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Anna Winter

Olli und die Tunnel von Numerda





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Schneeflocken und Kokosnüsse

Olli sitzt am Fenster und liest ein Buch. Endlich hat es doch angefangen zu schneien. Viele dicke Flocken purzeln vom Himmel auf die leere Straße. Es ist Sonntagnachmittag und Olli langweilt sich. Sie hat eine blöde Erkältung und, weil ihre Nase so trieft, lässt ihr Papa sie nicht hinaus in das Schneegestöber. Dabei würde sie so gerne einige von diesen herrlich weißen Flöckchen fangen und durch den quietschenden Neuschnee stapfen. Vor lauter Langeweile fängt Olli an, ihr Zimmer aufzuräumen. Die Bücher wieder ins Regal, das Skateboard unters Bett, die Socken in den Wäschepuff…Moment mal, was liegt denn da? Unter dem Stapel dreckiger Wäsche entdeckt Olli einen bunt schimmernden Stein, den Juwel von Tharo. Sie hebt ihn auf und setzt sich auf ihr Bett. Sehnsüchtig denkt sie an den warmen, weichen Sand, an die sanft hin und her wippenden Wedel der Palmen, das Rauschen des Meeres. Sie seufzt. Während sie den Juwel betrachtet, kringelt sie eine Haarsträhne um ihren Finger und denkt nach. Wie war das doch gleich, was hatte der Affe Artom gesagt?

„Hatschi!“ Dieser bescheuerte Schnupfen. Jetzt läuft ihre Nase schon wieder. Schnell ein Taschentuch.

Dreimal im Kreis, hatte Artom gesagt… Olli hält den Stein fest in der Hand, während sie rasch die Packung Taschentücher in die Hosentasche stopft. Wer weiß, ob es in Numerda überhaupt Taschentücher gibt, denkt sie. Dann geht alles ganz schnell. Die Augen fest geschlossen und eins, zwei, dreimal um sich selbst gedreht. Als Olli die Augen wieder öffnet, wird sie vom grellen Licht der Sonne geblendet. Sie blinzelt. Der Strand von Tharo. „Juhu!“, juchzt sie laut. Es ist wunderbar warm und ihre Nase fühlt sich bestens an.

„Schön, dass du uns mal wieder besuchen kommst.“, ertönt eine Stimme hinter Olli. Olli dreht sich erschrocken um. Sie grinst. „Guten Tag, Artom!“, ruft sie und umarmt den kleinen braunen Affen. „Was machst du denn hier?“, fragt sie ihn. Sie hat nicht damit gerechnet, ihn hier gleich anzutreffen. „Na, dann muss ich wenigstens nicht alleine zum Hafen von Numerda rudern.“, denkt sie und lächelt Artom fröhlich an. „Schau dir mal die Palmen an!“, sagt er und zeigt mit seinen krummen Affenfingern zu den zwei Palmenkronen hinauf. Olli schüttelt verwundert den Kopf. „Da hängen ja Kokosnüsse dran. Die gab es beim letzten Mal noch nicht.“, sagt sie. „Genau.“, erwidert Artom. „Seid du weg bist, wachsen hier Kokosnüsse und zwar so viele, dass ich täglich auf die Insel paddeln muss, um sie zu pflücken.“, erklärt er weiter. Olli setzt sich gemütlich in die warme Sonne. „Und wer futtert dann die vielen Nüsse?“, fragt sie und nimmt eine der schweren Früchte in die Hand und betrachtet sie. Artom lacht laut: „Weißt du, ich mache wunderbare Cocktails aus Kokosnussmilch und Orangensaft. Die Kinder von Numerda lieben sie.“ Und während sie über die Kokosnüsse plaudern, plumpst schon die nächste Nuss direkt neben Olli in den Sand. Jetzt muss auch Olli lachen. „Dann lass uns in die Stadt paddeln und du machst mir einen deiner legendären Cocktails!“

 

Orangen und grüne Farne

 

Das Meer ist ruhig, während Olli gemütlich das Paddel ins Wasser taucht. Nach wenigen Paddelschlägen ist bereits das Panorama von Numerda zu sehen. Olli muss blinzeln. Irgendwas ist hier anders. Am Kai stehen in Kübeln Pflanzen so groß wie Bäume. Und als sie näherkommen und den Hafen schon fast erreicht haben, erkennt Olli noch mehr Veränderungen. An den Häusern ranken Farne an den Wänden hoch. In den Straßen wachsen Bäume, an denen gelbrote, pralle runde Früchte wachsen. Orangen! Die gab es dort beim letzten Mal auch noch nicht. „Hey, pass doch auf!“, hört sie Artom rufen. Ups, vor lauter Staunen wäre ihr Floß beinahe gekentert. „Ist ja schon gut!“, erwidert Olli. „Ich… es ist irgendwie so anders hier!“, stottert sie. „Stimmt! Seid du weg bist, hat sich hier einiges verändert. Die heiligen Frauen sagen, es könnte mit der Rückkehr der Schwarzelfen zu tun haben.“, erklärt Artom ihr. „Aber jetzt gehen wir erst einmal einen Cocktail schlürfen!“

Artom führt Olli durch die Gassen zum Marktplatz. Unterwegs pflücken sie noch eine Handvoll Orangen. Auf dem Marktplatz ist einiges los. Sie kommen kaum durch die vielen Menschen hindurch, die sich um irgendetwas drängen. Vom Rande des Marktplatzes können Olli und Artom nicht erkennen, warum so viele Bewohner der Stadt sich hier versammeln. Sie umrunden den Platz und finden den Weg zum Haus der heiligen Frauen, wo Artom wohnt. Dort ist es ganz still. Die Frauen sind entweder unterwegs oder in einer Meditation im Garten hinterm Haus. Artom geht mit Olli in die Küche. In Windeseile hat er ihr einen wunderschönen hell-orangen Cocktail gemischt und in ein hohes Glas gefüllt. Ein Strohhalm dazu - perfekt.

Während sie beide auf einer Bank in der Küche sitzend das Kokos-Orangen-Getränk schlürfen, fühlt Olli sich pudelwohl. Keinen Gedanken verschwendet sie mehr an den Schnupfen oder an die dicken Schneeflocken, die bei ihr zuhause vom Himmel purzeln. In völligem Wohlgefallen versunken, merkt Olli kaum, dass Abina in die Küche stürmt. „Ach, Artom hier bist du!“ ruft sie. Olli staunt, dass eine alte Frau, sich so schnell bewegen kann. Sie schüttelt verdattert den Kopf. In diesem Moment bemerkt Abina, dass sie einen Gast haben. Ein Strahlen breitet sich auf ihrem runzeligen Gesicht aus. „Du kommst gerade zur rechten Zeit, Olliviana. Wir können deine Hilfe hier gut gebrauchen.“, sagt sie und nimmt sich einen Hocker. „Die Tunnel von Numerda wurden wiederentdeckt. Und mehrere unserer Bauarbeiter sind darin verschwunden.“, erklärt sie der fragend drein blickenden Olli.

„Was für Tunnel?“, wirft Artom ein. „Das erzähle ich euch alles nachher. Die Stadt ist in Aufruhr. Drei Männer, der Baumeister und seine zwei Gesellen, waren heute am Bau der Dunkelhäuser für die Schwarzelfen.“, berichtet Abina und geht zur Haustür.

„Dunkelhäuser?“, fragt Olli, die total verwirrt ist. Artom erklärt es ihr: „Na die Schwarzelfen vertragen doch die Sonne nicht gut. Also bauen wir ihnen ihre Häuser tiefer. Sozusagen wie Keller. Und damit es nicht wie Kellerhäuser für Ratten klingt, nennen wir sie Dunkelhäuser. So einfach ist das.“ Olli nickt. Das klingt logisch. Was es aber mit den Tunneln auf sich hat, versteht sie immer noch nicht.

„Und bei den Bauarbeiten stießen sie heute auf einen Hohlraum.“, berichtet Abina. Einen was?“, Olli kann sich darunter nicht so richtig etwas vorstellen. Artom klopft mit seiner kleinen Faust gegen Ollis Kopf. „Ist auch ein bisschen hohl.“, sagt er kichernd. „Och Mensch, äh - ich meine Affe -, ich weiß, was ein Hohlraum ist und mein Kopf ist wirklich nicht hohl. In der Schule bin ich eine der besten!“, schimpft Olli. „Aber ich kann mir keinen hohlen Raum unter der Erde vorstellen. Da müsste ja alles darüber einstürzen.“, erklärt sie. Jetzt ergreift Abina wieder das Wort: „Also die Arbeiter waren dabei, den Boden auszuheben für die Dunkelhäuser. Und dann passierte genau das, was du gerade meintest: der Boden stürzte ein. Und die drei Männer fielen in ein tiefes Loch. Das war vor zwei Stunden.“

„Da bin ich gerade auf der Insel gelandet, glaube ich.“, wirft Olli ein. „Das würde die Menschenmenge auf dem Marktplatz erklären.“ Ollis Interesse ist nun geweckt. Auch Artom will mehr wissen. „Was hat das nun mit den Tunneln zu tun?“, fragt er neugierig. Abina holt nochmal tief Luft und seufzt: „Die drei Männer wollen nicht mehr aus dem Erdloch rauskommen. Erstens, weil der Aufstieg viel zu anstrengend ist für den alten Baumeister. Er ist schließlich schon über 175 Jahre alt. Und zweitens, weil sie dort unten in der Tiefe Gänge entdeckt haben.“ Olli muss schlucken. 175 Jahre alt – in ihrer Welt wird kein Mensch überhaupt so alt. Sie wird mal fragen müssen, was es damit auf sich hat, denkt sie sich. Dann wendet sie sich wieder den eigentlichen Geschehnissen zu. Denn Artom findet die Gänge nämlich viel wichtiger.

Alte Legenden

„Abina, du meinst also, es sind die alten Gänge, also die Tunnel, aus den alten Geschichten?“, fragt er die alte Frau. „Genau die.“, antwortet Abina mit wissenden Augen. „Oha!“, sagt Artom nur. Die beiden scheinen genau zu wissen, was es mit den Tunneln auf sich. Nur Olli steht dumm da. Natürlich kennt sie die alten Geschichten nicht. Sie kennt nur „Hänsel und Gretel“ und „Dornröschen “ und so etwas Normales. Die Tunnel von Numerda kommen in den Kindermärchen nicht vor. Also fragt sie seufzend nach: „Nun dann erklärt mir mal, was diese Tunnel sind! Ich habe nämlich keine Ahnung, wovon ihr redet.“

Artom und Abina sehen sich an. Abina nickt zustimmend und Artom sagt: „Okay, Olli. Erstmal packen wir unsere Taschen und dann erkläre ich dir, worum es geht. Wir haben nun nämlich wieder einen Auftrag. Ein neues, kleines Abenteuer oder ein großes - mal sehen.“ Nachdem er das gesagt hat, nimmt er Olli bei der Hand und zieht sie zu einem alten Holzschrank. Er öffnet den Schrank und holt einen Rucksack für Olli und eine kleine Tasche für sich selbst daraus hervor. Es sind die gleichen Taschen wie bei ihrem Ausflug zur Siedlung der Schwarzelfen. Abina reicht ihm einen Laib Brot, ein paar Äpfel und Orangen, trockenen Käse und Lederflaschen mit Wasser. Olli und Artom stopfen die Sachen in ihre Taschen. Außerdem langt Artom noch zwei dicke Decken und eine Handvoll Kerzen aus dem Schrank. „Streichhölzer!“, erinnert ihn Olli. „Ach ja, ohne die können wir die Kerzen ja gar nicht anzünden.“, dankt Artom ihr.

„Ich wäre mir nicht so sicher, dass ihr dort unten Streichhölzer brauchen werdet.“, wirft Abina schmunzelnd ein. Nun schaut sogar Artom verdutzt. Und Olli versteht eh nur Bahnhof. Auf ihre verdatterten Gesichter blickend antwortet die alte, heilige Frau mit ernstem Gesicht: „Die Tunnel von Numerda bergen manche Geheimnisse.“ Olli verdreht die Augen. Sie will jetzt endlich wissen, worum es geht. Sie schaut Artom an. Doch der hebt nur die Hände hoch und zuckt mit den Schultern. „Erinnerst du dich noch an die Wandmalereien im Rathaus?“, fragt er sie. Ja klar erinnert Olli sich. Während sie beim letzten Mal auf die Entscheidung der Ratsmenschen gewartet hatten, hat sie die Malereien ausgiebig betrachtet. Dort waren wundersame Wesen, grüne Pflanzen und allerhand ihr unbekannte Dinge zu sehen gewesen. Wunderschöne, spannenden Dinge. Sie nickt.

So langsam beginnt Olli zu verstehen. Sie blickt zurück zum Haus der heiligen Frauen. Im Türrahmen steht immer noch Abina und blickt den beiden Abenteuerlustigen fast verträumt hinterher. „Das meinte Abina also vorhin. Sie glaubt, dass wir dort unten einige von den anderen Wesen treffen könnten.“, überlegt sie laut. „Genau das meint sie. Und das könnte sehr interessant werden.“, pflichtet ihr Artom bei.