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BERND RÜMMELEIN

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DIENER DES DUNKLEN HIRTEN

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© VERLAG CARL UEBERREUTER

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Für Raphael Vinzenz

in Liebe

PROLOG

Der Älteste unter den Ahnen,
unsterblich in seiner Art,
schreitet er untoten Kindern voran.
Hört doch, wie er ruft zu den Fahnen.

Der Grausamste unter den Herren,
verflucht in seinem Blute,
verbreitet Quadalkar den Schrecken.
Seht doch, wie die Schatten an ihm zerren.

Der Blutigste unter den Schlächtern,
verloren in seiner Seele,
trinkt er das Blut der Opfer.
Schmeckt doch, wie das Leben schwindet den Wächtern.

Der Treueste unter den Vasallen,
verdammt in seinen Taten,
verdrängt er das Licht des Tages.
Riecht doch, wie die Fäulnis dringt in die Hallen.

Der Mächtigste unter den Meistern,
verdorben in seinem Wesen,
dient er dem dunklen Hirten.
Fühlt doch, wie die Waagen zu einer Seite sich begeistern.

Alte Weise aus der Heldensammlung der Schriftgelehrten
Kapitel 7, 13: »Quadalkar und Ruitan Garlak oder
das einsame Leben der Eisenhand«

Die Gärten des Kristallpalastes von Tut-El-Baya waren unvergleichlich. In ihren Ausmaßen zwischen den sie umgebenden hohen weiß getünchten Mauern hätten die Klan hier am Ort ihres Regentensitzes leicht eine weitere Stadt mit großzügig ausgelegten Gebäuden unterbringen können.

Die weitläufigen Terrassenstufen stiegen in Form von zweiundzwanzig übereinander angeordneten Ebenen an, beginnend im Zentrum Tut-El-Bayas und weiter in Richtung des auf dem höchsten Punkt der Hauptstadt gelegenen Kristallpalastes. Der Kristallpalast war unumstritten das eigentliche Meisterstück der einstigen Erbauer, der selbst die ihn umgebenden Gärten an Schönheit noch übertraf.

Jede Gartenebene stand auf wundervolle Weise für ein eigenes Thema, zu dem zahlreiche Architekten, Gärtner und Künstler aus dem ganzen Kontinent ihrer Fantasie freien Lauf gelassen hatten. So gab es für jedes der Fürstenhäuser einen eigenen Garten. Der Auftrag der Erbauer hatte schlicht und einfach geheißen, ungeachtet aller Zeit, Mühen und Kosten ein einzigartiges Wunder zu schaffen – und dies war am Ende einer unerhört langen Bauzeit von über dreihundert Sonnenwenden ohne jeden Zweifel gelungen.

Die Terrassengärten bildeten, gemeinsam mit den im Sonnenlicht in allen Farben des Regenbogens funkelnden zwölf Kristalltürmen des Palastes, eine überaus harmonische Einheit, deren Anblick jedem noch so hartgesottenen Betrachter, ja selbst der Schönheit ansonsten vollständig abgeneigten Banausen unweigerlich Tränen in die Augen trieb und zeit ihres Lebens unvergesslich blieb.

Dennoch ärgerten sich die Nachkommen der stolzen Palasterbauer zuweilen, dass andere im hohen Norden des Kontinentes Ell, gleich hinter dem Riesengebirge, mit dem Eispalast des Fürstenhauses Alchovi eine nicht weniger bewundernswerte Konkurrenz aus reinem Eis erbaut hatten, die den Regenten der Klanlande von jeher ein Dorn im Auge war.

Diejenigen Baumeister, die einst mit den Arbeiten am Kristallpalast begonnen hatten, wussten, dass sie das fertige Kunstwerk niemals mit eigenen Augen würden betrachten können. Längst waren sie von den Schatten geholt worden und erst die viel später folgenden Generationen hatten das Glück, der endgültigen Fertigstellung in all ihrer Pracht beiwohnen zu dürfen. Mittlerweile stand der fertig erbaute Kristallpalast seit genau zweitausendvierhunderteinunddreißig Sonnenwenden unverändert an seinem angestammten Platz und thronte über der größten Stadt der Klanlande. Es gab kein vergleichbares Gebäude, das es mit dieser glitzernden Pracht aufnehmen konnte – bis, nun ja, bis auf jenen bereits erwähnten Eispalast im Norden.

Nicht weniger als einhundertzweiundvierzig Regentschaften hatte der Kristallpalast mit seinen Gartenanlagen seit jener Zeit bereits in sich beherbergt. Kaum ein Klan erinnerte sich noch an die erste Regentenfamilie, die nach der Fertigstellung mitsamt ihrem Hofstaat, der elitären Leibgarde und der immerhin eintausendfünfhundert Klan umfassenden Dienerschaft in den Kristallpalast gezogen war.

Selbst die den Glauben der Kojos hütenden Praister hatten im Lauf der Zeit ihren festen Platz im innersten Bereich des Palastes gefunden, wo sich die großzügigen Tempelanlagen befanden, die sich auf mehreren Ebenen bis tief unter die Erde ausdehnten.

Von jeher standen die Praister den Regenten und ihren Familien nahe. Ihr Einfluss war beileibe nicht immer gleich groß gewesen. Bei einem starken Regenten waren sie mal schwach, bei einem schwächeren wiederum sehr reich an Einfluss. Doch die Obersten unter ihnen hatten sich stets geschickt an der Spitze der Klanlande gehalten. Zurückhaltung übend, wenn es erforderlich war. Macht ergreifend, wenn sie es für richtig und ungefährlich für sich selbst und ihre Ziele hielten. Ängste und finstere Prophezeiungen wussten die Praister stets zu ihrem Vorteil zu nutzen. Sie schürten und verbreiteten den Aberglauben und lehrten die Furcht vor allem Magischen, um die Klan – ihr Heil dann umso mehr bei den Kojos suchend – in ihre schützenden Tempel zu locken. Die große Inquisition, von der die Klan bis heute furchtsam und mit zitternder Stimme erzählten, war ihr Meisterstück und der Höhepunkt ihres anhaltenden Machtstrebens gewesen.

Ruitan Garlak, genannt die Eisenhand, der das Land und seine zerstrittenen Stämme vor vielen Sonnenwenden als Held der ersten Stunde vereinigt und später dann als Anführer tatsächlich mit eiserner Hand regiert hatte, war den Praistern zwar immer verhasst gewesen, doch in seiner Ablehnung der Magie hatte er ihnen ungewollt Vorschub für ihren weiteren Machtzuwachs geleistet. Sein qualvoller Gifttod einige Sonnenwenden nach seinem Antritt als Anführer war jedoch nie aufgeklärt worden. Die Eisenhand hatte viele Feinde gehabt, selbst unter jenen, die sich anfangs noch als seine Freunde ausgegeben hatten. Und so hätte ihm damals wohl jeder in seiner Umgebung das Gift verabreichen können.

Unmittelbar nach Ruitan Garlaks Gang zu den Schatten wurden die ihm verfeindeten Saijkalsan der üblen Tat verdächtigt, was sich im Nachhinein und bei genauerem Nachsinnen als eher unwahrscheinlich herausstellte, da die Saijkalsan neben ihren magischen Begabungen nur selten und in äußerster Not Gift als heimtückische Waffe einsetzten. Ein möglicher Attentäter aus dem Waldläufervolk der Altvorderen, genauer der Naiki, war damals ebenfalls infrage gekommen. Aber auch zu den sich damals bereits im Rückzug befindlichen Naiki passte ein hinterhältiger Mord nicht. Zu sehr waren sie ihrem Ehrenkodex verbunden, um eine solche Tat zu begehen. Ihre Treue galt der Natur und dem Frieden. Ihr Herz schlug für die freie Magie. Sie mochten die Eisenhand offen kritisiert, vielleicht sogar in einigen harten Schlachten bekämpft haben, aber zu einem feigen Mord wären sie nicht in der Lage gewesen.

Schnell wurde deshalb gemunkelt, die Praister hätten Ruitan Garlak ein schleichendes, tödliches Gift verabreicht, das ihn erst erblinden ließ und dann allmählich seine innersten Organe zersetzte. Der Weg zu den Schatten war ein qualvoller für den Helden. Er starb unter Schreien und Krämpfen. Nachweisen konnte die schweren Verdächtigungen gegen die Praisterschaft niemand. Sie taten allerdings auch nichts, um die üble Nachrede wieder zu zerstreuen. Im Gegenteil – schienen sie doch eine Zeit lang mit der Ungewissheit über die wahren Hintergründe des Giftanschlages zu spielen. Vielleicht kam ihnen der Respekt angesichts der Boshaftigkeit des Mordes an der Eisenhand bestens gelegen. Und so war es bis zum heutigen Tage bei dem Gerücht geblieben. Die Angst vor dem unbekannten Wolf trieb ihnen ihre Schäfchen zu.

Die Praister berieten die Regenten gleichermaßen in geistlichen wie weltlichen Angelegenheiten, obwohl Letzteres gewiss ihre Befugnisse überstieg. Sie leisteten seelischen Beistand und begleiteten die Todgeweihten des Hofstaates regelmäßig zu den Schatten, wenn deren Zeit gekommen war. War sie es nicht, halfen sie im einen oder anderen Fall schon einmal nach. Sie achteten in erster Linie auf die Einhaltung der Gesetze der Kojos, die auf einer als heilig angesehenen Steintafel eingemeißelt worden waren und sich im innersten Tempel auf einem Altar befanden.

Die siebte Terrassenstufe der Gartenanlagen gehörte ausschließlich den Praistern und war von ihnen den wichtigsten Kojos gewidmet worden. Welcher Kojos wichtig war, bestimmten die obersten der Praister. Im Garten befand sich ein schmaler Gebetsturm, von welchem ein geweihter Praister jeden Morgen mit Sonnenaufgang, jeden Mittag zur Tsairu und jeden Abend zum Sonnenuntergang für die Dauer jeweils einer Hora lautstark und für jedermann in der Stadt gut hörbar singend Gebete vortrug.

Den angebeteten Kojos höheren Ranges war – jeweils umgeben von Zierbäumen und Blumenbeeten – ein großer Schrein gewidmet worden, an welchem jeder ehrfürchtige Besucher Gebete sprechen, Opfer und allerlei Spenden darbringen durfte. Die Gläubigen gaben, was immer sie konnten: Kleidung, Decken, Felle, edle Weine und die verschiedensten Speisen, getrocknetes Fleisch, getrockneten Fisch, Gewürze, seltene Kräuter, Kerzen, Edelsteine, Kristalle, Anunzen und mitunter sogar Waffen wie verzierte Dolche, Schwerter und Äxte. Im Gegenzug wurde ihnen die Gnade der Kojos oder Vergebung für böse Gedanken und Taten versprochen.

Die nicht selten üppigen Spenden wurden, insbesondere wenn sie aus prall mit goldenen Anunzen gefüllten Lederbeuteln oder wertvollen Gegenständen bestanden, sehr gerne gesehen und wanderten sogleich in die schwer bewachten und durch verborgene Fallen geschützten Schatzkammern der Tempelanlagen. Außer den obersten Praistern selbst hatte niemand Zutritt zu den tief im Inneren gelegenen Zimmern. Noch nicht einmal der Regent wusste, wo genau im Palast sich die üppig gefüllten Räume der Praister befanden. Das war unter den Praistern ein wohlgehütetes Geheimnis.

»Verdammter Garten«, fluchte Lordmaster Kaysahan leise vor sich hin.

Der Bewahrer trug einen weißen Umhang, der durch die ausladenden Schritte aufgebläht hinter ihm im Wind flatterte. Im Gegensatz zu Madhrab und den meisten anderen Bewahrern hatte sich Lordmaster Kaysahan geweigert, seinen Kopf kahl rasieren und mit den rituellen Runentätowierungen versehen zu lassen. Stattdessen war er an Armen und Oberkörper tätowiert und trug das beinahe schwarze Haupthaar streng nach hinten gekämmt und zu einem langen Zopf zusammengebunden. Da Kaysahan sich die meiste Zeit am Hofe des Regenten aufhielt, hatten die Bewahrer ihm diese Extravaganz zugestanden. Die goldene Sonnenbrosche der Bewahrer hielt den Umhang auf seiner Brust zusammen. Sie saß perfekt und poliert in der Mitte und glitzerte im Sonnenlicht. Er wusste, was sich gehörte und wie er sich ordentlich anzuziehen hatte.

Der Lordmaster befand sich mit einer Botschaft für den Regenten und den neuesten Nachrichten aus den Klanlanden auf dem Weg in den Kristallpalast. In den frühen Morgenstunden war er aufgebrochen. Der Weg aus der Stadt in den Palast führte ihn nun mitten durch die Terrassengärten.

Der Bewahrer hatte angenommen, er käme, statt über den weiten Umweg der außen zum Hauptportal führenden Pflasterstraße, auf diese Weise am schnellsten wieder zurück in den Palast. Doch das stellte sich zu seinem Ärgernis als große Fehleinschätzung heraus, denn bereits auf der zweiten Terrassenstufe verlief er sich hoffnungslos im Irrgarten und brauchte unter für einen Bewahrer unwürdigen Flüchen eine halbe Ewigkeit, um wieder den Ausgang zu finden.

Dringende Geschäfte hatten ihn in die Hafengegend der Stadt getrieben. Ein Schiff mit einem Boten aus dem Norden der Klanlande war eingetroffen. Der Bote hatte offizielle Kunde über die Lage in Eisbergen und den Ausgang der Schlacht am Rayhin sowie eine versiegelte Schriftrolle mit einer Nachricht des hohen Vaters der Bewahrer mitgebracht. Der Inhalt war ausschließlich für die Augen des Regenten Haluk Sei Tan gedacht. Was auch immer Overlord Boijakmar dem Regenten Vertrauliches mitzuteilen hatte, nicht einmal Lordmaster Kaysahan durfte die Schriftrolle öffnen.

Tut-El-Baya war von jeher eine blühende Stadt gewesen. Sie schien weder Armut noch Elend zu kennen. Bettler, Gescheiterte und Verbrecher suchte man hier vergebens. Zumindest bekam man sie auf den Straßen der Stadt nicht offen zu Gesicht. Niemand wusste, wie und seit wann es zu diesem Umstand gekommen war und wo sich die üblicherweise in einer Hauptstadt als Gesindel bezeichneten unteren Schichten aufhielten. Von Zeit zu Zeit wurde hinter vorgehaltener Hand getuschelt, die Leibgarde des Regenten räume des Nachts mit tatkräftiger Unterstützung der Praister auf den Straßen auf. Es wurde gemunkelt, die in der Gosse lebenden Frauen und Männer verbrächten den Rest ihres kläglichen Daseins in den tief unter der Erde liegenden Kerkern des Palastes. Ohne Licht, bei spärlich Wasser und Brot. Doch mit eigenen Augen vermochte niemand der Einwohner dieses Vorgehen zu bezeugen. Und selbst wenn – niemals hätte jemand zugegeben, etwas gesehen zu haben. Andererseits schien sich in Tut-El-Baya auch kein Klan tatsächlich dafür zu interessieren. Im Gegenteil, ein jeder schien froh, wenn er in seiner Stadt nicht mit dem Abschaum konfrontiert wurde. Tut-El-Baya war dafür einfach zu schön, so sauber, wie sie Tag für Tag wirkte. Das gefiel gut und schien gut. Fremde waren willkommen, aber nur solange sie zahlkräftig waren. Anunzen wurden überall gerne gesehen und selbstverständlich jederzeit freudig entgegengenommen.

Die Stadt war ein Ort der Freude, der das Leben und die Lust daran anscheinend atmete. Sämtliche Häuser waren in mühsamer Arbeit weiß getüncht worden, die Dächer mit blutroten Ziegeln allesamt gleich eingedeckt. In der Hauptstadt der Klanlande brodelten das Feuer und die Leidenschaft der Klan von früh bis spät in die Nacht lärmend durch die Straßen. Mindestens einmal in jeder Woche eines Mondes wurde irgendein größeres Fest abgehalten. Die Anlässe hierfür waren schnell gefunden. Ob die Ankunft eines Handelsschiffes, die vermutete Gnade eines Kojos, der Geburtstag eines Fürsten, eine – in letzter Zeit eher selten gewordene – Ansprache des Regenten, die Errichtung eines neuen Gebäudes, die Meldung über die Schwierigkeiten einer um den Preis der schönsten Stadt der Klanlande konkurrierenden Mitbewerberin oder schlicht nur ein schöner Sonnenaufgang – was gefeiert wurde, war den Einwohnern von Tut-El-Baya am Ende des Tages gleichgültig. Hauptsache, sie konnten sich vergnügen und mussten sich nicht allzu viele Gedanken über unliebsame Vorfälle machen.

Die Klan waren sehr stolz darauf, dass der Regent seinen Stammsitz ausgerechnet in Tut-El-Baya gewählt hatte. Selbst wenn sie diesen Umstand mittlerweile seit Urzeiten gewohnt waren. Fahrende Gaukler, Straßenmusikanten, Geschichten erzählende und von Legenden singende Barden, Propheten, Künstler, ortsansässige Artisten und Händler säumten die Straßen und den städtischen Marktplatz bis hinab zum Hafen und präsentierten ihre besonderen Talente oder Waren. Mit schriftlicher Genehmigung des Kristallpalastes, versteht sich. Es gab keinen größeren Brunnen in der Stadt, an dem nicht Musik oder andere Unterhaltung zum vergnüglichen Zeitvertreib dargeboten wurde. Zu keiner Tages- und Nachtzeit kam die Stadt vollständig zur Ruhe. Für Neuankömmlinge und Fremde war die stets fröhliche Unruhe anfangs mehr als nur gewöhnungsbedürftig, in vereinzelten Fällen mitunter sogar beängstigend.

Tut-El-Baya schlafe niemals, meinte Lordmaster Kaysahan aus Überzeugung und eigener Erfahrung. Er musste es wissen, denn schließlich war er in der Stadt geboren und aufgewachsen. Heute diente er den Bewahrern und vertrat seine Ordensbrüder, neben einem festen Sitz am obersten unabhängigen Gericht der Bewahrer, auch in diplomatischen Angelegenheiten am Hofe des Regenten. Darüber hinaus verantwortete er die Sicherheit des Regenten und dessen Familie, die aus einer Frau und einer Tochter bestand. Die Tochter des Hauses, Raussa mit Namen, lag Kaysahan dabei besonders am Herzen.

Über einen Mangel an Beschäftigung konnte er sich jedenfalls nicht beklagen. Er war ein viel gefragter und, aufgrund seiner Herkunft aus einer betuchten Händlerfamilie, vor allen Dingen reicher Mann, dessen Name in den Klanlanden wohlbekannt war.

Der Krieg gegen die Rachuren während der letzten Sonnenwenden war für die Einwohner und den Hofstaat zum Glück kaum zu spüren gewesen. Die Spur der Verwüstung, die sich durch die übrigen Klanlande zog, hatte einen weiten Bogen um die Hauptstadt gemacht. Die Einwohner hatten den belastenden Ereignissen in ihren mit Feiern beschäftigten Köpfen keinen Einlass gewährt und sie erfolgreich außerhalb der stark bewehrten Stadtmauern ausgesperrt. Erstaunlicherweise waren ihre Gebete offenbar erhört worden oder die Rachuren hatten die Hauptstadt bewusst von ihrem Feldzug ausgenommen, womöglich bis zum Ende der geplanten Eroberung aufgespart. Die Klan würden die wahren Absichten des Feindes nach dem überraschenden Ende der Schlacht am Rayhin wohl kaum noch erfahren. Es war, als lebten sie in einer anderen Welt, die das Geschehen außerhalb der Stadt nicht wahrhaben wollte.

Aber die Zeiten änderten sich trotz alledem. In den vergangenen Wochen und Tagen hatte sich eine Vielzahl von Flüchtlingen vor den Toren Tut-El-Bayas versammelt und um Einlass gebeten. Jeden Tag wurden es mehr und jeden Tag wurde ihr Verlangen drängender. Trotz der teils flehentlichen Bitten und der argen Not der Flüchtlinge waren die Tore verschlossen geblieben. Niemand durfte passieren, der nicht ein Wohnrecht in der Stadt oder im Palast aufweisen konnte.

Die Flüchtlinge hatten ihre zerstörten Dörfer und Häuser verlassen müssen. Viele unter ihnen hatten die verzweifelte und oft lang anhaltende Suche nach getöteten oder verschleppten Angehörigen längst aufgegeben und resigniert. Der nahende Winter und die Hoffnung auf Nahrung, Unterkunft, Arbeit und Ablenkung von den Schrecken des Krieges hatten sie schließlich in die Hauptstadt der Klan getrieben. Mit jedem Tag schwoll der Strom der Hilfe suchenden Klan an. Sie lagerten in losen Ansammlungen vor der Stadt und warteten noch geduldig, ob sich jemand ihrer annehme. Die zahlreichen Lagerfeuer waren von den Stadtmauern und den höher gelegen Häusern der Stadt aus nicht zu übersehen, genauso wenig wie sich der stetig stärker werdende Gestank der Abfälle und Exkremente ignorieren ließ.

Unter den Flüchtlingen verbreitete sich seit einigen Tagen das Gerücht, von den Flussufern des Rayhin ausgehend sei eine Seuche ausgebrochen, die sich von dort rasant über die Klanlande ausbreite. »Die Geißel der Schatten« wurde die gefürchtete Krankheit im Volksmund genannt. Alleine dieser Name ließ die Klan vor Angst erzittern. Die Ansteckungsgefahr sei groß. Schon die bloße Nähe zu einem Kranken genüge meist, um sich ebenfalls mit der Krankheit anzustecken, die die Betroffenen unweigerlich entstelle und zu den Schatten führe. Die Seuche sei in der Lage, in nur wenigen Monden ganze Landstriche vollständig von Leben leer zu fegen. Soweit sich die Schreiber an die vergangenen eintausend Sonnenwenden erinnern konnten, habe sie bereits zweimal Gelegenheit gehabt, sich in den Klanlanden mit verheerenden Folgen auszutoben. Nicht einmal vor einigen beheimateten Tierarten mache die Seuche halt. So traf der Schrecken Klan und viele Tiere gleichermaßen.

Tut-El-Baya besaß drei streng überwachte offizielle Zugänge. Mächtige, in den stark bewehrten Stadtmauern befestigte Tore. Jedes der mit Eisenbeschlägen verstärkten, zehn Fuß dicken und dreißig Fuß hohen Flügeltore war durch Verteidigungsanlagen zusätzlich gesichert. Riesige Ölwannen und in der Höhe angebrachte, mit Haijarda befüllte Behältnisse hielten allzu dreiste Eindringlinge vor einem weiteren Vordringen wirksam ab. Allein der Anblick der Gerätschaften wirkte abschreckend.

Niemand betrat oder verließ die Stadt ungesehen über diese Eingänge. Für Ortskundige gab es dennoch die eine oder andere Möglichkeit, die Stadt über Schleichwege und geheime Pfade unbemerkt zu verlassen und selbstredend auch wieder zu betreten. Sie durften sich dabei nur nicht von der Leibgarde des Regenten erwischen lassen. Sonst erging es ihnen übel – der Kerker im Palast hatte keinen allzu guten Ruf.

Lordmaster Kaysahan kannte die meisten versteckten Winkel und Wege der Stadt schon seit seiner Kindheit. Dennoch bereitete ihm der Gang durch die Palastgärten hin und wieder Mühe. Er war inzwischen auf der siebten Terrassenstufe angelangt und drängelte sich durch eine Ansammlung von fromm wartenden Gläubigen, die einen Teil ihres Hab und Gutes den Praistern überlassen wollten. Ungläubig schüttelte Kaysahan den Kopf. Er hatte kein Verständnis für diese Art von religiösem Handel und Ehrerbietung gegenüber den Kojos. Die vermeintlich Gläubigen verhielten sich wie Schafe, die sich einer nach dem anderen für ein paar tröstende Worte von den Praistern bis auf ihr letztes Hemd ausnehmen ließen.

Der Zusammenstoß mit einem Praister, der eine dunkelrote Robe trug, deren weit geschnittene Ärmel an den Säumen mit Goldfäden durchwoben waren, riss Kaysahan beinahe von den Beinen. Einen Augenblick lang musste er wohl unaufmerksam gewesen sein, denn er hatte den wütend dreinblickenden Praister möglicherweise übersehen. Oder der Praister war in ihn hineingelaufen. Dies schien ihm eine ebenfalls plausible Möglichkeit, denn ein Bewahrer übersah für gewöhnlich nichts in seiner unmittelbaren Umgebung, dem er nicht hätte ausweichen können.

»Verzeihung, ich habe Euch wohl nicht gesehen. Habt Ihr Euch verletzt?«, fragte Lordmaster Kaysahan besorgt, während er dem zu Boden gestürzten Praister die Hand reichte, um ihm aufzuhelfen.

»Passt doch auf, wohin Ihr geht. Elender Rüpel! Ich werde Euch lehren, was es bedeutet, einem Praister im Wege zu stehen«, schrie der Praister schrill und ungehalten. Er griff in seine Robe, um sogleich eine dornenbewehrte Rute herauszuholen.

»Lasst Eure Rute besser stecken«, warnte Kaysahan, »denn solltet Ihr mich damit züchtigen wollen, bekäme Euch das schlecht.«

»Ihr wagt es, mir zu drohen?«, entrüstete sich der Praister, der die Hand bereits zum Schlag erhoben hatte. »Wer glaubt Ihr, wer Ihr seid? Dies dreiste Verhalten muss unverzüglich bestraft werden.«

Lordmaster Kaysahan zögerte keinen Augenblick, packte den Arm des Praisters, drehte diesen grob nach hinten und entwand ihm im Bruchteil eines Wimpernschlages die gegen ihn gerichtete Rute. Er zog den Praister an dessen Gewand dicht an sein Gesicht heran und blickte ihm unerbittlich in die Augen.

»Ich kenne Euch«, meinte Kaysahan streng, »Ihr seid einer der vielen nutzlosen Schmarotzer im Dunstkreis der Regentenfamilie. Ihr kommt aus dem Inneren der Tempelanlagen, wo Ihr Eure Schätze hortet. Euer Name ist Henro. Denkt Ihr wirklich, Ihr wärt in der Position und Verfassung, einen Bewahrer zu bestrafen? Ich habe mich aus reiner Höflichkeit bei Euch entschuldigt und sogar nach Eurem Wohlbefinden erkundigt, obwohl noch nicht einmal geklärt ist, wer von uns beiden zuerst in wen hineingerannt ist. Ich gebe Euch also den dringenden Rat, die Entschuldigung anzunehmen und es dabei bewenden zu lassen. Meine Zeit ist knapp bemessen. Meine Geduld noch viel mehr.«

»Die Gewalt siegt …«, antwortete der Praister nachgebend und versuchte gleichzeitig dem strengen Blick des Bewahrers zu entgehen, »…wieder einmal. Ich beuge mich der Macht eines Lordmasters und entschuldige mich dafür, Euch nicht sofort als solchen erkannt zu haben. Aus diesem Grund werde ich dieses Mal Eure Entschuldigung annehmen und Euch entgegen den üblichen Gepflogenheiten ungestraft ziehen lassen. Aber wenn auch ich Euch eine Empfehlung mit auf den Weg geben darf: Seid Euch Eurer Sache nicht allzu sicher.«

»Hero, eines muss ich Euch immerhin lassen«, sagte Lordmaster Kaysahan und lockerte seinen Griff, der dem Praister den Arm abgedrückt hatte und unter dem Ärmel der Robe einen schmerzenden Bluterguss in Form eines Handabdruckes hinterließ, »Ihr seid ungewohnt mutig für einen Praister, Henro, sogar für einen der oberen. Habt Dank und seid Euch dessen gewiss: Ich werde auf der Hut sein.«

Er stieß Henro kräftig von sich und setzte seinen Weg durch die Menge der Gläubigen fort, die von der kurzen Auseinandersetzung kaum Kenntnis und noch viel weniger Anstoß daran genommen hatten. Der Praister hatte das Gleichgewicht verloren und saß, die Fäuste bedrohlich in der Luft schwingend, fluchend auf dem Boden. Kaysahan musste unweigerlich lächeln, das Repertoire an Kraftausdrücken war in seiner Vielfalt und dem Einfallsreichtum für einen gebildeten und hochstehenden Praister geradezu umwerfend, wenn auch nicht sehr schön anzuhören.

Sollte Kaysahan wieder eine Abkürzung aus der Stadt in den Kristallpalast suchen, sein Weg würde ihn bestimmt nicht noch einmal durch die Gärten führen. Wenigstens verlief die Durchquerung der restlichen Terrassenstufen ohne weiteren Zwischenfall. Für die Schönheit und Pracht der einzelnen Gärten und deren Themen hatte Lordmaster Kaysahan allerdings kein offenes Auge übrig. Zumindest nicht heute.

Als er endlich am Nebeneingang des Kristallpalastes angelangt war, leuchtete sein Gesicht gerötet und der Schweiß stand ihm auf der Stirn. Ein höchst seltener Anblick für einen Bewahrer.

Ein Diener öffnete ihm die mit Kristallen reich verzierte Tür und rief sogleich einen weiteren Bediensteten, der mit einem Leinentuch und einem Becher Wasser herangeeilt kam, um dem Lordmaster den Schweiß abzutrocknen und ihm eine kühlende Erfrischung zu reichen. Es schickte sich nicht, dem Regenten schweißgebadet und durstig gegenüberzutreten.

Die Palastdiener trugen ohne Ausnahme lange weiße Gewänder, die, von der linken Schulter breit um den Bauch bis knapp über die Hüfte, zusätzlich mit einer roten Schärpe versehen waren. In Brusthöhe wurden an den Schärpen einzelne Kristalle in unterschiedlicher Form, Größe und Anzahl angesteckt, die Eingeweihten den jeweiligen Rang des Bediensteten verrieten. Ihr Haar war geglättet und nach hinten gekämmt. Mithilfe eines goldenen Bandes wurde es zurückgehalten.

Musik und Gelächter schallten durch die Flure des Kristallpalastes. Das war für Lordmaster Kaysahan nichts Ungewöhnliches. Der Regent feierte trotz seines hohen Alters gerne, viel und üppig. Die meisten Feiern arteten in regelrechte Trink- und Fressgelage aus, an denen der größte Teil des Hofstaates teilhaben durfte. Kaysahan nahm an, dass wieder einmal irgendeines der zahlreichen Schoßhündchen des Regenten Geburtstag hatte. Das war Haluk Sei Tan meist Vorwand genug, ein rauschendes Fest auf Kosten der Klan abzuhalten.

»Verzeiht mir, mein Herr, wenn ich Euch das sage«, meinte der Diener, der Kaysahan die Tür geöffnet hatte, »… aber unser erhabener Sohn der Kojos möchte im Augenblick nicht mit ernsthaften Angelegenheiten oder schlechten Nachrichten belästigt werden. Ich bin mir nicht sicher, ob er Euch anhören wird.«

Der Diener hatte einen höheren Rang am Hofstaat des Haluk Sei Tan inne. Lordmaster Kaysahan kannte ihn. Die Anzahl und Farben der Kristalle auf seiner Schärpe zeichneten den Mann als obersten Kammer- und Leibdiener der Regentenfamilie aus. Sein Name war Darfas.

Haluk Sei Tan verlangte von Dienern und anderen Angehörigen des Hofstaates mit »der Erhabene«, »Sohn der Kojos«, »der Hochwohlgeborene«, »Eure Herrlichkeit«, »der Ehrwürdige« oder anderen hochtrabenden Titeln angesprochen zu werden. In den letzten Sonnenwenden seiner Regentschaft verfolgte er die Idee, direkt von den Kojos abzustammen und daher durch die Gunst der Kojos mit besonderen Fähigkeiten ausgestattet zu sein, die ihn von anderen Klan unterschieden und abhoben. Kaysahan vermutete, die Praister flüsterten ihm diesen Unsinn ein.

»Es ist wichtig, was ich dem Regenten zu berichten habe«, ließ sich Kaysahan keinesfalls abwimmeln. »Die Nachrichten werden Haluk Sei Tan interessieren, dessen bin ich mir sicher. Wenn Ihr also bitte so freundlich wärt und mich sofort zu ihm führen könntet. Die Informationen sind schon einige Tage alt und dulden keinen weiteren Aufschub.«

»Wie Ihr wollt, Lordmaster«, zuckte Darfas mit den Schultern, »es ist allein Eure Sache, solltet Ihr den Zorn des Herrlichen auf Euch lenken. Ich habe Euch jedenfalls gewarnt.«

»Schon gut«, antwortete Kaysahan, »Ihr habt nichts zu befürchten. Ich werde die Verantwortung für die Störung übernehmen, und sollte seine Regentschaft tatsächlich darüber in Wut geraten, werde ich die Bürde selbstverständlich tragen.«

»Das wird nicht nötig sein, mein Herr«, erwiderte der Diener. »Wir haben genügend Prügelknaben, die eine gerechte Strafe gerne an Eurer statt auf sich nehmen.«

»Unfug! Bleibt mir mit Euren Prügelknaben weg«, entrüstete sich der Bewahrer, »ich bin doch kein verwöhntes Kind aus einer Familie des Hofstaates, an das nicht Hand angelegt werden darf. Ich stehe für meine Taten selbst gerade. Allerdings will ich den Vollstrecker erst kennenlernen, der sich getraut, den Stock oder die Peitsche gegen einen Bewahrer zu erheben.«

»Da habt Ihr allerdings wahr gesprochen«, schmunzelte Darfas, der sich eine solche Bestrafung ebenfalls nur schwerlich vorstellen konnte, »… nun … folgt mir bitte.«

Der Diener drehte sich auf dem Absatz um und ging den Flur entlang in die Richtung, aus der Kaysahan die Musik vermutete. Der Bewahrer folgte dem Diener in gebührendem Abstand und betrachtete im Vorbeigehen die links und rechts an den Wänden angebrachten Gemälde. Einige davon hingen schief, was ihn verwunderte, da die Dienerschaft als pingelig und äußerst ordentlich verrufen war. Bei fast all seinen Aufenthalten im Palast hatte der Lordmaster die Gemälde gesehen. Es waren Porträtmalereien verblichener Regenten und ihrer Familien in Prachtgewändern. Selbstverständlich gab es auch ein Gemälde des amtierenden Haluk Sei Tan und seiner Frau und Tochter. Gleichgültig wie oft die Gesichter auf den Gemälden in der Vergangenheit schon an Kaysahan vorbeigezogen waren, er hatte sich keines davon wirklich merken können.

Zwischen den Gemälden waren hinter Kristallglas brennende Öllampen angebracht worden, die ein flackerndes Licht auf den Gang und die Wände warfen. Die Musik und das Stimmengewirr hinter einer aus bunten Kristallen gefertigten Flügeltür am Ende des Ganges wurden lauter, je näher sie kamen. Darfas stieß die Tür weit auf und ließ den Lordmaster zuerst passieren, bevor er ihm auf dem Fuß folgte. Sie befanden sich in einem großen, schummrig beleuchteten Festsaal, der im Gegensatz zu den meisten anderen Räumen im Palast nur mit einigen lang gezogenen Steintischen, umgeben von Reihen mit Holzstühlen, ausgestattet war.

Am Ende des Saales befand sich ein erhöhtes hölzernes Podest, auf dem der Regent in eine Kissenansammlung gebettet lag und sich gerade lachend von einem herbeigerufenen Diener einen Becher Wein in den weit aufgerissenen Mund kippen ließ. Die Feier war in vollem Gange und hatte ihren Höhepunkt allem Anschein nach bereits überschritten.

Die Gäste waren größtenteils mehr oder weniger stark angetrunken. Einige von ihnen lallten, andere schwankten im Saal umher und tanzten auf Tischen und Stühlen. Wieder andere hatte der Wein in einen geistesabwesenden Zustand versetzt. Sie lagen auf oder unter einem der Tische oder saßen stumm auf dem Boden und starrten mit glasigen Augen in den Saal und auf die dunklen, das Licht der Öllampen reflektierenden Kristallwände.

Lordmaster Kaysahan ließ sich von den feiernden Gästen nicht beeindrucken. Festen Schrittes durchschritt er den Saal, geradewegs auf das Podest und den Regenten zu. Darfas hatte Mühe, sich durch die Menge der Angetrunkenen wühlend mit dem Bewahrer Schritt zu halten.

»Herr, bitte«, keuchte Darfas, »wartet und lasst mich Euch erst ankündigen. Der Ehrwürdige nähme es mir persönlich übel, wenn ich Euch unangemeldet zu ihm sprechen ließe. Das wäre ungebührlich und respektlos. Ein schwerer Verstoß gegen die Hofetikette, der unangenehme Folgen für meine Wenigkeit hätte.«

»Dann geht vor …«, antwortete Kaysahan und hielt in angemessenem Abstand vor dem Podest an, »ich gewähre Euch zehn Sardas und keine einzige mehr.«

Darfas eilte an Lordmaster Kaysahan vorbei zum Podest und warf sich vor dem Regenten ergeben auf den Boden. Die für Kaysahan im Lärm der Feierlichkeiten untergehenden Worte sprudelten nur so aus Darfas heraus. Unterwürfig, dachte Kaysahan sarkastisch, ein seltsames Bild. Haluk Sei Tan blickte angewidert zunächst auf Darfas und dann auf den Bewahrer. Was für ein Anblick! Wie alt kann ein Klan werden?, fragte sich Kaysahan in Gedanken, als er den Regenten in seinen Kissen liegend eingehend und mit einer gewissen Abscheu betrachtete. Wie tief kann ein Klan sinken? Er musste sich zusammennehmen, um sich nicht sofort angewidert wieder abzuwenden. In welchem Lebensalter sollte ein Klan als Regent abdanken, um in einem Land wie diesem in Kriegszeiten zu herrschen?

Haluk Sei Tan jedenfalls erschien ihm steinalt. Die vor Altersflecken strotzende Haut hing schlaff von den spindeldürren Beinen und Armen, die er zu allem Überfluss nicht bedeckt hatte. Wenn er die spröden, blau angelaufenen Lippen öffnete, offenbarte sich eine zahnlose Mundhöhle. Die Nasenspitze war ebenfalls blau verfärbt, was Kaysahan auf einen übermäßigen Weingenuss zurückführte. Die Augen lagen tief in den dunklen Augenhöhlen. Ein dünner weißer Haarkranz stand ungekämmt von dem ansonsten kahlen, mit schorfig aufgekratzten Pusteln übersäten Schädel ab. Die aus Nase und Ohren wachsenden buschigen Haare waren beinahe länger als das Haupthaar des Regenten. Ein krummer Rücken und durch die Gicht verbogene Finger sowie schmerzende Gelenke plagten den alten Mann schon seit Sonnenwenden. Sein Körper war mit Wein-, Speichel- und Fettflecken beschmutzt. Allem Augenschein nach hatte er kurz zuvor erbrochen. Der Regent hatte sich während des Festes ganz offensichtlich maßlos gehen lassen. Vorne wie hinten eingenässt, weil er zu schwach, zu faul und zu betrunken war, um einen nahe gelegenen Abort aufzusuchen, vervollständigte diese Gestalt Kaysahans Bild des entwürdigenden Anblicks eines Herrschers, der am Ende war. Der Gestank, den er ausströmte, stieg dem Bewahrer unangenehm in die Nase. Ein Würgen kroch seinen Hals herauf, das er glücklicherweise noch rechtzeitig hinunterschlucken konnte. Zwei Diener eilten herbei und beschäftigten sich sofort eifrig damit, den Regenten und sein Kissenlager von den stinkenden Ausscheidungen zu säubern.

Das Schlimmste für Kaysahan war jedoch, dass Haluk Sei Tan manchmal für kurze Zeit bei Verstand war und schon im nächsten Augenblick wieder unter einer ihn vollkommen umhüllenden Demenz litt, die ihn unberechenbar und bösartig, zuweilen sogar gewalttätig werden ließ. Doch im Moment hatte der Regent trotz seiner Trunkenheit all seine Sinne bei sich. Vielleicht lag die Klarheit der Sinne an der berauschenden Wirkung des Weines.

Der Bewahrer hörte die blechern keifende Stimme des Regenten, die durch den Lärm der Feiernden schneidend bis an sein Ohr drang.

»Komm näher, Kaysahan«, rief der Regent, »dann kann ich dein hochnäsiges Gesicht besser sehen.«

Der Regent hatte sich von Anfang an geweigert, Lordmaster Kaysahan mit seinem Titel anzusprechen. Für ihn war er nur einer der vielen Diener in seinem Hause, selbst wenn der Rang eines Lordmasters der Bewahrer in den Klanlanden dem eines Fürsten gleichkam.

Kaysahan trat zum Podest vor und kniete sich, den Kopf gebeugt, mit beiden Knien gleichzeitig auf den Boden.

»Was willst du von mir?«, eröffnete der Regent mit einer Frage. »Du lässt dir besser etwas Gutes einfallen, wenn du mich schon während meiner Feier stören musst.«

»Eure Regentschaft müssen mir verzeihen«, antwortete Lordmaster Kaysahan, »aber ich habe Kunde von den jüngsten Ereignissen im Krieg gegen die Rachuren und aus dem Norden über die Stadt Eisbergen. Außerdem habe ich eine versiegelte Schriftrolle des hohen Vaters für Euch.«

»Der alte Zausel geht mir auf die Nerven mit seinem ewig jammernden Gewäsch. Gib die Schriftrolle her. Ich hatte ihm klare Anweisungen erteilt und will für ihn und deinesgleichen hoffen, dass er sich daran gehalten hat«, sagte Haluk Sei Tan, während ihm erneut Speicheltropfen aus dem Mundwinkel liefen und an seinem unrasierten Kinn hängen blieben.

Kaysahan erhob sich unaufgefordert und reichte dem Regenten den Brief des Overlords. »Wenn Ihr mir die Bemerkung erlauben wollt«, erwiderte Kaysahan, »die Bewahrer nehmen keine Anweisungen entgegen, Herr. Nicht einmal von Euch. Sie sind unabhängig und sehen Eure Worte als wohlgemeinten Rat oder als Bitte, der sie je nach Wunsch und Lage entweder Folge leisten oder eben nicht.«

»Unabhängig? Die Bewahrer existieren nur, weil ich es ihnen erlaube. Ihr Bewahrer seid dreist, zu dreist für meinen Geschmack. Nichts weiter«, ereiferte sich der Regent. »Dir und deinen Ordensbrüdern mangelt es an Respekt vor dem Sohn der Kojos. Das ist leider nichts Neues. Aber ich werde diesen Zustand im Namen der Kojos sehr bald ändern. Weder dein hoher Vater noch dieser Madhrab oder du selbst hattet jemals einen Funken Anstand in eurem Leib. Lass dir eines gesagt sein: Sollte ich noch einmal erfahren, dass du dich zwischen die Schenkel meiner Tochter drängst, lasse ich mir deinen Kopf und deinen Schwanz auf einem Tablett servieren. Bewahrer hin oder her. Du hast sie das letzte Mal bestiegen.«

Durch die Anschuldigung unerwartet überrumpelt und zutiefst getroffen errötete Lordmaster Kaysahan in für ihn ungewohnter Weise. Er hatte keineswegs damit gerechnet, dass der Regent über die Liebschaft zwischen ihm und dessen Tochter Raussa informiert sein könnte. Sie war jung und sie war schön – daran war nicht zu zweifeln. Raussa hatte ein Auge auf den attraktiven Bewahrer geworfen. Er hatte sich ihrer Verführungskunst wegen schon einige Male hinreißen lassen, ungeachtet der Folgen seiner Stellung am Hofe des Regenten und des tadellosen Rufes als Lordmaster der Bewahrer. Ein schwerer Fehler, wie er nun zu seinem Bedauern feststellen musste. Es hatte keinen Sinn, die Liebschaft abzustreiten. Die gemeinsamen Nächte mit Raussa machten ihn angreifbar und im schlimmsten Fall sogar erpressbar. Kaysahan hatte keine Idee, wie er sich aus dieser Situation schadlos herausmanövrieren sollte.

»Verschwenden wir nicht meine und die wertvolle Zeit meiner Gäste. Bevor ich also den Brief deines hohen Vaters öffne«, fuhr der Regent ungeduldig fort, »was hast du mir zu berichten?« Der Regent hob die von der Gicht geschwollenen Finger und rief seinen ersten Diener zu sich. Darfas erhob sich auf das Zeichen seines Herrschers sofort und eilte auf das Podest. Der Regent flüsterte ihm einige Worte zu, woraufhin der Diener schnell verschwand und nur wenig später in Begleitung des obersten Praisters Thezael und des Fürsten Fallwas zurückkehrte.

Der Fürst war eine charismatische, elegante Erscheinung. Ein stattlicher Klan mittleren Alters mit grau meliertem Haar an den Schläfen, stechenden Augen und einer außerordentlich geraden, aufrechten Haltung. Eine ungewöhnliche Aura der Macht umgab den stets perfekt und teuer gekleideten Mann. Der Bewahrer kannte den ehrgeizigen Fürsten gut, dessen erstgeborener Sohn, Master Chromlion, bei den Bewahrern diente. Kaysahan mochte den am Hofe des Regenten einflussreichsten Fürsten der Klanlande nicht sonderlich. Dennoch respektierte er dessen Stellung und anerkannte dessen Einfluss und das wirkungsvolle Auftreten.

Der Praister Thezael hingegen wirkte in seiner dunkelroten, mit Goldfäden durchwirkten Robe und mit seinem blassen Gesicht eher unscheinbar. Ihn zu unterschätzen wäre allerdings ein fataler Fehler gewesen. Kaysahan wusste das. Der oberste Praister war berüchtigt wie die giftige Fjoll-Spinne, die in ihrem unsichtbaren Netz auf ein unvorsichtiges Opfer lauerte. Thezael besaß viele Verbindungen, geheime wie bekannte gleichermaßen, die ihn zu einem äußerst gefährlichen und unbequemen Gegner machten, wenn es jemand wagen sollte, sich ihm und seinen Interessen in den Weg zu stellen.

Der oberste Praister und Fürst Fallwas galten als die ersten Berater des Regenten. Es war durchaus bekannt, welches bedingungslose Vertrauen Haluk Sei Tan den beiden Männern entgegenbrachte. Ein Gegner hatte es deshalb schwer, dieses Gespann zu diskreditieren oder seine Loyalität dem Regenten gegenüber infrage zu stellen, obwohl tatsächlich beinahe jeder wusste, dass die zwei nur auf ihren eigenen Vorteil bedacht waren und ihnen der Regent oder dessen Wohlergehen im Grunde vollkommen gleichgültig war.

Sie waren die Puppenspieler, die im Verborgenen an den Fäden der Macht zogen und die eigentlichen Geschicke der Klanlande bestimmten, selbst wenn sie vorgaben, Haluk Sei Tan sei derjenige, der die wichtigen Entscheidungen traf. Das Gegenteil war der Fall. Der Regent und die ihm folgenden Klan tanzten nach ihrer Musik.

Lordmaster Kaysahan wusste, er hatte mit dem Bericht zu warten, bis Fürst Fallwas und der Praister an die Seite des Regenten getreten waren und ihm Haluk Sei Tan das Zeichen zum Sprechen gab. Schließlich nickte der Regent dem Bewahrer auffordernd zu.

»Ich will gleich zur Sache kommen und Euch die beste Nachricht zuallererst überbringen«, begann Lordmaster Kaysahan voller Freude. »Die Schlacht gegen die Rachuren ist geschlagen. Das Unmögliche wurde endlich wahr. Wir haben unter der Führung des Bewahrers Lordmaster Madhrab gesiegt. Das Heer der Rachuren wurde an den Ufern des Rayhin vollständig vernichtet. Der Krieg ist beendet und die Gefahr für die Klanlande ist für lange Zeit gebannt.«

»Verluste?«, fragte Fürst Fallwas trocken. Die Worte beeindruckten ihn offenbar nicht.

»Die Verluste waren bedauerlicherweise, wie nicht anders zu erwarten, hoch«, fuhr Kaysahan wahrheitsgemäß fort. »Laut der Nachricht verloren in etwa zwei Drittel des Verteidigungsheeres ihr Leben in der Schlacht.«

»Das nennt Ihr einen Sieg?«, Fürst Fallwas zog spöttisch eine Augenbraue hoch. »Ich bin erstaunt. Von Eurem Helden Madhrab hätte ich weit mehr erwartet. Wird er nicht Bewahrer des Nordens genannt? Stattdessen führt er den Großteil des Klanheeres in die Schatten und schwächt die Verteidigung der Klan über Sonnenwenden hinweg. Wurde er nicht bereits mit dem legendären Ruitan Garlak, der Eisenhand, verglichen? Strebte er nicht bereits nach der alleinigen Herrschaft über die Klanlande? Er hätte besser daran getan, der Anweisung des Regenten Folge zu leisten und einem fähigeren Bewahrer den Befehl über das Heer zu überlassen.«

»Ihr meint doch nicht Master Chromlion?«, fragte Lordmaster Kaysahan nach, der den Sohn des Fürsten sehr gut einschätzen konnte.

»Genau an diesen dachte ich«, lächelte Fürst Fallwas. »Mein Sohn ist ein ausgezeichneter Stratege und Taktiker. Das hat er von mir. Darüber hinaus kämpft er so gut wie kaum ein anderer unter Euch Bewahrern. Warum sonst hätte ihn der Overlord zu einem Ausbilder der Bewahrer an den Waffen gemacht? Er hätte die Rachuren ohne große Verluste in den eigenen Reihen bezwungen.«

»Was sich im Nachhinein schwer beweisen, aber allzu leicht behaupten lässt«, erwiderte Kaysahan angewidert.

»Ihr zweifelt an meinen Worten?«, empörte sich der Fürst künstlich. »Die Fakten liegen doch auf der Hand. Der Bewahrer Madhrab sollte auf Wunsch des Regenten vor der Schlacht abgelöst und durch Chromlion ersetzt werden. Wusstet Ihr das etwa nicht? Offenbar hat er sich Eurem Bericht zufolge der ausdrücklichen Bitte des Ehrwürdigen widersetzt und das Verteidigungsheer, wie von uns befürchtet, ins Verderben geführt. Wir hatten, unbestritten seiner Talente als begnadeter Kämpfer und Waffenmeister, berechtigte Zweifel an den Führungsqualitäten des Lordmasters. Es gab einige hässliche Gerüchte, die …«, Fürst Fallwas unterbrach seine Ansprache kurz und blickte auf ein vergilbtes Blatt mit handschriftlichen Notizen in seiner Hand, »… bislang merkwürdigerweise unbestätigt blieben. Jetzt wird mir einiges klarer. Wer sollte noch berichten, wenn es kaum Überlebende gibt? Um die üble Nachrede gegen ihn zu zerstreuen und in unserer selbstlosen Fürsorge für den Lordmaster dachten wir ihm allerdings eine sehr verantwortungsvolle und herausragende Aufgabe zu, für die er nach unserem Dafürhalten weit besser geeignet und die auch seinem Rang mehr als angemessen gewesen wäre. Der Schutz des Regenten und dessen Familie. Welch höhere Berufung kann es für einen Bewahrer geben? Wir wollten ihm das Leben des Herrlichen anvertrauen.«

»Aber …«, Kaysahan war entsetzt und wagte nicht, seine Gedanken auszusprechen. Er dachte an all die Verschwendung und an das Ende der Tradition der Bewahrer, als er Fürst Fallwas fassungslos zuhörte. Madhrab war der fähigste Bewahrer, den er überhaupt kannte. Ein begnadeter Krieger, wie Kryson bislang keinen zweiten gesehen hatte. Ihn zum persönlichen Schutze des Regenten und dessen Familie einzusetzen, erachtete Kaysahan als Vergeudung des besten Talents, das sie in den Klanlanden aufweisen konnten. Niemand hatte bei Madhrabs Berufung zum Heerführer in der Not daran gezweifelt, dass er der einzig Richtige für diese aussichtslose Aufgabe war. Doch nun wurden die Fakten völlig verdreht.

Master Chromlion hätte nicht den Hauch einer Chance gehabt, die Klan zu einem Sieg gegen die Rachuren zu führen, dessen war sich Kaysahan sicher. Die Krieger wären ihm niemals in die Schlacht gefolgt, und wenn doch, wären sie erst recht in ihr Verderben geführt worden. Das hätte das Ende der Klan bedeutet. Ein Heer der Schatten, in einer einzigen Schlacht vernichtet.

Lordmaster Kaysahan ahnte, welche Absichten hinter den haltlosen Vorwürfen gegen Madhrab steckten. Ein böses und gefährliches Spiel, das für Madhrab jederzeit einen schlechten Ausgang nehmen konnte. Wenn Kaysahan die Gelegenheit erhalten sollte, musste er sie nutzen und seinen Ordensbruder zumindest warnen. Aber er musste sich in Acht nehmen, um nicht durch eine gegen ihn gerichtete Intrige selbst Schaden zu erleiden. Er war eindeutig zu unvorsichtig gewesen, dies wurde ihm mit jedem weiteren Wort klarer.

Schon lange versuchte Fürst Fallwas sein eigen Fleisch und Blut zu fördern und dadurch die Bewahrer mehr und mehr unter seine Kontrolle zu bringen. Jedes Mittel schien ihm dazu recht. Und – er wusste seine Möglichkeiten geschickt zu nutzen.

»Das Leben des Regenten bedarf keines weiteren Schutzes«, erlaubte sich Kaysahan einen gefährlichen Einwand. »Ich stehe der Leibgarde vor und garantiere als Bewahrer für die Sicherheit der Familie.«

»Mit Verlaub, Ihr nahmt Euch das Recht, Euer Lager mit Raussa zu teilen«, warf Fürst Fallwas voller Verachtung ein. »Diese für meinen Geschmack allzu wörtliche Auslegung einer Leibwache ist am Hofe des Erhabenen nicht erwünscht. Sie kann und wird Euch den Kopf kosten, wenn Ihr Eure Finger nicht von der Regententochter lasst.«

»Denkt, was immer Ihr denken wollt«, versuchte sich Kaysahan zu schützen, »ich bin mir keiner Schuld und keines Verstoßes gegen die Regeln des Palastes oder gar meines Ordens bewusst. Ihr solltet Raussa nicht mit Euren Anschuldigungen in den Schmutz ziehen.«

»Regeln? Ihr seid Euch hoffentlich im Klaren darüber, dass es so etwas wie ungeschriebene Gesetze gibt, deren Überschreitung niemandem gut bekommt. Nun ja, vielleicht sehen wir fürs Erste noch einmal darüber hinweg«, antwortete Fürst Fallwas, »wir wollen das arme Kind nicht in Verlegenheit bringen, nicht wahr? Außerdem wäre es nicht gebührend, wenn wir sie mit Eurem abgeschlagenen Kopf tatsächlich zum Weinen brächten.«

»Wie viele Männer, einschließlich Eurer selbst, seid Ihr bereit für diesen Preis zu opfern?«, konterte Lordmaster Kaysahan.

Der Fürst zuckte für einen Augenblick sichtlich zusammen. Die Selbstsicherheit, die bei ihm zuweilen überheblich wirken konnte, war mit einem Mal dahin. Der Bewahrer hatte ihm, wohl in die Enge getrieben, offen einen Kampf angedroht. Ob dies nur ein Bluff oder ein gewagter Befreiungsschlag war, schien ihm auf den ersten Blick nicht ersichtlich. Reichten hundert gute Krieger, um einen Lordmaster der Bewahrer festzusetzen und hinrichten zu lassen? Fürst Fallwas wusste es nicht und verspürte keine Lust, es tatsächlich auszuprobieren. »Was habt Ihr uns noch zu berichten?«, überging er deshalb galant die letzte Bemerkung des Lordmasters.

»Eisbergen wurde von einer Reihe von Unglücken und Katastrophen heimgesucht«, berichtete Lordmaster Kaysahan, der die Reaktion des Fürsten mit Genugtuung, aber immer noch verunsichert ob seiner tatsächlichen Lage registriert hatte. »Eine Flutwelle hat die Stadt zur Hälfte in Trümmer gelegt. Fürst Corusal Alchovi bittet Eure Regentschaft um Unterstützung beim Wiederaufbau. Er hat seine persönlichen Reserven eingesetzt und sogar die Wintervorratskammern geöffnet, damit er die notleidenden Klan seiner Stadt versorgen konnte. Der lange Winter kommt allerdings erst noch. Die Vorräte werden nicht für alle und auch nicht bis zum Frühjahr reichen. Er befürchtet eine Hungersnot.«