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Für Laura

 

 

 

 

 

Selbst im Abgrund können sich noch
neue Abgründe auftun.

 
Erhard Blanck

PROLOG

»Ist alles in Ordnung, Junge?«

Der Sanitäter sah Tim sorgenvoll an, während das Schloss des oberen Gurtes mit einem Klickgeräusch einrastete. Er war ein dürrer Mann Ende vierzig. Das lange, von grauen Strähnen durchsetzte Haar hatte er zu einem dünnen Pferdeschwanz zusammengebunden.

Tim nickte nur und fragte sich, wie alles in Ordnung sein konnte, wenn man gerade auf der Trage eines Rettungswagens festgeschnallt wurde. Er versuchte, den Kopf so zu drehen, dass er sehen konnte, was um ihn herum geschah, und stöhnte auf, als von seinem Brustkorb aus eine heiße Schmerzwelle durch seinen Oberkörper schoss.

»Du musst ruhig liegen, Junge«, sagte der Sani väterlich und legte ihm die Hand auf die Schulter. »Du hast wahrscheinlich mehrere Rippen gebrochen und vielleicht sogar innere Verletzungen. Das kann ganz böse enden, wenn du nicht ruhig liegst.«

Tim überging die mahnenden Worte des Sanitäters und versuchte es trotz der Schmerzen erneut. Er musste wissen, was mit Lena war.

Links von ihm standen ein Notarzt und ein Mann in Jeans und Regenjacke an der Trage, auf der Ralfs regloser Körper lag. Auf einer kleinen Felserhöhung schräg dahinter saß Janik. Er hatte eine Decke um die Schulter gelegt und starrte wie in Trance vor sich hin, während neben ihm eine junge Frau unentwegt auf ihn einredete.

Männer und Frauen liefen aufgeregt umher, einige von ihnen steckten in den roten Overalls der Bergrettung. Über die Gesichter zuckte nervös der Schein des Blaulichts, das auf einem der Rettungswagen noch immer rotierte.

Überall wurde geredet, die unterschiedlichen Stimmen bildeten einen Wortbrei, der wie über einen zu laut gestellten Kopfhörer scheinbar direkt in seinen Kopf gepresst wurde. Tim hätte am liebsten geschrien, sie sollten endlich alle den Mund halten und damit aufhören, hin und her zu rennen. Sie sollten ihm sagen, wo Lena steckte. Es machte ihn verrückt, dass er nicht wusste, was mit ihr war.

»Warum steht der Junge immer noch hier rum?«, blaffte ein älterer Notarzt den Sanitäter an.

»Ich wollte noch …«, setzte der Sani an, wurde aber barsch unterbrochen.

»Ab mit ihm ins Krankenhaus, aber schnell!«

Ein zweiter Sani eilte herbei und verschwand hinter Tims Kopf. Gleich darauf setzte die Trage sich in Bewegung. Als das obere Ende mit einem metallischen Geräusch im Heck des Rettungswagens abgesetzt wurde, hob Tim den Kopf und sagte schnell: »Nein, bitte, warten Sie. Ich … ich muss wissen, was mit Lena ist. Haben Sie sie gesehen? Lange schwarze Haare, hübsch … Sie muss doch hier irgendwo sein.«

»Ihr wird es sicher gut gehen«, sagte der Sani mit dem Pferdeschwanz und warf seinem Kollegen einen seltsamen Blick zu. »Du musst jetzt erst mal ins Krankenhaus.«

Tim wollte protestieren, doch die Schmerzen ließen ihn aufstöhnen und sein Kopf sank kraftlos auf das Kissen zurück. Die beiden Hecktüren bewegten sich aus seinem Blickfeld heraus, eine runde Lampe schob sich über ihn und blieb in Brusthöhe stehen. Sekunden später wurde eine der Heckklappen geschlossen.

Tim versuchte, die Schmerzen in der Brust zu ignorieren. Wenn er ganz flach atmete, tat es nicht so weh.

Das weiße Blechdach über ihm, die hässliche runde Lampe … das alles sah so fremd aus, so falsch. Als sei es ein schrecklicher Irrtum, dass er auf dieser Trage lag.

Tim schloss die Augen und dachte an seine Eltern. Er sehnte sich danach, sie bei sich zu haben, einfach um sie anzusehen und ihre Hand zu halten. Um das Gefühl zu haben, nicht allein zu sein in diesem Rettungswagen mit dem abweisenden kalten Weiß und der hässlichen Lampe. Um jemanden aus seinem gewohnten Leben um sich zu haben, ein Stück Normalität, an dem er sich festhalten konnte.

Tränen suchten sich einen kitzelnden Weg über seine Wangen. Die Ereignisse der letzten achtundvierzig Stunden drängten sich in Tims Bewusstsein wie einer dieser Albträume, aus denen man mit dem Gefühl erwachte, sie wirklich erlebt zu haben.

Aber Tim wusste, sein Verstand zeigte ihm keine Fantasiegebilde, sondern reale Erinnerungen, und sie waren erst ein paar Stunden alt. Sein Herz begann wieder zu rasen, er konnte nichts dagegen tun, dass sein Atem schneller ging und glühende Pfeile durch seine Brust trieb.

Wieder sah er das Blut. Auf der Decke, am Boden, an seinen Händen … Und er sah die Gesichter, als sie ihn Mörder nannten.