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IMPRESSUM

JULIA erscheint 14-täglich im CORA Verlag GmbH & Co. KG

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CORA Verlag GmbH & Co. KG ist ein Unternehmen der Harlequin Enterprises Ltd., Kanada

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Redaktionsleitung:

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Cheflektorat:

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Lektorat/Textredaktion:

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Vertrieb:

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Anzeigen:

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Es gilt die aktuelle Anzeigenpreisliste.

 

© 2011 by Natalie Anderson

Originaltitel: „Walk on the Wild Side“

erschienen bei: Mills & Boon Ltd., London

in der Reihe: MODERN HEAT

Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l.

© Deutsche Erstausgabe in der Reihe: JULIA

Band 172011 (17/3) 2011 by CORA Verlag GmbH & Co. KG, Hamburg

Übersetzung: Juliane Zaubitzer

Fotos: Corbis

Veröffentlicht als eBook in 08/2011 – die elektronische Ausgabe stimmt mit der Printversion überein.

ISBN: 978-3-86349-149-9

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

JULIA-Romane dürfen nicht verliehen oder zum gewerbsmäßigen Umtausch verwendet werden. Führung in Lesezirkeln nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Verlages. Für unaufgefordert eingesandte Manuskripte übernimmt der Verlag keine Haftung. Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

Satz und Druck: GGP Media GmbH, Pößneck

Printed in Germany

Der Verkaufspreis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Weitere Roman-Reihen im CORA Verlag:

BACCARA, BIANCA, ROMANA, HISTORICAL, HISTORICAL MYLADY, MYSTERY, TIFFANY HOT & SEXY, TIFFANY SEXY

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Natalie Anderson

Sonne, Sex und heiße Küsse

1. KAPITEL

Schon wieder eine rote Ampel. Zum etwa vierzigsten Mal bremste Kelsi Reid und griff leise fluchend nach dem Kamm auf dem Beifahrersitz.

Wahrscheinlich sahen die anderen Frauen im Schönheitssalon alle aus, als wären sie einer Modezeitschrift entsprungen. Kelsi dagegen hatte sich weder geschminkt noch gekämmt. Sie hatte gerade Zeit gehabt, ein Paar Kontaktlinsen einzusetzen und ihren vom Duschen noch feuchten Körper in ein Kleid zu zwängen.

Eigentlich konnte sie es sich gar nicht leisten, einen Tag freizunehmen.

Wäre sie gestern Abend nur nicht am Schreibtisch eingeschlafen. Wäre sie heute Morgen nur nicht mit dem Haar in einer Pfütze klebriger Limonade aufgewacht. Hätte sie ihr Haar nur nicht mit so viel Shampoo eingeschäumt, dass sie Ewigkeiten brauchte, um es wieder auszuspülen …

Hätte sie doch nur zu Hause bleiben können.

Stattdessen war sie unterwegs nach Merivale, dem vornehmsten Vorort von Christchurch, zu einem Termin im exklusiven L’Essence Spa, den sie aus Feingefühl nicht abzusagen wagte, und hatte auf dem Weg dorthin jede rote Ampel mitgenommen.

Kelsi kam sich vor wie eine Heuchlerin.

Ihre Kollegen und ihr Boss hatten zusammengelegt und ihr diesen Termin geschenkt. Eine Kombination aus Geburtstagsgeschenk und Anerkennung für ihre Arbeit. Rührend, aber so ziemlich das Letzte, was sie sich gewünscht hätte. Sie hasste die Gesellschaft schöner Frauen, weil sie definitiv nicht dazugehörte. Für ihre schlecht gefärbten Haare, ihre geringe Körpergröße und jungenhafte Figur war sie als Teenager oft genug gehänselt worden. Nicht einmal der eigene Vater wollte etwas mit ihr zu tun haben. Ironischerweise war es ausgerechnet ihr Vater, dem sie ihre wahre Haarfarbe verdankte.

Sie besaß so wenig Selbstbewusstsein, dass sie sich sogar von einem Exfreund einen komplett neuen Look verpassen ließ. Und dann war sie ihm trotzdem nicht hübsch genug gewesen. Seitdem waren viele Jahre vergangen, und inzwischen konnte Kelsi sich überhaupt nicht mehr vorstellen, sich so etwas gefallen zu lassen.

Irgendwann hatte sie rebelliert. Die Leute fanden sie also seltsam? Denen würde sie es zeigen. Von da an kleidete sie sich anders, schminkte ihre fast unnatürlich blasse Haut, verbarg ihre zu kleinen Brüste, ihr Haar, ihre Augen, ihr Selbst. Wenn ein Mann sich für sie interessierte, dann höchstens für ihren Verstand, ihren Humor, ihre faszinierende Persönlichkeit.

Zwar hatte sie seit Ewigkeiten kein Date mehr gehabt, aber sie hatte vor lauter Arbeit sowieso keine Zeit für so etwas. Und ihre Kollegen – die einzigen Leute, die sie in dieser Stadt kannte – standen auf Mädchen mit scharfer Munition und noch schärferen Brüsten wie die Heldinnen der Computerspiele, nach denen sie süchtig waren. Fantasiegestalten, mit anderen Worten.

Kelsi konnte schon mit den realen Schönheiten dieser Welt nicht mithalten, geschweige denn mit diesen Männerfantasien, also versuchte sie es erst gar nicht.

Doch ihre Arbeitskollegen – allesamt männlich – waren der Meinung, dass sich jede Frau über einen Tag im Schönheitssalon freute. Kelsi wusste, dass sie es nur gut meinten. Schließlich ahnten sie nichts von jenem Mann, der damals jeden einzelnen Scherenschnitt des Friseurs überwacht hatte, in dem Bemühen, sie nach seinem Schönheitsideal zu formen. Inzwischen schnitt sie ihr Haar selbst.

Doch sie brachte es nicht übers Herz abzulehnen. Sie wusste, wie teuer und exklusiv dieser Salon war, und sicher gab es dort auch Angebote nach ihrem Geschmack. Die Ganzkörpermassage klang gut, und eine professionelle Haarentfernung konnte man immer gebrauchen.

Nun war sie also auf dem Weg dorthin, und obwohl sie heute für ihre Verhältnisse dezent gekleidet war, würde sie mit ihren verstrubbelten, selbst gefärbten Haaren auffallen. Außerdem war sie spät dran.

Sie fuhr die hundert Meter zur nächsten Ampel, die hier, mitten in der Stadt, dicht aufeinander folgten. Und natürlich war wieder Rot.

Kelsi hob den Arm und bemühte sich vergeblich, das Lockenknäuel an ihrem Hinterkopf zu entwirren. Den Kopf vorgebeugt, versuchte sie den Kamm durchs Haar zu ziehen, und kniff vor Schmerz die Augen zusammen. Als sie es mit einem starken Ruck versuchte, rutschte ihr Fuß vom Bremspedal, und der Wagen rollte einen halben Meter vor.

Mitten in den Fußgänger, der gerade die Straße überquerte.

Kelsi hörte den dumpfen Aufprall, hörte den erstickten Fluch, hörte ihren eigenen Aufschrei.

Sofort trat sie wieder das Bremspedal, und das Auto kam mit einem Ruck zum Stehen. Beide Hände am Lenkrad blieb sie für den Bruchteil einer Sekunde wie erstarrt sitzen.

Das Einzige, was sich bewegte, war der Inhalt ihres Magens, der hochzukommen drohte. Sie riss die Tür auf und versuchte auszusteigen, doch der Sicherheitsgurt hielt sie zurück. Um sich zu befreien, schlug sie mit der flachen Hand auf den Verschluss. Endlich löste sich der Gurt. Sie knallte die Tür zu und lief auf die Straße, voller Angst vor dem Anblick, der sich ihr bieten würde. Sie konnte ihre Beine nicht spüren, konnte nicht denken, konnte den Gedanken nicht ertragen, dass sie eventuell jemanden überfahren hatte.

„Geht es Ihnen gut? Geht es Ihnen gut? Oh Gott.“ Sie rang nach Atem. „Geht es Ihnen gut?“

„Mir geht es gut.“

Es war ein Mann, und er stand schon wieder. Er lebte also, denn er hatte die Augen geöffnet – unglaublich blaue Augen – und atmete. Was mehr war, als sie von sich im Moment sagen konnte.

Entsetzt schüttelte sie den Kopf, unfähig zu begreifen, was gerade passiert war. „Ich habe Sie nicht gesehen.“

„Ich hatte Grün“, entgegnete er trocken.

„Sie sind einfach aus dem Nichts aufgetaucht.“ Er war mindestens einen Meter dreiundachtzig groß. Wenn sie ihn schon nicht gesehen hatte, war vielleicht noch jemanden verletzt. Kelsi bückte sich und schaute unter den Wagen.

„Ihrem Auto ist nichts passiert.“

„Darum geht es mir nicht“, erklärte sie, während sie fieberhaft suchte. „Habe ich noch jemanden erwischt? Oder nur Sie?“ Sie reckte den Hals, um ihm ins Gesicht zu sehen.

„Nur mich.“

„Oh, Gott sei Dank. Ich meine …“ Sie schluckte schwer. „Geht es Ihnen auch wirklich gut?“

„Es geht mir wirklich gut.“ Er lachte sogar. „Hören Sie, wollen Sie nicht Ihr Auto wegfahren? Sie halten ja den ganzen Verkehr auf.“

Benommen drehte sie sich um und erblickte den Stau. Doch die meisten Wagen wichen auf die andere Spur aus. Außerdem handelte es sich hier um eine Unfallstelle. Erneut wandte sie sich an den Unbekannten: „Sind Sie sicher, dass es Ihnen gut geht?“ Ihre Stimme klang schrill.

Er deutete auf den Fußweg. „Reden wir lieber dort drüben weiter.“

Wie betäubt ging sie ein paar Schritte, blieb aber gleich wieder stehen. „Oh, nein. Sie humpeln. Warum humpeln Sie? Wo habe ich Sie erwischt? Wo tut es weh?“

„Nein, das ist nur mein Knie, es ist …“

„Ihr Knie?“ Ihre Stimme stieg um weitere drei Oktaven. „Habe ich Sie am Knie erwischt? Lassen Sie mal sehen.“ Sie ging in die Hocke und wollte den Saum seiner langen grauen Shorts anheben, um den Schaden zu begutachten. Zu ihrer Erleichterung lief kein Blut an seinem Schienbein hinunter. Doch ehe sie seine gebräunten muskulösen Waden berühren konnte, wich er zurück.

„Schon gut.“ Mit seiner großen starken Hand umfasste er ihren Oberarm und zog sie hoch.

Widerwillig stand sie auf. „Sind Sie sicher?“ Hatte sie ihn überfahren? Sie wusste es nicht einmal. Als sie an den dumpfen Aufprall dachte, lief es ihr kalt den Rücken hinunter. Sie hatte noch nie einen Unfall gehabt. Noch nie. Und jetzt hatte sie jemanden überfahren. „Brauchen Sie keinen Arzt? Bitte lassen Sie sich von mir zu einem Arzt fahren. Ich finde, ich sollte Sie zu einem Arzt fahren.“

„Ich brauche keinen Arzt“, stellte er fest. „Aber Sie werden immer blasser.“

Kelsi atmete stoßweise, als sie begriff, was gerade passiert war. Sie schlug die Hand vor den Mund. „Ich hätte Sie umbringen können.“

„Haben Sie aber nicht.“

Aber sie hätte auch ein Kind überfahren können. Lauter Super-GAU-Szenarien liefen vor ihrem inneren Auge ab. Es hätte ein Kleinkind an der Hand seiner Mutter sein können. Oder eine Frau mit Kinderwagen. Es war reines Glück, dass sie einen großen starken Mann erwischt hatte. Trotzdem hatte sie ihn verletzt. Sie sah zu ihm auf, ihr Blick verschwamm, und sie keuchte, als wäre sie gerade die tausend Stufen zu ihrem Büro im obersten Stockwerk zu Fuß gelaufen. Sie hatte ihn verletzt …

Schwer legten sich seine Hände auf ihre Schultern. Beruhigend. „Alles ist gut. Es ist nichts passiert.“ Er lächelte und nickte, jedes Wort betonend.

Sie schluckte.

„Hatten Sie es eilig, irgendwohin zu kommen?“, fragte er.

„Was? Ja.“ Sie blickte auf ihre Uhr, und er ließ seine Hände sinken. „Oh, nein.“ Jetzt kam sie wirklich zu spät.

„Wohin denn?“

„Das spielt jetzt keine Rolle.“ Und das tat es wirklich nicht. „Erlauben Sie mir, Sie ein Stück mitzunehmen.“ Sie drehte sich um und öffnete die Beifahrertür. „Es tut mir leid, dass ich Sie angefahren habe. Außerdem humpeln Sie. Soll ich Sie zu einem Arzt bringen?“

„Nein.“

Doch Kelsi hörte überhaupt nicht zu. Stattdessen versuchte sie, den Unbekannten ins Auto zu schieben, entschlossen, ihn sicherheitshalber mitzunehmen. Doch er war unbeweglich wie ein Fels in der Brandung. Unter ihren Handflächen spürte sie die durchtrainierten Muskeln seines Oberkörpers.

Als er zusammenzuckte, kam sie zur Besinnung. Oh, mein Gott, was dachte sie sich nur dabei, einen Fremden zu betasten?

„Verzeihung.“ Nervös sah sie auf, und sofort hielten seine strahlend blauen Augen ihren Blick gefangen. Sein Lächeln blendete sie geradezu, und während Kelsi sich darin sonnte, vergaß sie die Welt um sich herum. Himmelblau, seine Augen waren himmelblau. Sie konnte nicht blinzeln, konnte nicht atmen, konnte nicht denken …

Sie blinzelte. Das war doch verrückt. Sie hätte ihn fast überfahren – und nun starrte sie ihn an, als hätte sie noch nie einen Mann gesehen.

Nun, einen Mann, der so gebaut war, hatte sie tatsächlich noch nie gesehen. Die einzigen Männer, mit denen sie zu tun hatte, waren ihre Kollegen, und die waren entweder schmächtig oder übergewichtig. Das war natürlich ein Klischee, aber in Kelsis Welt traf es zu – Computerfreaks waren selten attraktiv. Punkt.

Der Mann, der vor ihr stand, war definitiv kein Computerfreak. Seine sonnengebräunte Haut und die goldenen Strähnen in seinem braunen Haar ließen darauf schließen, dass er viel an der frischen Luft war.

Lag es an ihren Kontaktlinsen, dass er so unverschämt attraktiv aussah? Welche Farbe hatte sie heute eingesetzt? Sie konnte sich nicht erinnern. Erneut blinzelte sie, versuchte, ihre wirren Gedanken zu ordnen.

„Was halten Sie davon, wenn ich fahre?“ Die Frage kam so unerwartet, dass Kelsi erst dachte, sie hätte sich verhört.

„Wie bitte?“

Wieder legte er ihr eine Hand auf die Schulter und strich mit dem Daumen über ihre Haut, ein sanftes Streichen, und sofort hatte Kelsi vergessen, was er gerade gesagt hatte. Obwohl sie fröstelte, war ihr alles andere als kalt.

„Ich werde fahren“, wiederholte er ganz langsam.

Was wollte er? Alles, was sie wusste, war, dass er lächelte und die ganze Welt in Technicolor erstrahlte.

„Na, kommen Sie.“

Er schien zu versuchen, sie zu beruhigen. Sie musste sich nicht beruhigen. Mit ihr war alles in Ordnung – oder? Wie durch einen Nebel nahm sie war, dass sie von einer warmen festen Hand auf ihrem Rücken zu ihrem eigenen Beifahrersitz dirigiert wurde.

„Äh …“ Es hatte keinen Sinn zu widersprechen. Nachdem sie sich hingesetzt hatte, schloss er die Tür und ging zur Fahrerseite. Wieder bemerkte sie sein Humpeln und verzog gequält das Gesicht. Das war doch verrückt. Sie musste sich um ihn kümmern und nicht umgekehrt.

Kaum war er eingestiegen, fragte sie: „Sind Sie sicher, dass Sie fahren können?“

Statt einer Antwort lachte er leise. Es war ein nettes Lachen. „Wie heißen Sie?“

Kelsi starrte ihn an, das Echo seines Lachens hing noch in der Luft. In ihrem Auto sah er albern aus, die Knie fast an den Ohren, weil der Fahrersitz ganz nach vorn gestellt war, damit ihre Füße das Gaspedal erreichten. Er schob den Sitz bis zum Anschlag nach hinten, doch er wirkte immer noch wie ein Riese. Hatte er gerade etwas gesagt? Jedenfalls sah er sie so erwartungsvoll an.

„Wie bitte?“

„Ihr Name?“ Er beugte sich so nah zu ihr herüber, dass sie wie gelähmt war. Doch nicht vor Angst. Oh, nein, nicht vor Angst. Aus der Nähe konnte sie sein symmetrisches Gesicht betrachten, sein markantes Kinn mit dem Hauch eines Schattens, seine strahlend weißen Zähne, konnte seine Wärme spüren, seinen frischen Duft atmen. Sie hielt die Luft an, als er noch ein Stück näher kam. Wollte er sie etwa küssen? Sollte sie sich von diesem wildfremden Mann küssen lassen? Wie hypnotisiert blickte sie ihm in die Augen, seine lächelnden, verheißungsvollen Augen …

Aber ja. Natürlich würde sie ihn küssen. Sie konnte sich nicht denken, was dagegen sprechen sollte. Sie konnte überhaupt nicht denken …

Doch da war ein Piepen in ihrem Ohr. Oh. Enttäuschung überkam sie, als er den Sicherheitsgurt über ihren Körper zog und einrasten ließ. Natürlich wollte er sie nicht küssen. Männern wie ihm lagen die Frauen zu Füßen. Wieso sollte er ausgerechnet sie küssen? Ach, aber es wäre doch zu schön gewesen.

Schlaff ließ sie sich in den Sitz zurücksinken. Unter ihrem dünnen Sommerkleid hatte sie eine Gänsehaut bekommen. Oje, sie musste sich wirklich zusammenreißen.

Er ließ den Motor an, und kurz darauf riss sie sich vom Anblick seiner starken Hände am Lenkrad los, um zu sehen, wohin sie fuhren. Nicht, dass es eine Rolle spielte.

„Miss?“

Miss? Noch nie zuvor hatte sie jemand „Miss“ genannt. Endlich begriff sie, was er gefragt hatte. „Kelsi.“

„Kelsi, ich bin Jack.“

„Hi“, begann sie unsicher, und ihr Gehirn verabschiedete sich wieder, als sie ihn ansah. Kelsi liebte surrealistische Kunst, aber sie war nicht sicher, ob sie bereit für ein surrealistisches Leben war. Und dass ein Mann wie dieser sie gottweißwohin entführte, war definitiv surreal.

Er lachte erneut, und das Grübchen in seinem Kinn ließ ihn irgendwie verwegen aussehen. „Ich glaube, Sie müssen sich erstmal von dem Schreck erholen.“

„Es tut mir so leid.“ Sie seufzte und sah knapp an ihm vorbei, um einen klaren Kopf zu bekommen. Er hatte recht. Sie musste sich erholen. Aber nicht von dem Unfall. Es lag an diesem atemberaubenden Mann, dass sie völlig durch den Wind war. „Sind Sie sicher, dass Ihnen nichts passiert ist?“

Er hob beschwichtigend eine Hand vom Lenkrad. „Bitte, fang nicht wieder damit an. Und nach allem, was wir gemeinsam durchgemacht haben, sollten wir uns doch duzen, finde ich.“

„Na gut.“ Sie nickte.

„Ich kenne ein Café, wo es fantastischen Kaffee gibt“, sagte er. „Wie wär’s?“

Kaffee. Das war ihr Problem. Sie hatte heute Morgen nicht ihre tägliche Dosis Koffein bekommen. Deshalb fühlte sie sich so aufgedreht und zittrig. Es lag weder am Unfall noch an Jack.

Er fuhr auf einen Parkplatz und stellte den Motor aus.

„Hier kannst du nicht parken.“ Überall wiesen Schilder daraufhin, dass der Parkplatz ausschließlich für Kunden des Snow- und Skateboard-Ladens reserviert war.

Er würdigte die Schilder keines Blickes. „Das stört niemanden.“

Konnte diesen Mann eigentlich gar nichts aus der Ruhe bringen? Schmunzelnd steckte er ihre Autoschlüssel ein, während er auf dem Fußweg neben ihr herhumpelte. Sie versuchte, nicht hinzusehen, doch das schlechte Gewissen nagte an ihr. Dann packte er sie am Oberarm und dirigierte sie zum Eingang des Cafés. „Setz dich.“ Er blieb vor dem erstbesten Tisch stehen. „Ich besorge dir einen Kaffee.“

Kelsi ließ sich auf den Stuhl sinken, stützte die Ellbogen auf den Tisch, schloss die Augen und legte den Kopf in die Hände. Der Kaffee würde sie hoffentlich wieder zur Vernunft bringen.

Nachdenklich betrachtete Jack die leichenblasse, zierliche Frau. Man hätte meinen können, nicht er, sondern sie sei angefahren worden. Ehrlich gesagt, hatte das Auto ihn kaum berührt. Er hatte mit der Faust auf die Kühlerhaube geschlagen und war rechtzeitig zur Seite gesprungen. Dabei hatte er sich allerdings sein verletztes Knie verrenkt – deshalb das Humpeln. Die Operation war schon ein paar Wochen her, doch jetzt fühlte es sich an, als wäre sie gestern gewesen. Hoffentlich konnte er trotzdem bald wieder mit dem Training anfangen.

Zwei dampfende Tassen Kaffee in der Hand, kehrte er an den Tisch zurück. Als er Kelsis schmalen Rücken und die zerzauste Frisur sah, unterdrückte er ein Lachen.

Er stellte die Getränke auf den Tisch, riss drei Zuckertütchen auf und schüttete den Inhalt in die erste Tasse. Nachdem er die Flüssigkeit mit einem Löffel umgerührt hatte, schob er die Tasse Kelsi hin.

„Ich nehme keinen Zucker.“ Zusammengesunken auf ihrem Stuhl, lächelte sie schwach.

„Heute schon.“ Stark, heiß und süß. Es war genau das, was sie brauchte.

Er sah zu, wie sie erst vorsichtig einen kleinen Schluck trank, dann gierig mehr. Seufzend atmete sie aus.

„Besser?“ Er musste lachen.

„Viel besser.“

Ja, ihre sonderbar gefärbten Augen schienen die Umwelt wieder wahrzunehmen, und sie saß wieder gerade. Und das war gut, denn als sie sich zurückgelehnt hatte, war der Träger von ihrem Kleid verrutscht. Er hatte den Spitzenbesatz von einem hübschen schwarzen BH gesehen, aber jetzt war wirklich nicht der richtige Zeitpunkt, um an Sex zu denken. Und das tat er – und zwar, seit er sie zum ersten Mal gesehen hatte.

Aber das war nicht der Grund, warum er sie zu einem Kaffee eingeladen hatte. Nein, das hatte er getan, um sie zu beruhigen. Er hatte das schlechte Gewissen in ihrem Gesicht gesehen, weil sie glaubte, sie sei schuld an seinem Knie. Er musste sie von dieser Last befreien, denn obwohl sie sich so cool und ganz in schwarz kleidete, gehörte sie bestimmt zu den Menschen, denen so etwas schlaflose Nächte bereitete. Hinter der Fassade der abgebrühten Großstadtgöre erkannte er das verletzliche Mädchen.

Doch zunächst musste er sich um etwas anderes kümmern. Schmunzelnd stand er auf und ging um den Tisch herum. Sie erstarrte, als er sie berührte.

„Halt still“, murmelte er. „Sonst machst du es nur noch schlimmer.“

Als Kelsi begriff, dass der Kamm sich in den Locken ihres Hinterkopfs verfangen hatte, stöhnte sie auf. Jack nahm ihre geröteten Wangen und ihren beschleunigten Atem mit einer gewissen Genugtuung zur Kenntnis. Er hatte also eine gewisse Wirkung auf sie.

Ausgezeichnet. Denn noch immer schwirrte in seinem Kopf der Gedanke an Sex herum. Er versuchte, sich darauf zu konzentrieren, ihr Haar zu entwirren, doch aus der Nähe kam ihm ihr Haar ungewöhnlich lockig, schockierend blond, aber auch weich vor. Es duftete süß nach Blumen. Wie ihre Augenfarbe war auch die Haarfarbe nicht echt, doch ihre ursprüngliche Haarfarbe musste relativ hell sein, denn sie hatte keinen dunklen Ansatz. Oder vielleicht waren sie frisch gefärbt. Jack kannte sich mit Blondinen aus, doch noch nie hatte er ein Blond gesehen, das so schlohweiß war. Oder so zerzaust.

Er schluckte. Mit trockenem Mund beugte er sich vor, um den Kamm aus ihrem Haar zu befreien, ohne ihr wehzutun. Ihr Duft war betörend. Sie erregte ihn, wie ihn lange keine Frau mehr erregt hatte – und Jack war, was Sex anging, kein Kind von Traurigkeit.

Normalerweise jedenfalls nicht. Die Knieoperation hatte ihm jede Art von Spaß für eine Weile verleidet – im Schnee wie auch im Schlafzimmer. Das war sicher auch der Grund, warum er so heftig auf diese Frau reagierte, denn eigentlich war sie gar nicht sein Typ. Er mochte starke, athletische Frauen, die ihm etwas entgegenzusetzen hatten, keine mageren Dinger, die aussahen, als könnte der Wind sie umpusten.

Und schon gar nicht stand er auf übertrieben gefühlsbetonte oder gar anhängliche Frauen. In seinem Leben war dafür kein Platz. Doch wie herzzerreißend sie ihn mit ihren Rehaugen angesehen hatte, als sie glaubte, sie hätte ihn verletzt, wie sie die Tränen fortgeblinzelt hatte, mit bebenden Lippen …Überhaupt: ihre rosigen Lippen. Im Gegensatz zum Rest waren die echt und ungeschminkt – und sehr verführerisch.

Jack hätte Kelsi gern getröstet.

Er hätte gern noch viel mehr mit ihr angestellt, als sie nur getröstet, hätte gern von den Köstlichkeiten genascht, die dieses bodenlange Trauerkleid verbarg.

Die Phase seiner Enthaltsamkeit würde noch andauern. Das war das Problem. Seit er wusste, dass ihm wahrscheinlich vier weitere sexfreie Wochen bevorstanden, konnte er an nichts anderes mehr denken als an Sex. Nur deshalb fiel es ihm plötzlich sogar in einem gut besuchten Café schwer, sich zu beherrschen. Nur deshalb fühlte er sich zu einer Frau hingezogen, die als Gespielin ungefähr so gut zu ihm passte wie ein Piranha zu einem Zierfisch.

Vorsichtig löste Jack den Kamm. Es dauerte länger als gedacht, doch das störte ihn nicht weiter. Dass er eine masochistische Ader hatte, war ihm gar nicht bewusst gewesen. Und so genoss er die bittersüße Qual, Kelsi wie zufällig mit den Fingern zu streifen, und widerstand mühsam der Verlockung, sie so zu berühren, wie er gern gewollt hätte. Zähneknirschend versuchte er, sich auf seine Aufgabe zu konzentrieren und das Verlangen, das durch seine Adern pulsierte, zu unterdrücken.

Unmöglich. Wie eine blasse faszinierende Statue saß sie vor ihm, ihre Verlegenheit greifbar. Doch da war noch mehr.

Jack war es gewohnt, begehrt zu werden, und er genoss es. Daher kannte er die Signale. Manchmal ignorierte er sie, manchmal nicht.

Da sein Knie endlich aufgehört hatte zu schmerzen, wusste er, dass er diesem ungewöhnlich heftigen Verlangen nachgeben würde. Obwohl es vielleicht unpassend war, konnte er nicht widerstehen. Er liebte Überraschungen. Die Herausforderung. Das Leben am Abgrund.

Was kümmerte es ihn, dass ihm nur vierundzwanzig Stunden blieben? Dass er eigentlich zu einem langweiligen Meeting musste? Das machte die Sache umso reizvoller. Jack Greene wusste, wie man das Leben genoss.