Über die Autorin

Ulrike Wilhelm, geb. 1967, studierte an der Hamburger Hochschule für bildende Künste.

Sie arbeitete als Journalistin für diverse Zeitschriften und hat bereits vier Romane veröffentlicht.

Heute lebt sie in Hamburg, wo sie als Redakteurin für eine große Frauenzeitschrift arbeitet.

Ulrike Wilhelm

Vom Himmel
in die Hölle und zurück

Mein Leben mit manischer Depression

BASTEI ENTERTAINMENT

Meinem verstorbenen Bruder Knut

Inhalt

Prolog

Im Göllheimer Pfarrgarten – Juni 1984

Andrea – Sommerferien 1984

Max und ich – Frühling 1992 bis Winter 1994

Vom wilden Moor nach Straßburg – Frühsommer 1999 bis Winter 2000

Fort von Max – Jahreswechsel 2000/2001 bis Frühjahr 2002

Einmal Tel Aviv-Jaffa und zurück – September 2002 bis September 2003

Die Katastrophe – 15. Oktober 2003

Abdriften – Oktober 2003 bis März 2004

Im Grandhotel – März 2004

Hamburg – März bis Mai 2004

Unerwünschter Besuch – Mai 2004

Paris, Flughafen Charles de Gaulle – Ende Mai 2004

Paris CDG – Tel Aviv-Yafo, endlich

Bat Yam, abends

»Die Seele geht zu Fuß«

Hebräisch lernen und auswandern?

Im Ulpan Gordon – Juni 2004

Eine Schreibblockade?

In Liebesdingen ratlos

Denkstörungen – Anfang Juli 2004

Parallel in Hamburg

Schwarzes Selbstbild

Der letzte Kampf – Irgendwann im Juli

Irgendwie durchhalten

Leben im Provisorium

Gedanken an Knut

Liebes-Katastrophe – September 2004

Meine kleine, feine Weinhandlung

Anverwandlungen – Oktober 2004

Sehnsucht nach Scheitern

Sturmnacht – Winter 2004

Good, old Guinness

Ein Lächeln am Strand – Frühjahr 2005

Das schönste Glück im Unglück

Winter ade

Und wie nun weiter?

Abschiedsmoment

Rauswurf – April 2005

Wie in einem Traum

Abschied – 5. Mai 2005

Frankfurt – Hamburg

Max – Ein Abend wie früher

Hamburger Alltag – Mai 2005

Sophia – Innigkeit und Nähe

Noch mehr wahre Freundschaft!

Traurigkeit im Frühsommer

Am Kanal

Sommer in Seedorf

Ein sonniger Tag – September 2005

Wie in einem Zeittrichter – Winter 2005 bis 2007

Abgeholt – Frühsommer 2007

Ein medizinisches Wunder

Genesung

Besuch von meinem Vater – Sommer 2007

Mein Betreuer

Westerland I – Sommer 2007

Mein vierzigster Geburtstag

Und jetzt Hartz IV?

Gedämpfte Hoffnung

Wie im Märchen – Winter 2007

Schicksalsgeschichten

Mein eigenes Reich – Frühling 2008

Rückschläge

Kein Funke, nichts – 2008 bis 2011

Und dann … 2011

Unter dem Hammer – Sommer 2011

Westerland II – Sommer 2011

Dankeswort

Prolog

Das Rauschen des Meeres, Wasser, das sich um meine Füße kräuselt, Fußspuren im Sand. Gebräunte Spaziergänger, die ihre Nasen der Sonne entgegenstrecken. Der Himmel hoch und weit, in der Ferne ein großes Schiff, Gelächter aus Strandkörben. Kinder. Das ist für mich Sylt.

Schon, wenn die Eisenbahn über den Hindenburgdamm durchs Watt zur Insel zuckelt, spüre ich, wie mein Puls höher schlägt. Immer schon.

Seit meiner Kindheit liebe ich die weiten weißen Sandstrände von Kampen und Wenningstedt. Ich erinnere mich an Sandburgen und den Surfkurs, den ich machte, an Kurkonzerte mit meinen Großeltern, an Fischbrötchen bei Gosch und an den weiten Blick, den wir von unserem gemütlichen Ferienhäuschen über die Dünen hatten, die sich bis zum Meer erstrecken.

Sylt ist für mich Kindheit, Jugend – ein Versprechen.

Erinnerung an die Zeit, in der ich glaubte, die ganze Welt würde mir zu Füßen liegen und alles offenstehen, was ich nur anpackte. Damals ging ich wie selbstverständlich davon aus, dass ich eines Tages zu Gast in dem wunderschönen Jugendstilhotel mit Grandezza in Westerland sein würde, das ich immer nur aus der Ferne sah. Ich war überzeugt, alles im Leben könne nur gelingen.

In meinen Träumen wollte ich eines Tages in einer großen schönen Altbauwohnung zusammen mit meiner Großfamilie, gern auch mehreren Adoptivkindern und einem Au-pair-Mädchen, in Hamburg leben. Und Urlaub auf Sylt machen.

Nun, es sollte sich nicht ganz so entwickeln.

Ich mache gerade schwere Zeiten durch … Sylt mit seiner rauschenden Brandung, die mir einst Geschichten von Glück und Erfolg erzählte, ist weit von mir entfernt. Fast unerreichbar.

In meiner Lage, die mir in düsteren Momenten fast aussichtslos erscheint, ist es nicht sehr wahrscheinlich, dass ich je wieder auf die Insel meiner Träume komme und dort an die Siegesgewissheit meiner Jugend anknüpfen kann.

So trist erscheint mir alles.

Aber dann, wenn ich an Sylt denke, sage ich mir immer, dass ich die Erinnerung nicht aufgeben werde. Ich war einmal ein glückliches junges Mädchen, und daran zurückzudenken, trägt mich.

Die Gedanken an das Eiland, sonnenüberflutet, sturmumtost, helfen mir über die dunklen Momente des Lebens hinweg. Sind Trost und Hoffnungsschimmer.

Eines Tages, so habe ich mir vorgenommen, werde ich an die hellen Zeiten wieder anknüpfen. Dann werde ich wieder hinfahren. Nach Sylt. Und dann wird wieder Hoffnung sein, wo jetzt nur Traurigkeit ist. Denn nichts im Leben, so sage ich mir selbst, muss aussichtslos sein.

Ich kann kämpfen! Dafür brauche ich nur ein bisschen Glück – und ein wenig Mut! Dann kann ich alles erreichen. Davon bin ich fest überzeugt, so haben es mich die glücklichen Zeiten meiner Kindheit gelehrt.

Und deshalb schließe ich jetzt hier die Augen und lausche dem Tosen einer Muschel an meinem Ohr. Sylt ruft mich.

Auch wenn es von hier aus ein langer Weg sein wird, ich komme wieder! Ich glaube fest daran!

Und vielleicht wird dann alles, was jetzt so hoffnungslos verfahren erscheint, doch wieder gut …

Im Göllheimer Pfarrgarten

Juni 1984

Ein sanfter Sommerwind streicht durch den blühenden Biedermeiergarten unseres Elternhauses. Mein dreizehnjähriger Bruder arbeitet hingebungsvoll in seinem Rosenbeet. Ich liege in einem Rattanstuhl, den ich von meinem Urgroßvater geerbt habe, schaue über den smaragdgrünen Rasen, den ein Wassersprüher benebelt, und sonne mich. Ich werde diesen Sommer braun und brauner. Während mein Bruder beginnt, die Erde zwischen den Rosensträuchern zu harken, schließe ich die Augen und ruhe mich aus.

Den ganzen Nachmittag war ich mit meinen Freundinnen im Swimmingpool, der zum Reitstall gehört. Dort steht auch mein Pferd. Aber es war zu heiß zum Reiten. Die Besitzerin des Reitstalls hatte uns sogar Cola und Apfelschorle zur Erfrischung an den Pool gebracht, spendiert von einer der Mütter meiner Freundinnen.

Mit dem Rad ist der Reitstall von zu Hause aus gut zu erreichen, und ich liebe es, über die Hügel zwischen den Dörfern der Pfalz zu radeln, vor allem natürlich, wenn es bergab geht.

Ich bin sechzehn. In der Schule läuft es prima, und auch sonst gibt es nichts, was meine Laune nachhaltig beeinträchtigen könnte. Für den Sommer habe ich den Plan, zwei Freundinnen in Rom zu besuchen, und danach bin ich nach Sylt eingeladen, um meiner Tante am Strand mit ihrem kleinen Sohn zu helfen. Ich bin ganz vernarrt in Alexander.

Ein Blick auf meinen Bruder, der gar nicht mehr aufhört, das Rosenbeet zu harken, holt mich ins Jetzt zurück. Ich setze mich ein wenig auf und betrachte ihn. Knut hat von Kopf bis Fuß lange, dünne Gliedmaßen und ist von Natur aus viel sportlicher als ich, obwohl ich mich in Reitstall und Schwimmbad viel um Sport bemühe. Er trainiert allerdings nicht und geht meinem Pferd aus dem Weg. »Das ist Mädchenkram«, sagt er immer.

»Was willst du eigentlich mal werden, wenn du groß bist, Uli?«, fragt er plötzlich vom Rosenbeet her.

»Ich?« Seine Frage verwirrt mich. »Journalistin vielleicht«, antworte ich. »Oder noch lieber, Schriftstellerin.«

In letzter Zeit habe ich oft für unsere Lokalzeitung geschrieben, und ein Märchen von mir ist in der Schweiz veröffentlicht worden.

»Hm.« Er überlegt einen Moment. »Ich beneide dich, Uli. Du hast etwas gefunden, was dir Freude macht, und hast auch schon erste Erfolge. Ich bin mir sicher, du schaffst es.« Er stützt sich auf seine Harke und lächelt in den Sonnenuntergang. »Ich habe keine Ahnung, was ich mal machen könnte.«

»Das gibt sich, wenn du älter wirst«, sage ich laut, denke aber, dass er es nicht leicht hat. Er ist vielfältig talentiert. Er kann gut malen, basteln und fotografieren. Zudem ist Knut auch noch sehr musikalisch. Während ich auf dem Klavier viel üben muss, braucht er die Gitarre nur anzusehen, und sie bringt Melodien hervor. Allerdings finde ich manchmal, dass er zu wenig aus seinen Begabungen macht, vielleicht weil es ihm zu leicht in den Schoß fällt.

»Was meinst du, Uli?«, fragt er jetzt. »Ob wir später mal glücklich werden?«

Ich muss lachen. »Aber Knut, natürlich werden wir das. Was sollte dem im Weg stehen?«

Natürlich, so habe ich mir vorgenommen, werde ich alles anders machen als meine Eltern. So wie meine älteren Freundinnen möchte auch ich weggehen aus Göllheim, wo mein Vater Pfarrer und meine Mutter Lehrerin ist. Es ist eine schöne Gegend, bietet mir aber nicht genug. Wir sind hier sehr behütet aufgewachsen, jeder kennt jeden seit dem Kindergarten. Das gibt einem in gewisser Weise Wurzeln – aber es ist auch anstrengend. Gerade als Pfarrerskinder stehen mein Bruder und ich unter ständiger Beobachtung aller Leute. Keinerlei Kinderstreiche oder anderer Blödsinn waren möglich, weil unsere Eltern über den Dorffunk sofort davon erfahren hätten. Auch an der Schule gibt es keinerlei Freiraum, da unsere Mutter dort arbeitet und so alles über uns zugetragen bekommt. Das kann wirklich nervtötend sein.

Klar genießen wir auch besondere Privilegien. So bringen die Frauen aus dem Ort im Advent herrliche Plätzchen vorbei und an Fasching Schmalzküchlein. Aber dafür werden wir auch jederzeit angesprochen, und unser Haus steht jedem offen, weshalb wir ständig Besuch haben. Manchmal ist das passend, und manchmal eben nicht, sodass ich mich in meinen Apfelbaum auf der Obstwiese hinter dem Pfarrgarten verkrieche und von meiner Zukunft träume. Ich möchte raus in die weite, weite Welt und dort viele Abenteuer erleben.

Meinen Eltern war immer wichtig gewesen, uns eine gewisse Weltoffenheit zu vermitteln, weshalb wir für die damalige Zeit sehr viele Reisen, nach Finnland, Rumänien, Schweden, Irland, Spanien und Frankreich, gemacht hatten. Über den Schüleraustausch, den mein Vater organisiert hatte, war ich oft in England gewesen, wo es mir sehr gut gefallen hatte. Aber das alles war mir nicht genug. Mein Vater, der einst sogar als Tellerwäscher in London gearbeitet hatte, ermutigte mich immer, die Welt als meine Heimat zu sehen.

Mich zieht es zurzeit jedoch am meisten in die Großstadt, nach Hamburg. Zum einen, weil ich hoffe, dort eher anonym und in Freiheit leben zu können. Zum anderen aber auch, weil mein Vater Hamburger ist und meine geliebten Großeltern immer noch dort leben. Ich habe nur positive Erinnerungen an die Zeit bei meinen Großeltern, die für uns jeden Besuch in der Hansestadt zum Paradies machten. Besonders liebe ich die Kunstausstellungen und die Konzerte im Michel.

»Vielleicht werde ich später mal in Hamburg wohnen«, sage ich bei dem Gedanken daran zu meinem Bruder.

»Dann könntest du bei einer großen Zeitschrift arbeiten.«

Ich zögere. Heimlich habe ich mich schon mal über die Henri-Nannen-Schule informiert, eine Schule, die Journalisten ausbildet. Da es aber sehr schwer ist, dort angenommen zu werden, habe ich lieber keinem davon erzählt. Auch meinem Bruder sage ich davon nichts. Ich antworte nur: »Wenn ich sehr viel Glück hätte, vielleicht.«

Mein Bruder schaut mich nachdenklich an.

»Manchmal hab ich Angst davor, erwachsen zu werden. All die Verantwortung«, sagt er etwas altklug.

»Komm, vergiss das jetzt mal«, sage ich schnell. »Ich glaube, es ist noch Bowle im Kühlschrank. Magst du auch?«

Er nickt.

Als ich aus der Küche zurückkomme, steht Knut immer noch grübelnd da und blinzelt in die Abendsonne. »Uli, glaub an deinen Traum. Du musst Journalistin und Schriftstellerin werden!«

Andrea

Sommerferien 1984

Die Sonne glänzt über dem Sträßchen, das sich den Hang vom Schwesternheim hinunterschlängelt, wo ich in der Nähe der Vatikanstadt wohne. Ich besuche zwei Freundinnen, die bei den Suore Pallottine als Hausmädchen arbeiten, Essen ausgeben, Tische abräumen, Betten machen.

Heute soll mein erster Tag in Rom werden, und ich bin aufgeregt. Ich möchte zuerst den Petersplatz besuchen, den ich bisher nur aus dem Fernsehen kenne. Und dann zieht es mich in den Petersdom und zu Michelangelos Marien-Statue dort.

Meine Freundinnen können leider nicht mitkommen, wünschen mir aber einen schönen Streifzug durch Rom und viel Glück für meine Pläne. Ich strecke mein Gesicht in die Sonne und spaziere die Viale della Mura Aurelie hinunter.

Schwester Angelika, mit der ich mich gern unterhalte und die die Rezeption im Gästehaus der Nonnen beaufsichtigt, hatte mir erklärt, dass dort unten Wachsoldaten vor einer Einfahrt stünden, die zur Vatikanstadt führt. Ich solle respektvoll die Straßenseite wechseln und höflich grüßen.

Ich habe mir vorgenommen, genau dies zu tun, gehe auf die rechte Seite, schaue nach links – und mir stockt der Atem.

Dort steht ein junger Mann, schön wie ein Engel, der die Einfahrt bewacht. Er ist hochgewachsen, hellblond und trägt eine blaue Uniform. Fast versagt mir die Stimme, als ich ihn grüßen soll.

»Buon giorno«, presse ich mühsam heraus.

Da lächelt er so breit, dass in meinem Herzen die Sonne aufgeht. Ich weiß gar nicht, wie mir geschieht. In meinem sechzehnjährigen Leben war ich noch nie verliebt. Ich weiß zwar, was Küssen ist, weil ich mit meinen Freunden zu Hause in unserem Dorf oft Flaschendrehen gespielt hatte, aber ich hatte immer gemogelt und die Flasche weitergeschoben, sodass ich keinen Kuss bekam. Mir hatten die Jungen aus dem Dorf nicht wirklich gefallen, und ich wusste nicht, was meine Freundinnen so aufregend daran fanden, wenn sie einen Kuss auf die Wange bekamen. Ich fand das alles eher unerfreulich. Vielleicht war ich auch einfach noch zu unreif.

Bei diesem jungen Mann, denke ich jetzt, würde mir das nicht so gehen. Ich riskiere noch einen verstohlenen Blick. Er lächelt immer noch, und in seinen Augen liegt etwas Behütendes und ein kleines bisschen etwas Skeptisches, so, als würde er sich fragen, was ich allein in der Stadt vorhabe.

In den nächsten zwei Tagen wird es zu einem Ritual, ich grüße, und er lächelt zurück. Ständig sehe ich ihn. Mal begegne ich ihm, als er auf dem Fahrrad sitzt und mit Freunden lacht, mal sitzt er auf den Stufen vor dem Petersdom und nimmt sein Mittagessen ein.

»Buon appetito«, wünsche ich ihm schüchtern.

Er lächelt dankend zurück.

Am dritten Tag, als ich den Hügel hinab zur Stadt gehe, mein Herz hüpfend vor Aufregung, ob er da ist, winkt er mich aus der Ferne zu sich heran und zwinkert mich dann vergnügt an. Ich bekomme weiche Knie, spüre ein unbekanntes Kribbeln, als ich in seine tiefblauen Augen schaue, hoch über mir.

»Wie heißt du denn?«, fragt er mich auf Italienisch.

»Ulrike. Und du.«

Er lächelt. »Ich bin Andrea. Du sprichst ganz gut Italienisch. Wie kommt das?«

»Das habe ich mir mit einem Sprachkurs auf Schallplatte beigebracht.«

Nun fängt er an zu lachen. »Wie lang bleibst du hier?«

»Eine Woche.«

Ich rechne: Noch vier herrliche, wundervolle Tage, an denen ich ihn sehen kann – mir kommt es so vor, als hätte ich genau auf diesen jungen Mann gewartet. Seine ruhige, unerschütterliche Art hat mich vom ersten Moment an Vertrauen fassen lassen.

»Gut«, sagt er. »Dann werden wir uns ja noch sehen. Warst du schon mal auf dem Campo Santo Teutonico, dem deutschen Friedhof?«

Ich schüttle den Kopf.

»Nein? Schau mal, dann gehst du jetzt hier durchs Tor und schaust ihn dir an. Es ist einer der schönsten Orte in Rom.«

Gehorsam und neugierig trete ich ein, und wirklich entdecke ich einen verwunschenen, paradiesischen Ort mit vielen Pflanzen, die ich nicht kenne, und verwitterten Gräbern, die mich ins Träumen bringen und über das Schicksal der Menschen nachdenken lassen, die hier in Rom ihre letzte Ruhe fanden.

Aus den Augenwinkeln bemerke ich plötzlich, dass Andrea noch immer zu mir herüberschaut. Unruhig nestele ich an meiner Handtasche herum, seine Blicke machen mich ganz nervös, und trotzdem möchte ich sie nicht missen. Ich möchte in seiner Gegenwart sein – immer. Und für immer.

Während ich einen Grabstein mit nicht mehr lesbarer Inschrift betrachte, stelle ich mir vor, wie es wäre, mit Andrea alt zu werden und zuletzt mit ihm begraben zu sein.

Hat er meine Gedanken gelesen? Als ich flüchtig über die Schulter zu ihm hinschaue, vertieft sich sein Lächeln, und er winkt mich zurück zu sich.

»Wenn du wirklich willst, könntest du nächstes Jahr wiederkommen«, schlägt er mir vor. »Du könntest Italienisch in einem richtigen Sprachkurs lernen. Was willst du denn später mal werden?«

Ich muss an das Gespräch mit meinem Bruder denken. »Journalistin und Autorin vielleicht, wenn ich Glück habe.«

Er schaut mir in die Augen. »Dann studiere doch Kunstgeschichte hier in Rom und in München. Ich habe dich in den letzten Tagen beobachtet, du interessierst dich doch für bildende Kunst.«

Oh, wäre das schön!, denke ich. Ihn wiedersehen. Kunstgeschichte studieren. Mich nur mit der Schönheit des Lebens befassen.

»Schau mal, ich gebe dir meine Adresse«, sagt er. »Dann kannst du mir immer schreiben. Meine Eltern würden dir helfen können, eine billige kleine Wohnung zu finden.«

Er nimmt einen Zettel, schreibt seinen Namen und seine Anschrift darauf und steckt ihn in meinen Umhängebeutel. Ich sehe, dass er schöne Hände hat.

Noch öfter unterhalten wir uns, dann kommt der letzte Tag. Seine Kollegen müssen ihm erzählt haben, in welchem Café ich mit meinen Freundinnen sitze, denn auf einmal taucht er auf und setzt sich in unsere Nähe. Vor Freude und Aufregung kippele ich mit dem Stuhl. Ihm liegt an mir! Sonst wäre er doch nicht gekommen?, denke ich.

Ich genieße seine Anwesenheit, doch wir grüßen uns nur knapp, so, als hätten wir uns abgesprochen. Ich will meinen Freundinnen unser kleines Geheimnis nicht verraten: Bald werde ich mit meinen Eltern sprechen und so bald wie möglich wiederkommen, zu ihm, zu Andrea, der so hellgestimmt, so freundlich und zugewandt ist. Zu Andrea, meiner ersten Liebe, wie ich mir jetzt eingestehen muss. Und in dem Moment halte ich diesen Abschied kaum aus.

Als Andrea aufsteht und geht, verblasst für mich die Schönheit Roms. Könnte ich doch nur die Schule hinschmeißen und Blumenhändlerin auf dem Campo de’ Fiori werden!

In meinen Augen hätte das mehr Zukunft als ein Studium – denn dann wäre ich bei Andrea.

Max und ich

Frühling 1992 bis Winter 1994

Mein Sommer in Rom liegt nun schon Jahre zurück. Doch immer noch träume ich von der großen weiten Welt, der Wunsch nach einem Leben in der Großstadt hat sich inzwischen tatsächlich erfüllt. Als ich eines Abends das Flair der wunderschönen Großstadt genieße, fällt in einem kleinen, etwas abseits gelegenen Café mein Blick auf einen gutaussehenden Mann. Er ist ungefähr in meinem Alter und wirkt äußerst sympathisch. Als sich unsere Blicke treffen, schau ich in seine kastanienbraunen Augen, und ich fühle mich vage an Andrea erinnert.

Dann schenkt er mir ein wundervolles Lächeln, was ich etwas schüchtern erwidere. Wohl ermutigt von meiner Reaktion kommt er an meinen Tisch und setzt sich zu mir. Wir plaudern ein bisschen. »Würden Sie mit mir essen gehen?«, fragt er mich schließlich.

Noch am selben Abend sitzen wir uns im In-Viertel Ottensen beim Griechen gegenüber. Max berichtet von seinen unzähligen Reisen, die er bereits gemacht hat. Er ist Arzt und hat bei seiner Arbeit schon viele Länder bereist. Fasziniert höre ich seinen Geschichten zu.

»Was machst du beruflich?«, fragt er, nachdem wir zum Du übergegangen sind. Er heißt Max.

Stolz erzähl ich ihm, dass ich bei einer großen evangelischen Wochenzeitung arbeite und bald die berühmte Henri-Nannen-Schule besuchen werde. Er lächelt.

»Dann wirst du sicher mal eine gute Journalistin«, sagt er.

In diesem Moment denke ich an den Tag zurück, als mein Bruder mir Glück für meinen Traum wünschte.

»Ich hoffe es sehr«, erwidere ich und sehe vor meinem geistigen Auge, wie mein Bruder sich auf seine Harke stützt.

»Warum willst du eigentlich Journalistin werden?«, fragt mich Max, und ich bemerke die kleinen Lachfältchen, die seine Augen umspielen. Sie gefallen mir.

Einen Augenblick denke ich nach.

»Ich komme aus einem Dorf, in dem mein Vater Pfarrer ist. Die Schicksale der Menschen, um die er sich gekümmert hat, haben mich schon immer fasziniert, und man hat mir schon gesagt, dass ich ganz gut darin bin, Reportagen zu solchen Themen zu schreiben.«

Max blickt mir in die Augen. »Du bist ein wenig still, aber eine gute Zuhörerin. Ich glaube, das wird dir liegen. Und warum verlässt du deine Wochenzeitung?«

»Ich träume schon seit ich bei uns im Dorf für die Lokalzeitung geschrieben habe davon, zur Henri-Nannen-Schule zu kommen. Und jetzt bin ich tatsächlich aufgenommen!«

»Von der Henri-Nannen-Schule habe ich schon gehört. Dort soll es die beste Journalistenausbildung in Deutschland geben. Gibt es denn ein Blatt, zu dem du danach gerne möchtest?«

Ich zögere. Einerseits habe ich immer von der Arbeit bei einer Frauenzeitschrift geträumt. Andererseits ist mein wirklicher Wunschtraum, sowohl für Magazine als auch Bücher zu schreiben.

»Es mag sich blöd anhören«, sage ich deshalb. »Aber ich möchte am liebsten freie Journalistin sein. Total ungebunden und nur die Geschichten machen, an die ich glaube. Oder ich bekäme irgendwo einen Job als Redakteurin für Reportagen. Aber das wäre ja fast wie ein Jackpot.«

Max nickt und bestellt beim Kellner noch eine Karaffe trockenen Demestica für uns. Dann nähert sich seine Hand der meinen, ganz langsam und behutsam, fast zögernd. Es gibt ein magisches Klicken, als ich seine Berührung spüre. Ich habe das Gefühl, seine Hand erfasst irgendetwas ganz tief in mir.

»Du hast schöne Hände«, sagt Max. »Musikerhände. Spielst du ein Instrument?«

Ich muss lächeln. Diese Frage haben mir schon viele Leute gestellt. Einmal bekam ich in einem großen Augsburger Hotel mitten in der Nacht vom Portier nur deshalb ein Zimmer, weil er fand, dass ich Klavierspielerhände hätte.

»Ich spiele Klavier, seit ich fünf bin«, sage ich deshalb. »Und Kirchenorgel, jedenfalls in den Anfängen. Meine Technik ist ganz gut, aber ich bin nicht gefühlvoll genug. Ganz früher wollte ich mal Pianistin werden. Immerhin habe ich die Aufnahmeprüfung zur Kirchenmusikerin geschafft – die Ausbildung dann aber abgebrochen.«

Max lächelt wieder, und jetzt sehe ich, dass er Grübchen in den Wangen hat. »Wer nicht? Ich hatte auch solche Träume. Es muss herrlich sein, wenn man sein Publikum verzaubern kann. Aber ehrlich gesagt, ich habe es nie weiter als bis Für Elise gebracht.«

Ich muss lachen. »So viel weiter kam ich auch nicht.«

Wir unterhalten uns noch ein bisschen, und ich bemerke kaum, wie die Zeit vergeht, so gebannt bin ich davon, wie Max von seinem Leben erzählt. Er hat es geschafft, sein Medizinstudium zu beenden, und hat es sich zur Aufgabe gemacht, Menschen auf der ganzen Welt zu helfen. Von seinen Einsätzen und Begegnungen kann er in faszinierender Weise erzählen. Noch nie zuvor bin ich einem so wortgewandten Mann begegnet. Aber es ist nicht so, dass er nur von sich reden würde. Immer wieder erkundigt er sich auch nach mir.

»Pfarrerstochter zu sein ist schon ein besonderes Los. Ich kenne mehrere Pfarrerstöchter. Sie meinen alle, dass sie der Welt etwas schulden und dass sie besondere Leistungen erbringen müssten. Eigentlich ein interessantes Phänomen.«

»Darüber habe ich noch nie nachgedacht.«

»Du hast etwas Behütetes an dir«, sagt er, als der griechische Wirt die Musik abgestellt hat und die Tische wischt. »Das gefällt mir.«

Millionen Sterne glänzen am Abendhimmel, als mich Max schließlich zu einem Glas Sekt auf der Dachterrasse seines Lofts einlädt. Gerne nehme ich diese Einladung an und fühle mich in diesem Moment sehr erwachsen.

Das Loft ist riesig und gemütlich zugleich, mit viel Holz und Schlingpflanzen. In der Ferne sieht man die Hafenkräne, und der Mond scheint über den schwarzen Dächern der Stadt.

Max verströmt eine ganz andere Sicherheit als sonst die Männer in meinem Alter, in die ich mich nie wirklich verlieben konnte. Er ruht in sich, muss sich nicht beweisen. Ja, denke ich, seine Souveränität ist überaus anziehend. Er hat sich im Leben schon bewiesen, seine Ziele erreicht und muss nicht mehr so ehrgeizig strampeln wie die Männer, die ich sonst kenne.

Ich betrachte ihn. Dafür, dass er ein absoluter Schöngeist ist, hat er einen athletischen Körper. Er treibt regelmäßig Sport, hatte er mir beim Griechen erzählt, läuft gern Ski und surft auch erfolgreich. Vor allem, dass er Ski läuft, gefällt mir. Ich bin selbst eine begeisterte Skiläuferin, und so sehe ich mich vor meinem geistigen Auge schon mit ihm in den Alpen. Er ist so charmant, so vergnügt und scheint sein Leben so gut im Griff zu haben, dass ich ihn überaus anziehend finde. Ich wandere durch das Loft und bestaune die exotischen Mitbringsel seiner Reisen um die Welt. Habe ich mir nicht genau diese Atmosphäre weltgeistiger Weite erträumt, wenn ich zu Hause in meinem geliebten Apfelbaum saß? Immer dachte ich, dass ich bis in den Himalaya kommen würde mit einem Mann. Max scheint diese Voraussetzung zu erfüllen. »Diese Vase hier ist echt aztekisch«, sagt er und zeigt mir ein besonders schönes Gefäß. »Geschenk einer alten Dame aus Mexico City, die ich gut kenne. Eine österreichische Jüdin, die mit ihrem Mann, einem Philosophen, emigriert ist.«

Fasziniert schaue ich ihn an: Ja, er ist genau der Mann, den ich gesucht habe. Ein Weltbürger.

In diesem Augenblick schießt mir der Gedanke an Andrea aus Rom in den Kopf. War er nicht auch ebenso ein Weltbürger gewesen? Wir sprachen damals darüber, dass ich wieder nach Rom kommen würde. Doch aus falscher Schüchternheit hatte ich ihm nie geschrieben. Was wohl aus ihm geworden ist?

Schnell verdränge ich die aufkommende Erinnerung. Max ist in meiner Nähe, und ich will seine Gegenwart genießen.

»Ich bin Single«, sagt Max mir. »Und was ist mit dir? Du machst mir nicht den Eindruck, als ob du privat sehr glücklich wärst.« Max verlangt eine Ehrlichkeit von mir, die ich sonst nicht aufzubringen bereit bin.

Von Andrea erzähle ich dem aufmerksam lauschenden Max aber nichts. Schließlich ist er nicht umsonst mein über Jahre bestgehütetes Geheimnis. In meinem Heimatdorf hätte ich keinem sagen können, dass ich mich als evangelische Pfarrerstochter ausgerechnet in einen katholischen Wachsoldaten am Vatikan verliebt habe. Also musste es mein Geheimnis bleiben. Nie habe ich irgendwem von ihm erzählt, nicht einmal meiner besten Freundin. Ich werde jetzt bestimmt nicht dem ersten Mann, der seit Rom mein Interesse wecken konnte, wehmütig von meiner heimlichen, verlorenen Liebe erzählen.

Und ich fahre zwar manchmal in die Pfalz zu Patrick, den ich schon ewig kenne und mit dem ich sogar mal für ein paar Wochen zusammen war, aber wir wollten wohl beide nur wissen, wie das ist. Er ist ein Freund geblieben. Also nein, einen festen Freund habe ich nicht, muss ich Max gestehen.

Als die Sonne über der Elbe aufgeht und den Strom in ein fahles Licht taucht, fragt er: »Wo wohnst du eigentlich?«

»Nicht weit von hier«, antworte ich ihm. »In einer kleinen Wohnung, ich hatte großes Glück, sie zu finden.«

Er lächelt in sich hinein, was ihm einen gütigen Ausdruck verleiht.

»Du könntest auch hierbleiben, ich tu dir auch nichts. Ich will nur nicht, dass du jetzt schon gehst, denn ich glaube, ich habe mich verliebt.«

Der Mond scheint durch die großen Dachfenster, als Max mich zu seinem Bett führt. Gemeinsam verbringen wir die Nacht, schlafen jedoch nicht miteinander. Eine große körperliche Anziehung verspüre ich auch nicht, aber eine große seelische Nähe. Liegt es daran, dass Max alles lebt, wovon ich träume?

Wir sehen uns von diesem ersten Abend an nun oft, können wunderbar miteinander reden. Vor allem über die verschiedensten Kulturen und das Reisen.

Eines Abends sitzen wir wieder bei dem Griechen in Ottensen. Max stippt mit dem Weißbrot seinen Teller leer, dabei sind seine Grübchen um den Mund zu sehen, die ich so liebe.

»Ich habe eine Überraschung für dich.« Mit diesen Worten schiebt er einen Umschlag über den Tisch. Ich sehe, dass seine Hände ein bisschen zittern. Warum ist er aufgeregt? Was ist in dem Umschlag? Ich blicke ihm in die Augen und sehe, dass sich ein Lächeln darin verbirgt.

»Gut, dann mache ich wohl mal auf.«

Ich wische mir die von Knoblauchmayonnaise fettigen Finger sauber und öffne das lange Kuvert. Im ersten Moment begreife ich gar nichts, und dann fange ich an, mich zu freuen. In dem Umschlag sind zwei Flugtickets nach Brasilien. Die Tickets sind genau auf den Zeitraum ausgestellt, der mir vor der Journalistenausbildung bleibt.

»Wir werden uns aber noch etwas Besseres gönnen«, schmunzelt Max. »Wir fliegen direkt nach Rio und machen von dort aus eine kleine Rundreise. So lernst du das Land viel besser kennen.«

Ich schaue ihn an und spüre, wie mein Herz pocht.

»Eine schönere Überraschung könnte es kaum geben.«

Ich war bereits in Sambia und Botswana gewesen. Jetzt würde ich endlich wieder einmal in ein weit entferntes Land und eine völlig andere Kultur reisen.

»Du weißt es vielleicht nicht«, sagt Max, »aber du arbeitest so viel, dass ich dachte, wir brauchen irgendeine Gemeinsamkeit.«

Jetzt erschrecke ich. War das etwa Kritik?

»Alles gut«, sagt er schnell. »Ich liebe unabhängige Frauen und finde es toll, dass du deinen Weg machst. Wir müssen eben nur mal hin und wieder etwas für uns beide tun.«

»Aber das machen wir doch«, rutscht es mir heraus.

Nach der Arbeit holt er mich oft ab, und wir gehen an einem wunderschönen Baggersee in der Nähe von Hamburg schwimmen. Während wir in der letzten Abendsonne liegen, trinken wir roten Sekt. Manchmal fahren wir auch nach Holland an die Nordsee, wo Max ein Landhaus hat. Er ist dort geboren und aufgewachsen, kam aber für sein Medizinstudium nach Deutschland. Das Haus hat er von seiner Großmutter geerbt. Dort sitzen wir gemeinsam im Strandkorb, blicken übers Wasser und erzählen uns gegenseitig von der Arbeitswoche. In letzter Zeit schlendern wir auch oft über den Wochenmarkt. Dort kaufen wir Fisch und feines Gemüse ein, das wir dann gemeinsam zubereiten. Die schönsten Momente jedoch sind die nach dem Aufwachen, wenn wir in seinem Landhaus sind und zusammen Zeitung lesen. Als er es geerbt hatte, war es halb verfallen gewesen. Liebevoll hat er das kleine Haus umgebaut. Ich kümmere mich am liebsten um die Beete mit den alten Rosen.

»Ich will keine Krise heraufbeschwören«, sagt Max und faltet seine Serviette. »Ich möchte einfach nur unserer Beziehung noch eine andere Dimension geben. Und ich will, dass du weißt, wo ich eine Zeitlang als Arzt gelebt habe. Und jetzt lass uns von etwas anderem reden.«

Ich kenne ihn genug, um zu wissen, dass das Gespräch damit beendet ist. Ich möchte beruhigt sein, muss es sein, sag ich mir. Denn die Beziehung mit Max ist das Beste, was ich je erlebt habe. Er lässt mir den Freiraum für meine Arbeit, bedrängt mich nicht, hört sich geduldig an, was ich zu berichten habe. Dennoch schleicht sich Zweifel bei mir ein: Arbeite ich wirklich zu viel?

Am Abend, als der Mond ins Loft scheint, schaue ich noch lange mit offenen Augen an die Decke. Irgendwann merke ich, wie mir eine Träne übers Gesicht läuft. Es ist ein Auf und Ab der Gefühle. Denn in den letzten Wochen hat sich herausgestellt, dass Max und ich uns zwar viel zu sagen haben – aber über Händchenhalten hinaus keine Zärtlichkeiten teilen. Nein, er schläft nicht mit mir. Anfangs war es mir sogar recht. Aber gehörte es nicht dazu? Ich frage mich, ob es normal ist, dass wir gar kein körperliches Verlangen nacheinander haben?

Ich weiß, dass ich auch etwas dafür tun könnte, dass wir miteinander schlafen, aber das alles wage ich nicht. Ich bin schüchtern, habe Angst davor, zurückgewiesen zu werden. Was, wenn Max einen Annäherungsversuch abwehren würde? Gleichzeitig ist es eine Niederlage, sich einzugestehen, dass ich diese Ängste habe. Ich frage mich, ob wir schon gescheitert sind, bevor alles angefangen hat? Mit einer sachten Verzweiflung strecke ich schließlich meine Hand nach Max aus, dessen Finger sich fest um sie schließen. »Ich will noch nicht aufgeben«, flüstere ich in die Dunkelheit. Und stelle mir vor, wie er mich in seine Arme schließen würde. Wären wir dann nicht endlich ein Paar? Und was wird, wenn wir niemals auch körperlich zueinander finden? Müssen wir unsere Beziehung dann aufgeben?

»Mach dir keine Sorgen«, kommt es müde zurück. »Brasilien wird uns schon helfen.«

Der Mond steht hoch über der Stadt, als wir mitten in der Nacht landen und nach Rio fahren. Wir übernachten in einem billigen romantischen Hotel. Am Abend gehen wir essen, trinken Cocktails. Mir ist der Alkohol längst zu Kopf gestiegen, als Max den Arm um mich legt und mich zum Hotel führt. Ich ziehe mich aus und lege mich neben ihn. Und, einem plötzlichen Impuls folgend, rücke ich näher und versuche, ihn zu streicheln. Doch Max fängt meine Hand sanft ab.

»Ich wünschte, ich könnte dich richtig berühren«, sagt er mit Traurigkeit in der Stimme.

Ich kann nicht beschreiben, wie deprimiert ich bin, als ich seine Worte höre. Was soll das heißen?

In dieser Nacht kann ich nicht mehr schlafen, frage mich immer wieder, ob es richtig ist, dass ich überhaupt noch mit Max verreise.

Aber dann kommt der Morgen, ein neuer Tag. Als wenn nichts wäre, verbringen wir den nächsten Tag an der Copacabana, wir genießen den kilometerlangen Strand und das sonnige Wetter, bevor wir am folgenden Tag in den Bus steigen. Wie in einem Roadmovie zieht die Landschaft an uns vorbei. Frauen in farbenfrohen Gewändern schauen dem Bus nach, als er vorüberrauscht und den Staub aufwirbelt, der die Straßen bedeckt. Und gerade, als mir die Augen müde zufallen wollen, wandert eine Windhose am Bus vorüber.

São Paulo erweist sich als eine pulsierende Großstadt. Ein beeindruckendes Panorama.

»Hier gefällt es mir besser als in Rio«, sagt Max, der seine lichtempfindlichen Augen mit beiden Händen beschattet. »Na?« Er legt seinen Arm um mich, warm und behütend. »Hab ich dir zu viel versprochen?«

Wir ziehen in ein hübsches Hotel mit Innenhof.

Eines Abends, nach einem langen sonnigen Tag, greift Max im Bett nach mir und zieht mich in seine Arme. Mir stockt der Atem: Werden wir es nun doch schaffen, ein richtiges Paar zu werden? Ich finde, dass seine Haut sich gut anfühlt, schön und glatt, ich mag ihren Duft. Max streichelt mit beiden Händen meinen Rücken, durchwühlt meine langen Haare. Zart streichen seine Finger meine Wirbelsäule hinunter, gleiten unter meine Bluse, umkreisen meine Brüste. Ich spüre, wie mein Atem sich beschleunigt. Erregt lasse ich Max mit mir machen, was er will, und ich sehne herbei, dass er sich über mich legt und mit mir schläft, denn nun fühle ich mich ihm so nah wie nie zuvor. Und wirklich macht Max eine Bewegung hin zu mir. Doch dann hält er plötzlich inne. Was ist los? Bin ich ihm nicht hübsch genug? Ich weiß, dass seine früheren Freundinnen sehr attraktiv waren. Exotisch und unerreichbar, das gilt für mich nicht. Man sagt mir, dass ich ganz hübsch sei, aber von Schönheit kann nicht die Rede sein, und lange Beine habe ich auch nicht.

Max schaltet den Fernseher an, eine Telenovela läuft.

So, sage ich mir, das war es mit uns. Nie wieder wird er versuchen, mit mir zu schlafen. Immer wird es so sein, dass es irgendeine Ablenkung gibt. Ich kann gar nicht sagen, wie enttäuscht und verletzt ich mich fühle. Was sind seine Gründe, mich so auflaufen zu lassen? Auf einmal war in mir so ein tiefes Gefühl neuer Vertrautheit, das er nun so rüde enttäuscht hat. Es passt gar nicht zu dem liebevollen Max. Ich halte das Gequatsche der Bildschirm-Mimen und diese räumliche Nähe zu Max, die zugleich eine unendliche Ferne ist, nicht länger aus.

Draußen glitzert die Stadt im Mondschein. Ich gehe auf den Balkon, um zu weinen.

»Du bist nicht frei«, sagt Max mir am nächsten Tag bei einem Spaziergang. Wir gehen sehr weit voneinander entfernt. »Das weiß ich schon, seit du zum ersten Mal neben mir im Bett gelegen hast. Es ist, als gehörtest du einem anderen.«

Ich warte schweigend ab, was nun kommen wird. Ich bin sehr skeptisch, die Verletzung der letzten Nacht wirkt noch nach.

»Weißt du, dass du mich an Dornröschen erinnerst? Du liegst in hundertjährigem Schlaf und wartest auf deinen Prinzen.« Mit einem bitteren Lächeln fügt er hinzu: »Das bin offensichtlich nicht ich. Auch wenn ich es gern gewesen wäre.«

»Das stimmt doch nicht«, platze ich heraus.

Ist nun schon Schluss mit uns? Aber Max hat mir doch mit der herrlichen Reise nach Brasilien meine Träume von der weiten Welt erfüllt! Und sollte die Reise nach Brasilien unserer Beziehung nicht helfen? Ich denke zurück an meinen Apfelbaum im Göllheimer Pfarrgarten und daran, wie ich hoffte, der kleinen, heilen Welt zu entkommen. Dabei hilft mir Max. Und soll nicht die Reise durch Brasilien unserer Partnerschaft eine neue Dimension verschaffen? Uns verbinden, statt nun tatsächlich alles zu zerstören? Ich versuche, mir vorzustellen, wie das Leben ohne Max wäre. Sicher, ich leide daran, dass es mit uns im Bett nicht klappen will. Aber wie wäre es ohne die schönen Gespräche, ohne seinen Charme, seinen Witz, seine Großzügigkeit. Ich habe das Gefühl, dass Max mir den Halt gibt, den ich brauche. Er ermutigt mich, wie einst mein Bruder, an all meine Träume zu glauben.

»Ich will noch nicht aufgeben«, sage ich.

»Ich auch nicht«, stimmt Max mir zu. Und ich verabscheue die Traurigkeit, die in seiner Stimme liegt, denn sie hat etwas Endgültiges. Mir wäre viel lieber, wir würden uns streiten, dass die Fetzen fliegen, als in ewiger Gelassenheit zu leben. Aber Max hat mir einmal erklärt, dass Gelassenheit für ihn ein Lebenskonzept sei. Nein, Max will gar nichts daran ändern.

Wie lange werde ich das noch aushalten?

Aber inzwischen ist es so, dass meine halbe Familie total vernarrt ist in Max. Vor allem meine Großmutter, zu der ich ein inniges Verhältnis habe, ist sehr angetan von ihm. Es gefällt ihr auch, dass er Arzt ist. Sie selbst hatte in ihrer Jugend einen Arzt geliebt. Lebe ich nun ihre Träume? Wie wird sie es aufnehmen, wenn wir uns trennen?

Ich weiß selbst, dass es um mich gehen sollte, nicht um die Meinungen meiner Familie, der ich unsere Probleme nicht offenbart habe. Trotzdem würde es mir sehr schwer fallen, allen unsere Trennung zu vermitteln.

Was soll ich nun also sagen?

Ich beschließe, mich auf eine Frage zu beschränken. Ich fasse Mut und frage Max: »Meinst du, wir sollen weitermachen?«

Eine besonders große Woge rollt an den Strand, überspült unsere Füße. Er lächelt, dann schaut er mich lange an.

»Ich meine, dass wir viel zu verlieren hätten.«

»Dann ist das ein Ja?«

, denke ich.

»Ich will dich nicht verlieren«, sagt Max und legt seine Hand über die meine. »Du bist mir wichtiger als Corinna. Weißt du, Sex ist nicht alles, was einen verbindet.«

Ich stochere in meinen Spaghetti herum. Obwohl ich Hunger habe, ist mir der Appetit vergangen.

»Ich fühle mich von dir bloßgestellt.«, sage ich zu Max.

»Dann geht es dir nur um deinen blödsinnigen Stolz? An dem wirst du noch mal verrecken.«

»Jetzt stell dir nur mal vor, ich würde das umgekehrt machen. Was würdest du denn dazu sagen, wenn ich mit jemand anders rumknutschen würde.«

Max legt seine Gabel ab. »Ich habe nicht rumgeknutscht. Und du bist selber schuld. Ich hatte dich gefragt, ob du mich bei meiner Reise begleiten willst. Du hast gesagt, du musst arbeiten.«

Ich starre ihn an. Es stimmt, was er sagt. Aber soll das ein Grund sein, mich zu betrügen? »Max, weißt du, selbst wenn ich mal keine Zeit habe, kannst du nicht einfach die Nächste mitnehmen.«

»Du hast eben leider nie Zeit.«

»Ich bin mitten in einer knallharten Ausbildung. Verstehst du das denn gar nicht? Und jetzt hast du den Spieß umgedreht und machst mir schon wieder Vorwürfe, obwohl du es bist, der mich betrogen hat.«

»Ach, hör doch auf.« Max tupft sich den Mund ab. Er hat hastig aufgegessen. »Ich habe dich nicht betrogen, wie oft soll ich das noch sagen. Es handelt sich um eine reine Bettgeschichte, die nichts mit dem zu tun hat, was uns verbindet.«

Ich überlege: Was genau ist es, das uns zusammenschweißt?

In diesem Augenblick finde ich, anders als noch in Brasilien, keine richtige Antwort mehr. Wäre es nicht besser, wir würden aufhören, uns wechselseitig zu quälen?

»Ich sehe keinen Weg mehr«, sage ich deshalb zu Max.

»Schätzchen, wir würden unsere Gespräche, unsere Ausflüge und Reisen verlieren.«

Gerade haben wir eine große Reise nach Indien geplant, wo Max mir zeigen will, an welchen Orten er demnächst arbeiten wird. Ich werde dorthin kommen und freue mich riesig darauf. Aber nun? Soll ich stornieren?

Leider habe ich keinen, der mir raten könnte, was ich nun tun soll. Denn mit seiner Liebschaft hat Max mich so deprimiert und gedemütigt, dass ich nicht mehr sprechen kann. Mir fehlen buchstäblich die Worte. Mutlos schiebe ich meinen Teller beiseite. Ich kann weder die Spaghetti noch die Garnelen herunterbekommen.

»Wenn ich klug wäre, würde ich Schluss machen.«

»Hoffentlich bist du nicht klug«, sagt Max und wagt ein vorsichtiges Lächeln. »Ich mache Schluss mit Corinna«, verspricht er mir und schaut mich aus seinen kastanienbraunen Augen lange an. Soll ich ihm verzeihen?

Doch auch das hilft nicht. Nach zwei Jahren Beziehung trennen Max und ich uns. Er geht erst mal für eine Zeit nach Indien und arbeitet dort, während mich weiter auf meine Ausbildung konzentriere.

Doch während all der Zeit verlieren wir uns nicht aus den Augen und werden einige Jahre nach Max’ Rückkehr aus Indien erneut ein Paar.