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Max Graff

Literarische Dimensionen der Menschenwürde

Exemplarische Analysen zur Bedeutung des Menschenwürdebegriffs in der deutschsprachigen Literatur seit der Frühaufklärung

Narr Francke Attempto Verlag Tübingen

Inhalt

Fußnoten

Prolog: Die Menschenwürde als ästhetisches Problem – Ferdinand von Schirachs Terror (2015)

Vgl. hierzu Andreas Wilink, Schirach-Theaterstück „Terror“: Die Ermittlung, in: Spiegel Online, 04.10.2015 (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/terror-von-ferdinand-von-schirach-premiere-am-schauspiel-frankfurt-a-1055972.html; letzter Zugriff: 03.04.2017).

Hintergrund ist das (später vom Bundesverfassungsgericht kassierte) Luftsicherheitsgesetz aus dem Jahr 2005, das den Abschuss eines von Terroristen gekaperten Flugzeugs als ultima ratio erlaubte (§ 14, Abs. 3); vgl. dazu etwa Josef Isensee, Menschenwürde: die säkulare Gesellschaft auf der Suche nach dem Absoluten, in: Archiv des öffentlichen Rechts 131 (2006), S. 173218, hier S. 191193 und Dietmar von der Pfordten, Menschenwürde, München 2016, S. 114115. – Schirach selbst hatte dieses Szenario bereits in einem Essay diskutiert. Vgl. Die Würde ist antastbar. Warum der Terrorismus über die Demokratie entscheidet, in: Die Würde ist antastbar. Essays, München 2014, S. 517. Gedanken und Argumente aus diesem Essay integriert Schirach teilweise wortgetreu in sein Stück. – Der innerfiktional verhandelte Flugzeugabschuss findet nach der Kassation des Gesetzes statt.

Ferdinand von Schirach, Terror. Ein Theaterstück und eine Rede, München 2015, S. 125.

Anlässlich der Neubearbeitung des Grundgesetzkommentars von Matthias Herdegen entbrannte im Jahr 2003 eine sowohl öffentliche als auch in Fachkreisen geführte Kontroverse. Herdegen hatte bei seinem Kommentar zu Art. 1, Abs. 1 GG die Absolutheit des Menschenwürdegrundsatzes relativiert und zwischen Kern- und Randbereich der Menschenwürde unterschieden. Vgl. dazu etwa Isensee, Menschenwürde, S. 198199; Oliver W. Lembcke, Über die doppelte Normativität der Menschenwürde, in: Das Dogma der Unantastbarkeit. Eine Auseinandersetzung mit dem Absolutheitsanspruch der Würde, hg. v. R. Gröschner u. O.W.L., Tübingen 2009, S. 235268, hier S. 254257; Susanne Baer, Menschenwürde zwischen Recht, Prinzip und Referenz. Die Bedeutung von Enttabuisierungen, in: Deutsche Zeitschrift für Philosophie 53.4 (2005), S. 571588, hier S. 575 (mit Literaturangaben in Anm. 23 und 24). Vgl. weiterhin Dieter Birnbacher, Menschenwürde – abwägbar oder unabwägbar?, in: Biomedizin und Menschenwürde, hg. v. M. Kettner, Frankfurt/M. 2004, S. 249271; Nils Teifke, Das Prinzip Menschenwürde. Zur Abwägungsfähigkeit des Höchstrangigen, Tübingen 2011; Rolf Gröschner / Oliver W. Lembcke (Hgg.), Das Dogma der Unantastbarkeit (wie oben).

Schirach, Terror, S. 8.

Ebd., S. 128129.

Ähnliches konstatiert Manuel Bauer in Bezug auf Schirachs Prosatexte. Vgl. Der geschundene Mensch: Ferdinand von Schirach oder Der Anwalt als Erzähler, in: Dichterjuristen. Studien zur Poesie des Rechts vom 16. bis 21. Jahrhundert, hg. v. Y. Nilges, Würzburg 2014, S. 281296, hier S. 282283.

Vgl. BVerfG, 1 BvR 357/05 vom 15.2.2006, in: Neue Juristische Wochenschrift 59.11 (2006), S. 751761. Das Bundesverfassungsgericht urteilte, dass ein Abschuss eines entführten Flugzeugs verfassungsrechtlich unzulässig sei und verwies auf die unantastbare Menschenwürde der Passagiere und der Crew, die nicht zu reinen Objekten staatlichen Handelns werden dürften. – Isensee kritisiert diese Argumentation (vgl. Menschenwürde, S. 192193).

Schirach, Terror, S. 80. Der Vorsitzende unterbricht die Befragung des Angeklagten durch die Staatsanwältin und wendet sich mit den genannten Worten ans Publikum.

So fragt etwa der Zeuge Lauterbach nach Abschluss seiner Aussage, wo er den „Antrag auf Zeugenentschädigung“ einreichen kann (Schirach, Terror, S. 62); an mehreren Stellen wird zudem über die Akustik im Sitzungssaal (ebd., S. 63), ein zu öffnendes Fenster, die defekte Umluftanlage und den Straßenlärm diskutiert (z.B. ebd., S. 13). Diese Kontrasteffekte beruhen auf der evidenten Diskrepanz zwischen den für das demokratische Selbstverständnis der Gesellschaft grundlegenden Fragen des Prozesses und den belanglosen Nebengeräuschen.

So schildert der Angeklagte, wie die „Hitze der Explosion […] Teile der Außenhaut des Flugzeugs abgeschmolzen“ hat und „vier Passagiere“ herausgeschleudert wurden (ebd., S. 74). Die Nebenklägerin berichtet, dass sie von ihrem Mann, der im Flugzeug ums Leben kam, nur den „linken Schuh“ wiederbekommen habe (ebd., S. 108).

Die Figur der Nebenklägerin, die ihren Mann bei der Explosion des Flugzeugs verlor, trägt zur juristischen Bewertung des Falles augenscheinlich nichts Wesentliches bei; ihre dramatische Funktion ist dafür umso bedeutsamer, da sie das Geschehen nicht aus beruflicher Perspektive oder ‚Tätersicht‘ kommentiert, sondern aus der Sicht der unmittelbar persönlich Betroffenen.

I. Menschenwürde – Annäherung an einen unscharfen Begriff

Baer, Menschenwürde zwischen Recht, Prinzip und Referenz, S. 572 (mit Verweis auf eine Formulierung von Matthias Kettner).

Vgl. Birnbacher, Menschenwürde – abwägbar oder unabwägbar?, S. 249.

Von einem „discours de la dignité humaine“ spricht auch Jean-Luc Martinet. Vgl. Montaigne et la dignité humaine. Contribution à une histoire du discours de la dignité humaine, Paris 2007.

Franz-Peter Burkard, Art. Würde, in: Metzler Lexikon Philosophie, hg. v. P. Prechtl u. F.-P.B., Stuttgart / Weimar 32008, S. 690693, hier S. 690691; Franz Josef Wetz, Illusion Menschenwürde. Aufstieg und Fall eines Grundwerts, Stuttgart 2005, S. 10; Lembcke, Über die doppelte Normativität der Menschenwürde, S. 235; Bernhard Schlink, The Concept of Human Dignity: Current Usages, Future Discourses, in: Understanding Human Dignity, hg. v. C. McCrudden, Oxford 2013, S. 631636, hier S. 634; Thomas Weitin, Freier Grund. Die Würde des Menschen nach Goethes Faust, Konstanz 2013, S. 22 (in Bezug auf den Menschenwürdebegriff Kants).

Zur besonderen Bedeutung des Begriffs im deutschen – v.a. im Gegensatz zum angelsächsischen – Sprachraum vgl. Peter Kunzmann, Würde – Nuancen und Varianten einer Universalie, in: Würde – dignité – godność – dignity. Die Menschenwürde im internationalen Vergleich, hg. v. C. Baumbach u. P.K., München 2010, S. 1940.

Vgl. Weitin, Freier Grund, S. 10; vgl. ähnlich Lembcke, Über die doppelte Normativität der Menschenwürde, S. 237. – Den Charisma-Begriff verwendet Isensee, Menschenwürde, S. 187. – Zum Einwand, Menschenwürde und Menschenrechte seien westliche Konzepte und ihre Durchsetzung Werteimperialismus, vgl. z.B. Heiner Bielefeldt, Philosophie der Menschenrechte. Grundlagen eines weltweiten Freiheitsethos, Darmstadt 1998.

Paul Tiedemann, Was ist Menschenwürde? Eine Einführung, Darmstadt 2006, S. 51.

Ein vollständiger Überblick über die uferlose multidisziplinäre Forschungsliteratur zum Thema Menschenwürde kann und soll in einer literaturwissenschaftlichen Arbeit nicht angestrebt werden. Vielmehr wird vorrangig auf solche Monographien und Beiträge verwiesen, die ihrerseits bereits vorhandene Literatur auswerten und an diese anknüpfen. – Als überblicksartige Darstellungen und multiperspektivische Sammelbände seien genannt: Viktor Pöschl / Panajotis Kondylis, Art. Würde, in: Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland, hg. v. O. Brunner, W. Conze u. R. Koselleck, Bd. 7, Stuttgart 1992, S. 637677; Tiedemann, Menschenwürde als Rechtsbegriff. Eine philosophische Klärung, Berlin 32012; ders., Was ist Menschenwürde?; Matthias Mahlmann, Elemente einer ethischen Grundrechtstheorie, Baden-Baden 2008; Christian Thies (Hg.), Der Wert der Menschenwürde, Paderborn [u.a.] 2009; Peter Schaber, Menschenwürde, Stuttgart 2012; Michael Rosen, Dignity. Its History and Meaning, Cambridge [u.a.] 2012; Marcus Düwell [u.a.] (Hgg.), The Cambridge Handbook of Human Dignity. Interdisciplinary Perspectives, Cambridge 2014; Michael Fischer (Hg.), Der Begriff der Menschenwürde. Definition, Belastbarkeit und Grenzen, Frankfurt/M. [u.a.] 22005; Gerd Brudermüller / Kurt Seelmann (Hgg.), Menschenwürde. Begründung, Konturen, Geschichte, Würzburg 2008; Jan C. Joerden [u.a.] (Hg.), Menschenwürde und moderne Medizinethik, Baden-Baden 2011; Walter Schweidler, Über Menschenwürde. Der Ursprung der Person und die Kultur des Lebens, Wiesbaden 2012; Jan C. Joerden [u.a.] (Hg.), Menschenwürde und Medizin. Ein interdisziplinäres Handbuch, Berlin 2013; Hans Jörg Sandkühler, Menschenwürde und Menschenrechte. Über die Verletzbarkeit und den Schutz des Menschen, Freiburg / München 22015; McCrudden (Hg.), Understanding Human Dignity; von der Pfordten, Menschenwürde; Manfred Baldus, Kämpfe um die Menschenwürde. Die Debatten seit 1949, Berlin 2016. – Bibliographien finden sich auch online auf der Homepage der Stiftung Menschenwürde weltweit (Monographien und Sammelbände bis 2011; http://www.menschenwuerde.info/literatur.html) sowie der Zeitschrift Information Philosophie (hier unter dem Stichwort „Würde“; http://www.information-philosophie.de/?a=1&t=7152&n=2&y=2&c=51; letzter Zugriff: jeweils 03.04.2017). – Mit geradezu enzyklopädischem Anspruch stellt das von R. Gröschner, A. Kapust und O.W. Lembcke herausgegebene Wörterbuch der Würde (München / Paderborn 2013; im Folgenden: WdW) eine beeindruckende Bandbreite an Facetten der Menschenwürde zur Verfügung.

Vgl. etwa Viktor Pöschl, Der Begriff der Würde im antiken Rom und später, Heidelberg 1989 und von der Pfordten, Menschenwürde, S. 1121. – Vgl. dagegen Mahlmann, Elemente einer ethischen Grundrechtstheorie, S. 105108, der die attische Tragödie (Sophokles’ Antigone) – und somit einen literarischen Text! – an den Anfang seiner historischen Rekonstruktion stellt, aber auch auf die Texte des Pentateuch, die jüdische Tradition sowie hinduistische, buddhistische und konfuzianistische Vorstellungen eingeht.

Vgl. etwa Richard Bruch, Die Würde des Menschen in der patristischen und scholastischen Tradition, in: Person und Menschenwürde. Ethik im lehrgeschichtlichen Überblick, Münster 1998, S. 929. – Zur Origines-Rezeption vgl. Alfons Fürst (Hg.), Autonomie und Menschenwürde. Origines in der Philosophie der Neuzeit, Münster 2012.

Vgl. etwa Bruch, Die Würde des Menschen. – Zur Mystik Meister Eckharts, zum spätmittelalterlichen Völkerrecht und zu deren Beiträgen zum Menschenwürdediskurs vgl. Dietmar Mieth, Menschenwürde – vormoderne Perspektiven am Beispiel zweier Impulse des Spätmittelalters, in: Die Aktualität der Vormoderne. Epochenentwürfe zwischen Alterität und Kontinuität, hg. v. K. Ridder u. S. Patzold, Berlin 2013, S. 319340.

Vgl. etwa Rolf Gröschner / Stephan Kirste / Oliver W. Lembcke (Hgg.), Des Menschen Würde – entdeckt und erfunden im Humanismus der italienischen Renaissance, Tübingen 2008; Paul Oskar Kristeller, The dignity of Man, in: Renaissance Concepts of Man and Other Essays, New York [u.a.] 1972, S. 121.

Vgl. Tiedemann, Was ist Menschenwürde?, S. 5658; Marietta Auer, Art. Samuel Pufendorf, in: WdW, S. 36.

Vgl. Joachim Hruschka, Die Würde des Menschen bei Kant, in: Archiv für Rechts- und Sozialphilosophie 88 (2002), S. 463480; Dietmar von der Pfordten, Zur Würde des Menschen bei Kant, in: Menschenwürde, Recht und Staat bei Kant, Paderborn 2009, S. 926; Tiedemann, Was ist Menschenwürde?, S. 6164; Schaber, Menschenwürde, S. 3947; Hruschka, Art. Immanuel Kant, in: WdW, S. 40; Bielefeldt, Philosophie der Menschenrechte, S. 4579 und 158162; Oliver Sensen, Kant on Human Dignity, Berlin [u.a.] 2011; Mario A. Cattaneo, Menschenwürde bei Kant, in: Menschenwürde als Rechtsbegriff, hg. v. K. Seelmann, Stuttgart 2004, S. 2432; Horst Folkers, Menschenwürde. Hintergründe und Grenzen eines Begriffs, in: Archiv für Rechts- und Sozialphilosophie 87.3 (2001), S. 328337; Markus Rothhaar, Die Menschenwürde als Prinzip des Rechts. Eine rechtsphilosophische Rekonstruktion, Tübingen 2015, S. 145206. – Zu Kant vgl. auch unten, S. 74–75.

Zu Schiller vgl. unten, Kap. B.II.1. und B.II.6. – Zu Hegel vgl. etwa Kurt Seelmann, Person und Menschenwürde in der Philosophie Hegels, in: Philosophie des Rechts und Verfassungstheorie. Geburtstagssymposion für Hasso Hofmann, hg. v. H. Dreier, Berlin 2000, S. 125145. Zu Fichte vgl. Rothhaar, Die Menschenwürde als Prinzip des Rechts, S. 207239 und Christoph Binkelmann, Art. Johann Gottlieb Fichte, in: WdW, S. 4142. Vgl. weiterhin Gerhard Luf, Menschenwürde in der Philosophie des Deutschen Idealismus, in: Menschenwürde als Rechtsbegriff (wie Anm. 14), S. 8292.

Vgl. etwa Stefan Lorenz Sorgner, Menschenwürde nach Nietzsche. Die Geschichte eines Begriffs, Darmstadt 2010; Beatrix Vogel (Hg.), Umwertung der Menschenwürde – Kontroversen mit und nach Nietzsche, Freiburg / München 2014. – Zu Schopenhauer und Nietzsche vgl. auch unten, Kap. B.V.1.2. bzw. B.VI.1.1.

Vgl. die ausführliche Diskussion moderner Theorien im WdW, S. 55123.

Zu Schopenhauers Revision des Menschenwürdebegriffs s. unten, Kap. B.V.1.2.

Wetz, Illusion Menschenwürde, S. 11.

Norbert Hoerster, Wie schutzwürdig ist der Embryo? Zu Abtreibung, PID und Embryonenforschung, Göttingen 2013, S. 20 und 22; Birnbacher, Menschenwürde – abwägbar oder unabwägbar?, S. 250; Edzard Schmidt-Jortzig, „Menschenwürde“ als Zauberwort der öffentlichen Debatte, in: Zeitschrift für Evangelische Ethik 52.1 (2008), S. 5056, hier S. 51. – Vgl. ähnlich Wetz, Illusion Menschenwürde, S. 713; Thilo Rensmann, Die Menschenwürde als universaler Rechtsbegriff, in: Der Wert der Menschenwürde (wie Anm. 8), S. 7592, hier S. 7779; Eric Hilgendorf, Die mißbrauchte Menschenwürde. Probleme des Menschenwürdetopos am Beispiel der bioethischen Diskussion, in: Jahrbuch für Recht und Ethik 7 (1999), S. 137158. – Zur Tabuisierungsfunktion der Menschenwürde vgl. etwa Konrad Schüttauf, Menschenwürde. Zur Struktur und Geschichte des Begriffs, in: Brudermüller / Seelmann (Hgg.), Menschenwürde (wie Anm. 8), S. 2541, hier S. 25; Weitin, Freier Grund, S. 1327; Baer, Menschenwürde, S. 571588; Isensee, Menschenwürde, S. 179180; Birnbacher, Menschenwürde – abwägbar oder unabwägbar?, S. 250. – „Kritische Stimmen“ versammelt Franz Josef Wetz (Hg.), Texte zur Menschenwürde, Stuttgart 2011, S. 275307.

Vgl. Jörg Kilian, Demokratische Sprache zwischen Tradition und Neuanfang. Am Beispiel des Grundrechte-Diskurses 1948/49, Tübingen 1997, S. 315317 und Angela Augustin, Argumentationsmuster: Menschenwürde im Zusammenspiel von Recht und Philosophie, in: Menschenwürde. Annäherung an einen Begriff, hg. v. R. Stoecker, Wien 2003, S. 103118, hier S. 104 Anm. 1 (mit der falschen Jahresangabe 1871).

1933 nimmt die – „ständestaatlich-faschistische[]“ – portugiesische Verfassung Bezug auf die Menschenwürde, 1937 die Präambel der irischen Verfassung. Vgl. Wetz, Illusion Menschenwürde, S. 59. Wetz listet ebd., S. 112114 jene EU-Mitgliedsstaaten auf, deren Verfassungen sich auf die Menschenwürde beziehen (Stand 2005).

So Günter Dürig in seinem Grundgesetzkommentar von 1958 (zit. nach: Isensee, Menschenwürde, S. 186).

Kilian spricht von einem „lexikalisch-semantische[n] Neuanfang mit dem Wort Menschenwürde 1948/49“ (Demokratische Sprache, S. 318). – Vgl. auch Wetz, Illusion Menschenwürde, S. 5690. Wetz stellt die Frage, ob „die Würde als Rechtswert hauptsächlich ein Krisenphänomen“ sei (ebd., S. 70). Vgl. weiterhin Wilfried Härle, Würde. Groß vom Menschen denken, München 2010, S. 2430; Rensmann, Die Menschenwürde als universaler Rechtsbegriff; Augustin, Argumentationsmuster, S. 103105; Tiedemann, Was ist Menschenwürde?, S. 1332.

Das Heuss-Zitat findet sich in: 4. Sitzung des Ausschusses für Grundsatzfragen (23.9.1948), in: Der Parlamentarische Rat 19481949. Akten und Protokolle, Bd. 5/I: Ausschuß für Grundsatzfragen, bearb. v. E. Pikart u. W. Werner, Boppard am Rhein 1993, S. 72. Vgl. dazu Lembcke, Über die doppelte Normativität der Menschenwürde, S. 237. – Vgl. auch Kilian, Demokratische Sprache, S. 322: Die lexikalisch-semantische Arbeit des für die Erarbeitung des Grundgesetzes zuständigen Ausschusses „bestand nicht darin zu ergründen, was Menschenwürde wesentlich sei, was das Wort Menschenwürde bedeute. Die weltanschaulich speziellere Verortung sollte […] offen gelassen werden, über die vorstaatliche Existenz der Menschenwürde herrschte grundsätzlicher Konsens und die zeitgenössischen Konkretionen der Figuration ‚wesentliches Attribut des Menschen‘ bedurften nur vier Jahre nach der Befreiung von Auschwitz keiner expliziten Bedeutungserklärungen.“

Teifke, Das Prinzip Menschenwürde, S. V; Lembcke, Über die doppelte Normativität der Menschenwürde, S. 257. – Zu den juristischen Einschätzungen vgl. etwa Tiedemann, Menschenwürde als Rechtsbegriff; Teifke, Das Prinzip Menschenwürde, hier bes. S. 9100; Baer, Menschenwürde zwischen Recht, Prinzip und Referenz, S. 575585; Isensee, Menschenwürde, S. 173199; Veit Thomas, Würde als absoluter und relationaler Begriff, in: Archiv für Rechts- und Sozialphilosophie 87.3 (2001), S. 299310; Horst Dreier, Konsens und Dissens bei der Interpretation der Menschenwürde. Eine verfassungsrechtliche Skizze, in: Biopolitik. Die Positionen, hg. v. C. Geyer, Frankfurt/M. 2001, S. 232239; Rothhaar, Die Menschenwürde als Prinzip des Rechts.

Isensee, Menschenwürde, S. 175, 209 und 211.

Vgl. oben, S. 10–11 mit Anm. 4 sowie Martin Nettesheim, Art. Abwägbarkeit, in: WdW, S. 327328.

Vgl. dazu unten, S. 189.

Vgl. etwa Heiner Bielefeldt, Menschenwürde. Der Grund der Menschenrechte, Berlin 2012; Arnd Pollmann, Art. Menschenwürde, in: Politische Theorie. 22 umkämpfte Begriffe zur Einführung, hg. v. G. Göhler, M. Iser u. I. Kerner, Wiesbaden 2004, S. 262279; Wilfried Härle (Hg.), Begründung von Menschenwürde und Menschenrechten, Freiburg [u.a.] 2008; Sandkühler, Menschenwürde und Menschenrechte, S. 271302; Hans-Helmuth Gander (Hg.), Menschenrechte. Philosophische und juristische Positionen, Freiburg / München 2009. Zur Geschichte der Menschenrechte vgl. Eike Wolgast, Geschichte der Menschen- und Bürgerrechte, Stuttgart 2009 sowie Akira Iriye / Petra Goedde / William I. Hitchcock (Hgg.), The Human Rights Revolution. An International History, Oxford 2012. Die von Hans Joas beschriebene „affirmative Genealogie“ der Menschenrechte zeichnet deren Entstehungsgeschichte seit den ersten Kodifizierungen im 18. Jahrhundert nach. Vgl. Die Sakralität der Person. Eine neue Genealogie der Menschenrechte, Berlin 2011 und dazu Bernhard Laux (Hg.), Heiligkeit und Menschenwürde. Hans Joas’ neue Genealogie der Menschenrechte im theologischen Gespräch, Freiburg [u.a.] 2013 sowie Hermann-Josef Große Kracht (Hg.), Der moderne Glaube an die Menschenwürde. Philosophie, Soziologie und Theologie im Gespräch mit Hans Joas, Bielefeld 2014.

Vgl. etwa die „Grundsätze deutscher Menschenrechtspolitik“ des deutschen Auswärtigen Amtes. Unter Hinweis auf Art. 1 GG heißt es dort: „Es gilt also, nicht nur innerstaatlich, sondern auch international die Würde und Grundfreiheiten aller Menschen zu schützen“ (http://www.auswaertiges-amt.de/DE/Aussenpolitik/Menschenrechte/GrundsaetzeMRpolitik_node.html; letzter Zugriff: 03.04.2017).

Baer, Menschenwürde zwischen Recht, Prinzip und Referenz, S. 572573.

Vgl. dazu Schaber, Menschenwürde, S. 28.

Zum Problem der Trägerschaft vgl. etwa Härle, Würde, S. 91143; Lembcke, Über die doppelte Normativität der Menschenwürde, S. 245247; Tiedemann, Was ist Menschenwürde?, S. 4549 sowie Matthias Kettner (Hg.), Biomedizin und Menschenwürde, Frankfurt/M. 2004 (hier bes. die Beiträge von K. Seelmann, F.J. Wetz, D. Birnbacher und M. Kettner). – Zum Begriff der Person vgl. etwa Wilfried Härle, Menschsein als Personsein, in: Formen menschlicher Personalität. Eine interdisziplinäre Gegenüberstellung, hg. v. A.T. v. Poser, T. Fuchs u. J. Wassmann, Heidelberg 2012, S. 93114.

Zum anthropozentrischen Konzept der Würde vgl. Sorgner, Menschenwürde nach Nietzsche, S. 1921. Zur „Würde der Kreatur“ vgl. Philipp Balzer / Klaus Peter Rippe / Peter Schaber, Menschenwürde vs. Würde der Kreatur. Begriffsbestimmung, Gentechnik, Ethikkommissionen, Freiburg / München 1998. Zum von Peter Singer nachdrücklich erhobenen Vorwurf des Speziesismus vgl. (kritisch) Härle, Würde, S. 5761 und 8889.

Vgl. dazu unten, S. 29–31.

Vgl. dazu etwa Wetz, Illusion Menschenwürde, S. 162: „Heute ist die Menschenwürde nicht mehr allein in praktischer Hinsicht bedroht, sondern auch theoretisch gefährdet.“ Die drängende Frage sei daher, „wie trotz weltanschaulichem Neutralismus, überspanntem Anthropozentrismus und säkularem Naturalismus die Idee der Menschenwürde dennoch lebendig bleiben könnte“ (ebd., S. 192; Herv. i.O.)

Isensee, Menschenwürde, S. 206, bezeichnet die Menschenrechte als „Derivate des Christentums“.

Vgl. hierzu etwa Wetz, Illusion Menschenwürde, S. 115124. Vgl. weiterhin Weitin, Freier Grund, S. 1827, der bestreitet, dass das „Säkularisierungsnarrativ als historische Verlaufsthese einer Entsubstantialisierung“ gültig ist. Dieses besagt, dass das Christentum „die Substanz der Menschenwürde“ begründete, seit der Aufklärung aber nur noch „der Begriff“ bleibe.

So Isensee, Menschenwürde, S. 179 bzw. 178, der zudem die vielsagende Bedeutung religiösen Vokabulars im Menschenwürdediskurs hervorhebt (vgl. ebd., S. 177).

Vgl. etwa Wetz, Illusion Menschenwürde, S. 244.

Vgl. Baer, Menschenwürde zwischen Recht, Prinzip und Referenz, S. 573 (mit Hinweis auf eine Studie von G. Löhrer) sowie, im Anschluss daran, Weitin, Freier Grund, S. 3038. Weitin macht den Bezug zu Blumenbergs Metaphorologie explizit und den Begriff der „absoluten Metapher“ zum Ausgangspunkt seiner Faust-Lektüre.

Auf die Bedeutung der Intuition für das Verständnis der Menschenwürde weisen etwa Peter Schaber, Menschenwürde als Recht, nicht erniedrigt zu werden, in: Menschenwürde (wie Anm. 21), S. 119131, hier S. 121, sowie Antje Kapust, Das Unantastbare: Menschenwürde im Diskurs der Philosophie, in: Das Dogma der Unantastbarkeit (wie S. 10, Anm. 4), S. 269313, hier S. 293294 hin.

Schreiber, Würde, S. 48. Vgl. außerdem Matthias Schlossberger, Anthropologie der Würde, in: Orientierung am Menschen. Anthropologische Konzeptionen und normative Perspektiven, hg. v. O. Müller u. G. Maio, Göttingen 2015, S. 228240. Die Begriffsfelder des Erlebens und der Erfahrung dominieren auch bei Peter Bieri, Eine Art zu leben. Über die Vielfalt menschlicher Würde, München 2013.

Vgl. dazu Matthias Mahlmann, The Good Sense of Dignity: Six Antidotes to Dignity Fatigue in Ethics and Law, in: Understanding Human Dignity (wie Anm. 4), S. 593614, hier S. 595596. Mahlmann betont die Bedeutung von Kunstwerken für den Menschenwürdediskurs.

Klaas Huizing, Six Feet Under. Die Menschenwürde und die Medien, in: Menschenwürde in der säkularen Verfassungsordnung. Rechtswissenschaftliche und theologische Perspektiven, hg. v. P. Bahr u. H.M. Heinig, Tübingen 2006, S. 335349, hier S. 336. Vgl. ähnlich ebd., S. 345.

II. Facetten des Menschenwürdebegriffs

Isensee, Menschenwürde, S. 214.

Gröschner / Kapust / Lembcke, Vorwort, in: WdW, S. 11. – Zu terminologischen Fragen vgl. unten, S. 34–38.

Vgl. hierzu Pöschl / Kondylis, Art. Würde, S. 637: „‚Würde‘ (‚dignitas‘) ist in Rom zunächst ein politischer Begriff. Zugehörigkeit zur Nobilität, amtliche Funktion, Verdienste um das Gemeinwesen, aber auch Würde des Auftretens, der Ausdrucksweise, der Lebensführung sind wesentliche Merkmale der römischen dignitas.“

Vgl. Balzer / Rippe / Schaber, Menschenwürde vs. Würde der Kreatur, S. 1720; Schaber, Menschenwürde, S. 1920; Sorgner, Menschenwürde nach Nietzsche, S. 1519. – Sorgner bevorzugt die Kennzeichnung „notwendige Würde“, da er die Rede von der inhärenten Würde für sprachlich problematisch hält. – Balzer, Rippe und Schaber unterscheiden drei Formen kontingenter Würde: ästhetische (in Bezug auf die „ästhetischen Eigenschaften der Gravität, Monumentalität und des In-Sich-Ruhens“ bei Menschen, anderen Lebewesen und Gegenständen), soziale (in Bezug auf „ein angesehenes öffentliches Amt oder eine hohe Position in einer sozialen Hierarchie“) und expressive, im Verhalten einer Person zum Ausdruck kommende Würde (Menschenwürde vs. Würde der Kreatur, S. 1819). – Härle bezeichnet kontingente Würde als „differenzierte[] und differenzierende[] Formen von Würde“ (Würde, S. 11).

Vgl. dazu Pollmann, Art. Menschenwürde, S. 270272. Pollmann fügt jeweils die Unterscheidung „graduierbar“ vs. „nicht-graduierbar“ hinzu; so ergeben sich vier „Grundpositionen“ (ebd., S. 270).

Vgl. Tiedemann, Was ist Menschenwürde?, S. 3945 und S. 5167. Tiedemann bezieht sich mit diesem Begriffspaar zunächst auf die ältere juristische Diskussion, dann aber auch auf die philosophische Begriffsgeschichte.

Vgl. Wetz, Illusion Menschenwürde, S. 15. Vgl. auch ders. (Hg.), Texte zur Menschenwürde, S. 16 (Einleitung).

Vgl. Henning Ottmann, Die Würde des Menschen. Fragen zu einem fraglos anerkannten Begriff, in: Rationalität und Prärationalität. Festschrift für Alfred Schöpf, hg. v. J. Beaufort u. P. Prechtl, Würzburg 1998, S. 167183, hier S. 175176; vgl. dazu auch Lembcke, Über die doppelte Normativität der Menschenwürde, S. 237.

Vgl. ebd., S. 241.

Bieri, Eine Art zu leben, S. 1112. Bieris Buch ist weniger der Versuch einer systematischen Definition der Würde als eine multiperspektivische Annäherung an den alltagssprachlichen Gebrauch des Begriffs. Im Zentrum steht die Absicht, das „Geflecht der Erfahrungen“, das mit dem Begriff verbunden ist, zu beschreiben. Insofern nennt Bieri die Würde eine „Lebensform“, die als „existentielle Antwort auf die existentielle Erfahrung der Gefährdung“ „erfunden“ wurde. Vgl. ebd., S. 15 bzw. 14 (Herv. i.O.).

Vgl. dazu Wetz, Illusion Menschenwürde, S. 15.

Vgl. von der Pfordten, Menschenwürde, S. 910 (Herv. i.O.). Als Beispiele für die große Würde nennt von der Pfordten die Würdebegriffe Ciceros, der christlichen Theologie, der italienischen Renaissance und vor allem Kants. Sie sei als „Selbstbestimmung über die eigenen Belange“ zu erklären (Herv. i.O.). Die kleine Würde ist vor allem mit dem dignitas-Begriff verbunden, die mittlere findet man etwa bei Pufendorf. Auf die ökonomischen Würdebedingungen zielen z.B. die sozialistischen Denker des 19. Jahrhunderts ab.

Vgl. hierzu etwa Augustin, Argumentationsmuster, S. 111117; Teifke, Das Prinzip Menschenwürde, S. 4552.

Wetz (Hg.), Texte zur Menschenwürde, S. 16 (Einleitung).

Vgl. Schaber, Menschenwürde, S. 2126. – Zum Begriff der Gottebenbildlichkeit vgl. z.B. Claudia Welz (Hg.), Ethics of In-Visibility. Imago Dei, Memory, and Human Dignity in Jewish and Christian Thought, Tübingen 2015; Michael Welker, Person, Menschenwürde und Gottebenbildlichkeit, in: Menschenwürde (= Jahrbuch für Biblische Theologie 15 (2000)), S. 247262; Hans-Christoph Schmitt: Der Mensch als „Ebenbild Gottes“. Das biblische Verständnis der Würde des Menschen in den Schöpfungserzählungen 1. Mose 13, in: Die Würde des Menschen. Fünf Vorträge, hg. v. H. Kössler, Erlangen 1998, S. 1332; Wolfgang Vögele, Art. Gottebenbildlichkeit, in: WdW, S. 158159. Zur reformatorischen Kritik an der Vorstellung der Gottebenbildlichkeit als Grund menschlicher Würde vgl. Martin Leiner, Menschenwürde und Reformation, in: Des Menschen Würde (wie Anm. 12), S. 4961.

Vgl. Sorgner, Menschenwürde nach Nietzsche, S. 13 und 30108.

Vgl. Schüttauf, Menschenwürde, S. 35. – Martinet spricht (in Bezug auf den Menschenwürdediskurs der Renaissance) von vier „archétypes anthropologiques“: der Mensch als „imago dei“, der „homo contemplativus“, der „homo faber“ und der „homo hierarchicus“ (vgl. Montaigne et la dignité humaine, S. 92121).

Isensee, Menschenwürde, S. 212.

Auch das Wörterbuch der Würde widmet eine Abteilung einer Vielzahl von „Leitbegriffe[n]“ (vgl. WdW, S. 125214). – Konkretisierungen der Menschenwürde, die teilweise von der hier vorgeschlagenen Systematik abweichen, finden sich auch bei Tiedemann, Was ist Menschenwürde?, S. 119143; Härle, Würde, S. 3548; Isensee, Menschenwürde, S. 214217 („inhaltliche Momente“); Tiedemann, Menschenwürde als Rechtsbegriff, S. 329515.

Vgl. dazu knapp Ralf Goeres, Art. Familienähnlichkeit, in: Handwörterbuch Philosophie, hg. v. W.D. Rehfus, Göttingen 2003, S. 353354. – Birnbacher, Menschenwürde – abwägbar oder unabwägbar?, S. 253 rekurriert auf das Konzept einer „‚Begriffsfamilie‘ im Wittgensteinschen Sinne“, um die drei Bedeutungen von Menschenwürde, die er darlegt, miteinander in Beziehung zu setzen. Er unterscheidet einen normativ starken Begriff, der „alle geborenen lebenden Menschen [umfasst]“, einen schwächeren, der „alle der biologischen Gattung nach menschlichen Wesen einschließlich menschlicher Leichname und menschlicher Embryonen von der befruchteten Eizelle an [umfasst]“, schließlich einen dritten, der sich auf „die menschliche Gattung als ganze“ bezieht.

Zur Vorstellung körperlicher Integrität vgl. Sibylle van der Walt / Christoph Menke (Hgg.), Die Unversehrtheit des Körpers. Geschichte und Theorie eines elementaren Menschenrechts, Frankfurt/M. / New York 2007, bes. den Beitrag von Wolfgang Vögele, Gottesebenbildlichkeit, Menschenwürde und körperliche Unversehrtheit (ebd., S. 136149). – Zum (angesichts des naturwissenschaftlichen Determinismus) umstrittenen Konzept der Willensfreiheit vgl. Geert Keil, Willensfreiheit, Berlin [u.a.] 22013.

Der Behelf, die Menschenwürde durch die Beschreibung von ‚Verletzungsvorgängen‘ zu konkretisieren, geht zurück auf die von Günter Dürig aufgestellte, an Kants Kategorischem Imperativ orientierte sog. Objektformel: „Die Menschenwürde als solche ist getroffen, wenn der konkrete Mensch zum Objekt, zu einem bloßen Mittel, zur vertretbaren Größe herabgewürdigt wird“ (Der Grundrechtssatz von der Menschenwürde, in: Archiv des öffentlichen Rechts 81 (1956), S. 117157, hier S. 127; Herv. i.O.). – Ebenfalls vom Kategorischen Imperativ inspiriert ist das sog. Instrumentalisierungsverbot, das die Menschenwürde verletzt sieht, wenn der Mensch zu einem bloßen Mittel zu einem ihm fremden Zweck missbraucht wird. Vgl. hierzu präzise Dieter Birnbacher, Annäherungen an das Instrumentalisierungsverbot, in: Menschenwürde (wie Anm. 8), S. 924 sowie Schaber, Instrumentalisierung und Würde, Paderborn 2010. Eine kritische Einschätzung der Objektformel und des Instrumentalisierungsbegriffs bietet Hilgendorf, Die mißbrauchte Menschenwürde.

III. Menschenwürde als ästhetisches Problem – Zu Vorgehen, Korpus und Erkenntnisziel

Eine Ausnahme zu diesem Grundsatz bildet in mancher Hinsicht das Kapitel über die Literatur zwischen 1750 und 1810. Ausgehend von der manifesten und eminenten Bedeutung des Würdebegriffs in Schillers theoretischem Werk wird in programmatischen ästhetischen und poetologischen Schriften der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts nach dem Vorkommen, der poetologischen Stellung und den ästhetischen Implikationen des Würdebegriffs gefragt. Vgl. unten, Kap. B.II.

Ganz ähnlich geht Udo Ebert bei seiner Auseinandersetzung mit der Menschenwürde im Werk Schillers vor (vgl. dazu unten, S. 42 mit Anm. 99). – Thomas Berger operiert in seiner Studie zum Humanitätsgedanken in der Literatur der Spätaufklärung ähnlich. Seine Untersuchung dreht sich „weniger um den Begriff der Humanität als um den Humanitätsdiskurs“. Bergers Prämisse lautet, dass eine „indirekte Auseinandersetzung mit dem Humanitätsbegriff […] in den literarischen Werken dieses Diskurses statt[findet]“. Vgl. Der Humanitätsgedanke in der Literatur der deutschen Spätaufklärung, Heidelberg 2008, S. 19 (Herv. i.O.).

IV. Terminologische Zwischenbemerkungen

Tiedemann, Was ist Menschenwürde?, S. 68. Zum Folgenden vgl. ebd., S. 6871.

Vgl. Kluge. Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, bearb. v. E. Seebold, Berlin / New York 242002, S. 998.

Vgl. Tiedemann, Was ist Menschenwürde?, S. 70 (in Anlehnung an Dunja Jaber). Bei der dritten Bedeutung der Würde stellt Tiedemann (mit Jaber) den Begriff der Selbstachtung ins Zentrum der Erläuterung. Tiedemann führt weiter aus, dass der Satz: „Dem Menschen kommt Würde zu“ ein absolutes Werturteil ist; der Mensch werde, gemessen an einem absoluten Wertmaßstab, für wertvoll erklärt (vgl. ebd., S. 7183). Dieser absolute Wertmaßstab ist für Tiedemann der freie Wille (ebd., S. 84). Ausgehend davon formuliert er seine „Identitätstheorie der Menschenwürde“ (ebd., S. 101102). Die Menschenwürdeklauseln in Verfassungen versteht Tiedemann nicht als normative Regelungen, sondern als „konstative Prädikationen“, die nicht zuletzt der „Selbstvergewisserung der Mitglieder einer Rechtsgemeinschaft“ dienen (ebd., S. 7778).

Joachim Heinrich Campe, Wörterbuch der Deutschen Sprache, Bd. 3, Hildesheim / New York 1969 [Nachdruck der Ausgabe Braunschweig 1809], S. 269. Vgl. dazu auch Hermann Paul, Deutsches Wörterbuch, Bedeutungsgeschichte und Aufbau unseres Wortschatzes, hg. v. H. Henne, H. Kämper u. G. Objartel, Tübingen 102002, S. 653. In J.C. Adelungs Grammatisch-kritischem Wörterbuch der hochdeutschen Mundart findet sich noch kein entsprechender Eintrag, ebenso wenig in J.H. Zedlers Grossem Vollständigen Universal-Lexikon; Zedlers Artikel „Würde“ behandelt nur die sozialhierarchische Bedeutung.

Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm, Leipzig 18541961, hier Bd. 12, Sp. 2075.

Duden, Deutsches Universalwörterbuch, Mannheim [u.a.] 62007, S. 1135.

Vgl. etwa die in Anm. 8 genannte Literatur. – Zu den Menschenwürdeklauseln in den Verfassungen der deutschen Bundesländer vgl. Wetz, Illusion Menschenwürde, S. 6163. – Auszüge aus einschlägigen Urteilen des Bundesverfassungsgerichts bietet Wetz (Hg.), Texte zur Menschenwürde, S. 198210.

Für diesen und die folgenden Hinweise danke ich Herrn Dr. Matthias Attig.

Vgl. hierzu Elke Donalies, Die Wortbildung des Deutschen. Ein Überblick, Tübingen 22005, S. 6164.

Vgl. Rolf Gröschner / Oliver W. Lembcke (Hgg.), Das Dogma der Unantastbarkeit.

Vgl. Wetz, Illusion Menschenwürde, S. 9899.

Ebd., S. 99. – Ebd., S. 100 führt Wetz aus, dass die Menschenwürde als „zwar unzerstörbar […], nicht aber unverwundbar“ sei. – Zu diesem Begriff vgl. auch Florian Weber, Art. Unantastbarkeit, in: WdW, S. 198199.

Vgl. Stoecker, Menschenwürde und das Paradox der Entwürdigung, in: Menschenwürde (wie Anm. 21), S. 133151, hier 139141. Die Formulierung übernimmt Stoecker von Margalit.

Ebd., S. 141.

Härle, Würde, S. 20 (Herv. i.O.).

Ebd., S. 52 (Herv. i.O.). Zum Vorhergehenden vgl. ebd., S. 5052.

V. Menschenwürde und die Schöne Literatur – Forschungsüberblick

Vgl. Udo Ebert, Art. Friedrich Schiller, in: WdW, S. 4041.

Simm (Hg.), Lektüre zwischen den Jahren. Von der Würde des Menschen, Frankfurt/M. / Leipzig 1997, S. 151 (Nachwort).

Wetz (Hg.), Texte zur Menschenwürde, S. 24.

Bieri bespricht u.a. Textpassagen von Seneca, Gottfried Keller, Henrik Ibsen, Robert Walser, Franz Kafka, Heinrich Mann, Alfred Andersch, George Orwell, Arthur Miller, Vladimir Nabokov, Max Frisch, Christa Wolf, Friedrich Dürrenmatt und Joseph Conrad. – Schreiber nennt in Bezug auf das vermeintlich Unwürdige in der Kunst (freilich ohne konkrete Textanalysen) etwa Sibylle Lewitscharoff, Charlotte Roche und Henry Miller, geht in anderen Zusammenhängen auf Cervantes, Kleist, Schiller und Martin Mosebach ein, nennt schließlich Johann Peter Hebel als Beispiel für eine ‚würdige‘ Einfachheit der Sprache und des Erzählens (vgl. Schreiber, Würde, S. 144146, 152153, 162164, 173175, 208).

Weitin übt heftige Kritik an Autoren, die literarische Texte „offenbar nur der Illustration für würdig [halten]“. Konkret kritisiert er den „methodisch katastrophale[n] Umgang“ mit einem Faust-Zitat in einem Beitrag J. Isensees (vgl. Freier Grund, S. 34).

Vgl. Benno Kettner-Agahd (Hg.), Friedrich v. Schiller, der Kämpfer für Menschenwürde und Freiheit, Dortmund o.J.; Lion Feuchtwanger, Die Geschwister Oppermann. Roman, Berlin / Weimar 1993, S. 172; Alfred Estermann (Bearb.), Ludwig Börne. 17861837, im Auftr. des Dezernats für Kultur u. Freizeit der Stadt Frankfurt am Main hg. v. d. Stadt- u. Universitätsbibliothek, Frankfurt/M. 1986; Esther Steinmann, Von der Würde des Unscheinbaren. Sinnerfahrung bei Josef Roth, Tübingen 1984; Gerhard Köpf, Vom Ende der Sieger und der Würde der Verlierer, in: Anmerkungen zu Siegfried Lenz, hg. v. C. Schlicht, Oberhausen 1998, S. 2734. – Diese Feststellung gilt für Hebbel mit der Einschränkung, dass es sich um die innerfiktionale Aussage einer Romanfigur handelt.