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Patricia Kay

Romanze unterm Regenbogen

Maggie will Manhattan erobern, und Zach muss sie gehen lassen. Denn ein Leben in der Großstadt kann er sich nicht vorstellen. Doch eine süße Erinnerung an seine Jugendliebe bleibt, und Jahre später will das Schicksal ein Wiedersehen: Maggie verlässt New York und kehrt nach Rainbow’s End zurück. Blitzschnell wird Zach klar, dass sie noch immer seine Traumfrau ist. Er will einen Neuanfang mit ihr. Aber wenn sie ihn ein zweites Mal verlässt, würde sein Herz endgültig brechen …

 

IMPRESSUM

BIANCA erscheint 14-täglich im CORA Verlag GmbH & Co. KG, 20354 Hamburg, Valentinskamp 24

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Redaktion und Verlag:

Postfach 301161, 20304 Hamburg

Tel.: +49 (040) 60 09 09 – 361

Fax: +49 (040) 60 09 09 – 469

E-Mail:

Geschäftsführung:

Thomas Beckmann

Redaktionsleitung:

Claudia Wuttke (v. i. S. d. P.)

Cheflektorat:

Ilse Bröhl

Lektorat/Textredaktion:

Christine Boness

Produktion:

Christel Borges, Bettina Schult

Grafik:

Deborah Kuschel (Art Director), Birgit Tonn, Marina Poppe (Foto)

Vertrieb:

asv vertriebs gmbh, Süderstraße 77, 20097 Hamburg

Telefon 040/347-27013

Anzeigen:

Kerstin von Appen

Es gilt die aktuelle Anzeigenpreisliste.

© 2001 by Patricia A. Kay

Originaltitel: „Just A Small-Town Girl“

erschienen bei: Silhouette Books, Toronto

in der Reihe: SPECIAL EDITION

Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l.

© Deutsche Erstausgabe in der Reihe: BIANCA

Band 1571 (10/2) 2007 by CORA Verlag GmbH & Co. KG, Hamburg

Übersetzung: Ralf Kläsener

Fotos: Corbis

Veröffentlicht als eBook in 06/2011 - die elektronische Version stimmt mit der Printversion überein.

ISBN: 978-3-86295-890-0

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

eBook-Herstellung und Auslieferung:

readbox publishing, Dortmund

Der Verkaufspreis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Weitere Roman-Reihen im CORA Verlag:

JULIA, ROMANA, BACCARA, MYSTERY, MYLADY, HISTORICAL

1. KAPITEL

Eine Stunde lang war Maggie Callahan durch den Central Park gejoggt. Als sie die Treppen zu ihrem Apartment im dritten Stock hinaufstieg, war sie verschwitzt und fühlte sich erschöpft. Sie hatte es nie als Nachteil empfunden, dass es in dem alten, aber sehr stilvollen Haus aus Backstein an der neunundsechzigsten Straße zwischen der Columbus Avenue und Central Park West keinen Fahrstuhl gab. Aber heute fand sie das Treppensteigen ziemlich anstrengend.

In ihrer kleinen Wohnung eilte sie gleich in die winzige Küche. Sie holte eine Flasche Orangensaft aus dem Kühlschrank und trank hastig und in großen Schlucken, bevor sie sich den Schweiß von der Stirn wischte. Ihr Puls war immer noch beschleunigt, aber sie fühlte sich in Hochstimmung. Dieser Maimorgen war einfach vollkommen – mild, windstill, mit einem klaren Himmel und niedriger Luftfeuchtigkeit.

Nachdem sie ihren Durst gelöscht hatte, sah sie im Kühlschrank nach, was dort an Essbarem zu finden war. Sie entschied sich für einen Joghurt, den sie gleich dort, an den Kühlschrank gelehnt, auslöffelte. Genüsslich ließ sie sich den zarten, frischen Zitronengeschmack auf der Zunge zergehen. Sie stand nicht unter Zeitdruck, denn ihre Assistentin Rita DelVecchio war immer pünktlich um neun Uhr im Büro.

Rita machte es nichts aus, morgens früh anzufangen, solange sie um halb fünf nach Hause gehen konnte. Als alleinstehende Mutter von zwei Kindern musste sie die Hausaufgaben beaufsichtigen und das Abendessen zubereiten.

Maggie dagegen kam lieber morgens etwas später ins Büro, blieb aber gewöhnlich bis sieben oder acht Uhr abends. Es war eine Übereinkunft, mit der beide Frauen zufrieden waren.

Maggie hatte gerade ihren Joghurt ausgelöffelt, als das Telefon schrillte. Das wird Joel sein, dachte sie. Sie kannte Joel Nicholls, einen Produzenten von Video-Werbespots, seit gut einem Monat. Er hatte sich angewöhnt, jeden Morgen kurz bei ihr anzurufen. Maggie fand ihn amüsant und anregend. Eine neue Beziehung war immer in gewisser Weise spannend, wenigstens am Anfang. Aber Maggie wusste, dass auch diese Beziehung irgendwann zu Ende gehen würde, das war nichts wirklich Ernstes, nichts Dauerhaftes. Joel und sie hatten viel Spaß miteinander, aber sobald einer von ihnen beiden sich langweilen würde, wäre es sofort vorbei. Maggie hätte auch keine Probleme, mal wieder eine Zeit lang allein zu bleiben.

Sie ging zum Telefon und sah auf das Display, das die Nummer des Anrufers anzeigte. Nein, es war nicht Joel, sondern die Nummer ihres Bruders Jimmy. Sie runzelte die Stirn und hob den Hörer ab. „Hallo?“

„Maggie? Hier ist Molly.“ Molly war Jimmys Frau.

„Molly, hallo. Was gibt es denn?“

„Tut mir leid, Maggie, ich habe schlechte Neuigkeiten.“

Maggie spürte, wie sie erbleichte. Das letzte Mal, als sie vor acht Monaten diese Worte gehört hatte, war ihr Vater gestorben. Erschrocken hielt sie den Atem an.

„Es geht um deine Mutter, Maggie“, sagte Molly. „Sie hatte einen Schlaganfall.“

Maggie schluckte. „Oh, nein!“ Sie schloss kurz die Augen, bevor sie ihre nächste Frage stellte. „Ist sie … sie ist doch nicht …?“

„Nein, sie lebt.“

Maggie atmete erleichtert auf. „Gott sei Dank. Wann ist es passiert?“

„Heute früh. Sie war wohl gerade aufgestanden. Jedenfalls schaffte sie es noch, die Notrufnummer 911 zu wählen und Hilfe zu holen.“ Molly zögerte einen Moment. „Es war ein sehr schwerer Schlaganfall, Maggie.“

„Wird sie überleben?“, fragte Maggie mit zitternder Stimme.

„Die Ärzte haben uns Hoffnung gemacht. Im Augenblick können sie nur noch nicht sagen, welche Folgen der Schlaganfall haben wird.“ Molly seufzte. „Sie wird wahrscheinlich nicht mehr allein zurechtkommen und rund um die Uhr Pflege brauchen. Manche Schlaganfallpatienten müssen wieder laufen und sprechen lernen.“

Maggie fühlte sich unendlich traurig. Laufen und sprechen lernen? Nicht selbst für sich sorgen können? So hilflos konnte sie sich ihre aktive, selbstbewusste Mutter einfach nicht vorstellen. Selbst der Tod ihres Mannes hatte sie nicht umwerfen können.

Maggie sah ihre Mutter vor sich – eine kleine, agile Frau von achtundsechzig Jahren, die aber zehn Jahre jünger wirkte. Maureen Callahan hatte immer so gesund, so vital gewirkt. Manchmal hatte Maggie gedacht, ihre Mutter würde sie noch überleben.

„Du kommst doch nach Hause, Maggie, oder?“, wollte Molly wissen.

Maggie räusperte sich. „Ja, natürlich. Ich werde mich sofort nach den nächsten Flügen erkundigen. Wie hat Jimmy darauf reagiert?“

„Es hat ihn ziemlich mitgenommen.“

Maggie nickte sorgenvoll. Ihr Bruder war ein netter Kerl, aber solchen Situationen war er nicht gewachsen.

„Jimmy wollte dich nicht selbst anrufen“, meinte Molly entschuldigend.

„Macht nichts, gib ihm einen Kuss von mir“, sagte Maggie. „Sag ihm, ich bin so schnell wie möglich bei euch.“

Maggie brauchte nicht lange, um alles zu arrangieren, damit sie in ihre Heimatstadt in Texas reisen konnte. Schließlich musste sie auch in ihrem Job ein Organisationstalent sein.

Zuerst rief sie ihr Reisebüro an, um einen Platz für eine Maschine nach Houston zu buchen. Von dort aus würde sie nach Austin weiterfliegen und einen Mietwagen nehmen. Dann würde sie noch ungefähr anderthalb Stunden auf dem Highway nach Rainbow’s End benötigen, zu dem kleinen Städtchen, das vor langer Zeit von einem ihrer Vorfahren gegründet worden war. Maggie war dort aufgewachsen.

Nachdem sie ihre Reise organisiert hatte, rief sie ihren Vermieter an, um ihm mitzuteilen, dass sie eine Zeit lang nicht da sein würde, und gab ihm ihre Telefonnummer in Texas für den Fall, dass er sie erreichen wollte. Erst dann rief sie in ihrem Büro an.

Rita war sofort am Telefon. „Callahan Literatur Agentur.“

„Ich bin’s.“ Maggie erzählte nun ihrer Assistentin, was passiert war.

„Oh, Maggie … das tut mir leid. Wie kann ich dir helfen?“

„Halte das Büro in Gang, so wie du das immer tust“, sagte Maggie. „Schaffst du das für eine Weile allein?“

„Das weißt du doch.“

„Ich nehme meinen Laptop mit, dann können wir über E-Mail in Kontakt bleiben. Außerdem kannst du mich jederzeit per Handy erreichen.“

„Ich komme schon zurecht, mach dir keine Sorgen.“

Maggie seufzte. Keine Sorgen? Das war leichter gesagt als getan.

„Maggie, glaub mir, ich schaffe das schon. Wenn ich deinen Rat oder deine Entscheidung brauche, melde ich mich sofort. Und jetzt pack deinen Koffer und mach dich auf den Weg.“

„Danke, Rita … ich stehe tief in deiner Schuld. Das vergesse ich dir nicht.“

„Dafür werde ich schon sorgen.“

Maggie lachte und legte den Hörer auf.

Jetzt musste sie noch Joel anrufen.

„Wie lange bleibst du weg?“, fragte er. Er klang ziemlich unwirsch, fast verärgert.

Ihr fiel ein, dass sie versprochen hatte, ihn über das Wochenende nach Connecticut zu begleiten. Dort sollte er als Redner auf der Jahresfeier seines alten Colleges auftreten. „Tut mir leid wegen Connecticut“, sagte Maggie, „aber den Schlaganfall meiner Mutter konnte ich ja nicht voraussehen.“ Sie wartete darauf, dass er sich für seine barsche Reaktion entschuldigte.

Schließlich rang er sich dazu durch. „Sorry, Maggie. Ich hoffe, deine Mutter erholt sich bald wieder.“

„Danke.“

Sie versprach ihm, ihn regelmäßig anzurufen, und legte auf. Den Rest des Morgens verbrachte sie mit Kofferpacken. Ihr Flug würde um dreizehn Uhr fünfzig von La Guardia starten.

Nach Hause. Nachdenklich sah Maggie aus dem Fenster der Boeing 737. In Rainbow’s End hatte sie ihre Kindheit und Jugend verbracht – und eigentlich immer nur daran gedacht, wie sie der provinziellen Enge entgehen könnte. Viele Menschen schätzten es, in einer Stadt wie Rainbow’s End zu leben. Sie lag in den Hügeln, nicht weit von Austin entfernt, und hatte nur eintausendfünfhundert Einwohner, und die Stadtväter schienen kein besonderes Interesse daran zu haben, dass ihre beschauliche kleine Stadt zu schnell wuchs.

So beschaulich das Städtchen auch war, Maggie hatte damals den Tag nicht erwarten können, an dem sie Rainbow’s End verlassen konnte. Trotz des Protestes ihrer Eltern hatte sie sich auf den Weg nach New York gemacht, um dort ihr Glück zu suchen, noch bevor die Tinte unter ihrem Highschool-Abschlusszeugnis trocken war.

Sie hatte ihre Entscheidung nie bereut. Eine Zeit lang hatte sie darunter gelitten, dass sie auch den Mann zurückließ, den sie geliebt hatte. Durch die Zeitung, die in Rainbow’s End erschien und ihr regelmäßig nach New York geschickt wurde, durch gelegentliche Berichte ihrer Eltern oder durch Telefongespräche mit Kris Diana, ihrer besten Freundin aus Highschool-Tagen, hatte sie Zachary Tates Leben aus der Ferne verfolgt. So wusste sie, dass seine Frau schon vor einigen Jahren verstorben war und er seine drei Kinder allein aufziehen musste.

Zacharys Frau hatte Selbstmord begangen. Wie schrecklich musste er sich gefühlt haben, als das passierte?

Damals war Zachary Tate Hilfssheriff gewesen. Als der alte Sheriff in den Ruhestand ging, wurde Zachary sein Nachfolger und war seitdem Polizeichef von Peck County.

In den ersten Jahren hatte sie oft an Zachary denken müssen. Sie war damals heftig in ihn verliebt gewesen. Es hatte angefangen, als Maggie auf die Highschool kam. Und wenig später waren sie unzertrennlich gewesen. Zach war wie selbstverständlich davon ausgegangen, dass er und Maggie heiraten würden, sobald sie die Highschool beendete.

So war das nun einmal in Rainbow’s End – normalerweise. Die Leute heirateten jung, bekamen Kinder und blieben ihr ganzes Leben lang in dem Städtchen. Ab und zu gönnten sie sich ein Wochenende in Austin.

Aber so ein Leben hatte Maggie nicht führen wollen. Als sie Zach damals gesagt hatte, dass sie sich zu jung zum Heiraten fühlte und auch nicht die Absicht hätte, ihr Leben in Rainbow’s End zu verbringen, war er geschockt gewesen.

„Warum bist du so überrascht?“, hatte sie ihn gefragt. „Ich habe dir doch schon oft erzählt, dass ich unbedingt nach New York will.“

„Ich habe nicht geglaubt, dass du es ernst meintest“, war seine Antwort gewesen.

Sie hatte sich in seine Arme geworfen und sich an ihn geschmiegt. „Komm doch mit mir“, hatte sie ihn gedrängt. „Oh, Zach, das wird fantastisch. Stell dir nur vor – wir beide in der aufregendsten Stadt der Welt.“

„Du weißt, dass ich Großstädte nicht mag. Und außerdem habe ich hier einen Job, hast du das vergessen?“

„Du arbeitest doch nur auf der Farm deines Vaters“, hatte Maggie gesagt.

Zach hatte sie angestarrt. „Vielleicht mag ich ja die Arbeit auf der Farm meines Vaters.“

Ihr war klar geworden, dass sie seine Gefühle verletzt hatte. Sie versuchte, ihn zu beruhigen, aber sie änderte ihre Meinung nicht. Obwohl sie Zach liebte, fühlte sie sich einfach noch zu jung, um sich jetzt schon endgültig festzulegen.

Bis zu dem Tag, an dem sie Rainbow’s End verließ, hatte sie gehofft, dass Zach seine Meinung ändern würde. Aber er blieb hart. Zwei Jahre später hatte er Andrea Shoemaker geheiratet, mit der Maggie in eine Klasse gegangen war.

Maggie würde nie vergessen, was sie an dem Tag empfunden hatte, als sie im Rainbow’s End Register, ihrer Heimatzeitung, die Heiratsanzeige von Zach und Andrea lesen musste. Sie arbeitete damals als Angestellte in einer Literaturagentur und besuchte abends Fortbildungskurse an der New York University. Es hatte sie sehr geschmerzt, die Nachricht über Zachs Heirat zu lesen und Andrea im Hochzeitskleid zu sehen. In diesem Moment war Maggie klar geworden, dass sie insgeheim immer gehofft hatte, Zachary Tate würde doch eines Tages zu ihr nach New York kommen.

Maggie seufzte. Das alles war lange her. Sie hatte seit Jahren kaum noch an Zach gedacht, sondern ihr eigenes Leben geführt und Karriere gemacht. Und bei ihm schien es ähnlich gelaufen zu sein.

„Sheriff.“

Sheriff Zachary Tate blickte auf. In der offenen Tür seines Büros stand seine Sekretärin Jeannie. „Sorry, Jeannie. Haben Sie etwas gesagt?“

Jeannie, eine etwas pummelige blonde Fünfzigjährige, nickte. „Ja, schon drei oder vier Mal.“

Zach verzog das Gesicht. „Ich war wohl in Gedanken.“

„Dann muss es ja etwas Wichtiges gewesen sein, woran Sie gedacht haben.“

Zach zwang sich zu einem Lächeln. Nur nicht Jeannies ohnehin schon ausgeprägte Neugier noch weiter anstacheln. „Also, was wollten Sie denn von mir?“

„Sie müssen unbedingt noch diese Berichte hier unterschreiben, damit ich sie in die Nachmittagspost geben kann.“

Zach unterdrückte einen Seufzer. Er mochte den Papierkram nicht. Unglücklicherweise machte der Papierkram mittlerweile zwei Drittel seiner Arbeit aus. Manchmal dachte er wehmütig an seine Zeit als Hilfssheriff zurück, in der er hauptsächlich im Außendienst tätig gewesen war.

„Über was haben Sie denn so intensiv nachgedacht?“ Jeannie ließ nicht so leicht locker.

Zach hätte sich lieber die Zunge abgebissen, als Jeannie die Wahrheit zu sagen. „Ich habe nur über das Spiel vom letzten Freitag nachgedacht“, flunkerte er. Sein ältester Sohn Jason spielte Basketball im Junior Team der Rainbow’s End Highschool.

Jeannie grinste. „Ja, das war ein aufregendes Spiel, was?“

„Das kann man wohl sagen“, meinte Zach. Ein paar Sekunden vor Schluss hatte Jason mit einem Dreipunkte-Korb doch noch den Sieg seines Teams gegen die Mannschaft der Highschool von Polero perfekt gemacht.

Zach setzte große Erwartungen in Jason. Der Junge war ein so guter Basketballspieler, dass er durchaus von einem der großen Colleges ein Stipendium bekommen könnte. Das wäre für Zach von enormer Wichtigkeit, denn Zachs älteste Tochter Hannah war nur ein Jahr jünger als Jason. Und zwei Kinder gleichzeitig auf dem College, das überstieg Zachs finanzielle Möglichkeiten.

Der Sheriff klappte die Unterschriftsmappe zu und gab sie Jeannie zurück. Als sie gegangen war, dachte er wieder über das nach, was ihn schon den ganzen Tag beschäftigt hatte. Gestern Abend, als er auf dem Nachhauseweg noch kurz im Supermarkt Station gemacht hatte, war ihm Molly Callahan über den Weg gelaufen, die Frau von Maggie Callahans älterem Bruder Jimmy.

Zach wusste, dass es sinnlos war, über eine Frau nachzudenken, die ihn vor zwanzig Jahren verlassen hatte, um ihr Glück woanders zu suchen. Aber er hatte Maggie Callahan nie vergessen können. Er konnte nichts dagegen tun, dass ihn Nachrichten über ihre Familie immer besonders interessiert hatten. So hatte er Molly freundlich begrüßt und sich danach erkundigt, wie es ihrer Familie ginge. Und er hatte erfahren, dass Mrs. Callahan einen Schlaganfall erlitten hatte, und dass Maggie nach Hause kommen würde.

Letztes Jahr, als Maggies Vater gestorben war, hatte er erst nach seiner Rückkehr aus dem Urlaub mit den Kindern an der See davon erfahren. Die Beerdigung war schon Tage zuvor gewesen, und da war Maggie längst wieder in New York.

Wenn sie in den vergangenen Jahren zu Hause zu Besuch gewesen sein sollte, zu Feiertagen oder Familienereignissen, so hatte er davon nichts mitbekommen.

Molly hatte nicht gesagt, wann Maggie ankommen würde, und Zach hatte nicht nachfragen wollen. Er hatte Molly sein Bedauern über die Erkrankung ihrer Schwiegermutter ausgedrückt und sich dann eilig verabschiedet. Aber seitdem hatte er ununterbrochen an Maggie denken müssen.

Er wollte sie unbedingt wiedersehen, selbst wenn es nur dazu führen würde, die letzten Reste seiner romantischen Vorstellungen aus seinem Gedächtnis zu tilgen.

Zach hatte ihr Bild ständig vor Augen gehabt. Sie war verdammt hübsch gewesen!

Groß und schlank, mit endlos langen Beinen, großen tiefblauen Augen und gelocktem rotbraunen Haar. Er war von ihr hingerissen gewesen. Auch jetzt erinnerte er sich noch ganz genau an seine Gefühle, wie heftig sein Herz schlug, und wie seine Hände vor Aufregung feucht waren, wenn sie in seine Nähe kam. Wie sie sich auf der Sitzbank in dem Pick-up seines Vaters geküsst hatten, und sie sich schließlich nicht mehr zurückhalten konnten. Nach dem ersten Mal waren sie praktisch unzertrennlich gewesen.

Als Maggie ihm gesagt hatte, sie würde nach New York gehen, hatte er es nicht glauben können, nicht glauben wollen.

Wieso wollte sie ihn verlassen? Sie liebten sich doch! Zach wollte sie heiraten. Er hatte nie Zweifel daran gehabt, dass sie dasselbe wollte.

Aber da hatte er sich wohl geirrt, denn sie ging tatsächlich weg. Noch viele Monate lang wachte er jeden Morgen in der Gewissheit auf, sie würde einsehen, dass sie einen Fehler gemacht hatte, und wieder vor seiner Tür stehen. Sein Stolz hatte ihn davon abgehalten, sie anzurufen, aber er war vor Sehnsucht nach ihr fast krank geworden.

Ihre Mutter, die Zach immer gemocht hatte, sagte ihm schließlich, das Maggie einen Job in einer Agentur gefunden hätte und in Abendkursen das College besuchte. „Ich glaube, sie kommt nicht wieder nach Rainbow’s End zurück, Zach“, hatte sie bedauernd gesagt.

Als sie auch zu Weihnachten nicht nach Hause kam und ihm in den folgenden Jahren nicht einmal eine Karte zum Geburtstag geschrieben hatte, fand er sich mit seinem Verlust ab und fing an, sich mit anderen Mädchen zu verabreden. Anderthalb Jahre später hatte er Andrea geheiratet.

Andrea.

Wie jedes Mal, wenn er an seine verstorbene Frau dachte, fühlte er eine Mischung aus Schuld, Traurigkeit und Bedauern. Die Ehe war von Anfang an schwierig gewesen. Lange hatte Zach seiner Frau die Schuld an den häuslichen Problemen gegeben, aber dann war er ehrlich genug gewesen, sich einzugestehen, dass auch er seinen Anteil daran hatte.

Es stimmte, dass Andrea unsicher war und zu Depressionen neigte, aber vielleicht wäre sie ruhiger und glücklicher geworden, wenn sie das Gefühl gehabt hätte, von Zach wirklich geliebt zu werden. Doch das hatte er nicht gekonnt.

Er hatte sie nicht so lieben können wie Maggie.

Zach rieb sich über die schmerzende Stirn. Er wollte nicht über Andrea nachdenken. Was gewesen war, war Vergangenheit, und er konnte heute nichts mehr daran ändern.

Wie Maggie wohl heute aussah? Er musste sie unbedingt treffen. Vielleicht hatte sie, die erfolgreiche Literaturagentin, heute nicht mehr viel Ähnlichkeit mit dem hinreißenden jungen Mädchen von damals.

Zach stand schließlich auf, griff nach seinem Hut und verließ sein Büro. „Bis morgen dann“, sagte er zu Jeannie, die ihn verwundert anstarrte. Er verließ sein Büro sonst nie so früh. Aber er übersah die Frage in ihren Augen.

Eine Viertelstunde später betrat er die Küche seines kleinen Ranchhauses, das Andrea und er drei Monate nach Jasons Geburt gekauft hatten. Der Duft nach frisch gebackenem Kuchen war umwerfend. Seine Tochter Hannah stand am Herd und rührte eifrig in einem Topf.

Zach lächelte. Hannah war ein wundervolles Mädchen. Er konnte sich nicht erinnern, je davon gehört zu haben, dass eine Sechzehnjährige so bereitwillig und zuverlässig die Verantwortung für einen Haushalt mit drei Männern übernahm. Hannah hatte das ohne Murren getan.

„Hm, riecht lecker“, sagte Zach zur Begrüßung.

Hannah lächelte ihn an. „Es ist doch nur Spaghettisoße.“

Zach beugte sich vor und küsste sie auf die Wange. „Wo ist Josh?“

„In seinem Zimmer. Er sagte, er wollte seine Hausaufgaben machen, aber wahrscheinlich wird er …“

„… sich mit Computerspielen beschäftigen“, führte Zach ihren Satz zu Ende.

Hannah nickte.

„Ich sehe mal nach ihm. Und was ist mit dir? Hast du auch noch Hausaufgaben zu erledigen?“

„Ja, aber nur sehr wenig. Das schaffe ich locker, nachdem ich mit dem Kochen fertig bin.“

Zach winkte ihr zu und ging zum Zimmer der beiden Söhne. Wie er erwartet hatte, saß Josh vor dem Bildschirm, auf dem ein PlayStation-Spiel lief. „Hallo.“ Zach ging zu dem Zwölfjährigen und fuhr ihm mit der Hand über das Haar.

Der Junge sah kurz auf. „Hallo, Dad.“

„Ich dachte, du wolltest Hausaufgaben machen.“

„Damit bin ich schon fertig.“

„Wirklich?“

Josh nickte. „Wirklich. Wir hatten nicht viel auf, nur Mathe.“

„Zeig mal.“

„Da drüben, auf dem Tisch.“

Jeder der beiden Jungen hatte einen kleinen Schreibtisch. Jasons Schreibtisch war, wie es seinem Ordnungssinn entsprach, sauber aufgeräumt. Joshs Tisch dagegen war mit Stapeln von Papier, Büchern und allem möglichen anderen Kram bedeckt. Obenauf lag eine Seite, die mit Rechenaufgaben vollgeschrieben war.

Bevor Zach sie noch lesen konnte, sprang Josh plötzlich auf. „Oh, Mann. Ich habe ja ganz vergessen, dass ich mich um fünf Uhr mit Travis bei der Schule treffen wollte. Wir wollten Basketball spielen. Das ist doch okay, oder?“

„Ja, wenn du um halb sieben wieder zum Abendessen zu Hause bist.“

Josh rannte los, weil es schon kurz vor fünf war.

Zach ging zum anderen Ende des Flurs, wo sein Schlafzimmer war. Er zog die Jacke aus, nahm den Gürtel mit dem Revolver ab und entfernte die Patronen aus der Trommel. Dann hängte er die Waffe in den Schrank und schloss ihn sorgfältig ab. Er vergaß nie, die Waffe außer Reichweite der Kinder zu verwahren, auch wenn sie alt genug waren und er sie so erzogen hatte, dass sie wussten, wie gefährlich der Umgang mit einer Waffe sein konnte.

Zehn Minuten später hatte er alte bequeme Jeans und ein T-Shirt angezogen und ging wieder hinunter in die Küche.

Hannah saß am Küchentisch und machte ihre Hausaufgaben. „Übrigens, ich habe vergessen, dir zu sagen, dass Grandma angerufen hat“, sagte sie, als ihr Vater eintrat.

„Soll ich sie zurückrufen?“

„Ja. Sie möchte, dass du morgen nach Dienstschluss bei ihr vorbeikommst. Sie macht Corn Chowder, und zwar so viel, dass es auch für uns alle reicht.“

Zach lief das Wasser im Mund zusammen, als er hörte, dass seine Mutter sein Leibgericht kochen würde. Seit er ein kleiner Junge war, war die dickflüssige Suppe aus frischem Mais, Butter, Zwiebeln, in Streifen geschnittenem Schinken und etwas Chilipfeffer für ihn das Leckerste gewesen, was er sich vorstellen konnte. „Wenn das so ist, dann rufe ich sie nachher an. Aber zuerst will ich den Zaun flicken.“ In der Woche zuvor hatte ein Gewittersturm mehrere Holzlatten aus dem Zaun gebrochen.

„Gute Idee“, meinte Hannah. „Mrs. Abbott hat schon gefragt, wann du das endlich machen willst.“ Mrs. Abbott war die Nachbarin, deren Garten an den der Tates grenzte.

Während Zach die neuen Zaunlatten zurechtsägte und festnagelte, dachte er wieder an Maggie. Er wollte sie auf jeden Fall sehen. Sollte er sie vielleicht anrufen? Oder sollte er es so arrangieren, als ob sie sich zufällig träfen?