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JENNIFER VALOPPI

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Aus dem Englischen von

Michael Krug

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© OTHERWORLD VERLAG KRUG KEG

1

Als Justin Cummings an jenem Morgen für die Schule aufstand, hatte er verschwollene Augen und einen üblen Schnupfen.

Er konnte sich nicht daran erinnern, je solche entsetzlichen Schmerzen gespürt zu haben. Es fühlte sich an, als würde ein Messer tief in seinen Eingeweiden herumgedreht.

Seine Mutter würde vermutlich sagen, das Leben sei erfüllt von Schmerzen und Freude, und im Alter von erst vierzehn Jahren könne er sich noch auf reichlich von beidem freuen – Wodurch er sich nicht besser fühlte.

Er war im Begriff, die große Liebe seines Lebens zu verlieren, und es gab nichts, was er dagegen tun konnte.

Oma hatte eine Erkältung gehabt, um Himmels willen; eine einfache Erkältung. Zumindest hatten sie das geglaubt, bis der Arzt diese verdammten Röntgenaufnahmen machte. Nun hieß es, sie läge im Sterben.

Justin schien unvorstellbar, dass ein Körper verwelken könnte, der noch so vor Leben strotzte. An einem Tag hatten sie beide noch Zeit miteinander verbracht und gelacht, am nächsten war schlagartig alles anders gewesen.

Und er hatte gewusst, dass es geschehen würde, bevor es ihm jemand gesagt hatte. Er hatte keine Ahnung, weshalb oder woher – vielleicht hatte er es geträumt; jedenfalls hatte er gewusst, dass seine Oma ihm plötzlich entrissen werden würde.

Höchstens sechs Monate, hatte der Arzt der Familie mitgeteilt; und Oma sollte die verbleibende Zeit damit verbringen, ihrer Familie zu sagen, was sie ihr eigentlich im Verlauf der nächsten zehn Jahre hätte sagen wollen. Seine Mutter, die alles wusste, erklärte Justin, dass jede Hoffnung sinnlos sei. Der Tod wäre unvermeidlich, und er würde nicht angenehm werden.

Justin zog seine graue Hose sowie ein weißes Hemd an und zupfte den leicht schiefen Knoten seiner marineblau und grün gestreiften Krawatte zurecht. Dann blickte er in den goldgerahmten Spiegel auf sein vergoldetes, nunmehr fast bis zur Unkenntlichkeit beschlagenes Leben.

2

»Ich habe gute und schlechte Neuigkeiten«, verriet Kyle, als er Helene Cummings Garderobe betrat.

Die Visagistin trug einen letzten Pudertupfer auf Helenes Nase auf, dann löste sie die Kittelschürze, die ihre Kleider bedeckte.

»Nehmen Sie nicht zu viel davon«, sagte Helene. »Damit sehe ich alt aus.« Die Visagistin lächelte und nickte freundlich.

»Die schlechten Neuigkeiten zuerst«, forderte sie Kyle auf.

»›BUP‹ ist um zwei Punkte gestiegen – eine Quote von 19, Marktanteil 34. Jetzt werden die Anzugträger die Sendung definitiv fünf Tage die Woche ausstrahlen wollen.«

BUP‹ war Kyles Spitzname für Battle Ultimo Prime Time, ein kniffliges, interaktives Turnierspiel, das in den ersten drei Monaten, seit es ins Leben gerufen worden war, stetig zugelett hatte. Es war ursprünglich als tragbares Videospiel für den Cyberspace entwickelt worden und das erste derartige Spiel, das den Sprung ins Fernsehen geschafft hatte – ein Risiko, das sich für den Sender gehörig gelohnt hatte.

Helene schaute in den beleuchteten Spiegel und strich das Make-up unter ihren Augen mit dem Ringfinger glatt. »Und?«, hakte sie nach. »Wir sind die Einleitung für jedwede Sendung, die sie in dem Zeitfenster platzieren.«

»Mir fällt schwer zu glauben, dass der Sender eine Talkshow für Erwachsene als Einleitung für eine trendige neue Sendung für videospielsüchtige Teenager haben möchte. Die Demografie passt einfach nicht zusammen.«

Helene wusste, dass er Recht hatte. Wichtiger als die Quoten war die Demografie. BUP kam einem Segen für Werbetreibende gleich, die auf die schwer definierbare Gruppe 18- bis 49-jähriger Männer abzielten, die sonst nur Extremsportprogramme und Reality-Shows mit Teenagern regelmäßig schauten. BUP stellte die aussichtsreichste Hoffnung des Senders dar, sein noch junges Hauptabendprogramm aufzumöbeln.

»Kyle, wir sind die momentan angesagteste Talkshow.«

»In der letzten Staffel sind wir nie unter einen Marktanteil von 35 gerutscht. Letzte Woche lagen wir bei 28.«

»Das war eine Wiederholung!«, protestierte Helene.

»Trotzdem war es ein Wert von 28. Und außerdem, eines der Studios entwickelt gerade eine Talkshow mit einem Haufen knapp über Zwanzigjähriger. Die wäre als Einleitung wahrscheinlich sinnvoller als wir.«

Erbost sagte sie: »Wir haben dieses Zeitfenster überhaupt erst geschaffen!«

Eine Talkshow in der Hauptsendezeit unterzubringen, stellte an sich schon eine erstaunliche Errungenschaft dar. Das war erst möglich geworden, als der New Yorker Sender, für den Helene arbeitete, seine Sendekooperationen verlor und im Zuge einer verzweifelten Programmumgestaltung ihre Show im begehrten 19-Uhr-Zeitfenster platzierte. Ihr Nachrichtenhintergrund und ein paar gewagte Sendungen über Terrorismus hatten ihre Quoten und ihren Bekanntheitsgrad dermaßen in die Höhe getrieben, dass sich einer der großen Sender die gleichzeitigen Ausstrahlungsrechte gesichert hatte. Aber Helene wusste nur zu gut, dass sie heute an der Spitze und morgen bereits auf dem Abstellgleis stehen konnte.

»Du bist der Produktionsleiter. Was schlägst du vor?«, fragte sie.

»Wir müssen uns ins Rampenlicht rücken. Wir brauchen ein paar hippe, trendige Sendungen, um den Gottobersten eine Botschaft zu schicken – nämlich, dass du genau so aktuell sein kannst wie diese Zwanzigjährigen.«

»Wir müssen ihnen zeigen, dass wir stark genug als Einleitung für alles sind.«

»Haargenau«, bestätigte Kyle, wobei er sich erleichtert anhörte.

»Keine Sorge. Wir tun einfach, was wir tun müssen, um an der Spitze zu bleiben. Durch diese Schule bin ich schon gegangen. Worüber redet heute jeder?«

»Das Treffen der Vereinten Nationen, das haben wir schon zigfach abgedeckt; und die weinende Statue der Jungfrau Maria in Harlem.«

»Dann bringen wir doch darüber etwas.«

»Ich will die Statue unter kontrollierten Bedingungen hier haben und sehen, ob sie wirklich weint. Und ich will die Frau, der sie gehört, aber ich kann sie nicht erreichen.«

Der Bühnenleiter steckte den Kopf zur Tür herein und rief: »Noch eine Minute bis zur Sendung.«

»Geh«, forderte Kyle sie auf. »Ich melde mich aus dem Off. Und vergiss nicht, den Elan zu halten. Wir zeichnen heute drei Sendungen auf und haben einen engen Zeitplan.«

›Aus dem Off‹ bedeutete, dass er sich über einen Stöpsel melden würde, den Helene im rechten Ohr trug, damit der Produzent ihr während der Sendung aus dem Regieraum Informationen und Vorschläge zukommen lassen konnte.

»Ich bin direkt hinter Ihnen«, sagte sie zum Bühnenleiter, während sie den langen Gang ins Studio hinabging.

»Denk trendig!«, rief Kyle ihr nach.

Helene passierte das blinkende, rote »Auf Sendung«-Schild und betrat ein Studio der Größe einer Turnhalle, als ein Bühnenarbeiter eine Applaus-Tafel hochhielt. Ihr Set befand sich in der Mitte – ein vom Boden bis zur Decke von einziehbaren Vorhängen umgebener Kreis. Eine Hälfte des Kreises bestand aus der Bühne und dem Hintergrund, die andere aus Stufen mit Stühlen. Dort saß das Publikum dicht gedrängt.

»Hallo, hallo«, sagte sie über den Applaus hinweg. »Ich danke Ihnen allen fürs Kommen. Es ist eine Freude, Sie heute hier zu haben.«

Sie suchte die Menge nach jungen Gesichtern ab und wusste, dass Kyle im Regieraum gerade dasselbe tat.

»Trendig müssen wir also sein, wie?«, flüsterte sie in das an ihrem Revers befestigte Mikrofon, während ihr Blick über die vorwiegend gepflegten Frauen und Männer mittleren Alters wanderte.

Mit sechsundvierzig Jahren gehörte sie selbst einer Generation an, die sich weigerte, alt zu werden, die Kontrolle aufzugeben oder sich einzugestehen, dass sie den Griff um die Zügel der Zukunft verlor.

Helene nahm auf dem großen, runden, gelben Stuhl auf der Bühne Platz.

»Du hast mir noch gar nicht die guten Neuigkeiten gesagt«, murmelte sie ins Mikrofon.

»Ein paar Kids hatten in der Bronx ein Battle Ultimo-Turnier. Einer der Burschen wurde dabei erschossen.«

»Was ist daran gut?«

»Reichlich schlechte Publicity für das Spiel; vielleicht setzen sie die Sendung ab.«

3

»Falls jemand auf der Welt einen Grund hat, deprimiert zu sein, bin ich es«, sagte Claire laut. »Aber das lasse ich nicht zu. Ich werde bis zum bitteren Ende gegen diese verdammte Krankheit kämpfen.« Sie lehnte sich gegen die Kissen ihres Krankenhausbettes, stellte die Rückenlehne mit der mechanischen Handsteuerung eine Stufe höher und versuchte, in ihre tägliche Meditation einzutauchen. Heute fiel es ihr nicht so leicht.

Claire stellte sich vor, wie ihre Eingeweide von teigigen, braunen Krebszellenklümpchen zerfressen wurden. Dann versuchte sie, sich auszumalen, wie heilendes weißes Licht darüber flutete, sie reinigte und wieder rosig werden ließ. Doch es gelang ihr nicht, das Bild festzuhalten.

Sie musste immerzu an jenen Husten denken; einen einfachen Husten, eine Bronchitis, wie Claire sie davor schon tausende Male gehabt hatte. Wie war es möglich, dass es diesmal so anders sein konnte? Sie hatte es nicht geglaubt, nicht einmal, als Dr. Cohen auf das Bruströntgenbild und die Masse deutete, auch nicht, als er die Computertomografie hervorzog und sagte: »Sie haben außerdem mehrere Tumore in der Leber. Der Krebs befindet sich in einem ziemlich fortgeschrittenen Stadium. An diesem Punkt haben wir nur beschränkte Möglichkeiten.«

Beschränkte Möglichkeiten, schoss es ihr ständig durch den Kopf, zusammen mit tausend anderen Wörtern und Bildern – Bildern ihrer Kindheit, der Kindheit ihres Kindes, der Kindheit ihres Enkels. Sie erinnerte sich an das Gefühl des Stillens, daran, wie der Mund des Babys ihren Nippel wie ein warmer Saugnapf umschloss, der kitzelte und zwickte und nicht loslassen wollte. Damals konnte sie fühlen, wie die Milch durch ihre Drüsen floss, und dann, als wäre die Milch ein Narkotikum, waren die Augen des Säuglings stets zurückgerollt, und das Kind war in den Schlaf geglitten. Manche Frauen hassten es zu stillen. Claire hatte nie so empfunden, sondern das Gefühl der Einheit mit ihrem Kind geliebt. Inzwischen war ihre Tochter ein großer TV-Star und hatte jeden Traum übertroffen, den Claire je für sie gehabt hatte.

Ich kann nicht glauben, dass Gott mich so weit gebracht hat, um mich jetzt fallen zu lassen.

Sie kehrte zu ihrem Mantra zurück, sprach es stumm in ihrem Kopf – Ah-eng, Ah-eng, Ah-eng – bis es für sie nichts anderes mehr gab. Claire meditierte schon lange, seit damals, als sich die Beatles beim Maharishi aufgehalten hatten und transzendentale Meditation ein populärer Pfad zur Erleuchtung gewesen war. Einmal war sie nach Nepal gereist, um einen Eremiten aufzusuchen, der auf einem Berggipfel lebte; den Einheimischen zufolge war er in der Lage gewesen, seinen Körper schweben zu lassen. Als sie beim ihm eingetroffen war, meinte er, Levitation sei kein Zuschauersport.

Hoch in den Anden von Peru besuchte sie die uralten Ruinen von Machu Picchu, ein Strudel mit einer besonderen Energie, wie manche glaubten, möglicherweise von Außerirdischen hinterlassen, die einst die Erde besuchten.

Sie nahm Vitamine und aß vorwiegend organische Lebensmittel. Eine Zeit lang hatte sie sich streng makrobiotisch von braunem Reis, Tofu und rohem Gemüse ernährt, ganz nach dem Vorbild der Essgewohnheiten in Asien, wo zahlreiche Krebsarten kaum auftraten. Angeblich heilte diese Kost Krebs, wenngleich sowohl der Mann als auch die Frau des Ehepaars, das darauf schwor, die Krankheit entwickelt hatten.

Ihr Rumpf schmerzte wegen des verdammten Schlauchs, der zwischen ihren Rippen steckte und die Flüssigkeit aus den Lungen saugte. Claire schlug die Augen auf, um einen Schluck medizinischen Grüntee zu trinken, und erblickte den Mann, der sie an all ihre Sorgen erinnerte – und der sie geduldig von der Tür aus beobachtete.

Sie hasste ihn. Natürlich wusste sie, dass es nicht seine Schuld war, trotzdem hasste sie ihn.

»Meine wunderschöne Claire«, sagte Dr. Cohen. »Wie geht es Ihnen heute?«

»Ich habe Schmerzen. Starke Schmerzen. Meine Seite tut weh, ich kann kaum atmen, mein Hirn fühlt sich wie Mus an. Ich habe einfach überall Schmerzen.«

»Das kommt von der Operation, Claire. Es wird als ›Pleurodese‹ oder ›Sklerose der Pleura‹ bezeichnet. Das tut immer weh, aber zumindest ist das Fieber weg. Wir haben einen Teil der Flüssigkeit in Ihren Lungen abgesaugt, dadurch sollten Sie sich besser fühlen. Das Atmen sollte Ihnen auch leichter fallen. Wir haben ein wenig Talkum eingesetzt, um zu verhindern, dass sich die Flüssigkeit wieder bildet, aber dadurch schmerzt es mehr. Ich werde Ihre Schmerzmitteldosis erhöhen.«

»Nein, schon gut. Ich denke, ich mag die Schmerzen. Sie sagen mir, dass ich noch lebe.«

»Ich möchte nicht, dass Sie sich unbehaglich fühlen. Die Behandlung von Lungenkrebs ist auch so schon schlimm genug.«

»Steve, ich komme klar. Falls ich etwas brauche, lasse ich es Sie wissen.«

Dr. Cohen setzte sich auf die Bettkante und ergriff ihre linke Hand. »Wissen Sie, es setzt mir wirklich zu, Sie so leiden zu sehen. Wir kennen uns schon eine ganze Weile. Sie sind eine der freundlichsten, bewundernswertesten Personen, die ich kenne. Ihre Aufrichtigkeit, Ihre Integrität und Ihr Charakter sind mir seit langem eine Inspiration. Ich weiß nicht, weshalb Dinge wie diese geschehen müssen, aber ich möchte, dass Sie wissen, ich wünschte aufrichtig, wir müssten das nicht durchmachen.«

»Müssen wir aber, Steve, und es ist in Ordnung.«

»Und jetzt müssen wir entscheiden, was wir als Nächstes tun.«

»Es ist ja nicht so, dass viel zur Auswahl steht«, meinte sie, hustete und zuckte bei jedem Ausatmen schmerzhaft zusammen.

»Sie haben sehr wohl die Wahl, Claire. Wenn Sie auf die Chemo ansprechen, können Sie drei bis vier Monate gewinnen.«

»Drei bis vier Monate? Mein Exmann hat so lange gebraucht, um eine einzige Entscheidung zu treffen. Ich will unsterblich sein. Können Sie mich unsterblich machen?«

Dr. Cohen verzog das Gesicht. »Nein, das kann ich nicht. Leider sind bei diesem Kampf die Krebszellen unsterblich. Ich weiß, drei bis vier Monate klingt nach nicht viel, aber in vier Monaten kann eine Menge passieren. Je näher das Ende rückt, desto wichtiger werden diese Monate für Sie.«

»Es kann eine Menge passieren? Was zum Beispiel? Ein Heilmittel? Wird es in vier Monaten ein Heilmittel für mich geben?«

»Nein.«

»Dann sind es also vier Monate, in denen ich mich elend fühle und beschissen aussehe, so, als sollte ich bereits tot sein. Ich will nicht, dass sich mein Enkel so an mich erinnert.«

»Das verstehe ich, Claire, und es liegt bei Ihnen. Aber Justin und Helene werden Sie immer lieben, ganz gleich, wie Sie aussehen. Die Medikamente heutzutage sind wirklich gut. Sie töten nur die geteilten Zellen ab. Das Problem ist, dass dazu die Blutzellen gehören, was sich in Müdigkeit, Übelkeit, Durchfall und unter Umständen Taubheit in den Fingern und Zehen niederschlägt.«

»Und Haarverlust. Vergessen Sie nicht den Haarverlust.«

»Ja, auch das. Aber ich kenne eine hervorragende Perückenmacherin.«

»Nein, danke, Steve. Ich habe meine Kräuter, meinen Grüntee und meine homöopathischen Mittel. Ich werde meditieren, Yoga machen und meine innere Quelle finden, die sich um die Heilung kümmert. Meinen Abgang werde ich selbst gestalten, mit den Haaren, die mir noch verblieben sind.«

Es sei denn natürlich, mein Hoffnungsschimmer trägt Früchte.

4

Robert Morgan hätte jeder x-Beliebige sein können, der auf einer renovierten Bank im Central Park saß. Aber er war ein gewisser Jemand, sagte er sich, während er die Tränen der Depression zurückrang, die zum beherrschenden Faktor seines Lebens geworden waren. Er betrachtete den schönsten Teil der Stadt. In der leichten Brise des Central Park lag der Atem des Sommers. Als er noch ein Kind gewesen war, hatte man dazu ›indianischer Sommer‹ gesagt. Aber das Beste an dieser Ecke des Parks war, dass man zwischen den Bäumen sitzen und auf die Stadt hinausblicken konnte – seine Stadt –, für deren Schutz er immer gekämpft hatte. Bergdorf Goodman galt weder als schönstes Geschäft, noch führte es die schönsten Kleider, aber es war ihr Lieblingsgeschäft gewesen. Ebenso wenig konnte man das Sherry Netherland als das eleganteste Hotel einer für ihre stilvollen Hotels bekannten Stadt bezeichnen, aber es beherbergte das Cipriani, ihr Lieblingsrestaurant, um ihn zum Mittagessen zu treffen. Er vermisste Maria so sehr. Immer hatte er sich eine Tochter gewünscht, die genau wie sie aussehen würde. Doch die Zeit war so schnell vergangen, obwohl er stets überzeugt gewesen war, sie würden viel mehr davon haben.

Robert sah einer Gruppe von Kindern beim Spielen im Gras zu und dachte an die Kinder, die er wahrscheinlich niemals haben würde. Nicht, weil er mit 53 zu alt war, um Vater zu werden, sondern weil Kinder keine Priorität mehr zu besitzen schienen. Er konnte sich nicht vorstellen, eine so junge Frau kennen zu lernen, dass ihr Wunsch nach Familie ihn motivieren würde. Tatsächlich konnte er sich nicht vorstellen, überhaupt je wieder mit einer Frau zusammen zu sein. Dabei wusste er, dass es ein lächerlicher Gedanke war. In Manhattan gab es reichlich geeignete Kandidatinnen, und Robert war immer noch gut aussehend, wenn nicht gerade dunkle Ringe unter seinen Augen prangten. Er war Teilhaber eines erfolgreichen Sicherheitsunternehmens und immer noch berühmt aus seiner Zeit als Polizeichef. Robert wusste, dass er zu trinken aufhören musste und hatte aufrichtig vor, es eines Tages zu tun. Er wusste auch, dass er seine Medikamente nicht mit Alkohol mischen sollte, aber irgendwie konnte er nicht anders. Auch das war etwas, woran er arbeitete. Schließlich war es ja nicht so, als wäre er ständig betrunken. Doch er bemerkte den Unterschied zumeist erst, wenn er aufzustehen versuchte.

Das Sicherheitsgeschäft hatte es gut mit ihm gemeint. Es gab immer irgendeinen Terroristen, der alles bedrohte, was den Amerikanern heilig war, einen neuen Computervirus, der eine Gefahr für einen ganzen Industriezweig darstellte, oder einen Milliardär, der Schutz brauchte. Es fehlte ihm, mitten im Geschehen dabei zu sein, dennoch war er stolz darauf, der Sprecher seines Unternehmens zu sein, und er wurde häufig von den Medien angerufen, die über Sicherheitsthemen mit ihm diskutieren wollten. Vor einem öffentlichen Auftritt trank er nicht – und wenn doch einmal, dann nicht viel.

Trotz allem, worüber er glücklich sein sollte, gelang es ihm nicht, den negativen Gedanken Einhalt zu gebieten: Was sollten eigentlich die Medikamente bewirken – und warum funktionierten sie nicht?

Er schloss die Augen und überdachte den Sicherheitsplan für die bevorstehende Versammlung der Vereinten Nationen. Alles musste reibungslos ablaufen. Hätte sich Lockhart früher an ihn gewandt, hätte er einen besseren Plan schmieden können. Also arbeitete Robert geistig die verschiedenen Blickwinkel durch und suchte nach kritischen Mängeln, die zu einem Stolperstein für die Veranstaltung werden konnten.

Rings um sich hörte er Kinder lachen, und ehe er sich versah, döste er ein, nur um ein wenig später wieder ruckartig zu erwachen, als der Ball eines Kindes von seiner Parkbank zurückprallte. Und wie häufig in der letzten Zeit bemerkte er einen seltsamen, drückenden Schmerz im Bereich der Leber.

5

Manhattan war die großartigste Stadt auf Erden, behauptete Justins Mutter. Er hielt mitten auf dem Bürgersteig an, um einen weißen Vogel zu betrachten, der die Seite eines Wolkenkratzers entlang himmelwärts aufstieg. Justin kniff angesichts der über das Dach des Gebäudes lugenden Sonne die Lider zusammen und verlor den Vogel aus den Augen. Seine Mutter liebte es, hier zu leben. Er auch.

Natürlich hatte Justin nie etwas anderes kennen gelernt, außer wenn er sich bei seinem Vater in Los Angeles aufhielt. Aber seine Mutter meinte, das sei kein Vergleich. Hier sei ein eigenes Land, das mit beiden Küsten nichts zu tun hatte.

In Manhattan war bewusst alles extrem. Die Gebäude waren höher, die Restaurants besser, die Menschen schneller, die Atmosphäre intensiver. Nur die Besten und Klügsten lebten hier gut. Die Reichen wurden reicher, die Armen ärmer. Geld stellte einen entscheidenden Motivationsfaktor dar, denn besaß man es nicht in Hülle und Fülle, war es nahezu unmöglich, ein anständiges Leben zu führen. Eine Mittelklasse gab es in New York kaum. Auf jeden Fall keine, von der seine Mutter aus ihrer Kindheit erzählte; sie war im mittleren Westen aufgewachsen.

Vielleicht lag es daran, dass sich mit dem wachsenden Erfolg seiner Mutter auch ihre Angst steigerte, diesen wieder zu verlieren – sie wollte um keinen Preis etwas sein, das mit mittel- begann. Jedenfalls war seine Mutter völlig anders als seine Großmutter. Letztere kümmerte ihr Status wenig, und sie hatte nie Angst. Justin hoffte, auch jetzt nicht.

Kaum betrat er das Manhattan Mercy Hospital, ließ ihn die Eingangshalle aus Granit und Marmor bis ins Mark frösteln.

Justin liebte seine Großmutter mehr als jeden anderen Menschen, den er je gekannt hatte. Sie war immer bereit, zu lachen und zu spielen, schien regelrecht süchtig nach Spaß und Aufregung sowie danach, neue Dinge zu lernen. Seine Mutter hingegen lernte Neues nur aus beruflichen Gründen.

Er ging durch den ersten Stock und spähte in die Zimmer mit Kranken, die dort in jenen schrecklichen Nachthemden lagen, die Münder offen und sabbernd, die Haut runzlig, Furcht in den Augen – direkt daneben ein Beatmungsgerät ...

Die gräulichen Wände verursachten ihm Übelkeit, als verstopfte ihm die Farbe den Magen. Und dieser Geruch – er hasste diesen Gestank und betete, dass es bei seiner Großmutter nicht so werden würde.

Er spähte um den Türrand und versteckte Blumen hinter seinem Rücken. »Ich habe eine Sonderlieferung«, verkündete er, wobei er einen britischen Akzent nachahmte, »für die schönste alte Dame in diesem Stockwerk.«

»Tja, junger Mann, das muss wohl ich sein«, erwiderte sie und schaltete mit der Fernbedienung den Fernseher stumm.

Er zog den Strauß hinter dem Rücken hervor.

»Oh, wie schön, lavendelfarbene Rosen«, sagte Claire und hielt kurz den Atem an, um sich die Schmerzen eines Hustenanfalls zu ersparen.

»Violett«, berichtigte er sie.

»Violett wäre dunkler. Das ist Lavendel. So oder so keine Farbe, wie sie in der Natur vorkommt, zumindest nicht bei Rosen. Ich finde sie so viel lustiger. Danke, mein Liebling.«

»Es waren die schönsten Blumen im koreanischen Laden«, erklärte er, als er sich über die Bettkante beugte und sie auf die Wange küsste. Auf einmal streckte Natasha – ein kleiner Dackel – den Kopf aus dem Rucksack über seiner Schulter.

»O mein Gott, du hast sie hereingeschmuggelt! Lass sie bloß niemanden sehen, die trifft sonst glatt der Schlag«, rief Claire.

»Mach ich. Ich war kurz zu Hause, und sie ließ mich nicht zur Tür raus, ohne zu winseln. Sie wollte dich unbedingt sehen.«

»Oh, gib sie hierher«, bat Claire aufgeregt, deutete mit dem Kopf auf den Bettrand und begann, Natasha zwischen den Ohren zu kraulen.

»Was siehst du dir an, Omi? Kanal 142? Du schaust der Jugend zu, wie sie Battle Ultimo spielt?«

»Ich dachte, vielleicht sehe ich dich. Gestern habe ich mir dein Spiel angeschaut, aber du hast verloren. Ich schätze, deshalb hat deine Mom gemeint, du hättest gestern Abend schlechte Laune gehabt.«

»Ich war nie ein besonders guter Verlierer, oder?«

»Dann fass den Entschluss, nie zu verlieren. So mache ich es immer, und verlass dich drauf, ich werde auch dieses Ding besiegen.« Tränen wallten in ihren Augen auf.

»Wenn es jemand schafft, dann du, Oma.«

»Tu mir einen Gefallen. Geh zu meinem Koffer und bring ihn mir.«

Justin ging zu einem kleinen Wandschrank mit angelehnter Tür, wo der Trolley seiner Großmutter auf dem Boden stand. Er rollte ihn zu ihrem Bett, legte ihn auf die Seite und öffnete den Reißverschluss.

»Ganz unten ist ein Buch«, sagte Claire. »Holst du es mir bitte heraus?«

Er kramte herum und schob ihre Make-up-Tasche sowie ein paar ordentlich gefaltete und in Kunststofftüten verwahrte T-Shirts und Jogginghosen beiseite. Schließlich stieß er auf ein altes, in dunkelbraunes, fast schwarzes Leder gebundenes Buch, abgegriffen und mit hauchdünnen Seiten. »Ist es das hier, Omi?«

»Genau.« Sie streckte die Hand danach aus. »Das ist ein ganz besonderes Buch.« Sie ergriff es mit der Rechten und streichelte mit der Linken darüber, wischte imaginären Staub davon ab. Es wirkte ein wenig abgewetzt, abgesehen davon jedoch in tadellosem Zustand. Das Werk war an viele Orte mitgereist, aber nie gelesen worden.

»Es ist eine Bibel. Meine Bibel – meine einzige übrigens. Vor vielen Jahren bekam ich sie geschenkt, als ich im Norden der Stadt eine spirituelle Zuflucht besuchte. Weißt du, da war dieser unverschämt gut aussehende, junge Mann, in den ich mich verliebte.« Wieder traten ihr Tränen in die Augen. Sie schwieg einen Moment und legte die Hand auf den Mund. »Er war sehr attraktiv. Wir waren so verliebt und jung, und alles war so intensiv, herrlich und verzwickt zugleich.« Sie lächelte. »Es tut mir leid, mein Schatz, ich will gar nicht weinen. In letzter Zeit bewirken Erinnerungen die komischsten Dinge bei mir. Na, jedenfalls möchte ich, dass du das Buch bekommst.«

»Ich?«

»Natürlich du«, bekräftigte sie. »Wem sonst sollte ich die Bibel schenken, etwa deiner atheistischen Mutter?«

»Agnostikerin, Omi. Sie ist Agnostikerin.«

»Wie du meinst. So oder so, du bist der Einzige, der die Vernunft besitzt, darin zu lesen, und den Verstand, die Bibel zu verstehen. Der Herr weiß, für mich gilt beides nicht. Ich habe einmal versucht, darin zu lesen, aber für mich ergab das alles keinen Sinn, all dieses ›der Herr‹ und ›dein Gott‹. Es war so verwirrend. Er hingegen hat es geliebt. Den ganzen Tag las er darin, manchmal sogar die ganze Nacht. Er fand darin so viel Bedeutung, so viel Trost. Ich wünschte, ich könnte das aus einem Buch beziehen, aber ich habe die Bibel nie verstanden.«

»Was ist mit euch beiden passiert?«

»Das Übliche, schätze ich. Wir waren jung und hatten noch nicht zu uns selbst gefunden. Ich jedenfalls bestimmt nicht, und er wollte Priester werden. Mir schien das ein dummer Gedanke, wenn man bedenkt, dass wir verliebt ineinander waren – platonisch bis dahin, dass du mich nicht falsch verstehst, aber trotzdem verliebt. Ich sagte zu ihm, wenn Gott wollte, dass er Priester würde, hätte er nicht zugelassen, dass er sich in mich verliebte.«

»Was hat er gemeint?«

»›Der Teufel pirscht sich an jene an, die er am meisten fürchtet, und er nutzt ihre größten Schwächen.‹ Das werde ich nie vergessen. Er meinte mich damit. Ich war außer mir vor Wut. Aber auch ein wenig geschmeichelt, denke ich. Immerhin war ich seine größte Schwäche, und er glaubte, der Teufel setzte mich ein, um ihn von Gott fernzuhalten. Ich habe keine Ahnung, weshalb er dachte, der Teufel fürchte ihn so sehr. So oder so, danach war es sinnlos – sehr romantisch zwar, aber sinnlos. Allerdings war es schon ziemlich erstaunlich, als jemandes größte, aber verbotene Versuchung betrachtet zu werden. Ganz wie in Casablanca. Also bin ich nach Michigan zurückgekehrt und habe mich in deinen Großvater verknallt.« Sie lachte. »Das war erst eine Wahl.«

»Wow.« Justin staunte. »Du hattest schon ein bewegtes Leben. Was ist aus dem anderen Mann geworden?«

»Er wurde Priester – Pater David«, antwortete sie melancholisch. »Eine Weile sind wir in Kontakt geblieben, aber irgendwann hatte ich es satt, dass er versuchte, mich zu bekehren. Trotzdem war er ein anständiger Mann. Er hat in diesem Buch etwas Besonderes gefunden. Vielleicht gelingt dir das auch. Er wollte immer, dass ich es lese. Er meinte: ›Eine bestimmte Religion ist nicht so wichtig wie das Finden deiner persönlichen Beziehung zu Gott.‹ Er hat diese Beziehung durch die Bibel gefunden. Ich persönlich ziehe Meditieren vor, aber du sagst mir doch Bescheid, falls in dem Buch tatsächlich etwas Wichtiges steht, oder?«

»Sicher, Oma. Du weißt, dass ich alles für dich tun würde.«

»Ich weiß. Du kannst über Armageddon lesen.«

»Du meinst, wie in Battle Ultimo – Armageddon, die ultimative Schlacht? Das gibt es echt?«

»Steht irgendwo gegen Ende.«

»Cool. Aber es macht dir doch nichts aus, wenn ich das Buch jetzt noch hier lasse, oder? Ich habe ein Spiel bei einem Freund, und ich glaube nicht ...«

»Schon gut«, sagte sie, als das Telefon klingelte. »Ich würde nicht erwarten, dass du bei irgendjemandem mit einer Bibel aufkreuzt. Und lass auch den Rucksack da. Deine Mutter ist unterwegs hierher. Sie kann Natasha mit nach Hause nehmen.«

»Prima. Danke, Omi. Oh, und bitte sag nichts von dem Spiel ... Ich meine, sie glaubt, ich lerne.«

Abermals klingelte das Telefon, und Claire ergriff den Hörer vom Nachttisch. Justin legte die Bibel neben den Apparat.

»Hallo?« Schlagartig trat ein Leuchten in ihre Augen. »Wann? Morgen? Ich bin hier. Danke. Vielen, vielen Dank.« Atemlos legte sie auf. Justin vermeinte, regelrecht zu spüren, wie ihr Herz in der gebrechlichen Brust hämmerte.

In jenem Augenblick betrat Helene das Zimmer. Als sie Natashas Köpfchen aus dem Rucksack ragen sah, verdrehte sie die Augen und schüttelte ungläubig den Kopf. Doch bevor sie Justin eine Standpauke dafür halten konnte, den Hund mit ins Krankenhaus genommen zu haben, sagte Claire: »Ich habe unglaubliche Neuigkeiten!«

6

»Bist du sicher, dass du nicht mitkommen willst?«, fragte Evelyn Claiborne, während sie einen Diamantohrring an ihrem rechten Ohrläppchen befestigte.

»Ich bin sicher, Liebes.« Archibald Claiborne war dankbar, dass er etwas Zeit alleine in der Wohnung haben würde, um seinem Verstand und Herzen freien Lauf zu lassen, die wichtigste Entscheidung seines Lebens zu treffen. Theoretisch hatte er sie bereits vor vielen Jahren gefällt, allerdings nie gedacht, dass er einst im wahren Leben würde wählen müssen. Nun war die Zeit gekommen, und er betete, der Herausforderung gewachsen zu sein.

Schwärmerisch beobachtete er, wie sich seine Frau, mit der er seit vierzig Jahren verheiratet war, in ihrem langen, schwarzen Kleid anmutig durch das Schlafzimmer bewegte. Bald würde sie zu der seit langem geplanten Pflichtteilnahme an einer Wohltätigkeitsgala aufbrechen. Sie zählte zu den bedeutendsten Ereignissen des Jahres für die Gemeinschaft der Mediziner; alle prominenten Ärzte würden anwesend sein, nicht jedoch Archibald.

»Was wirst du tun?«, rief sie aus dem Badezimmer, wo sie letzte Handgriffe an ihrem Haar vornahm.

»Lesen. Mich entspannen. Vielleicht ein wenig fernsehen.«

»Und du bist sicher, dass es dir gut geht, Liebling?« Sie küsste ihn auf die Wange. »In letzter Zeit warst du nicht ganz du selbst.«

»Mir fehlt nichts, Liebes. Geh du nur und hab einen schönen Abend.«

Archibald begleitete seine Frau zur Tür. Sie drehte sich um und hauchte ihm einen Kuss zu, als der Aufzug eintraf.

Evelyn wusste nichts von seinem Dilemma. Anfangs hatte er es ihr aus Liebe verschwiegen. Er wollte nicht, dass sich ihre zerbrechliche Psyche mit dem Unvermeidlichen auseinandersetzen musste. Später hielt er es in der Hoffnung vor ihr geheim, dass sie es nie erfahren müsste. Sie neigte von Natur aus dazu, sich über alles Sorgen zu machen, was der Situation wenig zuträglich wäre. Nun jedoch würde er ihr die Geschichte erzählen müssen – alles, was er erfahren hatte, das dunkle Geheimnis, das er hütete, das so viele Dinge verändern würde.

Einen Moment lang hoffte er, dass er sich irrte, dass ihn göttliches Geleit durch diese Phase führen würde, doch er fühlte sich nur verlassen. Es gab keinen Ausweg.

Archibald ging in sein Arbeitszimmer und blieb vor den mit antiken medizinischen Büchern gefüllten Regalen stehen. Während er sie betrachtete und auf die Freude wartete, die ihm diese Besitztümer sonst immer bereiteten, hob er die rechte Hand zum Schlüsselbein und betastete die dünne Goldkette um seinen Hals. Nichts stimmte mehr. Er hatte sich nie daran gewöhnt, eine Halskette zu tragen. Ebenso gut hätte es sich um einen Galgenstrick handeln können. Er riss daran, und als die Kette brach, schleuderte er sie zu Boden. Archibald blickte hinab, sah sie jedoch nicht. Es spielte keine Rolle. Nichts spielte noch eine Rolle.

Als es an der Tür klingelte, schreckte er zusammen, obwohl er damit gerechnet hatte. Als er öffnete, standen zwei imposante Gestalten in schwarzen Wettermänteln mit hochgezogenen Kapuzen vor ihm, so, wie man sich die Aufmachung von Mitgliedern eines Hexenzirkels vorgestellt hätte. Archibald konnte angesichts der Theatralik ein kurzes Schmunzeln nicht unterdrücken.

Es überraschte ihn, wie ruhig er die Männer in die Bibliothek führte, denn dies war sein Lieblingszimmer. Mit seinen eichenholzgetäfelten Regalen und kunstvollen Zierleisten verriet es, dass es Archibald im Leben sehr gut getroffen hatte. Hinter seinem Schreibtisch befand sich eine äußerst wertvolle, gerahmte Ausgabe des hippokratischen Eids. Nicht die moderne Neufassung aus dem Jahr 1964, sondern die lateinische Originalversion, wie sie von Hippokrates, dem Vater der Medizin, geschrieben worden war. Darauf prangte der Äskulapstab – ein Symbol in Form einer Schlange, die sich um einen knorrigen Ast wand –, der Stab des griechischen Arztes der Antike, der zum Gott der Medizin stilisiert worden war. Dies war das traditionelle Symbol der Medizin.

Zuallererst, füge kein Leid zu, dachte er. Ungeachtet der öffentlichen Wahrnehmung hatte diese Zeile nie Eingang in den hippokratischen Eid gefunden. Zum ersten Mal ertappte er sich dabei, dass er sich fragte, weshalb.

Archibald nahm auf seinem Stuhl hinter dem Schreibtisch Platz. Wortlos ließ sich der kleinere seiner beiden Besucher auf einem der Stühle ihm gegenüber nieder, während sich der größere an die Wand kostbarer, medizinischer Bücher lehnte. Archibald warf einen verstohlenen Blick hinüber, als der Mann die Ärmel hochkrempelte und mächtige Unterarme freilegte, auf die Totenschädel mit darüber gekreuzten Knochen tätowiert waren.

»Ich kann das nicht durchziehen«, sagte Archibald. Die Flammen aus dem Kamin spendeten tröstliche Wärme. »Ich will, dass alles wieder so wird, wie es war.«

»Überlegen Sie, was Sie da sagen, Archibald«, erwiderte der kleinere Mann. »Das klingt nicht sehr rational. Sie denken nicht klar. Lassen Sie sich Zeit. Sie werden sehen, alles wird gut. Sie machen sich zu viele Sorgen. Treffen Sie keine überhastete Entscheidung, wenn für uns alle so viel auf dem Spiel steht.«

»Ist mir egal. Das ist eine unerwartete Entwicklung, und ich kann nicht weitermachen.« Archibald beobachtete, wie der größere Mann mit einem Arm gegen die Bücher drückte. Ein seltener, am Rand des Regals stehender Band fiel mit dumpfem Knall zu Boden. Der Mann trat ihn beiseite.

»Denken Sie an Selbstmord?«, fragte der andere Mann vor ihm.

Archibald sah ihn an, antwortete jedoch nicht.

»Sie waren gierig. Sie wollten alles«, fuhr der Mann fort. »Das ist nicht verwerflich. So sind alle Menschen. Aber Sie können am Ende auch mit leeren Händen dastehen, wenn Sie nicht bereit sind, den Preis zu bezahlen.«

7

Justin war froh, zu Hause zu sein. Rasch kroch er ins Bett. Mit einem zufriedenen Lächeln schmiegte er sich tief ins Kissen und schlief mit Gedanken darüber ein, was er mit seinem Gewinn von drei Zwanzig-Dollar-Noten anstellen würde, den ihm der Sieg über die Jungs bei Battle Ultimo eingebracht hat.

Irgendwann erwachte er in der Dunkelheit durch den Klang seiner eigenen Schreie.

Seine Mutter rief aus dem anderen Zimmer nach ihm, und er war unsicher, wo er sich befand, konnte sich nicht orientieren. Dann erblickte er die Umrisse seines Tennispokals aus der sechsten Klasse auf der Kommode. »Alles in Ordnung, Mom. Schlaf weiter. Ich hatte bloß einen Albtraum.«

»Bist du sicher?« Seine Mutter stand schon neben dem Bett.

»Lass mich in Ruhe, Mom«, sagte er, verärgert darüber, dass sie hereingekommen war.

Er fühlte sich erschüttert, konnte sich jedoch nicht erinnern, weshalb. Also lag er still, während Natasha winselte und mit den Pfoten an der Seite des Bettes scharrte. Schnell zog er sie unter die Decke, und sie kroch neben seine Füße.

Das Schimmern von Glas, seine Großmutter und etwas, das zerbrach. Dann erinnerte er sich – Oma rief nach ihm. Sie wollte zu ihm, bat ihn – bettelte – um Hilfe, aber er konnte sie nicht erreichen und stieß gegen die Kristallkugel des Kronleuchters in der Küche; der krachte zu Boden und zerbarst in Millionen Teile. Oma beobachtete dies, dann fiel auch sie zu Boden und zerbarst wie eine filigrane Christbaumkugel in winzige Scherben. Der Traum war verschwunden, doch die Düsternis, die er vermittelte, hallte nach.

Justin versuchte, ihn aus den Gedanken zu verdrängen und wieder einzuschlafen. Gerade, als er zu dösen begann, kam Helligkeit auf. Er öffnete die Augen, sah in das Licht und versuchte, sich zu bewegen. Aber er war wie erstarrt. Furcht erfasste seinen gelähmten Körper.

War dies ein weiterer Traum? Da begann das Bild eines Mannes, Gestalt anzunehmen. Das Licht schmerzte in Justins Augen. Ein kühler Wind strich über seinen rechten Fuß, als Natasha den Kopf unter der Decke hervorstreckte.

»Wer bist du?«, flüsterte er.

»Du wirst gerufen, Justin.«

»Von wem?«

»Alle, die gerufen werden, müssen antworten«, fuhr der Mann fort. Sein Gesicht und der in Gewänder gehüllte Körper waren durch eine neblige, weiße Masse kaum zu erkennen. »Fürchte dich nicht vor ihnen. Es gibt nichts Verborgenes, das nicht offenbart werden wird, nichts Geheimes, das nicht bekannt werden wird. Verkünde im Tageslicht, was ich dir in der Dunkelheit erzähle; schrei von den Dächern, was dir ins Ohr geflüstert wird. Fürchte dich nicht vor jenen, die den Körper zerstören, aber die Seele nicht zu töten vermögen. Fürchte nur den Einen, der sowohl die Seele als auch den Körper in die Hölle verbannen kann. Hab keine Angst vor mir, Justin. Ich bin immer bei dir.«

Für Justin ergab das alles überhaupt keinen Sinn, dennoch fühlte er sich völlig entspannt.

Etwas an diesem Mann wirkte vertraut, beruhigend. Eine Flut von Bildern und Empfindungen wirbelte durch Justins Verstand. Er versuchte, eines der Bilder zu erfassen, es festzuhalten und zu analysieren, doch es verpuffte sofort.

»Ich glaube, ich kenne dich«, sagte Justin. »Ich erinnere mich an dich ... aus ... aus meiner Kindheit, nicht wahr?«

»Ich kenne dich schon viel länger«, erwiderte der Mann lächelnd, während er sich im Licht auflöste und es wieder dunkel wurde.

Helene stand neben dem Bett, beobachtete ihren Sohn und lauschte still. Sie versuchte, seine Aufmerksamkeit zu erlangen, indem sie sich direkt über ihn beugte, ihm in die Augen blickte. Aber er nahm sie nicht wahr. Mit einem leisen Seufzen schloss er die Lider.

8

Das Schnurlostelefon lag neben Robert Morgans Kissen, wo er es in der Nacht im Rausch hingelegt hatte. Verschwommen erinnerte er sich daran, dass er es in der Hand gehalten hatte, um Maria anzurufen. Er musste die Besinnung verloren haben, bevor er dazu kam. Robert fragte sich, welche Nummer er gewählt hätte. Letzte Nacht schien es einen Moment lang, als wäre sie nicht gegangen, als könnte ein simpler Anruf sie zurück in sein Leben bringen. Nun wollte er sich noch einen Augenblick an diesem Gefühl festklammern, aber das verfluchte Telefon klingelte beharrlich, und das Geräusch hallte pochend in seinem Gehirn wider.

Wer störte ihn um diese unchristliche Zeit? Ein Blick auf die Uhr verriet ihm, dass es bereits später Vormittag war. Er nahm den Anruf an und wurde sofort zum Polizeichef durchgestellt.

»Ich habe einen hoch brisanten Mordfall«, erklärte Chief Lario ohne Umschweife. Der aktuelle Polizeichef war ein vielversprechender, junger Latino, den – im Gegensatz zu seinem Vorgänger – Roberts Ruf auf dem Gebiet des Gesetzesvollzugs nicht einschüchterte. »Er wird demnächst in allen Medien sein, und wir haben keinen Hinweis darauf, was geschehen ist. Das wird ein politisch heißes Eisen, und ich will sichergehen, dass wir nichts übersehen.«

Robert hustete und räusperte sich, bevor er sprechen konnte. »Tja, Sie wissen ja, Chief, Assurance Security hilft immer gerne aus. Ich bin sicher, ich kann John Lockhart ans Telefon bekommen. Er wird mit Freuden ein Sicherheitsteam an den Tatort schicken.«

»Keine Teams, Robert. Auch kein Lockhart. Ich will Sie.«

»Sehr freundlich von Ihnen, aber ich bin in letzter Zeit etwas durch den Wind, und Lockhart ist mein Partner; er führt die Geschäfte für uns beide.«

»Sie sind schon ein Jahr durch den Wind, Robert. Wann steigen Sie wieder ein? Scheiße passiert nun mal, dagegen kann niemand etwas tun. Es ist nicht alles Ihre Schuld.«

»Das mag ja sein. Hören Sie, ich weiß die Vertrauensbekundung zu schätzen. Aber ich nehme momentan wirklich keine neuen Aufträge an. Denken Sie noch mal über Lockhart nach. Er ist das Hirn der Organisation.« »Mache ich gern. Allerdings suche ich in diesem Fall nicht nach Hirn, sondern nach Instinkten. Und ich habe nie jemanden mit besseren Instinkten erlebt als Sie.«

»Ich fürchte, auch die sind in letzter Zeit ein wenig im Arsch.« Robert ging zum Kühlschrank und schenkte sich Cola Light in ein leeres Marmeladenglas. Er trank einen ausgiebigen Schluck, leerte das Glas und stellte es mit einem harten Klirren auf die schwarze Granittheke.

»Ich möchte trotzdem, dass Sie es zumindest versuchen«, beharrte der Polizeichef.

»Wer ist das Opfer?«

»Vielleicht kennen Sie ihn. Dr. Archibald Claiborne?«

Roberts Herz sackte tiefer. Archibald war die Nummer Eins des Amerikanischen Medizinerverbands, als Robert die Nummer Eins des Gesetzesvollzugs gewesen war. Natürlich kannte er ihn. Damals hatte er es als seine Aufgabe betrachtet, ihn und alle anderen prominenten Persönlichkeiten zu kennen, die entweder bei Veranstaltungen rote Bänder durchschnitten oder wahrscheinliche Zielpersonen für Kriminelle verkörperten.

»Ja, ich kannte ihn. Zwar nicht besonders gut, aber er war mir sympathisch. Ein anständiger Mann. Seine Frau muss völlig aufgelöst sein. Die beiden hatten ein sehr gutes Verhältnis.«

»Warum kommen Sie nicht rüber, damit wir die Angelegenheit besprechen können? Ich bin in der Park Avenue am Tatort und könnte Ihre Hilfe gebrauchen.«

»Na schön, Chief. Ich sehe mir die Sache an, aber das ist alles. Der Mann, den Sie wirklich wollen, ist Lockhart; ich werde ihm meine Erkenntnisse weiterleiten.«

Robert war einer der effektivsten Polizeichefs gewesen, die New York je gehabt hatte. Er hatte die Gewaltverbrechensrate mit guten, alten Streifenpolizisten und entschlossenen Ermittlern um fünfzig Prozent gesenkt. Er mistete angestaubte Verwaltungshürden aus einer von Bürokratie überfrachteten Abteilung aus. Darüber hinaus verschaffte er den Beamten die Mittel, die sie brauchten, um ihre Arbeit zu verrichten, und die Motivation, um Fälle zu lösen. Auch den Papierkrieg verringerte er und übertrug Ermittlern Eigenverantwortung über ihre Fälle. Wenn eine Aufgabe gut erfüllt wurde, war er der Erste, der seine Leute der Öffentlichkeit präsentierte, damit sie das Prestige dafür ernteten. Natürlich hatte es ihm nicht geschadet, dass er die Zügel in einer Zeit gesteigerter Angst vor Terrorismus übernommen hatte, in der jedem klar gewesen war, dass sich die Stadt keine lasche Sicherheit leisten konnte.

Robert war ein heißer Anwärter auf das Amt des Bürgermeisters und hatte alle fünf Bezirke auf seiner Seite – sogar Staten Island, wo er den kleinsten Vorsprung hatte, aber immer noch als starker Spitzenkandidat galt. Er war als liberaler Republikaner gegen einen konservativen Demokraten angetreten, der republikanischer als er gewesen war.

Oft dachte Robert an diese Zeiten zurück – sehr oft. Die Blätter im Central Park hatten sich gerade erst gelblich und rötlich verfärbt, als unerwartet verfrühter Frost über die Stadt hereinbrach und die Menschen die Wintermäntel hervorholten. Der Geruch nach gerösteten Nüssen von den Ständen an den Straßenecken ließ es wie zu den Weihnachtsfeiertagen duften. Läufer in kurzen Hosen und T-Shirts trafen sich bei Tagesanbruch zur Vorbereitung auf den Marathon von New York City, ohne auf die Kälte zu achten. Jung und Alt fieberte mit den Mets, die durch spektakuläre Wurfserien auf die World Series zuhielten. Am Broadway sorgten vier neue Musicals für Aufregung. Das Metropolitan Museum of Art verzeichnete einen Rekordbesuch. Manhattan rüstete sich bereits für den so wichtigen Weihnachtstourismus. Alles schien in Ordnung.

Die Novemberwahlen lagen noch einige Wochen in der Zukunft, als der Jom Kippur, der heiligste Feiertag für Juden weltweit, Roberts Leben veränderte.

Robert hatte immer geglaubt, dass sich ein Leben nicht in einem Jahr, einem Monat oder einer Woche änderte; es änderte sich an einem Tag oder in einer Sekunde. Manchmal sogar in dem Bruchteil einer Sekunde, in dem ein junger Mensch beschloss, zu einem betrunkenen Fahrer ins Auto zu steigen, oder in dem jemand entschied, eine gefährliche Straße zur falschen Tageszeit entlangzugehen. Es änderte sich in dem Moment, in dem jemand den Abzug einer Waffe drückte oder ›Ja‹ in einer Situation sagte, die ein ›Nein‹ erfordert hätte.

Aber Maria hatte nie auf ihn gehört.

»Geh heute nicht in die Stadt«, hatte er sie angefleht, aber sie wollte bei Bergdorf vorbeischauen und hatte nicht gedacht, dass ausgerechnet jener Laden ein Terroristenziel sein könnte. Dennoch war er genau dort aufgetaucht, ein mit einem traditionellen Gebetstuch getarnter Kamikazebomber. Unbekümmert war er die Fifth Avenue entlanggeschlendert, bis er explodierte. Neben sich selbst riss er ein paar Dutzend weitere Menschen mit in den Tod. Von acht Millionen auf achthundert Quadratkilometern hatte er sich jenen halben Häuserblock ausgesucht, wo Maria einkaufte.

Soweit es Robert betraf, hatte sich das Buch des Lebens vor einem Jahr am Jom Kippur für ihn geschlossen.

Am nächsten Tag war er ausgestiegen – aus dem politischen Geschehen, aus dem hektischen Geschehen des Berufsalltags und in vielerlei Hinsicht aus dem Geschehen der menschlichen Gesellschaft.

Er gelangte zu dem Schluss, dass Wodka der Marke Absolut seinen zuverlässigsten Gefährten darstellte; allein der Name vermittelte jene Sicherheit, nach der er suchte. Mittlerweile lebte er völlig zurückgezogen, las Geschichten über gute, alte Polizeiarbeit, wie er es gerne nannte. Drei Mal in der Woche ging er ins Büro, um Sicherheitspläne durchzusehen, die jemand anders zusammengestellt hatte. Seine Besuche waren überwiegend eine Formalität. Er war Fünfzig-Prozent-Teilhaber des Unternehmens, sein Name der größte Vorteil der Firma. Sicher, er war vereinzelt wegen Trinkexzessen in der New Yorker Boulevardpresse aufgetaucht, aber da er hauptsächlich in den eigenen vier Wänden trank, bot dies keinen größeren Grund zur Sorge. Seine Verantwortung beschränkte sich darauf, als Sprecher des Unternehmens aufzutreten, was er immer noch gut bewältigte. Der Begriff hieß »funktionierender Alkoholiker«, und soweit es ihn betraf, würde er sich weiter betrinken, solange er funktionierte.

Nachdem er sich unter der Dusche von den Rückständen der vergangenen Nacht befreit hatte, mixte sich Robert einen Wodka mit Grapefruitsaft und brach zu Claibornes Adresse in der Park Avenue auf. Trotz seines Widerstandes verspürte er auch ein wenig Stolz darauf, regelrecht dazu gedrängt worden zu sein, sich einen wichtigen Fall anzusehen. Vielleicht war dies eine Ablenkung, die ihn eine Weile davon abhalten würde, über sein eigenes Leben nachzugrübeln.

Vor dem Gebäude standen einige Beamte. Ein paar rauchten in der kühlen Nachmittagsbrise, andere lächelten und nickten ihm zu, als sie ihn erkannten. Robert nickte zurück. Allein, hier zu sein, ließ ihn sich fühlen, als wäre er ein Teil von etwas Größerem.

Als Robert die Wohnung betrat, erblickte er den Polizeichef, die Hände am Gürtel, bekümmert von einer brutalen und rätselhaften Situation. Mittlerweile war die Nachricht über den Mord an die Presse gelangt, und die Medien berichteten über sämtliche Einzelheiten. Robert wusste, dass der Polizeichef mit der haarigen Aufgabe konfrontiert war, die Privatsphäre der einflussreichen Familie bestmöglich zu schützen, während ihm der Bürgermeister bei jedem Schritt prüfend über die Schulter blickte.

Robert ließ den Tatort auf sich wirken. Der Tote war längst ins Leichenschauhaus gebracht worden, und ein weißer Kreideumriss kennzeichnete, wo Claibornes Kopf und Oberkörper auf dem Schreibtisch zu liegen gekommen waren.

Das getrocknete Blut mischte sich so perfekt mit der roten Lederauflage des Schreibtischs, dass es zunächst den Anschein hatte, als prangte nur ein stumpfer Fleck auf einer glänzenden Oberfläche, doch als er sich näherte, erkannte er die Textur einer gewaltigen Menge geronnenen Blutes. »Was für eine Sauerei ...«

»Er wurde enthauptet«, sagte der Polizeichef. »Ein Mord aus nächster Nähe, viel intimer geht es kaum. Wer macht so etwas?«

»Eine Ehefrau, eine abservierte Geliebte, ein wütendes Familienmitglied«, antwortete Robert. »Jemand, der sich ungerecht behandelt fühlte und seine Wut nicht länger mit sich herumschleppen konnte.«

»Die Ehefrau hat eine Gala besucht, aber sie hätte natürlich jemanden dafür anheuern können. Soweit wir wissen, hatte er keine Geliebte und auch sie keinen Liebhaber.«