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Vorwort

 

Warum wollen wir wissen, was sich vor etwa 300 Jahren in Dresdens Gassen zugetragen hat, wann und wo wer wie um die Ecke gebracht wurde, wo sich Verzweifelte das Leben nahmen oder wo Räuber und Diebe ihre Opfer heimtückisch bestahlen? Kann uns das nicht eigentlich egal sein? Schließlich ist das alles lange her, die Menschen jener Zeit sind allesamt tot und begraben und auch die meisten der damaligen Bauwerke sind abgetragen worden, überbaut oder eingestürzt.

Das mag auf den ersten Blick zwar richtig sein – doch auch wenn ein Teil der damaligen Zeugnisse aus dem Stadtbild verschwunden ist, so sind es doch noch immer die gleichen alten Orte, die wir auch heute betreten und an denen wir verweilen. Und manchmal – in einem winzigen Sekundenbruchteil – beschleicht uns vielleicht urplötzlich das Gefühl, als wäre an der einen oder anderen Stelle einst etwas Besonderes passiert. Etwas, was die Jahrhunderte überdauert hat – verborgen im Untergrund von Dresden oder in Form von Papieren, Briefen oder Chronikeinträgen in staubigen Archiven vergessen. Bereit, endlich wieder ans Licht gebracht zu werden, um das Bild einer Zeit zu vervollständigen. Wir möchten uns in diesem Buch der Zeit des Dresdner Barock widmen – einer Ära, von der sich vor allem schillernder kurfürstlicher Glanz und architektonischer Pomp überliefert haben. Eines darf man dabei aber nicht vergessen, denn es zeigt die andere, die dunkle Seite der Medaille: Unter keinem anderen Regenten wurde so häufig und heftig abgestraft, verstümmelt und hingerichtet wie in der Regierungszeit des weltbekannten Narzissten Friedrich August I. Für ihn bluteten Soldaten nicht nur zu Tausenden auf Schlachtfeldern, auch seine gesponnenen Intrigen und harten Bestrafungen suchen ihresgleichen in der kursächsischen Geschichte.

Aber mal ehrlich: Haben Sie tatsächlich gedacht, der Reichtum in Dresdens berühmten Museen sei das Werk fairer Tauschgeschäfte? Glaubten Sie etwa, die Dresdner Barockzeit wäre eine friedliche gewesen?

Es wird höchste Zeit, der wahrlich lebhaften Historie der Stadt ein paar Buchseiten hinzuzufügen, um das Bild komplett zu machen.

Die in dem vorliegenden Werk aufgeführten Einträge und historischen Begebenheiten aus alten Schriften, Büchern und Chroniken sollen dem Leser einmal mehr authentische Fakten an die Hand geben, denn wie schon in »Vom Hängen und Würgen – Dresdens schaurige Geheimnisse« handelt es sich auch hier wieder um echte Fälle, niedergeschrieben von Zeitzeugen, Chronisten und Archivaren der Dresdner Barockzeit. Durch ihre unmittelbare Nähe zu den damals aktuellen Geschehnissen vermitteln uns diese unsere Vorfahren noch immer ein fast greifbares Gefühl für die Themen Strafjustiz und Gerichtsbarkeit in der Zeit vor etwa 300 Jahren. Es handelt sich weiterhin um ausgesuchte (teilweise durch die Herausgeber kommentierte) Vermerke, die direkten Bezug nehmen auf die im Buch »Vom Hängen und Würgen – Dresdens schaurige Geheimnisse« beschriebenen Dresdner Richtstätten. Eine kleine Zusatzlektüre also, bei der wir Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, interessante Entdeckungen wünschen.

 

 

Mario Sempf/Thomas Zahn

(Herausgeber)

 

Dresden, Juni 2017

 

Bock auf Barock?

 

Die Epoche des Barock (etwa 1575 bis etwa 1770) ist von ziemlichen Gegensätzen geprägt. »Carpe diem«, diese lateinische Lebensweisheit kennt sicher jeder. Sie bedeutet: Nutze bzw. genieße den Tag. Das Leben ist kurz, mach das Beste draus. Das zweite zu dieser Zeit bedeutende, aber ebenfalls gegensätzliche Motiv »Memento mori« bedeutet: Bedenke, dass du sterben musst. Es drückt das quälende Todesbewusstsein aus, erinnert an den bevorstehenden Tod.

Diese Widersprüche haben unter anderem mit dem zeitgeschichtlichen Hintergrund des Barock zu tun: Die Pest hat die Bevölkerung in den deutschen Städten um ein Drittel reduziert. Der Dreißigjährige Krieg (1618–1648) hinterließ ein deutsches Reich, das politisch, wirtschaftlich und kulturell buchstäblich am Ende war. Nach dem Krieg bildete sich der sogenannte »Territorialabsolutismus« heraus, das heißt, die einzelnen »kleinen« Herrscher verschafften sich durch die Schwächung der zentralen Reichsgewalt neue Befugnisse. An allen Fürstenhöfen diente der französische Absolutismus als Vorbild für luxuriöse Bauten und ein verschwenderisches Leben. So auch in Dresden …

Unter dem Dresdner Barock (1694–1763) wird die spezifische Ausformung des Barock- und Rokokostils unter dem sächsischen Kurfürsten und späteren König in Polen Friedrich August I. (genannt »August der Starke«, 1670–1733) und seinem Sohn Friedrich August II. (1696–1763) verstanden. Neben französischen Einflüssen haben hier vor allem italienische Vorbilder die opulente Formensprache in Architektur und Kunst beeinflusst und die »Augusteische Ära« zur bedeutendsten und bis heute prägendsten in Dresden gemacht.

Das Wort »Barock« kommt übrigens vom portugiesischen »barroca« und bedeutet »schiefrunde Perle«. »Barock« als Adjektiv wurde daher zunächst abwertend gebraucht. Als Ausdruck in der Juweliersprache soll der Begriff seit etwa 1581 belegt sein. Die Epochenbezeichnung »Barock« setzte sich dagegen erst Mitte des 19. Jahrhunderts durch.