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BERND RÜMMELEIN

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DIE SCHLACHT AM RAYHIN

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© VERLAG CARL UEBERREUTER

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Für Diana,

in Liebe

PROLOG

Selbst wenn Kryson im Sturm entschwindet,
Städte in Fluten ertrinken,
die Erde bebt und Feuer sich ergießt.
Selbst wenn die Sonnen im Nichts verglühen,

Völker sterben, Völker vergehen,
das Wasser verdampft und Leben verdurstet.
Selbst wenn die Wolken in Schwärze verdunkeln,
Eis die Meere überzieht,
die Klan versinken und Chaos Kryson regiert.

Selbst wenn der dunkle Hirte erwacht,
die Pforte der heiligen Hallen sich öffnet,
die Lesvaraq schweigen,
Tränen weinen und sich in Trauer hüllen.
Ist doch die Liebe unser aller letzte Hoffnung,
mag kommen, was immer kommen mag,
Sind doch Seelen in Liebe und Freiheit verbunden,
der Ewigkeit unsterblich gewidmet –
und das Dunkel verschwindet.

Prophezeiung aus dem Buch Ulljan » RUCKNAWZOR«

Kapitel 12, 1

Schwere Schritte hallten am späten Nachmittag des schneereichen Herbsttages laut und in gleichmäßig raschen Abständen, sich abwechselnd mit einem unangenehm kratzenden Geräusch, durch die lang gezogenen Flure des Fürstenpalastes im nördlichen, hinter dem Riesengebirge gelegenen Eisbergen.

Das jedes empfindliche Ohr provozierende Geräusch hörte sich an, als ob jemand mit langen Fingernägeln über eine geglättete Schiefertafel kratzte und dabei auch noch rhythmisch mit einem schweren Eisenhammer auf steinernen Boden schlüge.

Die mit der Bodenpflege beschäftigten Diener des Hauses blickten dem stramm an ihnen vorbeischreitenden Stiefelträger erbost nach, wagten es jedoch nicht, ihm unmittelbar in die Augen zu sehen oder gar das Wort an ihn zu richten und sich über seinen zerstörerischen Gang auf ihrem spiegelglatten und penibel gereinigten Boden zu beschweren. Sie hielten sich lieber respektvoll geduckt, die Blicke demütig gesenkt.

Seit Horas waren sie schon dabei, den Boden aus reinem Eis immer wieder mit kristallklarem Wasser zu übergießen, die dünnen Wasserschichten vorsichtig und gleichmäßig bis zum Anfrieren zu verteilen, kleinere Unebenheiten und Löcher mit einer verstärkten Kristalllupe dicht vor den Augen auszugleichen, Kratzer einzeln zu entfernen, von Hand wieder abzuziehen und mithilfe eines feinen Schleifsteines blank zu polieren. Die auf diese Weise aufwendig vorbereitete Eisfläche musste schließlich in gebückter Haltung und auf Knien rutschend mit Samthandschuhen auf Hochglanz gebracht werden, bis die Bediensteten sich selbst in ihrem Spiegelbild ohne jede Verzerrung erblicken konnten.

Die fleißigen Diener kannten den Mann nur zu gut, der die ihnen so verhassten, bis knapp über die Knie reichenden Stiefel trug, an deren Sohlen spitze, mit schmalen Kerben versehene Eisendorne, Spaikis genannt, angebracht waren. Auf glatten Eisflächen sollten Spaikis ihrem Träger Halt geben. Doch die mühsame Arbeit eines kompletten Tages wurde mit einem einzigen Gang durch die Flure völlig zunichtegemacht. Ganz offensichtlich hielt sich der Stiefelträger wieder einmal nicht an die Hausordnung. Fürst Alchovi hätte die dornenbewehrten Stiefel längst und für alle Zeiten verbieten sollen, waren die Diener überzeugt, die den dreisten Hausordnungsrebellen am liebsten gleich auf der Stelle mit ihren Schleifsteinen erschlagen hätten, anschließend mit Wasser übergossen und in den frisch aufbereiteten Boden eingearbeitet. Was für eine Genugtuung wäre das für die Diener gewesen, wenn der Frevler aus starren, erfrorenen Augen und mit blau angelaufenen Lippen unter der dicken Eisschicht zu ihnen heraufgeblickt hätte. Dennoch wussten sie, dass ihre mörderische Fantasie, so sehr sie sie einen Augenblick lang im Stillen genossen, nur unerfülltes Wunschdenken bleiben würde. Stattdessen mussten sie der schrecklichen Wirklichkeit tatenlos ins Auge sehen und mit Entsetzen beobachten, wie jeder Schritt deutlich sichtbar und für ihre Ohren schier unerträglich schmerzend mehr und mehr tiefe Kratzer und Löcher in den Boden riss.

Der Gipfel der Missachtung und Geringschätzung ihrer täglichen Arbeit durch den Stiefelträger war jedoch, dass er an der Seite eine wie eine schwere Peitsche aufgerollte Waffe trug, deren zur Schlinge gebundenes Ende innen wie außen mit messerscharfen Stahlklingen besetzt war. Schleifend berührte sie den Boden, und vom Palasteingang beginnend bis zu den Gemächern des Fürsten Alchovi hinterließ sie eine lange, tiefe Kratzspur. Es würde Tage dauern, bis sie die Spuren zur Zufriedenheit ihrer Hoheit, der edlen Dame des Hauses, Fürstin Alchovi, wieder entfernt und einigermaßen repariert haben würden. Ohnehin schien die Fürstin die Einzige in diesem Palast zu sein – außer den Bediensteten selbst, natürlich –, die ihre wichtige und schwere Arbeit zu schätzen wusste.

Warrhard würdigte die Diener keines Blickes und hielt stattdessen seinen Kopf stolz aufgerichtet, geradeaus nach vorne blickend. Er war der Anführer der berüchtigten Eiskrieger, Fürst Alchovis auf Treue eingeschworener und bis zum Tod loyal ergebener Leibgarde. Niemand durfte von ihm verlangen, dass er bei Betreten der Fürstenresidenz seine warmen, mit weichem Fell ausgeschlagenen Stiefel durch jene wollenen, mit bunten Blümchenstickereien versehenen Hauspantoffeln ersetzte, nur um den glatt polierten Eisboden des Palastes nicht zu beschädigen.

Die Pantoffeln hielt der Eiskrieger für weibisch, ein klares Zeichen für Schwäche. Er war für Wichtigeres bestimmt, als sich um die kleinen Probleme der Bodenpflegetruppe des Fürsten zu kümmern.

Warrhard setzte seinen Weg zu den Gemächern des Fürsten unbeeindruckt fort, kam an mehreren Wachen vorbei, die bei seinem Anblick aus ihrem dösenden Halbschlaf, meist auf ihre langstieligen Speere oder an die Wände gelehnt, aufschreckten, dann peinlich berührt ob ihrer Unaufmerksamkeit und in Anbetracht der über seiner Brustpanzerung gekreuzten mächtigen Krummschwerter erschraken, sich schließlich schnell eines Besseren besannen, hastig die Hacken zusammenknallten und ihm respektvoll salutierten.

Warrhards Ruf war tadellos, aber auch wild und gefährlich. Er genoss als Anführer der Eiskrieger ebenso wie als guter Freund und engster Berater des Fürsten hohes Ansehen in Eisbergen. Die Wachen und Diener des Fürsten wussten, wenn Warrhard den Palast aufsuchte – was er keineswegs allzu gerne und deshalb trotz seiner Freundschaft zu Fürst Alchovi auch nur selten tat, denn er hasste Bequemlichkeit und das einengende Gefühl hochgezogener Wände mit einem Dach darüber, das ihm den Blick in den Himmel verwehrte –, dann nur in wichtigen Angelegenheiten, die keinen Aufschub duldeten.

Sie ließen ihn unbehelligt und ohne zu zögern passieren.

Warrhard war ein Mann der Natur, ein echtes Kind der Kälte, aufgewachsen inmitten unwirtlicher und lebensfeindlicher Bedingungen und unter dem freien Himmel der Eiswüste. Sein Vater war ein vor einigen Sonnenwenden verstorbener Eistrapper gewesen, der zeit seines Lebens entweder in einem aus Schnee erbauten Iglu gehaust hatte oder während der Jagdsaison des hohen Nordens mit Zelten aus Tierfellen durch die für die meisten Klan trostlose Einöde der Eiswüste gezogen war. Die Mutter war, solange Vater noch gelebt hatte, stets an der Seite ihres Mannes gewesen. Warrhard blieb ihr einziges Kind. Heute lebte sie allein in einem kleinen Iglu außerhalb der Stadt Eisbergen, zurückgezogen am Rande der Eiswüste. Gelegentlich besuchte Warrhard sie und brachte ihr Lebensmittel, Brennholz, Felle und warme Kleidung zum Überleben. Aber er hatte bei jedem seiner Besuche das Gefühl, dass sie sehr gut ohne ihn zurechtkam.

Warrhard liebte und brauchte die Freiheit, weite Flächen, Eis und Schnee wie andere die Luft zum Atmen oder das Wasser zum Leben. Und so blieb er die meiste Zeit draußen bei seinen Männern, gesellte sich abends in eine wärmende Wolldecke gewickelt oder in ein warmes Fell gehüllt zu ihnen an ein schönes Lagerfeuer, tauschte Geschichten aus, sog die eisige Luft des kalten Nordens tief in seine Lungen, roch den Duft seines grauen Streitrosses in der Nähe der Stallungen, schnupperte die appetitanregenden Gerüche einer über dem Feuer gebratenen Robbe und kraulte seine über alles geliebten Schneetiger hinter den Ohren, die ihm vertrauten und aus der Hand fraßen.

In den Mauern des Palastes oder einer Hütte drohte er regelrecht zu ersticken. Aber nur ein echter Eiskrieger, einer von Seinesgleichen, würde dieses Verhalten wirklich verstehen.

Heute jedoch war sein Besuch im Eispalast des Fürsten zu seinem Bedauern unumgänglich, obwohl er seine Gedanken durchaus gerne mit seinem Freund austauschte. Außerhalb der aus Eis gehauenen, dicken Palastmauern hätte er sich dabei allerdings deutlich wohler gefühlt.

Seit dem frühen Morgen, gleich nachdem die Sonnen von Kryson an entgegengesetzten Horizonten aufgegangen waren und die im hohen Norden des Kontinents Ell befindliche, große und reiche Fürsten- und Handelsstadt Eisbergen in ihren stets aufs Neue faszinierenden Anblick bunt funkelnder Lichtreflexe, verursacht von schier unendlich vielen Eiskristallen, getaucht hatten, war er auf den Beinen gewesen. Die Stadt und seine Heimat waren in großer Gefahr.

Die beiden links und rechts vor den Privatgemächern des Fürsten platzierten Leibwachen rissen die Flügeltüren gleichzeitig mit Schwung, aber wie durch ein Wunder nahezu geräuschlos und gerade noch rechtzeitig auf, als sie Warrhard mit wehendem Umhang und harten, ausufernd schnellen Schritten auf sich zukommen sahen. Der Fürst hatte die beiden Männer schon am Morgen angewiesen, Warrhard sofort nach dessen dringend erwartetem Eintreffen in seine persönlichen Heiligtümer durchzulassen, sodass der Eiskrieger nun ungebremst eintreten konnte.

Decke, Wände und Boden bestanden ebenso wie der Rest des Palastes vollständig aus Eis. Der Boden in der den eigentlichen inneren Privatgemächern vorgelagerten Empfangshalle war im Gegensatz zu den glatt polierten Fluren des Palastes mit wertvollen, bunten, handgeknüpften Teppichen ausgelegt, die dazu geeignet waren, die vom Boden aufsteigende Kälte abzuhalten. Die kunstvoll aufbereiteten, dicken Teppiche zeigten schöne Muster, Heldenmotive aus der Vergangenheit des Kontinents Ell und harmonierten mit den Ölgemälden an den Wänden, meist wichtige Familienmitglieder des Hauses Alchovi oder das eine oder andere große Schlachtengemälde, welche Warrhard ganz besonders schätzte. Die Teppiche verliehen der Empfangshalle trotz ihrer außerordentlichen Größe einen fast heimeligen Eindruck.

An der nach außen gerichteten Wand des Zimmers war ein offener, ausnahmsweise aus grauem Stein gemauerter Kamin angebracht, in welchem ein gemütlich anmutendes Feuer brannte, das den Raum wohlig erwärmte. Über der Kaminstelle hing das imposante Wappen der Alchovi: ein weißer, brüllender Schneetigerkopf auf eisblauem Hintergrund. Neben der Tür, die zum Schlafgemach des Fürsten führte, stand ein Waffen- und Rüstungsständer aus Holz, der einen großen Rundschild mit dem Wappen der Alchovi in der Mitte, eine in allen Farben des Regenbogens schimmernde Plattenrüstung, einen Vollgesichtshelm aus demselben seltenen Material mit weißen Federn geschmückt und das Schwert des Nordens hielt, das den Namen Iskrascheer trug.

Das Schwert des Nordens war ein massives Langschwert, das aufgrund der Länge und des hohen Gewichts mit beiden Händen geführt werden musste. Es war das wertvollste Schwert und Erbstück der Fürstenfamilie, das traditionell jeweils vom Vater zum Sohn weitergereicht wurde.

Wahrscheinlich würde die seit Urzeiten bestehende Tradition in der jüngsten Linie der Alchovis jedoch erstmalig unterbrochen werden müssen, da dem Fürstenpaar zum großen Bedauern der Familie und aller Untertanen des Fürstentums nach bereits mehreren erfolglosen und deprimierenden Versuchen anscheinend kein Kindersegen vergönnt sein sollte.

Der gesamte Eispalast galt als künstlerisches und architektonisches Meisterwerk, das in den gesamten Klanlanden bewundert wurde. Seine acht hohen und großen Türme standen rund um die inneren Hauptgebäude an der beinahe sechzig Fuß dicken Schutzmauer aus Eis verteilt, waren mit jeweils einer vollständig überdachten Zugangsbrücke versehen und außerdem reichlich mit allerlei kunstvoll geschnitzten Eisfiguren und Blumen verziert. Lediglich der Kristallpalast, der Sitz des Regenten Haluk Sei Tan in Tut-El-Baya, der Hauptstadt der Klanlande, wurde mit ähnlicher Bewunderung bedacht.

Kein Stein, kein Metall und auch kein Holz – mit Ausnahme der Türen, der bunten Fenster und einigem Mobiliar in den Räumen – waren bei der Erbauung des Palastes verwendet worden. Nur Eis und Schnee hatten den verwegenen Erbauern als Baumaterial gedient. In Eisbergen war es üblicherweise auch während der Sommermonde kalt genug, um das Eis nicht zum Schmelzen zu bringen, und immerhin stand der Eispalast mittlerweile schon seit mehr als eintausend Sonnenwenden nahezu unverändert. Erstaunlich fand Warrhard, dass es in den Räumlichkeiten des Palastes trotz der klirrenden Kälte in und um Eisbergen immer angenehm warm war. Viel zu warm für seine Verhältnisse.

Fürst Corusal Alchovi saß auf einem Stuhl mit einer hohen Lehne, der aus einem Stück Eis geschnitzt und perfekt an die Körperform des Herrschers angepasst worden war. Ausgekleidet wurde der durchaus bequem anmutende Stuhl von weichen weißen Fellen. Barfüßig, den Kopf auf eine Hand gestützt, hielt Corusal Alchovi seine Augen geschlossen. Unweit neben den auffällig schön pedikürten Füßen des Fürsten stand ein mit Blumenmotiven besticktes Paar Wollpantoffeln. Noch bevor sich der Eiskrieger durch ein Räuspern bemerkbar machen konnte, hörte er die vertraute, sonore Stimme des Fürsten: »Bei allem Respekt … Ihr ruiniert meinen Teppich mit Euren Stiefeln, Warrhard.«

Warrhard klappte den Mund vor Überraschung auf und gleich wieder zu und sah dabei aus wie ein übergroßer, mit Haaren überwucherter Fisch, der an der Wasseroberfläche nach Luft schnappte.

Der Fürst öffnete die Augen, die wie die Hintergrundfarben des Familienwappens eisblau waren, was ihnen eine gewisse Kälte verlieh. Er richtete sich in seinem Stuhl auf. »Außerdem solltet Ihr dringend das ranzige Walöl in Eurem Bart und Euren Haaren wechseln. Ihr riecht nach altem, fauligem Fisch und verpestet die Luft meiner Gemächer mit Eurem aufdringlichen Gestank«, tadelte Corusal den verblüfften Eiskrieger.

Mit strengen, prüfenden Augen sah der Fürst den Anführer seiner Leibgarde an. Warrhard hielt dem Blick ohne weiteres stand und musterte seinerseits das Gesicht und die Körperhaltung des Fürsten auf mögliche Regungen oder Veränderungen in dessen Stimmungsbild. Des Fürsten Mimik war von jeher schwer zu durchschauen. Kaum jemand vermochte seine Gemütslagen richtig einzuschätzen. Im Moment sah der Fürst vollkommen entspannt aus. Keine Regung, kein Zucken, keine andere auffällige Geste verrieten seine Gedanken. Er konnte seine wahren Gefühle meisterlich verbergen und war einer der besten Menotai-Spieler, die Warrhard kannte. Das auf einem Holzbrett und mit einem Stapel Karten praktizierte Spiel für vier Teilnehmer – meist wurde um hohe Einsätze an goldenen Anunzen gespielt – erforderte höchste Konzentration und nur die allerbesten Spieler konnten ihren Gesichtsausdruck über die Dauer eines ganzen Spiels verschlossen halten, um die Gegenspieler zu bluffen.

Warrhard war sich nicht sicher, ob Corusal die an ihn gerichteten Willkommensworte tatsächlich ernst gemeint hatte oder ob er mit der provokanten Art bloß seine Reaktion auf den kleinen Spaß testen wollte. Er entschied sich, den Tadel ernst zu nehmen, und setzte eine beleidigte Miene auf. »Ich bin nicht gekommen, um mich mit Euch über Schuhwerk oder Körperpflege zu unterhalten, mein Fürst. Bei allem Respekt für die häuslichen Gepflogenheiten des Hauses Alchovi … Eure besch…«, Warrhard verkniff sich das Wort gerade noch in Anwesenheit des Fürsten, »… Wollpantoffeln werde ich niemals gegen meine eingelaufenen Stiefel eintauschen und das Walöl entfaltet seine größte Wirkung gegen die Kälte der Eiswüste nur und auch erst dann, wenn es richtig dick und ranzig geworden ist. Der Gestank verjagt die Raubtiere. Du gewöhnst Dich daran«, erwiderte er.

Corusal erhob sich in einer geschmeidigen Bewegung aus seinem Stuhl und schlüpfte vor den Augen Warrhards demonstrativ in die bereitgestellten Wollpantoffeln. Er war groß gewachsen, wirkte schlank und sehnig. Das an den Schläfen bereits ergraute, dunkle Haar des Fürsten war für einen Mann der Nordlande ungewöhnlich kurz geschnitten und ließ die markanten Gesichtszüge des ansonsten eher schmal, schön und ebenmäßig gezeichneten, bartlosen Gesichts deutlich hervortreten. Corusal gehörte zu jenen Männern, die sich trotz der vorherrschenden, von Traditionen geprägten Meinung all jener in der Nähe des Polarkreises lebenden Klan, nach der ein wahrhaftiger Mann einen dichten und langen Bart tragen müsse, strikt weigerte, sich einen solchen wachsen zu lassen, und sich deshalb jeden Morgen von seinen Dienern fein säuberlich rasieren ließ. »Ich weiß, Warrhard. Dennoch solltet Ihr einem alten Freund und Fürsten gelegentlich gestatten, Euch zu tadeln, um Euch auf diese Weise hoffentlich eines Tages auf den richtigen Weg zu leiten. Ich verstehe Euch, aber es könnte auch nicht schaden, wenn Ihr anderen Klan, ihren Wünschen und ihrem Eigentum, etwas mehr Respekt entgegenbringen könntet«, sagte der Fürst.

»Corusal … ich bin ein Mann der Eiswüste, das wisst Ihr. Die Eiskrieger folgen ihren eigenen Gesetzen und dennoch schwören wir den Alchovi von jeher, seit Anbeginn des Fürstenhauses, ewige Treue. Das war schon immer so und wird sich nicht ändern, solange das Haus Alchovi existiert. Die feine Gesellschaft in Häusern und Palästen interessiert mich allerdings nicht. Ich kenne ihre Sitten und Gebräuche nicht, spiele nicht nach ihren aufgezwungenen Regeln. Das ist nichts für mich … ich bin zu Euch gekommen, weil die Lage sehr ernst zu sein scheint und Eisbergen in Gefahr ist.«

Seltsame Ereignisse und eine völlig unerwartete Katastrophe hatten die Bewohner Eisbergens in den vergangenen Tagen in Angst und Schrecken versetzt. Auf den Straßen und in den Wirtshäusern der Stadt wurde heftig gestritten, ob die schlimmen Ereignisse vielleicht Vorboten einer noch schrecklicheren Katastrophe für Land und Leute waren oder ob es sich nur um merkwürdige Zufälle handelte, die sich zu dieser Jahreszeit unglücklicherweise gehäuft hatten.

Um die allgemeine politische Lage in den Klanlanden war es nicht allzu gut bestellt: Der seit längerer Zeit heftig tobende Krieg gegen die Rachuren, deren brutale Invasion und kaum noch aufzuhaltender Vormarsch in die Kernlande und damit mitten in das überlebensnotwendige Herz der Klan, hatte die Einwohner stark verunsichert.

Immer wieder hatte es in den letzten Wochen und Monden unbestätigte Botschaften von Plünderungen, Brandschatzungen, Vergewaltigungen und grausamen Tötungen durch die feindlichen Invasoren gegeben. Blühende Städte sollten unter dem Banner des Schänders dem Untergang anheimgefallen oder deren Bewohner in die furchtbare Knechtschaft und Sklaverei der Rachuren gezwungen oder gar in unterirdische Brutstätten verschleppt worden sein.

Alles Elend hatte mit einer für diese Jahreszeit ungewöhnlichen und nur von wenigen Klan wahrgenommenen Erwärmung begonnen. Ein Wandel, der sich schleichend vollzog. Normalerweise kamen zu jeder Sonnenwende mit schöner Regelmäßigkeit und exakt mit Herbstbeginn die ersten eisigen Winde und Kältewellen über die Stadt und deren angrenzende Gebiete. Normalerweise froren das Meer und die Schifffahrtswege nach Eisbergen innerhalb kurzer Zeit zu, große Eisschollen schoben sich aneinander, verbanden sich zu einer undurchdringlichen Schicht für Schiffe und machten den Hafen von Eisbergen dicht und die davorliegenden Seewege unpassierbar. Dickes Packeis verhinderte bis zum Ende des folgenden Frühjahrs jeglichen weiteren Handel.

In dieser Sonnenwendenperiode waren jedoch erstmals die hinter dem Riesengebirge liegenden nördlichen Klangebiete von heftigen Schnee- und Regenfällen heimgesucht worden. Der Schnee war nass und schwer, ein deutliches Zeichen für zu hohe Temperaturen. Mancherorts drohten Dächer unter dem hohen Gewicht der Schneelast einzustürzen und ihre Bewohner mit sich zu begraben.

Wütende Stürme tobten zur selben Zeit über das Meer, peitschten die See in Richtung Küste, türmten Wassermassen auf, warfen hohe Brandungswellen an die Küste und brachten Fischerboote und sogar größere Handelsschiffe und Kriegsgaleeren in arge Bedrängnis. Soweit sich die Klan erinnern konnten, hatten sich niemals zuvor so viele Schiffe in Seenot befunden. Viele, welche die Sicherheit eines schützenden Hafens nicht rechtzeitig erreichten, kenterten vor der Küste Eisbergens und versanken für immer verloren in den kalten Tiefen des nördlichen Ostmeeres.

Andere verloren die Kontrolle und zerschellten, getrieben durch starke Brandung, an den hohen und gefährlich steil aufragenden, schwarzfelsigen Klippen der bis zur Küste reichenden Ausläufer des Riesengebirges.

Von Packeis war jedoch keine Spur zu sehen. Die Seewege waren nach wie vor offen.

Erst vor drei Tagen hatten die Einwohner von Eisbergen ein Massensterben der in der Gegend beheimateten Vogelschwärme beobachten müssen. Die Tiere fielen scheinbar grundlos vom Himmel. Wenn sie nicht bereits tot waren, verendeten sie qualvoll unter den Augen der entsetzten Klan. Die Tierkadaver lagen überall, wurden vom Meer an die Küste getrieben und verunreinigten Dächer, Balkone, Gärten und die Straßen der Stadt. Einst hatten Möwen die einkommenden Fischerboote kreischend und miteinander streitend in Erwartung eines Fischhappens bis in den Hafen begleitet. Jetzt waren ihre Flügel lahm und ihre toten Körper trieben auf den Wellen. Es wurde seltsam still in und um Eisbergen. Das Singen, Kreischen und fröhliche Gezwitscher der Vögel war mit einem Mal verstummt und die ungewohnte Ruhe, die fehlende Geräuschkulisse des Vogelgesangs erschreckte die Einwohner bis ins Mark. Niemand wusste zu sagen, was die Ursache für das plötzliche Sterben der Vögel war. Ein höchst unheimliches Ereignis, mit dem gleichzeitig ein dumpfes Gefühl einer latenten und noch wesentlich größeren Bedrohung für Leib und Leben der Eisbergener einherging.

Kaum hatte sich die Nachricht des Vogelsterbens unter der Bevölkerung verbreitet, tauchte nur einen Tag später eine weitere beängstigende Bedrohung aus dem Meer auf. War das Meer für sich genommen schon eine unbekannte Welt für die meisten Klan – zu selten und zu wenig erforscht –, so bargen die unbekannten Tiefen und Gewässer viele Gefahren und ungelöste Rätsel. Ein Schwarm Moldawars, der Schrecken aller Fischer und Seefahrer, war unmittelbar vor dem Hafen von Eisbergen aufgetaucht.

Die weiß gepunkteten, sechs Fuß hohen und scharfkantigen Rückenflossen der riesigen Raubfische pflügten dicht neben- und hintereinander durch die aufgewühlte See. Mindestens hundert Tiere waren an der Wasseroberfläche gezählt worden. Selbst erfahrene Seeleute vermochten nicht zu sagen, wie viele der erbarmungslosen Jäger noch unter der Wasseroberfläche auf ihre Opfer lauerten.

Im ausgewachsenen Alter konnte ein Moldawar ohne Weiteres eine Länge von siebzig Fuß und mehr erreichen. Die intelligenten Raubfische verhielten sich äußerst aggressiv und griffen in ihrer schier grenzenlosen Fressgier alles halbwegs Essbare an, was sie dank ihres ausgeprägten Seh- und Geruchvermögens in Reichweite empfanden. Witterten sie Blut, gerieten sie in einen regelrechten Fressrausch. Vor ihren Mäulern war nichts sicher. Nicht einmal vor größeren Schiffen machten sie halt. Auf der Jagd katapultierten sich die Moldawars bis zu dreißig Fuß hoch aus dem Wasser und schnappten sich ihr Opfer im Flug von den Booten weg. So manches Fischerboot leerten sie auf diese Weise. Kleinere Boote wurden vehement angegriffen, mitsamt Besatzung verschlungen und in die Tiefe gerissen.

Ungewöhnlich an der wohl einzigartigen Ansammlung der Raubfische war, dass die in ihren riesigen Mäulern mit vier hintereinanderliegenden Zahnreihen messerscharfer Zähne ausgestatteten Bestien eigentlich nur äußerst selten in Küstennähe und wenn, dann meist vereinzelt auf Beutezug gingen. Sie bevorzugten eindeutig das offene Meer für ihre Jagd. Nicht jedoch an jenem denkwürdigen Tag, an welchem sich kein Fischer mehr aufs offene Meer getraute.

In der darauffolgenden Nacht wurden die Einwohner Eisbergens von einem entfernten Seebeben unsanft aus dem Schlaf gerissen. Das Beben kündigte sich zuerst mit einem tiefen Grollen an, ließ dann die Erde und Häuser kurz erzittern, schien allerdings am Ende nicht stark genug zu sein, um größere Schäden zu verursachen oder Opfer unter den Einwohnern zu fordern. Eisbergen war diesmal wohl mit dem Schrecken davongekommen. Dennoch blieb bei den Bewohnern die Nacht über ein ungutes Gefühl zurück, das so manchem Klan den Schlaf raubte. Die Befürchtungen sollten sich nur wenig später bestätigen.

Früh am Morgen des vergangenen Tages schließlich beobachteten erstaunte Klan, wie sich das stürmische Meer urplötzlich mehr und mehr von den Ufern der Küsten zurückzog. Nur um sich wenige Augenblicke darauf, Stück für Stück höher und höher zu einer Wasserwand aufzutürmen. Inmitten des Wasserberges und auf seinem höchsten Punkt tanzten zahllose Moldawars mit aufgerissenen Mäulern ihren wilden Freudentanz.

Ein faszinierendes und einmaliges Schauspiel für das Auge zahlreicher an die Ufer gelaufener Betrachter, das viele arglose Einwohner für einen letzten entscheidenden Angriff versammelte und in eine tödliche Falle lockte.

Die mindestens zweihundert Fuß hohe Flutwelle kam schnell und gewaltig über die Stadt. Die Meereswoge prallte mit hoher Geschwindigkeit auf das Festland, nahm im Hafen befindliche Schiffe und Anlagen mit und bahnte sich unaufhaltsam ihren Weg durch die Stadt. Ihre Wucht riss in zerstörerischer Wut gnadenlos alles mit, was sich ihr in den Weg stellte oder sich nicht hoch genug in Sicherheit befand. Wer nicht direkt vom Aufprall der Welle erschlagen oder zerquetscht wurde, ertrank oder erfror nur wenig später in den eisigen Fluten oder wurde von den sich mit der Woge durch die Schluchten der Stadt wild treiben lassenden Moldawars in Stücke gerissen. Der Fressrausch der sich an ihren hilflosen und verzweifelt um ihr Leben kämpfenden Opfern labenden Raubfische schien kein Ende zu nehmen. Mit prall gefüllten Mägen verschwanden die Schrecken des Meeres und beendeten das grauenhafte Schauspiel erst, nachdem sie sich satt gefressen hatten und sich die Meereswoge langsam wieder aus der Stadt zurückgezogen hatte.

Sie hinterließen ein nie zuvor gesehenes Bild der Zerstörung. Beinahe die Hälfte der Stadt und mit ihr ein großer Teil der Einwohner Eisbergens waren mit einem einzigen Schlag verwüstet und verschwunden. Viele davon in den Bäuchen der Meeresbestien.

Und über alldem Chaos stand unbeschädigt und sämtlichen Naturgewalten bislang tapfer trotzend der Eispalast des Fürstenhauses Alchovi.

Die Anhäufung der Ereignisse während der vergangenen Tage waren in den Augen des Fürsten mehr als besorgniserregend. Eine einzige weitere Katastrophe dieser Art und die Stadt Eisbergen wäre voraussichtlich für immer verloren. Sie würde einfach verschwunden sein und niemand würde über die einst glorreichen Tage der schönen und reichen Stadt im Norden und ihre einzigartigen Wunder berichten können.

Vielleicht war dies einfach nur der Lauf der Dinge. Städte entstanden, Städte erblühten, Städte starben und verschwanden irgendwann in der Vergessenheit. Die Natur eroberte sich ihren Platz zurück, wenn sie es für richtig hielt. Möglicherweise hatten die Klan ihr Glück schon zu lange herausgefordert und das Gleichgewicht schlug nun zurück, um alles wieder ins richtige Lot zu setzen und auszugleichen. Wenn es die Strafe für die Eroberung des Kontinents Ell und die rücksichtslose Ausbeutung der vorhandenen Ressourcen durch die Klan war, kam sie spät, aber heftig.

Corusal Alchovi hatte in den letzten Tagen kaum geschlafen und sich viele Gedanken über die möglichen Ursachen der gleichzeitig auftretenden Katastrophen gemacht. Er war zu keinem sinnvollen Ergebnis gekommen und wartete nur noch gespannt auf die nächsten Schreckensmeldungen, die dem bisherigen Verlauf nach wahrscheinlich zugleich die letzten Nachrichten wären, die er in seinem Palast verkündet bekäme.

»Lassen wir das Gerede um Pantoffeln und kommen besser gleich zur Sache ...«, schloss der Fürst die kurze Debatte mit Warrhard ab, »... was gibt es Neues zu berichten?«

»Es ist seltsam, mein Fürst. Wahrhaft seltsam. Heute Nacht erlag einer meiner Eiskrieger dem kalten und tödlichen Kuss einer wunderschönen Eisprinzessin. Ihr könnt Euch sicher vorstellen, in welcher Verzückung wir ihn heute Morgen vorfanden«, sagte Warrhard.

»Das kann ich durchaus. Ich weiß, wie Klan aussehen, die, geblendet durch unübertreffliche Schönheit, verzückt und dennoch gewaltsam ihrer Lebensenergie beraubt wurden. Erspart mir bitte die hässlichen Details des Vorfalls. Aber erklärt mir eines ... wie kommt es, dass sich eine Eisprinzessin von den Höhen des Choquai herab nach Eisbergen verirrt? Diese seltsamen Geschöpfe wagen sich doch sonst nie von ihrem Berg herunter oder gar in die Nähe größerer Ansammlungen der Klan«, antwortete Corusal verdutzt.

»Ich weiß es wirklich nicht zu sagen. Leider konnten wir ihrer nicht habhaft werden. Ihr wisst, wie schwer eine Eisprinzessin zu fassen ist. Wir können nur hoffen, dass es bei diesem einzelnen Übergriff bleibt. Wehe, wenn noch mehr von den hübschen Damen auf die Idee kommen, meinen Männern einen Besuch abzustatten«, sagte Warrhard und war noch immer hörbar unzufrieden über die Tatsache, dass sie die Eisprinzessin nicht hatten einfangen können.

Fürst Alchovi legte die Stirn in Falten und blickte den Anführer seiner Leibgarde mit sorgenvoller Miene an. »Und dann? Das wäre das Ende der Eiskrieger, würde ich annehmen«, gab er seinen Bedenken deutlich Ausdruck.

Warrhard blickte beschämt auf den Teppich vor seinen Füßen und versuchte die verschiedenen Muster zu erfassen, um sich abzulenken. »Ihr habt recht. Das wäre das Ende der Eiskrieger«, gab er unumwunden zu. »Dennoch ... es ist nur eine der Neuigkeiten, die ich Euch berichten wollte. Ein Einzelfall, der hoffentlich nicht an Bedeutung gewinnt, den wir allerdings auch nicht unterschätzen sollten. Ich denke, wir müssen mit allem rechnen, in diesen schlimmen Zeiten.« Warrhard räusperte sich und fuhr fort. »Draußen, vor den Mauern der Stadt, in der Eiswüste sammelt sich ein fremdartiges Heer.«

Der Fürst wurde hellhörig und riss erstaunt die Augen auf. Ein Heer? Aus dem Nichts? Das ist doch nicht möglich! Tag und Nacht halten die Wachen Augen und Ohren offen. Was verbirgt sich denn noch in den unendlichen Weiten der Eiswüste und versetzt meiner Stadt den letzten Todesstoß?, dachte Corusal erschrocken. »Was erzählt Ihr denn da? Wie kann das sein und woher kommt das Heer?«, fragte er. Seine Stimme überschlug sich.

»Ich war genauso überrascht wie Ihr, mein Fürst. Das Heer tauchte sozusagen aus dem Nichts auf. Unerklärlich, wie sie vor den Augen unserer Wachen unerkannt bleiben konnten. Sie sind gut getarnt, tragen von Kopf bis Fuß weiße Kleidung, die sie im Schnee und Eis der Eiswüste nahezu unsichtbar macht. Ihre Gesichter sind vollständig verhüllt. Wir wissen nicht, wie sie dorthin kamen, was sie vorhaben, warum sie sich dort sammeln und woher sie überhaupt stammen. Sie sind bewaffnet und könnten versuchen, Eisbergen zu erobern. Wir sollten sie unverzüglich angreifen und vernichten«, stellte Warrhard nüchtern fest. Den Eiskrieger schien die Bedrohung eines unbekannten Heeres im Gegensatz zu Fürst Alchovi nicht sonderlich zu beeindrucken. Er sah der Gefahr als erfahrener Kämpfer ins Auge. Sie war da und musste beseitigt werden. So einfach war das.

»Ohne zu wissen, was sie vorhaben? Und wenn sie in friedlicher Absicht kommen und keine Gefahr für unsere Stadt oder das Fürstentum darstellen? Und was wird aus meinem Versprechen, das ich Lordmaster Madhrab gab? Ihr wisst, der Bewahrer, den die Fürsten auf Ratschlag dieses Saijkalsan ... ach, wie hieß er noch gleich ... Sapius ... zum Anführer des Verteidigungsheeres gewählt haben«, fragte der Fürst.

Warrhard musste lachen. Wie konnte der Fürst so naiv sein, zu glauben, dass sich ein fremdes Heer getarnt und vermummt vor Eisbergen sammelte und freundlich einer Stadt gegenüber verhielt, die in ihrem derzeitigen geschwächten Zustand als allzu leichte Beute erschien? Viel wahrscheinlicher war da schon die Annahme, dass sie der Stadt die verbliebenen Reichtümer entreißen wollten, als ihre selbstlose Hilfe in der Not anzubieten. Das Heer würde die Stadt angreifen und plündern, wenn man ihm nur die Gelegenheit dazu gab. »Wenn sie tatsächlich in friedlicher Absicht gekommen sind, sterben sie aus Dummheit, weil sie sich uns nicht zu erkennen gaben. Wir können es uns nicht leisten, sie unvorbereitet gewähren zu lassen. Dafür sind die Stadt und ihre Verteidigung viel zu sehr geschwächt. Ein Angriff – und Eisbergen fällt für immer. Euer Fürstentum wäre zerschlagen, Corusal. Ich beschwöre Euch, wir müssen an unsere Sicherheit denken, bevor es zu spät ist. Lasst mich das mit meinen Eiskriegern erledigen. Wir schlagen sie zurück, machen kurzen Prozess und die Sache ist vom Tisch. Der Bewahrer des Nordens, Lordmaster Madhrab, wird warten müssen.«

Der Fürst zögerte mit seiner Entscheidung. Er wusste nicht mehr, was um ihn herum geschah, hatte die vielen schlechten Vorzeichen und das große Unglück noch nicht richtig begriffen, um eine wirklich durchdachte Entscheidung treffen zu können. Ihn beschlich das untrügliche Gefühl, nicht mehr Herr der Lage oder seiner selbst zu sein.

Vor Monden schon hatte er dem Bewahrer des Nordens, Lordmaster Madhrab, seine Unterstützung im entscheidenden Kampf gegen die Invasion der Rachuren zugesagt. Das Verteidigungsheer stand in den letzten Vorbereitungen und wartete händeringend auf die versprochenen Eiskrieger. Denn bald schon würde die letzte, schier aussichtslos scheinende Schlacht gegen eine feindliche Übermacht an den Ufern des Rayhin geschlagen werden müssen. Sie mussten zusammenhalten. Er hatte sein Wort gegeben. Das Wort eines Ehrenmannes und eines Fürsten. Das Versprechen eines Freundes. Nur gemeinsam konnten sie den Feind besiegen.

Doch würde er die Eiskrieger zu Madhrabs Unterstützung wie angekündigt entsenden, was im Grunde sofort geschehen musste, käme dies einem Todeskommando für seine Eiskrieger gleich, so viel war dem Fürsten klar. Er würde Warrhard, dessen rechte Hand Hassard und ihre Gefährten in den sicheren Tod schicken. Sie würden Eisbergen und ihre geliebte Eiswüste nie wieder sehen.

Ihm war klar, dass dringend etwas getan werden musste und dass Warrhard eine gute Antwort von ihm erwartete, für die er sich nicht allzu viel Zeit lassen durfte. Was oder wer stand ihm in diesem Augenblick näher? Madhrab war ein Freund. Ein wichtiger noch dazu. Eisbergen jedoch war seine Heimat, seine Stadt. Sie zu verlieren, würde bedeuten, die Wurzeln seines Lebens abzuschneiden. Würde Alchovi die unbestätigte Gefahr vor Eisbergen bekämpfen und Madhrab deshalb die Schlacht verlieren, wäre am Ende allerdings auch nichts gewonnen. Dann brächten die Rachuren den endgültigen Untergang für Eisbergen. Niemand würde sich ihnen mehr entgegenwerfen können.

Die Dinge standen nicht gut um Eisbergen. Warrhard hatte sicher recht, nach den verheerenden Ereignissen der letzten Tage zu urteilen, konnte dieses fremde Heer keine guten Absichten hegen. Wenn doch, wäre das Pech für das Heer und für Eisbergen. Viel wahrscheinlicher war, dass sie – wer immer sie auch sein mochten – nur eine günstige Gelegenheit wahrnehmen wollten, der angeschlagenen Stadt den finalen Todesstoß zu versetzen und sich zu bereichern. Würde er sich den Vermummten nicht entgegenstellen und Warrhard gen Süden ziehen lassen, wäre die Stadt sofort verloren. Er würde das Ergebnis der Schlacht am Rayhin nicht mehr erleben. Es war zum Verzweifeln. Was immer er auch entscheiden sollte, jede Option barg eine unbehagliche Unbekannte und ein immenses Wagnis.

»In Ordnung ... in Ordnung«, flüsterte Corusal kaum hörbar. Er war zum Turmfenster getreten und blickte mit düsteren Gedanken auf das immer noch aufgewühlte Meer. Das schlechte Gewissen plagte ihn, legte sich schwer um sein Herz und die Tatsache, ein Versprechen nicht einhalten zu können, erfüllte ihn mit Scham. Was für ein Freund bin ich und welch Schwäche zeichnet mein Handeln aus. Es ist fürwahr eine Schande ..., wühlte es in ihm und drückte schwer auf sein Gemüt.

Er war noch nie in seinem Leben wortbrüchig geworden. Nun würde er es zum ersten Mal tun und den Bewahrer Madhrab in der Schlacht gegen die Rachuren alleine lassen. Zum Wohle seiner Stadt Eisbergen. Er kam sich vor wie ein feiger Verräter. »Zieht aus und vernichtet das fremde Heer vor den Mauern der Stadt, wenn Ihr das vermögt«, ergänzte Corusal, ohne seinen Blick vom Fenster zu nehmen. Fürst Corusal Alchovi entließ Warrhard in einen Kampf mit ungewissem Ausgang.

EILIGE SCHRITTE

Saijkalsan Sapius hatte sich beeilt. Der seit Tagen zunehmend einsetzende, schwere Regen hatte den Boden aufgeweicht, ihn tief und rutschig gemacht. Seine ohnehin mühevolle Reise wurde dadurch noch zusätzlich erschwert und sein Pferd quälte sich bei jedem Schritt. Sapius sorgte sich um sein treues Pferd. Es war ein gutes und starkes Tier. Doch ein gebrochenes Bein – und es wäre vorbei. So sehr er es in den vergangenen Horas zur Eile angetrieben hatte, jetzt hielt er es zurück. Der Waldboden war tückisch zu dieser Jahreszeit, in der die Bäume ihre Blätter bereits fallen ließen, und vor allem bei diesem starken Regen. Vorsichtig ritt er im Schritt weiter. Gelegentlich hielt er inne und lauschte aufmerksam in den Regen. Nur ein starkes Rauschen, das prasselnde Geräusch von auf die Erde fallenden Wassertropfen und das Schnauben seines Pferdes waren zu hören. Kein verdächtiger Laut drang an sein Ohr.

Die feindlichen Linien im Süden bis zum Südufer des Rayhin waren durch ein engmaschiges Patrouillennetz der Rachuren geschützt. Er hatte einige stationäre Wachposten und umherziehende Patrouillen weitläufig umgehen müssen, um nicht entdeckt zu werden.

Die Anstrengungen der letzten Tage steckten ihm arg in den Knochen. Jeden Schritt seines erschöpften Pferdes nahm er schmerzlich am eigenen Leib wahr. Hintern und Schenkel waren wund gerieben. Er war völlig durchnässt, seine Kleidung klebte kalt und unangenehm auf der Haut. Er fror und hatte während seines Gewaltritts Richtung Norden außer einigen trockenen Mehlkeksen schon seit längerer Zeit nichts mehr gegessen. Seinen braungrauen Wollmantel hielt er eng um seinen Körper geschlungen. Der war schwer geworden und vermochte trotz der dicht ins Gesicht gezogenen Kapuze den scharfen Wind und das Wasser schon seit geraumer Zeit nicht mehr abzuhalten.

Sapius fluchte leise vor sich hin. Er hätte splitternackt reiten können, es hätte kaum einen Unterschied gemacht. Er fühlte sich gerädert und beinahe am Ende seiner Kräfte. Wenn er sein Ziel nicht bald erreichte, würde er sich bestimmt den Tod holen. Sein Vorankommen war viel langsamer als ursprünglich geplant. Der Saijkalsan kniff die Augen zusammen, um seine Umgebung besser erkennen zu können. Ein sinnloses Unterfangen, wie er schnell feststellte, durch den Regen konnte er kaum den nächst stehenden Baum erkennen. Ein Glück, dass wenigstens auf seinen Orientierungssinn Verlass war.

Sapius hatte sich dazu entschlossen, seine letzten Reserven aufzubieten, und war die vergangene Nacht ohne Rast durchgeritten. Er hoffte, dass sein Pferd die Strapazen durchhalten würde. Eile war geboten. Das wusste er und es ließ ihn keineswegs ruhiger werden. Die Zeichen waren eindeutig und standen auf Sturm. Schwerwiegende Veränderungen waren vor sich gegangen. Er musste das Heerlager noch an diesem Abend erreichen. Koste es, was es wolle. Die entscheidende Schlacht am Rayhin-Fluss zwischen den Rachuren und den Klan, den Nno-bei-Klan, stand unmittelbar bevor. Im ersten Morgengrauen an einem der kommenden Tage würden die ersten Pfeile den Himmel verdunkeln, es würde Feuer regnen, die Kriegstrommeln würden zum Angriff geschlagen. Blut und Tränen würden in Strömen fließen. Er musste ungesehen in den Stützpunkt gelangen und unbedingt noch vor Kampfbeginn mit dem Befehlshaber der Klan sprechen. Einem ganz und gar außergewöhnlichen Mann, wie Sapius fand.

Im Grunde kümmerte sich Sapius gar nicht oder nur sehr selten um die Angelegenheiten der Klan. Sie waren ihm zwar nicht gänzlich egal, aber er sah sie die meiste Zeit nur um irgendwelche Belanglosigkeiten streiten, Krieg führen oder seiner Ansicht nach viel zu weltlichen Tätigkeiten und Vergnügungen nachgehen. Seit er von der Verfolgung der Saijkalsan und ihrer fast vollständigen Vernichtung während der großen Inquisition vor vielen Sonnenwenden gelesen hatte, war er ohnehin wesentlich zurückhaltender und skeptischer geworden. Er blieb daher lieber für sich allein, verfolgte seine Studien oder übte sich im Umgang mit den Saijkalrae. Saijkalsan Sapius hatte andere Aufgaben zu erfüllen, viel Wichtigeres, davon war er überzeugt.

Die Welt befand sich im Umbruch. Etwas rührte sich und die Klan schienen es nicht einmal zu merken. Sapius schüttelte den Gedanken an das möglicherweise Bevorstehende ab – wie sollten sie auch erkennen können, was hinter dem Ganzen steckte und wozu dieser Krieg eigentlich diente. War er doch ein einziges Ablenkungsmanöver vom Wesentlichen. Die Klan wussten nicht, was geschah oder warum oder wofür sie einstanden. Sie waren wie unschuldige Kinder in einem hinterhältigen Spiel, hatten kein Bewusstsein für die Tiefe und den Sinn ihres Daseins, dachte er bei sich. Sie lebten eingeschlossen in ihren eigenen Beschränkungen, in einer geradezu naiven, unwissenden Welt, die nur aus Kryson zu bestehen schien, was so viel wie Tag und Nacht, Licht und Schatten, Weiß und Schwarz oder Gut und Böse bedeutete. Klare Grenzen, eine mit Traditionen und Ritualen überfrachtete Religion der Kojosgläubigkeit gaben ihnen Halt, und offenbar gab es kein Dazwischen. Ihre Welt schien so einfach zu sein. Manchmal beneidete Sapius sie um ihre unbefangene Unwissenheit.

Wie schwer die Last des Wissenden doch auf ihm lag.

Die Klan lebten in den Tag hinein und irgendwann starben sie und fanden ihre letzte Ruhe. Welch Ungerechtigkeit! Er würde niemals Ruhe finden. Sapius konnte nur wenig mit ihnen und ihrer Lebensweise anfangen. Aber mit welchem Volk war das anders? Selbst sein eigenes Land, sein Volk und seine Familie, hatte ihn und seinen inneren Antrieb nie verstanden. Er hatte getan, was er tun musste, und war im Streit gegangen, vor vielen Sonnenwenden schon. Trotzdem gab es von Zeit zu Zeit Ereignisse, die seine Aufgaben berührten und die ihn dazu zwangen, seine Behausung und seinen Schüler zu verlassen, um sich mit den Klan zu treffen, sich zu informieren und ihnen notgedrungen mit Rat und Tat zur Seite zu stehen.

Das war ihm höchst zuwider, denn bis auf wenige Ausnahmen waren sie in seinen Augen schwer von Begriff, stur und schroff im Umgang mit ihm und allen anderen Saijkalsan, wo es doch nur noch wenige von ihnen gab.

Die Klan verabscheuten die Saijkalsan als bösartige Hexer, hatten Angst vor ihrer Macht. Es hatte eine Zeit vor mehr als tausend Sonnenwenden gegeben, in der die Klan die Saijkalsan gnadenlos verfolgt, ihrer Freiheit beraubt, in feuchten Kerkern gefoltert und beinahe bis auf den letzten der Magie Kundigen ausgerottet hatten.

Erschwerend kam hinzu, dass Sapius nur äußerst ungern die Lektionen mit seinem Schüler Malidor unterbrach. Malidor zu unterweisen war für ihn weit wichtiger als jedes Zusammentreffen mit einem Klan es je sein könnte. Malidor war ein ungeschliffener Rohdiamant, zwar ungemein talentiert und mit ungewöhnlichen Fähigkeiten für die Saijkalsan ausgestattet, aber er befand sich in einem gefährlichen Stadium der Ausbildung. Empfänglich für allerlei unangemessene Einflüsse und persönliche Eitelkeiten, stand er vor der unmittelbaren Gefahr, auf einen Pfad zu gelangen, auf dem er mit seinen bereits erlernten Fähigkeiten schweren Schaden anrichten konnte. Die Studien seines Schülers duldeten keinen Aufschub. Malidor musste bereit sein, wenn seine Zeit gekommen war. Ihn jetzt mit seinen Übungen in der abgelegenen, aber gemütlichen Behausung zurückzulassen, bereitete Sapius Kopfzerbrechen und große Sorgen.

Vor ziemlich genau sieben Sonnenwenden hatte Sapius auf einer seiner Reisen durch den Kontinent Ell die damals noch frischen Gerüchte von einem jungen Klippenspringer gehört. Viele Reisende wollten den mutigen Jungen sehen, der sich vor ihren Augen kopfüber und todesmutig von einer mehr als einhundert Meter hohen, senkrecht abfallenden Felsklippe in die Tiefe stürzte. Unten warteten die tosenden Fluten des großen Ostmeeres auf ihn. Sein Name – Malidor – war zu jener Zeit in aller Munde und er war mit seinen Sprüngen ins kalte Nass schnell zu Ruhm und einem ansehnlichen Beutel voller Anunzen für sein tägliches Brot gelangt.

In dem kleinen, nur einhundert Seelen zählenden Dorf Rilahatas, das etwas unterhalb der Hauptstadt Tut-El-Baya an der Ostküste von Ell lag, wurden nach Erreichen eines beachtlichen Bekanntheitsgrades in immer kürzeren Abständen regelrechte Spektakel mit Wochenmarktcharakter um den Jungen veranstaltet, die Schaulustige und Wanderer, die auf Vergnügung aus waren, gleichermaßen anlockten. Sie alle kamen, um den waghalsigen Todessprung des Jungen zu sehen. Daneben gab es aus Holz gezimmerte, bunt angemalte Buden mit allerlei Süßigkeiten, Getränken und Speisen zu bewundern. Gegen gut zahlende Anunzen wurde bestens für das leibliche Wohl der Besucher gesorgt. Jongleure, Feuerschlucker, Zauberkünstler und Artisten gaben ihre Kunststücke vor der staunenden Menge zum Besten. Händler priesen ihre Waren zu Höchstpreisen an. Tiere, Kleidung, Schnitzereien, Werkzeug und sogar Waffen wechselten den Besitzer. Huren warteten auf zahlungskräftige Freier. Es war ein gutes Geschäft für die Einwohner von Rilahatas, denn sie profitierten mit einem beträchtlichen Anteil von jeder Einnahme. Musiker spielten zum Tanz auf und Barden erzählten singend Legenden aus längst vergangenen Zeiten. Box-, Schwert- und Bogenwettkämpfe wurden veranstaltet, bei denen es stattliche Preise zu gewinnen gab. Diebesgesindel und Beutelschneider waren auf die mit Anunzen prall gefüllten Lederbeutel der Besucher aus und machten das ein oder andere Mal fette Beute.

Doch das ganze Drumherum war im Grunde gar nicht so wichtig. Alle warteten sie, während sie sich vergnügten, gespannt auf den heiß ersehnten Auftritt des Klippenspringers.

Sapius war skeptisch. Nicht dass Skepsis für ihn etwas Außergewöhnliches gewesen wäre – sie lag in seiner Natur. Die Erfahrung hatte ihn jedoch gelehrt, dass die meisten Geschichten, die ihm während seiner Reisen so mancherorts zu Ohren gekommen waren, lediglich einen kleinen wahren Kern aufwiesen, während der Rest glatt gelogen war. Die Essenz der Legende wurde oft verfremdet, war meist maßlos übertrieben und mit diversen Hinzudichtungen versehen. Dennoch wollte er den Jungen mit eigenen Augen sehen. Ein vages Gefühl sagte ihm, dass er dieser Geschichte nachgehen sollte. Sapius wusste, dass ein Sprung aus über hundert Metern Höhe für einen gewöhnlichen Klan tödlich enden musste. Irgendetwas konnte daran einfach nicht stimmen.

Als Sapius Rilahatas erreicht hatte und Malidor zum ersten Mal sah, traute er seinen Sinnen kaum. Er sah mit eigenen Augen, was er für unmöglich gehalten hatte. Etwa eintausend Schaulustige hatten sich an der Klippe versammelt. Unter tosenden Beifallsstürmen sprang der Junge furchtlos in die Tiefe. Es gelang Sapius nur schwer, seinen vor Staunen weit offen stehenden Mund wieder zu schließen. Ein eleganter Sprung, gestreckt, mit den Armen voran, den Malidor mit großer Leichtigkeit vollführte. Der Junge wirkte auf Sapius schmächtig mit seinem von langen blonden Locken umrahmten, schmalen Gesicht und den stechend blauen Augen. Malidor war nicht sonderlich athletisch und auch nicht allzu groß gebaut. Eher mager und etwas zu klein geraten, wie Sapius feststellte.

Sapius quartierte sich im einzigen Wirtshaus des Dorfes ein und bereitete sich auf einen längeren Aufenthalt vor. Der Junge hatte seine Neugier geweckt und er fühlte sich auf seltsame Weise mit ihm verbunden. Er musste der Sache auf den Grund gehen.