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Patricia Kay

Süße Verlockung in Mexiko

IMPRESSUM

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1. KAPITEL

Felicity Farnsworth bremste ihren Toyota Highlander scharf vor dem Eingangstor der Rosedale Farm ab. Ein paar Sekunden blieb sie noch mit geschlossenen Augen hinter dem Steuerrad sitzen, um sich zu sammeln und ihre angespannten Nerven zu beruhigen. Sie hatte Angst vor der Begegnung mit Reed Kelly, aber sie konnte sie nicht länger aufschieben. Sie musste ihn aufsuchen. Denn Madeline Newhouse hatte darauf bestanden, dass die Hochzeitsfotos ihrer Tochter auf Rosedale aufgenommen werden sollten. Und wenn Madeline sich etwas in den Kopf gesetzt hatte …

Felicity seufzte. Das abzulehnen konnte sie sich nicht leisten. Ihre Agentur „Weddings by Felicity“ organisierte Hochzeiten, da war der Wunsch des Kunden Befehl. Und Felicity hatte einen Ruf zu verlieren, schließlich war sie im ganzen Bezirk für ihre perfekte Planung bekannt. Die Hochzeit der jungen Newhouse musste zu einem herausragenden Event werden, denn Portia war die einzige Tochter des berühmten Schauspielers Alex Newhouse und wurde von ihren Eltern vergöttert. Und Alex Newhouse hatte eindeutig klargemacht, dass ihm für seine Tochter nichts zu teuer war.

Wenn also Portias Hochzeitsfotos auf Rosedale aufgenommen werden sollten, dann musste Felicity es ermöglichen, denn nur dann würde Madeline sie und ihre Agentur bei ihren reichen Freundinnen weiterempfehlen.

Felicity atmete tief durch und fuhr langsam durch das geschwungene Tor auf die Ranchgebäude zu. Doch sosehr sie sich auch bemühte, ihr Herz schlug wie verrückt, als sie sich dem Haupthaus näherte, in dem sich Reeds Büro befand.

Seit ihre beste Freundin Emma Dearborn die Verlobung mit ihm gelöst hatte, hatte Felicity ihn nicht gesehen. Emma hatte sich in ihren Jugendfreund Garrett Keating verliebt und rechtzeitig gemerkt, dass das, was sie für Reed empfand, für eine Ehe nicht ausreichte. Aber wie hatte Reed diesen Schlag verkraftet? Vielleicht war er am Boden zerstört. Das konnte Felicity ihm nicht einmal übel nehmen.

So unbehaglich sich Felicity auch wegen des Wiedersehens mit Reed fühlte, sie musste sich eingestehen, dass sie auch eine ungewohnte Erregung empfand. Es war wirklich eine Ironie des Schicksals, dass der einzige Mann, der sie seit der Scheidung interessierte, ausgerechnet Reed war. Da ihr Exmann sie belogen und betrogen hatte, hatte sie lange nichts mehr für einen Mann empfinden können und nur sehr oberflächliche Beziehungen gehabt. Aber während der Vorbereitungen zu Emmas Hochzeit hatte sie sich plötzlich sehr zu Reed Kelly hingezogen gefühlt. Es hatte gefunkt, zumindest bei ihr. Und auch wenn sie sich immer wieder sagte, dass sie von dem Verlobten ihrer besten Freundin die Finger lassen musste, konnte sie nicht leugnen, dass sie den Mann sehr sexy fand.

Aber nun war Reed nicht mehr mit Emma verlobt. Das bedeutete, er war frei.

Aber ich will nichts mit ihm anfangen, auf keinen Fall …

Nach ihrer Scheidung hatte Felicity sich hoch und heilig versprochen, dass sie sich in Zukunft nur noch um ihre Karriere kümmern wollte. Und damit basta. Denn offenbar hatte sie keinerlei Menschenkenntnis, was Männer betraf. Was sie damals bei ihrem Mann für Liebe gehalten hatte, war in Wahrheit der reine Egoismus gewesen. Er hatte sich von ihr aushalten lassen und hatte sie nach Strich und Faden ausgenutzt. Das würde ihr nie wieder passieren, das hatte sie sich geschworen.

Sosehr du also auch von Reed Kelly beeindruckt bist, weil er so sexy ist, vergiss ihn und konzentrier dich auf das, was du dir vorgenommen hast. Und dazu gehört keinesfalls so etwas wie eine feste Beziehung oder gar eine Ehe.

Vor dem Hauptgebäude brachte Felicity das Fahrzeug zum Stehen. Sie zauberte ein Lächeln auf ihr Gesicht, sprang aus dem Wagen, lief die drei flachen Stufen hinauf und stieß die Tür zu Reeds Büro auf.

„Oh, hallo, Mrs. Farnsworth.“

Felicity nickte dem hübschen jungen Mädchen vor dem Computer zu. Das war sicher eine von Reeds zahlreichen Nichten. Sie wusste nur nicht, welche. „Guten Tag! Ist Reed da?“

Das Mädchen, das wahrscheinlich nicht älter als fünfzehn oder sechzehn war, sah sie lächelnd an. „Ja, er ist draußen bei den Ställen. Soll ich ihn rufen?“

„Nein, das ist nicht nötig. Ich gehe selbst hin.“ Felicity wollte Reed lieber allein sprechen, vor allem, wenn er möglicherweise so abweisend auf ihr Erscheinen reagierte, wie sie befürchtete.

Sie ging zu den Ställen hinüber. Glücklicherweise war der Hof gepflastert, sodass sie ihre geliebten und sündhaft teueren Pumps von Jimmy Choo nicht ruinierte, die einen großen Teil ihres letzten Monatsverdienstes verschlungen hatten. Sie hatte einen Schuhtick, denn sie besaß bereits achtzig Paar – was sie allerdings nicht davon abhielt, ständig neue zu kaufen.

Manchmal hatte sie direkt ein schlechtes Gewissen, weil sie so viel Geld für Luxusschuhe ausgab. Dann aber schüttelte sie diesen Gedanken sehr schnell ab. Schließlich arbeitete sie hart und hatte es verdient, sich ein bisschen zu verwöhnen. Immerhin gab sie ihr eigenes Geld aus und nicht das ihres Ehemannes.

Bei uns war es genau andersherum. Sam gab mein Geld mit vollen Händen aus. Immer noch stieg die Wut in ihr hoch, wenn sie daran dachte, wie lange sie sich das hatte gefallen lassen. Na ja, so lange, bis das Erbteil der Eltern weg war, ganz einfach.

Felicity!“

Sie hob den Kopf. Sie war so in Gedanken versunken, dass sie gar nicht bemerkt hatte, wie Max Weldon ihr entgegenkam. Max, ein ehemals bekannter Jockey, arbeitete jetzt als Pferdetrainer und Reeds Assistent. Er war klein und zierlich wie alle Jockeys, hatte aber eine tiefe Stimme.

„Hallo, Max!“ Ihr Vater und Max waren gute Freunde gewesen trotz ihres Altersunterschieds.

Max hatte immer für Felicity geschwärmt. Auch jetzt leuchteten seine Augen auf, als er ihrem Blick begegnete. „Wir haben uns ja ewig nicht gesehen. Weshalb bist du gekommen? Willst du ein Pferd kaufen?“

„Um Himmels willen, nein. Zum Reiten habe ich gar keine Zeit mehr. Ich muss mit Reed etwas Geschäftliches besprechen.“

„So?“ Offenbar wollte Max zu gern wissen, worum es sich handelte, aber er war zu höflich, um direkt zu fragen. „Reed ist in den Ställen.“

„Danke. Grüß Paulette von mir.“ Paulette war Max’ Frau.

„Werde ich tun. Bis später.“

„Auf Wiedersehen, Max.“

Während sie sich den Ställen näherte, hörte Felicity ein leises Wiehern, dann eine tiefe Männerstimme.

Felicity trat aus dem hellen Sonnenlicht in den Schatten des großen Stalles. Es roch nach Hafer und Heu, nach Holzspänen und der speziellen Sattelseife, die Reed und seine Männer verwendeten. Felicity atmete tief durch. Früher war sie selbst eine begeisterte Reiterin gewesen, doch sie hatte jetzt schon viele Jahre nicht mehr auf einem Pferd gesessen. Ihr Exmann hatte gemeint, Reiten und alles, was zu diesem Sport dazugehörte, sei Verschwendung von Zeit und Geld. Und leider hatte es eine Zeit gegeben, in der alles, was Sam sagte, für Felicity Gesetz gewesen war. Aber jetzt erinnerten die vertrauten Gerüche und Geräusche sie nur daran, wie sehr sie Pferde und das Reiten geliebt hatte.

Reed stand etwa dreißig Meter von ihr entfernt und sprach leise mit einem wunderschönen schwarzen Wallach, den er locker am Halfter hielt. Was für ein Bild! Felicity stockte der Atem, und sie wusste nicht, wen sie mehr bewundern sollte, das Pferd oder Reed.

Emma war verrückt gewesen, dieses Prachtstück von einem Mann laufen zu lassen. Er war mindestens eins fünfundachtzig groß, hatte kräftiges braunes Haar und trug zur eng sitzenden dunklen Reithose ein weißes Polohemd, das seine breiten Schultern betonte und die gebräunten muskulösen Unterarme frei ließ. Emma hatte behauptet, dass sie Reed nicht so lieben konnte, wie eine Frau ihren Ehemann lieben sollte, vor allem, seit sie ihre Jugendliebe Garrett wiedergetroffen hatte. Aber wie eine Frau Reed Kelly nicht lieben oder zumindest nicht begehren konnte, war Felicity ein Rätsel.

Ihrer Meinung nach war Reed der ideale Mann, sofern es so etwas überhaupt gab. Denn er sah nicht nur fantastisch aus, er war sexy, witzig und außerdem auch noch nett. Herzlich und großzügig, war er bei Männern und Frauen ausgesprochen beliebt. Und dann züchtete er auch noch Pferde …

Wenn er mein Verlobter gewesen wäre

Aber er war es nicht gewesen, und er würde es nie sein. Denn sie hatte den Männern abgeschworen.

„Hallo, Felicity“, sagte er, als er sie erblickte.

Sie schrak zusammen. Immerhin, es hörte sich nicht so an, als sei er ärgerlich auf sie.

„Tag, Reed.“ Verdammt, warum konnte sie nicht einmal diese zwei Worte mit ruhiger Stimme herausbringen? Sie war doch dafür bekannt, immer gelassen und kühl zu bleiben. Manche nannten sie die Eisprinzessin, wogegen sie im Prinzip nichts einzuwenden hatte. Denn der Ruf half ihr, mit den Hysterikern umzugehen, mit denen sie es oft genug in ihrem Beruf zu tun hatte. Immer ruhig bleiben, nie die geringste Unsicherheit zeigen, das war so etwas wie ihr Mantra geworden.

„Warum bist du denn gekommen? Willst du dich lustig machen?“

Wie kam er bloß auf diese Idee?

„Lustig machen? Worüber denn?“

Er antwortete nicht gleich, sondern kraulte dem Pferd noch einmal liebevoll die Mähne. Dann kam er auf Felicity zu, die ihren ganzen Mut zusammennehmen musste, um nicht zurückzuweichen. „Sicher redet doch die ganze Stadt über mich und bedauert den armen verlassenen Mann, oder etwa nicht?“

Jetzt stand er dicht vor ihr, und sie sah in seine blauen Augen. Du liebe Zeit, sie hatte nie gewusst, dass blaue Augen Funken sprühen konnten. „Nein, natürlich nicht“, log sie ohne Überzeugungskraft. Denn selbstverständlich redete jeder über ihn. Die geplatzte Verlobung von Emma und Reed war das Gesprächsthema in Eastwick, Connecticut. Delia Forrester tat sich da besonders hervor, weil sie hoffte, in Zukunft die Klatschspalte von Bunny Talbot fortführen zu können, die vor Monaten so plötzlich verstorben war.

„Mach mir nichts vor, Felicity.“ Reed runzelte unwillig die Stirn. „Ich weiß genau, dass sich alle hier in der Gegend über mich das Maul zerreißen. Ich weiß genau, was sie sagen: ‚Mit Reed Kelly muss ja einiges verkehrt sein, wenn Emma Dearborn ihn nicht heiraten will.‘“

„Ach, Reed.“ Felicity war ungeheuer erleichtert, dass er nicht wütend auf sie war. Er war nur sehr getroffen und offensichtlich in seinem Stolz verletzt. Ohne nachzudenken, berührte sie seinen Arm. Er zuckte zusammen, wich aber nicht zurück. Spontan legte sie ihm die Hände auf die Schultern und zog ihn an sich. „Es tut mir alles so leid.“

Für einen Augenblick wurde er ganz steif in ihren Armen, und Felicity hatte schon Sorge, zu weit gegangen zu sein. Doch dann nahm er sie einfach in die Arme. Felicity schloss die Augen. Ihm so nah zu sein, auch wenn es nur eine Umarmung unter Freunden war, fühlte sich wunderbar an. Schon lange war sie nicht mehr von einem Mann, der ihr sehr gut gefiel und dem sie tiefen Respekt entgegenbrachte, umarmt worden. Und der außerdem noch so gut aussah wie Reed.

Sie stöhnte leise, trat einen halben Schritt zurück und blickte zu ihm hoch. Wenn sie nur wüsste, wie sie ihn trösten könnte. „Reed …“

Jetzt begegneten sich ihre Blicke, und in diesem Moment geschah etwas Magisches zwischen ihnen. Bevor Felicity wusste, wie ihr geschah, beugte Reed sich über sie und küsste sie.

Sie erstarrte, dann schmiegte sie sich an ihn und erwiderte seinen Kuss, als habe sie ihr Leben lang darauf gewartet. Reed strich mit seinen kräftigen Händen über ihren Rücken und umfasste dann ihren kleinen, festen Po.

Ihr wurde heiß, als sie spürte, wie erregt Reed war, und plötzlich atmete sie schneller.

Hatte sie sich nicht immer danach gesehnt, dass so etwas geschah? Hatte sie nicht nachts von Reeds Küssen geträumt? Selbst als er noch mit Emma verlobt war, hatte Felicity sich dabei ertappt, wie sie sich in ihrer Fantasie an Emmas Stelle sah. Wie es wohl war, von ihm geküsst zu werden, ihn zu berühren, mit ihm zu schlafen?

Nur vage nahm sie die Schritte außerhalb des Stalles wahr, aber Reed hatte wohl etwas gehört, denn er ließ sie abrupt los und trat ein paar Schritte zurück. Felicity taumelte leicht und lehnte sich gegen die Stallwand.

Beide starrten sich an, ohne etwas zu sagen. Dann senkte Felicity den Kopf und kramte in ihrer großen Handtasche. „Ich … ich muss jetzt los. Hier …“, sie zog einen Scheck aus der Tasche und hielt ihn Reed hin, „… das wollte ich dir geben.“ Es war die Vorauszahlung für die Ausrichtung seiner Hochzeit mit Emma; den Scheck hatte Reed ihr schon vor Monaten gegeben. Ohne Reed noch einmal anzusehen oder sich zu verabschieden, drehte sie sich um und lief zu ihrem Auto, so schnell es mit den Stilettos möglich war.

Verdammt noch mal! Was hatte er sich bloß dabei gedacht?

Nichts hatte er gedacht, zumindest nicht mit dem Kopf.

Verärgert stieß Reed die Luft aus und verwünschte sich selbst. Das war wohl das Dümmste, was er je getan hatte. Er hatte Felicity geradezu überfallen. Warum nur?

War er so ausgehungert nach Sex? Oder war es irgendwie aus Rache an Emma geschehen, weil sie ihn lächerlich gemacht hatte?

Es war wirklich zum Verrücktwerden.

Irgendwie hatte er immer schon geahnt, dass in seiner Beziehung zu Emma etwas fehlte. Sicher, sie war süß, lieb, intelligent und entsprach dem gängigen Bild einer Frau, die jeder Mann gern geheiratet hätte. Aber wenn er ehrlich war, dann fehlte etwas ganz Entscheidendes. Es knisterte nicht zwischen ihnen, es war keine sexuelle Leidenschaft spürbar gewesen.

Seltsam war ja auch, dass sie noch nicht miteinander geschlafen hatten, eine Tatsache, die er natürlich niemandem eingestehen würde. Emma schien in diesem Punkt zu zögern. Sie wolle warten, bis sie verheiratet waren, hatte sie gesagt, und Reed war bereit gewesen, diesen Entschluss zu akzeptieren.

Als sie dann die Verlobung wegen eines anderen Mannes gelöst hatte, war Reed eher beschämt als verletzt gewesen. Und hinterher hatte er sich gefragt, ob ihre Scheu in Bezug auf die körperliche Liebe nicht vielleicht mehr mit einem Mangel an Verlangen zu tun hatte als mit dem Wunsch, mit Sex bis zur Hochzeit zu warten.

Er hatte danach viel über ihr Verhältnis zueinander nachgedacht und auch über seine Unfähigkeit, Emma richtig einzuschätzen. Nicht nur das hatte das Bild, das er von sich selbst hatte, ziemlich beschädigt. Auch die Vorstellung, dass nun die ganze Stadt wusste, weshalb ihre Verlobung auseinandergegangen war, war alles andere als angenehm.

Obgleich Reed aus einer großen herzlichen Familie stammte und schnell Kontakte fand, gehörte er nicht zu den Menschen, die ihr Herz auf der Zunge trugen und über ihre Gefühle redeten. Und nach der geplatzten Verlobung hätte er sich am liebsten zurückgezogen und in aller Stille seine Wunden geleckt. Aber er musste weiterhin mit Menschen umgehen, obgleich er momentan sehr verletzlich war und sich dem Spott der Stadt ausgeliefert fühlte.

Mit seiner Menschenkenntnis war es wirklich nicht weit her. Da er Emma nicht wirklich begehrt hatte, hätte er doch wissen müssen, dass sie nicht die richtige Frau für ihn war.

„Hallo, Boss, alles okay?“

Er fuhr hoch und setzte schnell sein übliches Lächeln auf. „Ja, natürlich. Warum fragst du, Max?“

Max runzelte die Stirn. „Ich habe gerade gesehen, wie Felicity aus der Tür stürzte. Ich dachte, ihr hättet euch vielleicht gestritten oder so.“

„Nein, nein. Sie hatte noch etwas vor.“

„Ach so.“ Max schien nicht ganz überzeugt zu sein. Ob er ahnte, was passiert war?

„Das erinnert mich daran, dass ich unbedingt noch ein paar wichtige Telefongespräche führen muss“, fügte Reed hastig hinzu und stieß die Stalltür auf.

Draußen setzte er sich die Sonnenbrille auf und ging in Richtung Büro. In der Ferne sah er gerade noch die Rücklichter eines silberfarbenen Geländewagens. Das war Felicitys Auto. Offenbar hatte sie es sehr eilig, von ihm wegzukommen.

Und dennoch …

Es war nicht zu leugnen, sie hatte ihn nicht weggestoßen, als er sie küsste. Im Gegenteil, dachte er, sie hat den Kuss leidenschaftlich erwidert. Er brauchte sich nur vorzustellen, wie sie sich an ihn geschmiegt hatte, sodass er ihre Brüste deutlich fühlen konnte, und schon wurde er wieder hart.

Vielleicht war jemand wie Felicity genau die Frau, die er im Augenblick brauchte. Wenn er mit ihr in der Öffentlichkeit auftauchte, würde man etwas Neues zum Tratschen haben und seine armselige Rolle als sitzen gelassener Bräutigam vergessen. Ein durchaus angenehmer Gedanke, aber nach ein paar weiteren Überlegungen schob er ihn wieder beiseite. So etwas konnte er Felicity nicht antun. Es wäre äußerst unfair, sie dafür zu missbrauchen, vor allem, da er von Emma wusste, dass Felicity sehr unter ihrem ersten Ehemann gelitten hatte und Männern gegenüber äußerst misstrauisch war.

Jetzt erst blickte er auf den Scheck, den Felicity ihm in die Hand gedrückt hatte. Zwanzigtausend Dollar, das entsprach fast der Summe, die er damals hinterlegt hatte. Es war mehr als großzügig von Felicity und kam ihm sehr gelegen. Denn das Geld, das er für die geplante Hochzeitsreise gezahlt hatte, war verloren, genauso wie das für den teuren Verlobungsring. Den hatte Emma ihm zwar zurückgegeben, aber der Juwelier würde ihm nur einen Bruchteil dessen zurückerstatten, was er damals bezahlt hatte.

Hoffentlich hatte Felicity keine finanziellen Probleme, nachdem ihr dieser Auftrag entgangen war. Ihre Ausgaben wird sie sich doch wohl abgezogen haben, dachte er. Auf alle Fälle musste er sie danach fragen, wenn er sie das nächste Mal sah.

Er ging zurück in sein Büro und warf Colleen, der Tochter seines Bruders Daniel, ein freundliches Lächeln zu. „Na, was gibt’s?“

Sie hielt ihm drei Zettel hin. „Julianne Foster, Dr. Finnerty und Grandma haben angerufen. Grandma wollte nur wissen, ob du heute Abend zum Essen kommst.“

„Danke.“ Reed sah auf seine Uhr. „Solltest du nicht allmählich nach Hause gehen?“ Colleen arbeitete in den Sommerferien halbtags bei ihm.

„Ich wollte nur den Rundbrief fertig machen. Dann bin ich weg.“

Jeden Monat schickte Reed einen Rundbrief an seine Kunden, die über das ganze Land verstreut waren. Seine Rassepferde waren für ihre Qualität bekannt und erzielten hohe Preise. Rosedale bot außerdem jeglichen Service in Sachen Pferdezucht und Pferdehaltung an. Zu der Ranch gehörte viel Land, und die sanften Hügel und großzügigen Weiden ließen manchen anderen Pferdezüchter neidisch werden. Reed war verständlicherweise sehr stolz auf diesen Besitz, der nach Rose Moran Kelly, seiner Großmutter väterlicherseits, benannt worden war. Rose Moran Kelly und ihr Mann Aloysius hatten bereits in Irland eine berühmte Pferdezucht aufgebaut, und Reed hoffte, dass er eines Tages die Ranch an seine Kinder weitergeben könnte.

Kinder … Wenn das so weiterging, würde er nie eigene Kinder haben. Zu schade, dass Ehen heutzutage nicht mehr arrangiert wurden, so wie das früher in Irland der Fall war. Dann würde er mit einer Frau, die auch Kinder haben wollte, eine nüchterne geschäftliche Vereinbarung treffen, und die Frage der Nachkommenschaft wäre geklärt.

Aber natürlich wollte er nicht irgendeine Frau haben. Sie musste schon intelligent, hübsch und angenehm sein. So wie Felicity.

Er schüttelte über sich selbst den Kopf. Aber sicher! Als ob Felicity an so etwas interessiert wäre. Mehr als einmal hatte sie in seiner Gegenwart deutlich gemacht, dass sie auf keinen Fall heiraten wollte. Sie hatte sich einmal die Finger gehörig verbrannt und hatte keine Lust, das ein zweites Mal zu tun. Emma und er hatten sich oft über Felicity unterhalten, denn Emma hing sehr an ihrer besten Freundin und wollte, dass sie glücklich war.

„Sie hat mir oft genug gesagt“, hatte Emma ihm erzählt, „dass sie sich nur noch um ihr Geschäft kümmern wolle. Wie oft habe ich ihr erklärt, dass sie beides miteinander verbinden könne, wenn sie sich nur den richtigen Mann aussuchte. Aber sie meinte, sie freue sich für mich, aber eine zweite Ehe käme für sie nicht infrage.“

Reed seufzte leise. Also sollte er über Felicity lieber nicht weiter nachdenken. Sie war keine Kandidatin für die Position der Mrs. Reed Kelly. Er setzte sich an den Schreibtisch und griff nach dem Telefonhörer, um endlich alle Telefonate zu erledigen.

Felicity musste immer wieder daran denken, was zwischen ihr und Reed geschehen war. Was hatte sie sich nur dabei gedacht? Warum hatte sie zugelassen, dass er sie küsste? Und, schlimmer noch, warum hatte sie den Kuss so leidenschaftlich erwidert?

Du weißt doch genau, warum. Weil du schon lange scharf auf Reed bist.

Und nun wusste auch er es. Oder er vermutete es zumindest.

Mist!

Sie wurde knallrot, als sie daran dachte, wie sie sich verhalten hatte. Als könne sie es gar nicht erwarten, dass er sie endlich ins nächste Bett zerrte. Was Reed wohl dachte? Nie könnte sie ihm wieder unter die Augen treten.

Und Max. Sie war vollkommen kopflos aus dem Stall gestürzt und hätte Max fast umgerannt. Kein Wunder, wenn er sich seinen Teil dachte. Da hatte es auch sicher nicht geholfen, dass sie irgendetwas von einer dringenden Verabredung gemurmelt hatte. Wie peinlich! Als sie schließlich ihr Büro erreichte, war sie fest entschlossen, den ganzen Vorfall zu vergessen. Reed hatte sie geküsst, na und? Davon ging die Welt nicht unter.

Ihre Assistentin Rita Dixon sah hoch, als Felicity das Büro betrat. Sie liebte ihren Beruf und blickte die Chefin strahlend an. „Na, was hat er gesagt? Ist er einverstanden?“

Ach du liebe Zeit! Sie hatte vollkommen vergessen, Reed wegen der Fotos zu fragen. Deshalb war sie ja schließlich nach Rosedale gefahren. Zwar wollte sie ihm außerdem die Anzahlung zurückgeben, aber der Hauptgrund war Portias Hochzeit gewesen. Schnell suchte sie nach einer unverbindlichen Antwort. „Er wird mich wieder anrufen.“

„Was? Ich dachte, das ist ein Selbstgänger, und du könntest ihn mit Leichtigkeit überzeugen.“ Rita runzelte enttäuscht die Stirn. „Soll ich Bo anrufen? Er wird nicht glücklich darüber sein, aber vielleicht hat er eine andere Idee, die Mrs. Newhouse überzeugen kann.“ Bo Harrison war der Fotograf, den Felicity immer dann engagierte, wenn ihre Kunden nicht ihren eigenen Fotografen mitbrachten.

„Noch nicht. Reed hat immerhin nicht Nein gesagt.“

„Okay. Und wenn überhaupt, dann kannst nur du ihn dazu bringen, zuzustimmen.“

Felicity tröstete sich damit, dass sie Rita immerhin nicht direkt belogen hatte. Reed hatte ja nicht abgelehnt, weil er ja noch nichts von ihrem Vorschlag wusste. Schnell ging sie in ihr geräumiges Büro und ließ sich in den Schreibtischsessel fallen. Es half nichts, sie musste Reed anrufen.

Sofort.

2. KAPITEL

Reed hielt den Telefonhörer noch in der Hand. Er hatte gerade mit Jack Finnerty gesprochen, der sich für eine Zuchtstute interessierte, und wollte jetzt seine Mutter anrufen, um sich für heute Abend zum Essen anzumelden. Da klingelte das Telefon.

Er sah schnell auf das Display. Felicity Farnsworth. Er zögerte nur eine Sekunde und drückte dann auf die Sprechtaste. „Reed Kelly.“

„Reed? Hier spricht Felicity.“