Inhalt

  1. Cover
  2. Über dieses Buch
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmung
  7. Der Brief
  8. Drei Stunden vorher
  9. Samstag, 27. August
  10. Die Entscheidung
  11. Mittwoch, 31. August
  12. Der Rechtsanwalt
  13. Unterwegs
  14. Ankunft
  15. Der Brief
  16. Der Morgen
  17. Der Mühlenhof
  18. Donnerstag, 1. September
  19. Drei Stunden vorher
  20. Peter
  21. Das Abendessen
  22. Drei Telefonate
  23. Samstag, 3. September
  24. Miri
  25. Henry
  26. Montag, 5. September
  27. Rückkehr
  28. Ausmisten
  29. Tischlerei Weibold
  30. Umbau
  31. Freitag, 16. September
  32. Das neue Mühlencafé
  33. Die Neueröffnung
  34. Angezählt
  35. Absturz
  36. Der Streit
  37. Die Pokerrunde greift ein
  38. Der Plan
  39. Miri hat Zweifel
  40. Samstag, 1. Oktober, weit nach Mitternacht
  41. Peter
  42. Heidi
  43. Rita wird aktiv
  44. Karin rechnet
  45. Die Predigt
  46. Eine Landhochzeit wird geplant
  47. Planänderung
  48. Gegen die Uhr
  49. Die Hochzeit
  50. Peter macht sich Sorgen
  51. Chaos
  52. Weltuntergang
  53. Montag, 17. Oktober
  54. Mehr als gut
  55. Kaffee ohne Seele
  56. Es geht aufwärts
  57. Neue Möglichkeiten
  58. Mittwoch, 2. November
  59. Die Silvesterparty
  60. Epilog
  61. Danksagung
  62. Kaffeküsse - Rezepte

Über dieses Buch

Sophie ist eine absolute Stadtpflanze, doch ihr Leben in Hamburg läuft eher schlecht als recht. Als sie dann auch noch vom Tod ihrer lieben Tante Dotti erfährt, zieht es ihr den Boden unter den Füßen weg. Aber Dotti hatte einen Plan für sie – und so findet sich Sophie kurze Zeit später in Wümmerscheid-Sollensbach wieder, einem idyllischen, wenn auch verschlafenen kleinen Ort zwischen Rhein und Mosel. Dort steht sie überrascht vor ihrem Erbe: ein renovierungsbedürftiges, altes Mühlengebäude mit einem Café im Erdgeschoss. Doch die Sache hat einen Haken, denn Sophie kann nur erben, wenn sie das Café weiterführt. Sie nimmt die Herausforderung an – trotz aller Widrigkeiten. Mit Improvisationstalent und viel Einsatz beginnt sie, das Café auf Vordermann zu bringen. Die sehr eigenwilligen Dorfbewohner sind ihr dabei keine große Hilfe. Aber zum Glück gibt es da ja noch ihren Nachbarn Peter Langen, alleinstehend und gutaussehend ...

Über die Autorin

Hinter dem Pseudonym Barbara Erlenkamp steht das Ehepaar Christine und Andreas J. Schulte. Er ist Journalist und Krimiautor, der neben seinen historischen Kriminalromanen auch moderne Thriller und Kurzgeschichten schreibt.

Sie hat bereits in ihrer Schulzeit zusammen mit einer Freundin ihren ersten Roman geschrieben und arbeitet heute als technische Redakteurin. Das Ehepaar Schulte lebt mit seinen beiden Söhnen seit mehr als 25 Jahren auf dem Land, in der Nähe von Andernach am Rhein.

Unter dem Pseudonym Barbara Erlenkamp schreiben sie zusammen moderne, humorvolle Frauen- und Unterhaltungsromane. »Das kleine Café an der Mühle« war ihr erster gemeinsamer Roman.

Barbara Erlenkamp

   

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beHEARTBEAT

Für unsere Schwestern:

Susanne, Ulrike, Gisela und Brigitte

Der Brief

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Tagsüber war es ein milder Spätsommertag gewesen. Aber jetzt, am Abend, krochen die Feuchtigkeit und Kälte von der Alster herüber. Ein Vorgeschmack auf den nahenden Herbst. Eigentlich war es zu kühl, um hier draußen ohne Jacke zu stehen. Eigentlich gehörte sie hier gar nicht hin, sie wurde bestimmt schon drinnen gebraucht. Sophie starrte auf den Brief in ihren Händen. Dieses eine Stück Papier ließ sie den Rest um sie herum vergessen: die Mülltonnen da hinten in der Ecke, das alte Fahrrad, die leeren Getränkekisten, den Wagen vom Chef. Kein heimeliger Platz, um Pause zu machen oder um sich auszuruhen – nur ein Rückzugsort, ein Platz für sie selbst und diesen Brief. »Sophie? Sophie!«

»Ich komme, Elke, Augenblick.«

»Ach, hier steckst du. Was machst du denn hier draußen?«

»Ich wollte nur einen Moment …«

»Schon gut. Aber du musst jetzt noch den Wintergarten übernehmen. Da drinnen ist die Hölle los.«

»Den Wintergarten? Aber Anne ist doch …«

»Anne hat sich gerade in der Küche heiße Krabbensuppe über die Hand gegossen. Heute geht wirklich alles schief! Komm, Sophie, sei ein Schatz und kümmere dich um die Tische im Wintergarten. Die Busgesellschaft scharrt schon mit den Hufen. Wenn die nicht bald ihre Getränke bekommen, gibt es Ärger.« Elke Seebald musterte Sophie.

»Ist mit dir alles in Ordnung?«

Sophie nickte stumm, faltete unauffällig den Brief zusammen und schob ihn in ihre Hosentasche.

»Ja, sicher, ich musste nur einmal kurz Luft schnappen.« Den letzten Teil des Satzes hörte Elke schon gar nicht mehr, weil Claas von drinnen ihren Namen rief. Sophie blinzelte die Tränen weg, wischte sich einmal über die Augen und wünschte, sie hätte vor drei Stunden einfach Nein gesagt.

Drei Stunden vorher

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Als Sophie von Metten die Haustür aufschloss und ihr Fahrrad in den Flur des alten Mietshauses schob, lag ein ruhiger Abend vor ihr. Sophie wusste auch schon genau, was sie an diesem Abend machen wollte. Eine ganze Woche lang hatte sie geschuftet, hatte mehrere Interviewtermine hinter sich gebracht, hatte zwei zusätzliche Tage im Captain Claas gearbeitet. Aber der heutige Abend gehörte ihr allein. Sophie summte zufrieden vor sich hin, als sie den Briefkasten öffnete. Erst einmal würde sie ein Bad nehmen. Dann ein wenig Salat essen und ein Glas Weißwein genießen – mehr war wirklich nicht drin, die Jeanshose kniff immer noch am Bund. Und zur Feier des Tages würde sie diese herrliche Schnulze lesen, bis ihr die Augen vor Müdigkeit zufielen. Nach dieser Woche geht das wahrscheinlich ganz flott, dachte Sophie und nahm sich wieder einmal vor, ein paar grundlegende Dinge zu ändern. Veränderungen sind schön, Mädchen, aber du musst sie dir auch leisten können, ermahnte sie sich im Stillen, als sie die Briefe in ihren Händen flüchtig durchsah. Sophie sortierte die Umschläge, während sie die Treppe in den dritten Stock hochstieg: ein Brief von der Bank mit ihren Kontoauszügen, zwei Briefe mit Werbung, eine Mahnung von dem Versender, bei dem sie erst vor zwei Wochen eine traumhaft schöne Bluse bestellt hatte, und ein Umschlag, der aus Koblenz kam. Sophie schloss die Wohnungstür auf und warf die Post auf den kleinen Rauchtisch. Sie hatte ihn im letzten Monat auf dem Flohmarkt gefunden, hatte ihn abgebeizt und neu gestrichen, seitdem passte er wunderbar zu ihrer alten Garderobe.

Den Brief aus Koblenz nahm sie mit in die Küche. Sie öffnete den Kühlschrank, nahm sich ein Radieschen aus einer Schale und prüfte die halb gefüllte Weißweinflasche in der Kühlschranktür. Zur Feier des Tages waren sicher auch zwei Gläser Weißwein drin. Eines, während das Wasser in die Wanne einlief, und später dann noch eins zum Essen.

In Sophies Jacke vibrierte das Handy. Sie zog es heraus und bereute das bereits im nächsten Augenblick. Sabine, ihre Literaturagentin, schrieb selten lange und ausführliche Mails, vor allem dann nicht, wenn sie schlechte Nachrichten weitergeben musste. »Drei neue Absagen. Shit. Sorry, Sophie, wird schon. LG, Sabine.« Sophie konnte den gesamten Mailinhalt bereits auf dem Display in der Vorabansicht durchlesen. Na ja, das Gute war immerhin, dass Sabine bei Absagen von Verlagen nicht lange um den heißen Brei herumredete. Aber das änderte nichts an der Tatsache, dass der neue Reiseführer »Happy Travel« sich langsam, aber sicher zu einem Rohrkrepierer entwickelte. Sophie seufzte und holte die Weißweinflasche heraus, als das Handy in ihrer Hand erneut vibrierte, diesmal aber war es ein Anruf.

»Von Metten. Guten Abend.«

»Sophie? Claas hier. Mädchen, ich weiß, du hast deine zwei Tage schon hinter dir, aber wir haben heute drei Busgesellschaften reinbekommen, und der Markus hat mir gerade abgesagt. Elke und Anne können das unmöglich alleine stemmen.«

»Claas, heute ist mein erster freier Abend seit mehr als drei Wochen«, stöhnte Sophie, »was ist denn mit der Nele?«

»Habe ich schon versucht zu erreichen, da geht aber nur die Mailbox dran.« Sophie konnte Claas' verzweifeltes Gesicht geradezu vor sich sehen, zumal den Geräuschen im Hintergrund nach zu urteilen offensichtlich die Gäste des ersten Reisebusses gerade den Gastraum des Ausflugsrestaurants Captain Claas stürmten.

»Sophie, bitte!«

Sie wusste, dass Claas sie brauchte, freier Abend hin oder her, das war sie ihm schuldig. Wäre ihre Mailbox drangegangen, hätte sie jetzt gleich in der Wanne liegen können. Aber so … Sophie unterdrückte einen Seufzer. Wenn sie den Harvestehuder Weg nahm, konnte sie von der Erikastraße aus mit dem Rad in einer Viertelstunde an der Außenalster sein. »Also gut, Claas, ich komme. Ich ziehe mich nur schnell um, dann bin ich in zwanzig Minuten bei euch.«

»Sophie, du bist ein Schatz, ich wusste, dass ich mich auf dich verlassen kann. Ich zahl dir auch die Sonderschicht.« Bevor Sophie ihn daran erinnern konnte, dass er ihr bereits seit drei Wochen Sonderschichten bezahlte, hatte Claas Lützel aufgelegt.

Sophie stellte die Weinflasche zurück in den Kühlschrank, nahm noch ein zweites Radieschen und lief dann kauend ins Schlafzimmer, um sich umzuziehen. Als sie fünf Minuten später abfahrbereit war, nahm sie, ohne groß darüber nachzudenken, den Umschlag aus Koblenz und schob ihn in ihre Umhängetasche. Den Brief konnte sie später immer noch lesen. Drei Stunden danach stand sie mit tränenblinden Augen in Claas' Hinterhof und wünschte sich weit, weit weg.

Samstag, 27. August

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Tante Dotti ist tot. Meine geliebte Tante Dotti soll einfach im Garten umgekippt sein. Ohne Vorwarnung, einfach so. Tante Dotti ist tot. Schon während ich zusehe, wie die Tinte auf dem cremefarbenen Papier dieses Tagebuches trocknet, kommt mir der Satz wie eine Lüge vor. Dotti war immer stark, immer optimistisch. Und sie ist immer heiter gewesen. Sie hat alle Schwierigkeiten in ihrem Leben einfach niedergelächelt. »Ich rege mich doch nicht über Dinge auf, die ich nicht ändern kann«, hat sie mir mal gesagt. »Steh auf der Bühne des Lebens, und plaudere über deine Pläne, dann kannst du hinten im Saal das Schicksal lachend vom Stuhl fallen hören« – einer von Dottis Lieblingssprüchen. So jemand darf einfach nicht tot im Garten zusammenbrechen, das ist nicht fair. Dotti hätte es sicher auch nicht fair gefunden, aber wahrscheinlich hingenommen. Eine Tatsache, die man eben nicht ändern kann.

Ich weiß auch nicht, warum ich ausgerechnet heute Abend mit diesem Tagebuch beginne. Dotti hat mir dieses Buch vor zwei Jahren geschenkt, damit ich mir Notizen für meinen nächsten Reiseführer machen kann. Aber der weinrote Leinenumschlag, das cremefarbene Papier, irgendwie kam mir dieses Buch zu wertvoll vor, um darin Öffnungszeiten eines Museums oder die Fahrpläne einer Fähre zu notieren. Ich habe mich nie getraut, etwas hineinzuschreiben, hatte Skrupel, die Seiten mit Belanglosigkeiten zu füllen. Zwei Jahre lang lag das Buch vorwurfsvoll in meinem Regal herum.

Das letzte Mal, dass ich Tagebuch geführt habe, ist Jahre her. Dreizehn oder vierzehn muss ich damals gewesen sein. Es war der Sommer, als Mama und Papa beruflich in Frankreich waren und ich die Schulferien bei Dotti verbrachte.

Ich habe gestern Nacht oft an diesen Sommer denken müssen. Die Hektik im Captain Claas ließ mir keine Zeit für Erinnerungen. Die Trauer erwischte mich erst, als ich meine dunkle Wohnung aufschloss. Ich habe geheult wie ein Schlosshund. Weißt du, Dotti, ich bin mir gar nicht mal so sicher, ob dir die ganzen Tränen recht wären. Schließlich hast du mir mal gesagt, dass der Tod nur ein kurzer Weg auf die andere Seite des Flusses ist. Jetzt sitze ich hier, schau auf das nächtliche Hamburg, trinke Wein und schreibe einfach auf, was mir gerade durch den Kopf geht.

Vielleicht behalte ich ja mehr von dir in Erinnerung, wenn ich die Seiten dieses Tagebuchs fülle.

Siehst du, Dotti, jetzt benutze ich es. Für dich, nur für dich.

Die Entscheidung

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»Also, wenn du mich fragst, ich würde hinfahren.« Miriam Vollmer streifte die Pumps ab und zog die Füße hoch. Mit beiden Händen hielt sie eine große Tasse Milchkaffee fest und schaute Sophie fragend an. »Sag schon, hat der Rechtsanwalt aus Koblenz in seinem Brief irgendetwas über das Erbe verraten?«

Sophie, die ihrer besten Freundin Miriam im Sessel gegenübersaß, schüttelte den Kopf. »Nein, nur, dass meine Tante tot in ihrem Garten gefunden worden ist. Dass sie mich als Erbin eingesetzt hat und dass ich nach Koblenz kommen soll, um alle Formalitäten zu klären. Sollte mir dies nicht möglich sein, könne er, der Rechtsanwalt, auch mit einer Partnerkanzlei hier in Hamburg zusammenarbeiten.« Miriam schnaubte. »Es ist ja nicht so, als müsstest du hier in Hamburg auf irgendjemanden Rücksicht nehmen, Sophie. Du hast bei Claas in den letzten Wochen geschuftet wie eine Blöde. Ich weiß«, Miriam hob abwehrend eine Hand, »ohne den Job bei Claas hättest du nicht studieren können, und er war auch immer großzügig zu dir. Aber mal ehrlich, du bist achtundzwanzig Jahre alt, du hast einen Abschluss in der Tasche und einen wirklich tollen Reiseführer geschrieben. Ich kenne keine, die ein ganzes Buch zustande gebracht hat.«

»Na toll, ein Buch, das kein Verlag haben will.«

»Ach was, du hast ja auch schon an diesem anderen Reiseführer mitgearbeitet, und dann sind da noch die Artikel für das Stadtmagazin. Außerdem bist du die einzige Freundin, die ich habe, die so optimistisch ist, dass ihre Pläne einfach klappen müssen.«

»Lieb von dir, Miri, aber seien wir doch einmal ehrlich: Nur weil ich während des Geografiestudiums zwei Kapitel für einen alternativen Reiseführer geschrieben habe und ab und zu mein Name in einem unabhängigen Szenemagazin auftaucht, bin ich noch lange keine Schriftstellerin. Am liebsten hätte ich ja eine Festanstellung in der Redaktion. Aber im Moment bin ich schon froh, dass ich mir mit Steffi die Wohnung hier teile, allein könnte ich mir die Miete nicht leisten. Na ja, Steffi wird im Oktober aus Verona zurückkommen, dann ist ihr Auslandsjahr rum. Verstehst du, ich wohne in einer WG, schreibe unterbezahlte Artikel und kellnere schon seit fast sechs Jahren. Nein, in meinen ganz düsteren Momenten sehe ich mich als eine zweite Elke mit Krabbensuppe und Fischtellern in der Hand im Captain Claas enden.«

»Genau deshalb musst du nach Koblenz fahren, so teuer ist die Zugfahrt schließlich auch nicht, und du kannst Hamburg und alles andere mal für ein paar Tage vergessen.«

Nachdenklich rührte Sophie in ihrem Kaffeebecher. Was Miriam sagte, hatte Hand und Fuß, wobei Miri leicht reden hatte. Sie arbeitete als Sekretärin bei einer großen Reederei, und das war auch genau das, was sie immer schon machen wollte. Miriam forschte in Sophies Gesicht.

»Gibt es noch irgendetwas, was ich nicht weiß?«

»Na ja, Thorsten …«

»Thorsten? Nicht im Ernst jetzt. Du hattest mir hoch und heilig versprochen, mich sofort darüber zu informieren, wenn du mit Thorsten Festel ins Bett gehst. Hallo, ich bin deine beste Freundin, ich habe ein Recht auf alle schlüpfrigen Einzelheiten.«

Sophie lächelte und strich sich verlegen eine schwarze Locke hinters Ohr. »So schlüpfrig war das alles gar nicht. Ich meine, Thorsten ist wirklich ein netter Kerl. Und vor zwei Wochen, auf der Fete von Claudia, haben wir nach Mitternacht ein bisschen rumgeknutscht.«

»Und seid dann endlich zusammen ins Bett gegangen.«

»Nein, sind wir nicht. Thorsten hatte am nächsten Tag eine wichtige Präsentation und musste schon um sechs Uhr den Flieger nach Frankfurt nehmen.« Noch während Sophie das erklärte, schoss ihr der Gedanke durch den Kopf, warum Thorsten es in den letzten vierzehn Tagen nicht geschafft hatte, mehr als nur ein paar WhatsApp-Nachrichten mit ihr auszutauschen und einmal ganz kurz zu telefonieren. Ich lasse mich schließlich nicht von jedem küssen, dachte Sophie, eigentlich hätte Thorsten wirklich mal vorbeikommen können.

»Ich sehe schon, die Sache mit Thorsten ist eine heikle Angelegenheit. Vor zwei Wochen habt ihr rumgeknutscht, aber offenbar ist danach nichts mehr passiert. Gehen wir mal davon aus, dass du durchaus akzeptabel küssen kannst.« Miriam grinste von einem Ohr zum anderen. »Dann würde ich behaupten, dass Thorsten entweder überarbeitet oder ein Feigling ist, der sich nicht traut, dir die Wahrheit zu sagen. Nämlich dass du, trotz deiner unübersehbaren Reize, nicht sein Typ bist. So oder so hat er es nicht verdient – und damit komme ich zum Schluss meines Plädoyers, Herr Richter –, dass du für ihn die Fahrt nach Koblenz sausen lässt. Und solltest du da unten in Süddeutschland einen Sack voll Geld und ein riesiges Anwesen erben, erwarte ich, dass du mich, als deine beste Freundin, sofort einlädst.«

»Tante Dotti hat in den letzten fünf Jahren an der Mosel gewohnt, in irgendeinem kleinen Ort, den man nur mit Mühe bei Google Maps findet. Die Mosel ist nicht Süddeutschland, Miri.«

Miriam lachte. »Süddeutschland hin oder her, Hauptsache, du vergisst nicht, wen du einladen musst. Also, wann fährst du?«

Sophie überlegte kurz. Sie musste morgen noch einen Artikel abgeben, dabei konnte sie die Redaktion direkt informieren, dass sie für ein paar Tage ausfallen würde. Anschließend würde sie zu Captain Claas fahren und sich abmelden. Claas würde natürlich herumjammern, weil er nur ungern auf sie verzichtete, aber darauf konnte sie diesmal keine Rücksicht nehmen. Der Monat war fast vorbei, und sie hatte deutlich mehr als vereinbart für ihn gearbeitet.

»Ich könnte am Mittwoch nach Koblenz fahren«, sagte sie laut.

Miriam klatschte in die Hände. »Jawohl, das ist meine Sophie. Mittwoch klingt gut, da können wir am Dienstag noch bei Ernesto eine Abschieds-Lasagne genießen.«

Mittwoch, 31. August

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Himmel, ist mir übel.

Miri hat gestern alles gegeben. Von wegen gemütlicher Abend bei unserem Lieblingsitaliener … Mit ihrer „Abschieds-Lasagne“ bei Ernesto hatte sie sich richtig ins Zeug gelegt. Sie hat eine total nette Runde zusammentelefoniert: Anke und Tanja waren dabei, die hatte ich schon viel zu lange nicht mehr gesehen – seit ich mit dem Pilateskurs aufgehört habe. Außerdem war noch Bernd aus der Redaktion da und Stefan, Miris Neuer. Eigentlich hätte es ein lustiger Abend werden können. Mich störte nur, dass jeder, aber auch wirklich jeder, beteuert hat, wie klasse er es findet, dass ich nach Koblenz fahren will, um mehr über meine Erbschaft zu erfahren. Niemand am Tisch bei Ernesto hat Dotti gekannt, keiner wusste doch, was mich in Koblenz erwarten würde. Himmel, ich weiß ja selbst nicht einmal, was mich erwartet. Aber dieses aufgesetzte »Toll-dass-du-diesen-Schritt-wagst«-Getue ging mir ganz schön auf den Keks. Ich will ja nicht in den australischen Busch auswandern oder Nonne in Indien werden – ich will mit dem Zug nach Koblenz fahren. Ich glaube, Miri war ein bisschen sauer, dass ich mich über ihre organisierte Fröhlichkeit nicht so doll gefreut habe.

Wie sollte ich auch fröhlich an ein Erbe denken? Ich will gar nicht erben. Ich will, dass Dotti in Koblenz am Bahnsteig steht, mit ihren Dauerwellenlöckchen, der schmalen Lesebrille auf der Nase, den unglaublich hässlichen geblümten Kleidern und ihrem ansteckenden Lachen.

Aber Dotti wird nicht da sein. Warum soll ich es also toll finden, dorthin zu fahren?

Richtig mies wurde es, als Tanja erzählte, dass sie am Wochenende zufällig Thorsten in Brunos Bar getroffen hat. Da war bei mir endgültig Schluss mit lustig. Wenn Thorsten Zeit hat, bei Brunos einen Cocktail zu schlürfen, statt über einer wichtigen Präsentation zu brüten, wenn er Zeit hat, mit Tanja eine Stunde lang zu plaudern, dann kann der Arsch sich doch wohl gefälligst mal bei der Frau melden, mit der er erst kürzlich geknutscht hat. Männer! Eines muss ich Miri lassen: Sie hat bei Tanjas Bericht sofort die Notlage erkannt. Und da wir schließlich bei Ernesto waren, hieß ihr Notfallrezept: Grappa. Ernesto hat tollen Grappa. Wobei, nach den ganzen Bildern von Tanja und Thorsten in meinem Kopf und den Cocktails war mir der Geschmack echt egal.

Ich spülte die Erinnerung an Thorstens Küsse mit drei Grappas auf ex weg. Zumindest für den Augenblick. Danach fühlte ich mich zwar beschwipst, war aber immer noch völlig Herrin der Lage. Auch was die Bestellungen anging, zumal Miri erklärt hatte, sie würde für die Getränke aufkommen. Großer Fehler, ganz großer Fehler. Normalerweise achte ich schon deswegen darauf, was und wie viel ich trinke, weil ich es auch bezahlen muss. Aber Ernesto schenkte ja schneller Grappa nach als sein Schatten. Die zwei Aspirin heute früh haben es nicht mal annähernd geschafft, den Kater aus meinem Kopf zu vertreiben.

Gott, ist mir übel. Aber das geschieht mir ganz recht, ich dummes Huhn weiß doch, dass ich keinen Schnaps vertrage. Einen vielleicht, aber fünf, sechs oder sieben? Mir fehlt komplett der Überblick. Miri, die Gute, hat aber immerhin auf mich aufgepasst, mich nach Hause begleitet und sogar noch zwei Wecker für heute früh gestellt.

Jetzt sitze ich im ICE und nippe an dem schrecklichen Kaffee der Deutschen Bahn. Vielleicht bilde ich mir das ja auch ein, aber irgendwie schmeckt der Kaffee nach dem Holzstäbchen, das mir die Bedienung unaufgefordert in den Becher gesteckt hat, damit ich meine Kondensmilch umrühren kann.

Tante Dotti wäre so was nie passiert. Ich meine nicht den Kater nach der grappageschwängerten Abschiedsfeier, ich meine die Kaffeeplörre im Pappbecher.

Dotti hat immer Wert darauf gelegt, dass sie – wie sie es nannte – leckeren Kaffee dabei hatte. Bei Kaffee war Dotti eigen. Sie hat immer mehrere Bohnenröstungen zur Auswahl gehabt, lieber nahm sie sich Kaffee in einer Thermoskanne mit, als abgestandenen Filterkaffee zu trinken. Mit dem Inhalt meines Bechers hier hätte sie nicht mal die Blumen gegossen.

Es ist merkwürdig: In letzter Zeit muss ich nur das Tagebuch aufschlagen, und mir fallen Dinge über Dotti ein, die ich bislang nie hinterfragt habe. Zum Beispiel weiß ich nicht, warum Dotti an die Mosel gezogen ist. Viele Jahre hat sie in einem großen alten Haus in Bad Godesberg gewohnt. Aber irgendwann musste es dann Wümmerscheid-Sollensbach sein.

Draußen sieht man die ersten Ausläufer des Ruhrgebiets. Hannover liegt bereits weit hinter mir, Hamburg scheint eine kleine Ewigkeit entfernt zu sein, Köln ist das Ziel. In Köln muss ich umsteigen. In Koblenz – ich hab's gegoogelt – kann man leicht vom Bahnhof zu Fuß in die Schlossstraße gehen. Wenn alles glatt läuft, bin ich schon um kurz nach halb drei in Koblenz, den Termin in der Kanzlei habe ich um halb vier, das schaffe ich sogar mit Kopfschmerzen.

Der Rechtsanwalt

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»Ich darf Sie daran erinnern, dass Sie um 15:30 Uhr den Termin mit der Erbin haben, Herr Dr. Knese.«

»Ja, danke, Frau Weiherbart, ich habe es mir notiert.«

Als sich die Tür hinter seiner Sekretärin schloss, setzte Hans-Werner Knese gedankenverloren ein Ausrufezeichen hinter den Eintrag in seinem Terminkalender, bevor er den Füller zuschraubte. Sophie von Metten hatte überraschend unaufgeregt am Telefon geklungen, als sie den Termin mit ihm vereinbart hatte. Normalerweise übernahm solche Terminabsprachen seine Sekretärin, aber dieser Anruf war auf seinen Wunsch hin direkt zu ihm durchgestellt worden, das war er Dotti schuldig. Ungewöhnlich, wie ruhig Dottis Nichte am Telefon geblieben war. Viele Menschen, die von einem Erbe erfuhren, wollten am liebsten gleich am Telefon wissen, was und wie viel sie erben würden. Aber in solchen Fällen blieb Knese hart, seine Mandanten hatten ihm zu Lebzeiten vertraut und bei ihm ihr Testament hinterlegt. Die letzten Wünsche eines Menschen besprach man nicht mal eben am Telefon.

Mit Dorothee von Metten hatte ihn eine lange Freundschaft verbunden. Schon als sie in Bad Godesberg gewohnt hatte, hatte sie seinen Rat gesucht. Dotti war öfter mit seiner Frau nach Köln ins Museum oder zum Shoppen gefahren. Auch als Dotti dann in dieses Dorf zwischen Mosel und Eifel gezogen war, waren sie in Kontakt geblieben.

Hans-Werner Knese war mittlerweile fünfundsechzig Jahre alt, seine Frau drängte ihn, beruflich kürzerzutreten, und Dottis plötzlicher Tod hatte ihn nachdenklich gemacht. Ich sollte mich wirklich mehr um Karin kümmern, als hier Stunde um Stunde über den Schriftsätzen meiner Mandanten zu brüten, dachte er. Aber damit konnte er morgen beginnen, heute musste er sich erst einmal um Dottis letzten Willen kümmern.

Er griff zum Telefonhörer und drückte die Taste für interne Gespräche.

»Frau Weiherbart, bevor ich das vergesse, könnten Sie mal die beste Verbindung von Koblenz nach, warten Sie, der Ort heißt Wümmerscheid-Sollensbach, heraussuchen? Nein … keine Ahnung. Vielleicht eine Regionalbahn oder ein Bus. Ab wann? Nun, sagen wir so ab siebzehn Uhr. Danke schön.«

Hans-Werner Knese fuhr sich mit der Hand durch seine grauen, schütteren Haare. Er kannte Sophie von Metten nicht, nahm aber an, dass sie nicht einfach nur das Testament kennenlernen wollte, um dann wieder zurück nach Hamburg zu reisen. Knese seufzte. Was hatte sich Dotti nur dabei gedacht? Wümmerscheid-Sollensbach – Dottis Nichte war nicht zu beneiden. Aber das hatte sie ganz allein zu entscheiden, er war nur den Wünschen seiner Mandanten verpflichtet.

*

Zwei Stunden später, pünktlich um halb vier, klopfte Frau Weiherbart wieder an seine Tür.

»Frau von Metten ist eingetroffen, Herr Dr. Knese. Ich habe sie in den Besprechungsraum geleitet. Sie möchte einen Kaffee und ein Wasser, darf ich Ihnen auch noch einen Tee bringen?«

»Gern, Frau Weiherbart, gern.«

Hans-Werner Knese fragte sich, wann seine langjährige Sekretärin ihn wohl mal nur mit Herr Knese oder schlicht Chef ansprechen würde. Er hatte es ihr mehrfach angeboten, sogar das »Du« hatte er ihr vorgeschlagen, aber sie war hart geblieben. Sie bestand darauf, ihn weiterhin mit Dr. Knese anzureden. Na ja, das konnte ja jeder so handhaben, wie er wollte.

Knese nahm eine schwarze Aktenmappe vom Tisch und ging zum Besprechungsraum.

Sophie von Metten – das sah er gleich auf den ersten Blick – ähnelte in gewisser Weise ihrer verstorbenen Tante. Ihr zaghaftes Begrüßungslächeln zauberte die gleichen Grübchen hervor, wie Dotti sie gehabt hatte. Auch in Größe und Statur glichen sich die beiden Frauen: knapp einen Meter siebzig groß, schlank, ohne auffallend dünn zu sein. Knese räusperte sich, es kam nicht oft vor, dass ihm solche Äußerlichkeiten bei einem ersten Zusammentreffen mit einer Frau ins Auge sprangen. Ein wenig peinlich, wie er fand. Dotti hatte früher, bevor ihr Haar grau geworden war und sie sich Dauerwellenlöckchen zugelegt hatte, genauso ausgesehen. Sie war eine hübsche Frau gewesen. Sophie strahlte wie Dotti eine Natürlichkeit aus, die Knese bei seinen Mandantinnen selten sah. Sophie von Metten braucht jedenfalls kein aufwendiges Make-up, um die Aufmerksamkeit von Männern zu erregen, dachte Knese und musste schon selbst darüber schmunzeln, wie sehr ihn das Aussehen der jungen Frau in den ersten Augenblicken ihrer Begegnung beschäftigte.

Wahrscheinlich ist das so, weil ich Dotti so gut kannte, stellte Knese für sich fest, bevor er sich darauf besann, warum er hier mit Sophie von Metten im Besprechungsraum saß.

»Nun, Frau von Metten, ich bin froh, dass Sie es so kurzfristig einrichten konnten, von Hamburg nach Koblenz zu kommen. Darf ich Ihnen meine aufrichtige Anteilnahme angesichts des Todes Ihrer Tante aussprechen? Dottis Tod kam für uns alle, die wir sie gekannt und geschätzt haben, mehr als überraschend.«

»Ach, Sie haben meine Tante gekannt? Ich meine, sie war nicht nur eine Mandantin von Ihnen, Herr Dr. Knese?«

Bevor er antworten konnte, brachte Frau Weiherbart die Getränke herein, stellte sie schweigend auf den Tisch und war ebenso schnell wieder verschwunden, wie sie hereingekommen war. Effizient und diskret – manchmal war sie Knese fast schon unheimlich.

Er reichte Sophie von Metten lächelnd die Tasse Kaffee, bevor er ihre Frage beantwortete. »Oh nein, Frau von Metten, sie war nicht nur eine Mandantin, meine Frau und ich kannten Dotti schon seit vielen Jahren. Meine Frau war mit Dotti sogar gut befreundet. Umso mehr hat es uns getroffen, dass sie so plötzlich von uns gegangen ist.« Knese schluckte trocken und sah, dass Sophies Augen ebenfalls feucht wurden.

Er klopfte mit der flachen Hand auf die schwarze Aktenmappe. »Nun, vielleicht sollten wir ein anderes Mal über Dotti und unsere Erinnerungen sprechen. Kommen wir doch zu dem, was Dotti als letzten Willen bei mir hinterlegt hat. Ich möchte vorwegschicken, dass alles rechtlich einwandfrei ist. Und ich habe bereits die nötigen Schritte eingeleitet, damit Sie – sofern Sie das Erbe annehmen – auch als Erbin anerkannt werden. Aber – und lassen Sie mich das noch einmal deutlich sagen – Sie müssen das Erbe nicht annehmen.«

Knese bemerkte, wie sich Sophie auf ihrem Stuhl gerade hinsetzte. »Nun, Herr Dr. Knese, vielleicht verraten Sie mir erst einmal, worum es geht, sonst kann ich ja keine Entscheidung treffen, nicht wahr?«

»Natürlich, Sie haben recht.« Knese öffnete die Aktenmappe und setzte sich eine schmale Lesebrille auf. »Nun, Dorothee von Metten hat Sie als Alleinerbin eingesetzt. Offenbar sind Sie die einzige noch lebende Verwandte. Das stimmt doch?«

»Ja, Tante Dotti war unverheiratet und kinderlos. Meine Tante war die Schwester meines Vaters. Meine Eltern sind vor acht Jahren bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Ich hatte gerade mit dem Studium angefangen.«

»Ach, das ist ja schrecklich. Es tut mir wirklich leid. Aber das heißt auch, dass wir davon ausgehen können, dass es keine anderen Erbberechtigten geben wird. Sie erben also das Haus und das Grundstück in Wümmerscheid-Sollensbach mit dem gesamten Inventar und dem persönlichen Besitz der Verstorbenen, einen alten – äh – Landrover sowie Bargeld in Höhe von rund 15.000 Euro.«

Sophie runzelte die Stirn: »Entschuldigen Sie, dass ich da einhake, aber meine Tante hatte doch ihr großes Haus in Bad Godesberg verkauft, sie verdiente als Kuratorin des Museums gut. Ich meine, sie war sicher nicht reich, aber durch den Hausverkauf …« Sophie wurde, wie Knese sah, vor Verlegenheit rot im Gesicht. »Ich will jetzt nicht geldgierig erscheinen, aber Dotti muss doch mehr auf der Bank gehabt haben als 15.000 Euro?«

»Nun ja, der Hauskauf in Wümmerscheid-Sollensbach, die letzten Jahre, die haben offenbar Dottis finanzielle Mittel, ähm, beansprucht. Den Grundbesitz des sogenannten Mühlenhofes müssen wir auch gar nicht berücksichtigen, Schmuck, Möbel und Ähnliches sind hier auch nicht relevant. Es geht ja vor allem um den Betrieb.«

»Betrieb? Welchen Betrieb?«

»Ja, wissen Sie das denn gar nicht? Dotti führte doch das Mühlencafé.«

Knese sah, wie Sophie ihre grünen Augen vor Erstaunen aufriss, und im selben Moment wurde ihm klar, dass seine alte Freundin ihm eine Menge Erklärungen aufgehalst hatte. Erklärungen, die sie zu Lebzeiten selbst offenbar nicht geben wollte.

»Ich sehe schon, Sie wissen nicht Bescheid. Wann haben Sie denn Dotti das letzte Mal getroffen?«

»Sie war im Frühjahr bei mir in Hamburg. Sie wollte eigentlich nie, dass ich sie in Wümmerscheid-Sollensbach besuchen komme. Wir haben ab und zu mal telefoniert. Aber ein Café … warum hat sie mir das verschwiegen?«

»Das kann ich Ihnen leider auch nicht sagen, aber so wie die Zahlen aussehen, war es kein großer Erfolg. Fakt ist, dass bei einem Verkauf eine fünfstellige Erbschaftssteuer fällig sein wird. Ich will Sie nicht mit Zahlen und Berechnungen langweilen, aber in Ihrem Fall sind es zwanzig Prozent Erbschaftssteuer bei einem Freibetrag von 20.000 Euro.«

»Eine fünfstellige Summe?« Sophie lachte kurz und freudlos auf. »Sie können mir glauben, wenn ich eines nicht habe, dann ist das ein fünfstelliger Betrag auf dem Sparkonto, davon kann ich nur träumen.«

Knese hob beschwichtigend die Hand. »Moment, würden Sie verkaufen, hätten Sie ja genug Geld für die Steuer. Aber jetzt kommt der eigentliche Knackpunkt. Ihre Tante hat festgelegt, dass Sie nur erben, wenn Sie das Haus fünf Jahre lang behalten und das Café weiterführen.«

»Sie machen Witze!«

Knese schüttelte den Kopf. »Glauben Sie mir, mir ist nicht nach Scherzen zumute.«

»Sie haben gesagt, es steht mir frei, das Erbe überhaupt anzunehmen. Aber wenn ich es annehme, muss ich zahlen. Und ich darf nicht verkaufen. Habe ich das richtig verstanden?«

Knese nickte. »Dotti war sich offenbar ihrer Sache recht sicher, und ich bin zuversichtlich, dass wir eine Lösung finden werden.«

*

Sophie schloss die Augen, in ihrem Kopf fuhren gerade die Gedanken Achterbahn, eine Achterbahn mit Loopings. Sophie wusste, dass Knese sie aufmerksam beobachtete und auf eine Entscheidung wartete, aber das war ihr egal. Die Zeit musste sie sich jetzt nehmen. Tante Dotti hatte also irgendwo in der Pampa ein Café gehabt. Warum hatte sie das nie auch nur mit einer Silbe erwähnt? Offenbar war dieses Café nicht gerade eine Goldgrube. 15.000 Euro waren nach all dem Geld, das Dotti für den Hausverkauf in Bad Godesberg bekommen haben musste, ein Witz. Sie hatte also von ihren Ersparnissen gelebt. Natürlich hatte sich Sophie auf der Hinfahrt Gedanken darüber gemacht, was sie wohl erben würde: ein Haus in Wümmerscheid-Sollensbach, Dottis persönliche Dinge. Auch wenn sie sich das noch nicht selbst eingestanden hatte, hatte sie im Hinterkopf den Gedanken, dass sie das Haus möglichst schnell zu Geld machen würde, um sich endlich in Hamburg eine eigene Wohnung leisten zu können. Doch der Traum war gerade geplatzt wie eine Seifenblase. Oder wie Dotti gesagt hätte: »Das Schicksal ist vor Lachen vom Stuhl gefallen.« Entweder fünf Jahre Wümmerscheid-Sollensbach, weil es Dotti so gewollt hatte, oder gar nichts.

Sophie öffnete die Augen und sah, dass Dr. Knese nervös an seiner Aktenmappe herumfingerte.

»Muss ich mich sofort entscheiden, oder habe ich die Möglichkeit, mir diesen Mühlenhof erst einmal anzusehen?«

»Nun, Frau von Metten, ich denke, bis zum Ende der Woche haben wir dafür noch Zeit.«

»Gut. Da fällt mir ein, ich muss mich ja auch noch um die Beerdigung kümmern.«

»Ähm, ja … also … Dotti hat eine Einäscherung gewünscht, sie ist bereits beigesetzt worden. Wussten Sie das gar nicht? Ach, natürlich wussten Sie es nicht, wie dumm von mir, Sie haben ja erst durch mein Schreiben von Dottis Tod … es tut mir sehr leid.«

Sophie spürte, wie ihr eine Träne die Wange herunterlief. Selbst das hatte Dotti ihr nie verraten. Was wusste sie eigentlich sonst noch alles nicht von dieser Frau, von der sie angenommen hatte, sie in- und auswendig zu kennen?

Sophie wischte sich die Träne aus dem Gesicht. »Wenn es Dottis Wunsch war …« Sie ließ den Satz im Raum stehen.

Knese nickte. »Und um noch einmal auf die Besichtigung Ihres Erbes zurückzukommen, ich habe meine Sekretärin gebeten, eine Verbindung nach Wümmerscheid-Sollensbach herauszusuchen. Sie könnten noch heute Nachmittag hinfahren. Sie schauen sich alles in Ruhe an und melden sich dann bei mir. Bis dahin werde ich sicher auch mehr zum Thema Erbschaftssteuer sagen können. Ich habe da eine Idee, die würde ich aber lieber zuerst mit einem befreundeten Steuerberater besprechen.«

Knese entnahm der Aktenmappe einen Umschlag. »Ich habe Ihnen vorsichtshalber die Adresse noch mal aufgeschrieben. Nur falls Sie sie nicht dabeihaben. Und hier im Umschlag sind die Schlüssel zum Haus. Ich war nach der Beerdigung kurz dort. In der Küche finden Sie die übrigen Schlüssel sowie die Fahrzeugpapiere. Außerdem hat Dotti mit dem Testament diesen kleinen Schlüssel bei mir hinterlegt«, Knese zog einen kunstvoll verzierten Schlüssel aus dem Umschlag und hielt ihn hoch, »Ich weiß leider nicht, was man damit öffnen kann, aber Dotti war es wichtig, dass Sie ihn bekommen.«

Sophie nickte nachdenklich. Sie hatte den Schlüssel gleich wiedererkannt, aber wenn Dotti ihrem Rechtsanwalt nichts dazu gesagt hatte … Ein, zwei Tage in Wümmerscheid-Sollensbach – das würde schon gehen. Sophie hatte Kleidung für ein paar Tage eingepackt. Sie war ja davon ausgegangen, sich um die Beerdigung kümmern zu müssen.

»Also gut, dann werde ich mir das Haus meiner Tante ansehen, Herr Dr. Knese.«

»Ich denke, das sollten Sie. Und um den Rest kümmere ich mich. Das heißt, wenn Sie mir erlauben, Ihre Angelegenheiten weiter zu regeln.«

Sein Angebot brachte Sophie zum Lächeln. »Sehr gern, Herr Dr. Knese. Ich wüsste nicht, wen ich sonst fragen könnte.«

Unterwegs

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Sophie schaute aus dem Busfenster. Eben hatten sie Cochem durch einen langen schmalen Taleinschnitt verlassen. Rechts und links der Straße erhoben sich die Felsen, als wollten sie jeden Moment zusammenrücken, um dem spärlichen Verkehr auf der Landstraße ein für alle Mal ein Ende zu bereiten.

Die Fahrt mit der Regionalbahn von Koblenz nach Cochem war völlig problemlos verlaufen, das Moseltal hatte sich von seiner schönsten Seite gezeigt: Das Abendlicht verlieh den steilen Weinbergen einen rötlichen Schimmer, die Mosel wirkte dazwischen wie ein langes silbriges Band. Sophie hatte begonnen, sich zu entspannen. Einfach nur den Fluss anzusehen war, nach dem Stress der letzten Tage, die reinste Meditationsüää