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IMPRESSUM

Champagner, Küsse und ein Traumprinz erscheint in der HarperCollins Germany GmbH

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© 2012 by Christine Rimmer
Originaltitel: „The Prince’s Secret Baby“
erschienen bei: Harlequin Enterprises Ltd., Toronto
Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l.

© Deutsche Erstausgabe in der Reihe BIANCA
Band 1879 - 2013 by CORA Verlag GmbH, Hamburg
Übersetzung: Valeska Schorling

Umschlagsmotive: Kiuikson, phaisarn2517 / GettyImages

Veröffentlicht im ePub Format in 12/2017 – die elektronische Ausgabe stimmt mit der Printversion überein.

E-Book-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 9783733754839

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.
CORA-Romane dürfen nicht verliehen oder zum gewerbsmäßigen Umtausch verwendet werden. Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

Weitere Roman-Reihen im CORA Verlag:
BACCARA, JULIA, ROMANA, HISTORICAL, MYSTERY, TIFFANY

 

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1. KAPITEL

„Halten Sie an“, wies Rule Bravo-Calabretti seinen Chauffeur an, während er beobachtete, wie der Mercedes Benz vor ihm in den letzten freien Parkplatz vor Macy’s bog.

Die Bremslichter des Mercedes’ erloschen, und kurz darauf tauchten der Kopf und die Schultern einer Frau mit streng gescheiteltem braunem Haar über den Dächern der parkenden Autos auf. Mit einer energischen Bewegung hängte sie sich ihre Handtasche über die rechte Schulter, klappte ihre Autotür zu und schloss den Wagen mithilfe der Zentralverriegelung ab.

Sie sah genauso aus wie auf den Fotos des Privatdetektivs – nur irgendwie attraktiver. Nicht wirklich bildhübsch, aber sehr interessant, was Rule anziehender fand als bloßes gutes Aussehen. Sie war groß und schlank und trug ein konservatives blaues Seidenkostüm, dessen Rock ihr bis zu den schlanken Knien reichte.

Rule beobachtete, wie sie sich das Jackett zurechtzupfte und sich entschlossen Richtung Kaufhaus umdrehte. Sie hatte etwas sehr Zielstrebiges an sich, und das gefiel Rule. Nicht ein einziges Mal hatte sie in seine Richtung gesehen. Offensichtlich hatte sie nicht bemerkt, dass sie verfolgt wurde.

Er brauchte nicht lange, um seine Entscheidung zu treffen: Er musste sie kennenlernen. Und das, obwohl er sich strikt vorgenommen hatte, keinen Kontakt mit ihr aufzunehmen. Schließlich hatte er sich bereits vergewissert, dass sie eine erfolgreiche Anwältin war und gut für das Kind sorgte. Wozu sich in ihr Leben einmischen? Umgangsrecht hatte er ohnehin nicht.

Aber es ging ihm nicht um seine Rechte und auch nicht darum, ihr ihre streitig zu machen. Er wollte einfach nur … mit ihr reden. Herausfinden, ob an der Faszination, die sie auf ihn ausübte, etwas dran war. Oder ging es ihm in Wirklichkeit doch nur um das Kind?

Er wusste, dass er gerade mit dem Feuer spielte. Es wäre das Klügste, einfach seine Geschäfte abzuwickeln, zurück nach Montedoro zu fliegen und sich an die Vorstellung einer gemeinsamen Zukunft mit Lili zu gewöhnen. Und das würde er auch tun. Später. Jetzt jedoch würde er sich endlich einen lang gehegten Traum erfüllen, Sydney O’Shea von Angesicht zu Angesicht gegenüberzutreten.

Sydney war fassungslos. Da stand dieser total scharfe – und ihr seltsam bekannt vorkommende – Kerl in Macy’s Haushaltswarenabteilung und machte ihr doch tatsächlich schöne Augen. Was absolut untypisch für Männer seines Kalibers war. Typen wie er baggerten eigentlich nur Frauen an, die genauso umwerfend aussahen wie sie selbst.

Nicht dass sie hässlich war, aber eine Schönheit war sie auch nicht gerade. Dazu war sie viel zu … pragmatisch und unabhängig. Und ihr Ehrgeiz und ihre Intelligenz schreckten die meisten Männer schon auf den ersten Blick ab.

Hm. Ob sie sich das Ganze nur einbildete? Den Blick auf ein Preisschild senkend, warf sie einen weiteren verstohlenen Blick in Richtung Mr Augenschmaus. Er wandte offensichtlich genau denselben Trick wie sie an, denn er drehte im selben Moment den Kopf zu ihr, als sie ihn ansah. Einer seiner Mundwinkel zuckte.

Ob er vielleicht mit jemandem hinter ihr flirtete?

Sydney sah sich verstohlen um. Nichts. Niemand da. Nur Regale voller Töpfe und Pfannen, auf die sie sich jetzt viel dringender konzentrieren musste. Entschlossen drehte sie sich um und versuchte, die Anwesenheit dieses Mannes zu verdrängen. Sie brauchte nämlich dringend ein Hochzeitsgeschenk. Denn schon wieder heiratete jemand aus der Kanzlei, diesmal die Rechtsanwaltsgehilfin Calista Dwyer, die schon morgen mit ihrem Freund auf irgendeine tropische Insel fliegen, ihn heiraten und zwei Flitterwochen im Paradies verbringen würde.

Das war der Grund, dass Sydney ihre Mittagspause jetzt bei Macy’s verbrachte, obwohl sie es eigentlich hasste, Hochzeitsgeschenke zu kaufen. Es machte ihr nämlich immer wieder schmerzlich bewusst, dass alle Leute außer ihr heirateten.

Natürlich hätte sie die Besorgung des Geschenks auch ihrer Assistentin überlassen können, aber sie war von ihrer Großmutter erzogen worden, und Ellen O’Shea hatte grundsätzlich jedes Geschenk selbst ausgesucht und eingepackt. Sydney setzte diese Familientradition getreu fort, so nervig sie sie auch manchmal fand.

„Kochtöpfe. Praktisch, aber nicht gerade originell“, hörte sie plötzlich eine tiefe und sehr erotische männliche Stimme an ihrem Ohr. „Es sei denn, Sie kochen gern.“

Großer Gott, Mr Heiß und Scharf stand direkt hinter ihr! Jetzt bestand kein Zweifel mehr daran, dass er tatsächlich mit ihr geflirtet hatte.

Langsam drehte Sydney sich zu ihm um. Mann, war der Typ umwerfend! Es gab keinen passenderen Ausdruck, um ihn zu beschreiben. Er hatte rabenschwarze Augen, Wangenknochen, die wie gemeißelt aussahen, ein markantes Kinn und eine gebogene Nase. Seine Schultern waren unglaublich breit. Und seine Art, sich zu kleiden … lässig, aber teuer. Er trug eine helle Hose und ein marineblaues Jackett über einem karierten Hemd.

Er hob eine ebenholzschwarze Augenbraue. „Und?“, fragte er. „Tun Sie es?“

Sydney musste sich dazu zwingen, weiterzuatmen. „Wie bitte?“, fragte sie verwirrt. „Was soll ich gern tun?“

„Ob Sie gern kochen.“ Er starrte sie an, als fiele es ihm schwer, den Blick von ihr loszureißen. Was ging denn hier ab?

Moment mal! War er womöglich ein Gigolo? Vielleicht sah sie ja wie typische Gigolo-Beute aus, und es war gerade in, Sugarmommys in Haushaltswarenabteilungen aufzureißen. Auf der anderen Seite kam er ihr immer noch verdammt bekannt vor. „Kennen wir uns vielleicht?“

Langsam ließ er den Blick an ihr hinuntergleiten und hob ihn dann wieder zu ihren Augen. Er sah sie an, als hätte er nichts dagegen, sie an Ort und Stelle zu vernaschen. Zu allem Überfluss lachte er auch noch – und sein Lachen klang genauso sexy, dunkel und erregend wie seine Stimme. „Ich hoffe doch, dass Sie mich nicht so schnell vergessen hätten, wenn wir und schon mal begegnet wären.“

Da hatte er natürlich recht. „Ich … äh …“ Verdammt, ihr fiel nichts ein. Der Kerl hatte ihr doch tatsächlich die Sprache verschlagen. So etwas passierte ihr sonst nie!

Schluss jetzt. Reiß dich zusammen. Sie gab sich einen Ruck und streckte die Hand aus. „Sydney O’Shea“, stellte sie sich vor.

„Rule Bravo-Calabretti.“

Als er ihre Hand ergriff, unterdrückte Sydney ein erschrockenes Keuchen. Sie empfand seine Berührung wie einen Stromschlag. Prickend heiß durchzuckte sie ihren ganzen Arm und machte keineswegs an ihrer Schulter Halt. Nein, sie schoss ihr direkt in den Unterleib. Hastig ihre Hand losmachend, trat Sydney einen Schritt zurück, wobei sie fast gegen das Regal hinter sich gestoßen wäre. „Rule, haben Sie gesagt?“

„Ja.“

„Lassen Sie mich raten, Rule. Sie kommen nicht aus Dallas.“

„Woher wissen Sie das?“

„Na, wegen Ihrer Designerklamotten und Ihres doppelten Nachnamens. Sie sprechen zwar fließend Englisch, aber auffallend akzentfrei. Ich glaube, Sie kommen nicht nur nicht aus Dallas, sondern noch nicht einmal aus den Vereinigten Staaten von Amerika.“

Er lachte schon wieder. „Sind Sie etwa Dialekt-Expertin?“

„Nein, ich bin nur klug. Und aufmerksam.“

„Klug und aufmerksam. Eine gute Mischung.“

Schade, dass Sydney ihn nicht für den Rest ihres Lebens ansehen und ihm zuhören konnte. Aber sie musste jetzt Calistas Hochzeitsgeschenk kaufen. Und danach rasch etwas essen, bevor das wichtige Meeting zum Binnelab-Fall anfing.

„Sie haben meine Frage noch nicht beantwortet, Sydney“, sagte er mit einer Stimme, die sie an geschmolzenes Karamell erinnerte.

„Hm … welche Frage?“

„Ob Sie gern kochen?“

Ihr gefiel die Art, wie er ihren Namen aussprach. Alarmierend gut.

Vorsorglich wich Sydney noch ein Stück zurück. „Ich und kochen? Nur wenn es sich nicht vermeiden lässt.“

„Und warum habe ich Sie dann ausgerechnet in der Haushaltswarenabteilung gefunden?“

„Gefunden?“, fragte sie argwöhnisch. Was wollte dieser Typ bloß von ihr? „Haben Sie mich denn gesucht?“

Lässig zuckte er die Achseln. „Ich habe gesehen, wie Sie vom Parkplatz zum Eingang gingen. Sie wirkten so … zielstrebig.“

„Und deshalb sind Sie mir gefolgt?“

„Ja. Ich fand Sie faszinierend.“

„Zielstrebigkeit fasziniert Sie also?“

Er lachte. „Klar. Meine Mutter ist auch so.“

„Und Sie lieben Ihre Mutter natürlich“, sagte sie spöttisch. Sie wurde immer sarkastisch, wenn sie nervös oder unsicher war – und dieser Mann machte sie sehr nervös. Er war einfach zu gut, um wahr zu sein.

Doch entweder fiel ihr Sarkasmus Mr Bravo-Calabretti nicht auf, oder er ignorierte ihn. „Ja, ich liebe meine Mutter, sehr sogar. Und ich bewundere sie.“ Er musterte sie mit unverhüllter Neugier. „Sie sind ganz schön kratzbürstig, oder?“, fragte er belustigt.

Sydney bekam sofort Schuldgefühle. „Ja, bin ich“, antwortete sie schroff. „Die meisten Männer finden das eher abstoßend.“

„Die meisten Männer sind Idioten“, antwortete er sanft. „Was suchen Sie hier bei den Töpfen und Pfannen?“, fügte er hinzu.

„Ein Hochzeitsgeschenk für eine Mitarbeiterin aus meiner Kanzlei“, gestand sie.

Seine dunklen Augen leuchteten auf wie Sterne am Mitternachtshimmel. „Ein Hochzeitsgeschenk?“

„Genau.“

„Dann erlauben Sie mir, einen Vorschlag zu machen.“ Er griff um sie herum nach einem roten herzförmigen Le-Creuset-Schmortopf. „Hier.“

Sydney fiel auf, dass er keinen Ehering trug. „Wie romantisch“, sagte sie ironisch. „Welche Braut sehnt sich nicht nach einem herzförmigen Schmortopf?“

„Kaufen Sie ihn. Und danach machen wir, dass wir hier rauskommen.“

„Wir?“

Jetzt stieg ihr auch noch sein verführerisches Aftershave in die Nase. Ein toller Duft – subtil und luxuriös zugleich.

Intensiv sah er sie an. „Ja. Sie und ich.“

„Aber ich werde nirgendwo mit Ihnen hingehen“, sagte sie empört. „Ich kenne Sie doch gar nicht.“

„Stimmt. Leider.“ Er zog eine übertrieben tragische Grimasse. „Essen Sie mit mir zu Mittag, Sydney. Dann haben wir genug Zeit, einander kennenzulernen.“

Sie öffnete protestierend den Mund, doch er hatte den Schmortopf bereits aus dem Regal gezogen. „Hier geht’s lang.“ Mit der freien Hand zeigte er auf die nächste Kasse.

Verwirrt ging sie vor ihm her. Aber – warum eigentlich nicht? Das mit dem Schmortopf war wirklich eine gute Idee … was natürlich nichts daran änderte, dass sie diesem Rule Bravo-Calabretti eine unmissverständliche Abfuhr erteilen würde, sobald sie den Topf bezahlt hatte.

Die junge hübsche Frau an der Kasse nahm Rule errötend den Topf ab und warf ihm schmachtende Blicke zu.

Sydney empfand spontan Mitgefühl für sie. Rule sah aus wie einem Liebesschmöker entsprungen – ein fast irreal gut aussehender charmanter und kultivierter Liebhaber, der wie aus dem Nichts auftaucht und die gutherzige, aber ansonsten völlig gewöhnliche Heldin von den Socken haut.

Hatte sie tatsächlich Liebhaber gedacht? Sie musste dringend ihre überschießende Fantasie zügeln!

„Was für ein süßer Schmortopf“, sagte die Kassiererin. „Soll es ein Geschenk sein?“

„Ja“, antwortete Sydney. „Ein Hochzeitsgeschenk.“

Das Mädchen warf Rule einen weiteren schmachtenden Blick zu. „Tut mir leid, aber wir packen hier nichts mehr ein“, sagte sie atemlos.

Rule nickte nur kurz.

„Kein Problem“, antwortete Sydney und zog ihre Kreditkarte aus ihrer Handtasche. Während sie bezahlte, versuchte sie, die Gegenwart des viel zu attraktiven Mannes neben sich zu ignorieren.

Die Kassiererin reichte Sydney den Kassenbon – und Rule die Tüte mit dem Topf. „Hier, bitte schön. Und kaufen Sie bald wieder bei uns ein. Jederzeit.“

Sydney bedankte sich höflich und drehte sich zu Rule um. „Die Tüte nehme ich.“

„Nicht nötig. Ich trage sie für Sie.“

„Ich sage doch, ich nehme sie!“

Widerstrebend reichte er ihr die Tüte, machte jedoch keinerlei Anstalten, sich von ihr zu verabschieden.

„Es war nett, Sie kennenzulernen“, fügte Sydney hinzu. „Aber jetzt muss ich wirklich …“

„Es handelt sich nur um ein Mittagessen“, sagte er sanft. „Nicht um eine lebenslange Verpflichtung.“

Als sie ihm in die verführerischen dunklen Augen sah, hörte sie plötzlich die strenge Stimme ihrer besten Freundin Lani im Hinterkopf: „Mal ehrlich, Syd! Wenn du einen Mann willst, solltest du ab und zu auch mal einem eine Chance geben …“

„Also schön“, hörte sie sich zu ihrer Überraschung sagen. Was soll’s, ein Mittagessen war schließlich kein Verbrechen. Sie würde einfach die erregende und sehr schmeichelhafte Gesellschaft Rules genießen und sich dann von ihm verabschieden. Was war schon dabei?

„Na, so was, Sie lächeln ja“, sagte er, den Blick auf ihren Mund gerichtet. „Endlich!“

Sydneys Lächeln vertiefte sich. Rule Bravo-Calabretti gefiel ihr immer besser. Er sah nicht nur umwerfend gut aus, sondern hatte auch noch Humor. „Okay, aber erst muss ich eine Geschenktüte besorgen.“

Sie standen noch immer da und sahen einander an. Es war ein aufregendes Gefühl, hier bei Macy’s zu stehen und sich in den Augen eines tollen Mannes zu verlieren. „Ich glaube, da drüben ist ein Informationsschalter“, sagte Rule schließlich und führte sie genauso dorthin wie eben zur Kasse.

Kurz darauf betraten sie einen Laden mit Geschenkpapier. Nachdem Sydney eine hübsche Tüte, eine glitzernde Schleife und eine Glückwunschkarte erstanden hatte, waren sie fertig. „Wohin gehen wir?“, fragte sie, als sie wieder draußen waren.

„Wir sind in Texas“, sagte Rule jungenhaft grinsend. „Steak essen natürlich.“

Sydney war nicht überrascht, dass Rule eine Luxuslimousine hatte. Irgendwie passte ein solcher Wagen zu ihm. Er schlug ihr vor, dass sie mit ihm zusammen ins Restaurant fuhr, doch sie bestand darauf, ihm hinterherzufahren. Sie entschieden sich für ein Restaurant im Stockyards-Viertel, das für seine urtümliche texanische Atmosphäre bekannt war.

Als sie an einem Ecktisch saßen, über dem ein Leuchter aus Geweihen von der zinnverkleideten Decke hing, bestellte Rule eine Flasche erstklassigen Rotwein. Sydney lehnte zunächst ab, gab dann aber doch nach und ließ sich ein halbes Glas einschenken. Der Wein schmeckte fantastisch – weich und angenehm würzig.

„Schmeckt er Ihnen?“, fragte Rule.

„Ja, er ist wundervoll.“

Er hob das Glas. „Auf kluge aufmerksame und zielstrebige Frauen.“

„Vergessen Sie das ‚kratzbürstig‘ nicht“, rief sie ihm ins Gedächtnis.

„Wie könnte ich eine so charmante Eigenschaft vergessen?“

„Geschickt aus der Affäre gezogen.“

Rule hob sein Glas noch höher. „Na schön, auf kluge, aufmerksame, zielstrebige und entschieden kratzbürstige Frauen.“

Lachend stieß sie mit ihm an.

„Erzählen Sie mir von Ihrem Karrierejob“, forderte er sie auf, nachdem der Kellner ihren Salat gebracht hatte.

Sydney trank noch einen Schluck Wein – mehr als sie in Anbetracht des bevorstehenden Meetings zu sich nehmen sollte. „Woher wissen Sie, dass ich einen Karrierejob habe?“

„Sie haben vorhin erwähnt, in einer Kanzlei zu arbeiten.“

„Ich könnte doch einfach nur Daten eingeben. Oder Anwaltsgehilfin sein.“

„Ausgeschlossen, das sieht man schon an Ihrer Kleidung.“ Er musterte ihr maßgeschneidertes Kostüm und ihre einreihige Perlenkette. „Und an Ihrer Art …“

Sydney fühlte sich plötzlich erregend leichtsinnig. Anscheinend stieg ihr der Wein schon zu Kopf. Sie beugte sich vor. „Was für eine Art?“

„Man merkt Ihnen einfach an, dass Sie niemandes Gehilfin sind.“

Sydney lehnte sich wieder in ihrem Stuhl zurück und verschränkte die Hände im Schoß. „Ich bin Anwältin bei einer Wirtschaftskanzlei.“

Das glaube ich Ihnen sofort.“

Sydney nahm ihre Gabel und begann zu essen.

Rule folgte ihrem Beispiel. Für einen Moment herrschte ein überraschend angenehmes Schweigen zwischen ihnen. „Und was ist mit Ihnen?“, fragte sie irgendwann. „Womit verdienen Sie Ihren Lebensunterhalt?“

„Ich bin zurzeit Geschäftsmann. Internationaler Handel.“

„Zurzeit? Wollen Sie damit sagen, dass Sie Ihren Job öfter wechseln?“

„Ich realisiere nur Projekte, die mich interessieren. Und sobald ich eines zu meiner Zufriedenheit erledigt habe, ziehe ich weiter zum nächsten.“

„Und womit handeln Sie?“

„Mit Orangen. Aus Montedoro.“

„Montedoro? Klingt irgendwie exotisch.“

„Die Montedoro-Orange ist eine sehr süße Blutorange. Sie schmeckt ein wenig nach Himbeere, und die Schale ist glatt, nicht genarbt wie bei anderen Orangen.“

„Dann kann ich hier also demnächst Montedoro-Orangen bei Walmart kaufen?“

„Wohl kaum, dazu ist das Handelsvolumen zu gering. Aber ich könnte sie mir gut in speziellen Gourmet- und Spezialitätengeschäften vorstellen.“

„Montedoro …“, wiederholte Sydney nachdenklich. „Das ist doch ein kleines Land in Europa, oder? An der Côte d’Azur?“

„Stimmt genau. Das ist meine Heimat.“ Als er Sydney noch mehr Wein eingoss, hielt sie ihn nicht zurück. „Montedoro ist einer der acht kleinsten Staaten Europas, ein Fürstentum am Mittelmeer. Meine Mutter wurde dort geboren. Mein Vater war Amerikaner, zog jedoch ebenfalls dorthin, als sie heirateten. Er heißt Evan Bravo und stammt ursprünglich aus Texas.“

Sydney liebte den Klang seiner Stimme. Bei ihm klang jeder Satz wie Musik … oder wie Poesie. „Haben Sie noch Verwandte in Texas?“

„Ja, in San Antonio. Und entferntere Verwandte in einer Kleinstadt in der Nähe von Abilene. Außerdem gibt es noch Bravos in Kalifornien, Wyoming und Nevada. In den ganzen Staaten eigentlich.“

„Dann ist Calabretti also der Nachname Ihrer Mutter?“

„Stimmt.“

„Macht man das so in Ihrem Land? Die Nachnamen von Mann und Frau verbinden?“

Er nickte.

„Irgendwie kommt er mir bekannt vor. Wo könnte ich ihn schon mal gehört haben?“

Er zuckte die Achseln. „Vielleicht fällt es Ihnen ja noch ein.“

„Mag sein.“ Sie senkte die Stimme. „Ich habe sowieso die ganze Zeit das Gefühl, dass wir uns schon mal begegnet sind.“

„Man sagt ja, dass jeder seinen Doppelgänger hat. Vielleicht sind Sie meinem mal begegnet.“

Das war eigentlich nicht das, was sie meinte, aber egal. „Haben Sie Geschwister?“

„Ja, drei Brüder und zwei Schwestern. Ich bin der Zweitälteste. Mein älterer Bruder heißt Maximilian, und nach mir kamen Zwillinge – Alexander und Damien. Danach wurden meine Schwestern geboren – Bella, Rhiannon, Alice, Genevra und Rory.“

„Wow, eine ganz schön große Familie.“ Sydney ließ sehnsüchtig ihre Gabel sinken. „Sie sind zu beneiden. Ich war leider Einzelkind.“

Als Rule ihre Hand ergriff, reagierte Sydney körperlich genauso heftig wie vorhin. Ihr ganzer Körper schien vor Erregung zu vibrieren.

Er beugte sich vor und sah sie voller Mitgefühl an. „Dann bedauern Sie es also, keine Geschwister zu haben?“, fragte er.

„Ja.“ Als sie sich bei dem Wunsch ertappte, er möge ewig ihre Hand halten, machte sie sich aus Vernunftgründen los. Kommentarlos lehnte Rule sich wieder zurück. „Wie alt sind Sie, Rule?“, fragte sie.

Er lachte. „Irgendwie komme ich mir gerade vor wie bei einem Vorstellungsgespräch.“

Sie griff nach ihrem Weinglas und drehte es am Stiel herum. „Es war nur eine Frage. Ist das irgendwie ein heikles Thema für Sie?“

„Ehrlich gesagt ja“, antwortete er plötzlich ernst. „Ich bin zweiunddreißig. In meiner Familie ist das für einen unverheirateten Mann ein gefährliches Alter.“

„Warum? Das ist doch noch jung.“

Erst recht für einen Mann. Für eine Frau sah die Sache schon anders aus – zumindest, wenn sie Kinder haben wollte.

„Ich muss demnächst heiraten“, sagte er düster. Seine Augen verdunkelten sich plötzlich.

„Das verstehe ich nicht. Gibt es in Ihrer Familie denn eine Frist, bis zu der man geheiratet haben muss?“

Er lächelte. „Wie Sie das ausdrücken, klingt es total absurd.“

„Es ist absurd.“

„Sie haben ja sehr ausgeprägte Ansichten“, sagte er fast bewundernd. „Aber Sie haben recht, in meiner Familie erwartet man sowohl von den Männern als auch von den Frauen, zu heiraten, bevor sie dreiunddreißig werden“, fügte er hinzu.

„Und was passiert, wenn Sie es nicht tun?“

Er legte den Kopf schief und lächelte geheimnisvoll. „Dann drohen schreckliche Konsequenzen“, sagte er so sanft, dass bei ihr sämtliche Nervenenden verrücktspielten. Ein Schauer der Erregung lief ihr über den Rücken.

„Wollen Sie mich etwa aufziehen?“

„Ein bisschen vielleicht. Ich mag Sie, Sydney. Das wusste ich sofort, als ich Sie das erste Mal sah.“

„Und wann war das?“

„Haben Sie das etwa schon vergessen?“ Seine verzweifelte Grimasse war absolut hinreißend. „Dann bin ich also doch nicht so unvergesslich, wie ich dachte. Macy’s? Ich habe Sie reingehen sehen?“

Der Kellner räumte ihre leeren Salatteller ab und servierte Rib-Eye-Steak mit Zitronenbutter. Als er wieder gegangen war, sah Rule sie forschend an. „Ich habe irgendwie den Eindruck, dass Sie mich die ganze Zeit auf die Probe stellen.“

Wozu es abstreiten? „Sie haben recht.“

„Na hoffentlich bestehe ich den Test. Wohnen Ihre Eltern hier in Dallas?“

Sydney erzählte ihm ihre traurige Geschichte. „Nein, sie kamen aus San Francisco, wo ich auch geboren wurde. Meine Eltern verunglückten bei einem Seilbahnunglück, als ich erst drei Monate alt war.“

Rule sah sie voller Mitgefühl an. „Wie schrecklich.“

„Ich kann mich natürlich an nichts davon erinnern. Meine verwitwete Großmutter – die Mutter meines Vaters – nahm mich mit nach Austin und zog mich allein groß. Sie war einfach toll. Sie bestärkte mich darin, meine Träume zu verwirklichen, und brachte mir bei, dass man als Anwältin eine große Verantwortung hat. Und dass Ehrlichkeit und Zuverlässigkeit die wichtigsten Werte sind.“

Seine Augen blitzten ironisch auf. „Und trotzdem wurden Sie Anwältin?“

Sydney lachte. „Dann gibt es also auch in Montedoro Anwaltswitze?“

„Ich fürchte ja – vor allem über Wirtschaftsanwälte.“

„Dann sollte ich jetzt wohl lieber nichts sagen, um mich nicht weiter zu belasten“, sagte sie krampfhaft locker.

Rule durchschaute sie sofort. „Ist Ihr Job etwa Ihr wunder Punkt?“

Ihre ehrliche Antwort schockierte sie selbst. „Er ist anspruchsvoll und lukrativ. Mir war immer sehr wichtig, dass ich gut für mich selbst sorgen kann und mir keine finanziellen Sorgen machen muss.“

„Aber?“

„Trotzdem frage ich mich in letzter Zeit häufiger, ob es nicht befriedigender wäre, Menschen zu helfen, die mich wirklich brauchen, anstatt die überfließenden Schatullen milliardenschwerer Firmen zu schützen.“

Bevor Rule etwas darauf erwidern konnte, vibrierte ihr BlackBerry, den sie aus reiner Gewohnheit auf den Tisch gelegt hatte. Sie warf einen Blick auf das Display. Magda, ihre Assistentin, die sich bestimmt wunderte, warum Sydney noch nicht zurück war.

Rule hatte sein Besteck genommen und die Aufmerksamkeit aus Essen gerichtet, damit sie ungestört telefonieren konnte, doch Sydney ließ das Telefon in ihre Tasche gleiten, von wo sie es nicht mehr hören konnte.

Mit der lässigen Eleganz eines geborenen Diplomaten fuhr Rule mit dem Gespräch fort, als sei es nie unterbrochen worden. „Sie haben vorhin in der Vergangenheitsform von Ihrer Großmutter gesprochen …“

„Sie starb vor fünf Jahren. Ich vermisse sie sehr.“

„So viele Verluste.“ Mitfühlend schüttelte er den Kopf. „Das Leben kann ganz schön grausam sein.“

„Stimmt.“ Sydney aß ein Stück von ihrem Steak. Hm, lecker. Sie war dankbar, dass Rule keine Bemerkung über ihren BlackBerry gemacht oder „das tut mir leid“ gesagt hatte, als sie ihm vom Tod ihrer Eltern und ihrer Großmutter erzählt hatte.

Er sah sie an, wobei er den Kopf auf eine Art neigte, die ihr schon wieder seltsam vertraut vorkam. „Waren Sie mal verheiratet?“

„Nein. Ich bin Katholikin und glaube daher, dass eine Ehe für immer halten sollte. Leider habe ich noch keinen Mann gefunden, mit dem ich den Rest meines Lebens verbringen wollte. Aber ich hatte zwei ernste Beziehungen. Sie … haben nicht funktioniert.“ Das war die Untertreibung des Jahres, aber wozu darüber reden? Sydney hatte ohnehin schon viel zu viel über sich erzählt. „Ich bin übrigens dreiunddreißig“, fügte sie hinzu. „Finden Sie das … schlimm?“

„Das ist ja schrecklich!“, sagte er mit gespieltem Entsetzen. Bei ihm wirkte sogar das erotisch. Im Grunde genommen war alles an ihm sexy. „Sie müssen so schnell wie möglich heiraten und neun Kinder bekommen. Mit einem reichen Mann, der Sie anbetet.“

„Hm. Ein reicher Mann, der mich anbetet? Nichts dagegen. Aber neun Kinder? Das ist mir zu viel.“

„Wollen Sie etwa keine Kinder?“, fragte er überrascht.

Um ein Haar hätte sie ihm von Trevor erzählt, aber sie wollte diesen wunderschönen Augenblick nicht zerstören, sondern weiter träumen. Trevor gehörte zu ihrem wirklichen Leben, und daran wollte sie gerade nicht denken – auch wenn er der schönste und bedeutendste Teil davon war. „Das habe ich nicht gesagt. Ich will Kinder, aber neun würden mich überfordern.“

„Nun ja, vielleicht können wir uns auf weniger einigen. Ich kann auch vernünftig sein.“

„Wir?“

„Solche Entscheidungen sollten immer gemeinsam getroffen werden.“

„Rule.“ Mit gespielter Dramatik legte Sydney sich eine Hand auf die Brust und riss die Augen auf. „Soll das etwa … oh, ich kann es nicht glauben! Ist es möglich, dass Sie mir einen Heiratsantrag machen?“

„Klar. Wie der Zufall so spielt, bin ich reich. Und es würde mir nicht schwerfallen, Sie anzubeten.“ Seine dunklen Augen funkelten.

Sydney glaubte zu träumen. Es war total verrückt, aber das war ja das Schöne daran. Sie erlebte gerade einen dieser Momente, die einem immer dann passieren, wenn man am wenigsten damit rechnet. Das Leben steckte eben voller Überraschungen.

Es bestand nicht nur daraus, Fälle zu gewinnen – oder zu spät nach Hause zu kommen, um seinen Sohn ins Bett zu bringen. Auch die ehrgeizigste Frau musste mal eine Mittagspause machen. Erst recht, wenn sie mit einem Mann zusammen war, der ihr nicht nur das Gefühl gab, brillant und clever, sondern auch noch schön und begehrenswert zu sein.

„Tut mir leid, aber aus uns wird leider nichts“, sagte sie mit gespielter Zerknirschung.

Er spielte den tief Getroffenen. „Aber warum denn nicht?“

„Sie leben in Montedoro. Meine Karriere – mein ganzes Leben – spielt sich hier ab.“

„Sie könnten doch den Beruf wechseln. Einfach ein neues Leben beginnen.“

Ha! Typisch Mann. „Warum ziehen Sie nicht nach Texas?“

„Für Sie, Sydney, würde ich alles tun.“

„Eine perfekte Antwort.“

Schweigend sahen sie einander an. Für einen wunderbaren Moment gab es nur sie beide auf der Welt – und das verrückte Gefühl vollkommener Übereinstimmung zwischen ihnen.

Sydney ließ es einfach geschehen. Sie hatte keine Lust mehr, immer vorsichtig und misstrauisch zu sein. Außerdem handelte es sich ja nur um ein Mittagessen. Und sie würde jede Sekunde davon genießen.

2. KAPITEL

Das Meeting wegen des Binnelab-Falls war schon halb vorbei, als Sydney um Viertel nach zwei in den Konferenzraum schlüpfte. Ihre Kollegen am Konferenztisch drehten sich nach ihr um und starrten sie an. „Entschuldigen Sie“, sagte sie errötend. „Tut mir wirklich leid. Ich hatte … einen Notfall.“

Die anderen gaben gemurmelte Verständnisbekundungen von sich und wandten sich wieder der Diskussion über die beste Verhandlungsstrategie zu. Niemand reagierte ungehalten auf ihre Verspätung.

Sie kam sonst nämlich nie zu spät – und musste daher einen guten Grund für ihre Verspätung haben. Schließlich war sie Sydney O’Shea, die mit zwanzig das College abgeschlossen hatte, mit vierundzwanzig das erste Mal im Gerichtssaal gestanden hatte und mit dreißig Partnerin geworden war – genau ein Jahr vor der Geburt ihres Sohnes. Sydney O’Shea, die das Talent hatte, wichtige berufliche Kontakte zu knüpfen, und die rund um die Uhr schuftete.

Wenn sie ihren Kollegen erzählen würde, dass sie gerade in Macy’s Haushaltswarenabteilung von einem gut aussehenden Orangenhändler aus Montedoro angesprochen worden war und das halbe Meeting mit ihm verbracht hatte, hätten sie das bestimmt nur für einen makabren Scherz gehalten.

Da sie den Fall in- und auswendig kannte, brauchte sie nur wenige Minuten, um den Anschluss zu finden. Am Ende des Meetings hatte sie ihre Kollegen geschickt in eine etwas andere Richtung gedrängt, und alle schienen mit dem Ergebnis zufrieden zu sein.

Als sie in ihr Büro zurückehrte, stand ihre sonst immer so gelassene Assistentin Magda völlig aufgelöst im Zimmer und hielt ratlos eine Orchidee in der Hand. Hilflos starrte sie auf den Seitentisch, auf dem nicht weniger als zwölf spektakuläre Blumensträuße in unterschiedlichen Kristallvasen standen.

Auch sämtliche anderen Abstellflächen quollen von Blumen über – der Sofatisch, beide Beistelltische und der Schreibtisch, ganz zu schweigen von den Fensterbänken. In sämtlichen Arrangements steckte ein weißes Kärtchen. Es duftete wie im Treibhaus.

Rule. Wer sollte sonst dahinterstecken? Ein rascher Blick auf eine der Karten bestätigte Sydneys Verdacht.

Bitte gehen Sie heute Abend mit mir aus. Zum Herrenhaus am Turtle Creek. Um acht Uhr. Hochachtungsvoll, Rule.

Wie hatte er nur herausgefunden, wo sie arbeitete? Sydney hatte ihm den Namen ihrer Kanzlei doch gar nicht verraten. Na ja, vermutlich war er nicht schwer im Internet herauszufinden.

„Wow, wir ersticken ja förmlich in Blumen“, sagte sie zu Magda und wurde schon wieder von einem wunderbaren Gefühl der Magie überwältigt. Alles erschien ihr plötzlich möglich zu sein. Rule gab ihr das Gefühl, frei zu sein. Und schön. Und begehrenswert. Aber wieso auch nicht? Das war doch schließlich kein Verbrechen, oder? Und falls doch, hatte sie komplett vergessen, wieso.

„In der letzten halben Stunde kam ein Strauß nach dem anderen“, erklärte Magda hilflos. „Ich glaube, die Orchidee ist die letzte Lieferung, aber ich finde keinen Platz mehr für sie.“

„Sie würde sich bestimmt toll auf Ihrem Schreibtisch machen. Nehmen Sie einfach die Karten ab, geben Sie sie mir und lassen Sie uns die Blumen verteilen.“

Fragend hob Magda die Augenbrauen. „Sie wollen sie verschenken?“

„Klar. Fangen Sie bei den Datentypistinnen an. Ich möchte nur eine Vase mit gelben Rosen für mich behalten.“

„Sind Sie sicher?“

„Ja.“

Rule würde das bestimmt nichts ausmachen, und sie hatte einfach Lust, ihr Glücksgefühl mit ihren Kollegen zu teilen. „Sagen Sie den anderen, dass sie die Blumen ruhig mit nach Hause nehmen können – und beeilen Sie sich. Calistas Party fängt bald an.“

„Da scheint ja jemand ganz verrückt nach Ihnen zu sein“, sagte Magda lächelnd.

Sydney konnte nicht anders, als ihr Lächeln zu erwidern. „Sieht wohl so aus. Und jetzt verteilen Sie die Blumen und machen danach den Champagner auf.“

Lachend zog Calista den Schmortopf aus der Geschenktüte. „Na, jetzt werde ich wohl doch kochen lernen müssen.“

„Warten Sie damit aber bis nach den Flitterwochen“, sagte Sydney und hob ihr Champagnerglas. „Auf Sie, Calista. Und auf eine lange und glückliche Ehe.“

Da sie zum Mittagessen schon zwei Glas Wein getrunken hatte, gestattete sie sich nur ein halbes Glas, hatte jedoch trotzdem jede Menge Spaß. Seltsam, was die Begegnung mit einem tollen Mann alles bewirken konnte.

Nach der Wedding Shower kehrte Sydney in ihr Büro zurück, um ihre Aktentasche, ihre Handtasche und die letzte Vase mit gelben Rosen zu holen. Normalerweise wäre sie mindestens noch zwei Stunden länger geblieben, aber heute war Freitag. Sie wollte noch ihren kleinen Sohn sehen, bevor er ins Bett ging.

Außerdem musste sie dringend mit Lani reden, Trevors Nanny, die zugleich ihre beste Freundin war. Sie brauchte ihren Rat, ob sie Rules Einladung zum Abendessen annehmen sollte.

Zu Hause in Highland Park saß Trevor in der Küche im Hochstuhl und aß Spaghetti mit Hackbällchen. „Mommy Hause! Drücken!“, krähte er und streckte ihr die Arme entgegen.

Sydney ließ ihre Taschen fallen, stellte die Blumen auf der Arbeitsfläche ab und ging zu ihm. Er schlang die Arme um ihren Hals und verschmierte dabei Spaghettisoße auf ihrer Wange. „Wie geht es meinem Kleinen?“, fragte sie liebevoll.

„Gut.“

„Mir auch.“ Sie umarmte ihn noch fester. „Vor allem jetzt, wo ich wieder bei dir bin.“ Er roch nach Tomaten, Hackbällchen und Babyshampoo. Eine wunderbare Mischung.

„Du bist heute ja früh dran“, stellte Lani fest und sah Sydney über den Rand ihrer schwarz geränderten Brille an. „Tolle Rosen.“

„Nicht wahr? Und was meine frühe Heimkehr angeht – es ist schon fast Wochenende.“

„Das hat dich bisher noch nie davon abgehalten, länger zu arbeiten.“ Lani lehnte sich gegen die Spüle und trocknete sich die Hände ab.

Mit vollem Namen hieß sie Yolanda Ynez Vasquez. Die zierliche Frau mit dem langen schwarzen Haar arbeitete schon seit fünf Jahren für Sydney. Sie hatte zunächst während ihres Literaturstudiums als Haushälterin bei ihr angefangen und war nach ihrem Abschluss geblieben und Trevors Nanny geworden.

Sydney hatte keine Ahnung, wie sie ohne Lani je zurechtkommen würde. Lani hielt nämlich nicht nur ihren Haushalt in Ordnung, sondern war wie eine zweite Mutter für Trevor. Außerdem war sie seit dem Tod ihrer Großmutter Sydneys beste Freundin.

„Du strahlst ja richtig, Syd“, stellte Lani fest.

Sydney legte die Hände auf die geröteten Wangen. „Mir ist irgendwie heiß. Vielleicht habe ich ja Fieber …“

„Oder es liegt daran, dass dir jemand gelbe Rosen geschenkt hat.“

Lachend schüttelte Sydney den Kopf. „Du durchschaust mich wie immer.“

„Und? Wie heißt er?“

„Rule.“

„Hm. Klingt ziemlich … bestimmend.“

„Ist er auch. Aber auf eine sehr angenehme Art. Ich war heute mit ihm zu Mittag essen. Er hat mich zum Abendessen eingeladen.“

„Für heute?“

Sydney nickte. „Im Herrenhaus am Turtle Creek. Um acht.“

„Und du gehst hin.“ Das war eine Feststellung, keine Frage.

„Wenn du hier die Stellung hältst?“

„Kein Problem.“

„Und was ist mit Michael?“ Michael Cort war Softwareentwickler und seit einem Jahr Lanis Freund.

Sie zuckte die Achseln. „Du kennst ihn doch. Er bleibt sowieso am liebsten zu Hause. Ich lade ihn einfach hierher ein und bestelle eine Pizza. Los, erzähl mir mehr von diesem Rule.“

„Ich habe ihn erst heute kennengelernt. Klingt verrückt, oder?“

„Ein Date mit einem Typen, der dich zum Strahlen bringt? Was soll denn daran verrückt sein?“

„Mommy, Getti?“ Trevor hielt ihr eine Handvoll Spaghetti hin.“

„Nein danke, mein Schatz.“ Sydney bückte sich und küsste ihn liebevoll auf die Wange. „Du darfst die Spaghetti ganz allein aufessen. Mommy geht gleich noch essen.“

„Mmh!“

Angesichts ihres strahlenden kleinen Jungen wurde ihr ganz warm ums Herz. Ihr Leben war einfach vollkommen: Sie hatte ein gesundes glückliches Kind, eine tolle beste Freundin, ein komfortables Leben, einen Job, für den die meisten Anwälte töten würden – und ein Date mit dem bestaussehenden Mann der Welt.

Die nächste Stunde verbrachte sie mit ihrem Sohn – etwas, wozu sie leider nicht oft kam. Sie spielte mit ihm, badete ihn, brachte ihn ins Bett und las ihm eine Geschichte vor. Als er eingeschlafen war, schlich sie sich auf Zehenspitzen aus seinem Zimmer.

Lani blickte vom Sofa hoch, als Sydney das Wohnzimmer betrat. „Es ist schon nach sieben“, erinnerte sie ihre Freundin. „Du solltest dich lieber beeilen, wenn du noch rechtzeitig für deinen Traummann fertig sein willst.“

„Ich weiß. Leistest du mir dabei Gesellschaft?“

Lani folgte ihr ins Elternschlafzimmer, wo Sydney rasch unter die Dusche ging und anschließend ihr Make-up erneuerte. Hinterher stand sie ratlos in ihrem begehbaren Kleiderschrank.

„Nimm das hier.“ Lani griff nach einem ärmellosen roten Satinkleid. „Du siehst umwerfend in Rot aus.“

„Hm, glaubst du wirklich?“

„Ich weiß es. Los, zieh es an. Trag dazu die Diamantenohrstecker und das Granat-Diamant-Armband deiner Großmutter. Und die roten Jimmy Choos.“

Sydney nahm ihr das Kleid ab. „Du hast recht, das sieht bestimmt toll aus.“

Lani lächelte. „Ich habe immer recht.“

Sydney zog sich die Sachen über und stellte sich stirnrunzelnd vor den Spiegel. „Ich weiß nicht recht …“ Zögernd berührte sie ihr hochgestecktes braunes Haar. „Sollte ich es nicht lieber offen tragen?“

„Nein, dein Haar sieht so fantastisch aus.“ Lani zupfte Sydney an den Schläfen und im Nacken ein paar Strähnen aus der Frisur und zog ihr den breiten Ausschnitt über die Schultern. „Da, perfekt. Jetzt siehst du total scharf aus.“

„Ich und scharf?“

„Na klar. Du betrachtest dich nur nie so.“ Lani drehte Sydney an den Schultern zu sich herum. „Glaub mir, du siehst umwerfend aus. Und jetzt geh. Ich wünsche dir einen tollen Abend.“

„Ich bin aber so nervös.“

„Syd, du gehst jetzt!“

„Und was ist, wenn er gar nicht kommt?“

„So ’n Quatsch!“ Lani drückte ihr beruhigend die Schultern. „Jetzt mach dich endlich auf den Weg.“

Rosewood Mansion am Turtle Creek war eines der schönsten historischen Gebäude von Dallas. Früher einmal ein herrschaftlicher Wohnsitz, war das Haus inzwischen ein Fünfsternehotel und – restaurant – ein elegantes Refugium mit Marmorfußböden, Buntglasfenstern und handgeschnitzten Kaminsimsen.

Sydneys Herz klopfte vor Aufregung und Nervosität, als sie das Foyer betrat und auf den Ober zuging. „Ich bin hier verabredet“, erklärte sie. „Rule Bravo-Calabretti?“

„Dort entlang, bitte.“ Er führte sie zu einer Art Separee, einer mit Vorhängen abgetrennten Sitzecke auf der Terrasse.

Rule saß bereits am Tisch. Er trug einen edlen schwarzen Anzug. Seine dunklen Augen leuchteten bei ihrem Anblick erfreut auf. „Sydney!“ Er wirkte genauso glücklich über ihr Erscheinen wie ihr kleiner Sohn heute Abend. „Sie sind tatsächlich gekommen.“ Die Erleichterung in seiner Stimme war nicht zu überhören, was Sydney etwas überraschte. Er wirkte eigentlich nicht wie jemand, der sich Sorgen über das Auftauchen eines Dates machen musste.

Seine Reaktion machte ihn für sie nur noch liebenswerter – falls das überhaupt möglich war. „Das hätte ich mir doch nie entgehen lassen“, sagte sie leise und sah ihm in die Augen.

Der Ober öffnete die Champagnerflasche, die schon in einem Silberkühler bereitstand.

„Ich habe mir erlaubt, schon mal mit dem Koch zu reden und ein Menü auszusuchen, das Ihnen meiner Meinung nach gefallen wird“, erklärte er. „Wenn Sie jedoch lieber selbst etwas aussuchen möchten …“

Sydney gefiel es, dass er sich bereits Gedanken über das Essen gemacht hatte. Und dass er sie nach ihren Vorlieben fragte. „Das Essen hier ist immer ausgezeichnet, also schließe ich mich Ihrer Wahl an.“

„Dann halten Sie also keine Diät oder lehnen bestimmte Speisen ab?“ Rule sah sie so aufmerksam an, als wolle er sich ihre Gesichtszüge unauslöschlich einprägen.

„Nein. Ich vertraue Ihnen.“

In seinen Augen flackerte etwas auf. „Sehr gut“, antwortete er mit einer Stimme, die sie wie eine warme Decke einhüllte. Er nickte dem Ober zu. „Danke, Neil.“

„Ja, Euer …“ Neil stockte. „Ihr Kellner wird gleich bei Ihnen sein“, stammelte er, verbeugte sich leicht und ging davon.

„Neil wirkt etwas nervös“, flüsterte sie, als er fort war.

„Ach, wirklich? Ist mir gar nicht auffallen“, sagte Rule leichthin. „Sie sollten immer Rot tragen“, wechselte er das Thema.

„Wäre das auf die Dauer nicht etwas langweilig?“

„Sie und langweilig? Sie erinnern mich an diesen Song, ‚Lady in Red‘. Ich bekomme sofort Lust, mit Ihnen zu tanzen.“

Wie machte der Kerl das nur? Schmeichelte ihr schamlos und klang dabei auch noch total aufrichtig. „Danke übrigens für die Blumen.“

Lässig winkte er ab. „Ich hoffe, ich habe es nicht übertrieben.“

„Nein, ich habe mich sehr gefreut. Hoffentlich macht es Ihnen nichts aus, dass ich die Blumen mit einigen Angestellten geteilt habe?“

„Warum sollte es? Es sind Ihre Blumen. Offensichtlich sind Sie nicht nur die faszinierendste Frau, der ich je begegnet bin, sondern auch sehr großzügig.“

Sie schüttelte den Kopf. „Sie erstaunen mich, Rule.“

Er hob eine Augenbraue. „Hoffentlich auf positive Weise?“

„Oh ja. Ich ertappe mich bei dem Wunsch, alles glauben zu wollen, was Sie sagen.“

Als er ihre Hand nahm, begann ihr Herz schneller zu klopfen. Er hatte eine unglaubliche Wirkung auf sie.

„Wäre es Ihnen lieber, wenn ich Sie schlecht behandle?“

Unwillkürlich fröstelte sie. „Warum fragen Sie so etwas?“

Er hob ihre Handfläche zu den Lippen und küsste sie.

Sydney wurde ganz heiß, als sie seinen Atem an ihrer Haut spürte.

„Weil ich alles über Sie erfahren will“, murmelte er, ließ ihre Hand sanft auf das weiße Tischtuch sinken und verschränkte seine Finger mit ihren. „Manche Frauen genießen eine gewisse Unverbindlichkeit bei einem Mann und finden es reizvoll, sich seiner nicht sicher zu sein. Sie behaupten zwar in der Regel, dass sie einen guten Mann wollen, der sie zu schätzen weiß, aber in Wirklichkeit ist es anders.“

Sydney beugte sich über den Tisch. „Ich mag Sie so, wie Sie sind. Bitte verstellen Sie sich nicht.“

„Dazu bin ich gar nicht in der Lage. Trotzdem kann ich auch unangenehm werden.“ Er sagte das ganz beiläufig, doch Sydney glaubte ihm. Sie spürte die eiserne Entschlossenheit hinter seinem Charme.

„Lieber nicht. Ich habe die Nase voll von unangenehmen Männern. Ich …“ Sie verstummte, als der Kellner sich ihrem Tisch näherte, doch als Rule ihm einen Blick zuwarf, drehte er sich sofort wieder um und ging.

„Erzählen Sie weiter“, sagte Rule leise. „Welche Männer meinen Sie?“

Na toll, jetzt hast du den schönen Abend ruiniert, Syd. „Das interessiert Sie doch bestimmt nicht.“

„Doch. Ich meinte es ernst, dass ich Sie kennenlernen will, Sydney. Ich will alles über Sie erfahren.“

Seine Augen waren unglaublich dunkel. Sydney hätte sich am liebsten in ihren Tiefen verloren … bis sie sich selbst komplett vergaß. So etwas war ihr bisher noch nie passiert. „Wie soll ich sagen? Ich scheine etwas an mir zu haben, das …“ Himmel, wollte sie wirklich darüber reden? „Ich scheine Männer anzuziehen, die behaupten, meine Stärke, Intelligenz und Unabhängigkeit zu mögen und die dann versuchen, mich klein zu machen.“

In seinen Augen flackerte etwas auf. Etwas … Gefährliches. „Wer hat versucht, Sie klein zu machen?“

„Müssen wir jetzt wirklich darüber reden?“

„Nein. Aber manchmal tut es gut, sich zu öffnen.“

Er sah sie so zärtlich an. So verständnisvoll.

Sydney gab nach. „Okay. Ich habe während des Studiums mit einem Mann zusammengelebt. Ryan hieß er. Er war witzig und lebenslustig, doch kaum zogen wir zusammen, kündigte er seinen Job, lag nur noch auf dem Sofa herum, sah den Sportkanal und trank Dosenbier. Als ich ihn bat, etwas mehr Motivation an den Tag zu legen, ging es mit unserer Beziehung bergab. Er behauptete, sich neben mir wie ein Versager zu fühlen, und dass ich ihn quasi entmannen würde. Dann bat er mich, ihm gefälligst aus dem Weg zu gehen, da er sonst nicht fernsehen könnte.“

Rule zuckte die Achseln. „Also haben Sie ihn zum Teufel gejagt.“

„Ja, das habe ich getan. Und da warf er mir ins Gesicht, dass er mich betrogen hätte, weil es seine einzige Chance gewesen sei, sich wieder als Mann zu fühlen. Er war also nicht nur ein Nichtsnutz, sondern auch ein Betrüger und Lügner. Nach Ryan nahm ich mir eine fünfjährige Auszeit von den Männern. Danach traf ich Peter. Er war Anwalt wie ich, arbeitete jedoch für eine kleinere Kanzlei. Irgendwann drängte er mich, ihm einen Job bei Teale, Gayle and Prosser zu verschaffen.“ Sydney seufzte.

„Und das passte Ihnen nicht?“

„Nein, und das habe ich ihm auch gesagt. Ich finde es gut, einander gegenseitig zu unterstützen, aber ich wollte nicht, dass mein Freund in derselben Kanzlei arbeitet wie ich, schon gar nicht auf meinen Wunsch hin. Das war mir einfach zu riskant. Zunächst schien er dafür Verständnis zu haben.“

Rule drückte ihre Hand. „Aber das war nicht der Fall.“

„Nicht im Geringsten. Er warf mir vor, kein gutes Wort für ihn einlegen zu wollen, wie er es ausdrückte. Von da an wurde es immer schlimmer. Er sagte viele verletzende Dinge zu mir. Bei einer Party betrank er sich und beklagte sich bei einem meiner Partner über mich. Als es dann zwischen uns aus war, habe ich …“ Sie rang nach den richtigen Worten.

Rule ergänzte den Satz für sie: „… haben Sie beschlossen, mit den Männern ein für alle Mal fertig zu sein.“

Sydney wandte den Blick ab.

Sanft berührte er sie am Kinn und drehte ihr Gesicht zu sich herum. „Alles in Ordnung?“

Sie nickte schluckend. „Ja. Es ist nur … immer, wenn ich darüber rede, komme ich mir wie eine Versagerin vor.“

„Diese Männer, Ryan und Peter – das waren Versager!“, sagte Rule mit Nachdruck. „Sie haben mir gar nicht die Nachnamen der beiden verraten.“

„Das habe ich auch nicht vor. Wie schon gesagt, es ist schon lange vorbei, mit beiden.“

Rule lächelte. „Genau das wollte ich hören.“ Er ließ ihre Hand los – jedoch nur, um stattdessen die Finger über ihr Gesicht gleiten zu lassen.

Sydney lief ein Schauer über den Rücken.

Er berührte eine ihrer Haarsträhnen. „So weich“, flüsterte er. „Wie Ihre Haut. Und wie Ihr Herz …“