits aufgerieben war, kam letztlich Hoffnung auf: Eine Gruppe von Elfenmagiern ritt aus dem Norden herbei, besiegte die feindliche Armee und trieb den Geist zurück in seinen Hort auf den Ebenen.

Und so ward der Tag gerettet, vom Volk des Nordens so fahl,
doch der Preis war hoch und viel fruchtbares Land ward kahl.
Und immer noch gibt es den Geist, Verwüster wird er genannt.
Lydia bleibt alleine und trauert, ihre Liebe auf ewig gebannt.

Während des gesamten Liedes saßen die Gäste der Schänke stumm und reglos da. Als die letzte Note der Ballade sanft verhallte, folgte ein Augenblick völliger Stille, während die Dorfbewohner Ara ehrfürchtig betrachteten. Dann brandete fast übergangslos gewaltiger Jubel auf, und die Leute lachten und tranken wieder und brüllten anerkennend ihren Namen. Ara stieg errötend vom Tisch und bahnte sich einen Weg zu ihrer Ecke des Schankraums, wobei sie bei jedem Schritt Glückwünsche empfing.

Landyn, der Spielmann von Freiboll, erklomm mit einem breiten Lächeln den Tisch. »Ich fürchte, ich wurde bereits übertroffen! Leider folgt mein Auftritt auf den ihren, und es ist die letzte Vorstellung dieser Nacht. Habt alle Dank für euer Kommen. Ich wünsche euch allen einen sicheren Heimweg.«Dann begann er, meisterlich auf seiner Laute zu zupfen, und seine Stimme ließ eine glanzvolle Geschichte aus den alten Zeiten erklingen. Seine Ballade war lang, ruhmreich und bisweilen tragisch. Sie berichtete von den Hohekönigen in Eglak, als sie noch mächtig waren und ihr Reich die gesamte bekannte Welt umspannte.

Die Könige und Prinzen, sie waren stark,
fürchteten weder Hexer noch Mann,
sie herrschten weise und ohne Arg,
und ihre Leben währten lang.

Landyn bot eine in jederlei Hinsicht großartige Darbietung, doch die Feiernden waren längst darüber hinaus, darauf zu achten, ob sie einen guten oder schlechten Auftritt bezeugten. Sie jubelten und lachten weiter, selbst während der traurigen und tragischen Abschnitte der Geschichte. Mittlerweile hatten viele von ihnen die Besinnung verloren, und Erbrochenes besudelte einige Bereiche des Raumes.

Alek und Sarah lauschten Landyn kaum. Als Ara neben ihnen Platz nahm, überhäuften die beiden sie mit Lob.

»Ach, hört doch auf. Ich habe doch bloß ein Liedchen vorgetragen, das mir meine Mutter oft vorgesungen hat.«

»Unsinn. Du warst bemerkenswert«, widersprach Alek. »Ich habe noch nie etwas Vergleichbares gehört.«

»Mutter, du warst wirklich großartig. Du könntest Bardin werden!«

»Na, na, lass uns nicht übertreiben. Ich singe nur Lieder; ich spiele weder Laute, noch verfasse ich Geschichten. Außerdem bin ich rundum glücklich damit, meinen Laden zu führen. Dabei fällt mir ein: Ich erwarte morgen Früh einen Händler aus Freiboll. Wir sollten gehen, sobald dieser Landyn sein Lied beendet hat.«

»Mutter, darf ich nicht noch bei Alek bleiben? So spät ist es doch noch gar nicht.«

Ara beugte sich zum Ohr ihrer Tochter. »Es ist nach Mitternacht, junges Fräulein. Ich weiß schon, warum du bleiben willst, aber du siehst Alek ja am Sonntag wieder.«

Abermals funkelte Sarah ihre Mutter empört an. »Wieso denkst du bloß, mir könnte etwas an diesem … diesem Bäcker liegen?«

»Ich habe doch Augen im Kopf.«

Schließlich endete Landyns Lied. Er wünschte den Anwesenden noch eine gute Nacht und eilte los. Zum Abschied lud er die Dorfbewohner ein, einen seiner Auftritte im Koboldfuß zu besuchen, sollte es sie je nach Freiboll verschlagen. Alek fiel auf, dass Ara den Spielmann anstarrte. Erst, als er zur Tür hinausging, löste sie den Blick von ihm. Selbst danach saß sie reglos mit einem verträumten Ausdruck im Gesicht da.

Auch Sarah bemerkte das Verhalten ihrer Mutter. »Mutter!«, schalt sie. »Steck die Augen zurück in den Kopf. Mit einem Spielmann willst du dich bestimmt nicht einlassen. Für Unterhaltung mögen sie gut sein, aber ich habe gehört, die meisten sind Schufte.«

Ara befreite sich aus ihrem Wachtraum und bedachte Sarah mit einem strengen Blick. »Jetzt pass mal auf, Sarah Mühls, ich kann ansehen, wen immer ich möchte. Seit dein Vater, mein lieber Matthäus, vor sieben Jahren gestorben ist – möge Grok seiner Seele Frieden schenken –, sind mir Männer stets einerlei gewesen. Außerdem lebt Landyn in Freiboll. Ich bin sicher, ich werde ihn nie wiedersehen.« Seufzend wandte sie sich an Alek. »Sarah und ich müssen gehen. Wir müssen morgen früh raus. Auf Wiedersehen, Alek. Wir sehen uns am Sonntag.«

»Auf Wiedersehen, Ara. Hat mich gefreut, Sarah.«

»Ja, dich vielleicht«, erwiderte sie. »Wir sehen uns.«

Alek beobachtete, wie die beiden Frauen gingen. Als Junge hatte er für Ara geschwärmt, und nun erkannte er allmählich die Ähnlichkeit zwischen Sarah und ihrer Mutter. Er spürte, wie sich etwas in ihm regte, das Verlangen sein mochte, ertränkte es jedoch mit einem weiteren Ale.

Ich und die kleine Sarah. Was für ein lachhafter Gedanke!

Während die Nacht fortschritt, wurde noch weiter getrunken, aber nach und nach begannen die Gäste, die Schänke zu verlassen und heimwärts zu ziehen. Alek saß noch etwa eine Stunde am Tisch und dachte über die herrliche Nacht und die wundervolle Gesellschaft nach, die er pflegte. Dann nickte er glücklich ein.

»Alek Maurer?«

Aleks Kopf ruckte vom Tisch der Schänke hoch. Die Stimme klang tief und alt und flößte ihm Furcht ein. Als sich sein Blick schärfte, sah er den Greis, der in der Ecke gesessen hatte. Alek schaute sich um und stellte fest, dass die Schänke mittlerweile fast menschenleer war. Neben den Bediensteten und jenen Gästen, die im Haus nächtigten, waren nur die Besinnungslosen verblieben. Niemand schenkte Alek oder seinem seltsamen Besucher Beachtung.

»Ja, ich bin Alek. Was kann ich für Euch tun?«

»Mein Name ist Salin. Ich sammle Seltenes. Altertümer, Schmuck, Kunstwerke, derlei Dinge. Seit geraumer Zeit bin ich auf der Suche nach einem bestimmten Gegenstand, einem recht wertvollen Anhänger, und habe gehört, du könntest mir vielleicht sagen, wo er sich befindet.«

Alek starrte den alten Mann verständnislos an. »Tut mir leid. Ich weiß nicht, wer Euch das erzählt hat, aber ich bin bloß Bäcker. Ich besitze nichts von Wert.«

Salin ließ sich nicht beirren. »Der Gegenstand, den ich suche, ist eine Stahlscheibe, etwa so groß wie deine Faust, mit ringsum eingesetzten Diamanten. In die Mitte ist das Bildnis einer Sonne graviert. Die Scheibe könnte an einer Kette aus Gold oder Platin hängen. Hast du so etwas gesehen?«

»Nein. Noch nie. Diamanten? Warum sollte ausgerechnet ich etwas Derartiges haben?«

Salin schüttelte den Kopf und lächelte. »Dann muss sich meine Quelle geirrt haben. Tut mir leid, dich gestört zu haben.«

Salin erhob sich und wandte sich zum Gehen. Dann drehte er sich noch einmal zu Alek um, der bereits wieder in den Schlaf glitt. »Oh, Alek. Ich bin noch einige Tage in der Ortschaft. Ich reise seit Monaten und brauche eine Rast, und dies ist ein so beschauliches, friedliches Dorf. Ich habe ein Zimmer in der Schänke gemietet und werde hier den Rest der Woche verbringen. Falls dir noch etwas zu dem Gegenstand einfällt, den ich dir beschrieben habe, wüsste ich es zu schätzen, wenn du es mich wissen ließest.«

Salin beugte sich näher zu Alek und flüsterte: »Ich bin bereit, dir eintausend Goldlinge dafür zu bezahlen. Das ist weit mehr, als der Gegenstand wert ist, aber ich fürchte, als Sammler treibt mich die Besessenheit. Wenn ich von etwas Einzigartigem erfahre, muss ich es besitzen. Nun denn, gute Nacht, Alek.«

Erst, als Salin den Schankraum verließ, wurde Alek letztlich klar, was der alte Mann zu ihm gesagt hatte. »Eintausend Goldlinge? Ich habe noch nie einhundert Goldlinge gesehen! Noch nicht einmal einhundert Silberlinge! Ich muss träumen.«

Der Schankwirt, Derik, hörte Alek vor sich hinplappern und ging zu ihm. »Tja, träum woanders weiter. Ich muss schließen.«

»Schließen?«, fragte Alek. Der Suff und die Müdigkeit hatten seinen Verstand benebelt, sodass er die einfachsten Dinge nicht zu erfassen vermochte. »Eintausend Goldlinge. Das ist eine Menge Geld.«

»So viel Geld gibt es im ganzen Dorf nicht, Maurer. Und jetzt schaff dein beklagenswertes Ich nach Hause ins Bett.«

»Bett. Klingt gut. Brauche Schlaf. Brauche Gold. Brauche …«