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Müssen Ethiker moralisch sein?


Müssen Ethiker moralisch sein?

Essays über Philosophie und Lebensführung
1. Aufl.

Dieses eBook enthält ein Wasserzeichen.

Beschreibungen

Darf ein Umweltethiker einen Offroader fahren? Muss eine Medizinethikerin, die sich für die Organspende ausspricht, einen Organspendeausweis haben? Ethikerinnen und Ethiker beantworten solche Fragen zuweilen mit einer Anekdote des Philosophen Max Scheler, der, angesprochen auf den Widerspruch zwischen seinen moralischen Maßstäben und seinem ausufernden Lebensstil, gesagt haben soll: »Geht denn der Wegweiser in die Richtung, in die er zeigt?« Der Band spürt dem Selbstverständnis von Menschen nach, die sich beruflich mit ethischen Problemen befassen oder die eine bestimmte moralische Position vertreten, und stellt die Frage, ob für sie besondere moralische Maßstäbe gelten, oder ob eine solche Forderung weltfremd oder sogar wissenschaftsfeindlich ist. Zu den Beiträgern zählt der Philosoph Gernot Böhme.
Inhalt

Zur Moral der Ethiker
Einleitende Gedanken9
Christoph Ammann, Barbara Bleisch, Anna Goppel

I Ethik und Lebensführung

Müssen Ethiker moralisch sein?
Ein Gespräch 23
Walter Pfannkuche und Ulla Wessels

Im Sandkasten
Warum man ruhig Wasser predigen und Wein trinken darf 34
Konrad Paul Liessmann

Geht denn der Wegweiser den Weg, den er zeigt? 47
Gernot Böhme

Müssen professionelle Ethiker moralisch sein? 59
Stephan Schlothfeldt

Müssen wir tun, was wir sagen?
Zur Glaubwürdigkeit von Ethikern 71
Norbert Anwander

Die gute Ethikerin und der Platz der Moral
Zwischen Moralismus und Willensschwäche 85
Christian Seidel

Wie ernst muss man seine eigene Ethik nehmen? 101
Ludwig Siep

Ich bin kein Ethiker!
Philosophie als Lebensführung 115
Markus Wild

Nun sag, wie hast du’s mit der Politik? 132
Andreas Cassee

Stimmen

»Weshalb sollte man sich mit Ethik beschäftigen, wenn sie keinen Einfluss darauf hat, wie wir leben?« 147
Interview mit Peter Singer

»Menschen können wunderbar sein, auch wenn sie nicht vollkommen moralisch sind.« 149
Interview mit Susan Wolf

»Man darf sich die Antworten nicht von der Moral abnehmen lassen.« 152
Interview mit Rüdiger Bittner

»Politische Philosophie ohne jeden Praxisbezug wäre reine Spielerei.« 154
Interview mit Julian Nida-Rümelin

»Ethikprofessoren müssen sich nicht politisch engagieren.« 156
Interview mit Michael Ignatieff

II Ethik und Wissenschaft

Superman der Moral?
Zur Frage der moralischen Exzellenz des Ethikers 161
Dagmar Borchers

Wider die ethische Expertokratie
Eine Polemik in ernsthafter Absicht 177
Christoph Ammann

Nüchternheit 195
Anton Leist

Wie man nicht leben soll, um gut zu leben
Für eine ethisch-philosophische Selbstkritik des Misslingens 210
Arnd Pollmann

Zuviel des Guten
Über Pathologien des Moralischen 229
Peter Schneider

Metamorphosen des Blicks 239
Christine Abbt

Wir leben auf dünnem Eis 255
Johannes Fischer

Freie Rede?
Überlegungen zu Pflicht und Selbstverständnis von Ethikern 270
Anna Goppel

Sind ethische Kompromisse kompromittierend? 287
Véronique Zanetti

Warum es für eine Theorie der Gerechtigkeit zählt, ob sie in der Praxis taugt 302
Julian Culp

Bioethik als Beruf
Anspruch und Verpflichtung zwischen Akademie und Praxis 313
Nikola Biller-Andorno

Autorinnen und Autoren 323
Christoph Ammann, Dr. theol., ist Oberassistent am Ethik-Zentrum der Universität Zürich, Barbara Bleisch, Dr. phil., ist dort wissenschaftliche Mitarbeiterin und Anna Goppel, Dr. phil. des., Oberassistentin.
Zur Moral der Ethiker
Einleitende Gedanken
Christoph Ammann, Barbara Bleisch, Anna Goppel

»Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert;es kommt aber darauf an, sie zu verändern.«
Karl Marx: 11. These über Feuerbach

»Einige sagen, daß die Philosophie Literatur sei, andere, daß sie eine Wissenschaft sei, einige sagen, sie sei Ideologie, andere, daß es egal ist, was von alledem, wenn überhaupt, sie ist. Mir ist es nicht egal, weil es nicht egal ist, daß jede dieser Bezeichnungen umstritten ist.«
Stanley Cavell: Die andere Stimme

1

Am Anfang dieses Buches stand ein Offroader vor dem Zürcher Ethik-Zentrum – und eine Studierendenzeitung mit der Kolumne »Autogramm«, in der jeweils der Privatwagen eines Universitätsangehörigen abgebildet war und Mutmaßungen über den Charakter des Lenkers angestellt wurden. Die Auflösung des Rätsels erfolgte dann jeweils in der nächsten Nummer. Im Falle des besagten Offroaders fielen die Mutmaßungen ziemlich bissig aus: Ein solches »Monster von einem Geländewagen« zu fahren, zeuge von »Arroganz« und »Respektlosigkeit«. Die Tatsache, dass der Fahrer ein Ethiker war, verlieh dem Fall zusätzlich Brisanz. »Ausgerechnet ein Ethiker!«, dürften nicht wenige gedacht haben. Die Frage, was es mit diesem kleinen Wort ›ausgerechnet‹ auf sich habe, bildete den Auftakt zu diesem Buch: Macht es tatsächlich einen Unterschied, dass der Lenker Ethiker und nicht Professor für Wirtschaftsrecht war? Diese Frage löste alsbald eine ganze Flut weiterer Fragen aus: Gelten für professionelle Ethikerinnen andere oder strengere moralische Maßstäbe? Oder geht es auch bei ihrer Lebensführung in erster Linie um Konsistenz von Theorie und eigenem Leben? Ist es ein Problem, Wasser zu predigen, aber privat lieber Wein zu trinken? Geht es überhaupt irgendjemanden etwas an, welches Auto eine Umweltethikerin fährt? Was macht Ethiker glaubwürdig, und ist ›Glaubwürdigkeit‹ überhaupt eine relevante Kategorie für die Beurteilung von Ethikerinnen und deren Tätigkeit? Haben Ethiker eine besondere politische und gesellschaftliche Verantwortung? Oder gibt es vielmehr eine unauflösbare Spannung zwischen unparteilicher ethischer Analyse und dem konkreten politischen Engagement für eine bestimmte Sache? Damit waren wir bei Fragen angelangt, die mit dem Offroader und den möglichen privaten Lastern von Ethikern nicht mehr viel zu tun hatten. Vielmehr betrafen sie grundsätzliche Aspekte des Selbstverständnisses von Ethikerinnen: Was ist die Aufgabe eines Ethikers? Was macht eine gute Ethikerin aus? Ist Ethik eine Wissenschaft wie andere Wissenschaftsdisziplinen auch? Welchen moralischen Anforderungen müssen Ethiker in ihrer wissenschaftlichen Tätigkeit gerecht werden? Welche Rolle spielen persönliche Überzeugungen und Werthaltungen für das akademisch-ethische Nachdenken? Solchen Fragen haben sich die Autorinnen und Autoren in diesem Band gestellt. Ihre Antworten in essayistischer Form machen das Gros des vorliegenden Buches aus. Komplettiert wird es durch Interviews mit einer Philosophin und vier Philosophen, deren philosophische Positionierung zu diesen Fragen das Thema des eigenen Lebenswandels ins Spiel bringt, oder deren eigener Lebensplan neugierig macht, wie sie solche Fragen philosophisch beantworten.

2

Was den auf den ersten Blick recht disparaten Strauß von Fragen, die in diesem Band versammelt sind, eint, ist der Fokus auf die Person der Ethikerin und des Ethikers. Sei es bei den Fragen nach dem Privatleben der Ethikerin, sei es bei den Fragen nach der politischen Verantwortung oder dem beruflichen Selbstverständnis – es steht im vorliegenden Band die Person des Ethikers auf eine Weise im Fokus, wie das für die ethische Fachliteratur eher ungewöhnlich ist. Diese ist in aller Regel mit Problemen befasst, bei der der Bezug des Schreibenden zu dem behandelten Problem kaum je explizit zum Thema wird. Dabei gilt dies keineswegs nur für metaethische Themen wie etwa die Fragen nach der Objektivität der Moral oder nach der Beschaffenheit von Handlungsgründen. Interessanterweise gilt dies ebenso für angewandt-ethische Problemstellungen: Geht etwa eine Ethikerin der Fragestellungen nach, ob es moralisch legitim sei, Fleisch zu essen, so wird sie in aller Regel weder mit den Beweggründen befasst sein, die sie dazu gebracht haben, sich gerade diesem Thema zuzuwenden, noch stellt ihr eigenes Leben einen besonderen Fokus ihrer Reflexion oder der fachethischen Diskussion dar. Die wissenschaftliche Diskussion dreht sich vielmehr und ausschließlich um die normative Bewertung des Phänomens. Hierfür scheint es offenbar irrelevant, ob die Ethikerin, die zum Schluss kommt, dass man vegetarisch leben sollte, jeden Tag ein Steak isst oder nicht. Allein auf die vertretenen Thesen komme es an, so die vorherrschende Meinung; und sind die Thesen plausibel begründet und gerechtfertigt, mag die Lebensweise der Ethikerin Anlass für hämische Bemerkungen oder allerhand Klatsch und Tratsch sein – von genuin wissenschaftlichem Interesse ist sie nicht. Die Person der Forscherin in den Blick zu nehmen und sie etwa dafür zu kritisieren, dass sie ja selber gar nicht lebe, was sie vertrete, erschiene als unsachlich und käme gefährlich in die Nähe eines Angriffs ad hominem. Und solche Angriffe, die auf die Person zielen, und nicht nur auf das, was sie vertritt, gehören in der Wissenschaft nicht zum guten Ton, ja sie sind selber aus moralischen Gründen verpönt. Nicht umsonst gehört es zur Initiation in die Kunst wissenschaftlichen Argumentierens, Studierenden beizubringen, dass Argumente ad hominem zu unterlassen sind und sich die Kritik ausschließlich auf das Gesagte beziehen soll.
Sieht man diese Zusammenhänge, so wird deutlicher, inwiefern der Fokus dieses Bands auf die Person des Ethikers ungewöhnlich ist – zumindest für die neuzeitliche Philosophie. Dass in der Antike Philosophie und eigene Lebensführung viel enger verknüpft waren, ja dass Philosophieren eine bestimmte Lebensform war, wird immer wieder und zu Recht betont. Gerade die Analysen des französischen Philosophiehistorikers Pierre Hadot, auf die Markus Wild in seinem Beitrag in diesem Band Bezug nimmt, zeigen dies beispielhaft. Philosophieren, so Hadot, sei nach antikem Verständnis »eine Methode der Menschenformung, die auf eine neue Lebensweise und ein neues Weltverständnis abzielt« (Philosophie als Lebensform, Frankfurt a.M. 1991, 45), also ein wesentlich praktisches Unterfangen. Dabei geht es nicht nur um die Formung anderer, sondern auch und gerade um die Formung der eigenen Existenz: »Das also ist die Lehre der antiken Philosophie: Sie ist eine Aufforderung an jeden Menschen, sich selbst umzuformen. Die Philosophie bedeutet Umkehr, Transformation der Seinsweise und der Lebensweise, Suche nach Weisheit.« (ebd., 176) War Philosophie früher also primär dies, eine Aktivität auf der Suche nach Weisheit, so ist sie heute – etwas pauschal gesagt – eine akademisch-wissenschaftliche Disziplin auf der Suche nach Erkenntnis, nach systematisch kohärenten Theorien und überzeugenden Argumenten. Schon bei keinem Geringeren als Immanuel Kant findet man die Klage, dass man »in den neueren Zeiten […] den Philosophen als einen Vernunft Künstler antrifft« (Philosophische Enzyklopädie [1775], Akademieausgabe Bd. 19, Berlin 1980, 9). Sokrates – so Kant – »gebrauchte seine Philosophie nicht, um unsere Wißbegierde, oder Bewunderung etc. zu beschäftigen, sondern uns die Weisheit zu lehren« (ebd.). »Jetziger Zeit« fordere man vom Philosophen aber anderes, nämlich Philosophie als »speculative Wissenschaft«, »deren Geschäfte es nicht ist uns beßer zu machen, sondern beßer Urtheilen zu lehren.« (ebd., 10) Kant geht daraufhin das ganze Feld der Philosophie durch, kommt schließlich zur »Practischen Philosophie« und stellt fest, diese könne – gerade weil die Philosophie »von der speculation« anfange und sich dann als »Führerin der Vernunft« »zu ihrer wahren Bestimmung« erhebe – »in lauter speculation« ausarten (ebd., 12). Und Kant endet diesen bemerkenswerten Abschnitt mit dem Satz: »Wann willst du anfangen Tugendhaft zu leben, sagte Plato zu einem alten Mann, der ihm erzählte, daß er die Vorlesungen über die Tugend anhörte. – Man muß doch nicht immer speculiren, sondern auch einmal an die Ausübung denken. Allein heut zu Tage hält man den für einen Schwärmer, der so lebt, wie er lehrt.« (ebd.)
Wie auch immer man zu Kants durchaus polemischer Analyse steht, so wirft sie doch ein Licht auf das Verhältnis von Philosophie und eigenem Leben, um das die Texte dieses Bandes kreisen, das aber für weite Teile der gegenwärtigen Ethik kein explizites Thema mehr ist. Dass die Frage nach der Moral der Ethikerinnen und Ethiker in der ethischen Literatur ein stiefmütterliches Dasein fristet, erstaunt umso mehr, als die angefragten Autorinnen und Autoren, aber auch Personen aus unserem Kollegenkreis auf unser Ansinnen, eine Essaysammlung zu Philosophie und Lebensführung zusammenzustellen, durchwegs begeistert reagierten. Viele betonten geradezu, dass es wichtig sei, sich dieses Themas endlich einmal anzunehmen. Eine Rolle dürfte dabei auch spielen, dass viele Ethikerinnen und Ethiker im Laufe ihrer wissenschaftlichen Karriere mit entsprechenden Vorwürfen selbst schon konfrontiert wurden. Zumindest kennt wohl jeder Aussagen wie: »Gerade von euch als Ethikern hätte ich anderes erwartet.«
Fielen die Reaktionen auf die Idee des Buches also durchwegs positiv aus, stellte es sich aber – wie viele Autorinnen und Autoren betonten – bald heraus, dass es nicht einfach ist, über dieses Thema zu schreiben. Ein Grund dafür dürfte darin liegen, dass es der gleichsam ›subjektive‹ Fokus des Bands mit sich bringt, dass man sich als Schreibende stärker exponiert fühlt als bei einer gängigen Fachpublikation. Die Schwierigkeit dürfte nicht primär darin bestehen, den Fokus auf das eigene Tun zu richten und über das eigene Leben nachzudenken – wir hoffen, dass Ethikerinnen und Ethiker darin nicht ungeübt sind –, sondern spezifischer, dies ›vor anderen‹ und vor allem im wissenschaftlichen Kontext zu tun, wo Auskünfte über das eigene Selbstverständnis mit ihrer unhintergehbar persönlichen Dimension ungewöhnlich sind.
Gleichsam die Kehrseite davon ist, dass nicht nur das Preisgeben des eigenen Selbstverständnisses, sondern auch die damit zumindest implizit verbundene Kritik am Selbstverständnis anderer von Hemmungen begleitet sein kann. Es ist eines, die Thesen und Argumente, die andere vertreten, einer Kritik zu unterziehen. Etwas anderes ist es, ihr Selbstverständnis als Ethiker in Frage zu stellen. Die Frage, was das richtige Selbstverständnis von Ethikerinnen ist, ist keine rein technische Frage, sondern für viele Menschen – und gerade für jene, die ernsthaft Philosophie und Ethik betreiben – eine, die für die eigene Identität konstitutiv ist. Dass man deshalb Hemmungen hat, andere für ihr ›defizitäres‹ oder sonstwie problematisches Selbstverständnis von Ethik zu kritisieren oder ihnen (implizit oder explizit) gar vorzuwerfen, sie seien keine ›richtigen‹ Ethiker, scheint also verständlich: Man greift damit eben nicht nur eine wissenschaftliche Position, sondern das Bild an, das der andere von sich hat.

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