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Annelie Ramsbrock

Korrigierte Körper

Annelie Ramsbrock

Korrigierte Körper

Eine Geschichte künstlicher Schönheit in der Moderne

WALLSTEIN VERLAG

Gerda Henkel Stiftung, Düsseldorf

sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Für Jacob

Inhalt

Einleitung

I.    Von der Weisheit zum Wissen Körper und künstliche Schönheit im 18. Jahrhundert

1. Die Idee der »inneren Schönheit«: Religiöse und moralische Argumente gegen das Schminken

2. Das Ideal der Vollkommenheit: ästhetische Fürsprachen für die Kunst des Schminkens

3. Die »trockene Toilette« und die antike Humoralpathologie

4. Der Einfluss der Naturwissenschaften: moderne Argumente gegen die »trockene Toilette«

II.   Regulierte Körper Kosmetik und Hygiene im 19. Jahrhundert

1. Zur Popularisierung der Kosmetik: Leitbilder und Regulative

2. Soziale Implikationen: Bildung, Moral und das Ideal der Natürlichkeit

3. Exkurs: Kosmetik und Normalität

III.  Renovierte Körper Medizinische Kosmetik zwischen Fin de Siècle und Weimarer Republik

1. Die kosmetische Dermatologie: chemische und physikalische Verfahrensweisen

2. Die Wiederherstellungschirurgie: Entwicklungen vom 19. Jahrhundert bis zum Ersten Weltkrieg

3. Zur Entstehung der Schönheitschirurgie: psychophysische und kunstanatomische Denkweisen

IV. Simulierte Körper Kosmetik und Konsum in der Zwischenkriegszeit

1. Weichenstellungen: moderne Weiblichkeit und Werbepsychologie

2. Das Gesicht: Jugendlichkeit und das Ideal der ›zweiten Natur‹

3. Die Silhouette: das Ideal der androgynen Formen und die (Un-)Ordnung der Geschlechter

4. Schönheit als Visitenkarte: eine Lust und eine Last

5. Medizin oder Konsum? Kosmetiker im Schönheitssalon

V.   Vom Wissen zum politischen Gewissen Soziale Kosmetik zur Zeit der Weltwirtschaftskrise

1. Martin Gumpert: soziale Kosmetik als Sozialmedizin

2. Schönheit als Politikum: soziale Kosmetik im Widerstreit der Sozialversicherungen

3. Sozialpolitische Maßnahmen: die »Fürsorgestellen für Entstellungskranke«

Resümee

Quellen- und Literatur

Abbildungsnachweise

Dank

Einleitung

Im Jahr 1756 fragte das Hannoverische Intelligenzblatt seine Leserinnen und Leser, ob »das Schminken oder das sogenannte Anlegen der rothen Schönfarbe sündlich« sei »oder nicht«? Manche sprachen sich gegen das Schminken aus. Es sei nicht mit der Vorstellung menschlicher Gottebenbildlichkeit zu vereinbaren. Andere erhoben es dagegen zum »allerliebsten Kammermädgen der Natur«.1 1816 suchte der Schmiedegesell Michael Schubring den Chirurgen Carl Ferdinand von Graefe auf. Schubring hatte seine Nase durch einen Säbelhieb verloren. Greafe transplantierte das fehlende Organ.2 1895 entdeckte Wilhelm Conrad Röntgen die nach ihm benannten Strahlen. Schon wenige Jahre später dienten sie auch der Heilung von Hautkrankheiten.3 1896 kam ein kleiner Junge mit seiner Mutter in die Sprechstunde des Berliner Chirurgen Jacques Joseph. Physisch war das Kind vollkommen gesund, doch litt es unter so genannten »Eselsohren«.4 Es wollte eine Schönheitsoperation; Joseph willigte ein. 1903 stellte der dänische Arzt Niels Ryberg Finsen die stimulierende Wirkung ultravioletter Sonnenstrahlen auf das Gewebe der Haut fest. Da er den Versuch mit einer elektrischen Bogenlampe gemacht hatte, war ein »kosmetischer Heilfaktor ersten Ranges« entstanden: die künstliche Höhensonne.5 1918 wurde der türkische Leutnant Mustafar Ipar von Helfern des Roten Kreuzes in die Berliner Charité gebracht. Er hatte bei einer Schlacht an den Dardanellen beide Wangenknochen, die Nase, den Oberkiefer, die Lippen, die Zunge und das rechte Auge durch Granatbeschuss verloren. Nach einer aufwändigen Transplantation konnte er entlassen werden – mit einem vollständig rekonstruierten Gesicht.6 1928 portraitierte das Zeitmagazin Uhu den Harvard-Professor Bennet O. Flaxlander als neuen »Schlankheitsapostel«. Er hatte den »Pneumatischen Hüftformer« erfunden – eine Apparatur, die zur Modellierung der weiblichen Silhouette geeignet erschien.7 1933 berichtete die Vossische Zeitung: »Aus der Schönheitspflege ist die soziale Kosmetik hervorgegangen. Sie stellt eine unentbehrliche Waffe im Lebenskampf dar«. Damit habe sich die Kosmetik »durchaus und grundlegend geändert«; sie sei nicht mehr nur »einer Gesellschaftsschicht vorbehalten«.8 Kosmetik war zum Bestandteil der Sozialmedizin geworden.

*

All diese Begebenheiten, fast zwei Jahrhunderte umfassend, sind Teile einer gemeinsamen Geschichte. Sie erzählt von Schönheit und von Hässlichkeit, von Kunst und von Natur, von Gesundheit und von Krankheit, von Gesellschaft und Geschlecht, von Konsum, Kapital und Politik und dabei stets vom Körper, der, wie Carolyn Walker Bynum betont hat, entweder »überhaupt kein eigenes Thema« ist oder »so gut wie alle Themen« umfasst.9 Sämtliche Begebenheiten handeln von korrigierten Körpern, genauer: von einer Kunst, die bis heute dazu dient, die Erscheinung jeweils geltenden Schönheitsvorstellungen anzupassen. Diese Kunst wird seit dem 19. Jahrhundert als »Kosmetik« bezeichnet, was, von kosméo (ΧΟσμέω) abgeleitet, so viel wie »ordnen« und »schmücken« bedeutet.

Dieses Buch untersucht die Geschichte kosmetischer Ordnungen als Geschichte der physischen Anverwandlung gesellschaftlicher Ordnungsmodelle. Dabei geht es einerseits um die Ordnung naturwissenschaftlichen Wissens, das das kosmetische Handeln leitete, und andererseits um soziale Ordnungsmodelle, an denen sich kulturelle Lesarten kosmetischer Korrekturen ausrichteten. Zwar folgten Schönheitsvorstellungen stets ästhetischen Standards, doch soll im Folgenden verdeutlicht werden, dass es – so die grundlegende These dieser Arbeit – gleichermaßen Kulturen des Wissens und des Wertens waren, die diese Standards überhaupt erst hervorbrachten.

Indem dieses Buch die gesellschaftliche Bedeutung von Schönheit behandelt, widmet es sich einem Thema, das in den Kultur- und Sozialwissenschaften zunehmend Beachtung findet. Entsprechende Studien lenken ihre Aufmerksamkeit zumeist auf die Wirkungsmacht der schönen Erscheinung und heben ihre Bedeutung als Garant für evolutionsbiologische Vorteile10 oder Sozialprestige11 hervor. Sicherlich: Schönheit wird sinnlich erfahren, und ihre Feststellung kann persönliche und gesellschaftliche Auswirkungen haben. Und dennoch ist sie mehr als nur eine ästhetische Momentaufnahme und mehr als nur ein Agent sozialer Wirkungsmächtigkeit. Sie hat auch eine Geschichte, die erkennen lässt, dass die Ausprägung und Beurteilung schöner Körper selbst Ausdruck von gesellschaftlichen Normen ist. Schönheitsideale waren in der Moderne stets das Ergebnis von Verwissenschaftlichung und Vergesellschaftung, die beide einen wesentlichen Ausdruck in kosmetischen Korrekturen fanden. Daher war die Feststellung des schönen Körpers auch nicht nur die Sache eines »Geschmacksurteils«, sondern zudem eines »Erkenntnisurteils« im Sinne einer vermeintlich objektiven Einsicht.12 Auf welche Weise aber wandelten sich diese Erkenntnisse und Einsichten seit dem späten 18. Jahrhundert? Welche konkreten Vorstellungen von Schönheit brachten sie hervor, welche gesellschaftlichen Deutungsmuster des schönen Körpers? Diese Fragen möchte das vorliegende Buch beantworten, indem es die Geschichte physischer Schönheit als eine Geschichte ihrer technischen Erzeugung und sozialen Bewertung denkt und analysiert.

Die stete Veränderung der kosmetischen Wissensordnung ist daher ein wesentlicher Aspekt dieses Buches, das keinem heute gängigen Verständnis von Kosmetik folgt und keine Geschichte des Schminkens schreibt.13 Stattdessen nimmt es den wissenshistorischen Bedeutungswandel des Begriffs »Kosmetik« ernst und beleuchtet eine Reihe von Verfahren, die in der Moderne ausgebildet wurden, um Körper im Namen der Schönheit zu gestalten. Was meint aber »Kosmetik«? Seit der Begriff erstmals 1853 in die Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie für die gebildeten Stände aufgenommen wurde, bedeutete er zwar »Salben, Puder und besonders Schminke«, doch wies das Lexikon zugleich darauf hin, dass »kein vernünftiger Mensch« darin die »wahren Schönheitsmittel« suchen würde.14 Seitdem meint Kosmetik stets mehr: im 19. Jahrhundert moderne Hygiene; im frühen 20. Jahrhundert kosmetische Dermatologie und Schönheitschirurgie; nach dem Ersten Weltkrieg auch medizinisch-technische Apparaturen zum Hausgebrauch und am Ende der Weimarer Republik zudem »soziale Kosmetik«.

Die Verwissenschaftlichung der Kosmetik

Vor dem Hintergrund dieser Entwicklung liegt es nahe, die Geschichte der Kosmetik zunächst als Geschichte von Verwissenschaftlichung zu denken. Damit fügt sich dieses Buch in eine Reihe von Studien, die in den vergangenen Jahren verfasst wurden, um die gesellschaftlichen Auswirkungen moderner natur- und sozialwissenschaftlicher Erkenntnisprozesse aufzuzeigen.15 Schon Max Weber hatte das zentrale Element dieses Prozesses beschrieben: den Glauben an die prinzipielle Berechenbarkeit und Beherrschbarkeit aller vermeintlich natürlichen und sozialen Phänomene.16 Dass zu diesen nicht nur die Lebenswelt des Menschen zählte, sondern auch der Körper und die Psyche, konnten historische Studien mittlerweile zeigen. Sei es am Beispiel der Physiologie,17 der Biologie,18 der Kriminologie19 oder der Psychiatrie;20 sie alle stellen einen Beitrag zur neueren Wissenschaftsgeschichte dar, die sich nicht mehr als ein bloßer »Erinnerungsdienst« an prominente Wissenschaftler und ihre Entdeckungen versteht, sondern »die historische Dimension des Wissens und seine Repräsentationsformen, seine grundlegenden Kategorien und Medien, seine Praktiken und kulturellen, sozialen und ökonomischen Verwebungen« aufdecken will.21

Diese Arbeiten greifen, mal mehr und mal weniger explizit, die Erkenntnistheorie des polnischen Mikrobiologen und Wissenschaftstheoretikers Ludwik Fleck zur »Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache« auf, die erstmals 1935 auf Deutsch erschien.22 Darin hat Fleck das Konzept der diskursiven Eigenlogik (natur)wissenschaftlicher Erkenntnisprozesse in Frage gestellt und stattdessen die Bedeutung des wissenschaftlichen »Denkkollektivs« als »Träger geschichtlicher Entwicklung eines Denkgebietes, eines bestimmten Wissensbestandes und Kulturstandes, also eines besonderen Denkstiles« hervorgehoben.23 Wissenschaftler seien aufgrund ihrer Zeitgenossenschaft an bestimmte »Denkstile« gebunden, als ein »gerichtetes Wahrnehmen, mit entsprechendem gedanklichen und sachlichen Verarbeiten des Wahrgenommenen«,24 weshalb ihr Erkenntnisgewinn auch als Ausdruck von historischen und sozialen Faktoren verstanden werden müsse. Auf welche Weise diese Denkfigur für die Geschichte der humanwissenschaftlichen Wissensproduktion nutzbar gemacht werden kann, ist zwar im Hinblick auf den menschlichen Körper untersucht worden, doch bewegen sich entsprechende Studien vor allem ›unter der Haut‹.25 Dass aber auch die Körperoberfläche das Interesse von ›Denkkollektiven‹ auf sich zog und ebendaran die Verflechtung von wissenschaftlichen Erkenntnisprozessen und gesellschaftlichen Ordnungsmodellen deutlich gemacht werden kann, hat die Wissenschaftsgeschichte dagegen kaum beachtet.

An diesem Punkt setzt die vorliegende Arbeit an und fragt erstens nach den verschiedenen Archiven des Wissens, aus denen sich die Kosmetik vom späten 18. Jahrhundert bis zum Ende der Weimarer Republik bediente. Dabei zeigt sich, dass ihre Denkfiguren und ihre Handlungsmaximen im Verlauf von hundertfünfzig Jahren mit disparaten Kulturen des Wissens verwoben waren: zunächst mit den Erkenntnissen der Pharmazie, der Pharmakologie und der Physiologie, sodann mit denen der Radiologie, der Bakteriologie, der Chirurgie und der Psychologie und schließlich mit denen der Sozialmedizin. Diese Verflechtung lässt deutlich erkennen, dass die Kosmetik, selbst wenn sie sich stets wissenschaftlich gab, keine Wissenschaft im engeren Sinn war. Sie produzierte keine eigentlichen humanwissenschaftlichen Erkenntnisse, sondern schöpfte aus denjenigen Wissensbeständen, die zu verschiedenen Zeiten über Konzepte von Gesundheit und Krankheit entschieden.

Dennoch kann die Geschichte korrigierter Körper als eine Geschichte der Verwissenschaftlichung begriffen werden. Zum einen verweist sie auf den Transformationsprozess von natur- und sozialwissenschaftlichem Wissen in den Bereich der Schönheitsproduktion; zum andern lässt sie eine Abfolge von Entwicklungen erkennen, die als paradigmatisch für Verwissenschaftlichungsprozesse beschrieben worden sind: 1. die wissenschaftliche Thematisierung und Problematisierung eines Phänomens, das in vormodernen Gesellschaften nicht wissenschaftlich behandelt oder gedeutet worden ist:26 Auch die künstliche Herstellung von Schönheit rückte erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts ins Blickfeld der Medizin, nachdem die modernen Naturwissenschaften die Deutungsmacht über die Funktionen des menschlichen Körpers von der Naturgeschichte übernommen hatten. 2. die Ausdifferenzierung und Professionalisierung neuer medizinischer Fachdisziplinen:27 Gegen Ende des 19.Jahrhunderts vereinten sich die kosmetische Dermatologie und die Schönheitschirurgie zu einer medizinischen Kosmetik und entwickelten physikalische und operative Verfahren zur nachhaltigen Modellierung der Körperoberfläche. 3. die Verwissenschaftlichung des Sozialen:28 Zwar hatten Mediziner ihre Forschungen schon seit Beginn des 20. Jahrhunderts auf gesellschaftliche Probleme bezogen, doch erhoben sie Schönheitsfehler erst zur Zeit der Weltwirtschaftskrise zu einem milieubedingten sozialen Nachteil und entwickelten »soziale Kosmetik« als spezifische Form staatlicher Fürsorgebemühungen.

Um die jeweiligen Kennzeichen des kosmetischen Verwissenschaftlichungsprozesses herausarbeiten zu können, geht das erste Kapitel in die 1750er Jahre zurück und beleuchtet die wissenschaftlichen Voraussetzungen für die Entstehung moderner Kosmetik. In einem ersten Schritt werden Schönheitsdebatten in zeitgenössischen Intelligenzblättern untersucht, die zu verstehen geben, dass die Herstellung von Schönheit vornehmlich in der Anwendung von Puder und Schminke bestand. Zugleich lassen diese Abhandlungen erkennen, dass die Bewertung des Schminkens zumeist religiösen bzw. philosophischen Anthropologien folgte. In einem zweiten Schritt werden Gesundheitskatechismen und populärwissenschaftliche Schriften des späten 18. Jahrhunderts analysiert, die auf einen epistemischen Wandel in der Beurteilung des geschminkten Gesichts verweisen. Die Entstehung und Entwicklung der empirisch-experimentell denkenden Naturwissenschaften hatten das Wissen von der Anatomie und den biochemischen Vorgängen im Körper radikal verändert. Einerseits erkannte die moderne Physiologie die Stoffwechselfunktionen der Haut und hob die gesundheitliche Bedeutung gereinigter Poren hervor. Andererseits machte die moderne Pharmakologie darauf aufmerksam, dass Quecksilber, Blei und Zinnober als Bestandteile der Schminken toxisch seien und durch die Haut ins Körperinnere geleitet würden. Beides, das Wissen der Physiologie und das der Pharmakologie, wurde schließlich von Ärzten herangezogen, um auf die negativen Folgen des Schminkens hinzuweisen und die Herstellung von Schönheit eng mit der Gesundheitspflege zu verknüpfen.

Das zweite Kapitel zeigt, dass ebendiese Entwicklung den Beginn des kosmetischen Verwissenschaftlichungsprozesses markierte. Darin werden die Strukturen, Medien und Regeln des kosmetischen Diskurses im 19. Jahrhundert untersucht, und es wird nach den Denkfiguren gefragt, die das moderne kosmetische Handeln leiteten. Wissenschaftsgeschichtlich betrachtet war es die moderne Hygiene, die zum leitenden Paradigma der Gesundheitspflege wurde. Allerdings war Hygiene mehr als nur ein »Zauberwort der Moderne« und stellte mehr als nur den »Ort der Gesundheit« dar;29 sie hatte auch konkrete Auswirkungen auf die Wahrnehmung und Herstellung von Schönheit und bestimmte die kosmetischen Paradigmen. Auf welche Weise aber die Kosmetik die hygienische Ordnung zu ihrer Leitidee machte und die Herstellung von Schönheit diesem Wissen sowohl normativ als auch in der praktischen Anwendung unterordnete, ist in diesem Zusammenhang eine zentrale Frage. Es wird verdeutlicht, dass Kosmetik wie Hygiene primär zu einem Verhaltensideal wurde, das Ärzte im Namen der Schönheit anleiteten. Was verstanden diese Männer konkret unter ›normalem Verhalten‹? Welche Umgangsweisen mit dem eigenen Körper empfahlen sie? Inwieweit spielten Umweltfaktoren bei der Herstellung von Schönheit eine Rolle? Da die kosmetische Wissensordnung von populärwissenschaftlichen Schönheitsratgebern verbreitet wurde, wird zudem deutlich werden, wie eng Verwissenschaftlichungs- und Popularisierungsprozesse schon in der Entstehungsphase moderner Kosmetik miteinander verwoben waren. Schließlich geraten auch die Adressaten dieser Bücher in den Blick. Da sie sich zumeist an »gebildete Frauen« wandten,30 aber zugleich keine klassischen Bildungswerte vermittelten, wird abschließend der Frage nach ihrem spezifischen Bildungsauftrag nachgegangen und das Verhältnis von Schönheitsproduktion und bürgerlicher Selbstbildung ausgelotet.

Im dritten Kapitel geht es um die Entstehung der professionellen medizinischen Kosmetik um die Wende zum 20. Jahrhundert. Auch hier geraten zunächst die epistemischen Voraussetzungen in den Blick. Aus der Bakteriologie war seit den 1870er Jahren die Dermatologie hervorgegangen, die Hautkrankheiten nun als Folge bakterieller Infektionen behandelte. Außerdem konnte mit den Entdeckungen von Asepsis und moderner Anästhesie in den 1840er Jahren das Operationsspektrum deutlich erweitert werden: Die Gefahr von Infektionen und der Schmerz beim Schnitt in den Körper hatten infolge dieser Errungenschaften deutlich nachgelassen. Beide Entwicklungen sollten Einfluss auf die Herstellung von Schönheit nehmen, die damit zunehmend in das Betätigungsfeld von Ärzten rückte.31 Mit welchen Begründungsmustern Dermatologen und Chirurgen eine medizinische Kosmetik etablierten und welche medizinisch-technischen Apparaturen und Operationstechniken sie entwickelten, um Körper professionell zu korrigieren, sind dabei die leitenden Fragen. Medizinische Handbücher und Fachzeitschriften, von Ärzten für Ärzte geschrieben, liegen diesem Kapitel als Quellen zugrunde. Sie geben einerseits Auskunft über medizinische Verfahrensweisen, andererseits verweisen sie auf neuartige Konzepte von Schönheit, die im Zuge dieser Entwicklung entworfen wurden. Obwohl sich diese Konzepte grundlegend vom Schönheitsideal des 19. Jahrhunderts unterscheiden, ging es der Kosmetik nach wie vor um die Herstellung von Normalität als Ausdruck von Gesundheit. Während der kosmetischen Dermatologie medizinisch anerkannte Kriterien zur Bestimmung der pathogenen Epidermis zur Verfügung standen, war die Schönheitschirurgie mit der Aufgabe konfrontiert, das ›normale‹ bzw. ›pathologische‹ Profil des Gesichtes als ihren wesentlichen Behandlungsgegenstand überhaupt erst bestimmen zu müssen. Wie veränderten sich dabei die Begründungsmuster für operative Eingriffe in den Körper, die bis dahin nur im Namen der physischen Gesundheit vorgenommen wurden? Welchem Normalitätsverständnis folgten sie, und welche konkreten Konzepte von Gesundheit gingen daraus hervor? Welche Techniken und Apparate wurden zur Vermessung des Körpers herangezogen bzw. entwickelt, und auf welche Weise konnten ›objektive‹ Daten dazu beitragen, das neue Wissen von den ›normalen‹ Formen zu stabilisieren?

Da der Professionalisierungsprozess der Schönheitschirurgie in einem engen Zusammenhang mit Entwicklungen in der Wiederherstellungschirurgie steht, behandelt das dritte Kapitel auch die Denk- und Verfahrensweisen dieser medizinischen Fachdisziplin. Dazu werden entsprechende Lehrbücher und Operationsprotokolle herangezogen, die seit dem 19. Jahrhundert verfasst wurden. Eine besondere Stellung nimmt der Erste Weltkrieg ein, den Schönheitschirurgen als ihren »großen Lehrmeister« bezeichneten.32 Anhand von Archivmaterial aus der Berliner Charité, konkret: der Abteilung für Gesichtsplastik, die von Juni 1916 bis Januar 1922 von der Heeresleitung unterhalten wurde, wird erkennbar, dass die Gesichtsverletzten ein bis dahin nicht dagewesenes chirurgisches Experimentierfeld boten, auf dem sich die Handlungsmaximen der Wiederherstellungschirurgie mit denen der Schönheitschirurgie verknüpften.

Das vierte Kapitel verdeutlicht, dass zu den zentralen Instanzen der Popularisierung kosmetisch-medizinischen Wissens in den zwanziger Jahren die Kosmetiker und Kosmetikerinnen gehörten. Sie waren keine Ärzte, strebten aber wie die Schönheitschirurgen nach der Anerkennung ihre Profession als Heilberuf. Dazu machten sie sich neben dermatologischen Erkenntnissen auch die Anwendung von Techniken zunutze, die von der Apparatemedizin bereits Ende des 19. Jahrhunderts zur Heilung von Hautkrankheiten bereitgestellt worden waren. Kosmetiker arbeiteten vornehmlich in klinisch eingerichteten Schönheitssalons und organisierten sich Ende der zwanziger Jahre in einem Berufsverband. Dadurch unterstrichen sie ihren Expertenstatus. Zudem gründeten sie eigene Fachzeitschriften und verfassten eigene Ausbildungsstatuten, die deutlich machen, dass der Professionalisierungsprozess dieser Berufsgruppe von der gleichzeitigen Aneignung medizinischen Wissens und der Abgrenzung zur professionellen Dermatologie gekennzeichnet war. Dass sich Kosmetiker darüber hinaus als Konkurrenten der kosmetischen Industrie verstanden, wirft die Frage auf, inwieweit diese Profession nicht selbst als ein Produkt der modernen Konsumgesellschaft verstanden werden muss. Dazu werden die Schönheitssalons und der kosmetische Berufsverband als Orte der Schönheitsvermittlung untersucht und gezeigt, inwiefern medizinisches Wissen und moderner Konsum miteinander verflochten waren.

Das fünfte Kapitel zeigt schließlich, dass durch die zunehmende Möglichkeit des kosmetischen Konsums ganz neue soziale Problemlagen entstanden, aufgrund derer sich das Betätigungsfeld der Sozialmedizin ausweitete. Hatte diese ihr Augenmerk bis dahin auf Krankheiten wie Syphilis, Tuberkulose oder Alkoholismus gerichtet, die sich aus den oft erbärmlichen Lebensverhältnissen der sozialen Unterschichten ergaben, identifizierte sie in den Jahren der Weltwirtschaftskrise auch die »Entstellung« als eine »soziale Krankheit«. Das »riesige Angebot von Arbeitskräften«, so die Beobachtung von Sozialmedizinern, bringe »eine gewisse physische Auslese« mit sich.33 Deshalb entwickelten sie ein sozialstaatliches Programm für »soziale Kosmetik«, das auf den Handlungsprinzipien öffentlicher Fürsorgestellen beruhte. Vor diesem Hintergrund wird gezeigt, in welchem Maße die »Verwissenschaftlichung des Sozialen« Raum griff und auch die »soziale Kosmetik« an der »Konstruktion der sozialen Welt« beteiligt war.34 Welche Ursachen identifizierten Sozialmediziner in dieser Phase der Verwissenschaftlichung für äußere Makel als ein vermeintlich dringliches Problem der Mittellosen? Mit welchen Begründungen nahmen sie für sich in Anspruch, auch dieses Problem lösen zu können? Welche Vorstellungen von Gesundheit entwickelten sie? Welche Konzepte von Normalität? Weiter wird herausgearbeitet, aus welchen Gründen sich die sozialmedizinischen Experten mit ihrer »sozialen Kosmetik« im sozialpolitischen Feld nur bedingt durchsetzen konnten und mit welchen öffentlichen Ressentiments sie sich auseinandersetzen mussten. Abschließend stellt sich die Frage, welche konkreten Möglichkeiten sich denjenigen boten, die glaubten, von äußeren Makeln gezeichnet zu sein, allerdings keine finanziellen Mittel für eine kosmetische Behandlung hatten, und welche Instanzen es waren, die ihre vorgebrachten Leiden am Ende verwalteten. Als Grundlage dienen hier der Sozialmedizin nahestehende Fachzeitschriften, die Tagespresse mit ihrer emphatischen Debatte über die Notwendigkeit »sozialer Kosmetik« sowie die Selbstzeugnisse des Sozialmediziners Martin Gumpert und der Nachlass des Sozialpolitikers Julius Moses, der beiden wichtigsten Wegbereiter »sozialer Kosmetik«.

Kosmetik und Vorstellungen von Normalität

Obwohl die Geschichte der Kosmetik so weit als eine Geschichte ihrer Verwissenschaftlichung geschrieben werden kann, ist sie damit noch nicht angemessen zu erfassen. Denn: Was verbindet bürgerliche Frauen des 19. Jahrhunderts mit den Gesichtsverletzten des Ersten Weltkriegs? Was haben Kundinnen von Kosmetikinstituten mit den Patienten »sozialer Kosmetik« gemein? Kann es allein die Beobachtung sein, dass ihre Körper alle zum Gegenstand von Verwissenschaftlichung wurden? Oder deuten die disparaten Wissenskulturen sowie die verschiedenen Adressaten der Kosmetik nicht vielmehr an, dass es sich um unterschiedliche Geschichten handelt, die keinen gemeinsamen Fluchtpunkt haben? Die Geschichte der Kosmetik stellt zwar eine Geschichte von Verwissenschaftlichung dar, sie umfasst allerdings zugleich verschiedene Geschichten des Wissens. Dennoch haben diese Geschichten einen Fluchtpunkt, ein gleiches Thema, das die Schönheitsdiskurse leitete und das kosmetische Handeln bestimmte: die Vorstellung von Normalität – eine neue »Leitidee«, die sich im 19. Jahrhundert »langsam gegenüber älteren, diätetischen Vorstellungen der Gesundheit« durchsetzte und in die verschiedensten Gesellschaftsbereiche diffundierte.35

Dass der Körper zu diesen Bereichen zählte und Vorstellungen von Normalität unterworfen wurde, ist mittlerweile unumstritten.36 Dabei haben körper- und wissenshistorische Arbeiten gezeigt, dass die modernen Naturwissenschaften sich diverser Messinstrumente wie Uhren, Waagen, Thermometer oder Pulsmessgeräte bedienten, um die Natur des Körpers als »objektiv, rational und wissenschaftlich« zu beschreiben.37 Stets ging es ihnen um dasselbe Ziel: die »Kenntnis pathologischer und abnormer Zustände«, die, wie Claude Bernard bereits 1865 für die Konzeption der wissenschaftlichen Medizin konstatierte, nur über die Einsicht in den »Normalzustand« gewonnen werden könne.38 Das allerdings entsprach nicht nur dem allgemeinen Anspruch der Naturwissenschaften, sondern auch dem Anspruch der Kosmetik. Doch anders als der Medizin standen ihr keine besonderen Vermessungstechniken zur Verfügung, um die Natur des schönen Körpers objektiv zu erfassen. Genauer: Die Kosmetik entwickelte dazu (mit Ausnahme der Schönheitschirurgie) keine spezifischen Apparate und Verfahren. Stattdessen erhob sie den korrigierten Körper (und das gilt wiederum auch für die Schönheitschirurgie) zu einem Dispositiv medizinischen Wissens, indem sie Vorstellungen von Schönheit mit normativen Konzepten von Gesundheit verknüpfte.

Vorstellungen von Gesundheit, das ist in der Forschung ebenfalls unstrittig, können nicht ohne gesellschaftliche Zusammenhänge verstanden werden, innerhalb derer sie entstehen und Geltung gewinnen. Das formulierte der Schweizer Arzt und Medizinhistoriker Henry E. Sigerist bereits in den 1930er Jahren, wenn er schrieb: »Wir erkennen, daß die Medizin aufs engste verknüpft ist mit der allgemeinen Kultur, daß jede Wandlung im medizinischen Denken bedingt ist durch die Wandlungen in der Weltanschauung ihrer Zeit.«39 Da sich die kosmetischen Verfahrensweisen an vorherrschenden Konzepten von Gesundheit ausrichteten, waren sie wie die Medizin mit der ›allgemeinen Kultur‹ und ihren Vorstellungen von Normalität verwoben. Deshalb kann auch für die Wissensgeschichte der Kosmetik angenommen werden, was schon im Anschluss an Niklas Luhmann für die Soziologie beobachtet worden ist: Sie ist »selber nur ein Teil, eine besondere Ausdrucksform der Selbstbeschreibung der Gesellschaft«, wodurch »die strikte Trennlinie zwischen wissenschaftlichen und alltagsweltlichen Deutungen der Wirklichkeit ein Stück weit eingeebnet wird und die Wissenschaftsgeschichte ein Teil der allgemeinen Mentalitäts- und Ideengeschichte werden kann«.40

Insofern können auch Gesundheitskatechismen und Schönheitsratgeber, medizinische Handbücher, Fachzeitschriften und Lehrbücher von Kosmetikern, Zeitmagazine und kosmetische Werbeanzeigen sowie sozialmedizinische und sozialpolitische Schriften zur »sozialen Kosmetik« als Texte gelesen werden, die sowohl die zu ihrer Zeit möglichen kosmetischen Techniken vermittelten als auch auf gesellschaftliche Vorstellungen von Normalität verweisen, die historisch so wandelbar sind wie die Archive des Wissens, aus denen sich die Kosmetik bediente. Da Vorstellungen von Normalität auf jeweils anerkannten Werten beruhen, ist davon auszugehen, dass diese Werte auch Eingang in Schönheitsideale fanden.

Um die jeweiligen Verflechtungen von wissenschaftlichen und kulturellen Ansichten des Normalen in den Blick zu bekommen, werden verschiedene Konzepte von Normalisierung für die Analyse fruchtbar gemacht. So lässt sich die Kosmetik des 19. Jahrhunderts auf den von Jürgen Link geprägten Begriff des »normalen Verhaltens« bringen, das er als wesentlich für moderne Vergesellschaftungsprozesse erachtet;41 in diesem Zusammenhang ließe sich auch von einer »Disziplinierung« im Sinne Michel Foucaults sprechen, also von einer bewussten An- und Einpassung von Körpern an und in ein bestimmtes Regulativ.42 Die kosmetischen Denk- und Handlungsweisen im frühen 20. Jahrhundert (der Schönheitschirurgie ebenso wie der »sozialen Kosmetik«) knüpfen hingegen an die Überlegungen des französischen Wissenschaftsphilosophen George Canguilhem an, der zeigen konnte, dass Annahmen des Pathologischen nicht nur auf der quantitativen Verschiebung vom naturwissenschaftlich bestimmten Normalzustand beruhen, sondern sich ebenso aus der »Beziehung des Organismus zu seiner Umwelt« ergeben.43 Auf welche Weise wissenschaftliche und soziale Konzepte von Normalität eine Repräsentanz in Schönheitsvorstellungen fanden, ist eine Frage, die über den gesamten Untersuchungszeitraum verfolgt wird und die Klammer um die verschiedenartig korrigierten Körper und die unterschiedlichen Adressaten der Kosmetik bildet.

Da korrigierte Körper somit gleichermaßen das Produkt von medizinischen und gesellschaftlichen Normen waren, sie nicht nur hergestellt wurden, sondern stets auch sozialen Deutungen unterlagen, stellen sie zudem ein gesellschaftliches Ordnungssystem dar und geben Auskunft über soziale, kulturelle und politische Werte. Sie dienten der Gesellschaft, so lautet deshalb eine weitere Grundannahme, als eine besondere Spielart ihrer Selbstbeschreibung und dem Einzelnen zur praktischen Selbstreflexion. Welche konkreten sozialen Ordnungsmuster spiegelten sie, welche Strukturen von Gesellschaft? Mit welchen spezifischen Werten wurden sie verbunden? Das ist ein zweiter Fragezusammenhang dieses Buches.

Korrigierte Körper als Ort gesellschaftlicher Selbstbeschreibung

Dass Körper kulturell codiert sind und wissenschaftliche Denksysteme wie soziale Repräsentationen und politische Handlungsmaximen zum Ausdruck bringen, haben körperhistorische Arbeiten vielfach deutlich gemacht.44 Ebenso ist der Körper als Träger sozialer Symbole und als Medium der Selbstinszenierung untersucht worden.45 Sowohl geschichtswissenschaftliche wie soziologische Studien haben dabei auf die klassische Unterscheidung von Natur und Kultur Bezug genommen. Eine solche Lesart des Körpers folgt einer Denkfigur, die seit den 1960er Jahren von der Sozialanthropologie verbreitet wird. Insbesondere Mary Douglas hat auf die enge Verflechtung des »individuell-physischen« und des »gesellschaftlich-symbolischen« Körpers hingewiesen und das Ganze auf die Formel des »sozialen Körpers« gebracht:46 Der Körper als »soziales Gebilde« steuert einerseits die Art und Weise, wie er als »physisches Gebilde« angesehen wird; andererseits werde in der durch soziale Kategorien modifizierten Wahrnehmung des Körpers eine »bestimmte Gesellschaftsauffassung« manifest. Zwischen dem sozialen und dem physischen »Körpererlebnis« findet demnach ein »ständiger Austausch von Bedeutungsgehalten« statt, bei dem sich beide wechselseitig stärken. Infolge dieser »beständigen Interaktion« sei der Körper ein »hochgradig restringiertes Ausdrucksmedium«: ein Symbol, das allein im Kontext seiner Verwendung an Bedeutung gewinnt.47 Douglas erläuterte: »Ein für unterschiedliche Kulturen gültiges, allgemein menschliches Symbolsystem, ist schlechterdings unmöglich, denn erstens entwickelt sich jedes Symbolsystem eigenständig, nach bestimmten, ihm innewohnenden Regeln, zweitens unterliegt es den formenden Einflüssen unterschiedlicher kultureller Umwelten, in denen dann unterschiedliche Sozialstrukturen noch ein weiteres Moment der Variabilität bilden.«48 Demnach können physische Symbole nur dann sinnstiftend wirken, wenn sie systematisch mit jeweils geltenden gesellschaftlichen Werten verbunden werden. Wenn aber nicht einmal die »Natur« des Körpers ein in allen Kulturen gleichermaßen zu lesendes Symbol ist, so liegt es erst recht nahe, kosmetische Korrekturen als Symbole zu deuten, die nur in Zeit und Raum sozialen Sinn gewinnen können.

Auf welche Weise die korrigierten Körper als symbolhafte »soziale Körper« wahrgenommen wurden, wird in diesem Buch, das ist schon hervorgehoben worden, anhand historisch wandelbarer Vorstellungen von Normalität erschlossen. Dabei wird einerseits deutlich, dass Vorstellungen von Normalität eng mit Konzepten von Gesundheit verflochten waren; andererseits zeigt sich das, was Mary Douglas dem »sozialen Körper« an sich zusprach: dass der »Wert«, der den Symbolen der Körperkontrolle beigemessen wird, »um so höher« sei, »je höher die sozialen Zwänge« bewertet werden.49 Tatsächlich wurden Konzepte von Gesundheit im kosmetischen Denken stets erweitert – von der organischen über die psychische zur ›sozialen Gesundheit‹; zugleich erfasste der gesundheitliche Wert der Kosmetik nach und nach alle sozialen Schichten: vom Bürgertum im 19. Jahrhundert über die »neue« Mittelschicht der Angestellten in der Weimarer Republik bis zu den sozialen Unterschichten in den Jahren der Weltwirtschaftskrise. Diese Entwicklung legt die Annahme nahe, dass Kosmetik als ein spezifisches Mittel zur Formung der Gestalt nicht nur peu à peu immer mehr Menschen die Möglichkeit der Körperinszenierung bot. Offenbar gab es außerdem eine zunehmende Schönheitspflicht, der sich am Ende der 1920er Jahre keine Gesellschaftsschicht mehr entziehen konnte.

Vor diesem Hintergrund kann die Kosmetik in Anlehnung an Mary Douglas ebenfalls als eine Form der »Körperkontrolle« verstanden werden. Dabei geht es allerdings nicht um die Relation von Mensch und Maschine und nicht um die Frage nach dem »Technischen« am Körper und dem »Lebendigen« an der Technik, die zunehmend zur Diskussion steht;50 auch geht es nicht um die ethisch-moralische Beurteilung der Amalgamierung von Mensch und Maschine.51 Da mit kosmetischen Praktiken stets gesellschaftliche Werte zum Ausdruck gebracht wurden, liegt es weit näher, ihre Kontrollfunktion auf sozialer Ebene zu vermuten, konkret: in der persönlichen Selbstkontrolle. Doch anders als es soziologische Studien im Hinblick auf die heutige Bedeutung von Kosmetik – insbesondere die Schönheitschirurgie – nahelegen, schlug »das menschliche Streben nach Selbstperfektion« im Verlauf der Moderne keinesfalls in »Selbstzerstörung« um.52 Vielmehr will diese Arbeit darauf hinlenken, dass die korrigierten Körper als ein Medium der Selbstbildung dienten, die in der physischen Anverwandlung solcher Werte bestand, die zu verschiedenen Zeiten als gesund und normal angesehen wurden.

Auf einer zweiten Ebene wird deshalb verdeutlicht, inwieweit der kosmetische Verwissenschaftlichungsprozess mit der fortschreitenden sozialen Ausdifferenzierung der Gesellschaft korrespondierte.

Wie eng die Wahrnehmung des Physischen mit moralischen Wertsetzungen verflochten war, lässt sich schon im Schönheitsdiskurs des 18. Jahrhunderts erkennen, den deshalb das erste Kapitel in den Blick nimmt. Doch es waren erst die Schönheitsratgeber des 19. Jahrhunderts, die ein ›natürliches‹ Schönheitsideal systematisch mit den Werten der Aufklärung verknüpften. Dass es diesen Büchern nicht nur um den »normalen Zustand« des weiblichen Organismus ging,53 sondern ebenso um den der Gesellschaft, wird im zweiten Kapitel herausgearbeitet. Da Ulrike Döcker bereits gezeigt hat, dass Gesundheit zu einer Chiffre für die »leibhaftige Vernunftbegabtheit des Mittelstandes« geworden war, stellt sich die Frage, inwieweit auch die korrigierten Körper »zu einem Beweis höherer Bildung und größerer Begabung für gesellschaftliche Beziehungen und damit auch zu einem Mittel der sozialen Distinktion« gemacht wurden.54 So sprachen aus der Kritik am Schminken zwar stets die Sorgen um die Physiologie, darüber hinaus diente sie aber als eine Strategie bürgerlicher Selbstbeschreibung. Während Natürlichkeit zu einem Symbol für Tugend und Sittsamkeit erhoben wurde, erklärten diese Bücher das geschminkte Gesicht zum Zeichen von Luxus und Frivolität. Allerdings finden sich in ihren Anhängen immer auch Rezepte zur Herstellung von Schminken, was die Frage aufwirft, mit welchen Begründungsmustern diese Mittel Akzeptanz finden konnten und ob die darin zum Ausdruck kommende Ambivalenz zwischen Natürlichkeit und Künstlichkeit nicht schon als Teil bürgerlicher Selbstbeschreibung zu begreifen ist. Dass sich die Schönheitsratgeber explizit an Frauen wandten, obwohl sie Gesundheit als universellen Wert verhandelten, muss ebenfalls als Ausdruck bürgerlichen Ordnungsdenkens verstanden werden. Da sie nicht nur die Herstellung physischer Schönheit anleiteten, sondern zudem bestrebt waren, die »Idee der Schönheit« als weiblichen Teil der Geschlechtscharaktere zu regulieren,55 stellt sich abschließend die Frage nach dem Verhältnis von Kosmetik und weiblicher Lebensführung.

Im Rahmen der Schönheitschirurgie, die im dritten Kapitel behandelt wird, steht nicht mehr die Gesundheit der Gesellschaft, sondern die des Individuums im Vordergrund. Während es in einigen anderen Wissenschaften um die Jahrhundertwende, wie beispielsweise der Eugenik, weiterhin um die Gesundheit der Gesellschaft ging,56 zeigt sich bei der medizinischen Kosmetik, dass diese – wie etwa die Psychoanalyse – sehr viel stärker mit den mentalen Befindlichkeiten einzelner Menschen befasst war. Patienten der Schönheitschirurgie beiderlei Geschlechts klagten nämlich vor allem über psychische Leiden, die sie auf die Gestalt ihres Gesichtes zurückführten und die sie zum Anlass nahmen, eine Schönheitsoperation einzufordern. Das Kapitel analysiert deshalb die spezifischen Problemlagen, mit denen die medizinische Kosmetik seit der Jahrhundertwende konfrontiert war. Der Erste Weltkrieg nimmt auch in diesem Zusammenhang eine besondere Stellung ein, da er den Höhepunkt der Wiederherstellungschirurgie und zugleich die Ausdifferenzierung der Schönheitschirurgie bedeutete. Denn auch in dieser medizinischen Disziplin waren – wenngleich sie es mit vollkommen anderen Erscheinungen zu tun hatte als die Schönheitschirurgie – schon seit dem 19. Jahrhundert psychophysische Denkweisen vertreten worden, an deren Plausibilität mit Blick auf die Gesichtsverletzten niemand mehr zweifelte. Inwieweit aber die Schönheitschirurgie auf objektiv feststellbare Schönheitsfehler reagierte oder diese Entwicklung nicht vielmehr von Seiten der Betroffenen mit angestoßen wurde, was bedeutet, dass je individuelle Vorstellungen von Normalität auch medizinisches Denken und Handeln bestimmten, ist eine Frage, der bislang kaum nachgegangen worden ist und die deshalb im Zentrum dieses Kapitels steht.57

Parallel zur Entwicklung der Schönheitschirurgie entstand nach dem Ersten Weltkrieg eine kosmetische Konsumkultur, die auf eine veränderte Ordnung der Geschlechter reagierte und deren ›Gesundheit‹ diskutierte. Frauen hatten mit der Weimarer Verfassung von 1919 nicht nur das Recht auf politische Partizipation erhalten, sie nahmen auch zunehmend am öffentlichen Erwerbsleben teil. Dabei besetzten sie vor allem Posten im Dienstleistungssektor, die noch vor dem Krieg hauptsächlich Männersache waren, so etwa Sekretäre, Stenographen oder Verkäufer. Da sich die Frau der neuen Mittelschicht, die Angestellte, auch äußerlich zumeist von der Erscheinung traditioneller Weiblichkeit unterschied und zudem ökonomisch unabhängig war, wurde sie bereits von Zeitgenossen als Ikone weiblicher Emanzipation gedeutet.58 Dagegen ist bis heute kaum bemerkt worden, dass die von Illustrierten, Werbeanzeigen und Romanen verbreiteten Vorstellungen weniger berufliche Kompetenzen als vielmehr die äußere Erscheinung zur eigentlichen Qualifikation der Frau erklärten. Wie daraus eine neue Konkurrenzsituation zwischen Frauen geschaffen wurde, die den Eindruck steigerte, dass erst die ›Vermännlichung‹ der Frau beruflichen Erfolg garantiere, wird im Rahmen des vierten Kapitels gezeigt. Umgekehrt deuteten Zeitgenossen das androgyne Schönheitsideal als Reaktion auf ein verändertes Bild des Mannes, was die Forschung bislang ebenfalls nicht berücksichtig hat. Als Folge des verlorenen Krieges und der häufig bis in die zwanziger Jahre hinein wirkenden Erfahrung von Tod und Verwundung hatte dieses Bild andere Konturen angenommen, worauf schon zeitgenössische Publizisten aufmerksam machten; viele Veteranen hätten die »Idee der Kraft«59 auf den Schlachtfeldern hinter sich gelassen und seien nunmehr »verweiblicht«.60 Deshalb suchten sie – im Sinne der antiken Sage des Hermaphroditen – nach ihrem geschlechtlichen Pendant: einer maskulin wirkenden Partnerin. Diese Vorstellung entsprach zwar zeitgenössischen Theorien der Bisexualität, wie sie etwa aus Otto Weiningers Geschlecht und Charakter hervorgehen,61 doch wirft sie vor allem die Frage auf, inwiefern die Erscheinung moderner Weiblichkeit überhaupt als ein Hinweis auf ihre politische und ökonomische Emanzipation gelesen werden kann oder ob daraus nicht vielmehr traditionelle geschlechtsspezifische Ordnungsvorstellungen sprechen, die noch immer als ›gesund‹ und ›normal‹ angesehen wurden.

Im Rahmen der »sozialen Kosmetik« rückten die korrigierten Körper wieder ins Blickfeld der Medizin, konkret: der Sozialmedizin, womit sich auch Vorstellungen von Gesundheit auf dem sozialmedizinisch abgesteckten Feld des Normalen und Pathologischen bewegten. Sozialmediziner wollten Schönheitsoperationen zum Bestandteil staatlicher Fürsorge machen, da sie selbst leichte »Entstellungen« als milieubedingte Krankheiten identifiziert hatten. Sie argumentierten, dass die operative Korrektur von »Entstellungen« ein Privileg der Wohlhabenden sei, jeder äußere Makel aber zugleich den Wettbewerb um Arbeit erschwere, weshalb die sozial schwachen Schichten in doppelter Weise benachteiligt seien. In diesem Zusammenhang ging es nicht etwa um schwere Deformationen, wie sie die Gesichtsverletzten zeichneten, sondern um reine Schönheitsfehler, die als Zeichen einer »sozialen Krankheit« verstanden wurden. Inwieweit dabei aber konkrete Vorstellungen des Hässlichen erst hervorgebracht und bestimmte Erscheinungsformen des Gesichtes zum Makel erklärt wurden, die nicht zuletzt die Selbstwahrnehmung der Unterschichten mit prägten, ist eine leitende Frage im fünften Kapitel. Dabei handelte es sich niemals nur um das Problem, dem die allgemeine Schönheitschirurgie nachging, nämlich das Selbstbild und das gebrochene Selbstwertgefühl von Einzelnen zu korrigieren. Stattdessen will dieses Kapitel zeigen, dass sich Vorstellungen von »Entstellung« aus der öffentlichen Wahrnehmung eines Individuums ergaben, also aus der »Beziehung des Organismus zu seiner Umwelt«.62 Daran anschließend stellt sich schließlich die Frage, inwieweit die (wenn auch gebrochene) sozialpolitische Akzeptanz »sozialer Kosmetik« konkrete Auswirkungen auf die gesellschaftliche Wirklichkeit der Unterschichten zeitigte und auf welche Weise sie den Rahmen ihrer wirtschaftlichen Handlungsmöglichkeiten mit absteckte.

Während es noch im Nationalsozialismus »soziale Kosmetik« gab, ging die Behandlung von ›Entstellungen‹ nach 1945 peu à peu im Pflichtleistungskatalog der Krankenkassen auf. Doch nicht nur »soziale Kosmetik« ist heute (wenn auch anders genannt) zum selbstverständlichen Bestandteil der Schönheitspflege geworden. Überhaupt ist das gegenwärtige kosmetische Handeln, wenngleich fraglos ausdifferenzierter und verfeinerter, im Kern von denjenigen Techniken bestimmt, die im Zuge der Verwissenschaftlichung der Schönheitspflege vom 19. Jahrhundert bis zum Ende der Weimarer Republik entwickelt wurden. Auch ist nicht von der Hand zu weisen, dass die Gestaltung des Körpers weiterhin nicht frei von sozialen Werten und Normsetzungen erfolgt, die sich, je nach gesellschaftlicher Stellung und politischer Haltung, in verschiedenster Weise in den kosmetischen Praktiken widerspiegeln, trotz der scheinbaren Hegemonie des Individualismus. Wissenschaft und Gesellschaft begannen also am Ende der Aufklärung gleichermaßen vorzugeben, was als schön anzusehen sei, und bis heute hinterlassen sie ihre Spuren ›auf der Haut‹ – vollkommen unabhängig davon, welches ästhetische Ideal der Einzelne zum Ausdruck bringen will.

I. Von der Weisheit zum Wissen Körper und künstliche Schönheit im 18. Jahrhundert

Das Hannoverische Intelligenzblatt war ein Anzeigenblatt, das nach englischem Vorbild amtliche Bekanntmachungen wie Gerichtstermine, Ausschreibungen, Konkurse, Verkäufe, Vermietungen oder Familienanzeigen veröffentlichte. Dabei bezog sich der Begriff der Intelligenz nicht etwa auf den geistigen Zustand der Adressaten, sondern verwies im Sinne des englischen Wortes intelligence auf den Begriff der Nachricht.1 Seit 1756 brachte das Blatt eine Beilage mit Namen Nützliche Sammlungen heraus, in der unter anderem so genannte »Aufgaben« gestellt wurden. Sie fragten teils nach dem Wissen und teils nach der Meinung der Leserinnen und Leser, und sie umfassten Themen, die gesellschaftlich mal mehr und mal weniger relevant waren, sei es die Entstehung von Sprichwörtern, die Konservierung von Lebensmitteln, die Erklärung von Naturgewalten oder – wie im 83. Stück vom 15. Oktober 1756 – die Einstellung zum Schminken.

»Ist das Schminken oder das sogenannte Anlegen der rothen Schönfarbe von dem weiblichen Geschlecht sündlich, oder nicht? In wie weit ist dieses mit dem Gebrauch des Haarpuders zu vergleichen, und welches ist am strafbarsten? die Ursache dieser Verlarvung?«2

Diese Fragen gewinnen vor dem Hintergrund der Zeit an Sinn, in der die Nützlichen Sammlungen erschienen, der so genannten »Sattelzeit«, in der sich das politische Denken ebenso veränderte wie gesellschaftliche Ordnungsvorstellungen. Mit dem aufgeklärten Absolutismus endete nicht nur eine Staatsauffassung, die allein dem Adel die gesellschaftliche Elitenbildung zusprach, sondern zudem die »selbsteigene Verfälschung«, wie Daniel Caspar von Lohenstein (1635-1683) die Erscheinung der alten Aristokratie bezeichnet hatte.3 Dem künstlichen Schönheitsideal stellten der aufgeklärte Adel und das aufstrebende Bürgertum ein natürlich erscheinendes entgegen, woraus mehr als nur eine ästhetische Vorliebe sprach. Natürlichkeit stand für die Werte der Aufklärung, für Tugend, Moral und Verstand, Künstlichkeit dagegen für Hoffart und Hochmut, Verschwendung und Verlogenheit – Eigenschaften, die schon das geschminkte Gesicht der höfischen Gesellschaft zu symbolisieren schien.

Auch die Nützlichen Sammlungen erhoben das Schminken zu einem moralischen Problem. Schließlich wollten sie nicht diskutieren, ob das geschminkte Gesicht ein schönes sei, sondern, ob das Schminken »sündlich« sei. Obwohl die »Aufgabe« tendenziös gestellt war, lehnten nicht alle Leserinnen und Leser den Gebrauch der »rothen Schönfarben« ab. Zwar pflichteten die meisten der Aufgabenstellung bei und verwarfen das Schminken aus religiösen, moralischen oder politischen Gründen. Doch erhoben sich auch Stimmen, die es mit einem Verweis auf philosophische Konzepte von Vollkommenheit oder naturgeschichtliche Körperkonzeptionen rechtfertigten.

Indem das Schminken im Spannungsverhältnis von Artefakt und Authentizität, Maskerade und Aufrichtigkeit bewertet wurde, ging es um soziale und kulturelle Wertsetzungen, die vor allem auf theologischen und philosophischen Weisheiten gründeten, nicht aber auf wissenschaftlichen Erkenntnissen. Erst am Ende des 18. Jahrhunderts sollte sich dieser Blickwinkel mit der Durchsetzung der modernen Naturwissenschaften verschieben.