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Aus dem Amerikanischen
von Silvia Morawetz
und Werner Schmitz

rockbuch

Für meine Mutter

Du wusstest, früher oder später wird es was,

und weil das gar nicht so einfach ist, dachte ich mir,

bringen wir’s gleich hinter uns. Ich hab dich lieb.

Titel der amerikanischen Originalausgabe: »It’s Kind Of A Funny Story«

Text-Rechte: © 2006 Ned Vizzini, erschienen bei miramax books / Hyperion

© 2007 der deutschsprachigen Ausgabe

Rockbuch Verlag

ein Imprint der edel entertainment GmbH, Hamburg

Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.



Aus dem Amerikanischen von Silvia Morawetz und Werner Schmitz

Lektorat: Joern Rauser, Florian Lamp



eISBN 978-3-8419-0044-9



www.rockbuch.de

Teil eins: So sieht’s aus

eins

Es fällt so schwer zu reden, wenn man sich umbringen will. Und zwar ist es das vor allem anderen. Und ich jammere nicht bloß rum. Es tut körperlich weh, den Mund aufzumachen und die Wörter rauszuquetschen. Sie gehen dir nämlich nicht glatt über die Zunge, wie du sie gerade gedacht hast, und wie das bei den Wörtern normaler Leute der Fall ist; sie kommen in Bröckchen wie Eis aus dem Crusher, und du stolperst drüber, wenn sie sich hinter deiner Unterlippe ansammeln. Also hältst du lieber gleich den Mund.

»Ist euch schon mal aufgefallen, dass die Leute in der Fernsehreklame dauernd fernsehen?«, fragt mein Freund.

»Schwachsinn, Alter«, sagt mein anderer Freund.

»Nein, das stimmt«, sagt darauf mein anderer anderer Freund. »Dauernd sitzt einer auf einer Couch, außer die Reklame ist für Allergien, da gehn sie über ein Feld –«

»Oder reiten am Strand lang.«

»Die Reklame ist immer für Herpes.«

Gelächter.

»Wie bringt man jemandem überhaupt bei, dass man das hat?« Das kommt von Aaron. Er wohnt hier. »Muss ja ein verrücktes Gespräch sein: ›Hey, bevor wir loslegen, solltest du wissen ...‹«

»Hat eure Moms gestern Abend nicht gestört.«

»Ohhh!«

»Alter!«

Aaron verpasst Ronny, dem Schwätzer, einen Stoß vor die Brust. Ronny ist klein und trägt Schmuck; er hat mal zu mir gesagt: Craig, wenn ein Mann seinen ersten Schmuck anlegt, gibt’s kein Zurück mehr. Die Hand mit der dicken, losen Goldkette boxt zurück, scheppernd trifft sie Aarons Uhr.

»Alter, was machst du da mit meinem Gold, hä?« Ronny schüttelt die Hand und greift sich den Joint.

Aaron hat zu Hause immer was zu kiffen; er wohnt in einem Zimmer mit separater Entlüftung und abschließbarer Tür, das seine Eltern als Extrawohnung vermieten könnten. Um den Lichtschalter ist eine Schutzfolie geklebt, und seine Bettdecke ist mit schwarzen Kreisen gesprenkelt. Flecke sind da auch drauf, schimmernde Flecke, die auf gewisse Aktivitäten hindeuten, die zwischen Aaron und seiner Freundin stattfinden. Ich schau sie an (die Flecken, dann die beiden). Bin eifersüchtig. Dann aber bin ich wieder über Eifersucht hinaus.

»Craig? Willst du?«

Das Ding wird mir rübergereicht, aber ich gebe es weiter. Ich führe ein Experiment mit meinem Kopf durch, prüfe, ob das Gras womöglich das Problem ist; vielleicht ist das ja der Eindringling, der mich entführt hat. Das mach ich jetzt seit Wochen immer wieder mal, und dann rauche ich eine Masse Gras und teste, ob es vielleicht das fehlende Gras war, das mich entführt hat.

»Alles okay, Mann?«

So sollte ich heißen. Ich könnte ein Superheld sein. Der Alles-Okay-Man.

»Äh ...«, stammle ich.

»Nervt Craig nicht.« Das kommt von Ronny. »Er ist in der Craig-Zone. Ist weggetreten.«

»Ja.« Ich bewege die Muskeln, die bei mir das Lächeln erzeugen. »Ich bin ... irgendwie ... ihr wisst schon ...«

Merkt ihr, wie das mit den Wörtern ist? Die betrügen den Mund und spazieren davon.

»Bist du okay?«, fragt Nia. Nia ist Aarons Freundin. Sie und Aaron haben ständig Körperkontakt. Im Moment sitzt sie, an sein Bein gelehnt, auf dem Fußboden. Sie hat große Augen.

»Mir geht’s gut«, sage ich. Der blaue Schimmer des Flachbildschirmfernsehers spiegelt sich in ihren Augen, als sie den Blick wieder darauf richtet. Wir sehen uns eine Doku über die Tiefsee an.

»Scheiße, sieh dir das an!«, ruft Ronny, der gerade Rauch ausstößt – keine Ahnung, wie das Ding so schnell wieder bei ihm gelandet ist. Ein Tintenfisch zieht über den Bildschirm. Er hat riesige, durchscheinende Ohren, gleitet im kalten Licht des Unterseeboots durch das Wasser.

»Wissenschaftler haben dieser Art den Kosenamen Dumbo gegeben«, sagt der Fernsehsprecher.

Ich lächle in mich hinein. Ich habe ein Geheimnis: Ich wünschte, ich wäre Dumbo, der Tintenfisch. An die Eiseskälte auf dem Grund der Ozeane angepasst, würde ich dort friedlich herumpaddeln. Die großen Fragen meines Lebens wären, von welcher Sorte Schleim am Meeresgrund ich mich ernähre – da ist kein so großer Unterschied zu jetzt. Und dass ich keine natürlichen Feinde habe. Die hab ich zwar jetzt auch nicht, aber das hat mir nicht besonders viel gebracht. Doch auf einmal ergibt es schon einen Sinn: Gern würde ich unter Wasser leben, als Tintenfisch.

»Ich komm wieder«, sag ich und kraxel von meinem Platz auf der Couch, den Scruggs, ein Freund, der auf den Fußboden verbannt war, sofort in Beschlag nimmt. In einer flüssigen Bewegung kommt Scruggs hoch.

»Du hast nicht eins-fünf gerufen«, sagt er.

»Eins-fünf?« Ich versteh ihn nicht.

»Zu spät.«

Ich zucke die Achseln und steige über die Klamotten und Beine der Leute weg, hin zu der beigen Tür im Stil einer Wohnungstür; durch die durch, dann geh ich nach rechts: in Aarons warmes Badezimmer.

Bei Bädern hab ich ein System. Ich verbringe viel Zeit darin. Es sind Heiligtümer, über die ganze Welt verteilte öffentliche Ruheorte für solche wie mich. In Aarons Bad reinzugehen ist nichts anderes, als in meinem normalen Trott weiter Zeit zu verplempern. Als Erstes schalte ich das Licht aus. Dann seufze ich. Dann drehe ich mich um, der Tür zu, die ich gerade geschlossen habe, ziehe mir die Hose runter und lasse mich auf die Toilette plumpsen – ich setze mich nicht, sondern lasse mich wie einen Kadaver fallen und spüre, wie sich mein Hintern an den Sitz anschmiegt. Dann stütze ich den Kopf in die Hände und atme aus beim – na ja, ihr wisst schon – Pissen. Ich geb mir immer Mühe, das zu genießen, genau zu spüren, wie es rauskommt und mir klarzumachen, dass mein Körper das tut, weil er es tun muss, genauso wie essen, obwohl das nicht meine Stärke ist. Ich vergrabe das Gesicht in den Händen und wünsche mir, es könnte ewig weiterlaufen. Es fühlt sich so gut an! Man macht es und dann ist es getan. Man braucht sich dafür nicht anzustrengen und nichts zu planen. Man verschiebt es nicht auf später. Das wäre ja auch richtig verkorkst. Wenn man solche Probleme hätte, meine ich, dass man nicht pissen könnte. Wie magersüchtig, bloß halt bei Urin. Wenn man das zurückhielte, um sich selber zu bestrafen. Ob das jemand tut?

Ich werd fertig und spüle, greife hinter mich, mein Kopf ist noch gesenkt. Dann stehe ich auf und mach das Licht wieder an. (Ob die gemerkt haben, dass ich im Dunkeln hier drin war? Ob denen aufgefallen ist, dass kein Licht durch den Türspalt kam? Ob Nia es gemerkt hat?) Dann schau ich in den Spiegel.

Ich seh so normal aus. Ich seh aus, wie ich immer ausgesehen habe, nicht anders als voriges Jahr im Herbst. Dunkles Haar, dunkle Augen, ein schiefer Zahn. Dichte Augenbrauen, die in der Mitte zusammenwachsen. Lange Nase, irgendwie schief. Pupillen, die von Natur aus groß sind – nicht vom Kiffen – und, ins Dunkelbraun übergehend, zwei tellergroße Augen entstehen lassen, richtige Löcher. Haarbüschel über der Oberlippe. Das ist Craig.

Außerdem sehe ich immer aus, als würde ich jeden Moment anfangen zu heulen.

Ich dreh das warme Wasser auf und klatsche es mir ins Gesicht, um was zu fühlen. In ein paar Sekunden muss ich wieder zurück und der Meute gegenübertreten. Dabei könnte ich doch noch ein bisschen im Dunkeln auf der Toilette sitzen bleiben, oder? Ich schaff es immer, dass ein Gang aufs Klo fünf Minuten dauert.

zwei

»Wie geht es Ihnen?«, fragt Dr. Minerva.

In ihrem Behandlungszimmer steht ein Bücherregal wie bei allen Seelenklempnern. Ich wollte eigentlich nicht Seelenklempner sagen, aber jetzt, wo ich schon so viele hinter mir habe, fühle ich mich doch dazu berechtigt. Es ist ein Erwachsenenwort und respektlos, und ich bin ja selbst schon fast ganz erwachsen und respektlos, also was soll’s.

Jedenfalls steht bei ihr wie überall in den Zimmern der Seelenklempner lauter Fachlektüre im Bücherregal. Zuerst mal das DSM, das Diagnostic and Statistical Manual, in dem alle bekannten psychischen Störungen verzeichnet sind – macht Spaß, das zu lesen. Ganz schön dicke Schwarte. Richtig viel von dem, was da drinsteht, hab ich nicht – bloß eine große Sache. Aber durch das Blättern weiß ich Bescheid. Stehen tolle Sachen da drin. Es gibt eine Krankheit namens Undine-Syndrom, da verliert der Körper die Fähigkeit, unwillkürlich zu atmen. Wenn man sich das vorstellt! Man muss dauernd »atme, atme!« denken, sonst hört man auf damit. Die meisten, die das kriegen, sterben daran.

Wenn die Frau Doktor Format hat, hat sie (denn meistens ist es eine Frau und kein Herr Doktor) einen ganzen Haufen DSMs da rumstehen, die gibt es nämlich in verschiedenen Ausgaben – III, IV und V sind die gebräuchlichsten. Ein DSM II wird man wohl nicht finden. Das kam 1963 oder so raus. Es dauert um die zehn Jahre, ein neues rauszubringen, jetzt arbeiten sie an Ausgabe VI.

Du meine Güte, ich könne selber Seelenklempner sein.

Zusätzlich zu den DSMs steht da ein ganzes Sortiment von Fachbüchern über psychiatrische Störungen, Bücher wie das Arbeitsbuch Wege aus der Depression, Angst & Panikattacken: Ursachen und Heilung oder Gewohnheiten von Hocheffektiven. Immer gebundene Ausgaben. Taschenbücher kommen in das Behandlungszimmer eines Seelenklempners nicht rein. Gewöhnlich findet sich auch ein Buch über Kindesmisshandlung, Ins Herz getroffen zum Beispiel. Einmal hat mich eine Ärztin dabei erwischt, wie ich mir das angesehen hab, und gleich gesagt: »In dem Buch geht es um Kindesmisshandlung.«

Und ich nur: »Hm-hm.«

Darauf sie: »Das ist für Menschen, die eine Missbraucherfahrung haben.«

Und ich bloß genickt.

»Haben Sie eine?«

Diese eine Ärztin hatte so ein verhutzeltes Altfrauengesicht und einen Schopf weißer Haare – ich bin nie wieder hingegangen. Was für eine Frage sollte das denn sein? Natürlich bin ich nicht missbraucht worden. Wenn, dann wäre ja alles so einfach. Dann hätte ich einen Grund dafür, mich bei Seelenklempnern rumzudrücken. Dann hätte ich eine Rechtfertigung und etwas, woran ich arbeiten könnte. Aber so was Ordentliches und Klares würde mir die Welt nie schenken.

»Mir geht’s gut. Na ja, nicht gut – ich bin schließlich hier.«

»Ist damit irgendwas nicht in Ordnung?«

»Absolut nicht.«

»Sie kommen doch schon eine ganze Weile.«

Dr. Minerva trägt immer so erstaunliche Sachen. Nicht dass sie besonders sexy oder hübsch wäre, sie macht sich nur gut zurecht. Heute hat sie einen roten Pullover an und dazu einen roten Lippenstift in genau demselben Rot. Als ob sie in ein Farbengeschäft gegangen wäre, um alles abzustimmen.

»Ich möchte nicht hierher kommen müssen.«

»Na ja, Sie machen einen Prozess durch. Wie fühlen Sie sich?«

Sie gibt mir das Stichwort. Die Seelenklempner haben immer so eine Stichwortfrage. Ich hab schon welche gehabt, die sagten: »Na, wie ist es?«, oder: »Wie geht es uns?«, oder sogar: »Was passiert in Craigs Welt?« Das ändert sich nie. Es ist wie ihre Kennmelodie.

»Ich bin heute nicht gut aufgewacht.«

»Haben Sie gut geschlafen?«

»Das Schlafen war okay.«

Sie guckt vollkommen versteinert, sieht stur geradeaus. Ich begreif nicht, wie die das hinkriegen, dieses Psychologen-Pokerface. Psychologen sollten Poker spielen. Vielleicht machen sie das ja auch. Vielleicht sind sie diejenigen, die das ganze Geld im Fernsehen gewinnen. Und dann besitzen sie auch noch die Frechheit, meiner Mom hundertzwanzig Dollar pro Stunde abzuknöpfen. Sie kriegen den Hals nicht voll.

»Was ist passiert, als Sie aufgewacht sind?«

»Ich hatte einen Traum. Ich weiß nicht, was es für einer war, aber als ich aufgewacht bin, hab ich gemerkt – ich bin wach! Schrecklich war das. Das hat mich wie ein Tritt in den Unterleib getroffen.«

»Wie ein Tritt in den Unterleib, verstehe.«

»Ich wollte nicht aufwachen. Mit dem Schlafen ging es mir viel besser. Und das ist echt traurig. Es war fast wie ein Albtraum andersrum, denn wenn man aus einem Albtraum aufwacht, ist man doch total erleichtert. Ich bin aber in einen Albtraum hinein erwacht.«

»Und was ist dieser Albtraum, Craig?«

»Das Leben.«

»Das Leben ist ein Albtraum.«

»Ja.«

Wir halten inne. Wohl ein kosmischer Moment. Ohhh, ist das Leben wirklich ein Albtraum? Wir brauchen zehn Sekunden, um darüber nachzudenken.

»Was haben Sie gemacht, als Sie merkten, dass Sie wach sind?«

»Ich hab im Bett gelegen.« Da waren noch mehr Dinge, die ich ihr sagen musste, Dinge, die ich zurückhielt: wie die Tatsache, dass ich heute Morgen im Bett Hunger hatte. Ich hatte gestern Abend nichts gegessen. Von den Hausaufgaben erschöpft, bin ich ins Bett gegangen, und kaum dass ich auf dem Kissen lag, wusste ich, dass ich am Morgen dafür würde büßen müssen, dass ich also richtig Hunger haben würde beim Aufwachen, dass ich die Grenze überschreiten würde, wo mein Magen so dringend etwas braucht, dass ich nichts essen kann. Ich bin aufgewacht, und mein Magen hat geschrien, war unter meiner schmächtigen Brust ganz ausgehöhlt. Ich wollte nichts essen. Beim bloßen Gedanken ans Essen hat es noch mehr wehgetan. Mir ist nichts eingefallen – kein einziges Nahrungsmittel –, mit dem ich klarkommen würde, außer Mocca-Joghurt. Und gerade den Mocca-Joghurt hatte ich so satt.

Ich hab mich auf den Bauch gedreht und die Fäuste geballt und mir auf den Unterleib gepresst, als würde ich beten. Mit den Fäusten hab ich meinen Magen zusammengequetscht und zu dem Irrglauben verleitet, er wäre gefüllt. So hab ich eine Weile gelegen, warm, meine Gedanken sind gekreist, die Sekunden verstrichen. Nur der pure Drang, das eine, auf das ich mich immer verlassen kann, hat mich fünfzig Minuten später aus dem Bett gebracht.

»Ich bin aufgestanden, als ich pissen musste.«

»Aha.«

»Es war toll.«

»Sie urinieren gern. Das haben Sie schon erwähnt.«

»Ja. Es ist so einfach.«

»Sie mögen es einfach.«

»Geht das nicht allen so?«

»Manche Menschen blühen bei kniffligen Dingen richtig auf, Craig.«

»Na ja, ich nicht. Als ich hierher gekommen bin, dachte ich ... ich hab so eine Phantasie, da bin ich Fahrradkurier.«

»Ah.«

»Das wäre so einfach und direkt, und ich würde sogar dafür bezahlt werden. Es wäre ein Anker.«

»Und die Schule, Craig? Sie haben doch die Schule als Anker.«

»Die Schule breitet sich zu sehr aus, die zerteilt sich in tausend unterschiedliche Dinge.«

»Ihre Tentakel.«

Das muss ich ihr lassen: Dr. Minerva hat sich ziemlich schnell in meine Ausdrucksweise eingefuchst. Tentakel ist mein Wort – die Tentakel sind die grässlichen Aufgaben, die in mein Leben eingreifen. Zum Beispiel letzte Woche die Stunde in amerikanischer Geschichte, in der ich einen Aufsatz über die Waffen im Unabhängigkeitskrieg schreiben sollte, wodurch ich genötigt war, zum Metropolitan Museum zu fahren und mich über einige der alten Waffen zu informieren, wodurch ich genötigt war, mit der U-Bahn zu fahren, wodurch ich genötigt war, eine Dreiviertelstunde ohne Handy und E-Mail auszukommen, was zur Folge hatte, dass ich nicht auf eine Rundmail meines Lehrers antworten konnte, der wissen wollte, wer Zusatzpunkte brauchte, was zur Folge hatte, dass andere sich die Zusatzpunkte schnappten, was zur Folge haben würde, dass ich keine 98 Punkte für den Kurs bekäme, was zur Folge haben würde, dass ich nicht mal annähernd einen Durchschnitt von 98,6 erreichen würde (kurz vorm Kochen, diese Temperatur musste man erreichen), was zur Folge haben würde, dass ich an kein gutes College käme, was zur Folge haben würde, dass ich keinen guten Job fände, was zur Folge haben würde, dass ich keine Krankenversicherung dabei hätte, was zur Folge haben würde, dass ich Unsummen für die Seelenklempner und Medikamente würde bezahlen müssen, die ich mit meinem Kopf brauchte, was zur Folge haben würde, dass ich nicht genug Geld hätte, um ein gutes Leben zu finanzieren, was zur Folge haben würde, dass ich mich schämte, was zur Folge haben würde, dass ich depressiv würde. Und das war der Oberhammer, denn ich wusste ja, was das bei mir bewirkte: Ich würde nicht aus dem Bett aufstehen, und dann käme es zum Allerschlimmsten – ich würde obdachlos werden. Wenn man lange genug nicht aus den Bett kommt, kommen welche und nehmen einem das Bett weg.

Das Gegenstück zu den Tentakeln sind die Anker. Die Anker sind Dinge, die mein Denken beschäftigen und durch die ich mich vorübergehend wohlfühle. Mit dem Fahrrad zu fahren ist ein Anker. Lernkärtchen machen ist ein Anker. Andern zuzusehen, wie sie bei Aaron Videospiele spielen, ist ein Anker. Die Antworten sind einfach und folgerichtig. Ich brauche nichts zu entscheiden. Es gibt keine Tentakel. Es gibt nur einen Haufen Aufgaben, die man in Angriff nimmt. Man braucht sich nicht mit anderen Leuten abzugeben.

»Was tun Sie, um einfach bloß faul zu sein, Craig?«

»Ich lieg tagtäglich mindestens eine Stunde sinnlos im Bett. Dann vertrödel ich Zeit, indem ich hin und her laufe. Ich vertrödel Zeit mit Nachdenken. Damit, dass ich den Mund halte und nichts sage, weil ich Angst hab, ich könnte stottern.«

»Haben Sie Probleme mit dem Stottern?«

»Wenn ich deprimiert bin, kommt es nicht richtig raus. Dann hör ich mitten im Satz auf.«

»Verstehe.« Sie schreibt was auf ihren Notizblock. Craig, das kommt in deine Patientenakte.

»Das mit dem Rad«, sage ich und schüttele den Kopf, »das ist nicht – «

»Was? Was wollten Sie gerade sagen?« Auch so ein Trick, den die Seelenklempner auf Lager haben. Sie lassen nicht zu, dass man mitten im Satz aufhört. Man braucht bloß den Mund aufzumachen, schon wollen Sie ganz genau wissen, was man sagen wollte. Zu den tiefsten Wahrheiten über uns gehört genau das, wo wir mittendrin beim Reden abbrechen; da sind sie sich alle einig, aber ich glaube, das sagen sie nur, damit wir uns bedeutend vorkommen. Eins steht mal fest: Es gibt sonst niemanden in meinem Leben, der sagt: »Moment, Craig, was wolltest du gerade sagen?«

»Ich wollte sagen, ich glaub, das Stottern ist kein ernstes Problem. Das ist nur eins meiner Symptome.«

»Wie das Schwitzen.«

»Genau.« Das Schwitzen ist grässlich. Es ist zwar nicht so schlimm wie das Nicht-Essen, aber es ist verrückt – kalter Schweiß, auf der ganzen Stirn, den ich alle zwei Minuten abwischen muss und der wie Hautkonzentrat riecht. Andere registrieren das. Es gehört zu den wenigen Dingen, die anderen auffallen.

»Jetzt stottern Sie nicht.«

»Das hier wird ja auch bezahlt. Ich möchte die Zeit nicht vergeuden.«

Schweigen. Jetzt führen wir einen unserer stillen Kämpfe: Ich sehe Dr. Minerva an und sie sieht mich an. Es ist ein Wettkampf, wer zuerst klein beigibt. Sie zieht ihr Pokerface; ich hab kein Extragesicht, das ich ziehen könnte, bloß das normale Craig-Gesicht.

Unsere Blicke treffen sich. Ich warte darauf, dass sie etwas Tiefsinniges sagt – das mach ich immer, obwohl es nie eintritt. Ich warte darauf, dass sie »Craig, Sie müssen das und das tun« sagt und dass es dann die Wende gibt. Ich wünsch mir diese Wende so dringend. Ich möchte, dass mein Denken wieder dort einrastet, wo es hingehört, und an Ort und Stelle bleibt, wie bis zum vorigen Jahr im Herbst. Damals war ich noch jung und witzig, und meine Lehrer sagten, ich ließe Unglaubliches erwarten. Und ich hab im Unterricht den Mund aufgemacht, weil ich die Welt so aufregend fand und so Kluges darüber zu sagen hatte. Ich wünsch mir die Wende so sehr. Ich warte auf den Satz, der sie auslöst. Das wird dann wie ein richtiges Wunder in meinem Leben sein. Aber kann Dr. Minerva Wunder bewirken? Nein. Sie ist eine dünne, sonnengebräunte Frau aus Griechenland, mit rotem Lippenstift.

Sie bricht das Schweigen als Erste.

»Zu Ihrem Radfahren, Sie haben gesagt, Sie wären gern Fahrradkurier.«

»Ja.«

»Sie haben schon ein Fahrrad, stimmt’s?«

»Ja.«

»Und Sie fahren oft?«

»So viel nun auch wieder nicht. Mom erlaubt mir nicht, damit zur Schule zu fahren. Aber am Wochenende fahr ich in Brooklyn rum.«

»Wie fühlt es sich an, wenn Sie auf Ihrem Fahrrad herumfahren, Craig?«

Ich überlege kurz. »... Geometrisch.«

»Geometrisch.«

»Ja. Du musst diesem Truck ausweichen und so. Diese Metallrohre nicht an den Kopf kriegen. Bieg rechts ab. Es gibt festgelegte Regeln, und an die hält man sich.«

»Wie bei einem Videospiel.«

»Klar. Ich mag Videospiele. Allein das Zusehen. Schon als Kind.«

»Und dazu sagen Sie ja oft: damals, als Sie noch glücklich waren.«

»Genau.« Ich streiche mein Hemd glatt. Ich achte auch für diese kleinen Treffen auf mein Äußeres. Eine gute Khakihose und ein weißes Anzughemd. Wir brezeln uns beide auf, jeder für den anderen. Eigentlich sollten wir zusammen einen Kaffee trinken gehen und einen Skandal anzetteln – die griechische Therapeutin und ihr Freund, der Junge von der Highschool. Wir könnten berühmt sein. Das würde mir Geld einbringen und mich glücklich machen.

»Erinnern Sie sich an Dinge, die Sie glücklich gemacht haben?«

»Die Videospiele.« Ich muss lachen.

»Was ist so komisch?«

»Vorgestern bin ich bei mir die Straße langgegangen, und hinter mir ging eine Mutter mit ihrem Kind. Die Mutter sagte: ›Also Timmy, darüber möchte ich keine Klagen von dir hören. Du kannst nicht den ganzen Tag lang PlayStation spielen.‹ Und Timmy: ›Ich will aber!‹ Da hab ich mich rumgedreht und zu ihm gesagt: ›Ich auch.‹«

»Sie wollen den ganzen Tag lang PlayStation spielen?«

»Oder zusehen. Ich will einfach nicht ich sein. Egal ob beim Schlafen oder beim Videospielen oder beim Radfahren oder beim Lernen. Ich will meine Gedanken los sein. Darauf kommt es an.«

»Sie haben sehr klare Vorstellungen von dem, was Sie wollen.«

»Ja.«

»Was wollten Sie als Kind? Damals, als Sie glücklich waren. Was wollten Sie werden, wenn Sie erst mal groß sind?«

Dr. Minerva ist eine gute Ärztin, glaub ich. Das ist zwar nicht die Antwort, aber es war eine verdammt gute Frage. Was wollte ich werden, wenn ich erst mal groß bin?

drei

Als ich vier war, lief es so:

Unsere Familie wohnte in einer schäbigen Wohnung in Manhattan. Zu der Zeit wusste ich nicht, dass sie schäbig war, ich kannte noch keine andere Wohnungen, mit denen ich sie hätte vergleichen können. Die Rohrleitungen waren über Putz verlegt. Das ist nicht gut. Man möchte sein Kind nicht in einem Haus großziehen, in dem die Rohre über Putz liegen. Ich weiß noch: Da gab es ein grünes Rohr und ein rotes und ein weißes, und die liefen an der Ecke im Flur zusammen, direkt vor dem Bad, und sobald ich laufen konnte, hab ich mir die alle genau angesehen. Ich bin hingetippelt und hab die Hände so mit zwei Millimeter Abstand davor gehalten, um zu testen, ob sie heiß oder kalt waren. Eines war kalt, eines warm, und das rote war richtig heiß. Zwei Millimeter waren nicht genug. Ich hab mich daran verbrannt, und Dad, der das nicht gemerkt hatte (»Es soll eigentlich nur nachmittags heiß werden«), hat mit Klebeband dunkelbraunes Schaumzeug drumgeklebt, aber Klebeband hat mich noch nie aufgehalten. Und an dem Schaumstoff zu zerren und darauf rumzukauen hat Spaß gemacht, da hab ich ihn abgerissen und drauf rumgekaut, und als dann andere Kinder zu uns kamen, hab ich sie angestachelt, das wieder freigelegte Rohr anzufassen. Ich hab behauptet, jeder, der dort reinkommt, müsse das Rohr anfassen, sonst wäre er ein Waschlappen, ein Wort, das Dad aus dem Fernsehen hatte. Ich fand es toll, denn es hatte zwei Bedeutungen: einmal das Ding zum Waschen, das im Bad am Haken hing, und dann das, womit man Leute dazu brachte, etwas Bestimmtes zu tun. Genau wie Huhn, das hatte auch zwei Bedeutungen: der Vogel, der herumlief, und das weiße Zeug, das man aß. Manche fassten das heiße Rohr aber auch an, wenn man dummes Huhn zu ihnen sagte.

Ich hatte ein eigenes Zimmer, war darin aber nicht gern allein. Der einzige Raum, in dem ich mich gern aufhielt, war das Wohnzimmer, und zwar unter dem Tisch, auf dem all die Enzyklopädien lagen. Ich baute mir eine kleine Höhle, zog eine Decke über mich und arbeitete darin mit einer Lampe, die Daddy mir gebastelt hatte. Ich beschäftigte mich mit Landkarten. Landkarten hatte ich sehr gern. Ich wusste, dass wir in Manhattan wohnen, und besaß auch eine Straßenkarte davon, einen Atlas von Hagstrom, der alle fünf Boroughs verzeichnete mit all den jeweiligen Straßen. Ich konnte auf der Karte ganz genau zeigen, wo wir wohnten: an der Ecke 53rd Street und 3rd Avenue. Die Third Avenue war eine gelbe Straße, weil es eine Avenue war, breit und lang und wichtig. Die Fifty-Third Street war eine kleine weiße Straße und zog sich quer durch Manhattan. Straßen verliefen quer, Avenues nach oben und nach unten; mehr brauchte man sich nicht zu merken. (Dad half mir auch beim Einprägen, wenn wir rausgingen und uns Pfannkuchen holten. »Möchtest du deine in Streets und Avenues geschnitten haben, Craig?«, hat er mich immer gefragt. Und ich immer: »Ja!«. Und er hat ein Gitter in den Stapel Pfannkuchen geschnitten, und unterwegs haben wir jede Straße und jede Avenue aufgezählt und aufgepasst, dass wir auch ja zur Ecke 3rd Ave. und 53rd Street kamen.) Das war ganz einfach. Und wenn man schon richtig weit war (so wie ich, hm-hm), wusste man, dass die geraden Straßen Einbahnstraßen nach Osten und die ungeraden Einbahnstraßen nach Westen waren. Und alle paar Straßen kamen dicke gelbe dazwischen, so wie die Avenues zum Beispiel, die in beiden Richtungen befahrbar waren. Das waren die berühmten Straßen: die 42nd Street, die 34th Street. Von unten nach oben lautete die komplette Liste: Chambers St., Canal St., Houston St., 14th St., 23rd St., 34th St., 42nd St., 57th St., 72nd St. (in den 60ern gab es keine breiten Straßen; die wurden übergangen), 79th St., 86th St., 96th St., und dann war man in Harlem, wo Manhattan endgültig zu Ende war, jedenfalls für kleine Jungs, die sich unter Enzyklopädien Höhlen bauten und Landkarten ansahen.

Ich hatte die Manhattan-Karte kaum gesehen, da wollte ich sie schon zeichnen. Ich sollte doch wenigstens in der Lage sein, die Stadt zu zeichnen, in der ich wohnte. Deshalb fragte ich Mom nach Pauspapier, sie kaufte mir auch welches, ich nahm es in meine Höhle mit und fing gleich mit der ersten Karte aus dem Hagstrom-Atlas an – mit Downtown, wo die Wall Street und die Börse lagen. Und richtete meine Lampe darauf. Die Straßen hier unten waren der reine Wahnsinn, die waren gar nicht in Straßen und Avenues geordnet, hatten bloß Namen und sahen aus wie Mikadostäbchen. Doch bevor ich überhaupt an die Straßen denken konnte, musste ich erst mal das Land richtig hinkriegen. Manhattan war im Grunde ja auf Land gebaut. Wenn irgendwie Straßen aufgerissen wurden, sah man’s unter dem Belag – richtige Erde! Und das Land beschrieb unten an der Spitze der Insel einen bestimmten Bogen, gekrümmt wie ein Dinosaurierkopf, rechts hucklig und links gerade, ein majestätisch geschwungenes unteres Ende.

Ich drückte mein Pauspapier nach unten und versuchte die Linie des unteren Manhattan nachzuziehen.

Ich schaffte es nicht.

Ich meine: es war lächerlich. Meine Linie hatte mit der echten nichts zu tun. Ich verstand das nicht – ich hielt das Pauspapier doch fest. Ich sah auf meine kleine Hand. »Halt still«, sagte ich zu ihr, knüllte das Papier zusammen und probierte es noch einmal.

Die Linie stimmte wieder nicht. Ihr fehlte der Schwung.

Ich zerknüllte das Papier und probierte es zum dritten Mal.

Diese Linie war sogar noch schlimmer als die vorherige. Manhattan sah kantig aus.

Ich probierte es wieder.

Oh Mann, jetzt sah es aus wie eine Ente.

Knüll.

Jetzt sah es aus wie ein Haufen Scheiße, noch ein Ausdruck, den ich von Dad aufgeschnappt hatte.

Knüll.

Jetzt sah es aus wie eine Birne.

Es sah aus wie alles andere, bloß nicht so, wie es aussehen sollte: wie Manhattan. Ich bekam es nicht hin. Mir war nicht klargewesen, dass man, um etwas durchzupausen, einen Zeichentisch haben sollte, von unten beleuchtet, und dazu Klemmen, die das Papier hielten, statt der zitternden Hand eines Vierjährigen, und deshalb hielt ich mich für einen Versager. Im Fernsehen sagten sie immer, man könne alles, was man wolle, und jetzt versuchte ich etwas und kriegte es nicht hin. Ich würde es nie schaffen. Ich knüllte den letzten Bogen Pauspapier zusammen und fing in meiner Höhle an zu schluchzen, den Kopf in die Hände gestützt.

Mom hörte mich.

»Craig?«

»Was ist? Geh weg!«

»Was hast du denn, Liebling?«

»Mach ja nicht den Vorhang auf! Lass zu! Ich hab hier Sachen drunter.«

»Warum weinst du denn? Was ist los?«

»Ich kann es nicht.«

»Was denn?«

»Nichts!«

»Sag’s Mami, komm schon. Ich zieh das Laken hoch –«

»Nein!«

Ich sprang ihr ins Gesicht, als sie das Bettlaken so zur Seite zog, dass die Bücher ins Rutschen gerieten. Mom warf die Arme hoch und hielt die Bücher auf, rettete uns beide davor, sie über den Kopf zu kriegen. (Eine Woche später ließ sie Dad die Enzyklopädien an einen anderen Platz räumen.) Da sie die Hände voll hatte, rannte ich – tränenüberströmt, wie ich war – durchs Zimmer, wollte ins Bad und mich dort bei ausgeschaltetem Licht aufs Klo setzen und mir warmes Wasser ins Gesicht spritzen. Aber Mom war zu schnell. Sie schob die dicken Bücher auf den Tisch zurück, fing mich im Rennen auf und hob mich mit ihren dünnen Armen, an deren Ellbogen man die Haut vom Knochen abziehen konnte, hoch. Ich trommelte mit den flachen Händen auf sie ein.

»Craig! Wir schlagen Mami nicht!«

»Ich kann es nicht, ich kann es nicht, ich kann es nicht!« Ich schlug sie.

»Was denn nicht?« Sie drückte mich so fest an sich, dass ich die Arme nicht mehr bewegen konnte. »Was kannst du nicht?«

»Ich kann Manhattan nicht zeichnen!«

»Huch?« Mom schob den Kopf nach hinten und wandte mir ihr Gesicht zu. »Das hast du da unten probiert?«

Ich nickte schniefend.

»Du wolltest Manhattan zeichnen? Mit dem Pauspapier, das ich dir mitgebracht habe?«

»Ich kann es nicht.«

»Craig, das kann niemand.« Sie lachte. »Das einfach so freihändig zu zeichnen, das kannst du nicht können. Das ist unmöglich.«

»Wie zeichnen die denn dann die Landkarten?«

Mom verstummte.

»Siehst du? Siehst du? Irgendjemand kann es doch.«

»Die haben auch Geräte dafür, Craig. Das sind Erwachsene, und sie haben spezielle Werkzeuge, die sie dafür verwenden.«

»Dann brauch ich eben diese Werkzeuge.«

»Craig.«

»Kaufen wir welche!«

»Liebling.«

»Kosten die viel Geld?«

»Liebling.«

Mom setzte mich auf das Sofa, das sich nachts für sie und Dad in ein Bett verwandelte, und setzte sich neben mich. Ich weinte nicht mehr. Ich schlug nicht mehr um mich. Damals war mit meinem Kopf noch alles in Ordnung, ich landete nicht dauernd auf irgendwelchen toten Gleisen.

»Craig«, sagte sie seufzend und sah mich an. »Ich habe eine Idee. Anstatt die Manhattan-Karte nachzuzeichnen könntest du doch versuchen, eigene Karten zu machen, von Plätzen, die du dir selber ausdenkst

Näher bin ich einer Epiphanie bisher noch nicht gewesen.

Ich konnte mir eine eigene Stadt machen. Konnte meine eigenen Straßen nutzen. Konnte einen Fluss da hinzeichnen, wo ich ihn haben wollte. Konnte den Ozean da hinzeichnen, wo ich ihn haben wollte. Die Brücken genauso – wo ich wollte, und ich konnte einen großen Highway mitten durch die Stadt zeichnen, wie Manhattan einen haben sollte, aber nicht hatte. Ich konnte mir ein eigenes U-Bahnnetz ausdenken. Konnte Straßennamen so erfinden, wie ich wollte. Ich konnte mein eigenes Straßengitter haben, das sich bis zu den Rändern der Karte erstreckte. Ich lächelte und umarmte Mom.

Sie besorgte mir dicken Zeichenkarton – weißes Zeichenpapier. Als ich größer wurde, nahm ich dann lieber einfaches weißes Computerpapier. Ich kroch wieder in meine Höhle, schaltete das Licht an und begann mit meiner ersten Karte. Und das tat ich die nächsten fünf Jahre lang – in der Schule hab ich nie irgendwie herumgekritzelt, sondern immer Karten gezeichnet. Und zwar Hunderte. Wenn ich eine fertig hatte, zerknüllte ich sie; ich hatte sie gezeichnet, darauf kam es an. Ich hab Städte im Ozean gemacht, Städte, in denen sich zwei Flüsse in der Mitte treffen, Städte mit einem breiten, gewundenen Fluss, Städte mit Brücken, mit verrückten Autobahnkreuzen, Kreisverkehren und Boulevards. Ich hab Städte erfunden. Das hat mich glücklich gemacht. Das war mein Anker. Und bis ich neun wurde und mit den Videospielen anfing, wollte ich das werden, wenn ich groß war: Kartograph.

vier

»Ich wollte Karten zeichnen«, sagte ich zu Dr. Minerva.

»Karten wovon?«

»Städten.«

»Am Computer?«

»Nein, von Hand.«

»Okay.«

»Ich glaube nicht, dass der Markt dafür sehr groß ist.« Ich lächle.

»Vielleicht nicht, vielleicht aber doch.«

Typisch Seelenklempner, diese Antwort.

»Mit einem Vielleicht kann ich nichts anfangen. Ich muss Geld verdienen.«

»Über Geld sprechen wir das nächste Mal. Wir müssen jetzt Schluss machen.«

Ich sehe auf die Uhr. 7:03. Sie gibt immer drei Bonusminuten.

»Was wirst du tun, wenn du hier wieder gehst, Craig?«

Das fragt sie jedes Mal. Was werde ich tun? Ich gehe heim und flippe aus. Ich setze mich mit meiner Familie hin und rede nicht über mich selbst und das, was schiefgelaufen ist, wenn ich es vermeiden kann. Ich werd versuchen, was zu essen. Dann werd ich versuchen, ein bisschen zu schlafen. In Bezug auf gutes Funktionieren kann ich nicht mit Glanzleistungen aufwarten.

He, Soldat, was ist?

Ich kann nicht schlafen und nicht essen, Sir!

Soll ich dich mit Blei vollpumpen, Soldat? Würde dich das motivieren?

Das kann ich nicht sagen, Sir. Vermutlich könnte ich immer noch nicht schlafen und nicht essen, hätte von dem Blei nur einen schwereren Kopf.

Los, hoch jetzt und kämpfen, Soldat! Der Feind ist da!

Der Feind ist zu stark. Ich kann ihn nicht bekämpfen. Der ist zu schlau.

Du bist auch schlau, Soldat.

Nicht schlau genug.

Du willst also einfach aufgeben?

Das ist der Plan.

»Ich werd einfach dranbleiben«, sage ich zu Dr. Minerva. »Mehr kann ich nicht machen. Ich bleibe dran und hoffe, dass es besser wird.«

»Nehmen Sie Ihre Tabletten?«

»Ja.«

»Nehmen Sie Ihre Termine bei Dr. Barney wahr?«

Dr. Barney ist der Psychopharmakologe. Er ist derjenige, der mir meine Medikamente verschreibt und mich zu Leuten wie Dr. Minerva schickt. Auf seine Art ist er selber wie ein Trip: ein kleiner, dicker Weihnachtsmann mit Ringen an den feisten Fingern.

»Ja, im Lauf der Woche.«

»Sie halten sich an seine Anweisungen.«

Ja, Doktor. Ich mach ja, was Sie sagen. Ich mach ja, was ihr alle sagt.

»Hier.« Ich reiche Dr. Minerva den Scheck von meiner Mutter.

fünf

Meine Familie hat es nicht verdient, sich mit mir herumplagen zu müssen. Sie sind gute Leute, solide, fröhlich. Wenn ich mit ihnen zusammen bin, denke ich manchmal, ich wär im Fernsehen.

Wir wohnen in einer Wohnung in Brooklyn – viel besser als die damals in Manhattan, aber immer noch nicht gut genug, nichts, auf das man stolz sein könnte. Brooklyn ist ein dicker, fetter Klecks mit einer hässlichen Form auf der gegenüberliegenden Seite von Manhattan. Es sieht aus wie Jabba the Hutt beim Geldzählen. Seine Brücken verbinden es mit Manhattan, es ist durchzogen von Kanälen und Bächen – dreckigen grünen Wasserstreifen, die einen daran erinnern, dass es früher mal ein Sumpf war. Bebaut ist es mit braunen Stein- und Kalksteinhäusern – hellen und dunklen, die dastehen wie Zaunpfähle und dauernd von Indianern renoviert werden, und alle sind verrückt auf diese Häuser und bezahlen Millionen von Dollar dafür, dass sie in einem wohnen können. Doch davon abgesehen macht Brooklyn nicht allzu viel her. Es ist eine Schande, dass wir aus Manhattan weggezogen sind, wo all die Leute wohnen, die wirklich was zu sagen haben.

Der Weg von Dr. Minervas Praxis bis zu unserer Wohnung ist nur kurz, aber wie zum Hohn voll von Läden. Lebensmittelläden. Das Essen ist der absolut schlimmste Teil am Deprimiertsein. Die Beziehung zum Essen ist eine der wichtigsten Beziehungen eines Menschen. Die Beziehung zu den Eltern ist wahrscheinlich nicht so wichtig als diese. Manche Menschen kennen ihre Eltern nicht mal. Und die persönliche Beziehung zur Luft – die ist der Schlüssel zu allem. Mit der Luft kann man nicht Schluss machen. Sie und du, ihr seid unlöslich verbunden. Nur etwas weniger wichtig ist Wasser. Und dann kommt schon Essen. Du kannst Essen nicht den Laufpass geben und dir was anderes suchen. Du musst eine Übereinkunft mit ihm treffen.

Ich hab die üblichen amerikanischen Gerichte nie gemocht: T-Bone-Steaks, gebratene Lammkeule und solche Sachen ... Ich mag sie immer noch nicht. Von Gemüse ganz zu schweigen. Ich mochte Essen, das in geometrischer Form existierte: Chicken Nuggets, Fruit Roll-Ups, Hotdogs. Ich mochte Fastfood. Ich konnte eine ganze Tüte Cheez Doodles vertilgen; das Zeug war mir so tief in die Haut eingezogen, dass ich es den ganzen Tag überall an mir schmeckte. Darum lief es so gut mit mir und dem Essen. Ich dachte daran, wie es jeder tut: wenn man Hunger hat, isst man was.

Dann passierte das im letzten Herbst und ich hörte auf zu essen.

Jetzt werde ich von diesen Lebensmittelläden verhöhnt, diesen Pizzabuden, Eisdielen, Delis, China-Imbissen, Bäckereien, Sushi-Theken, McDonald’s. Die hocken da in den Straßen und strecken mir entgegen, woran ich keine Freude habe. Mein Magen muss geschrumpft sein oder so; er kann nicht mehr so viel aufnehmen, und wenn ich eine bestimmte Menge hineinzwängen will, lehnt er alles ab und schickt mich ins Bad, wo ich im Dunkeln alles wieder von mir geben muss. Es ist wie ein Nagen, ein Zerren an einem Seil, das ums Ende meiner Speiseröhre gewickelt ist. Da unten sitzt ein kleiner Mann, der was zu essen will, aber darum bitten kann er nur, indem er an dem Seil zerrt. Wenn er das aber tut, schließt es den Mageneingang ab, und ich kann nichts reingeben. Wenn er bloß lockerlassen, das Seil loslassen würde, dann könnte ich ihm alles zu essen geben, was er haben will. Aber er sitzt da unten und macht mich benommen und müde, und wenn ich an Restaurants vorbeikomme, wo es nach Öl und Bratfett riecht, zieht er noch mal extra.

Wenn ich etwas esse, läuft es auf eins von beidem hinaus: Kampf oder Gemetzel. Wenn ich böse bin – wenn meine Gedanken wie wild kreisen –, wird es ein Kampf. Jeder Bissen tut weh. Mein Magen will nichts damit zu tun haben. Alles ist erzwungen. Das Essen möchte auf dem Teller bleiben, und wenn ich es erst mal in mir habe, will es auf den Teller zurück. Die Leute sehen mich seltsam an. Was hast du denn, Craig, warum isst du nicht?

Aber dann gibt es Momente, da passt es. Die Wende ist noch nicht da, vielleicht kommt sie auch nie, und manchmal – eben oft genug, dass ich die Hoffnung nicht verliere – schwirren meine Gedanken dahin zurück, wo sie hingehören. Wenn ich das spüre (ich sage Falsche Wende dazu), müsste ich eigentlich immer etwas essen, tu es aber nicht, sondern will, eigensinnig und dämlich, wie ich bin, nur das Gefühl festhalten und Dinge erledigen, solange mein Gehirn ordentlich arbeitet, und achte nicht aufs Essen und bin dann natürlich wieder genau da, wo ich angefangen habe. Aber wenn ich in der Nähe von Essen auf einmal wieder okay bin, dann – Vorsicht! Dann schlinge ich alles in mich rein: Eier und Hamburger und Fritten und Eiskrem und Marmelade und Cornflakes und Kekse, sogar Brokkoli – und Nudeln und Sauce. Verflucht, ich ess euch alle auf ! Ich bin Craig Gilner, und von euch werde ich groß und stark. Keine Ahnung, wann die Chemie meines Körpers das nächste Mal so auf Zack ist, dass ich was essen kann, und deshalb putz ich jetzt alles weg.

Und das fühlt sich so klasse an. Ich esse alles, und der Mann hat sein Seil losgelassen. Er ist da unten schwer damit beschäftigt, alles zu essen, was reingefallen kommt, rennt rum wie ein Huhn mit abgehacktem Kopf, und der Kopf liegt schon am Boden und mampft auch so vor sich hin. Und meine Zellen nehmen die Nahrung auf und finden das so gut und lieben meinen Kopf dafür, dass er es zulässt, und ich lächle und bin pappsatt. Ich bin pappsatt, funktioniere und kann alles machen, und wenn ich erst mal esse – das ist ja das Erstaunliche –, wenn ich esse, schlafe ich auch, ich schlafe, wie es sein sollte, wie ein Jäger, der gerade seine Beute nach Hause gebracht hat ... aber dann wache ich auf, und der Mann ist wieder da, mein Magen hat sich verkrampft, und ich weiß nicht, wie es dazu kam, dass ich ein Essen erlebt habe, das wie ein Gemetzel war. Das kommt nicht vom Pot. Auch nicht von den Mädchen. Und nicht von meiner Familie. Ich glaub allmählich, dass das eine rein chemische Angelegenheit ist, und falls das stimmt, suchen wir nur danach, was die Wende bewirkt, und haben es noch nicht gefunden.

sechs

Der Abend bricht herein, am Himmel ist nur noch ein dünner grauer Streifen, die Bäume triefen vor Regen, und der Niesel fällt auf mich, während ich unser Haus erreiche. Regenbogen im Frühling – Fehlanzeige. Ich beuge mich vor und drücke auf die Klingel, die vom jahrelangen Gebrauch bronzene Streifen hat – es ist die am häufigsten gedrückte Klingel im ganzen Haus.

»Craig?«

»Hi, Mom.«

Brrrr. Ein tiefes Brummen, vom Hausflur verstärkt. (Hausflur – von wegen! Eher ein Postraum, bloß ein Kabuff für die Briefkästen.) Ich stoße eine Tür auf, dann die andere. Im Haus ist es warm und es riecht nach gekochter Stärke. Die Hunde empfangen mich.

»Hi, Rudy. Hi, Jordan.« Sie sind noch klein. Die Namen hat ihnen meine Schwester gegeben; sie ist neun. Rudy ist eine Promenadenmischung; mein Vater meint, eine Kreuzung aus Chihuahua und deutschem Schäferhund, was bestimmt ein toller Hundesex war. Ich hoffe, der deutsche Schäferhund war das Männchen. Denn sonst hat das Schäferhundweibchen womöglich nicht viel davon gehabt. Rudy hat einen ausgeprägten Unterbiss; er sieht wie zwei Hunde auf einmal aus, von denen der eine von unten den Kopf des anderen anfrisst, aber wenn ich ihn ausführe, gefällt er den Mädchen, und sie sprechen mich an. Doch dann merken sie, dass ich noch jung und/oder total verkorkst bin, und sie gehen weiter.

Jordan, ein Tibet-Spaniel, sieht wie ein kleiner brauner Löwe aus. Er ist klein und süß, aber völlig verrückt. Seine Rasse wurde in Tibet gezüchtet: als Wachhunde für Klöster. Als er zu uns kam, hat er sich darauf fixiert, unser Zuhause sei auch ein Kloster und das Badezimmer die heiligste Zelle darin. Meine Mutter ist für ihn die Äbtissin. Man kann sich ihr nicht nähern, ohne dass Jordan sie gleich beschützt. Wenn sie morgens im Bad ist, muss Jordan mit ihr zusammen da drin sein, er sitzt auf dem Bord neben dem Waschbecken, während sie sich die Zähne putzt.

Jordan bellt mich an. Seit ich durchgedreht bin, bellt er mich an. Aber das bringt keiner von uns zur Sprache.

»Craig, wie war’s bei Dr. Minerva?« Mom kommt aus der Küche. Sie ist immer noch groß und dünn und sieht jedes Jahr besser aus. Ich weiß, es ist verrückt, so was zu denken, und außerdem – was soll’s? Sie ist auch bloß eine Frau – zufällig meine Mutter. Schon erstaunlich, dass sie immer imposanter und selbstbewusster aussieht, je älter sie wird. Ich hab Fotos von ihr aus dem College gesehen, da hat sie nicht besonders toll gewirkt. Als hätte Dad jedes Jahr eine bessere Wahl getroffen, so sieht es aus.

»Es ... war okay.« Ich lege den Arm um sie. Sie hat sich so lieb um mich gekümmert, seit es mir schlecht geht; ich schulde ihr alles, und ich hab sie gern, und das sage ich ihr neuerdings auch, obwohl es jedes Mal, wenn ich es ausspreche, ein bisschen dünner wird. Ich glaub, bei jedem ist der Vorrat an Ich hab dich lieb irgendwann mal erschöpft.

»Bist du immer noch froh, dass du zu ihr gehst?«

»Ja.«

»Denn falls nicht, besorgen wir dir jemanden anders.«

Jemanden anders könnt ihr euch nicht leisten, denke ich beim Blick auf den Riss in der Wand – direkt da, wo meine Mom steht. Dieser Riss in der Diele ist jetzt seit drei oder vier Jahren sichtbar. Dad überstreicht ihn mit Farbe, aber der Riss bricht einfach wieder auf. Wir haben ihn schon mit einem Spiegel verdecken wollen, aber der Platz – an einer Seite des Flurs – wäre seltsam für einen Spiegel. Und meine Schwester fing dann damit an, das sei ein Vampirspiegel, mit dem man herausbekäme, ob die Leute, die das Haus betreten, Vampire sind. Also haben wir ihn ein paar Wochen später, als ich zugedröhnt heimkam und reingestolpert bin, wieder abgehängt. Jetzt sieht man dort wieder den Riss in der Wand. Der wird nie repariert werden.

»Ihr braucht niemanden anders zu besorgen.«

»Wie ist es mit essen? Hast du Hunger?«

Ich glaub schon. Ich werde essen, was meine Mom für mich gekocht hat. Ich hab meinen Kopf immer noch unter Kontrolle, ich hab Medikamente, und ich sorge dafür, dass das passiert.

»Ja.«

»Gut. Dann in die Küche!«

Ich geh rein, alles ist für mich vorbereitet. Dad und meine Schwester Sarah sitzen an dem runden Tisch, Messer und Gabel schon in der Hand, und werfen sich für mich in Pose.

»Wie sehen wir aus?«, fragt Dad und klopft schon ungeduldig mit dem Silberbesteck. »Sehen wir aus, als ob wir Hunger hätten?«

Meine Eltern denken sich immer was Neues aus, damit ich wieder in Ordnung komme. Sie haben es mit Akupunktur probiert, mit Yoga, Kognitionstherapie, Entspannungsbädern, den verschiedensten Kraftsportarten (bis ich aufs Radfahren kam), Selbsthilfe-Büchern, Tae Bo und Feng Shui in meinem Zimmer. Sie haben eine Menge Geld für mich ausgegeben. Ich schäme mich.

»Iss! Iss! Iss!«, sagt Sarah. »Wir warten schon auf dich.«

»Muss das sein?« frage ich.

»Wir wollen es dir nur ein bisschen gemütlicher machen.« Mom bringt eine Bratpfanne auf den Tisch. Es riecht heiß und fruchtig. In der Pfanne sind große orange Dinger, in der Mitte aufgeschnitten.

»Es gibt Kürbis«, sagt sie und dreht sich wieder zum Herd um, »Reis und Huhn.« Sie hebt einen Topf weißen, mit Gemüsestückchen besprenkelten Reis herüber und eine Platte mit Hühnerpasteten. Ich stürz mich drauf – auf eine sternenförmige, eine dinoförmige. Sarah grabscht im selben Augenblick nach der dinoförmigen.

»Die Dinosaurier gehören mir.«

»Okay.« Ich lass sie ihr. Unter dem Tisch tritt mich Sarah. »Wie geht’s dir?«, flüstert sie.

»Nicht gut.«

Sie nickt. Sarah weiß, was das bedeutet. Es bedeutet, ich werde heute Abend auf der Couch liegen, mich herumwälzen, und Mom wird mir warme Milch bringen. Es bedeutet, ich werde vor dem Fernseher hocken, aber im Grunde nicht hinsehen, bloß in die Luft stieren und nicht mal lachen, während ich meine Hausaufgaben nicht mache. Sie reagiert gut. Sie macht noch mehr Hausaufgaben und hat noch mehr Spaß. Sie will nicht so enden wie ich. Wenigstens gebe ich jemandem ein Beispiel dafür, wie man es nicht machen soll.

»Tut mir leid. Sie wollen dir was Gutes tun.«

»Das weiß ich.«

»Also, Craig, wie war’s heute in der Schule?«, fragt Dad. Er spießt die Gabel in den Kürbis und sieht mich durch seine Brille an. Er ist klein und trägt eine Brille, aber wenigstens hat er noch Haare, wie er immer sagt – dicke, dunkle Zausen, die er mir vererbt hat. Er sagt, ich hätte Schwein gehabt, die Gene seien auf beiden Seiten gut, und wenn ich jetzt auch meinte, ich hätte Depressionen, sollte ich mal überlegen, wie es wäre, wenn ich wie alle anderen Männer eine Glatze bekäme! Ha!

»Es ging«, sagte ich.

»Was hast du gemacht?«

»Im Unterricht gesessen und die Aufgaben erledigt.«

Wir machen uns über das Essen her. Ich nehme meinen ersten Bissen auf – eine sorgfältig zusammengestellte Gabel voll mit Huhn, Reis und Kürbis – und schaufle es mir in den Mund. Ich werde das essen. Ich kau es und merke, dass es gut schmeckt, schiebe meine Zunge nach hinten und schicke es runter. Ich behalte es bei mir. Gut. Es ist drin.

»Was hast du in ... lass mal überlegen ... amerikanischer Geschichte gemacht?«

»Die Stunde war nicht so gut. Der Lehrer hat mich aufgerufen, aber ich konnte nicht sprechen.«

»Oh, Craig ...«, fängt Mom an.