Image

Evelyne Okonnek

Image

Image

Image

Inhalt

Image

Für meinen geliebten Bruder und treuen Freund
André-Johann Okonnek.

Danke für Deine inspirierende Kreativität!

I

Die Saat des Mondes

Die Nacht verschlingt den Mond,
um Dunkelheit und Schläue zu gebären.
Ihr Blut wird zwei Farben tragen,
vereint erwecken sie die Sonne.

Die 7. Prophezeiung Maidins

Die Sonne erwecken! Kann sich denn jemand an eine Zeit voller Wärme und Sonnenschein erinnern? Als noch nicht alles nach nasser Wolle, schimmelndem Leder und moderndem Holz roch? Einst war Regen nur willkommene Erfrischung – heutzutage ist er ein nicht enden wollender Fluch, der Missernten und Hunger bringt. Kein Kind vermag mehr über üppig blühende Wiesen zu tollen und seiner Mutter bunte Sträuße zu pflücken. Wer hat zuletzt einen Himmel voller Sterne gesehen? Oft frage ich mich, ob irgendein Mensch jemals die wahre Ursache begriffen hat. Zumindest der Erwählte müsste als Sprachrohr Jalluths die Schuld der Menschen doch erkennen. Aber vielleicht ist er bereit, den Preis zu zahlen. Oder er weiß durch Jalluths Macht Dinge, die uns nicht zugänglich sind. Ebenso gut ist es möglich, dass sie alle miteinander blind sind, blind für das, was wirklich geschieht. So wie sie das Dunkle zu sehen meinen, wo nur Licht ist, sehen sie nicht, dass sie aus der Strahlenden Stadt ein karges, düsteres Gefängnis gemacht haben.

Wie seltsam ist die Gabe, in die Zukunft zu sehen! Manche Bilder erschließen sich mir ganz von allein, andere bleiben rätselhaft, selbst wenn sie dringlich scheinen, da sie auch von anderen in ihren Träumen erblickt wurden. Was hat es mit dem Boot auf sich, in dem drei Personen unsere Insel verlassen? Niemand hat je ihre Gesichter geschaut, noch sonst einen Hinweis, um wen es sich handelt. Ihre Gestalten bleiben stets schemenhaft. Aber wieder und wieder taucht dieses Bild in unseren Köpfen auf und das Schiff verschwindet am Horizont, ohne sein Geheimnis je preiszugeben. Aithreo ist beunruhigt, ich weiß es. Fürchtet er, dies wären die letzten Überlebenden, auf der Flucht vor den Häschern der Jalluthiner? Nun, das mochte eine Bedeutung des Bildes sein. Vielleicht werden wir es erst wissen, wenn es geschieht, und dann könnte es zu spät sein. Es heißt, die Gabe zu sehen wäre ein Geschenk, und doch werde ich das Gefühl nicht los, dass sie eher wie ein Fluch auf mir lastet. Seit einiger Zeit schon erscheint ein dunkler Schatten am Rande meines Blickfelds, aber immer, wenn ich versuche ihn zu betrachten, entzieht er sich. Geht es auch anderen so oder trügen meine Sinne? Und warum besitzt überhaupt jemand, dessen Blut zwei Farben trägt, diese Fähigkeit? Etliche meiner Fragen bleiben ohne Antwort. Vermutlich sogar für immer. Wie viel einfacher sind da die Worte der Prophezeiungen Maidins zu verstehen!

Die siebte Prophezeiung – unzählige qualvolle Jahre haben wir darauf gewartet, und nun teilte mir der Bote mit, gestern Nacht sei sie Wirklichkeit geworden. Hoffnung keimt in mir auf, obwohl ich mir auch eingestehen muss, dass ich immer noch Zweifel hege. Selbst wenn es vorhergesagt ist, wie nur soll unser Plan aufgehen? Maidin, das Licht, würde mir meine Verzagtheit sicher vergeben, zu allwissend erscheint der Erwählte Jalluths. Unermüdlich habe ich versucht zu ergründen, woher er seine Macht bezieht, denn es will mir nicht gelingen, an Jalluth zu glauben, ganz gleich wie sehr ich faste oder zu ihm bete. Jalluths Flamme ist mir nie erschienen, ja ich wünschte sogar, sein Tempel möge brennen und mit ihm alle Jalluthiner, die so viel Leid gebracht haben. Für diese Ketzerei würde man mich hinrichten, sollte jemand meine Gedanken kennen oder dieses Tagebuch finden. Aber das wird nicht geschehen, denn ich habe eine Aufgabe zu erfüllen.

Die siebte Prophezeiung! Noch können wir nicht sehen, wie es einmal geschehen wird, aber wir werden alle Kräfte aufbieten müssen, um die beiden zu beschützen. Ohne sie wird die Sonne niemals aufgehen und wir werden nicht erwachen.

Cathair-lonrach,
die 109525. Nacht seit dem Untergang der Sonne

Nicht einmal der Erwählte Jalluths, das Oberhaupt der Priesterschaft, dachte an die uralte Prophezeiung, als die junge Königin mit der tatkräftigen Unterstützung dreier Hebammen einem Sohn das Leben schenkte. Zu groß war der Jubel im Palast, dass acht Monate nach dem Tod des gebrechlichen Königs die Thronfolge gesichert war. Vielleicht war auch die dichte Wolkendecke schuld, die den Nachthimmel und damit die Mondfinsternis verbarg. Oder man hätte den Feind niemals in den eigenen Reihen vermutet. Und so schlief das Neugeborene unbehelligt und umsorgt von seiner Amme, während sich Aurnia nach der größten Tat ihres Lebens um die eigene Zukunft und ihr Aussehen Sorgen machte. Mit einem gequälten Ausdruck lehnte sie in den seidenen Kissen und ließ sich von Dervla, ihrer liebsten Dienerin, die goldenen Locken bürsten. Warum nur hatte ihr Sohn nicht ihre Schönheit geerbt, dachte sie verdrießlich. Sein Gesicht war rot und faltig gewesen, der dichte Haarschopf rabenschwarz wie bei einem niederen Bauern. Sie hatte ihm nur einen flüchtigen Blick geschenkt, um ihn dann allzu gerne der Amme zu überlassen, die ihn förmlich an sich riss. Das dumme Weib schien sich unsagbar über den Säugling zu freuen und hütete ihn wie seinen Augapfel. Aurnia kümmerte es nicht, dass sie ihn weder genauer anschauen noch in den Armen halten konnte. Für sie war er bisher nichts als eine Last gewesen, die ihren Körper entstellte und Schmerzen verursachte. Verärgert betrachtete sie ihren immer noch unförmigen Leib und schickte Dervla fort. Doch so erschöpft sie auch war, schlafen konnte sie nicht. Durch die geschlossenen Fenster drang der Lärm der feiernden Menschen in den Gassen von Kerlonrax. Vermutlich tanzten sie ausgelassen um das Heiligtum Jalluths, das Aurnia seit jeher nur als hässlich und bedrohlich empfunden hatte und nach Möglichkeit mied. Der große achteckige Klotz von einem Gebäude war ein Fremdkörper zwischen den schmalen Häusern. Mit seinen Zinnen wirkte er wie die aus Granit gehauene Krone eines Größenwahnsinnigen. Ob daher das Trachten der Priesterschaft rührte, die wahre Macht im Land zu sein? Aurnia konnte jedenfalls nicht verstehen, dass sich die Menschen auf der Suche nach Rat und Trost freiwillig dort hineinbegaben. Kein Mensch wirkte so kalt und unnahbar wie der Erwählte Jalluths und auch die verschworene Gemeinschaft der Priester flößte ihr nur Unbehagen ein. Ihr gingen langsam die Ausreden aus, warum sie sich selten im Heiligtum blicken ließ. Vielleicht würden die Jalluthiner sie jetzt endlich in Ruhe lassen. Schließlich hatte sie den Priestern das geliefert, wonach sie sich am meisten sehnten: einen Thronerben, den sie von Anfang an nach ihren Wünschen formen konnten. Niemand hatte mehr an dieses Wunder geglaubt, war doch die vorherige Ehe des Königs kinderlos geblieben. Aurnia wusste, dass heimlich Genugtuung über den tödlichen Unfall der ersten Frau herrschte. Auch wenn diese wegen ihrer Mildtätigkeit beliebt gewesen war, hatte das ihre Unfruchtbarkeit nicht aufgewogen. Jetzt war die Ordnung wiederhergestellt und die Priester würden viele Stunden mit Inbrunst für das Wohlergehen des Jungen beten. Aurnia verzog die Lippen und fragte sich, ob für sie ebenfalls ein Gebet abfallen würde. Wohl kaum; nachdem sie ihre Aufgabe erfüllt hatte, war sie nicht mehr wichtig, Königin dem Titel nach, doch ohne jede Macht. Entscheidungen fällten andere, selbst nach dem Tod ihres Gatten. Der Gedanke an ihn ließ die mühsam unterdrückten Tränen hochsteigen. Nie würde sie die Nacht vergessen, als der alte König so unerwartet zu Kräften kam, sein Krankenlager verließ und sie ein letztes Mal aufsuchte. Hatte er sich am Anfang der Ehe an ihrem jungen Körper erfreut, war seine Leidenschaft bald völliger Gleichgültigkeit gewichen. Aber der Gipfel ihrer Erniedrigung war noch längst nicht erreicht. Das geschah erst in jener nächtlichen Stunde, die er bei ihr verbrachte. Damals war sie sich vorgekommen wie Nutzvieh. Zu deutlich hatte sie seine Kälte gespürt, ja einen regelrechten Widerwillen, sie auch nur zu berühren, und dies hatte sie aufs Tiefste gedemütigt. Keine liebevollen Gefühle und Sehnsucht trieben ihn zu ihr, sondern die Pflichterfüllung seinem Volk gegenüber. Hätte sie es nicht bereits geahnt, spätestens in jener Stunde wäre ihr unbarmherzig klar geworden, dass ihre Träume von Liebe und Achtung sich nie erfüllen würden und sie nichts als ein Ding für ihn war, das ihm einen Thronfolger gebären musste. Diese Erkenntnis war sein höhnisches Vermächtnis an sie, denn bald darauf starb er. Ach, hätte sie nur alle genarrt und eine Tochter zur Welt gebracht, dachte sie bitter. Doch das wäre zu ihrem eigenen Nachteil gewesen. Jetzt blieb ihr zumindest noch für ein paar Jahre die Stellung bei Hofe erhalten, auch wenn in Wirklichkeit der Erwählte Jalluths regierte und sie nur ein hübsches Gesicht sein sollte, das huldvoll lächelte, um die anderen zu erfreuen. Mehr wollte man nicht von ihr und mehr war sie auch nicht bereit zu geben, das galt genauso für ihren Sohn. Natürlich erwarteten alle Mutterliebe von ihr, doch wie könnte sie etwas lieben, das ihr aufgezwungen worden war! Nein, niemals! Aber sie würde das höfische Spiel, das man ihr von klein auf beigebracht hatte, mit Anmut und Würde spielen. Ihr Vater hatte die Regeln nicht umsonst mit der Gerte in ihre Seele eingraviert. Sein Ehrgeiz war seit jeher gewesen, sie als schmückendes Beiwerk neben dem König zu sehen, da ihm ein Sohn und somit der Thron selbst zeit seines Lebens verwehrt blieb. Nun hatte es das Schicksal gefügt, dass sie als Frau den begehrten Platz einnahm, und doch durfte sie nichts sein als eine Puppe ohne eigene Gedanken oder Gefühle. Und das sollte auch alles sein, was sie von ihr verlangen konnten, schwor sie, um sich einen Rest von Stolz zu bewahren. Mit diesem Entschluss weinte sich Aurnia in ihrem königlichen Bett in den Schlaf.

Image

So wie vorhergesagt, wurde in derselben Nacht ein zweites Kind geboren, doch diesem waren die Umstände nicht wohlgesonnen. Es kam in einer winzigen Hütte zur Welt; die Mutter, eine unverheiratete Magd, musste die Geburt ohne fremde Hilfe zuwege bringen. Nachdem sie ihren Sohn gesäubert, in ein Tuch gewickelt und gestillt hatte, legte sie ihn in den Waschzuber. Für eine Wiege besaß sie nicht genügend Geld. Sie selbst hockte mit angezogenen Beinen auf der Pritsche, kaute an ihrem Zopf und dachte über ihr Schicksal nach. Es war ein Fehler gewesen, die Stadt zu verlassen. Sicher, die Menschen hier hatten mehr zu essen, aber sie folgten ganz eigenen Vorstellungen. Für die Leute aus dem Dorf war Jalluth weit weg und manchmal hatte sie sogar den Eindruck, die Bauern hielten die heilige Flamme für eine Spinnerei der Stadtbewohner. Überhaupt hegten diese Dummköpfe hier ein Misstrauen gegen alles, was aus Kerlonrax kam. Wie lange hatte es gedauert, bis sie diese elende Hütte zugewiesen bekam und mit Aufgaben betraut wurde, die ihr Überleben sicherten! Doch mit einem unehelichen Balg würde sie kaum weitere Arbeit finden, wovon sollte sie also leben?

Er hat mich reingelegt, dachte sie wütend und verfluchte den Liebhaber, der ihr versprochen hatte, er würde für sie sorgen, sobald das Kind da wäre. Immer wieder hatte er behauptet, dieses Kind sei das größte Glück seines Lebens, als sie darüber nachdachte, es mithilfe eines für diesen Zweck zusammengestellten Kräutersuds wegzumachen. Er wirkte richtig verzweifelt, als er versuchte, sie davon abzuhalten. Mit Inbrunst beschwor er vor ihren Augen das Bild eines gemeinsamen Lebens im Überfluss herauf, sobald er seinen Geheimauftrag erfüllt hätte. Sie schnaubte verächtlich. Seit Wochen hatte sie ihn nicht mehr gesehen. Die Taler, die er ihr bei seinem Aufbruch überreicht hatte, waren ausgegeben, und wo sollte sie ihn suchen? Er hatte nie verraten, wo er wohnte und für wen er arbeitete. Alles, was sie wusste, war, er hatte eine wichtige Aufgabe zu erfüllen. Wie sie diese Heimlichkeiten satt hatte! Immer nur bei Nacht war er gekommen, nie hatte sie ihn jemandem vorstellen dürfen, sogar auf das Dorffest am Ende des Sommers musste sie alleine gehen. Das Schlimmste aber waren die gehässigen Bemerkungen der anderen über ihren dicken Bauch gewesen. Und nun sah es so aus, als ob der Verursacher des peinlichen Zustandes sie endgültig im Stich gelassen hätte.

»Verdammter Mistkerl!«, rief sie aufgebracht. Aus seinem Schlaf gerissen brüllte der Säugling, bis sie zu ihm ging und ihn auf den Arm nahm. Aus seinen zusammengekniffenen Augen kullerten Tränchen. Sie wiegte ihn und strich über seine roten Löckchen. Es wäre besser gewesen, er hätte die unauffällig dunkle Haarfarbe seines Vaters geerbt. Zu sehr ärgerten sie die Hänseleien. Die Kinder wurden nicht müde ihr »Feuerkopf« oder »Fuchsbraut« hinterherzurufen. Als ihr Sohn sich beruhigt hatte, legte sie ihn wieder in den Zuber und deckte ihn mit ihrem wollenen Umhang zu. Sie besaß nur eine Decke und die brauchte sie selbst. Das Kind strampelte und öffnete zum ersten Mal richtig die Augen. Überrascht schob sie den Untersetzer mit der Kerze näher heran. Es konnte, durfte nicht sein, was sie sah. Mit angehaltenem Atem beugte sie sich nach unten und schaute dem Jungen ins Gesicht. Leuchtende Grüntöne wirbelten und flimmerten um schwarze Pupillen. Dämonenaugen! Entsetzt wich sie zurück und starrte auf das Wesen, das aus ihrem Bauch gekrochen war. Was für einem ungeheuerlichen Verrat war sie aufgesessen! Kein Wunder, dass er sich nie mehr blicken ließ! In panischer Angst suchte sie nach einem Ausweg. Sie musste die Missgeburt umbringen, bevor sie selbst von ihr getötet wurde. Die Kräfte der Dämonenbrut waren unermesslich. Fieberhaft überlegte sie, wie sie vorgehen sollte. Sie wollte dieses Ding nicht mehr berühren. Hastig durchwühlte sie die Küchengerätschaft in der Kiste neben dem Herd, zog endlich das große Fleischmesser hervor. Ein Scharren an der Tür ließ sie innehalten.

Der Dämon!, durchfuhr es sie. Hatte sie das Schloss verriegelt? Bevor sie sich vergewissern konnte, flog die Tür auf und er taumelte herein. Blutüberströmt stand er vor ihr, sein verräterisch schönes Gesicht verzerrt. Allein das hätte sie misstrauisch machen müssen. Warum hatte sie ihm vertraut, nur weil er Augen hatte wie sie selbst? Das bedeutete nichts, wie sie nun begriff. Hätte sich so einer je für sie interessiert, wenn er ein Mensch gewesen wäre! Sein Blick durchbohrte sie und wanderte zu dem Messer in ihrer Hand. Er zog diese menschlich wirkenden Augen zu schmalen Schlitzen zusammen. Jetzt war keine Zeit mehr, sich zu verstellen, er hatte bemerkt, dass sie es wusste. Sie würde ihm nicht mehr entkommen können. Das Einzige, was ihr blieb, war, seine Brut zu zerstören. Mit einem Satz war sie bei dem Zuber und stieß zu. Kurz bevor die Klinge auch nur die Haut des Kindes ritzen konnte, hielt der Dämon mit eisernem Griff ihr Handgelenk umklammert. Selbstverständlich war er schneller als sie, dachte sie und versuchte verzweifelt sich loszureißen. Als das nichts nützte, denn natürlich war er auch wesentlich stärker, schrie sie wie von Sinnen um Hilfe. Mit einem Ruck brach ihr der Mann das Genick.

Betäubt starrte er auf die Tote zu seinen Füßen. Er hatte sie nicht umbringen wollen. Was war bloß in ihn gefahren? Es mussten die Schmerzen in seiner Brust sein. Das und die Angst um sein Kind. Und die Erschöpfung. Er hatte Mühe zu denken. Aber Schwäche konnte er sich nicht erlauben, die Soldaten würden ihn verfolgen, bis sie ihn fanden. Und ganz sicher hatten die Schreie sämtliche Nachbarn geweckt. Cleas schaute zu dem Neugeborenen, das friedlich in seinem behelfsmäßigen Bettchen lag, und er lächelte. Sein Gefühl war richtig gewesen und das Kind eines der beiden, die ihrem Volk die Rettung bringen würden. Sonst wäre es nicht in dieser Nacht zur Welt gekommen. Er musste es in Sicherheit bringen. Vorsichtig wickelte er seinen Sohn in den Umhang, nahm ihn in die Arme und verließ die Hütte. In den umliegenden Häusern waren Lichter angegangen, er konnte die ersten Stimmen hören. Hunde kläfften und jaulten. So schnell es ihm möglich war, rannte er davon in Richtung Fluss. Beißender Frost hatte den sumpfigen Untergrund der Wiesen frieren lassen, sodass er nicht einsank und gut vorwärtskam. Im Stillen dankte er Aithreo für diese Hilfe und hatte kurz darauf das rettende Gewässer erreicht. Dort watete er einige Meilen durch knietiefes Wasser am Ufer entlang, damit die Spürhunde seine Fährte verloren. An einer felsigen Stelle kletterte er zurück an Land. Die durchnässten Stiefel und Hosen würden nicht trocknen, aber er bemerkte die Kälte kaum. Das Kind in seinen Armen blieb still. Als er kurz innehielt und den Umhang etwas zurückschlug, sah er, dass es schlief. Wie lang seine Wimpern waren, wie winzig Mund und Nase! Der Anblick berührte ihn unverhofft. Zum ersten Mal war es mehr für ihn als nur Mittel zum Zweck. Es ist mein Fleisch und Blut, dachte er. Wird es auch einen Teil meiner Essenz in sich tragen? Er wusste es nicht, hatte sich nie mit Nachkommen beschäftigt, dazu war er viel zu jung. Sein ganzes Leben hatte er bisher in den Dienst von Aithreo gestellt, damit sie überlebten und die Sonne nicht für immer erlosch. Sacht drückte er das kleine Wesen an sich, meinte, seine Wärme und seinen Herzschlag zu spüren. Doch Cleas konnte sich diesen neuen Gefühlen nicht hingeben. Unter seinen Füßen kündigte feines Vibrieren den Hufschlag der Pferde seiner Feinde an. Der Nordwind drehte sich gen Westen und das Hundegebell klang näher als zuvor. Vorsichtig rückte Cleas den Umhang wieder zurecht, damit kein kalter Hauch das Kind treffen konnte. Er musste sich beeilen, durfte nicht stehen bleiben, auch wenn seine schmerzenden und müden Glieder danach verlangten. Hin und wieder schaute er zu der dichten Wolkendecke auf. Es roch nach Schnee. Bald würden die ersten Flocken auf die Erde fallen. Wenn er nur weit genug käme, ohne dass ihn jemand einholte, würde der Schnee seine Spuren verdecken.

Nach einigen Meilen verließ er das Flussufer und hielt sich ostwärts. Die Landschaft wurde flacher und er konnte weit über die Felder sehen. Links von ihm tauchten plötzlich Lichtpünktchen in der Ferne auf, eines nach dem anderen. Da sie sich nicht bewegten, musste es sich um ein Dorf handeln. Vermutlich waren die Bewohner von den Soldaten aus dem Schlaf gerissen worden. Das bedeutete, sie hatten seine Spur fürs Erste verloren und waren nicht mehr direkt hinter ihm. Aber er machte sich wenig Hoffnung, dass dies so bleiben würde, es war nur ein Aufschub, mehr nicht. Die Fährtensucher der königlichen Armee waren hartnäckig und wussten, dass es von der Insel kein Entkommen gab. Sie würden unaufhörlich nach ihm fahnden und möglicherweise aus Zufall auf ihr Versteck stoßen. Das musste er verhindern, noch waren sie nicht stark genug, einen Sieg zu erringen. Es war sein Fehler gewesen, sich entdecken zu lassen. Auch ohne einen Befehl von Aithreo wusste er, dass er den Preis dafür zahlen musste. Sobald das Kind in Sicherheit war, würde er sich den Soldaten stellen – und zwar auf eine ganz bestimmte Weise, um Gewissheit zu haben, dass sie ihn auf der Stelle töteten. Niemals durfte er ihnen lebend in die Hände fallen, damit er nicht Gefahr lief, unter Folter alles zu verraten. Eigentlich war er überzeugt davon, dass ihn keiner zum Reden zwingen konnte. Aber Aithreo behauptete, jeder hätte einen schwachen Punkt, und ließ alle seine Gefährten einen Eid ablegen, sich lieber zu opfern als ein Risiko einzugehen. Bald war es an der Zeit, dieses Versprechen einzulösen, das spürte Cleas deutlich.

Als er das nächste Mal nach den Lichtpünktchen Ausschau hielt, hatte sich eines von ihnen vergrößert. Hell flackerte sein Schein in der Dunkelheit. Das konnte nur zweierlei bedeuten. Entweder hatten die Soldaten einen Hof angezündet oder einen Scheiterhaufen errichtet für irgendeinen armen Mischling, den sie bei ihrer Jagd entdeckt hatten. Hier auf dem Land gab es im Gegensatz zur Stadt bis heute Menschen mit zweifarbigem Blut, die die jahrhundertelange Verfolgung überlebt hatten. Die Bauern kümmerte immer der praktische Nutzen und der Königshof war weit weg. Solange einer größere Körperkräfte besaß, die bei der Arbeit auf den Feldern hilfreich waren, oder besonders gut mit Tieren umgehen konnte, würden sie ihm Unterschlupf gewähren, zumindest wenn seine Augen menschlich aussahen. Cleas lächelte bitter. Als ob nur die Augen jemanden zum Dämon machten! Allerdings schien sogar Aithreo daran zu glauben und außer Cleas stellte das keiner von seinen Anhängern infrage. Doch im Moment hatte er andere Sorgen, denn eine große Anzahl winzigster Lichtpünktchen bewegte sich vom Dorf weg in seine Richtung. Die Soldaten hatten sich mit Fackeln ausgerüstet. Er wusste nicht, was sie damit bezweckten, aber vorsichtshalber drehte er ab und flüchtete zum Fluss zurück. Dort hatten sich Nebelbänke gebildet, das konnte ein Vorteil sein, da sie ihm Deckung boten. Andererseits war dadurch seine Sicht behindert. Aber das würde keine große Rolle spielen, denn er fühlte sich zusehends schlechter. Er versuchte dem Geräusch des fließenden Wassers zu folgen. Lange würde er nicht mehr durchhalten, er musste sich beeilen. Hastig stolperte er vorwärts. Seine Füße verfingen sich öfter in Grasbüscheln. Inständig hoffte er, einen Sturz zu vermeiden, er durfte das Kind nicht gefährden! Das Kind, das Kind, sang es in seinen Ohren. Schon längst hätte er den Wald erreichen müssen. Cleas’ Unruhe wuchs. Immer weniger konnte er unterscheiden, ob der Nebel aus dem Fluss aufstieg oder sich nur in seinem Kopf befand. Beinahe glaubte er, bei der Flucht aus dem Dorf in die falsche Richtung gelaufen zu sein, da hatte er wieder eine der Nebelbänke durchquert und sah plötzlich eine dunkle Silhouette vor sich aufragen. Es war also das Rauschen des Windes in den Baumwipfeln und nicht das des Blutes in seinen Adern, welches er seit einiger Zeit neben dem Plätschern des Bachlaufs vernommen hatte. Cleas schöpfte neuen Mut.

Sobald er das schützende Unterholz erreichte, fühlte er sich sicherer. Hier würden die Reiter nur schwer durchkommen. Doch auch er selbst hatte zunehmend Mühe, sich durch die dicht stehenden Büsche zu zwängen. Mit einer Hand schob er Äste und dornbewehrte Ranken beiseite, mit der anderen schützte er sein Kind. So manches Mal schnellte ihm ein Zweig schmerzhaft ins Gesicht, Dornen hakten sich fest und zerrissen Kleidung und Haut. Warum hatte sich die Natur auf einmal gegen ihn verschworen, statt ihn zu beschützen? Er konnte es nicht ändern, er brauchte alle Energie, die er hatte, um einen Fuß vor den anderen zu setzen, ohne zu fallen. Cleas’ Atem ging pfeifend, er bekam kaum noch Luft. Taumelnd schleppte er sich durch den Wald. Sein Zustand war bedenklich. Er hatte viel Blut verloren, aber das allein sollte ihm nicht wirklich schaden. Es war die eiserne Pfeilspitze in seiner Brust, die ihn umbringen würde. Wieder verwünschte er das Schicksal, das den Schaft hatte abbrechen lassen, als er versucht hatte, den Pfeil aus der Wunde zu ziehen. Die Widerhaken mussten sich zwischen den Rippen verfangen haben. Er spürte das kalte Metall in der linken Lunge brennen. Sein ursprüngliches Vorhaben, die Gefährten im Osten zu treffen, ihnen das Kind zu übergeben und nach Süden zu fliehen, bis er die Soldaten vielleicht doch narren und ihnen entkommen konnte, hatte er längst verworfen. Das würde er niemals schaffen. Seine scharfen Sinne ließen ihn nach und nach im Stich, er roch kaum das Blut in der Kleidung und den Boden unter den Füßen, hörte weder den Wind noch die Rufe der Käuzchen. Wie sollte er da Verfolger wahrnehmen? Nein, das Wagnis, allzu dicht an den menschlichen Siedlungen vorbeizugehen, war zu groß, er würde gar nicht merken, wenn sie ihm dicht auf den Fersen wären. Es blieb nur eine Möglichkeit.

Schweiß lief ihm über die Stirn und er zitterte. Die Kälte in den Gliedern war der erste Bote des Todes. Er durfte nicht das Bewusstsein verlieren, nicht so knapp vor dem Ziel. Hoffentlich lebte die Alte noch, und hoffentlich waren auch ihre Schutzzauber schwach genug, dass er sie durchdringen konnte, sonst war alles verloren. Er hatte keine Kraft mehr, die anderen zu erreichen. Schwarze Flecken tanzten vor Cleas’ Augen und sein Atem rasselte. Die Dunkelheit schloss sich rings um ihn herum. Er prallte gegen Bäume, deren Silhouette er übersah. Inzwischen hatte er beide Arme um das Bündel gelegt, um es besser schützen zu können. Dafür zerkratzten ihn Äste, in die er blindlings gelaufen war. Das Kind, das Kind, sang es in seinem Kopf und trieb ihn vorwärts. Der Säugling schien von alledem nichts mitzubekommen und zu schlafen. Das kleine Herz pochte ruhig und gleichmäßig, während der Puls des Vaters vor Anstrengung raste. Wie lange würden seine Kräfte vorhalten? Der Schmerz in der Brust wurde immer stechender. Gleichzeitig wuchs die Angst, es nicht mehr zu schaffen. Das durfte nicht geschehen! Cleas rief den Nachtwind um Hilfe an, bat um Führung, doch seine Stimme reichte nur für ein Murmeln, bis auch dieses erstarb. Er klammerte sich mit aller Macht an die Hoffnung, gehört worden zu sein. Als die Bäume weiter auseinanderrückten – zumindest kam ihm das so vor, denn er stieß seltener dagegen –, glaubte er erhört worden zu sein. Das schenkte ihm neue Energie. Er durchquerte eine Senke, erklomm keuchend einen Hügel und folgte dem Lauf eines Baches, dessen Plätschern ihm einen Weg zu verraten schien. Bevor er recht wusste, warum, blieb Cleas plötzlich stehen. Blinzelnd starrte er auf den schwankenden Lichtschein vor ihm. Das musste die Hütte sein! Als er näher kam, konnte er ein erleuchtetes Fenster ausmachen, und dann sah er einen Schatten dahinter, die Alte war allem Anschein nach wach.

Sie sah nicht im Geringsten verwundert oder gar erschrocken aus, als er klopfte und gleich darauf durch die Tür stolperte, ohne eine Einladung abzuwarten. Ruhig stand sie in der Mitte des kleinen Raumes, von dessen Decke unzählige Büschel mit Kräutern hingen, und schaute ihn an. Hinter ihr prasselte ein Feuer im Kamin, doch die Wärme erreichte Cleas nicht. Er musste fürchterlich aussehen, blutig, von Dornen zerkratzt, die Kleider zerrissen. Aber die alte Frau verlor kein Wort darüber. Vermutlich hatte auch sie die Gabe zu sehen geerbt und wusste längst, dass und vielleicht sogar warum er auf dem Weg zu ihr war.

»Ihr müsst ihn schützen! Seine Mutter, sie wollte ihn töten …«, keuchte er und hielt ihr den Säugling hin, der im selben Augenblick erwachte und weinte. Die alte Frau nickte nur und nahm ihm das Kind ab.

»Sie dürfen ihn nicht finden!«, sagte er eindringlich.

Die Alte wickelte das Kind vorsichtig aus dem Umhang und strich ihm über das Köpfchen. Sofort wurde es still und schaute sie an. »Die Prophezeiung!«, murmelte sie.

Er hatte richtig vermutet. »Auf mich wartet der Tod«, fügte Cleas noch hinzu, riss sich eine Lederschnur mit einer bunt schillernden Feder vom Hals und legte sie auf das Bündel in ihrem Arm. Im selben Moment veränderten sich seine Augen und grüne Lichtfunken flirrten um schwarze Pupillen, während das wirbelnde Leuchten in den Augen seines Sohnes zu einem stumpfen Grün erlosch. Der Mann strich vorsichtig über die Wange des Säuglings, dann raubte ihm ein Hustenanfall beinahe die Sinne. Blutiger Schaum hatte sich auf seinen Lippen angesammelt.

»Ich werde sie von hier fortlocken. Vielleicht gelingt es mir, Hilfe zu holen«, sagte er mit heiserer Stimme.

Aber sie wussten beide, dass er das niemals schaffen konnte.

»Ich werde den Schnee rufen, damit er Eure Spuren verwischt«, antwortete die Alte. »Grian sei mit Euch!«

Und sie hielt Wort. Als ihn zwei qualvolle Stunden später endgültig alle Kräfte verließen und er am Rande einer Lichtung zusammenbrach, heulte ein Schneesturm über das Land. Sterbend sah er zu, wie der Himmel ihn unter einer weißen Decke begrub.

»Grian sei mit dir«, flüsterte er seinem Sohn einen letzten Gruß zu und der Wind trug die Worte mit sich.

Image

»Grian sei mit mir«, murmelte Gliceas, während er sich beinahe auf allen vieren durchs Unterholz kämpfte. Links von ihm knickte der Orkan mächtige Bäume, als wären es dürre Äste. Das Krachen des splitternden Holzes und das Heulen des Windes waren so laut, dass seine Ohren wehtaten. Die Angst des Jungen stieg ins Unermessliche. Er hatte die Anzeichen des herannahenden Sturmes rechtzeitig genug bemerkt, um nach Hause zurückkehren zu können, aber dann aus Trotz beschlossen, sie nicht zu beachten. Doch sterben wollte er keineswegs! Falls ihm das überhaupt auf diese Weise möglich war. Glic, wie er meist genannt wurde, war sich unsicher, und die Alte konnte er jetzt nicht fragen. Er wusste nur, dass ihm Eisen zum Verhängnis werden könnte. Allerdings war die Vorstellung, unter einem umgestürzten Baum gefangen zu sein, auch ziemlich beunruhigend. Wer würde ihn hier finden und befreien? Die Alte bestimmt nicht, sie wagte sich ganz im Gegensatz zu ihm schon lange nur noch ein paar Schritte von der Hütte fort. Er wunderte sich, ob sie die Bäume davon abhalten konnte, auf das Dach zu fallen. Vermutlich, sie besaß schließlich die Fähigkeit, ihm den Zugang zum Waldrand zu verwehren, und er hatte wirklich alles versucht, um dorthin zu gelangen. So wie während der letzten drei Tage, und die Wut, dass sie ihn gegen seinen Willen hier festhielt, wurde immer größer. Sie machte aus seinem Zuhause ein Gefängnis für ihn, aus dem es kein Entrinnen gab. Glaubte sie tatsächlich, er würde sich dumm anstellen und bei der ersten Gelegenheit entdeckt werden? Im Moment hielt er selbst sich bloß für dumm genug, zu spät Schutz vor dem Sturm gesucht zu haben.

Mittlerweile war es so dunkel geworden, dass er den Dachs fast nicht gesehen hätte. Das Tier arbeitete sich auf seinen kräftigen Pfoten den kleinen Abhang vor ihm hinauf und war plötzlich verschwunden. Glic atmete auf. Das war die Rettung, dort musste ein Unterschlupf sein! Der Wind schien mit aller Kraft verhindern zu wollen, dass der Junge sein Ziel erreichte. Eiskalter Regen peitschte ihm in die Augen und nahm ihm die Sicht, Tannenzapfen und Astwerk prasselten ihm auf Kopf und Schultern. Und mehr als einmal wurde er umgeworfen. Doch im Gegensatz zu den Baumriesen hatte er Arme und Beine und konnte wieder aufstehen. Endlich war er an der Stelle angekommen, an der er den Dachs zuletzt erblickt hatte, und richtig, vor ihm öffnete sich der Eingang zu einem Fuchsbau. Glic zwängte sich ohne zu zögern und so schnell wie möglich hinein. Der Gang war sehr eng, aber Glic war schmal genug, um nicht stecken zu bleiben, und sobald er die Wohnhöhle erreichte, würde er mehr Platz haben. Vor ihm blieb alles ruhig. Offenbar war der Bau unbewohnt, sonst wäre es längst zum Kampf gekommen. Füchse mochten keine unangemeldeten Besucher.

Er roch den Dachs, bevor er sein kurzes Fauchen hörte. »Sei ruhig, Dicker! Ich will dir ja gar nicht ans Fell.« Glic verfiel sofort in den leisen Singsang, den er Tieren gegenüber anschlug. »Rück ein wenig zur Seite, damit wir beide hier Platz haben. Bei dem Wetter will ich genauso wenig draußen sein.« Er tastete vorsichtig mit den Händen den Boden vor ihm ab, bis er die Wärme des Tieres spürte. Ganz sacht strich er ihm über den Pelz. Der Dachs schnaufte hörbar, aber ließ es geschehen, und Glic kauerte sich neben ihm zusammen. Nicht einen Augenblick kam es ihm in den Sinn, dass dies ein ungewöhnliches Verhalten war oder ihm der Dachs sogar gefährlich werden könnte. Von klein auf waren wilde Tiere für Glic zutrauliche Spielgefährten gewesen, und er wusste nicht, dass sie Menschen gegenüber eine natürliche Scheu besaßen. Und so warteten beide eng aneinandergeschmiegt, um sich gegenseitig Wärme zu geben, auf das Ende des Orkans.

Doch dieser schien keine Eile zu haben, die Insel zu verlassen und weiterzuziehen. Auch wenn ihm die Dunkelheit jedes Zeitgefühl genommen hatte, sein quälender Hunger sagte Glic, dass die Nacht gekommen und gegangen war, ohne den Sturm mit sich zu nehmen. Die wenigen getrockneten Moosbeeren, die er in der Tasche fand, hatte er bereits mit dem Dachs geteilt. Mehr als einmal bebte der Boden und es rieselte Erde auf die beiden hinunter, weil Bäume in der Nähe umstürzten. Hoffentlich fällt keiner auf den Eingang, dachte Glic. Er fürchtete, sie würden verhungern, bevor der Dachs mit seinen kräftigen Pfoten einen Weg ins Freie gegraben hätte. Trotz des tosenden Lärms über ihnen schlief er ab und zu ein, es war schwer, untätig in der Finsternis wach zu bleiben. Als er wieder einmal aufschrak, merkte er sofort, dass sich etwas verändert hatte, und auch der Dachs wurde unruhig. Doch es dauerte, bis dem Jungen auffiel, was genau es war: Draußen herrschte Stille! Obwohl sie nicht wussten, was sie oben vorfinden würden oder ob sie überhaupt ohne Weiteres ins Freie gelangen könnten, drängte es die beiden ins Freie. Glic ließ den Dachs vorauskrabbeln. Sollte der Eingang verschüttet sein, wäre das Tier eher in der Lage, einen Weg hinaus zu graben.

Schnaufen und Knurren vor ihm sagten Glic, dass seine Befürchtungen eingetroffen waren. Aber als er das Tier eingeholt hatte, fühlte er nichts als Blätter unter seinen Händen. Es raschelte und Holz knackte, dann hatte sich der Dachs durch das Astwerk gezwängt. Glic quetschte sich dicht hinter ihm durch die Zweige. Plötzlich fiel ihm Regen ins Gesicht, er hatte es geschafft! Vor Freude wollte er aufspringen, aber er musste sofort die Augen schließen, zu hell war es nach der langen Dunkelheit in der Höhle. Endlich hatte er sich ein wenig an das Licht gewöhnt. Schwerfällig vom langen Kauern in dem niedrigen Unterschlupf stand er auf und bestaunte blinzelnd die Umgebung, die ihm völlig fremd geworden war. Selbst der Dachs richtete sich einen Moment auf und witterte. Dann ließ er sich wieder auf den Boden plumpsen und erkundete den Waldboden nach Essbarem. Glic erholte sich nicht so schnell von seiner Überraschung. Zu ungewohnt wirkte die riesige Lichtung mit den unzähligen übereinandergestürzten Bäumen, wo vorher dichter Wald gewesen war. Man konnte den Himmel sehen!

Vorsichtig arbeitete sich Glic in die Richtung voran, in der er sein Zuhause vermutete. Er brauchte lange, um über die Stämme zu klettern, das nasse Holz war glitschig. Auf keinen Fall durfte er ausrutschen, zu leicht konnte er sich dabei den Fuß einklemmen. Sein pelziger Gefährte war längst verschwunden. Wenigstens hatte der Regen nachgelassen und nach einer Weile hörte er sogar ganz auf. Glic war froh, sein langsames Fortkommen gestaltete sich wesentlich angenehmer, wenn ihm nicht ständig Wasser unter den Kragen und den Rücken hinablief. Irgendwann hatte er die Lichtung überquert und wieder Wald erreicht. Trotzdem musste er auch hier vorsichtig sein. Überall lagen abgebrochene Äste im Weg und über ihm knarrte und krachte das Holz bedenklich. Vermutlich würden noch etliche angebrochene Zweige der Schwerkraft nachgeben und herunterfallen. Er versuchte darauf zu achten, um nicht erschlagen zu werden. Aber gleichzeitig das, was über ihm vorging, und den Boden im Auge zu behalten, war auf die Dauer zu anstrengend. Er musste sich darauf verlassen, dass seine feinen Ohren ihn rechtzeitig vor dem brechenden Holz warnten, damit er seinen Blick auf die Unebenheiten zu seinen Füßen richten konnte. Während er sich vorwärtsarbeitete, entdeckte er ständig Lichtungen, wo vorher keine gewesen waren, übersät mit umgestürzten Bäumen. Es war, als hätte ein wütender Riese mit der Faust auf den Waldboden getrommelt. Glic hätte nie gedacht, dass der Wind solche Kräfte entwickeln konnte.

Ein lautes Rauschen und Plätschern kündigte ihm ein Gewässer an. Dies musste der Bach sein, der von Osten nach Westen an der Hütte vorbeifloss, und damit hatte er eine Wegmarke gefunden, die ihm bestätigte, dass er tatsächlich nach Norden ging. Außerdem konnte er dort seinen Durst stillen und zum Glück entdeckte er am Ufer Wasserkresse, die er hungrig verschlang. Das beruhigte wenigstens den Magen, der schon seit einiger Zeit unaufhörlich murrte.

Nicht lange danach schenkte der Himmel der verwüsteten Erde ein Wunder. Sonne durchbrach die Wolkendecke und ließ die Feuchtigkeit des Regens verdampfen. An manchen Stellen des Waldes sammelte sich sogleich dichter Nebel und durch die Verheerungen des Sturmes wirkte alles fremd. Glic war bereits mehrmals vom Weg abgekommen. Trotzdem genoss er die ungewohnte Helligkeit und Wärme, blieb hie und da stehen, um sie anzuschauen. Das ließ schwarze Flecken vor seinen Augen schwimmen, aber die waren ihm egal. Es geschah zu selten, dass sich Sonnenstrahlen bis hier unten durchkämpfen konnten, und manchmal glaubte er sogar, das Himmelslicht wäre für immer verschwunden. Er spürte sofort eine herrliche Leichtigkeit, die auch die letzten Schatten des Sturms vertrieb und die ganze Zerstörung in einem milderen Licht erscheinen ließ. Übermütig balancierte er auf umgestürzten Baumstämmen, ohne darauf zu achten, wohin er seine Füße setzte, die Arme ausgebreitet, als wollte er das Leuchten auffangen. Nicht nur er freute sich über diese Veränderung, der ganze Wald schien aufzuatmen, das Moos in atemberaubender Geschwindigkeit aufzublühen. Eine Ewigkeit hatten sie darauf gewartet! Seit Jahren schon konnte man das Blau des Himmels überhaupt nicht mehr sehen. Stattdessen gab es gewaltige Unwetter, die früher in dieser Jahreszeit kaum vorgekommen waren, soweit man von Jahreszeiten überhaupt noch sprechen konnte. Eigentlich gab es nur Schnee und eisige Kälte oder endlosen Regen und erträgliche Kälte. Glic spürte in sich und auch um sich herum die Hoffnung aufkeimen, dass es damit vorbei sein könnte. Doch viel zu schnell wichen Sonne und Wärme wieder dem wohlbekannten Grau. Die zurückkehrende Kühle war jetzt kaum zu ertragen. Glic wünschte sich eine Möglichkeit, den Lauf der Dinge umzukehren, aber fand sich schließlich damit ab, dass es nicht in seiner Macht stand. Das Zwitschern eines Rotkehlchens half ihm den Gleichmut wiederzufinden. Er schimpfte ein wenig auf den Sturm, der ihn so lange in dem Fuchsbau festgehalten hatte, und setzte dann seinen Weg fort. Die Alte würde ihm wegen seines Ausbleibens endlose Vorhaltungen machen. Dabei war er mit beinahe zwölf Jahren groß genug, um auf sich aufzupassen, sollte sie sich doch um sich selbst kümmern! Ganz verdrängen ließ sich das schlechte Gewissen jedoch nicht und er spürte eine seltsame Unruhe in sich. Erst dachte er, das käme von der tiefgreifenden Umgestaltung der vertrauten Umgebung, aber dann schien es ihm, als riefe ihn jemand. Oder war es nicht eher so, als würde er beobachtet? Suchende Augen schienen ihm zu folgen und jagten ihm eine Gänsehaut über den Rücken. Immer schneller hastete er zwischen dicht stehenden oder umgestürzten Bäumen hindurch, bis er beinahe rannte. Außer Atem kam er bei der kleinen Lichtung an, auf der die Hütte stand. Sofort fiel sein Blick auf den Kamin, aus dem kein Rauch drang. Er verlangsamte den Schritt und blieb schließlich stehen, sah sich um und lauschte. Nichts Ungewöhnliches war zu hören, im Gras keine Spuren von ungebetenen Besuchern. Zwar konnte der Sturm diese verwischt haben, aber er fühlte, dass sie allein waren. Trotzdem stimmte etwas nicht, obwohl scheinbar alles gleich geblieben war. Der Wind war gnädig mit diesem Teil des Waldes umgegangen. Erneut musterte er sein Zuhause, das bis auf den fehlenden Rauch aussah wie an jedem anderen Tag. Nein, hier war kein Fremder aufgetaucht! Mit klopfendem Herzen betrat er schließlich die Hütte.

Im Hauptraum war alles unverändert, nur das Feuer brannte nicht mehr. Vermutlich schon seit einiger Zeit, denn es war kalt. Die Decke auf seinem Lager neben dem Herd lag genauso da, wie er sie vor einigen Tagen von sich geschoben hatte. Sogar der nur halb gegessene Fladen, inzwischen Ziel einer Ameisenstraße, befand sich noch auf dem Tisch. Glic wurde immer beklommener zumute. Was war mit der alten Frau geschehen? Leise schlich er hinüber zur zweiten Tür, um in ihre Kammer zu schauen. Er fand sie reglos im Bett. Es kam ihm vor, als atmete sie nicht mehr. Das Gesicht war bleich und noch eingefallener als sonst. Die Nase ragte spitz und fahlgelb empor. Mit zitternden Fingern berührte er ihre Hand. Sie war kalt und er zuckte zurück. Gerade wollte er aus der Hütte rennen, als sie die Augen aufschlug.

»Du kommst spät«, flüsterte sie so leise, dass er sich hinunterbeugen musste, um sie zu verstehen.

»Der Sturm, er … er hat mich aufgehalten«, stammelte er und erschrak, als sie plötzlich mit festem Griff seine Hand packte.

»Vergiss nicht, was ich dir beigebracht habe, Junge! Und verliere nie die Feder, es wäre dein Tod!«

Gliceas nickte, nicht sicher, ob sie das wahrnahm.

Aber sie sprach in drängendem Tonfall weiter, als hätte sie keine Zeit zu verlieren. »Geh in die Stadt und suche Ardal, den Schreiber. Er wird dich beschützen, bis die Zeit reif ist.«

»Reif für was?«, fragte er verwundert. Sie blieb ruhig, die Hand, mit der sie ihn hielt, erschlaffte, und gerade als er glaubte, sie wäre bereits von ihm gegangen, entfuhr ihrem Mund ein kaum hörbares Seufzen und sie wisperte: »Verbrenne … die Hütte … verbrenne alles …«

Gliceas brauchte zwei Tage, ehe er sich überwinden konnte, sein Zuhause und den Leichnam der alten Frau dem Feuer zu übergeben. Er redete sich ein, warten zu müssen, bis alles trocken genug wurde, um zu brennen. In Wahrheit konnte er sich nicht trennen, es war alles, was er kannte. Hatte er sich auch oft danach gesehnt, die Welt zu erkunden, bekam er plötzlich Angst vor dem Unbekannten. Irgendwann siegte die Neugier über seine Ängste und er packte entschlossen ein paar Habseligkeiten in einen Beutel, zog die Tür hinter sich zu und zündete die Bündel aus dürren Ästen an, die er vor der Hütte und rings herum aufgeschichtet hatte. Nicht lange und die Flammen schlugen oben zum Dach hinaus. Er beobachtete, wie die Wände einstürzten, und sein Blick verschwamm.

»Grian sei mit dir!«, sagte er leise, rieb sich die Augen und ging davon, ohne sich noch einmal umzusehen.

Image

Zarte Schleier in allen Farben verhüllten die Wände und wehten in dem Luftzug, den die Frau mit sich brachte, als sie die Gänge entlangeilte. Die fließende Art ihrer Bewegungen, als befände sie sich unter Wasser, die hohe schlanke Gestalt, die offenen hüftlangen schwarzen Haare mit dem bläulichen Glanz und die mehrfarbigen Augen in einem ungewöhnlich ebenmäßigen Gesicht verrieten, dass kein menschliches Blut in ihren Adern floss. Auch der Stoff ihres Gewandes war sicher nicht von eines Menschen Hand gewebt worden. Zu fein und leuchtend sah er aus, mehr ein Gespinst aus Regenbogen als Tuch von robuster Wolle. Dies galt auch für die Schleier zu beiden Seiten der Flure. An einigen Stellen schienen sie aus Gold- und Silberfäden zu bestehen, an anderen wurden sie zu einem Schimmern, als wären sie nicht mehr stofflich, sondern bloße Sinnestäuschung, die Luftwirbeln gleich durch einen sommerlichen Himmel wogte, der Wärme und Licht versprach. Ab und an traten die Wände zurück und öffneten sich zu einem großen Rund, in das mehrere Gänge mündeten. Hier änderte sich die Struktur des Stoffes, wurde zu einem gleißenden Fließen, einem rhythmisch bewegten Meer, dessen Oberfläche die Sonne widerspiegelte. Fast meinte man, das Rauschen des Ozeans zu hören. Wasserbecken und Sitzplätze in Muschelform, die in der Mitte des Raumes zum Verweilen und Träumen einluden, verstärkten die Illusion. An einem dieser Plätze wuchs in der Mitte ein Baum, dem man erst bei genauerem Hinsehen anmerkte, dass er aus Jade und Jaspis gehauen war. Seine Zweige und Blätter waren so fein gearbeitet, dass man meinte, ein Rascheln zu vernehmen. Auf einem Ast hoch oben in der Krone hockte ein Vogel, dessen lange Schleppe beinahe den Boden erreichte. Das wirklich Ungewöhnliche war jedoch die Farbe des Federkleides, die intensiv schillerte und vor allem beständig wechselte. Man hätte nicht bestimmen können, ob Blau- oder Rottöne vorherrschten oder der Vogel sogar von grellem Gelb oder Grün war. Selbst metallisches Glitzern war zu sehen, wenn er den Kopf hin und her drehte, um die Umgebung zu beobachten. Sein Gesang war mindestens so einlullend wie das Plätschern der Brunnen.

Doch Lasair war nicht nach Ruhe und fantasievollen Gedanken zumute. Sie achtete auch kaum auf das Tier. Unruhe hatte sie erfasst, etwas hatte sich verändert, aber sie hatte Schwierigkeiten auszumachen, was geschehen war. Ganz bestimmt war sie nicht die Einzige, die diesen winzigen losen Faden im Gefüge der Welt bemerkt hatte. Aithreo achtete Tag und Nacht auf den Verlauf der Dinge, er musste um ihrer aller Sicherheit willen darauf aufpassen. Seine Wahrnehmung schien dafür am besten ausgeprägt, und er konnte meist am klarsten sehen, was geschah. Ob Grian in ihrer Weisheit ihn deshalb zu ihrem Gefährten erwählt hatte? Lasair war unschlüssig, wie alle anderen hatte sie diese Wahl überrascht. Doch von heute aus betrachtet war es einzig Aithreos Fähigkeiten zu verdanken, dass ihr Volk trotz Grians Verschwinden überlebt hatte.

Lasair brauchte nicht lange nach ihm zu suchen. Sie wusste genau, wohin er sich zurückgezogen hatte. Er besaß ein unfehlbares Gespür, wann es an der Zeit war, den Stern zu befragen. Gerne ging er nicht in Grians Reich. Niemand von ihnen tat das, zu viele Erinnerungen waren mit den Gegenständen darin verknüpft. Auch Lasair zögerte, bevor sie den goldenen Schleier beiseiteschob, der den Eingang verhüllte. Manchmal konnte sie den Verlust ihrer Schwester kaum ertragen und in Grians Gemach war der Schmerz darüber besonders stark. Heute musste niemand mehr die Augen schließen, wenn er eintrat. Das strahlende Licht des Sterns war nur noch ein unstetes Flackern, das kaum den Raum durchdrang, und sie fürchtete den Tag, an dem es nur noch ein Glimmen sein würde, um alsbald völlig zu erlöschen. Was würde dann mit ihnen allen geschehen, könnte die Welt weiter bestehen? Nicht einmal Maidin hatte darauf eine Antwort. Die letzte ihrer Prophezeiungen hatte keinen Aufschluss darüber gegeben und Maidin selbst war seit Langem verstummt.

Wie sie vermutet hatte, stand Aithreo vor der Alabastersäule, seine linke Hand auf den mannshohen Bergkristall gelegt, in dessen Innerem der Stern eingeschlossen war. Lasair trat näher, die Seide ihres Gewandes raschelte. Sie gab sich keine Mühe, leise zu sein. Er hatte sicher längst wahrgenommen, dass sie kam.

»Was siehst du?«, fragte sie und in ihrer Stimme schien das Trillern eines Vogels mitzuschwingen.

Aithreo drehte langsam den Kopf und öffnete seine Augen. Sie sah die silbernen Lichtpünktchen, die ihn so sehr von den anderen unterschieden, um seine Pupillen tanzen.

»Er ist allein.«

Lasair hob erschrocken die Hand, als wollte sie die Nachricht abwehren. »Welcher der beiden?«

Eine Weile sagte Aithreo nichts, dann ließ er den Kristall los. »Cleas’ Sohn.« Weitere Erklärungen gab er ihr nicht.

Lasair war seine Ruhe unbegreiflich. »Wir müssen ihn retten!«, sagte sie drängend und machte noch einen Schritt auf ihn zu. Doch sie erntete nur ein Kopfschütteln. »Aber …«, hob sie an. Ein Blick ließ sie verstummen. Oder war es der Frost, der sich plötzlich in dem Raum ausbreitete und als Reif auf den zarten Schleiern niederließ, die die Wände bedeckten? Nun, dagegen konnte sie etwas tun! Flammen züngelten um ihre Füße, breiteten sich in alle Richtungen aus. Augenblicklich wurde es wärmer. »Dies ist Grians Reich!« Lasairs Empörung war nicht zu überhören. Niemand außer ihrer Schwester hatte das Recht, hier seine Macht spielen zu lassen. Die Flammen fielen in sich zusammen, der Reif schmolz und verdampfte.

Aithreo ging auf den Vorwurf nicht ein. Starr schauten sie einander ins Gesicht, als könnten sie sich mit Blicken durchbohren. Die Anspannung ließ die Luft knistern. Keiner von ihnen sah, wie der Stern im Bergkristall für einen Augenblick heller leuchtete.

»Wir greifen erst ein, wenn er in Gefahr ist.« Mit diesen Worten löste Aithreo den Bann und machte Anstalten, den Raum zu verlassen. Lasair hielt ihn am Ärmel fest, gelb und orange loderte es in ihren Augen, die mehr denn je einem wilden Feuer glichen. »Ich werde ihn beschützen. Sie sind unsere einzige Hoffnung!«

Sie hatte Widerspruch erwartet, doch Aithreo nickte nur. »Das ist deine Aufgabe«, sagte er ruhig, als wäre es schon länger seine Idee gewesen. Er machte sich los von ihr, und kurz bevor er sich durch den Schleier am Eingang schob, wandte er sich noch einmal zu ihr um. »Vergiss darüber deine anderen Pflichten nicht!« Aithreo sah nicht mehr, wie Lasair buchstäblich aufflammte.

Image

Nur einen Augenblick war Dídean unaufmerksam gewesen, und schon entwischte ihr Schützling. Sie ahnte, wohin er verschwinden wollte, denn nur sehr widerstrebend war er ihr gefolgt, um sich im Weinkeller vor dem Orkan in Sicherheit zu bringen. So schnell war das Unwetter aufgezogen, dass sie nicht einmal Zeit gehabt hatten, Jacken oder Decken aus ihren Zimmern mitzunehmen. Sie hatte Dallachar am Arm packen und regelrecht mit sich ziehen müssen, weil er unbedingt umkehren wollte, um etwas aus seiner Truhe zu holen. Er weigerte sich zu verraten, worum es sich handelte, aber es hätte ohnehin nichts genützt, sein Leben war wichtiger als jeder Gegenstand.

»Wo ist der Prinz?«, fragte eine scharfe Stimme neben ihr.