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BERND RÜMMELEIN

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ZEIT DER DÄMMERUNG


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© VERLAG CARL UEBERREUTER

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Für Jonathan Elric,

in Liebe

PROLOG

Die Zeit der Dämmerung, sie droht.
Lässt Licht und Schatten schwinden,
vereinigt in tiefem Rot.

Die Zeit des Sterbens, sie beginnt.
Verhüllt im Mantel des Schweigens,
erstickt den wahren Lebenswind.

Die Zeit des Verderbens, sie steht bevor.
Tod als Erlösung wir erleben,
den Weg sie öffnet zum Schattentor.

Kriegstrommeln rufen zur allerletzten Schlacht.
Dem Rufe zahlreich und tapfer sie folgen.
Tot oder lebend nach dem Blute streben.
Wer hat dies Feuer entfacht?
Die Erde wird unter ihren Füßen beben.

Vergänglich ist die Hoffnung alsbald,
all Flehen und Klagen ungehört bleibt,
wenn des dunklen Hirten Ruf erschallt.

Der Schäfer wird den Bruder loben,
just aus dem ew’gen Schlaf geweckt,
gemeinsam sie den Krieg erproben.
Schwarz und weiß vereint im Dämmerlicht.

Am Ende wird die Macht entscheiden,
wer Leben neu erschafft
und wer den Tod muss erleiden.

(aus den Schriften der Altvorderen,

»Die Prophezeiungen der Drachen«, Kapitel 3, 37.4)

Einer Statue gleich, gehauen aus Stein, kauerte die Gestalt am Rand eines Felsvorsprungs in den höchsten Höhen des Riesengebirges. Unter ihr drohte der Abgrund, dreißigtausend Fuß gähnender Leere. Der Schemen eines Mannes, der an das Symbol eines Kriegers aus längst vergessenen Tagen erinnerte, verschmolz mit dem Fels unter seinen Füßen zu einer Einheit, als sei er vor Urzeiten aus dem Stein emporgewachsen. Vielleicht hatten Wind und Wetter ihn über Millionen Sonnenwenden geformt. Womöglich war er das Werk eines verwegenen Bildhauers, der sich in die eisigen Höhen der Berge gewagt und das harte Gestein zeit seines Lebens unermüdlich bearbeitet hatte. Einzig, um sein Meisterwerk an unerreichbarer Stelle zu errichten.

Weder regte er sich noch atmete er. Das Gesicht wirkte kantig und grob gemeißelt mit ausgeprägten Wangen, einem kräftigen Kinn, schmalen Lippen, wie überhaupt der gesamte Körper nur wenig weich geschwungene Linien aufwies, dafür allerdings kräftig und athletisch ausgearbeitet war. Ohren und Nase hatte der Schöpfer offenbar vergessen. Oder geschah das Vergessen absichtlich? Haut- und Haarfarbe waren grau und in der Beschaffenheit nicht von der ihn schützenden Felsenrüstung zu unterscheiden. An manchen Stellen dunkel durchwachsen, an anderen wiederum heller gehalten.

Die Augen hielt er geschlossen und doch wirkte er auf eigenartige Weise lebendig, so als lausche er den tosenden Winden, die zornig um den Felsen tobten, als wollten sie diesen mitsamt der auf ihm kauernden Statue in die Tiefe reißen. Doch Felsen und Krieger hatten einen festen Halt und trotzten den an ihnen zerrenden Kräften.

Weder der Wind, dessen Stärke sich mit jeder weiteren Sardas der Intensität eines heftigen Sturms näherte, noch die Höhe brachten die Gestalt aus der Ruhe. Kein Wanken, kein Zittern. Nichts. Obgleich die Statue aussah, als schliefe sie, deutete ihre Haltung auf seltsame Weise einen äußerst wachen Zustand an, gerade so, als lauere sie auf eine Bewegung oder ein Geräusch. Jederzeit zum Sprung bereit.

Seit vielen Sonnenwenden schon wartete der steinerne Krieger auf dem Felsüberhang darauf, dass endlich jemand vorbeikäme, ihn aus seinem fortwährenden Schlaf zu wecken. Doch ob er schlief, träumte, tot war oder lebte. Er wusste es selbst nicht, war er doch aus Stein und ein fester Bestandteil der ihn umgebenden Berge. Die Felsen erzählten ihm viel, denn sie standen seit Anbeginn der Zeit an Ort und Stelle. Ob Erde, Kristall, Erz oder Stein, sie hatten alles gesehen und bargen Geheimnisse in sich, von denen niemand sonst je erfahren sollte. Geduldig lauschte die Statue den Geschichten und nahm das Wissen begierig in sich auf. Manchmal Fragmente nur, die wie Teile eines Rätsels erst verstanden und an der richtigen Stelle zusammengefügt werden mussten, um einen tieferen Sinn zu ergeben. Teils waren es Bilder, die sich ihrem Betrachter erst dann erschlossen, wenn er die ganze Geschichte gehört hatte. Es war ein schier endloses Flüstern und Stöhnen, ein Mahlen, Klopfen und Rauschen, das durch das Gestein bis in die höchsten Höhen und tiefsten Tiefen an jeden Fleck auf Kryson kroch. Das Band riss niemals ab. Erde und Stein waren an jedem Ort. Ihnen entging nichts und sie prägten sich seit Anbeginn der Zeit alles ein. Über ihm ragte der Gipfel des Choquai weitere dreitausend Fuß in die Höhe. Jener Gipfel, den nie ein Sterblicher erklommen hatte.

Ein Kratzen am Stiefel weckte den Krieger aus seinem Schlaf. Er öffnete die Lider, unter denen sich Augen so hell und klar wie Kristalle befanden. Das Licht der schwindenden Sonnen brach sich in den Farben des Regenbogens in der kristallenen Facettenstruktur.

»Mein Prinz, Ihr habt mich gerufen?«, fragte das unscheinbare Wesen die Statue stimmlos.

Das Wesen war ein Felsenfreund und sprach ausschließlich in Gedanken zu der Statue. Es war kaum größer als der Fuß des steinernen Kriegers und hatte sich neben dem Krieger niedergelassen, so als wären sie engste Vertraute. Am nackten, mit einer schwarz glänzenden Schuppenhaut versehenen Kopf und Schwanz glich der Felsenfreund einer Steinechse. Jedoch war der restliche Körper mit einem dicken grauen Pelz bedeckt. An den Innenflächen der sechs Füße und am vorderen Händepaar besaß der seltene Bergbewohner Saugnäpfe, mit denen er problemlos glatte Felswände emporklettern konnte.

»Goncha, mein kleiner Freund. Du bist fürwahr die treueste Seele unter den Felsenfreunden. Bist unermüdlich Zoll um Zoll die steilsten Felswände hochgekrochen, nur um mich hier oben zu besuchen«, antwortete der Prinz, ohne seine Lippen zu bewegen.

»Ihr wusstet, dass ich kommen würde, Euch zu sehen?«

»Ach Goncha«, seufzte der Prinz, »wie lange kennen wir uns schon? Du weißt, dass ich dich überall auf Kryson erreichen kann.«

Der Prinz verzog seine Lippen zu einem Grinsen und bleckte die Zähne. Er besaß ein Gebiss aus Stein mit breiten Zahnschaufeln, die eher zum Zermahlen fester Nahrung als zum Zerreißen von Fleisch und Knochen geeignet waren. Goncha kletterte am Stiefel über die Beine und den Rücken empor auf die Schulter des Prinzen, ließ sich dort nieder und begann sein Fell gründlich zu putzen, während er dem Steinernen antwortete.

»Mein ganzes Leben schon. Und vor mir mein Vater, Großvater, Urgroßvater und dessen Ahnen wiederum. Es scheint mir eine Ewigkeit zu sein, und wir geben unser Wissen über Euch von Generation zu Generation zu Generation an unsere Nachkommen weiter« – der Felsenfreund wiegte seinen Kopf hin und her – »ich hatte so ein Gefühl, als hättet Ihr mich zu Euch gerufen.«

»Das stimmt. Ich sandte meine Stimme durch die Felsen. Kryson verändert sich. Die Zeit der Dämmerung bricht an. Geh und wecke die Felsgeborenen aus ihrem fortwährenden Schlaf. Berichte meinem Vater, was Vargnar gesehen hat. Sie sollen sich bereithalten. Bald wird es Zeit, aufzubrechen. Wir werden an die alten Stätten zurückkehren und uns wieder holen, was einst uns gehört hat.«

»Ihr wünscht, dass ich zu den Steingräbern gehe?«, unterbrach der Felsenfreund das Putzen und sah Vargnar ängstlich von der Seite an.

»Ja, du warst schon einmal dort und wirst den Weg mühelos finden. Fürchtest du dich etwa?« Dem Prinzen war der Stimmungsumschwung der Pelzechse nicht entgangen.

»Die Golemwächter der Gräber werden mich wie einen Wurm zwischen ihren fetten Zehen zerquetschen, wenn sie mich dort entdecken sollten«, jammerte Goncha.

»Du brauchst dich nicht vor ihnen zu fürchten. Die Wächter sind seelenlose Wesen, die von uns geschaffen wurden, um die Feinde der Felsgeborenen von der Schlafstätte meines Volkes fernzuhalten. Sie sind unfertig, besitzen weder Sinn noch Verstand und folgen meinen Befehlen in bedingungslosem Gehorsam. Sie werden meiner Weisung folgen und dich in Ruhe gewähren lassen. Du bist ein Felsenfreund und kein Feind.«

»Unheimlich sind sie mir trotzdem, mein Prinz. Sie mögen mich nicht sonderlich.«

»Unsinn, Goncha. Sie fürchten sich vor dir, weil du ihnen so viel voraushast. Ein so kleines, friedfertiges und höchst nützliches Wesen, vor langer Zeit geschaffen von einem Lesvaraq als Geschenk für die Burnter. Niemand außer den Felsgeborenen ahnt, welch intelligentes und magisches Wesen in den Felsenfreunden tatsächlich steckt. Du wirst dich also, gleich nachdem ich dir die Botschaft für meinen Vater mitgeteilt habe, auf den Weg zu den Steingräbern der Felsgeborenen machen.«

»Ihr habt fürwahr ein Herz aus Stein, mein Herr.«

»In der Tat, Goncha. Du hast recht«, lachte der Prinz der Felsgeborenen, »… und selbst du wirst es nicht erweichen können. Wecke den König und sein Gefolge. Es ist wichtig, dass sie sich bereithalten.«

»Sehr wohl, Prinz Vargnar«, nahm Goncha den Befehl des Prinzen ergeben entgegen, »der König der Felsgeborenen wird sich gewiss über Nachricht von Euch freuen.«

»Das weiß ich nicht. Aber es wird ihm neue Hoffnung geben. Hör gut zu und vergiss nicht, was ich dir sage. Die Steine sprachen fortwährend zu mir«, fuhr Vargnar fort, »ich lauschte ihnen, entschlüsselte ihre rätselhaften Botschaften wieder und wieder, drehte und wendete jedes Geräusch, jedes Klopfen, Flüstern und jeden Hinweis in alle erdenklichen Richtungen, bis ich verstand, was sie mir mitteilen wollten. Zwei Kinder wurden jüngst geboren. Außergewöhnliche Kinder, die mit den Insignien der Macht gezeichnet sind. Das Zeichen der Sonnen und des Mondes zieren ihre Haut. Weder ein Brandzeichen noch eine Tätowierung. Ein Muttermal, das sie von Geburt an tragen. Eines wurde in den Wäldern geboren, das andere unweit von hier im ewigen Eis des Nordens. Sie sind die wiedergeborenen Lesvaraq, und doch sind sie anders, vielleicht stärker als die alten Lesvaraq es je waren. Daran gibt es keinen Zweifel. Aber die Kinder schweben in Gefahr. Noch sind sie ihren Widersachern hilflos ausgeliefert. Ihre Kräfte müssen wachsen und sie müssen lernen. Sie können ohne Schutz nicht überleben. Ihr Schicksal liegt im Nebel der Ungewissheit verborgen. Niemand vermag zu sagen, was mit ihnen geschehen wird. Jemand trachtet ihnen nach dem Leben und neidet ihnen die Macht, die in ihnen wohnt. Schon sammeln sich ihre Feinde, sie zu vernichten. Und doch haben sie auch Freunde, die sich verbünden, um ihr Leben zu schützen. Die Steine erzählten von einer blutigen Schlacht. Der schrecklichsten und verlustreichsten, die Kryson je gesehen hat. Sie zeigten mir das Bild eines begnadeten Kriegers und dessen Schwert. Er führte eine Klinge aus Blutstahl. Tödlich, den Feind vernichtend und mit einer Schneide ausgestattet, die selbst die steinerne Hülle der Felsgeborenen mühelos zu durchdringen vermag und ihnen die Seelen entreißen kann. Solatar flüsterten die Steine voller Ehrfurcht den Namen des stählernen Seelenfressers. Ich ließ meine Gedanken bis in die heiligen Hallen der Saijkalrae wandern und sah den dunklen Hirten auferstehen, nachdem das Blutopfer seiner Erweckung am Fluss Rayhin erbracht war. Er schart seine Diener um sich. Er ist es auch, der die Sonne verdunkelt und die Zeit der Dämmerung hervorruft. Die Steine berichteten mir von Schande und Verrat. Familienbande wurden mit Gewalt zerstört und warten darauf, gerächt zu werden. Die Geißel der Schatten wütet in den Klanlanden und wird nicht eher haltmachen, bis nur noch die stärksten Klan übrig sind. Die Letzten, die verzweifelt um ihr Überleben kämpfen werden. Ich spürte die Schwingen eines uralten Drachen aus Fee schlagen, auf dessen Rücken ein mächtiger Drachenreiter sitzt, der an sich selbst zweifelt und seiner Macht nicht gewahr wird. Sie ließen mich eine aus den Tiefen der Erde, entsprungen aus der Rachurenstadt Krawahta, aufsteigende Gefahr spüren, die nach Rache dürstet. Und noch etwas habe ich gehört, als ich den Steinen lauschte. Die Bluttrinker rüsten zur letzten Schlacht, um sich von ihren Fesseln zu befreien. Quadalkars Kinder werden unsere Burg verlassen und in den Krieg ziehen. Eine Frau führt die verfluchten Kinder in die Freiheit. Sie trägt das wohl älteste Blutschwert auf Ell. Decayar riefen mir die Steine ängstlich zu. Die Zackenklinge des Quadalkar, die selbst härtestes Gestein zu spalten vermag. Wir werden sehen, wie sich die Kriegerin mit den Fähigkeiten eines Bewahrers, ausgestattet mit dem Schwert, schlägt, sollte sie auf ihren wahren Meister treffen. Begleitet wird sie von einem der sieben Streiter aus der Prophezeiung, die sich auf die Suche nach dem Buch des Ulljan machen werden. Ich habe ihn gesehen und sofort erkannt. Das Buch muss für den Lesvaraq gefunden werden, der das Erbe des Ulljan antritt. Die Zeit der Klan und der Bewahrer geht zu Ende. Eine neue Ordnung beginnt.«

»Das Glück den Siebten verließ im Fluch, er wird finden nach langer Hatz das Buch«, zitierte Goncha die Prophezeiung des Ulljan.

»Oh, das ist gut«, lächelte Vargnar zufrieden, »du kennst die Worte und erstaunst mich immer wieder aufs Neue. Du weißt, wovon ich spreche, und hast ihn gesehen, nicht wahr? Ich bin selbst einer der Sieben und warte, bis ich gerufen werde, meine Aufgabe zu erfüllen.«

»Der Sechste geboren aus Fels und Erde, verbindet die Kraft der wilden Herde«, zitierte Goncha aus der Prophezeiung des Ulljan.

»Spute dich, Goncha«, sagte Vargnar, »die felsgeborenen Burnter werden eine Weile brauchen, bis sie aus ihrem Schlaf erwacht sind und sich frei bewegen können. Ich verweile noch hier oben, bis sich meine Füße vom Felsen gelöst haben, und folge dir dann zu den Gräbern.«

Flink löste sich der Felsenfreund von der Schulter der Statue, sprang zur Kante des Felsvorsprungs und kletterte kopfüber das steilwandige Gestein hinab. An manchen Stellen drückte er sich ab und ließ sich einfach fallen, so lange, bis ihn der Wind gegen die Felswände drückte und er wieder einen sicheren Halt fand. Die Steingräber lagen in einer tiefen Schlucht versteckt. In dieser rasenden Geschwindigkeit würde er sie schon binnen weniger Horas erreicht haben.

Das wohl seltsamste Volk unter den Völkern der Altvorderen waren die Burnter, die sich selbst als die Felsgeborenen bezeichneten. Genauso wie die Nno-bei-Maja waren sie nach schier aussichtslosen Kriegen spurlos vom Kontinent Ell verschwunden. Außer zahlreichen Gerüchten über das steinerne Volk zeugten lediglich noch ihre Bauten, Skulpturen und Städte von ihrer einst prächtigen Existenz. Sie stellten die wahren Baumeister Krysons dar. Kein anderes Volk hatte den Umgang mit Stein besser beherrscht als die Felsgeborenen und niemand würde ihre famose Kunstfertigkeit je wieder erreichen. Alte Schriften berichteten von nahezu unverwundbaren Wesen, deren Haut, Rüstungen und Waffen aus Stein waren. Lediglich durch Meisterhand zu Klingen geschmiedeter und magisch veredelter Blutstahl vermochte ihnen wirklichen Schaden zuzufügen. Sie fürchteten den Gang zu den Schatten nicht. Im Licht der Sonnen überstrahlten ihre gleißenden Augen aus Kristall den Tag. In ihrer Brust schlug ein steinernes Herz, das unermüdlich schwarzes Blut durch ihren Körper pumpte. Die Macht ihrer Magie bezogen sie aus der Erde und den Felsen, aus denen sie entsprungen waren. Außer ihnen selbst verstand niemand das stete Wispern der Steine. Die Felsgeborenen waren als stolz, stark und eigensinnig bekannt. Angeführt wurden sie von ihrem erwählten König Saragar und dessen Familie, denen sie aus freien Stücken ergeben dienten. Meist blieben sie unter sich und suchten nur selten den Kontakt zu anderen Völkern auf Ell.

Eine Legende erzählte, dass sie den Drachenkindern jedoch aus Dankbarkeit für das Überlassen eines Dracheneis die Felsenstadt Gafassa erbaut und anschließend großmütig aus freien Stücken geschenkt hatten. Natürlich gab es eine vollkommen andere Version über die Entstehung der Hauptstadt der Tartyk. In jener abweichenden Darstellung wurde behauptet, die Felsgeborenen hätten den Tartyk ein Drachenei gestohlen, woraufhin diese die Stadt erobert und erst nach ihrem Sieg zum Stammsitz auserkoren hätten. Tatsächlich wussten nur die Felsgeborenen und die Tartyk selbst, wie es zur Übergabe der Stadt Gafassa gekommen war.

Vargnar kannte die Wahrheit. Lange bevor das Antlitz Krysons nach Gutdünken der Lesvaraq geformt worden war, hatte es eine Zeit gegeben, in der die Altvorderen über die Geschicke ihrer Völker selbst und über den Kontinent Ell bestimmt hatten. Zu jener Zeit waren die ersten Drachen nach Ell gekommen und hatten ein Bündnis mit den frühen Tartyk geschlossen, die im Grunde kein eigenständiges Volk waren, sondern entfernt von den Naiki abstammten. Die Verbindung mit den Drachen brachte die Drachenkinder hervor. Sie waren die ersten echten Tartyk, in deren Adern magisches Drachenblut floss. Eine Symbiose, die den Tartyk erst die Langlebigkeit verlieh, die sie zu einem besonderen Volk der Altvorderen machte. Vargnar hatte sich zeit seines Lebens gefragt, woher die Drachen wohl stammten und was sie nach Ell getrieben hatte. Niemand hatte ihm diese Frage mit Gewissheit beantworten können. Es war die Rede von einem anderen Kontinent, der weit größer und magischer, aber auch vollkommen anders als Ell war. Der Name Fee war in diesem Zusammenhang des Öfteren aufgetaucht. Vielleicht war es ein Krieg um das Gleichgewicht oder eine Katastrophe auf dem fremden Kontinenten, der die Drachen zur Flucht veranlasste. Niemand außer den letzten überlebenden Drachen selbst vermochte dies mit Gewissheit zu sagen.

Die Magie der Drachen war stark und den meisten magiebegabten Völkern auf Ell deutlich überlegen. Nur vereint hätten die damaligen Altvorderen etwas gegen die Drachen ausrichten können. Aber die Völker waren sich untereinander nicht einig, standen in mancherlei Fehden gegeneinander und ließen die Drachen gewähren. Die Tartyk jedoch besaßen ohne die Drachen nichts. Schließlich einigten sich die Völker darauf, dass die Drachenreiter in einem abgegrenzten Gebiet im Südgebirge wohl am besten aufgehoben waren. Die Felsgeborenen traten ihnen zu diesem Zweck schweren Herzens die Felsenstadt ab, errichteten die Drachentürme und das mächtige Eingangsportal mit dem Symbol des Drachen von Gafassa. Im Gegenzug für diese großmütige Leistung versprachen die Tartyk, sich fortwährend neutral zu verhalten und ihren Wirkungskreis tatsächlich auf das Südgebirge und die unwirtlichen, aber an Rohstoffen durchaus reichen Gebiete Ells im Süden zu beschränken. Die Vereinbarung war niemals gebrochen worden. Unbegreiflich war es für Vargnar allerdings, wie die Legenden um das Drachenei entstanden waren. Das Interesse der Felsgeborenen, einen eigenen Drachen zu besitzen, erwies sich eher als gering. Was sollten sie mit einem Drachen anfangen? Sie waren in der Lage, aus Stein und Erde eigene Geschöpfe zu erschaffen, die ihnen wie die Felsenfreunde nützliche Dienste erweisen konnten. In mancherlei Belangen war ihnen ein Lesvaraq dabei behilflich gewesen. Ein solch magisches Wesen wie ein Drache wurde unter den Burntern eher als hinderlich angesehen. Womöglich hätten sie sich anders entschieden, wenn sie bereits gewusst hätten, was ihnen von dem damals aufstrebenden Volk der Klan drohte.

Als Ruitan Garlak die Stämme der Nno-bei-Klan unter seiner eisernen Hand nach langen Sonnenwenden des Kampfes endlich geeint und der letzte der sieben klanschen Stammesfürsten das Schwert in einer Geste der Unterwerfung zu den Füßen der Eisenhand abgelegt hatte, wandte sich der Anführer der Klan mit vereinten Kräften gegen die Altvorderen. Sein Ziel war es, die Magie und mit ihr die magiebegabten Völker der Altvorderen ein für alle Mal vom Angesicht Ells zu tilgen. Obwohl er die Saijkalrae nicht minder hasste und fürchtete wie die Altvorderen, stand er, von seinen schlimmsten Ängste getrieben, in der Grausamkeit seiner Handlungen, die magischen Wesen zu bekämpfen, den Brüdern Saijrae und Saijkal in nichts nach. Eine Angst, die ihm zeit seines Lebens schwer zu schaffen machte und ihn immer wieder aufs Neue grämte. Insgeheim hielt er die Altvorderen seinem eigenen Volk für überlegen. Sie waren in seinen Augen eine Gefahr für die Klan, die es zu vernichten, wenigstens jedoch aus ihren Stammgebieten zu vertreiben galt.

Ruitan Garlak hatte die Magie nie verstanden oder als gegeben akzeptiert. Er wusste weder, wo sie herkam, noch konnte er sich erklären, wie sie anzuwenden war und warum es Lebewesen gab, die der Macht des für ihn Unfassbaren zugewandt waren, während andere wiederum nicht den Hauch einer Ahnung davon hatten. In seiner zerstörerischen Idee, die Magie und mit ihr alle Begabten auszulöschen, wurde er tatkräftig von den Praistern unterstützt, die als Abgesandte und Vertreter der Kojos kein anderes Wesen duldeten, das mit Kräften ausgestattet war, die, ihrer strengen Lehre folgend, ausschließlich den Kojos selbst und ihren Abgesandten zu eigen sein durften. So verriet Ruitan Garlak seine engsten Freunde und Kampfgefährten an die Inquisition der Praister und führte gleichzeitig einen Mehrfrontenkrieg gegen die Brüder der Saijkalrae und die Völker der Altvorderen. Anfangs hatte es für den ungekrönten Regenten und die vereinigten Klan nicht nach einem Sieg ausgesehen.

Im Gegenteil, der Magie keineswegs gewachsen standen sie vor einer alles vernichtenden Niederlage. Sie verloren Schlacht um Schlacht, gleichgültig wie unerbittlich und grausam die Klan gegen die Magiebegabten vorgingen. Doch das Blatt wendete sich, als es den Saijkalrae gelungen war, Ulljan und dessen Geist zu vernichten. Als sie die Macht auf frevlerische Weise an sich gezogen hatten, begann das Gleichgewicht Krysons zu wanken. Die Brüder bündelten die Magie und hatten sofort damit begonnen, den Zugang für alle anderen Magier zu begrenzen. Die Macht der Altvorderen begann zu schwinden. Nur noch wenige besonders herausragende und erfahrene Hexen und Zauberer waren in der Lage, die Hürden zu überwinden und sich der ihren Völkern eigenen, freien Magie zu widmen. Aber sie waren viel zu wenige, um dem unermüdlichen Ansturm der Klan und ihrem Treiben auf Dauer standhalten zu können. An die weitere Gefahr aus den Tiefen des unterirdischen Reiches der Rachuren hatte zu jener Zeit niemand gedacht. Lediglich am Rande waren die Rachuren unter der Führung einer Saijkalsanhexe aufgetaucht, aber als unbedeutend wahrgenommen worden. Vielleicht waren sie damals von dem Liebreiz und der umwerfenden Schönheit der Hexe Rajuru geblendet worden.

Die Tartyk hingegen verdankten ihr Überleben einzig den mit ihnen verbündeten Drachen, gegen die Ruitan Garlak nichts ausrichten konnte. Gewiss, die Eisenhand hatte nichts unversucht gelassen, den Langlebigen das Dasein schwer zu machen und ihre Bastion im Gebirge anzugreifen, doch seine Truppen kamen nicht einmal in die Nähe der Hauptstadt Gafassa und mussten sich ein ums andere Mal nach empfindlichen Verlusten auf der Hochebene vor dem Südgebirge geschlagen geben. Nach der vierten Niederlage in Folge und einem stark geschwächten Heer gab Ruitan Garlak den Versuch frustriert auf, die Tartyk mit ihren Drachen von Ell verdrängen zu wollen.

Alle anderen Altvorderen jedoch wurden in die Enge getrieben, und am Ende mussten sie der Übermacht weichen und sich zurückziehen. Sie suchten ihr Heil zunächst in der Flucht. Die Naiki waren in die Wälder geflohen, um dort im finsteren Herzen des Waldes im Geheimen zu überleben und gelegentlich Angriffe gegen die ihnen inzwischen verhasst gewordenen Klan zu führen.

Das verlorene Volk der Nno-bei-Maja sollte, den unglaublichsten Legenden über ihr Verschwinden folgend, gemeinschaftlich unter der Führung seiner Königin den Gang zu den Schatten angetreten haben. Es galt seither als verschollen.

Die Burnter allerdings verschwanden so, wie sie einst nach Ell gekommen waren. Erhoben aus Steinen und Erde verschmolzen sie mit den Felsen, aus denen sie einst geboren waren, und wurden selbst wieder Teil des Steins. So waren die Steingräber im Riesengebirge zur letzten Ruhestätte der Burnter geworden.

Nur für kurze Zeit war noch einmal Hoffnung unter den Völkern der Altvorderen aufgekeimt. Es war die Zeit der Sonnenwenden gewesen, in denen Quadalkar die Klanlande mit seinem vernichtenden Rachefeldzug überzogen und sich am Ende gegen die Saijkalrae selbst gewandt hatte. Doch alle Hoffnung starb spätestens in jenem Moment, als Quadalkar vom Fluch der Brüder getroffen worden war. Rasch hatte sich die bittere Erkenntnis eingestellt, dass der Bann des ewigen Schlafes den schleichenden Entzug der Macht und die Konzentration der Magie auf die Saijkalrae noch verstärkt hatte. Die Niederlage vor Augen hatten die Altvorderen schließlich alle Gegenwehr aufgegeben, retteten, was immer sie noch für ihr Überleben sichern konnten, und zogen sich endgültig zurück. Jedes der magischen Völker auf seine ihm eigene Weise.

Es hatte einige Tage gedauert, bis sich Prinz Vargnar aus dem Felsen gelöst hatte und vollständig zum Leben erwacht war. Er streckte Arme und Beine aus, prüfte sorgfältig jeden Finger und Zeh auf seine Beweglichkeit. Mit dem Ergebnis zufrieden machte er sich für den Abstieg bereit. In einer Nische im Felsen kramte er einen ledernen Mantel hervor, den er mithilfe von eisernen Ringen und in das Leder eingelassenen Ösen an Armen und Beinen befestigte.

Auf Zehenspitzen stellte sich der Felsgeborene an die vorderste Kante des Vorsprungs, lehnte sich vornüber und blickte entlang der Felswände senkrecht in die Tiefe. Ein Gefühl der Erhabenheit und Freiheit durchströmte seinen Körper, als er den nicht enden wollenden Abgrund vor sich erblickte. Ein Kribbeln, als liefen tausend Spinnen über die Haut, ließ ihn das Leben und die freudige Erregung vor dem Sprung spüren. Dreißigtausend Fuß steil abfallende Felswände waren es bis zum mit dichtem Nebel überzogenen Boden. Der Prinz war in der Lage, den Nebel mit seinen Augen zu durchdringen. Nirgends auf Ell waren die Berge so hoch und die Wände so steil wie im Riesengebirge.

»Der eisige Norden mit seinen schwindelnden Höhen hat seine ganz eigenen Vorzüge«, dachte Vargnar bei sich, während sich die Erregung vor dem Kommenden auf seinen Körper ausbreitete.

Kein Normalsterblicher vermochte solche Höhen zu erklimmen und einen Aufenthalt gar zu überleben. Die meisten wagemutigen Kletterer mussten bereits nach der Hälfte des Weges zum Gipfel entkräftet und unter Atemnot aufgeben, wenn sie bis dahin nicht bereits der Wind von den Wänden gerissen hatte, der meist ungehemmt und in Sturmstärke über die Felsformationen fegte.

Vargnar breitete die Arme aus und stieß sich mit den Füßen ab. An der Unterseite der Arme über die Hüfte bis zu den außen liegenden Fußknöcheln entfaltete sich, aus einem Stück gefertigt, die Lederhaut, die ihm Schwingen verlieh und ihn aus der Entfernung wie einen Drachen oder eine zu groß geratene Fledermaus wirken ließ.

Eine kräftige Windböe erfasste seinen Körper, griff unter die gespannte Flughaut und trug ihn ein Stück in die Höhe, spielte mit dem Felsgeborenen, warf ihn hin und her, als habe sie seit Ewigkeiten auf den Sprung des Prinzen gewartet. Er ließ den Wind gewähren, der ihn mit sich riss, höher und höher hinaustrug, als wolle er ihm den höchsten Gipfel auf Ell zeigen.

Der Prinz freute sich über die stürmische Begrüßung der Naturgewalt, die ihn mit jeder Berührung spüren ließ, dass er wieder lebte und wie eh und je eng mit ihr im Einklang stand. Nach einer Weile des ungezügelten Auftriebs beendete Vargnar das fröhliche Spiel, indem er sich, Beine und Arme anziehend, zu einer Kugel zusammenrollte und dem Wind somit die notwendige Angriffsfläche entzog. Wie ein massiver Felsblock stürzte der Prinz plötzlich in die Tiefe, wurde schneller und schneller, bis er nach wenigen Fuß die höchstmögliche Fallgeschwindigkeit erreicht hatte. Er wollte vor Freude jauchzen, hielt sich jedoch im Zaum, um nicht den richtigen Moment zu verpassen, in dem er den freien Fall beenden musste.

Vargnar wusste, obwohl seine Hülle aus Stein war, konnte er bei einem Sturz aus dieser Höhe durch den Aufprall auf einen Felsen zerschellen und sein Körper würde womöglich in tausend Splitter zerbersten. Wenn es schon nicht der ungefährlichste Weg, aus den Höhen des Riesengebirges ins Tal zu gelangen, war, so stellte es immerhin den schnellsten Abstieg dar, den nur ein Felsgeborener bewältigen konnte. Jedes andere unbeflügelte Lebewesen hätte auf diese Weise mit Gewissheit seinen Gang zu den Schatten besiegelt.

Der Sturz in die Tiefe war wie ein einziger Rausch für den Prinzen, der ihm die stets so wachen Sinne vernebelte und beinahe vergessen ließ, wer und wo er war. Die Hitze des Fallens drang durch die Kleidung bis unter die obersten Schichten seiner Felsenhaut. Ihm wurde heiß und er dachte, er müsse durch den Reibungswiderstand jeden Augenblick verglühen, wenn der Fall zu lange dauerte. Er war hin- und hergerissen zwischen den ihn überwältigenden Gefühlen und der sich zur eigenen Sicherheit auferlegten Wachsamkeit. Stets musste er sich daran erinnern, dass er fiel und fiel und fiel. Er zählte jede Sardas, seit er sich zu einer Kugel zusammengerollt hatte, verdrängte den berauschenden Eindruck aus seinem Kopf, löste sich schließlich aus der Haltung, als er den Nebel näher kommen sah, und streckte gleichzeitig Arme und Beine weit von seinem Körper ab. Sofort wurde sein Fall langsamer, bis er die letzten Fuß gemächlich abwärtsschwebte und langsam, aber sicher in den Nebel glitt, der ihn sanft umhüllte, für neugierige Augen unsichtbar machte, seine erhitzte Felsenhaut mit feinen Wassertropfen benetzte und zugleich wohltuend abkühlte. Er hatte den Sturz aus großer Höhe sicher vollbracht und sich keine Sardas zu früh oder zu spät geöffnet. Als er mit den Füßen auf dem Boden aufkam, dabei nur ein kaum wahrnehmbares Geräusch verursachte, war Vargnar zufrieden mit sich und lächelte still in sich hinein.

Nach all den Sonnenwenden des Lauschens habe ich die Kunst des freien Falls nicht verlernt. Das ist ein gutes Zeichen für einen Neuanfang, dachte der Prinz und schlug sogleich die Richtung zu den Steingräbern der Felsgeborenen ein.

Vargnar kannte den Weg, obwohl er diesen sehr lange nicht mehr gegangen war. Er hatte die Sonnenwenden nicht gezählt, seit er die Wacht für sein Volk angetreten hatte, in denen er als lebende Statue unterhalb eines Gipfels des Riesengebirges regungslos verweilte und fortwährend den Erzählungen der Felsen gelauscht hatte. Gewiss waren es weit mehr als eintausend Sonnenwenden, dessen war er sich sicher.

Die Steingräber befanden sich in einer Schlucht mitten im Gebirge, umgeben von den höchsten Bergen Krysons. Die Schlucht hatte sich tief in die Felsen des Riesengebirges gefressen, und ihre zwischen den steil aufragenden Felswänden versteckte Lage verhinderte das Eindringen von Tageslicht. Außer wenigen spärlich verteilten und tiefgrünen Schattengewächsen gediehen keine weiteren Pflanzen in der Schlucht. Die Felsgeborenen nannten dieses Gebiet »Schattenschlucht«, obwohl sie mit dem Reich der Schatten nichts gemein hatte und sich die an den Wänden bewegenden Schatten meist durch das diffuse Licht als eine Täuschung des Auges entpuppten. Jedes noch so kleine Geräusch hallte von den eng zusammenstehenden Wänden mehrfach verstärkt wider. Jedes gesprochene Wort, selbst ein Flüstern schwoll zu einem unheimlichen, nur langsam verebbenden Gemurmel an und löste auf seinem Höhepunkt möglicherweise Steinlawinen aus.

Dies war der Ort, den sich die Felsgeborenen für ihren Rückzug ausgesucht hatten. Ein unwirtlicher Ort, den gewiss niemand freiwillig betreten hätte und der zu allem Überfluss von den Steingolems bewacht wurde. Die Golemwächter waren eigens zu diesem Zweck von den Felsgeborenen geschaffene Kreaturen, die weder einen eigenen Verstand noch eine Seele besaßen. Sechs riesenhafte Golems hatten die Burnter zu ihrem Schutz erschaffen. Jeweils drei der Riesen bewachten den Ein- und Ausgang der Schlucht zu den Steingräbern. Die Riesen erwachten aus ihrer Starre, sobald jemand auch nur einen Fuß in die Schlucht setzte und sich den Steingräbern näherte. Waren sie erst erwacht, gab es kein Zurück. Sie gaben keine Ruhe, bis sie den Eindringling – sei er auch noch so klein oder ungefährlich – gestellt und vernichtet hatten. Lediglich der Befehl eines Felsgeborenen, dem sie bedingungslos Folge zu leisten hatten, konnte ihnen Einhalt gebieten.

Der Felsenprinz hatte seine Befehle durch den Stein längst an die Golems gegeben, um sie nicht in Aufruhr zu versetzen, wenn der kleine Goncha die Schlucht betreten sollte und er ihm einige Tage später folgen sollte. Zufrieden registrierte er, dass sie ihn verstanden hatten. Als er den Eingang passierte, fand er die Golemwächter erstarrt vor und doch wusste er, dass sie nicht schliefen und jede Bewegung verfolgten. Goncha erwartete ihn mit einem Glucksen, das von den Felswänden widerhallte, zu einem Stakkato anschwoll und glücklicherweise, ohne größeren Schaden anzurichten, verebbte. Bevor der Felsenfreund in seiner Freude weitere Geräusche des Wiedersehens und der Erleichterung von sich geben konnte, legte der Prinz den Finger auf die Lippen und wies den Felsenfreund durch ein Zeichen an, nur in Gedanken mit ihm zu sprechen.

»Es ist schön, dich zu sehen, Goncha«, begann der Prinz den Gedankenaustausch.

Der Felsenfreund kletterte auf die Schulter des Prinzen und machte es sich darauf bequem, bevor er antwortete.

»Lange hätte ich es alleine in diesem düsteren Loch nicht mehr ausgehalten. Es ist kalt, dunkel und unheimlich hier unten. Die Höhen der Berge sind mir weitaus lieber. Ich bin froh, dass Ihr endlich gekommen seid, mein Prinz.«

»Hast du getan, was ich dir auftrug?«

»Natürlich, auf Goncha dürft Ihr Euch stets verlassen«, der Felsenfreund begann mit einer ausgiebigen Pelzwäsche.

»Wo sind sie? König Saragar, mein Vater, und all die anderen?« Vargnar sah sich um, konnte aber nichts entdecken.

»Oh, verzeiht, mein Herr. Ich vergaß Euch zu berichten, dass sich die Burnter schneller aus ihren Gräbern erhoben haben, als ich dachte. Es war ein faszinierender Anblick, das muss ich zugeben. Einer nach dem anderen stieg aus den Steinen empor, löste sich aus den Felsen und wartete auf die Rückkehr des Königs. Saragar kam zuletzt, und ich glaubte Eifer und Freude in seinen Augen glühen zu sehen. Die Kristalle funkelten heller als das Licht der Dämmerung. Euer Vater bat mich, auf Eure Ankunft zu warten und Euch zu benachrichtigen, dass er mit dem Gefolge bereits zu den Eisprinzessinnen aufgebrochen sei. Er will sich mit Ihnen vereinen und sich ihre Macht zunutze machen. Er sagte, Ihr solltet als Vorhut die Lage um die Burg auskundschaften und sie nach Möglichkeit für ihn in Besitz nehmen, sobald die Bluttrinker auszögen, Ihr Schicksal zu erfüllen.«

»Saragar hätte auf mich warten sollen. Warum diese Eile? Ich kam, so schnell ich konnte. Was hätte ein Tag mehr oder weniger geändert?«

»Nichts, mein Herr. Das ist gewiss. Aber ich glaube, er mag die hübschen Gesichter der Prinzessinnen und ihre magische Aura.« Goncha deutete in Gedanken ein unverschämtes Lachen an.

»Mag sein, dass er zu lange im Felsen geschlafen hat. Jedenfalls darf ich für ihn die schmutzige Arbeit erledigen und die Burg für seine Rückkehr vorbereiten. Das hat er sich wunderbar ausgedacht. Und wenn ich auf zurückgebliebene Kriecher stoßen sollte, werde ich mich um diese wie selbstverständlich kümmern und sie in die Flammen der Pein schicken, wenn sie mich nicht zuvor verletzen und damit mein Ende besiegeln. Ich freue mich, danke, Vater«, die letzten, höhnisch gedachten Worte schickte Vargnar zornig durch den Stein.

»Ihr solltet auf Eure Worte achten. Saragar könnte Euch hören, mein Prinz«, gab Goncha zu bedenken.

Vargnar fürchtete den Zorn seines Vaters nicht. Im Gegenteil. Saragar sollte wissen, dass er verärgert war. Aber er war auch sein loyalster und treuester Sohn. Er würde tun, was von ihm erwartet wurde. So, wie er es immer getan hatte, wenn der König ihn um etwas gebeten hatte. An den Worten des Vaters gab es für ihn keinen Zweifel.

»Wirst du mich begleiten, Goncha?«, fragte Vargnar unverhofft.

»In die Burg des Quadalkar? Seid Ihr von Sinnen?«, kreischte Goncha in des Prinzen Kopf und begann am ganzen Leib zu zittern.

»Die Burg gehört den Felsgeborenen und nicht Quadalkar. Also reiß dich zusammen. Du bist keine Beute für die Bluttrinker, das weißt du genau. Und an mir beißen sie sich ohnehin die Zähne aus.«

»Ja, Ihr seid vor den Fangzähnen überwiegend sicher in Eurer Felsenhaut«, beschwerte sich Goncha, »aber ich? Ein ausgehungerter Kriecher würde mich im Handumdrehen mit nur einem Zahn durchbohren und mit einem einzigen Schluck leer saugen. Fürwahr, ich kann mir angenehmere Gesellschaft und vor allem ein schöneres Ende vorstellen.«

»Komm mit mir, Goncha. Ich werde dich beschützen, sollten sie dir zu nahe kommen. Die meisten von ihnen werden aber ohnehin schon fort sein, bevor wir dort sind. Vielleicht haben sie ein paar wenige Wachen und Kriecher zurückgelassen, die wir gemeinsam erledigen werden. Siehst du die schwarze Sonne? Der Zauber des dunklen Hirten wirkt bereits. Die Zeit der Dämmerung hat begonnen und Quadalkar zieht aus, seine alten Todfeinde, die Bewahrer, zu vernichten und die Klanlande für seinen Herrn zu unterwerfen. Sollte es ihm und seinen Kindern gelingen, die Bewahrer zu zerschlagen, stünde seinem übrigen Siegeszug nichts mehr im Wege. Ell würde sich nachhaltig verändern. Die Bluttrinker werden nicht an die alte Stätte zurückkehren. Von Beginn an war die Burg nur ein Gefängnis für sie und keine Heimat. Nach Sonnenwenden des Fluchs streben sie nach Freiheit. Für uns Felsgeborene jedoch ist die Burg weit mehr. Sie ist ein Neuanfang und ein Zuhause. Verstehst du das?«

»Ja, Herr«, antwortete Goncha wenig überzeugt.

»Du darfst so lange auf meiner Schulter sitzen, bis die Burg wieder uns gehört«, bot der Prinz an.

»Fein, das hört sich besser an. Wenn Ihr auf mich achtet und mir in der Not den Pelz rettet, komme ich mit. Ich weiß zwar nicht, wie ich Euch bei dem Vorhaben von Nutzen sein könnte, aber wenn Ihr darauf besteht, werde ich kaum widersprechen können.«

»Stimmt, das ließe ich nicht zu«, schmunzelte Vargnar in Gedanken, »und nun müssen wir los.«

»Welchen Weg wollt Ihr nehmen, Herr?«

»Wir gehen über die Berge und nehmen die Burg aus der Höhe ein. Das ist sicherer, denn auf diese Art können wir alles beobachten und zum richtigen Zeitpunkt zuschlagen.«

»Ich hätte mir denken können, dass Ihr ausgerechnet den schwierigsten Weg wählt«, seufzte Goncha.

Sie verließen die Steingräber am anderen Ende der Schlucht. Ein geschickter Kletterer wie Vargnar gewann rasch an Höhe. In fließenden Bewegungen erklomm er die steilsten Felswände, glitt elegant über Eisflächen, während Hände und Füße mit dem Untergrund auf wundersame Weise verschmolzen und ihm festen Halt gaben, als wäre er ein Teil der Wand. Der Felsenfreund war froh, den düsteren Ort verlassen zu können, war den schlafenden Wächtergolems mit großem Respekt begegnet und fühlte sich nur auf der Schulter des Prinzen sicher.

»Was geschieht mit den Wächtern? Jetzt, nachdem sie ihre einzige Bestimmung, die Steingräber zu bewachen, verloren haben?«, bohrte Goncha nach.

»Gut, dass du mich daran erinnerst, mein Felsenfreund«, antwortete der Prinz, »ich werde ihnen den Befehl geben, die Mauern vom Haus des hohen Vaters und der heiligen Mutter einzureißen und die in den Festungswällen gebundenen Steine zu befreien.«

»Ihr helft damit den Bluttrinkern, die es auf die Trutzburg der Bewahrer abgesehen haben. Haltet Ihr das für einen klugen Schritt? Ihr verletzt die Neutralität der Felsgeborenen und stört das Gleichgewicht.«

»Nein, ich helfe den Bluttrinkern nicht, und eine Verletzung des ohnehin verschobenen Gleichgewichts der Mächte sehe ich darin ebenso nicht«, antwortete Vargnar.

»Aber wofür soll der Einsatz der Wächtergolems dann gut sein?«

»Vielleicht, um eine schnellere Entscheidung herbeizuführen? Eine Belagerung könnte viele Sonnenwenden dauern, wenn es den Bluttrinkern nicht gelingt, durch die Wälle zu kommen. Die Bewahrer und die Orna sind vollkommen autark. Sie verschanzen sich einfach hinter ihren Mauern und müssen keinen einzigen Finger bewegen, um einen Angriff abzuwehren. Wir zwingen sie dadurch, sich der Herausforderung zu stellen. Sollten sie gegen Quadalkars Kinder verlieren, hätten wir das ihnen bevorstehende Schicksal lediglich ein klein wenig beschleunigt. Seit der Geburt der Lesvaraq hat beider Orden vornehmste Aufgabe, das Erbe des Ulljan zu bewahren, keinen Sinn mehr.«

»Wenn Ihr mir diese Anmerkung erlaubt, mein Prinz. Ihr habt mitunter merkwürdige Ideen«, meinte Goncha.

»Ganz, wie du meinst!« Vargnar zuckte mit den Schultern.

Der Felsgeborene machte sich Sorgen. Seit sich die zweite Sonne Krysons durch die Hand des schwarzen Saijkalrae-Bruders verdunkelt hatte, war das Tageslicht diffus und kam über den andauernden Dämmerungszustand nicht hinaus. Er fürchtete sich vor den Folgen, die das fehlende Licht für das Leben auf Kryson hätte, wenn der magisch herbeigeführte Zustand zu lange anhalten würde. Die Burnter brauchten das Tageslicht nicht, um zu überleben. Und für manch nächtliches Geschöpf mochte das schwindende Licht sogar ein Vorteil sein, da sie die Helligkeit für gewöhnlich scheuten. Doch Vargnar ahnte Schlimmstes. Schon bald würde auch das Schicksal der Nachttiere und damit auch das der Felsgeborenen besiegelt sein. Sie fänden keine Nahrung mehr und müssten über kurz oder lang verhungern. Die Felsgeborenen durften nicht schlafen und untätig zusehen, wie der Einfluss des dunklen Hirten Tag für Tag wuchs und er durch seine Macht Ell dem Untergang weihte.

Die Lesvaraq waren zu jung und hilflos, um sich gegen die Saijkalrae durchzusetzen. Aber sie waren in seinen Augen die Einzigen, die auf absehbare Zeit in der Lage waren, den dunklen Hirten aufzuhalten und das Gleichgewicht wiederherzustellen. Ihr Leben war in großer Gefahr und sie brauchten Schutz. Schutz, den ihnen nur die Altvorderen oder ein den Saijkalrae mindestens ebenbürtiger Magier geben konnten. Vargnar musste etwas unternehmen. Er hatte lange genug als Statue verharrt, war voller Tatendrang und fühlte sich den Lesvaraq verpflichtet. Alle Hoffnung auf eine neue Ordnung und Wiederherstellung des Gleichgewichts beruhte auf den neugeborenen Kindern. Aber sie brauchten Zeit, sich zu entwickeln. Sie mussten wachsen, erstarken und lernen. Und doch hatten sie keine Zeit. Der dunkle Hirte und seine Diener rückten vor. Würden sie ihrer habhaft werden, wäre alle Hoffnung endgültig verloren. Eines Tages wären sie gewiss in der Lage, den Saijkalrae die Macht der Magie zu entreißen und den Altvorderen zurückzugeben. Wenigstens ein Hoffnungsschimmer, was waren schon zwanzig oder dreißig Sonnenwenden im Vergleich zur Ewigkeit.

Das wäre nur gerecht. Fünftausend Sonnenwenden hatten die Burnter auf die Rückkehr der Lesvaraq gewartet, hatten sich im Verborgenen in Gräbern versteckt gehalten und geschlafen. Niemand hatte noch an die Prophezeiungen geglaubt, die eine Wiedergeburt vorausgesagt und sieben Streitern im Kampf um das Gleichgewicht eine besondere Aufgabe zugedacht hatten. Viel zu lange hatten sie ausharren müssen und wären am Ende beinahe an ihrer aussichtslosen Lage verzweifelt. Die Lesvaraq wollten und wollten nicht zurückkehren. Insgeheim hatte Vargnar den Drachen der Tartyk die Schuld an der Misere gegeben. Ihr Auftauchen und ihre Verbindung mit den Tartyk hatte zu einer Verschiebung der Macht und zu einem Ungleichgewicht geführt. Die magischen Wesen mit ihren ledernen Schwingen und ihren Fähigkeiten gehörten nicht auf den Kontinent Ell. Ihr Erscheinen hatte die Altvorderen aus der Bahn geworfen, die Lesvaraq geschwächt und es am Ende den Saijkalrae erst ermöglicht, Ulljan zu töten und die Macht an sich zu reißen. Davon war er überzeugt. Aber dieses Kapitel der Geschichte gehörte längst der Vergangenheit an. Es gab nur noch wenige Drachen. Die wenigen ihrer Art würden aussterben, wenn sie nicht bald zu den Wurzeln ihres Ursprungs zurückkehrten.

Die Veränderungen waren für den Prinzen spürbar. Jetzt war es endlich so weit. Vargnar wusste, was er zu tun hatte. Er musste die anderen in der Prophezeiung erwähnten Streiter finden und sich ihnen auf der Suche nach dem Buch des Ulljan anschließen. Sein Entschluss stand fest. Sobald er die ihm zugedachte Aufgabe erledigt und seinen Vater wiedergesehen hatte, würde er sich auf die Suche nach den Mitstreitern machen und einen der beiden Lesvaraq aufsuchen.

Eisbergen, dachte er bei sich, ich muss nach Eisbergen gehen. Der andere Lesvaraq scheint mir bei den Naiki vorerst sicher zu sein.

»Sicher ist nur, dass Ihr uns beide zu Tode stürzen werdet, bevor Ihr einen weiteren Gedanken an die Stadt aus Eis und Schnee verschwendet, wenn Ihr Euch nicht sofort auf das Klettern konzentriert«, übermittelte ihm Goncha erschrocken einen Gedanken.

»Schon gut«, murrte Vargnar, der sich nicht vorgesehen und beinahe den Halt verloren hatte, »ich werde achtgeben.«

»Gut, sind wir bald da?«, meckerte Goncha plötzlich.

»Hab Geduld, mein Freund. Es liegt noch eine weite Strecke vor uns, bis wir die Burg erreichen.«

Auf dem schneebedeckten Gipfel eines Berges angekommen legten Goncha und der Prinz eine Rast ein und sahen sich um. Der Berggipfel lag unterhalb der unmittelbar hinter und neben ihm stehenden Gebirgsriesen, sodass ihnen die Sicht Richtung Eisbergen und in die Eiswüste versperrt war. Allerdings konnten sie die vor dem Riesengebirge liegenden nördlichen Klanlande und das karge Land der Bluttrinker sehen. Vargnar deutete mit der Hand gen Himmel.

»Siehst du, was ich sehe?«, fragte der Prinz den Felsenfreund auf seiner Schulter.

»Was? Ich kann nichts erkennen. Es ist zu dämmrig«, antwortete Goncha, der sich zwar redlich bemühte, aber tatsächlich nichts entdecken konnte.

»Sieh genauer hin.«

»Ich versuche es, mein Prinz. Aber da ist nichts.«

»Wenn du ihn nicht sehen kannst, dann fühle ihn. Ich spüre seine Macht schon eine Weile.«

»Ihr vergesst, dass ich eine gewöhnliche Echse in einem wärmenden Pelz bin und nicht die Fähigkeiten eines Felsgeborenen besitze.«

»Du bist weder eine Echse noch bist du gewöhnlich. Du bist ein Felsenfreund. Einzigartig. Der Lesvaraq achtete auf einige besondere Eigenschaften, als er euch Felsenfreunde schuf« – Vargnar deutete erneut mit der Hand in die Richtung, in welcher er eine Bewegung wahrgenommen hatte – »dort im Licht der helleren Sonne, weit oben vor den beiden großen Wolken, die wie die Fratze eines Baumwolfs und ein Turm aussehen. Ich habe keinen Zweifel. Nichts außer einem Flugdrachen bewegt sich auf diese Weise. Kannst du ihn denn wirklich weder sehen noch fühlen?«

Goncha reckte den Kopf in die Höhe, kniff die Augen zusammen, folgte erneut mit seinem Blick der Hand des Prinzen und stellte sich auf die Hinterbeine, um besser sehen zu können. Tatsächlich, der Prinz lag richtig. Ein kleiner, dunkler Schatten, kaum wahrnehmbar, bewegte sich in für ein Lebewesen unglaublicher Höhe vor den Wolken. Verwundert rieb sich die kleine Fellechse mit den beiden Vorderpfoten die Augen.

»Das könnte alles Mögliche sein. Ein Vogel oder vielleicht ein Käfer«, meinte Goncha.

»Unsinn! Wann hast du zuletzt einen Vogel in dieser Gegend gesehen? Stürzten sie nicht erst kürzlich tot vom Himmel? Und ein Käfer wäre viel zu klein, um ihn auf diese Entfernung erkennen zu können.«

»Gewiss, Ihr sprecht wahr, aber doch waren von dem Unglück nicht alle Vögel betroffen. Vielleicht ist es einer dieser Dschan, die von den Klan zu Späherdiensten eingesetzt werden.«

»Sahst du jemals einen Dschan fliegen? Er bewegt seine Schwingen anders. Was du dort oben siehst, ist ein Flugdrache! Zweifle nicht an meinen Augen. Kein Vogel auf Kryson erreicht diese Höhe und bewegt seine Flügel so anmutig wie dieses magische Geschöpf.«

»Dann erklärt mir bitte eines. Was sucht ein Flugdrache im Riesengebirge?«, fragte Goncha. »Ich dachte, sie beschränkten ihren Wirkungskreis schon vor langer Zeit auf das Südgebirge des Kontinents. Das sieht mir nach einem Bruch der Vereinbarungen zwischen den Tartyk und den Völkern der Altvorderen aus.«

»So ist es, Goncha. Der Drache hat das Hoheitsgebiet der Tartyk verlassen und flog bis hierher in den Norden. Vielleicht denkt er, die Altvorderen erinnern sich nach all den Sonnenwenden in der Verbannung nicht mehr an die Vereinbarung. Welche Gründe ihn auch immer dazu bewogen haben, Tartyk zu verlassen, sie müssen gewichtig sein. Er fliegt sehr hoch, bestimmt um nicht von Spähern entdeckt zu werden, was bedeutet, dass er sich seiner Schuld bewusst ist. Wir werden ihn im Auge behalten. Sobald er gelandet ist, werde ich dem Flüstern der Felsen lauschen. Sie werden mir den Ort der Landung verraten. Wenn wir ihn gefunden haben, befragen wir seinen Reiter.«

»Ihr wollt einen Drachenreiter in Gegenwart eines Drachen befragen? Der Drache könnte Euch – und mich dazu – binnen eines Wimpernschlages in tausend Stücke zerschmettern.«