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Daniel G. Keohane

PLAGE DER
FINSTERNIS

Aus dem Englischen von

Ulrike Gerstner und Michael Krug

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© OTHERWORLD VERLAG KRUG KEG

Da sprach der Herr zu Mose: Streck deine Hand zum Himmel aus; dann wird eine Finsternis über Ägypten kommen und es wird stockdunkel werden.

Mose streckte seine Hand zum Himmel aus und schon breitete sich tiefe Finsternis über ganz Ägypten aus, drei Tage lang.

Man konnte einander nicht sehen und sich nicht von der Stelle rühren, drei Tage lang.

Wo aber die Israeliten wohnten, blieb es hell.

Exodus 10:21-23

KAPITEL 1

Das Wetter war wirklich gut für August, das Thermometer erreichte kaum 27 Grad Celsius. Als die Sonne am Mittag ihren Höchststand erreichte, war der Himmel klar und strahlend blau. Und weniger als eine Stunde bevor ihre Welt von der Finsternis verschlungen wurde, segelte ein Football an Gem Davidsons Fenster vorbei, geriet außer Sicht und wurde mit einem flapp von jemandes Hand gefangen. Es mussten ihr Bruder Eliot und sein Kumpel Carl sein, die sich draußen den Ball zuwarfen, während sie auf das erste Spiel der Patriots in dieser Saison warteten, das um dreizehn Uhr beginnen sollte. Die beiden Jungs plapperten so aufgeregt über das Spiel, als ginge es in Wahrheit um die Wiederkunft Jesu. Gem überraschte, dass Mrs. Watts noch nicht herausgestürmt war, um die beiden anzuschnauzen, sie sollten sich gefälligst von ihrem Rasen herunterscheren – immerhin gehörte den neuen Nachbarn, technisch gesehen, ein Großteil des Grundstücks zwischen Gems Haus und der Kirche.

Keine Kirche, berichtigte sie sich selbst. Von außen hatte das Gebäude schon immer größtenteils normal ausgesehen, eigentlich fast so wie alle anderen Häuser in der Nachbarschaft. Aber von innen ... nun ja, mittlerweile musste dieser Ort ausgeweidet, demoliert und mit Löchern in den Wänden zurückgelassen worden sein. Zumindest nahm Gem an, dass es so war, denn seit der Zeremonie im letzten Dezember hatte sie keinen Fuß mehr in dieses Haus gesetzt – seit der Bischof und alle anderen zurückgekehrt waren, um Gott vor die Tür zu setzen. Gem hatte während jener Zeremonie ein paar Minuten durch das Fenster gelugt und sogar einen letzten, verstohlenen Besuch in die untere Diele gewagt, während oben alle eifrig Lieder sangen. Sie selbst hatte nie zu der Kirchgemeinde gehört, die sich jeden Sonntag nebenan traf. Und obwohl Gem nie Teil dieser kleinen Sippe gewesen war, mochte sie nichtsdestotrotz die Musik, die man dort spielte. Jetzt vermisste sie es, Sonntagmorgens damit aufzuwachen, im Bett zu liegen und den Gesängen und der Orgel zu lauschen.

Paul Brooke hatte Gem in jener Nacht erwischt, in der er und drei andere Typen den Altar nach draußen getragen hatten. Paul, der einen Jahrgang über ihr in der Highschool war und diese stahlblauen Augen besaß, mit denen er ihr weiche Knie bescherte, wann immer sie ihm in den Schulfluren begegnete. Er erklärte ihr knapp, dass die Kirche verweltlicht würde. Bis heute ergab das keinen wirklichen Sinn für Gem. Man konnte eine Kirche doch nicht einfach so schließen, nur weil irgendjemand plante, sie zu kaufen.

Seit Dezember gingen nun Mr. und Mrs. Watts, der Architekt und seine Frau, die das Gebäude gekauft hatten, jedes Wochenende hier ein und aus; sie brachten frisches Schnittholz, lachten und winkten, wenn sie Gem sahen – zumindest Mister Watts tat das. Er schien recht nett zu sein. Seine Frau allerdings hatte diesen grimmigen, nachbarhassenden Blick perfektioniert, der zumeist in Richtung Gem ging. Bis jetzt hatte die neue Nachbarin zwar noch kein Aufhebens wegen Eliots unablässigem Spielen zwischen den beiden Häusern gemacht, aber das war wohl auch nur eine Frage der Zeit ...

Gem winkte nie zurück und versuchte, ihnen keine Aufmerksamkeit zu schenken. Der Klang der Sägen und Hämmer war in den vergangenen Wochen verstummt. Letzten Donnerstag jedoch erwähnte Gems Mutter – bei einer der seltenen Gelegenheiten, bei denen sich Deanna Davidson tatsächlich gemeinsam mit ihrer Familie an den Abendbrottisch setzte –, dass sie einen Umzugswagen vor dem Nachbarhaus hatte stehen sehen. Gem hatte jenen Tag mit ihrem Immer-mal-wieder-Freund Matt – mit dem dieses ständige Hin und Her in letzter Zeit deutlich zunahm – am Salisbury Beach verbracht. Gott sei Dank! Ansonsten wäre es wirklich ein trübseliger Anblick gewesen.

Zumindest aber bedeutete ein Umzugswagen, dass die Löcher in den Wänden wahrscheinlich zugespachtelt worden waren.

Gem lehnte sich nach vorn, das Kinn auf die Hand gestützt, und starrte aus dem Fenster. Ihre Augen folgten der Bahn des Footballs, den sich die beiden Jungen fortwährend zuspielten. Matt war diese Woche mit seiner Familie im Urlaub und Audrey, ihre beste Freundin, war mit ihrem Schwimmteam bei einem Wettkampf in Sterling. Es war ein so herrlicher Sommertag, und sie hatte nichts zu tun. Vielleicht sollte sie allein zum Strand gehen, um sich ihrer Sonnenbräune zu widmen. Auch der funkelnagelneue Führerschein schien ihr, ungeachtet dessen, dass er noch eingeschränkt war, bis sie in anderthalb Jahren achtzehn würde, gleichsam Löcher in die Tasche zu brennen. Einen flüchtigen Moment fragte sie sich, was Paul Brooke treiben mochte, bevor sie den Gedanken schnell wieder verdrängte. Er grüßte sie seit Neuestem viel häufiger, wenn sie sich in der Schule trafen; er hatte sie sogar in jener unrühmlichen Winternacht eingeladen, sich die ›neue Kirche‹ in Westminster einmal anzuschauen. Gem wollte in die Geste jedoch nicht allzu viel hineininterpretieren. Wenn er sie wirklich ausführen wollte, hätte er sich bestimmt etwas Romantischeres ausgedacht.

Sie erhob sich von ihrem Stuhl und begab sich nach unten. Das Haus präsentierte sich still. Ihr Dad war auf dem Dachboden und bastelte an seinem Amateurfunkgerät – wie üblich. Zweifellos war er gerade in ein Gespräch mit einem anderen Funker vertieft, wahrscheinlich jemand aus Deutschland. Diese gesichts- und körperlosen Stimmen aus dem Äther stellten seine wahre Familie dar. Ihr Bruder und sie bildeten lediglich Randfiguren, die nur dann wieder in sein Blickfeld rückten, wenn ihr Vater so gnädig war und nach unten kam, um zu sehen, was der Rest der Hausbewohner so trieb. Gem versuchte, sich zu erinnern, wohin ihre Mom gehen wollte. Weg ... irgendwohin.

Gem ließ sich schlussendlich auf der Veranda nieder. Hier konnte man nicht wirklich gut braun werden, aber sie hatte auch nicht vor, sich auf ein Handtuch zu legen und sich von Eliots dämlichem Freund anglotzen zu lassen. Ihr Bruder erschien linker Hand und rannte zurück, um einen langen Pass zu fangen. Als er Gem bemerkte, grüßte er sie, doch sie ignorierte ihn geflissentlich.

Ein Auto hielt mit quietschenden Bremsen vor der Kirche. Sie beobachtete es mit gleichgültiger Miene, sie verlagerte lediglich ihr Kinn auf eine Faust, um besser sehen zu können, wer da vorfuhr. Das Auto war ein Volvo mit hässlich brauner Lackierung. Gem wusste bereits, wem der Wagen gehörte, noch bevor die große, rothaarige Frau ausstieg. Mrs. Lindu war zurück. Reverend Joyce Lindu und ihre Tochter Rebecca hatten nebenan gewohnt, seit Gem denken konnte. Joyce war zudem die Pastorin in der Kirche gewesen, zumindest solange es eine Kirche gewesen war. Soweit Gem wusste, arbeitete Mrs. Lindu in dem neuen Schuppen, drüben in Westminster, immer noch als Priesterin, aber dort war sie mittlerweile nicht mehr der Oberhoschi. Eine Zeit lang hatte es auch einen Mister Lindu gegeben, aber er hatte sich schon vor einer Weile von ihr getrennt. Was für ein Glück!, befand Gem. Sie war überzeugt, dass es nicht jedermanns Sache war, auf engstem Raum in einem Haus zu leben, das eigentlich eine Kirche darstellte. Als sie an ihn dachte, zog sich ihr Magen angstvoll zusammen, daher konzentrierte sie sich lieber auf Joyce. Die Frau hatte ebenfalls an der Winterzeremonie teilgenommen, und ausgehend von dem kurzen Blick, den Gem damals durch die Türen von ihr erhascht hatte, war die Pastorin nicht allzu glücklich gewesen. Letzten Endes hatte eigentlich keiner so wirklich glücklich ausgesehen, wenn man es recht betrachtete.

Gems Puls erreichte ein etwas lebhafteres Tempo, als Joyce die Tür schloss und sich so ein Priesterschärpen-Dingsbums um den Hals legte. Sie trug ein Buch und schaute hoch zu dem Haus der Watts’.

Gemächlich erhob sich Gem und stieg die Treppen der Veranda hinunter. Sie beabsichtigte, ein paar Schritte zu laufen und vorzugeben, sie würde die Jungs beobachten ... aber sie hielt nicht an. Sie ging an Eliot vorbei und ignorierte seinen fragenden Blick. In ihrem Kopf schrie es, Geh zurück, los, geh zurück!, aber ein Gedanke hatte sich wie ein Splitter in ihrem Gehirn festgebohrt, als sie gesehen hatte, wie sich Joyce dieses Ding über ihre Schultern legte. Während Gem über den Rasen lief und dabei das Haus der Watts’ passierte, begriff sie zwei Dinge. Erstens, sie trug keine Turnschuhe. Also würden ihre weißen Socken Grasflecken davontragen. Zweitens, die Frau würde in keinem Fall die Kirche wieder eröffnen und hier auch definitiv nicht noch einmal einziehen. Sie kam wahrscheinlich nur zu Besuch. Gem hatte nun einen Punkt erreicht, an dem sie nicht mehr zurückkonnte: Sie stand auf der Einfahrt der Watts’, während der Asphalt heiß durch ihre Socken brannte. Joyce hielt inne, da der Zugang zum Haus gewissermaßen blockiert war, und schenkte dem Mädchen ein breites Lächeln.

»Gem!« Joyce schloss zu ihr auf und nahm sie in eine lange Umarmung. »Wie geht es dir?«

»Ich ...«, begann sie, noch etwas verwirrt von der Zuwendung. »Mir geht’s ganz gut soweit. Werden Sie hier wieder aufmachen? Die Kirche, meine ich.« Warum hatte sie das gesagt? Dachte sie wirklich, dass die Watts das ganze Jahr herumgewerkelt hatten, nur um diese Frau anschließend wieder hier einziehen zu lassen? Was, zur Hölle, kümmerte sie das? Sie war nie zu den Gottesdiensten gegangen, nicht ein einziges Mal. Ihre Familie war nie das gewesen, was man Kirchgänger nannte.

Joyce sah sie einen Moment wortlos an und strich dann kurz über Gems Wange. Die Berührung war kühl und herzlich. Ihr Schweigen konnte allerdings sowohl Verachtung als auch Mitleid ausdrücken. »Nein«, flüsterte sie, »tut mir leid.«

Gem sah nach unten und beobachtete, wie ihre Socken langsam mit dem Asphalt verschmolzen. Sie konnte keine Worte finden – was sollte sie auch nach solch einer dummen Frage sagen?

»Du scheinst aufgebracht deswegen«, fügte Joyce hinzu. »Hast du es dir anders überlegt, was all die Einladungen angeht?« Die ältere Frau hatte dies zwar mit einem Lächeln vorgebracht, dennoch kränkten Gem die Worte ein kleines bisschen. Über die Jahre hinweg hatte Joyce es sich zur Aufgabe gemacht, die Davidsons von nebenan einzuladen, entweder auf einen kurzen Besuch oder, was viel häufiger vorkam, zu den Gottesdiensten. Ersteres wurde ein paar Mal wahrgenommen, denn obwohl Gem und Rebecca sechs Jahre Altersunterschied aufwiesen, kamen sie eigentlich recht gut miteinander aus. Bec hatte sogar ab und an auf sie aufgepasst, als Gem noch klein war. Doch niemals wurde die Einladung, den Andachten beizuwohnen, von ihren Eltern akzeptiert. Aus irgendwelchen Gründen hörten die Einladungen nach Eliots Geburt auf – wahrscheinlich war Joyce der ständigen Ablehnungen überdrüssig.

Gem grub die Hände tiefer in die Taschen ihrer Jeans. »Nein, bin ich nicht. Ich meine, es ist nur das ... ach, ich weiß nicht ... Es ist seltsam, so etwas einfach für immer zu schließen.«

Joyce legte eine Hand auf Gems Schulter und drehte sie behutsam in Richtung des Hauses. »Eine Gemeinde zu schließen ist immer eine schwierige Entscheidung. Aber es ist in bester Absicht geschehen. Alle finden durchaus Gefallen an der neuen Kirche, und in gewisser Weise wird dieses Gebäude immer ein Teil von uns bleiben. Hast du die Watts schon kennen gelernt?«

»Nein!« Das klang barscher, als sie es beabsichtigt hatte. »Es tut mir leid, aber ich sollte jetzt nach Hause gehen.«

Zu Gems Entsetzen dirigierte Joyce sie jedoch den Fußweg entlang zur nachbarlichen Eingangstür. »Begleite mich ruhig. Ich gehe erst auf die grand tour und werde anschließend das Heim der Watts’ segnen. Seit der Zeremonie habe ich es nicht mehr betreten.« Bei dem letzten Satz wurde ihre Stimme leiser, traurig. Kein Wunder, schließlich hatte das Haus einst auch ihr gehört.

Gem zögerte, sie wollte nicht unhöflich sein und ihre Schulter aus dem Griff der Frau befreien, doch unter keinen Umständen war sie bereit, sich dem Gebäude noch mehr zu nähern.

Joyce hielt ebenfalls an.

»Ich sollte jetzt wirklich gehen«, sagte Gem, wobei sie fruchtlos versuchte, Joyces Finger durch Gedankenkraft schmelzen zu lassen.

»Reverend Lindu!«

Oh, nein!

Mrs. Watts stand auf der Schwelle und hielt die Insektenschutztür auf. Sie war Chinesin oder zumindest asiatischer Herkunft. Zierlich. Gem nahm an, dass sie auf gewisse Art hübsch war, hätte jedoch den Teufel getan, und es ihr gegenüber erwähnt. Ihre Blicke trafen sich kurz, bevor die Nachbarin der Pastorin ihre volle Aufmerksamkeit widmete.

Wenn sich Gem nicht sofort aus dem Staub machte, würde Joyce versuchen, die beiden einander vorzustellen. Und als könne sie Gedanken lesen, nahm die Geistliche die Hand von Gems Schulter und führte sie vorwärts.

Gott, bitte, schaff mich hier raus!

»Seyha, haben Sie Ihre Nachbarin schon kennen gelernt? Seyha Watts, das ist Gem Davidson von nebenan.«

Ein Teil von Gem wusste, dass Joyce damit nur irgendeine Sache erfüllte, die diese Nächstenliebe – oder eben Nachbarliebe – erforderte, aber sie wollte ihrer ehemaligen Nachbarin wirklich, wirklich dringend ins Gesicht boxen. Das stellte wahrscheinlich eine Sünde dar, denn immerhin war sie eine Pastorin oder eine Geistliche oder wie auch immer sich diese Leute selbst nennen mochten.

»Gem«, sagte Joyce, »das ist Seyha Watts. Seyha, würde es Ihnen etwas ausmachen ...«

Nein, nein, nein!

»... wenn sich Gem zu uns gesellt? Ich bin mir sicher, sie fände es spannend.«

Vielleicht wäre es lediglich eine kleine Sünde, nichts, was ihr den Eintritt in den Himmel verwehren könnte.

Mrs. Watts sah Joyce an, ohne zu antworten. Gem war erleichtert, als sie sah, dass die Nachbarin die Idee ebenso wenig zu mögen schien wie sie. »Aber sicher«, erwiderte sie schließlich und starrte ärgerlich ihr Gegenüber an. »Immerhin hat sich ziemlich viel geändert, seit du das letzte Mal hier warst. Auch das obere Stockwerk.«

Für einen Schlag setzte Gems Herz aus. Natürlich wusste sie es. Insbesondere nach jener allerletzten Nacht. Da hatte sie unten im Pfarrsaal gestanden, umgeben von gluckernden Kaffeemaschinen und plätzchengefüllten Schalen, als sie durch ein plötzliches Stiefeltrapsen entlang des Hauptgangs gerade noch früh genug gewarnt wurde, um zurück nach draußen zu klettern, bevor alle anderen die Treppe heruntergeströmt wären. Es ging doch nichts über ein Bein, das man durch das Kellerfenster hatte huschen sehen und Schuhabdrücke im Schnee, die nach nebenan führten, um zu beweisen, dass sich die Nachbarn unbefugt Zutritt verschafft hatten. Genau genommen hatte das Haus zu der Zeit den Watts noch nicht gehört – zumindest ging Gem davon aus.

Es war an der Zeit, sich aus dem Staub zu machen.

»Das ist schon in Ordnung«, behauptete Gem und trat einen Schritt zur Seite. »Machen Sie ruhig ohne mich weiter, vielleicht klappt es ja ein anderes Mal.«

Mrs. Watts sah zufrieden aus. »Nun ja, wenn es nicht anders geht. Ich bin mir sicher, dass wir sowieso bald eine Einweihungsparty für die Nachbarn geben werden, da kannst du dann alles zu gegebener Zeit besichtigen.

Joyce sagte nichts, sie ließ lediglich den Blick von einem zum anderen wandern. Sie zog eine Augenbraue hoch, als sie Gem ansah, wie um zu betonen: Das ist deine letzte Chance! Es kam dem Mädchen wie eine Drohung vor.

Noch vor zehn Sekunden war Gem bereit gewesen, nach Hause zu laufen und sich unter dem Bett zu verstecken, doch nachdem Mrs. Watts ihre Ausrede hämisch akzeptierte, fühlte es sich wie eine Kränkung an. Offensichtlich war sie nicht gut genug, um dieses funkelnagelneue Heim zu betreten.

Wäre es nicht eine Genugtuung, ihr das blasierte Grinsen aus dem Gesicht wischen zu können?

Nach dieser Augenbrauen-Sache entließ Joyce Lindu sie mit einem »Schön, dich wiedergesehen zu haben, Gem«, und schritt in Richtung des Hauses.

Mit einem Mal fühlte Gem Zorn darüber, ausgeschlossen zu sein, in sich aufsteigen. Das war doch, was du wolltest, oder? Von hier wegzukommen.

Nein, was sie jetzt wirklich wollte, war, ihrer schnöseligen Nachbarin eins auszuwischen.

Joyce trat bereits durch die Tür, als Gem auf die Veranda zutrottete, die Augen auf Mrs. Watts gerichtet. Als es schien, dass sie die Tür nun schließen würde, rief Gem, »Na ja, an und für sich würde ich doch gern mit Ihnen mitkommen. Ist auch nicht für lange. Ich wollte mal sehen, was sie mit der guten Stube angestellt haben.«

Der angespannte Gesichtsausdruck ihrer Nachbarin bescherte Gem das erste bisschen Glücksgefühl an diesem sonst eher unangenehmen Tag. An der Tür vermieden beide jeglichen Augenkontakt.

Ein Mann wartete direkt im Eingangsbereich. »Reverend, vielen Dank, dass sie gekommen sind.« Als Gem eintrat, fügte er noch ein »Hallo« hinzu. Sofern es ihn überraschte, einen zweiten Gast zu erblicken, ließ er es sich nicht anmerken. »Du wohnst doch nebenan, oder? Gem Davidson, wenn ich mich nicht irre.« Er lachte, als er ihren verdutzten Blick bemerkte. »O ja, ich kann mir Namen gut merken. Ist eine Gabe.«

Der Typ war groß und schlaksig, in etwa so groß wie Joyce, was schon eine Menge besagte. Er war kein Asiate, so wie seine Frau, sondern besaß schmutzig-blondes Haar und Sommersprossen. Hätte er nicht bereits seine besten Jahre hinter sich, hätte er durchaus süß sein können. Er winkte sie herein und schloss dann die Tür. Joyce gab ihm einen spielerischen Klaps auf den Arm »Eine Gabe, was, Bill? Sie haben doch an der Tür gelauscht.«

Bill sah Gem an und grinste. »Ertappt.«

* * *

Der verblüffte Ausdruck auf Reverend Lindus Gesicht, als sie sich das erste Mal genauer umsehen konnte, war all die Mühen des letzten Jahres wert gewesen. Seyha hätte es natürlich lieber gehabt, die Besichtigungstour ohne dieses Mädchen von nebenan zu veranstalten, das sie beständig anstarrte – wie schon das ganze Jahr über. Und weswegen? Weil man der Göre das Haus zum Spielen weggenommen hatte? Bevor die Kirche geschlossen wurde, hatte Seyha Anzeichen unbefugten Betretens bemerkt, aber ohne einen Hinweis darauf zu finden, wer es gewesen sein könnte. Nichts war je durcheinandergebracht worden, bis Seyha eines Tages mit Mr. Doiron, dem Sachverständigen, durch das Haus gelaufen war. Das war zwei Wochen vor der letzten Zeremonie gewesen, und Seyha hatte den Vanilleduft einer Kerze gerochen. Sie hatte niemanden angetroffen, doch als sie eines der Buntglasfenster geöffnet hatte, um frische Luft hereinzulassen, erhaschte sie einen Blick auf Gem Davidson, die wie eine Irre zu ihrem Garten rannte. Später wurde sie eines offenen Fensters in einer Kellernische gewahr. Dies war das letzte Mal, dass sie irgendein Anzeichen von dem Mädchen entdeckt hatte – bis zu der Nacht der Säkularisation, in der Bill ein Häufchen schmelzenden Schnees unter der Fensterbank gefunden hatte. Nachdem sie die Dokumente unterzeichnet und das Grundstück offiziell von der Episkopalkirche gekauft hatten, tauschte Bill die Fensterriegel aus. Die kleine Miss Davidson war nie wieder aufgetaucht.

Bis jetzt.

Ignorier sie einfach, sagte sie sich.

In der Eingangshalle stehend erklärte Bill, wie sie den Wandschrank neben der Kellertür hinzugefügt und die Wand, an der jetzt eine der letzten beiden Kirchenbänke lehnte, zwischen jenem Foyer und dem Kirchenschiff hochgezogen hatten. Er klang wie ein Kind, das seinen Eltern stolz etwas Selbstgebasteltes präsentierte. Seyha vermutete, dass dies gar nicht so weit hergeholt war. Noch bevor sich die beiden kennen gelernt hatten, war Joyce Lindu schon seit ewiger Zeit deren Pastorin gewesen – nun ja, zumindest war sie Bills Pastorin. Zum Bedauern ihres Ehemannes hatte Seyha nach nur wenigen Versuchen, Gottesdienste zu besuchen, bereits kurz nach der Hochzeit aufgegeben. Er wusste genug über Seyhas Vergangenheit – der Umstand, dass sie ihre Familie sehr früh verloren hatte, in einem katholischen Waisenhaus in Kambodscha aufgezogen wurde und als Teenager in die USA gekommen war –, um zu vermuten, dass die Gründe für ihre Ablehnung mit jener Zeit zusammenhingen. Sie versuchte nie, ihm diese Auffassung auszureden, die Bestrebungen, ständig mit ihr ausführlich darüber sprechen zu wollen, allerdings schon. Die Vergangenheit lag hinter ihnen. Sie hatte keinen Platz im Jetzt, in ihrem Leben. In den letzten neun Monaten hatte sich Bill zwanghaft mit einer breiten Palette von baulichen Einzelheiten beschäftigt, die ihn bei anderen Projekten normalerweise nicht ein- oder zweimal mit der Wimper hätten zucken lassen. Heute war der Tag, den er herbeigesehnt und gleichzeitig auch gefürchtet hatte – er wollte Reverend Lindu beweisen, dass sie keinen Fehler gemacht hatte, ihn bei dem Plan, die alte Kirche für ihn und Seyha zu renovieren, zu unterstützen. Immerhin war es auch das ehemalige Zuhause der Pastorin gewesen, mit dem sie viele gute und schlechte Erinnerungen verband.

Joyce nickte anerkennend, als Bill fortfuhr und warf versteckte Blicke durch den doppeltürigen Eingang in das Haupthaus. Dort schien auch ihr Kerninteresse zu liegen, daher berührte Seyha ihren Mann am Arm. »Bill, lass uns bei den wichtigsten Sachen bleiben. Reverend Lindu möchte sich im Moment sicherlich noch nicht mit all den Kleinigkeiten aufhalten. Wenn sie das überhaupt irgendwann hören will.«

»Bitte, nennen Sie mich doch Joyce.«

Bill lächelte und nickte zustimmend, während Seyha sie in den Gemeinschaftsraum führte. Das Mädchen lief ihnen wie ein streunender Hund hinterher, um kurz darauf erstaunt nach Luft zu schnappen. Glücklicherweise enthielt sie sich jeglichen Kommentars.

Ignorier sie einfach, beschwor sich Seyha erneut.

Der Grundriss in diesem Teil des Hauses, der einst als Hauptkirche diente, war offen; die Abgrenzung zwischen Wohn- und Esszimmer wurde eher durch Bodenbelag denn durch Wände angezeigt.

Auf der linken Seite war der Boden des Wohnzimmers mit dickem weißem Teppich ausgelegt. Eine Couch und zwei passende Plüschsessel, die zusammen ein U formten und zum Fenster hin ausgerichtet waren, nahmen fast das gesamte Zimmer ein. Rechter Hand wurde der polierte Fußboden mit kleinen Läufern akzentuiert.

Seyha plante, die neue Heimkinoanlage, die nächste Woche geliefert werden sollte, hier aufzustellen. Dann würde auch das Sofa samt der Sessel in diese Richtung gedreht. Sie bemerkte, dass Joyce zur Decke starrte. »Wie Sie sehen, haben wir die Höhe des Raumes erhalten. Er ist buchstäblich offen bis unters Dach.«

»Das ist Seys liebstes Zitat«, stellte Bill fest, »für den Reporter, den die Zeitung bald schickt. Sie beabsichtigen, einen Artikel über das Haus zu schreiben.«

Joyce lächelte. »Das klingt großartig. Sie könnten keine bessere Werbung für Ihre Firma kriegen.« Sie machte eine ausladende Bewegung mit dem Arm in Richtung des Wohnbereichs. »Das alles hier ist unglaublich. Es ist so wunderschön.«

Sie schritten zum Ende des großen Raumes, wo ein leicht erhöhter Hartholzfußboden zu einem Esstisch mit sechs Stühlen führte. Dahinter lag ein kleiner Flur, über den man zu den Schlafzimmern gelangte.

Die komplette linke Wand – jene, die in Richtung der Davidsons stand – war jedoch das Augenfälligste. Die Hälfte der ursprünglichen, deckenhohen Buntglasfenster war erhalten geblieben, jedes zweite wurde durch klare, doppelt verglaste Fenster ersetzt. Das Wechselspiel aus natürlichem und gefiltertem Licht wirkte wie plätscherndes Wasser, das auf den Wänden sanfte Farbmuster spielen ließ.

»Wir hatten es nicht eilig, die Wände zu dekorieren«, erklärte Seyha, »bis wir nicht haargenau das Richtige gefunden haben, das zu dem Lichtspiel passt. Am Ende der Diele haben wir das Bad behalten und das ehemalige Zimmer Ihrer Tochter zu einem Gästezimmer umgestaltet, wie Sie noch sehen werden.« Sie deutete vage zum Ende des Gemeinschaftsraumes. »Wir haben außerdem die Küche nach hier vorne vorverlegt, um das Schlafzimmer ausbauen zu können.«

»Das hat Spaß gemacht,«, fügte Bill hinzu. »Rohre umzuleiten, ist immer eine Herausforderung. Zum Glück gab es eine Kochnische im Keller, direkt unterhalb des Altars. Wir mussten neue Leitungen sowohl für Gas als auch für Wasser legen, und konnten dann die unteren sanitären Anlagen in eine Gästetoilette umbauen. Im Endeffekt ergab es mehr Platz am anderen Ende des Flurs. Ich versuche aber, die äußere Erscheinung so gut wie möglich zu belassen. Komm, ich zeig dir ...«

»Sie haben ja den Altar in eine Küche umgebaut ...!«

Die drei Erwachsenen hatten nicht bemerkt, wie Gem umhergestromert war, bis sie durch ihren Ruf auf sich aufmerksam machte. Der Teenager stand am Rand der erhöhten Plattform zum Essbereich, die Arme leicht angehoben, als ob sie einen unsichtbaren Angreifer abwehren wollte. Als sich Gem umdrehte, war ihre fassungslose Miene auf Seyha gerichtet. »Sie haben eine Küche daraus gemacht?«

»Natürlich haben wir das!« Bill gab vor, den Ärger in ihrer Stimme nicht wahrgenommen zu haben, und machte einen Schritt an ihr vorbei. »Wie du siehst, haben wir dieses Zimmer nicht komplett vom Ende des Altarraums abgeschottet.« Tatsächlich konnte man die kleine, moderne Küche durch eine rechteckige Öffnung in der gegenüberliegenden Wand sehen. Er deutete nach rechts. »Der eigentliche Eingang zur Küche geht zum Treppenhaus.«

Noch ehe Gem etwas erwidern konnte, trat Seyha vor und nahm die Pastorin am Arm. »Joyce, kommen Sie doch und sehen sich den Rest des Hauses an. Es gibt noch so viel zu besichtigen. Anschließend könnten Sie doch die Segnung vornehmen, bevor Bill sie erneut mitschleppt, um all seine Holzarbeiten zu begutachten.«

»Guter Plan«, pflichtete Bill ihr bei. »Aber ich muss gestehen, es fühlt sich ein wenig seltsam an, Sie darum zu bitten, diesen Ort zu segnen. Immerhin haben Sie nicht nur hier gewohnt, sondern das Gebäude ist auch eine Kirche gewesen. Und nachdem ich so viele Jahre Häuser für andere Leute gebaut habe, besitzen wir endlich ein eigenes Heim, für dessen Einweihung ich mir daher etwas Besonderes wünsche.« Er errötete. »Nenn mich einen hoffnungslosen Romantiker.«

Seyha vergaß für einen Moment ihre Verärgerung und küsste ihn auf die Wange. »Du bist ein hoffnungsloser Romantiker«, flüsterte sie.

Bills Gesicht nahm einen noch tieferen Rotton an, aber er lächelte und ging in die Küche voran, indem er einen großen Bogen um Gem machte.

»Kommst du, Gem?«, fragte Joyce, liebenswürdig wie immer.

Das Mädchen schüttelte den Kopf und blickte traurig zurück in die Küche. Seyha unterdrückte das überwältigende Bedürfnis, ihr eine Ohrfeige zu verpassen und bot Joyce einen verkürzten Rundgang durch den Raum an, da sie viel zu abgelenkt von den Blicken ihrer jungen Nachbarin war, die sich ihr vom Wohnzimmer aus in den Rücken bohrten. Sie beeilten sich, den Flur weiterzugehen, um den Rest des Hauses zu präsentieren.

* * *

Die Watts hatten wundervolle Arbeit bei den Renovierungen geleistet. Der überraschendste Moment der Besichtigung – wobei Joyce entschied, dass es eine angenehme Überraschung darstellte – war der Punkt gewesen, als sie feststellte, wie gut es sich anfühlte, wieder in dem Haus zu sein. Während Bills Erzählungen fühlte sich Joyce seltsam losgelöst, wesentlich objektiver, als sie es erwartet hätte. Dies war nicht länger ihr Zuhause. Vielleicht war das Jahr, das sie mit Bec in dem kleinen Appartement in Hillcrest verbracht hatte, wohltuender gewesen, als sie sich hatte vorstellen können. Sie hatte Abstand gewinnen können, hatte Zeit, um zu vergessen. Fang ein neues Leben an, irgendwo ... anders.

Sie öffnete das Zeremonienbuch. »Der Herr sei mit euch«, deklamierte sie. Joyce gestikulierte nicht nur in Richtung der Watts’, sondern auch zu dem griesgrämigen Nachbarsmädchen, das mit untergeschlagenen Beinen auf dem Sofa saß. Gem sah so restlos gelangweilt aus, dass sich Joyce fragte, weshalb sie es überhaupt für nötig hielt, zu bleiben.

»Und auch mit Ihnen«, entgegneten Bill und Seyha.

»Lasst uns beten!«

Sie nickte Bill zu, der daraufhin ein Streichholz anriss und eine lange weiße Kerze entzündete, die Seyha in ihren Händen hielt. Joyce las aus dem Liturgieergänzungsbuch, dasselbe, das sie auch auf der Säkularisationszeremonie letzten Dezember benutzt hatte. »Allmächtiger und ewiger Gott, gewähre diesem Heim die Gunst deiner Gegenwart; auf dass dich die Bewohner und Beschützer dieses Haushalts kennen werden; durch Jesus Christus, unserem Herrn, der mit dir und dem Heiligen Geist als ein Gott lebt und herrscht, für immer und ewig. Amen.«

»Amen«, echote das Ehepaar.

Jemand wisperte hinter ihr. Joyce fuhr herum.

Doch da war niemand.

Draußen im Garten fuhr Gems Bruder Eliot mit seinem Spiel, den Ball hin- und herzuwerfen, unaufhörlich fort. Es musste seine Stimme gewesen sein, die durch die offenen Fensterflügel hereingeweht war. Sie drehte sich wieder zu dem Pärchen um, legte das Buch nieder und nahm die Bibel zur Hand. Joyce schlug sie an der markierten Stelle auf und las das Gleichnis, als Gott zu Gast bei Abraham war, aus der Genesis vor. Aus dem Augenwinkel bemerkte sie, wie Gem Davidson anfing, das Geschehen mit langsam wachsendem Interesse zu beobachten.

Während sie las, begann auf einmal Joyces rechtes Ohr zu jucken. Als sie hinlangte, um sich zu kratzen, fiel ihr auf, dass Bill das Gleiche tat. Nachdem sie die Geschichte beendet hatte, lugte plötzlich Gem über ihre Schulter. Ein besorgter Blick krauste ihre Stirn, als sie sich abrupt umdrehte und zurück auf die Polster fallen ließ. Die Augen des Mädchens wanderten immer wieder zur Rückseite der Couch, fast so als erwartete sie, dass etwas hinter ihr hervorspringen würde.

Joyce konzentrierte sich auf Bill und Seyha, legte die Bibel auf den Tisch und griff sich erneut das kleinere Liturgieergänzungsbuch. »Lass die unermessliche Kraft des Heiligen Gottes an diesem Ort gegenwärtig sein, um alle unreinen Seelen ...«

»Manchmal enn sssh ...«

Das Wispern erklang abermals hinter ihr, diesmal näher und auch deutlicher. Ihre Überraschung zeigte sich den anderen nur als Unterbrechung des Leseflusses; es war eine solch kurze Pause, von der sie hoffte, dass keiner sie bemerkt hatte. »... zu verbannen; reinige diesen Ort von den Relikten des Bösen, und mache dies zu einer sicheren Heimstatt für jene, die hier verweilen.«

Bill sah zur Küche, Seyha tat dasselbe. »Im Namen von Jesus Christus, unserem Herrn. Amen«, beendete Joyce ihre Litanei. Als das Paar gewahr wurde, dass sie bereits zum Schluss gekommen war, blickten sie zu ihr und murmelten ein abwesendes »Amen«.

Bill hob eine Hand empor. »Entschuldigen Sie mich einen Moment, Reverend.« Er ging in die Küche, sah sich um und kehrte flink wieder zurück. »Tut mir leid, ich dachte, ich hätte jemanden reden gehört.«

»Gut zu wissen«, erwiderte Joyce lächelnd. »Ich habe auch etwas gehört. Ich bin mir sicher, es kam von den Jungs draußen.«

Seyha schaute aus dem Fenster und dann erneut zur Küche. Mit einem argwöhnischen Blick zu Gem zuckte sie mit den Schultern und hob die Kerze höher. Sie war schon ein Stück heruntergebrannt. Zeit wurde vergeudet.

»Ich denke, wir sollten in jedem Raum so verfahren«, schlug Joyce vor, »und ihnen eine spezielle Segnung angedeihen lassen. Das letzte Bittgebet werden wir dann zum Abschluss im Wohnzimmer sprechen. Klingt das nach einem Plan?«

Bill und Seyha nickten.

Sie rückten in die Küche vor. Gem blieb auf der Couch, verfolgte aber ihre Bewegungen mit einer leichten Drehung des Kopfes. Joyce zwinkerte ihr durch die Öffnung in der Wand zu. Es gab ihr Hoffnung, als sie sah, wie das Mädchen errötete. Gem war also nicht so störrisch, wie sie es immer vorgab.

»Gesegnet seist du, o Herr, König des Universums, denn du schenkst uns mit Speis’ und Trank Kraft für unser Leben. Lass uns dankbar sein für all deine Barmherzigkeiten und achtsam sein für die Bedürfnisse der Anderen; durch Jesus Christus. Amen.«

»Amen.«

»Amen ...«

Die Stimme erklang deutlich und sie kam definitiv nicht von draußen. Die feinen Härchen in Joyces Nacken stellten sich auf. Sie sah hinüber zu Gem, doch das Mädchen hatte nichts gesagt. Joyce sah vor ihrem geistigen Auge das Bild von Linda Blair aus Der Exorzist. Die Stimme war männlich gewesen, und mit diesem einzigen gesprochenen Wort war ein erheiterter Ton mitgeschwungen.

Nein, sagte sie sich selbst, du hast wieder die Jungs von draußen gehört. Nichts anderes. Doch es fühlte sich nach etwas Anderem an; das Gefühl wurde auch nicht dadurch verbessert, dass sich die Küche schlagartig verdunkelte. Das war bloß die Sonne, die sich hinter einer Wolke versteckte. Die Watts warteten schon. Sie hatten offensichtlich nichts gehört. Joyce atmete langsam aus, wodurch die Kerze in Seyhas Hand zu flackern begann.

»Sind Sie in Ordnung?«, wollte Bill wissen.

»Mir geht’s gut, ich war nur in Gedanken versunken. Wollen wir jetzt nach unten gehen?« Sie wandte sich zu Gem, für den Fall, dass sie sie begleiten wollte. Das Mädchen beobachtete sie mit einer gezwungen Gleichgültigkeit, als sie mit einer schnellen Bewegung den Kopf zum Haupteingang drehte.

Etwas stimmte nicht.

Auch das Wohnzimmer schien dunkler geworden zu sein.

* * *

Das ist doch verrückt. Warum bin ich immer noch hier? Gem zog die Beine noch enger an sich und starrte aus dem Fenster zu Eliot und seinem Freund hinüber, die unablässig den Football bearbeiteten. Bevor ihr Bruder den Ball wieder abspielte, warf er einen kurzen Blick zum Haus der Watts’. Sie hatte ihren Bruder, dem es normalerweise an Hingabe mangelte, noch nie bei irgendetwas so lange bei der Stange bleiben sehen. Er hatte beobachtet, wie sie ins Haus gegangen war und wartete nun darauf, dass sie wieder herauskam, um ihm alles über die Magische Welt der Watts zu berichten. Seine Würfe kamen langsam, gemächlich, und seine Fänge waren nicht immer von Erfolg gekrönt. Hoffentlich hatte er die Warterei bald satt und würde ins Haus zurückkehren.

Joyce und ihre Begleitung befanden sich mittlerweile im großen Schlafzimmer. Das war ein Raum, den Gem durchaus nicht besichtigen wollte. Davon einmal abgesehen, verursachte ihr das Haus Gänsehaut. Sie hörte auch andauernd jemanden flüstern, einmal sogar direkt rechts neben ihr.

Sie sollte jetzt gehen.

Es war schlimm genug gewesen, mit Joyce wegen der Besichtigung hierherzukommen. Sie musste während der Zeremonie dableiben, und Mrs. Watts heuchelte nicht einmal, dass sie sie mochte. Die Frau hatte sogar angedeutet, sie wisse über Gems Besuche Bescheid ... nicht zum ersten Mal musste sie sich daran erinnern, dass dies nichts zur Sache tat. Das war vor Ewigkeiten, ehe der Lady das Haus überhaupt gehört hatte.

Gem dachte über die Passage aus der Bibel nach, die Joyce vorgelesen hatte. Bizarr, auf jeden Fall. Sie standen alle in diesem Buch. Vergangenen Frühling hatte Gem tatsächlich versucht – zurückgezogen in einer Ecke der Schulbibliothek –, ein paar Kapitel daraus zu lesen. Es war reine Neugier gewesen; sie wollte lediglich wissen, warum Woche für Woche so viele Leute fortwährend, über Jahre hinweg, nach nebenan gekommen waren. Dabei wiederholten sich die Geschichten und waren reichlich zusammenhangslos. Vielleicht könnte ja Joyce ...

Nein, dachte sie, sei nicht dumm. Die Frau war eine Pastorin und hatte ihre eigene ›Herde‹ zu betreuen. Joyce würde bestimmt keine Zeit für jemanden wie sie erübrigen. Gem ging nicht einmal zur Kirche.

»Jemand wie du ...« Den Worten folgte ein leises, langgezogenes Kichern, »Jaaa ...«

Gem biss sich auf die Lippen, um nicht zu schreien. Irgendjemand sprach zu ihr von irgendwo in diesem Raum. Kein Zweifel, es war dieselbe Stimme wie zuvor, eine Männerstimme, nur jetzt war sie deutlich zu verstehen gewesen. Wie schon ein paar Minuten zuvor, blickte Gem erneut hinter die Couch und erwartete fast, einen von Eliots Kumpanen zu sehen, der dort mit einem selbstgefälligen Grinsen hockte.

Niemand.

Die Dinge fingen an, ein bisschen zu sehr an die Twilight Zone zu erinnern.

Das Licht wurde trüber. Gem sah sich um – die Lampen waren angeschaltet und draußen schien sogar die Sonne, doch hier drinnen musste es Abend sein.

Da war wirklich eine Stimme gewesen.

Sie starrte Eliot an, der den Football fest an die Brust drückte, während er sich mit Carl unterhielt. Die beiden schauten immer wieder verstohlen zum Haus – sie machten den Eindruck, als gäben sie nun doch endlich auf und gingen heim, um sich den Anpfiff des Patriots-Spiels anzuschauen. Gem fragte sich neuerlich, ob ihr Bruder einige seiner Kumpels angestiftet hatte, sich hier einzuschleichen, um im Haus der neuen Nachbarn zu spuken. Wenn dem so war, dann erschreckten die Jungs sie damit ebenfalls. Schlechte Idee, Brüderchen.

Das Problem bestand allerdings darin, dass dies überhaupt nicht Eliots Stil war. Er war viel zu langweilig, um sich so etwas auszudenken.

Gem erhob sich von der Couch und lief zum Fenster. Sie würde ihn danach fragen, noch ehe die Watts zurück wären. Sie würde ihn auffordern, damit aufzuhören.

»Du bist allein ...«, erklang eine Stimme hinter ihr. Gem stieß einen Schrei aus und wirbelte herum, wobei sie ihren rechten Arm ausladend schwenkte.

Niemand war da. Schon wieder.

»Gem, was ist passiert?« Joyce kam aus der Diele angerannt. Als sie das Wohnzimmer erreichte, hielt sie noch immer das dünne, schwarze Buch, aus dem sie gelesen hatte, in der Hand. Die Watts folgten ihr auf dem Fuß.

Na, großartig, dachte Gem. Es ist jetzt definitiv und fraglos Zeit zu gehen. »Es war nichts«, versicherte sie und ignorierte dabei, wie zusammengeschnürt sich ihr Brustkorb anfühlte. »Es ist alles okay.«

Bill ging an den anderen vorbei, seine vormals fröhliche Miene hatte sich verfinstert. »Hast du auch etwas gehört?«

Das Zimmer wurde von Sekunde zu Sekunde düsterer, sodass Gem es zunehmend schwieriger fand, das Gesicht des Mannes zu fokussieren. Wurde sie gerade ohnmächtig? Sie nickte. »Ich dächte, ich hätte etwas gehört, bin mir aber nicht völlig sicher«

Er sah aus dem Fenster. »Ist einer dieser Jungen dein Bruder?«, fragte er.

Mrs. Watts stolperte vorwärts, als wäre sie gestoßen worden, drehte sich herum und hielt sich die Ohren zu. Sie stöhnte leise – es war eine Reaktion, die einen Gegensatz zu der von Gem bildete, aber nicht minder erschrocken klang. Sie sah ihren Mann aus starrenden Augen an und senkte die Arme. »Bill, wer ist das, der hier spricht?«

Als sie in die angsterfüllten Gesichter blickte, konnte Gem an nichts anderes mehr denken, wie sie am schnellsten von hier fortkommen konnte. »Hören Sie, das alles fängt an, ziemlich schräg zu werden, also sollte ich vielleicht ...«

»Außerdem wird’s hier ganz schön finster«, unterbrach Joyce sie, während sie sich im Raum umschaute.

Mrs. Watts machte einen Schritt auf Gem zu, wobei sich ihr Gesichtsausdruck von erschrocken zu wütend verkehrte. »Wenn du glaubst, dein kleines Spielchen sei lustig, dann hast du dich geschnitten, junges Fräulein.« Die Kerze in ihrer Hand war fast vollständig heruntergebrannt, und das Wachs, das nicht verdampft war, floss auf den runden Pappsockel, unter dem sich ihre Finger befanden.

»Ich spiele hier überhaupt nichts, gute Frau. Vielleicht sind Sie es ja, die mich erschrecken möchte. Sie wollten mich ja hier sowieso nicht haben.«

»Vielleicht wollte ich nicht ...«

»Sey, bitte ...«, fuhr Bill dazwischen.

»Ach, es ist doch wahr. Dieses Mädchen hat sich bereits mehr als einmal in unser Haus geschlichen, und heute stolziert sie einfach so, ohne Einladung hier herein.«

Gem gab sich betont lässig, als sie zurück zur Couch ging. Wenn sie jetzt den Rückzug anträte, käme es gewissermaßen einem Geständnis gleich, dass sie für die Ereignisse verantwortlich war. Sie blieb vor dem Sofa stehen – sich jetzt wieder daraufplumpsen zu lassen, würde wahrscheinlich ein wenig zu weit gehen.

Joyces Stimme blieb ruhig, aber bestimmt. »Seyha, ich habe sie eingeladen, das wissen Sie. Es tut mir leid, wenn ich Ärger verursacht habe. Ich denke wirklich, wir sollten die Zeremonie zu Ende bringen.« Sie suchte den Raum noch einmal ab. »Bald«, fügte sie hinzu.

»Zu Ende ...«

Beim Klang der Stimme und dem darauffolgenden Gelächter zuckte jeder der Anwesenden zusammen. Gem kreischte, sprang auf die Couch und zog ihre Füße empor, sodass sie halb darauf kauerte. Diesmal hatten es alle gehört. Warum wurde es so finster hier drinnen?

Mrs. Watts wurde es nicht müde, sie weiterhin böse anzustarren. »Was nun, Gem? Wartet einer deiner Freunde in einem Monsterkostüm im Wandschrank?«

»Sey, bitte ...«

»Nein, Sie sind verrückt. Hier spukt es!«, rief Gem.

»Solche Sachen wie Geister gibt es nicht, Gem. Lass mich noch unten nachsehen, bevor wir hier fertig werden. Irgendjemand muss sich dort verstecken«, warf Bill mit einem Anflug der Unsicherheit ein.

»Nein!« Die Verzweiflung in Joyces Stimme ließ ihn innehalten. Sie ging ins Wohnzimmer und platzierte sich vor dem Couchtisch. »Wir müssen die Zeremonie zu Ende bringen.« Ihre Hände zitterten.

»Joyce«, sagte Bill, »erzählen Sie mir nicht, dass Sie auch glauben, hier spukt es.«

Ihren Versuch eines Lächelns konnte sie nicht lang aufrechterhalten. »Nein ... nein, natürlich nicht. Aber etwas stimmt hier nicht. Das war nicht die Stimme eines Kindes, und im Zimmer wird es merklich dunkler – zumindest kommt es mir so vor. Ich verstehe nicht, was hier vorgeht, aber das Einzige was einen Sinn ergibt, ist, dass wir es vollenden.«

»Es passiert nichts«, rief Mrs. Watts; sie tat nicht mehr länger so, als ob sie wütend wäre, sondern sah genauso verängstigt aus, wie sich Gem fühlte.

»Es gibt andere Sorgen in der Welt als Geister.« Joyce öffnete ihr Buch ohne eine Antwort abzuwarten. »Die Erträge der Rechtschaffenheit werden Frieden und ...«, rezitierte sie.

Das Licht in dem Raum schwand, es wurde dunkler und dunkler, so als würde jemand langsam einen Dimmer herunterdrehen. Gem fühlte sich gefangen, sie musste raus hier. Auf der anderen Seite eines hohen Fensters hatten sich Eliot und Carl auf dem Rasen ausgestreckt und schienen noch nicht bereit, ins Haus zu gehen. Die Sonne über den Jungen schien hell an einem wolkenlosen Himmel. Allerdings schafften es ihre Strahlen nicht bis durch die Scheibe – vielleicht weil sie getönt war.

Eine trübe, rauchige Finsternis kroch entlang der Fensterrahmen, als wäre es schwarzer Frost. Gem konzentrierte sich auf ihren Bruder. Sie wollte rufen, doch die Kehle war ihr zugeschnürt, sodass ihre Stimme versagte. Stattdessen sandte sie einen gedanklichen Hilfeschrei und bat Eliot inständig, er möge sie sehen, das Fenster zerbrechen und seiner großen Schwester zu Hilfe eilen.

»... und aufrichtige Gelassenheit und Vertrauen sein, für immer«, rief Joyce.

Eliot beugte sich zurück, um Schwung für einen Wurf zu holen. Sieh her zu mir!, flehte sie stumm.

»Mein Volk wird unter sicherem Obdach und ...«

Aus weiter Ferne hörte Gem Gelächter. Je dunkler der Raum wurde, desto lauter erklang die Stimme. Das Lachen war wie ein Bach, der unter weiterem Gelächter entlangfloss.

O Gott, hilf mir bitte! Falls das alles meine Schuld ist, tut es mir leid!

»... friedlichen Ruheplätzen verweilen.«

Aber Gott wohnte hier nicht mehr, oder?!

»Bill, was passiert hier«, flüsterte Mrs. Watts. Die Finsternis hatte eine fast körperliche Dichte gewonnen, die das Haus wie ein Grab mit Erde zu füllen schien und Gems Kopf umschlang. Das einzig Deutliche, das sie erkennen konnte, war die Mitte des Fensters ihr gegenüber und dahinter Eliot, der den Football in einer gewölbten Flugbahn in Richtung seines Kumpels losließ.

»Nur wenn der Herr das Haus errichtet, ist ihre Arbeit nicht vergebens. Lasst uns beten!«

Dann wurden erst das Fenster und anschließend das gesamte Haus von der Finsternis verschluckt.

ERSTER TAG DER FINSTERNIS

Bill Watts konnte vor sich nichts erkennen. Die obere Hälfte seines Gesichts war in eine Art dicke, schwarze Gaze eingehüllt, die weder Gewicht noch Substanz zu haben schien und sich weich gegen seine Wangen drückte. Er fummelte mit den Fingern, um sich die Maske herunterzuziehen, fühlte aber lediglich die eigene Haut. Da war nichts – aber andererseits schien da doch etwas zu sein, und Bill konnte fühlen, dass dieses Etwas seine Augen und Nase wie eine Binde bedeckte.

»Bill! Bill, ich kann nichts sehen.« Das war Seyhas Stimme neben ihm. Er streckte die Hand aus und umklammerte mit seiner Linken ihren Arm. Dabei schrie Seyha auf und versuchte sich zu befreien.

»Ich bin’s! Sey, ich bin’s.«

Das Ringen hörte auf. »Ich kann dich nicht sehen«, klagte sie. »Ich kann überhaupt nichts sehen!« Seyhas vertraute Gestalt lehnte sich gegen ihn. »Mach es weg von mir, mach es weg!«

»Schon gut, beruhig dich.« Bill wollte sie beschwichtigen, konnte jedoch kaum die Fassung in seiner Stimme wahren, war er doch selbst verwirrt und voller Panik.

Er bemerkte, das Seyha nach ihrem Gesicht tastete, ebenso wie er es kurz zuvor getan hatte. Bill griff um sie herum und packte ihre Handgelenke – er tat das nicht so sehr, um sie davon abzuhalten, sich selbst zu verletzen, sondern eher, um seine Frau nicht zu verlieren. Die Blindheit präsentierte sich so vollständig. Plötzlich überkam ihn die Vorstellung, dass sie beide in einer Kiste eingeschlossen waren, die mit Erde gefüllt im Boden vergraben wurde. Sein Atem kam in schnellen Stößen, die Panik in ihm wuchs. Doch er musste vernünftig bleiben, um Seyhas willen. Die anderen begannen sich zu melden – Gem rief nach jemandem namens Eliot, Joyce nach Gem, anschließend nach ihm und Seyha.

Bill zog seine Frau dicht an sich. »Uns geht’s gut. Wir sind hier«, versuchte er sich bemerkbar zu machen, obwohl er längst nicht mehr sicher war, wo sich dieses Hier befand.

»Wir sind blind«, schluchzte Seyha gegen seine Brust. Er spürte, wie sie erneut versuchte, ihr Gesicht zu berühren.

Wir sind blind. Nein, das kann nicht wahr sein.

»Die Lichter sind nur ausgegangen ...«, beschwichtigte Bill.

Noch bevor Gem einwarf: »Es ist helllichter Tag!«, wusste er, dass seine Äußerung lächerlich klang. Seine Augen waren geöffnet, denn er hatte sich aus Versehen mehr als einmal selbst hineingepikt, bevor seine Hände damit beschäftigt waren, Seyha festzuhalten. Bill bewegte seine Augen absichtlich von links nach rechts und sah nichts. Gar nichts! Abermals konnte er sich des Eindrucks nicht erwehren, dass etwas sein Gesicht bedeckte. Er wollte nicht noch einmal danach greifen, denn das würde sonst bedeuten, Seyha loszulassen.

Sie waren nicht blind, sondern einfach nur geblendet.

»Ruhig«, ertönte Joyces Stimme, nun von etwas weiter weg. »Wir müssen ruhig bleiben. Ich bin mir nicht sicher, in welcher Richtung der Eingang ...« Ihre Stimme verklang gänzlich.

»Joyce?«

»Bill!« Das war Seyha – sie schien weit entfernt, obwohl sie sich direkt vor ihm befand. Die Phantomgaze kroch weiter an seinen Wangen zum Hinterkopf entlang. Sie legte sich über beide Ohren wie ein Schaum. Nein. Bitte!

In einem Moment hatte Bill die Arme seiner Frau noch festgehalten, da war sie urplötzlich verschwunden. Seine Hände waren leer. Er rief laut nach ihr, doch er konnte nicht einmal seine eigene Stimme hören. Voller Verzweiflung zerkratzte er sich das Gesicht und rang nach Atem, obschon sein Mund nicht von dieser Rätselhaftigkeit bedeckt war. Lediglich Augen und Ohren wurden umhüllt. Ihm war es möglich zu atmen, doch er schnappte so panisch nach Luft wie ein Ertrinkender. Er tat einen tiefen Atemzug, stieß einen lauten, kehligen Schrei aus und hoffte nichts sehnlicher, als seine eigene Stimme hören zu können.

Stille, wie damals zu seinen Teenager-Zeiten, als er übergroße Kopfhörer trug und zu faul zum Aufstehen war, um die Schallplatte umzudrehen. Leere. Er war verloren, in Schwärze lebendig begraben.

Bill wagte es nicht, vorwärtszugehen. Stattdessen ließ er sich in die Hocke nieder und langte nach unten. Hier, die vertraute Struktur des Teppichs – er befand sich also immer noch im Wohnzimmer. Nylonfasern unter seinen Fingern. Er stellte sich den Raum vor, versuchte, den Platz festzulegen, an dem er sich befunden hatte, bevor das Licht ausging. Er griff nach vorn, um erneut Seyha, einen der Stühle, den Couchtisch oder überhaupt irgendetwas zu fassen zu bekommen. Da lag nichts vor ihm. Wenn er wenigstens Seyha erwischen würde, damit er ihre Hand auf den Teppich legen könnte, wie er es kurz zuvor getan hatte; um ihr zu zeigen, dass sie nicht so verloren waren, wie sie glauben musste.

Sein Körper bebte vor Schluchzen. Gott, hilf mir. Hilf uns!

Keine Geräusche. Kein Licht. Nichts als Berührung.