Epub cover

Erotissima unleashed

Kurzgeschichten

von Alexa Himberg, F.T. Eigenbrodt, Danilo Lapierre, XXX, Anna van Verö, Vio Carpone, Jana Ohn, Eve Bauhaus, Ann Westphal, RoSa, Jörg R. Will, Greta Leander und Greta L. Vox

© Copyright: bei den AutorInnen/Cupido Books, 2018

ISBN 978-3-944490-76-2 für die gedruckte Ausgabe

ISBN 978-3-944490-75-5 für das eBook

Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck, digitale oder jedwede sonstige Verwertung ist grundsätzlich untersagt, sie bedarf der schriftlichen Freigabe durch den Verlag.

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Cupido Books, Im Dau 3, 50678 Köln

Covergestaltung: Cupido Books

unter Verwendung eines Fotos von Tushnov Alexey/Shutterstock

Gefangen (Trapped) – von Ann Westphal

Ich bin eine Gefangene.

Ich bin seine Gefangene, liege in seinem Bett, spüre die Wärme seines Körpers neben mir. Er hat versprochen, mir nichts zu tun, hat sich zu mir gelegt, um mich zu wärmen. Die anderen Frauen im Lager sagen, ich brauche keine Angst vor ihm zu haben – er hat noch nie einer, die er mit in sein Zimmer genommen hat, Gewalt angetan. Sie sagen, er habe sie sein Bad benutzen lassen, ihnen zu essen gegeben und sich ausschlafen lassen. Doch nie hat eine von ihnen erwähnt, dass er das Bett mit ihr geteilt hatte. Haben sie sich geschämt, hat er sie unter Druck gesetzt, nichts zu verraten, oder hat er sich wirklich nicht zu ihnen gelegt?

Ich zittere immer noch, wenn auch weniger als vor dem Bad und der heißen Suppe. Wie die anderen gesagt haben, durfte ich ein warmes Bad nehmen – in aller Ruhe, mit richtiger Seife und Shampoo. Er hat mich aufgefordert, die Tür von innen zu verschließen, um mich sicher zu fühlen. Er hat alles getan, damit ich keine Angst vor ihm haben muss, und doch zittere ich.

„Schhhh, ich tue dir nichts. Ist dir immer noch kalt?“

„Mmm“, gebe ich kaum hörbar von mir. Ich bin doch sonst nicht so kleinlaut, erkenne mich selbst nicht mehr. Was habe ich denn schon getan? Flugblätter verteilt und demonstriert – gegen ein Regime der Unterdrückung und Ungerechtigkeit. Wir alle haben uns nichts zuschulden kommen lassen, wir sind keine Kriminellen. Man macht uns zu solchen, steckt uns ins Arbeitslager, um uns ruhig zu stellen.

Er rückt näher, legt seinen Arm um mich. Er liegt nun unmittelbar an meiner Rückseite. „Schlaf“, fordert er mich mit seiner warmen, dunklen Stimme auf. Er ist es gewohnt, zu befehlen. Ich bin müde, unendlich müde und erschöpft. Die harte Arbeit, die kalten Zellen, immer nur kaltes Wasser zum Waschen und lausiges Essen – all das fordert seinen Tribut. Dazu die ständige Angst und elend lange Verhöre. Sie wissen, wie man aufsässige Regimegegner zermürbt.

Hier bei ihm fühle ich mich zum ersten Mal seit Wochen wieder wie ein Mensch. Ich höre ihn atmen – ruhig und tief. Ob er schon schläft? Ich weiß nicht, ob ich ihm trauen kann. Ich möchte ihm trauen, möchte in seinen warmen, kräftigen Armen liegen, mich endlich entspannen, ruhig schlafen, ohne zu frieren.

„Verdammt.“ Ein leiser Fluch zwischen den Zähnen hervorgestoßen. Ich wache auf und weiß im ersten Moment nicht, wo ich bin. Es ist inzwischen hell. Ich muss tatsächlich in seinen Armen eingeschlafen sein. Ich habe nicht bemerkt, wie er aufgestanden ist. Mein Körper fühlt sich zum ersten Mal seit langem nicht durchgefroren und verspannt an, sondern warm und leicht. Ich blinzele vorsichtig. Er steht neben dem Bett und zieht sich seine Uniformhose an. Zum Schlafen hatte er sie abgelegt und ist mit den üblichen langen Militärunterhosen zu mir ins Bett gekommen, als er mich mit den Zähnen klappern hörte. „Ist dir immer noch nicht warm?“, hatte er gefragt und mich wortlos ein Stück zur Seite geschoben – für ihn eine Leichtigkeit. Er ist groß und schlank und zugleich voller Kraft. Klar definierte Muskeln zeichnen sich unter seinem Shirt ab.

Er sieht plötzlich zu mir herüber, als ob er ahnt, dass ich ihn beobachte. Schnell schließe ich die Augen wieder.

„Herrgott nochmal“, zischt er leise. Ich blinzele wieder, sehe ihn im Profil. Nun verstehe ich, weshalb er flucht. Seine Unterhose hebt sich im Bereich seiner Lenden zeltartig ab – er hat Probleme, seine Hose darüber zu ziehen und seine beträchtliche Erektion darin zu verstauen. Wieder wendet er mir sein Gesicht zu. Hastig schließe ich die Augen. Hoffentlich hat er nicht bemerkt, dass ich Zeugin seiner körperlichen Regungen geworden bin. Er ist also ein Mann aus Fleisch und Blut. Ein Mann, der Wort hält, auch wenn ihn Gelüste überkommen, die er an mir ausleben könnte, wenn er wollte – er hätte die Physis und die offizielle Befugnis, es zu tun. Erzwungener Sex – eine Waffe so alt wie die Menschheit. Abscheulich und niemals auszurotten. Ich würde ihn hassen, wenn er seine Möglichkeiten ausschöpfen würde, auch wenn er ein schöner Mann ist, den ich unter normalen Umständen begehren würde. Er ist deutlich älter als ich – vielleicht Mitte vierzig. Sein Haar ist kurz geschnitten, vermutlich war es früher dunkel, jetzt ist es von vielen grauen Strähnen durchsetzt und wirkt dadurch heller. Sein Gesicht ist offen und klar, seine Augen dunkelgrau und freundlich – man ist geneigt, ihm alles zu glauben, was er sagt. Zu mir ist er bislang ehrlich gewesen. Ich empfinde keine Angst mehr in seiner Gegenwart – zumindest momentan.

„Ich weiß, dass du wach bist.“ Er hat also doch meine verstohlenen Blicke bemerkt.

„Ich habe nicht ...“, platze ich wie eine ertappte Diebin heraus anstatt mich schlafend zu stellen.

„Doch, du hast mich beobachtet. Mir brauchst du nichts vorzumachen.“ Zu seiner offensichtlichen Erleichterung ist es ihm doch noch gelungen, seine Hose zu schließen. „Es ist nicht leicht für einen Mann, eine ganze Nacht neben einer schönen Frau zu liegen und sie nicht so anfassen zu dürfen, wie es ihm sein Körper diktiert.“

Ich setze mich auf und protestiere: „Ich bin nicht schön ...“

„Doch, bist du. Ein bisschen zu mager vielleicht. Ich habe den Koch offenbar nicht scharf genug ermahnt, nicht so knauserig zu sein. Ihr arbeitet hart.“

„Einfacher wäre es, uns zu entlassen – wir haben schließlich nichts verbrochen.“

„Öffentliche Regimekritik ... Aufwiegelung der Massen ...“ Seltsam, er klingt, als sei er selbst nicht davon überzeugt, dass dies ein triftiger Grund für eine derart harte Bestrafung ist.

„Man kann unseren Willen brechen, aber nicht unsere innere Überzeugung. Niemals.“ Warum halte ich nicht meinen Mund? Ich müsste eingeschüchtert sein, wie gestern Abend, als er mich mit zu sich genommen hat, bibbernd vor Kälte und Furcht. Er kommt näher, setzt sich auf die Bettkante, umfasst meine Schultern – ganz sanft. Ich verspüre keine Angst – seltsam. Er fährt mit seinen Daumen entlang meiner Schlüsselbeine, die aus dem Ausschnitt meines Gefängnis-Trikots herausragen. Immer noch keine Angst. Stattdessen ein anderes Gefühl – eine unpassende und undefinierbare Erregung. Er sieht mich eindringlich an. „Du musst mehr essen, sonst überstehst du das hier nicht. Du hast nicht mal die Suppe ganz aufgegessen, die ich gestern Abend für dich geordert habe.“

Meine Stimme bebt: „Angst ist stärker als Hunger.“

Er wirkt ein wenig verärgert: „Ich habe es dir schon gesagt: Du musst keine Angst vor mir haben – ich tue dir nichts.“

Seine Worte reizen mich zum Widerspruch: „Doch, du sperrst mich gegen meinen Willen ein.“

„Ich kann nicht anders. Ich habe meine Befehle.“ Es macht ihm offenbar nicht das Geringste aus, dass ich jegliche Hierarchie missachte, ihn duze, mit ihm wie mit einem Gleichgestellten spreche. Ich setze noch einen oben drauf: „... denen du blind gehorchst.“ Er lächelt, lässt meine Schultern los, streift zärtlich meine Wange mit der Rückseite seines Zeigefingers. Dann steht er auf und sieht auf mich herab – überlegen und stark.

„Ich gehorche niemandem blind. Ich lege die Vorschriften so weit es geht zugunsten der Gefangenen aus. Bei meinen Vorgesetzten bin ich bereits als renitent verschrien. Ich muss aufpassen, den Bogen nicht zu überspannen, sonst werde ich schneller versetzt als ich das Wort Befehlsverweigerung aussprechen kann. Ich halte meine Leute an, euch nicht zu schlagen. Ich beschaffe meinen Männern Huren, damit sie euch in Ruhe lassen ...“

„ ... oder damit wir dir zur Verfügung stehen.“

„Du weißt, dass das nicht wahr ist!“ Der Zorn in seiner Stimme ist nicht zu überhören. „Ich habe nie – nie – auch nur eine von euch angefasst, oder hat das jemals eine von den anderen Frauen behauptet?“

Ich lasse meinen Kopf sinken und schüttele ihn. Meine dunklen Locken fallen nach vorne über meine Schultern – ein ungewohntes Gefühl. Ich habe sie bislang unter einem Kopftuch verstecken müssen – Einheits-Gefangenen-Look. Er setzt sich wieder zu mir aufs Bett und schiebt eine Strähne hinter mein Ohr. Dann beugt er seinen Kopf vor, vergräbt seine Nase in meinen Haaren und atmet tief ein.

„Dein Haar ist wunderschön, Nadja Kalvodova.“ Er kennt meinen Namen – ich dachte, wir sind nur Nummern für ihn. Für uns ist er Kommandant Melnikow, Sergei Melnikow.

„Ein Wunder, dass ihr es uns nicht abrasiert habt.“

Er lacht leise auf. „Anweisung von mir. Habe schon ziemlichen Ärger deswegen bekommen.“

Ich bin mir nicht sicher, ob er mich mit seiner Bemerkung auf den Arm nimmt. Trotzig stoße ich ein verächtliches Schnauben aus. „Sorgen und Nöte eines Offiziers ... und dann auch noch durchgefrorene Frauen in deinem Bett, die dich in Verlegenheit bringen.“

„Ich bleibe sonst immer auf der Liege – du hast so laut mit den Zähnen geklappert, dass ich nicht schlafen konnte.“

„Eine gute Ausrede ist einen Rubel wert.“

„Dir muss doch klar sein, dass ich mehr für euch tue als ich darf. Es gehört zur Zermürbungsstrategie des Regimes, dass ihr wenig schlaft, euch nicht regelmäßig waschen könnt und frieren müsst.“

„Schlechtes Essen, Verhöre und unmenschliche Arbeitsbedingungen hast du vergessen.“

Er schüttelt den Kopf. „Nein, habe ich nicht. Ich weiß das alles. Mir sind die Hände gebunden. Ich riskiere hier ständig Kopf und Kragen, weil ich andauernd gegen die Vorschriften verstoße. Wenn sie mich rauswerfen, wird ein anderer kommen, der euch das Leben erst recht zur Hölle macht.“

„Noch höllischer kann es kaum werden.“

„Du hast keine Ahnung ... Ich werde veranlassen, dass sie dich für ein paar Tage auf die Krankenstation bringen – du musst wieder zu Kräften kommen.“

„Damit ich noch härter arbeiten kann?“

Inzwischen ist er wieder aufgestanden und zieht sein Hemd an. „Ich mache mir Sorgen um dich – reicht das?“, fragt er gereizt, während er das Hemd zuknöpft. Dann zieht er seine Uniformjacke über und geht zur Tür. Es hat geklopft. „Ich hole dich hier in einer Stunde ab. Du kannst das Bad benutzen, in Ruhe essen, dich anziehen.“ Er öffnet. Jemand, den ich vom Bett aus nicht sehen kann, da er an der Schwelle stehen bleibt, überreicht ihm ein Tablett und sagt: „Frische Sachen bringe ich gleich, Kommandant Melnikow.“

Er ist das Alphatier in Person. Niemand stellt seine Anordnungen infrage, als er den knappen Befehl erteilt, ich sei in der Krankenstation unterzubringen – ohne erkennbaren medizinischen Grund. Ich bin schließlich nicht die Einzige, die ausgezehrt aussieht.

Es sind nur wenige Frauen auf der Station. Eine hat hohes Fieber mit Verdacht auf Lungenentzündung, andere haben sich bei der Arbeit Verletzungen zugezogen, bei einer weiteren wurde eine Blinddarmreizung diagnostiziert. Hier ist es wärmer und sauberer als in den Arbeitssälen und den Zellen. Eine Krankenschwester bringt Bücher und verteilt sie auf unseren Nachtschränken.

„Sollen wir jetzt auch noch was für unsere Bildung tun?“, lästert eine Gefangene.

„Anordnung vom Kommandant“, kommentiert die Schwester knapp. Sie legt mir Krieg und Frieden hin und tippt energisch auf den Buchdeckel. Ich soll offenbar hineinsehen. Ich nehme das Buch, sie nickt zufrieden und verschwindet.

Gute Dinge brauchen ihre Zeit ... steht auf einem Lesezeichen, das mir entgegenflattert, als ich das Buch öffne. Aus irgendeinem Grund weiß ich, dass dies eine Art Botschaft von ihm ist. Was er mir damit sagen will, weiß ich nicht. Vor vielen Jahren habe ich mir Tolstois Meisterepos schon einmal zu Gemüte geführt. Um diesen Wälzer ganz durchzulesen, müsste meine Krankheit noch ziemlich lange andauern.

Die Schwester kommt wieder, bringt uns Essen – besseres Essen als sonst. Sie fragt mich streng: „Haben Sie gelesen?“ Ich sehe sie verdutzt an und presse ein unbeholfenes „Ja“ hervor. Ihr schroffes Auftreten schüchtert mich ein. Sie nimmt das Buch und sieht nach, an welcher Stelle sich das Lesezeichen befindet. Sehr weit bin ich nicht gekommen. Meine Erschöpfung holt mich immer wieder ein. Die Augen fallen mir beim Lesen ständig zu. Sie runzelt die Stirn und wirft mir einen mahnenden Blick zu. „Lesen Sie weiter.“ Ihr Ton lässt keinen Widerspruch zu.

Ich blättere im Buch, suche nach versteckten Botschaften, kleine Bleistifteinträge vielleicht – nichts. Also lese ich weiter. Tolstoi verstand sein Handwerk, zieht mich – wie damals schon – immer tiefer in seine Handlung hinein.

Pierre Bezukhov – Tolstois leidenschaftlicher, von philosophischen Fragen getriebener Held, dem er wohl selbst so ähnlich war. Auf der Suche nach der großen Liebe und dem Sinn des Lebens.

Ich denke an Luc. Er hat die Suche nicht überlebt, musste sterben, weil er an seinen Idealen festhielt, weil er sich nicht beugen wollte. Auch ich werde mich nicht beugen, und wenn ich dafür sterben muss.

Die unbarmherzige Schwester ist wieder da, nimmt mir das Buch aus der Hand, kontrolliert, wie weit ich vorangekommen bin. Sie nickt mir wohlwollend zu wie einem Kind, das brav tut, was die Erwachsenen verlangen. Warum tue ich das? Warum schüchtert mich diese Person so ein? Vier Tage sind inzwischen vergangen. Ich kann nun ausdauernder lesen – die Augen fallen mir kaum noch zu. Ich bin ausgeruht, gesättigt und warm.

Am siebten Tag beende ich Tolstois Werk. Von den Frauen hier habe ich erfahren, dass Melnikow nicht übertrieben hat, als er sagte, andere Offiziere machten den Gefangenen das Leben zur Hölle. Sie kennen andere Arbeitslager, sind froh, hier gelandet zu sein – unter seiner Obhut.

Hohes Fieber? Woanders kein Grund, eine Gefangene nicht weiter arbeiten zu lassen. Nicht heilende, offene Wunden? Kein Grund für einen Aufenthalt in der Krankenstation. Sanitäre Anlagen? Katastrophale hygienische Zustände. Tagelange Waschverbote. Sogar der Gang zur Toilette während der großzügig ausgedehnten Arbeitszeiten wird untersagt – beliebte Strafmaßnahme. Kollektivhaft für alle, um die Gefangenen gegeneinander aufzuhetzen, wenn sich eine etwas hat zuschulden kommen lassen. Und Gründe für Bestrafungen gibt es immer, berichten die anderen Frauen. Sie erzählen vom Fraß, der unser Essen hier beinahe wie Sterneküche dastehen lässt, Gewalt unter Gefangenen. Gewalt, ausgeübt vom Wachpersonal.

Allmählich verstehe ich, was Melnikow meinte, als er sagte, wir hätten Glück, dass er dem Lager vorsteht. Sie sprechen voller Respekt von ihm. Ich erinnere mich an eine anzügliche Bemerkung meiner Bettnachbarin: „Wenn der mir draußen begegnen würde ... naja, von der Bettkante würde ich ihn nicht schubsen, höchstens rein ins Bett.“ Der Klang lachender Frauenstimmen – ich hatte fast vergessen, wie sich das anhört. Zum Mitlachen ist mir allerdings nicht zumute.

Ich erinnere mich beschämt an die Gefühle, die er in mir hervorgerufen hat ... als ich seine Erregung sah ... als er mich berührte. Es ist so lange her – Luc ist nun schon fünf Jahre nicht mehr da, und es hat nach ihm nie einen anderen für mich gegeben.

„So, Sie sind wieder gesund.“ Entschlossen nimmt die Krankenschwester Krieg und Frieden an sich und scheucht mich aus dem Bett. Sie scheint froh zu sein, mich loszuwerden. Ich packe meine wenigen Habseligkeiten zusammen, hole das Lesezeichen aus der Schublade. Sie schnappt danach, als ginge es um Leben und Tod für sie, wenn sie nicht in seinen Besitz gelangt. Ich hätte es gerne behalten – es hat eine besondere Bedeutung für mich, wenn ich auch nicht weiß, warum.

In meiner Einzelzelle ist es kalt – wie gewohnt. Ich bin gestärkt, kann die Kälte nun erst einmal wieder besser verkraften. Dennoch fällt es mir schwer, einzuschlafen. Meine Füße sind schon wieder eiskalt, der Wasserhahn tropft unaufhörlich. Irgendetwas raschelt auf dem Boden – eine Maus? Oder Schlimmeres? Ich will es nicht wissen.

Ein Schlüssel wird ins Schloss gesteckt, jemand öffnet meine Zellentür. Ich fahre im Bett hoch, bin enttäuscht, als ich nicht die Stimme höre, auf die ich insgeheim gehofft habe. „Gefangene Kalvodova – zum Verhör.“ Jetzt? Mitten in der Nacht? Das haben sie bisher noch nie gemacht – bestimmt eine neue Methode, uns weich zu kochen. Ihr kriegt mich nicht klein! Ich bin stärker als vor einer Woche. Nein, so schnell lasse ich mich nicht unterkriegen!

Immerhin – ich darf mir noch mein Gefangenenkostüm anziehen, eine Art Trainingsanzug aus kratzigem, billigem Stoff, von Gefangenen genäht bis die Finger bluten. Der wachhabende Gefreite führt mich schweigend durch lange Gänge, die in hässliches Neonlicht getaucht sind. Es geht in einen anderen Gebäudetrakt, einige Treppen hinauf. Hier war ich schon einmal, aber nicht zum Verhör.

Das Licht wird angenehmer, die Flure breiter, Pflanzenkübel stehen herum. Hier sind die Stuben der oberen Dienstränge, hier war irgendwo sein Zimmer. Mein Herz schlägt wild – eben noch in banger Erwartung, nun vor Aufregung, ihn womöglich gleich wiederzusehen.

Tatsächlich machen wir vor seiner Tür Halt. Das Namensschild gibt mir letzte Gewissheit. Sergei Melnikow – sein Name lässt meinen Puls rasen. Noch bevor der Wachmann anklopfen kann, öffnet sich die Tür. Er trägt eine blaue Uniformhose und ein weißes Hemd, das unordentlich aus der Hose hängt, die oberen Knöpfe sind geöffnet, die Krawatte baumelt lose herab. Er sieht müde aus, wirft mir einen musternden Blick zu, greift nach meinem Handgelenk und zieht mich in sein Reich.

„Danke. Sie können gehen“, verabschiedet er meinen Bewacher knapp. Dieser salutiert respektvoll und tritt ab.

Ich frage mich, weshalb er sich bedankt – das Militär ist kein Ort der Höflichkeiten und des gepflegten Umgangstons. „Warum bedankst du dich bei ihm?“

Er sieht mich amüsiert an: „Du meinst, ich bin nicht rüde genug für einen Offizier?“

„So in etwa.“

Stimmt meine Vorstellung denn nicht? „Ich dachte, beim Militär wird ausschließlich mit gebrüllten Halbsätzen um sich geworfen – wer befiehlt, hat Recht ... und die Macht.“

„Man kann sich auch anders durchsetzen. Meine Männer verstehen mich auch ohne Gebrüll. Möchtest du das mit mir ausdiskutieren?“

„Nein.“ Ich möchte ihm am liebsten um den Hals fallen. Natürlich tue ich es nicht – diese Regung ist völlig fehl am Platz. Aus unerfindlichen Gründen freue ich mich unbändig, wieder bei ihm zu sein.

„Du hast den Tolstoi also abgeschlossen?“

„Woher ...?“

„Sie hatte den Auftrag, dich zu entlassen und mir das Lesezeichen zu bringen, sobald du es durchgelesen hast.“ Seine Mundwinkel verziehen sich. Ja, er grinst doch tatsächlich wie ein frecher Schuljunge. Er sieht plötzlich viel jünger aus als ich ihn eingeschätzt habe. „Du hättest langsamer lesen sollen. Es war der dickste Wälzer, den ich in der Bibliothek finden konnte.“

„Und ich dachte ...“ Ich halte mitten im Satz inne, fühle mich bei einer großen Dummheit ertappt.

„Was dachtest du?“

„Nichts.“ Er macht einen Schritt auf mich zu, kommt mir viel näher als er sollte. „Was dachtest du?“ Das ist seine Methode: Statt lauter wird seine Stimme leiser und umso eindringlicher.

„Ich ... ich habe vermutet ...“

„Ja?“

„Eine Art Botschaft, etwas, das mir das Buch sagen soll.“

„Krieg und Frieden sagt einem eine Menge – das stimmt ...“ Schon ist sein Gesicht wieder ernst. „Die eigentliche Botschaft war das Lesezeichen. Du hattest es in der Hand, wie lange du in der Krankenstation bleibst – offenbar ohne es zu wissen. Sieben Tage. Hast du dich etwas erholt? Du siehst gesünder aus als bei unserer letzten Begegnung.“

„Danke“, antworte ich knapp und kann mir die Frage nicht verkneifen: „Warum hast du mich holen lassen?“

„Weil ich es kann.“ Seine Stimme ist plötzlich ein wenig rau. Er kommt noch etwas näher, beugt seinen Kopf zu mir herunter, fast berühren sich unsere Lippen. Doch dann dreht er sein Gesicht schnell weg und gibt ein gequältes Schnauben von sich. Er deutet auf den gedeckten Tisch mit diversen Leckereien. „Komm, setz dich und iss. Ist dir kalt? Du kannst ein Bad nehmen.“ Ich fühle mich wie in einem Déjà-vu. Dieselben Worte wie vor einer Woche, und doch ist alles anders. Seine Anwesenheit macht mir keine Angst – nichtsdestotrotz habe ich keinen Hunger. Eine merkwürdige Spannung liegt in der Luft. „Oder möchtest du gleich schlafen?“

Nun liege ich also wieder in seinem Bett – alleine. Natürlich. Er hat sich für die Liege entschieden – schließlich störe ich die Stille diesmal nicht mit Zähneklappern. Die Liege quietscht. Er wälzt sich herum, kann offensichtlich ebenso wenig schlafen wie ich.

„Nadja?“

„Ja?“ Ich antworte viel zu hastig, als hätte ich nur darauf gewartet, dass er mich anspricht.

„Ist dir warm genug?“

Soll ich ehrlich sein? Und wenn ich einfach behaupte, mir sei kalt? Wird er sich dann wieder zu mir legen und mich in seinen Armen halten? Wird es ihn wieder so erregen wie beim letzten Mal? Nein, mir ist nicht kalt – im Gegenteil.

Ich höre, wie er aufsteht und zu mir kommt. Beinahe selbstverständlich schiebt er mich ein Stück zur Seite und legt sich hinter meinen Rücken. Er flüstert mir ins Ohr: „Keine Antwort ist auch eine Antwort.“ Ich spüre ihn an meiner Rückseite, warm, kraftvoll und: erregt. Er berührt meine nackten Füße mit seinen. Erst jetzt merke ich, wie kalt meine Füße noch immer sind, obwohl mir eigentlich heiß ist.

„Kalte Füße – das alte Frauenleiden ...“ Er setzt sich ans Bettende, nimmt meinen rechten Fuß und massiert ihn – sanft, fast hingebungsvoll berührt er Stellen, die mir wohlige Schauer durch den Körper jagen. Er scheint genau zu wissen, was er tut.

„Besser?“, fragt er, als er mit dem linken Fuß fertig ist. Als ob er es nicht selbst am besten wüsste.

„Ja.“ Von meiner Stimme ist nur noch ein Hauch übrig geblieben.

„Gut, dann schlaf jetzt, meine frostige Gefangene.“ Er macht Anstalten, wieder zu seiner Liege hinüber zu gehen.

Alles in mir sträubt sich dagegen. „Bitte bleib.“

„Du weißt doch, was das mit mir macht.“

„Aber ... die Liege quietscht.“

Er seufzt. „Ich kann so oder so nicht schlafen, wenn du bei mir bist ...“ Er legt sich neben mich und nimmt meine Hand. Wir liegen beide auf dem Rücken, unsere Augen sind nach oben gerichtet – zur imaginären Decke, denn wir sind blind in der Dunkelheit. „... und wenn du nicht bei mir bist, auch nicht ...“

„Ein Dilemma“, flüstere ich.

Er streichelt die Innenfläche meiner Hand mit seinem Daumen. „... das wir heute nicht mehr lösen werden ... Versuch’s mit Schäfchen zählen – ich tue es auch.“

Luc? Du bist hier bei mir, ich spüre dich. Du atmest tief. Ich habe mich eng an deinen Rücken geschmiegt, lege meinen Arm um deinen Körper, streichele deine Brust. Stoff – überall ist Stoff. Warum trägst du ein Hemd? Es ist doch so warm hier. Du riechst so gut. Ich atme deinen Duft tief ein. Meine Hand gleitet tiefer. Ich schiebe dein Shirt hoch, spüre deinen Bauch – er ist hart und noch muskulöser als sonst. Hast du trainiert? Wir haben uns so lange nicht gehabt. Ich will dich, muss dich endlich wieder in mir spüren. Ich bewege meine Hand weiter nach unten, entlang der feinen behaarten Linie unter deinem Bauchnabel. Du stöhnst leise auf – du bist also doch wach. Meine Finger arbeiten sich durch dichter werdende Härchen weiter vor – immer tiefer.

„Ich brauche dich, Luc.“

Ein stahlharter Griff umklammert mein Handgelenk.

„Hör sofort auf damit!“ Ich atme erschrocken ein. Er setzt sich abrupt auf, legt meine Hand demonstrativ zu mir zurück.

„Ich ... ich ... wollte nicht ... ich war im Halbschlaf, ich dachte ... ich ...“

„Ich weiß, was du dachtest. Schlaf weiter!“ Seine Stimme klingt aufgebracht. Seine Atmung ist beschleunigt.

„Aber ...“

„Schlaf einfach weiter ... und träum von ihm.“ Er ist nicht zornig, nein, er ist enttäuscht. Ich wollte das doch nicht. „Es tut mir leid.“ Ich wünschte, ich könnte sein Gesicht sehen, aber es ist zu dunkel.

Ich höre, wie er aufsteht und ins Bad geht. Er dreht das Wasser in der Dusche an. Wie spät ist es? Ein Poltern, wilde Flüche – ich muss nach ihm sehen. Irgendetwas stimmt da nicht. Unbeholfen tappe ich im Dunkeln in Richtung Bad. Ein dünner Lichtstrahl unter der Tür leitet mich. Wieder höre ich ihn fluchen: „Scheiße!“ Dann ein dumpfer Schlag.

Leise öffne ich die Tür. Noch ein Schlag. Sein Anblick verschlägt mir den Atem. Er kann mich nicht sehen, sein Rücken ist mir zugewandt – er scheint ausschließlich aus Muskeln zu bestehen. Wasser strömt über seinen Körper. Er flucht schon wieder und schlägt wütend mit der Faust gegen die Wand. Dann beugt er sich nach vorne. Seine eine Hand stützt sich an der Wand ab, die andere kann ich nicht sehen, doch ich weiß, was er damit tut.

Die Anspannung im Arm und die raschen Bewegungen, die er damit vollführt, sind eindeutig. Er bearbeitet seinen Schaft schnell und rücksichtslos, stößt voller Verzweiflung in seine Hand. Sein Becken zuckt wild. Er stöhnt – seine Stimme ist mir fremd. Seine Stöße werden noch energischer, sein ganzer Körper bebt. Er fickt seine Hand wie in Raserei. Ich kann meinen Blick nicht abwenden, starre ihn an – fasziniert, erregt. Plötzlich hält er inne. Hat er mich bemerkt? Ich erstarre. Er dreht sich zur Seite, sieht mich, fixiert meine Augen. Sein Mund ist leicht geöffnet, seine Atmung heftig. Ich kann mich immer noch nicht rühren, bin von seinen Blicken gebannt. Er fährt fort mit seinen Stößen, kann nicht aufhören – jetzt nicht mehr.

Er weiß es, ich weiß es. Er will, dass ich es sehe, ihm dabei zusehe, wie er kommt. Seine Bewegungen werden noch ein wenig schneller und härter. Er stöhnt nun immer wieder auf. Tief aus seinem Inneren dringt ein gequälter Laut – er versucht, einen Schrei zu unterdrücken. Ich sehe, wie sein Saft aus ihm herausschießt, sehe die weiße Flüssigkeit an der Duschwand, die sofort vom Wasser weggespült wird.

Er stützt sich mit beiden Händen an der Wand ab, lässt den Kopf hängen, ist völlig außer Atem, wendet mir wieder sein Gesicht zu und fragt atemlos durch den Wasserstrahl hindurch: „Bist du nun zufrieden? Hast du gesehen, was du mit mir machst?“ Er dreht das Wasser ab, greift nach seinem Handtuch und schlingt es sich um die Hüften. Ich will mich umdrehen, versuche, nach der Türklinke hinter mir zu greifen. Doch er ist schon bei mir, drückt die Tür, die bis eben nur angelehnt war, hinter meinem Rücken zu.

„Du bleibst hier“, raunt er mir ins Ohr. Sollte ich Angst haben? Ich habe keine. Er streift mit seinen Lippen entlang meiner Wange. Raue Liebkosung – er hat sich schon ein paar Tage nicht mehr rasiert. Sein Bart macht ihn noch maskuliner als er es ohnehin schon ist. Er erreicht meinen Mund – endlich!

Ich erwarte eine militärische Invasion, eine drakonische Attacke wie die, die er eben auf seinen eigenen Körper ausgeübt hat. Aber er ist zärtlich, hebt sanft mein Kinn an, liebkost meine Lippen mit seinen, tastet sich vorsichtig mit seiner Zunge vor. Er öffnet meine Lippen mit einem Finger, führt ihn zwischen meinen Zähnen hindurch in meinen Mund ein, zieht ihn wieder zurück, dringt wieder in mich ein, zieht sich wieder zurück ... Dann lässt er seine Zunge dasselbe tun, zögerlich, fragend, fast ein wenig unsicher. Ich lege meine Hände in seinen Nacken, ziehe ihn enger an mich, öffne meinen Mund etwas weiter.

Ich will ihn. Ich will ihn in mir, auf mir, unter mir. Er versteht. Nun folgt die Invasion: Er küsst mich leidenschaftlich, beinahe gierig, reizt mich mit seiner Zunge, zerrt mir das Trikot vom Leib. Er streichelt meine Brüste, bahnt sich mit seiner Zunge einen Weg vom Ohr, den Hals hinunter zum Dekolleté – eine nasse Spur der Lust. Er nimmt meine Brustwarzen zwischen seine Lippen, leckt sie, zieht sie vorsichtig in seinen Mund. Sein Handtuch kann nicht verbergen, dass er längst wieder bereit ist. Er reibt sich an mir, das Handtuch fällt herunter. Ich sehe ihn zum ersten Mal in voller Pracht unmittelbar vor mir. Er ist groß und von beachtlichem Umfang. Luc war nicht klein gebaut, aber Sergeis Größe ist respekteinflößend.

Mit kleinen Küssen bedeckt er meinen Bauch, geht vor mir in die Knie. Er greift mit beiden Händen seitlich in meinen Hosenbund und schiebt die Hose nach unten. Dasselbe wiederholt er mit meinem Slip – leider kein besonders ansehnliches Modell, das da von seinem Verein spendiert wurde. Er wirft das Höschen achtlos weg und küsst meine Schenkel. Seine Hand gleitet zwischen meine Beine. Ich nehme einen merkwürdigen, kehligen Laut wahr, der von mir zu stammen scheint. Er atmet hörbar überrascht ein, als er spürt, wie nass ich bin.

„Oh Gott ... so bereit“, flüstert er. Dann legt er meinen Oberschenkel über seine Schulter. Ich bin nun komplett seinem Mund ausgeliefert. Er fordert mich mit seiner Zunge heraus. Ich muss ihm mein Becken entgegenschieben, bewege rhythmisch meine Hüften.

„Halt still.“ Er leckt mich zum Wahnsinn, stößt abwechselnd seine Zunge und zwei Finger in mich, stimuliert mich mit schnellen, gekonnten Bewegungen seiner Hand. Er kennt sich nicht nur damit aus, wie er seinem Körper höchste Lust verschaffen kann. Ich kann nicht mehr still halten, mein Becken zuckt, mein ganzer Körper bebt, als er mich kommen lässt.

Er hat längst noch nicht genug. Ich habe längst noch nicht genug. Er trägt mich zu seinem Bett, greift in ein Fach und holt ein Kondom heraus. Seine Erektion ragt steil nach oben – steinhart und von imposanter Größe. Ich sehe die Aufschrift XXL auf dem leeren Kondombriefchen, das er aufs Bettlaken geworfen hat. Nun bekomme ich es doch ein wenig mit der Angst zu tun. Wird er mir wehtun?

„Keine Sorge. Ich bin ganz vorsichtig.“ Kann er Gedanken lesen? „Du bist so nass – ich werde dir keine Schmerzen bereiten.“ Er zieht mich an die untere Bettkante und kniet sich davor. Behutsam streichelt er meine Öffnung mit seiner Kuppe. Ja, ich will ihn in mir haben. Ich habe es fast vergessen, wie es sich anfühlt, die Nähe eines Mannes, seine Liebkosungen, sein Eindringen in meinen Körper.

Er dringt vorsichtig weiter vor, wartet ab, dehnt mich, indem er sein Becken kreisen lässt. Stück für Stück arbeitet er sich vor – ein besonnener Stratege auf dem Weg zur Front. Nur hier erwartet ihn kein Feind, sondern eine sehnsüchtige Frau. Langsam zieht er sich wieder ein Stück zurück, gleitet wieder vorwärts, wieder zurück – er braucht mich, so wie er in der Dusche seine Hand gebraucht hat. Der Gedanke an seine verzweifelte Leidenschaft macht mich süchtig nach mehr. Ich greife nach seinen Hinterbacken und stoße ihn tiefer in mich hinein. „Ah!“

War er das oder ich? Ich weiß es nicht. Ich bin ganz von ihm ausgefüllt. Er lässt sich von meinen Händen führen, bewegt sich so wie ich ihn dirigiere, genießt es – seine lustvollen Geräusche verraten es mir. Mit seinem Daumen stimuliert er mich. Ich weiß nicht, ob ich kommen werde – das Gefühl des Ausgefülltseins ist zu überwältigend. Seine Bewegungen in mir fühlen sich unbeschreiblich an – unbeschreiblich gut. Er gibt sich Mühe, vorsichtig zu sein. Und doch ahne ich, dass er in diesem Moment seine wahre Leidenschaft unterdrückt, aus Sorge, mir wehzutun.

„Nadja, das ist herrlich, aber ich brauche ein bisschen mehr – ich muss das Kommando übernehmen. Bist du dazu bereit?“

„Was willst du tun?“

„Du hast gesehen, wie ich es brauche – eben in der Dusche. Hart und schnell. Kannst du das aushalten?“

„Ja.“ Meine Stimme ist sehr leise. Ich will nicht, dass er sich aus lauter Rücksicht zurückhält. Ich will ihn noch einmal in wilder Ekstase erleben – wie eben in der Dusche. Er wird mir nicht wehtun – ich weiß es. Er hat mich zu gut vorbereitet. „Ja“, wiederhole ich lauter und voller Überzeugung.

Er nimmt meine Hände von seinem Körper, legt meine Arme ausgestreckt neben meinem Kopf ab, drückt sie ins Laken, fesselt mich dort mit seinen Händen. Ich bin seine Gefangene – freiwillige Gefangene seiner Lust. Er stößt in mich – hart. So wie er es angekündigt hat. Er tut mir nicht weh. Ein intensives Gefühl, aber kein Schmerz. Es ist, als könnte ich seine Lust unmittelbar in mir spüren. Er lässt meine Handgelenke los, greift nach meinen Hüften, zieht sie ein Stück hoch, legt meine Unterschenkel über seine Oberarme, stößt härter zu, bewegt sich schneller in mir, zeigt mir, wie sehr er mich will, wie sehr er es braucht. Im Rhythmus seiner Bewegungen stößt er kehlige Laute aus, hält sich nicht mehr zurück.

Dann hält er plötzlich inne, zieht sich fast ganz aus mir zurück – „Bleib!“ flehe ich verzweifelt – und dringt mit einem letzten Stoß, der meinen Unterkörper abheben lässt, noch einmal tief in mich ein. Mit einem unterdrückten Aufschrei bricht er über mir zusammen, zittert und bebt. Keuchend versucht er, mir etwas zu sagen: „Bist ... du ... in Ordnung ...?“

Ich streichele seinen Kopf, sein kurzes Haar. Ja, ich bin in Ordnung, vielleicht ein bisschen wund, aber viel zu selig im Angesicht dieser Invasion seiner Lust.

„Alles in Ordnung ...“, flüstere ich. „... alles gut.“

Er wirkt erleichtert, seine Atmung geht noch immer schnell. „Es ist zu lange her – ich kann mich nicht erinnern, wann mir zuletzt eine Frau so dermaßen zugesetzt hat ...“ Er streichelt mein Gesicht. „Ich weiß nicht mal, ob es überhaupt jemals eine gab, die mich so die Beherrschung verlieren ließ.“

Wir liegen eng umschlungen auf seinem Bett, sind erschöpft eingeschlafen nach unserem wilden Liebesakt. Die Morgendämmerung taucht das Zimmer in diffuses Licht. Er wickelt eine meiner Locken auf seinem Finger auf, zieht sie in die Länge und lässt sie wieder aus seiner Hand gleiten.

„Und? Wer ist Luc? Dein Liebhaber? Ist er besser als ich?“ Himmel – er ist eifersüchtig! Auf einen Toten ...

„Ich bin seine Witwe.“

„Verzeih. Ich ... ich wollte nicht ... Wann ist ... ich meine ... seit wann ...?“ Er streichelt tröstend meinen Rücken.

„Vor fünf Jahren.“

„Was ist mit ihm passiert?“

„Er wurde erschossen – auf der Flucht ... Sie haben ihn beim Ankleben von Protest-Plakaten erwischt.“

„Sie hätten ihm den Prozess machen müssen.“

„Seit wann wird in diesem Land nach dem Gesetz gehandelt, wenn jemand das Regime kritisiert? Es wurde als Unfall hingestellt, aber ich weiß, dass es eine kaltblütige Erschießung war.“

„Von wem?“

„Freunde, die dabei gewesen sind und fliehen konnten. Wie kannst du nur so einer Regierung dienen?“

„Ich habe meine Gründe.“

„Nenne mir einen guten Grund.“

„Die Dinge sind nicht immer so wie sie scheinen. Ich kann nicht darüber sprechen.“

„Ich verstehe dich nicht.“

„Du wirst mich verstehen – eines Tages wirst du mich verstehen. Hab Geduld mit mir ... bitte.“ Er küsst mich zärtlich, sieht mich fragend an, als erwarte er eine Antwort.

Was soll ich sagen? Was soll ich verstehen? „Ich muss gehen – der Arbeitsdienst fängt bald an. Es ist nicht gut, wenn die anderen hiervon etwas mitbekommen.“

„Wovon?“

„Dass ich schon wieder eine Nacht bei dir verbracht habe. Sie werden etwas ahnen.“

Er lacht leise. „Was sollen sie ahnen?“

„Das ist nicht zum Lachen. Ich kann nicht deine Mätresse sein – das gibt nur böses Blut.“

„Du willst nicht mehr zu mir kommen?“

„Ich kann nicht ...“

„Es wird mir kaum möglich sein, auf dich zu verzichten ... jetzt nicht mehr ...“ Er drückt mich fest an sich.

„Verstehst du denn nicht? Sie werden mich hassen ... ich werde die sein, die für den Kommandant die Beine breit gemacht hat.“

„Du bist die, die den Kommandant um den Verstand gebracht hat – das trifft es besser ... und die es schon wieder tut ...“ Er streichelt meinen Rücken, meine Schenkel, meine Brüste – seine Hände sind plötzlich überall. Ich schaffe es nicht, ihn zum Aufhören aufzufordern. Unmissverständlich legt er meine Hand um seinen steifen Schwanz, drückt fest zu und stößt ein paar Male hinein. „Ich fürchte, ich brauche dich schon wieder ... und das nicht nur heute.“

Ich setze zum Protest an: „Aber, ich habe dir doch gerade eben ...“

Er verschließt meine Lippen mit einem Kuss. „Ich will jetzt nicht darüber nachdenken. Lass mich dich lieben – du willst es doch auch ...“

Zu verführerisch ist seine Hand zwischen meinen Schenkeln. Er beginnt, mich zu befriedigen, findet das vor, was ihn bestätigt: üppige Feuchtigkeit. Mein guter Vorsatz ist Schall und Rauch – zu gut ist das, was er mit mir tut. Ich zerfließe in seinen Händen. Er schafft es spielend, dass ich mich ihm ganz hingebe – seinen Küssen, seinen Berührungen, den fordernden Bewegungen seiner Hand. Mein Becken zuckt, meine Fingernägel graben sich in sein Fleisch.

„Wie sehr du es willst ... Ja, zerkratz mir den Rücken. Ich weiß, wie du es magst – fest und schnell, so wie ich.“ Die schnelle Bewegung seiner Hand in meiner Feuchtigkeit verursacht ein schmatzendes Geräusch. „Hör nur, wie feucht du bist.“

Ich falle. „Ja, komm ... komm ... sieh mir in die Augen ...“ Ich sehe seine Augen – grau und wild. Ich falle tief und tiefer in einen grauen, wilden Fluss. Er fängt meine Schreie mit seinen Küssen auf.

Hart und unbefriedigt liegt er neben mir – er fordert sein Recht ein, schiebt meinen Kopf sanft in Richtung seiner Lenden. „Mach ihn nass,“ fordert er heiser.

Ich tue, was er von mir verlangt – gerne, voller Inbrunst. Mit meinem Mund, mit meiner Hand. Er ist köstlich und wunderschön, die Haut so weich und zart wie die eines Babys. Ich will von ihm trinken, doch er zieht sich aus meinem Mund zurück, sucht meine andere Öffnung, die ihn ebenso will – noch ganz feucht von dem, was er eben noch mit mir getan hat, feucht von der Ahnung, was er noch mit mir vorhat.

„Ich will dich ohne Gummi spüren. Keine Sorge, wir werden hier ständig auf Krankheiten untersucht – ich bin sauber. Außerdem hatte ich schon eine halbe Ewigkeit keine Frau mehr.“

„Aber ich will nicht schwanger werden.“