Aufbau

LESEEXEMPLAR

3

Herbst 2012

ISBN 978-3-8412-0537-7

Aufbau Digital,
veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, Oktober 2012
© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin
Die Originalausgabe erschien 2012 bei Aufbau, einer Marke der Aufbau Verlag GmbH & Co. KG

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Einbandgestaltung hißmann, heilmann, hamburg

www.aufbau-verlag.de

INHALTSÜBERSICHT

Editorial

Susanne Amtsberg

DAS DACH DER SELIGEN

Barbara Frischmuth

WOHER WIR KOMMEN

Stephanie Gleißner

EINEN SOLCHEN HIMMEL IM KOPF

Hansjörg Schertenleib

WALD AUS GLAS

Helga Schütz

SEPIA

Jutta Voigt

SPÄTVORSTELLUNG

Liebe Leserinnen und Leser

des Aufbau Verlags

fast schon eine kleine Tradition: zum dritten Mal präsentieren sich zum neuen Programmzyklus deutschsprachige Aufbau-Auto­ren in einem Buch, das Ihre Lust auf mehr wecken soll. Mehr von einer spannenden Entdeckung, die neugierig macht, oder mehr von literarischen Freunden, auf deren neues Werk man bereits gewartet hat.

Ein thematischer Fokus eint die ansonsten so bunte Vielfalt unterschiedlichster Schriftsteller-Gestalten – das Interesse für Frauen, die ihre Geschicke selbst bestimmen, ihren Platz im ­Leben selbst definieren wollen. Jung oder alt, daheim oder unter­wegs, mit einem scheinbar festgefügten Leben oder auf rastloser Suche; die Heldinnen, von denen hier erzählt wird, rühren uns an, weil sie den Kampf um das eigene Ich niemals aufgeben würden.

Lassen Sie sich ein auf die Begegnung mit den beeindruckenden Frauengestalten aus dem literarischen Kosmos von

Mehr über diese faszinierenden Heldinnen des um nichts in der Welt aufgegebenen Anspruchs auf ein richtiges Leben erfahren Sie in den Büchern, die in den nächsten Monaten erscheinen werden. Bleiben Sie ihnen bis dahin gewogen, sie werden es Ihnen mit eindrücklichen Leseerlebnissen vergelten.

Mit herzlichen Grüßen

René Strien

Verleger

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Foto © Thomas Storck

SUSANNE AMTSBERG, geboren 1963, studierte Archäologie an Isar, Spree und Elbe, veröffentlichte von 1995 bis 2003 mehrere Kriminalromane, wohnt und schreibt am Rhein, gräbt im In- und Ausland.

Kennen Sie jemanden, der nicht seufzte, »ach, dorthin müsste man es mal schaffen …«, sobald das Wort Tibet fällt, außer denen, die sich bei der Annapurna-Umrundung Blasen liefen und gleichsam mit einem Bein in Tibet standen? Auf dem Dach der Welt? Für drei, vier Wochen? Sie hätten mich fragen sollen, denn ich, ich wollte unbedingt und doch keine Sekunde nach Tibet. Unbedingt zu einer anderen Zeit und keine Sekunde mit dem Flieger samt Trekking-Sorglos-Paket. Früher, als die Überwindung von Entfernungen nicht bloß eine Frage des Geldes war, ließ Tibet sich nicht einfach erkunden, stets drehte dieses Land den Spieß um und drang in die Seele der Besucher. Die Nadel des inneren Kompasses zitterte nicht wegen Schnee, Eis oder des unerbittlichen Westwinds. Erfrorene Gliedmaßen, Brandblasen oder Höhenkoller prallten am Geist ab, nicht aber Tibets Atem. Fragen Sie meinen Expeditionär Bronnen, der 1906 aufbrach, zum Oberlauf des Salween, und der in die Tibet-Annalen eine wahre Lüge schmuggelte. Und fragen Sie seine Witwe Emmy, die sich deshalb Jahre später einschiffte nach Fernost, als Landschaftsmalerin. Deren Spurensuche zurück im eigenen Leben endete.

Egal, welches Kapitel Sie in der Historie der Tibetreisenden aufschlagen, Sie werden an jeder Stelle auf unglaubliche Berichte stoßen, überquellend von Anekdoten, die Ihr Verlangen nach dem kalten Ort der Sehnsucht schrumpfen lassen zu dem Stoßgebet einer Frau, die sich zwischen den Hitzewallungen des Klimakteriums nach ein wenig Abkühlung sehnt. Falls Sie dem männlichen Geschlecht angehören, nehmen Sie den Zündschlüssel, jetzt gleich, sperren Sie die Autotür auf, werfen Sie einen Blick auf das GPS, und Sie werden wissen, dass es endgültig dahin ist, das Zeitalter der Forschungsreisenden. Ohne wegloses Gelände keine Expedition. Verortete Welt, in der Erfahrung nur noch von Fahren zu kommen scheint.

Sie könnten natürlich in Zukunft das GPS ausschalten, aufhören, sich von den Signalen der Satelliten leiten zu lassen. Aber das wäre eine andere Geschichte …

Auszug aus:

Susanne Amtsberg

DAS DACH

DER SELIGEN

Roman

Etwa 368 Seiten

Gebunden mit Schutzumschlag

€ [D] 19,99/€ [A]/SFR

ISBN 978-3-351-03504-4

Foreign Rights Available

Film Rights Available

Auslieferung am 6. November

Auch als E-Book erhältlich

Rezensionen bitte nicht

vor dem 10. November 2012 veröffentlichen.

Abend für Abend kam die Scham zu ihr ins Bett gekrochen, sobald sie die Kerze ausblies. Die Missgunst umwob die Tage wie die Spinne ihre Beute. Und forderte drei ­Jahre. Wann gab er endlich Ruhe, der Wunsch, von den beiden Männern wäre der andere, der richtige, zurückgekommen?

Das Hafenbecken weitete sich hinter dem Heck des Prinz Eitel Friedrich, und die kleiner werdende Gestalt des falschen Heimkehrers blieb auf dem Kai Federico Guglielmo zurück. Dass der Mann den Hut abgenommen hatte und bewegungslos im Pulk der Winkenden ausharrte, bildete sich die junge Frau nur ein. Ihr Eindruck jedoch, das Wasser werde zu einer alles verschlingenden Masse, entsprach der Wirklichkeit. Die Welt versank zu den Schreien der Möwen, die über dem Kielwasser des Postdienstdampfers kreisten. Zumindest die Welt, die der jungen Frau gleichgültiger geworden war als ein leergegessener Teller. Einzig, dass in dieser Welt ihr Kind zurückblieb, steckte ihr wie ein falscher Bissen im Hals. Als die Entfernung wuchs, die sich zwischen das Schiffsdeck und das Gestern schob, packte ein Hoffnungsschimmer die junge Frau, wenigstens würde sie den falschen Heimkehrer nicht wiedersehen.

Im gleißenden Mittagslicht des 25. August 1910 griff Emmy nach der Reling des Prinz Eitel Friedrich und schloss mit dem Meer einen Pakt. Einen sehr einseitigen Pakt. Sie hieß ihren neuen Verbündeten, die quälende Gegenwart des Mannes zu tilgen, der sie daran erinnerte, wie rasch ihr das Glück abhandengekommen war. Aber das Meer war ihr schon zuvorgekommen, es hatte Cohn geschluckt, zusammen mit den anderen winzigen Punkten, die einmal Menschen gewesen waren. Die Häusertürme der Stadt aus hell leuchtendem Kalkstein klammerten sich an den Gebirgsbogen, geschrumpft auf Puppenformat. Bald würde Genua nicht mehr existieren. Plötzlich überraschte Emmy der Geschmack von Salz auf der Zunge.

»Grässlich, nicht wahr? Dieses Fortmüssen.«

Emmy fuhr herum und sah in ein verheultes Gesicht. Ihr Gegenüber, fast noch ein Mädchen mit den ­makellosen Wangen einer Porzellanpuppe, tupfte sich mit der Spitze eines Taschentuchs die Augenwinkel, während sie Emmy so nahe rückte, dass sich die Röcke der beiden Frauen aneinander bauschten. »Abschiedsszenen sind mir schlicht ein Gräuel. Bitte verzeihen Sie mir die Zudringlichkeit. Wenn ich könnte, ich würde sofort zurück an Land.«

»Bitte sehr, frisch ans Werk. Ein Sprung genügt. Oder haben Sie es nicht mit der Schwimmerei? Dann ist eine Seereise vielleicht nicht die glücklichste Wahl. Andererseits, wenigstens ginge es schnell.« Als Emmy den fassungslosen Blick bemerkte, bereute sie ihre Worte. Bevor sie sich auf einen geschmacklosen Scherz hinausreden konnte, schluchzte die andere in das Taschentuch, das sie sich inzwischen gegen den Mund presste, drehte sich um und lief in Richtung Fensterfront des Damensalons der zweiten Klasse.

Du Närrin, schalt sich Emmy, war dieser Auftritt nötig? Die Fahrt gleich so zu beginnen? Auf einem Schiff, wo es kein Entrinnen gab? Wie sollten da die restlichen einunddreißig Tage überstanden werden? Andererseits, sie hatte sich nicht eingeschifft, um das Geschwätz eines törichten Geschöpfs über sich ergehen zu lassen, das seinem Gespons hinterherweinte. Nein, sie hatte sich eingeschifft, weil es ihr nach einem mehr als drei Jahre währenden zähen Ringen endlich gelungen war, die rechte Gelegenheit beim Schopf zu fassen. Und alle Pein wegen ihres kleinen Sohnes im Herzen zu begraben. Und Scham und Reue obenauf zu packen wie Steine. Und diesen Verrat zu entschuldigen als den Preis für das Fortkommen. Und sich die nötigen Mittel für die Reise zu beschaffen. Auch dazu hatte Cohn sein Scherflein beigetragen. Hurra, er existierte ja doch noch, der Herr Atelierphotograph! So schnell ging das also gar nicht, das Vergessen. Konnte sie Erfreulicheres als den Moder der Erinnerung vom Rest ihres Lebens erwarten? Mit gerade Mitte zwanzig hätte Emmy jeden ausgelacht, der behauptete, ihr Leben läge noch nicht hinter ihr. Zumindest der Teil, der der Rede wert war.

Das Billett hatte nur halb so viel gekostet wie eines der ersten Klasse. Aber auch in der ersten Klasse gab es kaum Einzelkabinen, hieß es. Es hätte nichts gebracht, Cohns Großzügigkeit auszureizen. Zwar hatte er beteuert, dass es nur einen Ort gab, an dem ihre Anwesenheit noch weniger vonnöten war als in China. Und genau dorthin beabsichtigte sie zu gelangen. Trotzdem hatte er die Scheine aus der Schatulle genommen und abgezählt. Natürlich stand er nicht in ihrer Schuld. Wer konnte schon etwas für das Glück, das einen am Leben ließ? In diesem Moment war sie froh gewesen, dass er sein Gewissen freizukaufen versuchte.

Die letzten Jahre hatte sie wie eine Einsiedlerin verbracht, war nicht unter Leute gegangen, hatte es nicht einmal ertragen, dass ihr jemand zum Porträtieren saß. Berlins Gebrause war ihr fremd geworden. Selbst die Künstlerlokale, in denen sie früher jede freie Minute verbracht hatte, stießen sie mit ihrem leeren Wortgeklingel und aufdringlichen Gelächter ab. Nur zum Wannsee war sie immer wieder gefahren, ihr Bedürfnis nach einsamen Spaziergängen war unstillbar gewesen. Obwohl es umständlich bis zur Unerträglichkeit gewesen war, den Kinderwagen in die Einstiege der Züge zu wuchten. Sollte es ihr tatsächlich gelingen, nach Tibet zu gelangen, würde sich reichlich Gelegenheit finden, keiner Menschenseele zu begegnen.

Als Emmy wenig später zu ihrer Platzkarte an der mittleren Reihe der drei parallel aufgestellten Tafeln geführt wurde, war sie eine der Letzten. Der Salon funkelte. Die Gläser und das Silberbesteck auf den Damasttischdecken reflektierten das Licht der Kristalllüster. Emmy spürte, wie ihr der Stuhl in die Kniekehlen geschoben wurde, eine Aufmerksamkeit des Tischnachbars, der aufgesprungen war, kaum dass sie sich dem Tisch genähert hatte.

»Gestatten? Emil Posselt. Berichterstatter der Berliner Morgenpost, Feuilleton.« Der Mann hielt sich trotz Kugelbauch gerade wie ein aufgesetztes Bajonett und nickte knapp. Bevor Emmy ihren Namen vollständig aussprechen konnte, wurde sie von der Nachbarin zur Linken beansprucht, der Gattin eines weltbekannten Chirurgen aus Frankfurt, wie sie umgehend erfuhr. Wegen des schwindenden Augenlichts sah man sich leider gezwungen, an der Deutschen Medizinschule in Schanghai Unterricht zu geben. Endlich war ein Haus mit der benötigten Zimmerzahl gefunden, um sie, Frau Doktor Mathilde Zobel, nachkommen zu lassen. Es folgte ein Vortrag über Operationen am offenen Auge und Stare unterschiedlicher Couleur. Als Frau Doktor Zobel plötzlich innehielt und Emmys Gedeck musterte, entdeckte diese das Telegramm, das neben ihrem Teller lag. Weil sie es nicht lesen konnte, ohne den Inhalt mit Frau Doktor Zobel teilen zu müssen, schob sie es unter den Teller und hoffte, damit die eigene Neugier besänftigen zu können. Emmys Tischnachbarin seufzte enttäuscht.

Das Dinner wollte kein Ende finden. Emmy hätte nicht zu sagen vermocht, was sie gegessen hatte. Nicht einmal, ob es ihr geschmeckt hatte. Sie erfasste wenig von dem Sinn der Worte, die von beiden Seiten auf sie eindrangen, beantwortete die an sie gerichteten Fragen so einsilbig, dass die Gespräche bald über sie hinweggingen und sie für den Abend verloren gaben. Obwohl sie hungrig war, legte sie Messer und Gabel beiseite. Sie musste gegen den Drang ankämpfen, den Tellerrand mit beiden Händen niederzudrücken, damit das Telegramm endlich Ruhe gab.

Ihr Abschied von Berlin war endgültig. Zumindest für die nächsten paar Jahre würden alle Verbindungen gekappt sein. Das Band war durchtrennt. Jetzt aber war noch nicht einmal ein Abend vergangen, und die erste Nachricht hatte sie bereits eingeholt. Warum ließ man sie nicht einfach ziehen? Es konnte doch unmöglich bereits etwas passiert sein, dessen Mitteilung keinen Aufschub duldete. Emmy starrte auf den Teller, als würde das Stück Papier ihn im nächsten Moment hochheben, bis sie es keine Sekunde länger aushielt, ihre Serviette auf den Tisch warf, das Telegramm hervorzog und grußlos den Speisesaal verließ.

HERZALLERLIEBSTES TÖNCHEN PUDELWOHLAUF. LUSTIGSTES DUR. UND DIE GRAUSAME PERSON, MEIN EXPÜPPCHEN? TRAURIGSTES MOLL? KEINE BANGE, FÜR DEIN KIND IST GESORGT. ABER WER WIRD FÜR DICH ­SORGEN, MEIN KIND?

Natürlich war nichts passiert, ihr Vater hielt immer noch Jüngstes Gericht, verurteilte ihr Verhalten als wider die Natur. Sie schloss die Lider und erschrak über das Auftauchen von Antons Kulleraugen. Mit dem lustigsten Dur war es aus und vorbei für die nächsten Jahre. Weil sie ihren Kopf durchgesetzt hatte und auf die Herzlosigkeit verfallen war, ihr eigenes Kind im Stich zu lassen. Wenigstens wusste sie es bei seinem Großvater gut versorgt. Mochte der Alte seine Telegramme schicken. Es war sein gutes Recht, und es war sein Geld. Solange er nur darüber wachte, dass es Anton an nichts mangelte, hatte er ihren Segen. Schon in diesem Punkt war auf ihn mehr Verlass als auf sie. Sein Geld würde ausgezeichnete Erzieher finden. Akku­mulatoren gehöre die Zukunft, warf der Fabrikant gerne in die Runde, auch wenn ihn niemand danach fragte. »Radke & Söhne. Wir liefern prompt und zuverlässig in jeden Winkel der bekannten Welt.«

Welche Erinnerung an diese Frau, die sich seine Mutter nannte, würde Anton noch besitzen? Später, bei ihrer Rückkehr? Wie viel Platz bot das Erinnerungsvermögen eines gerade mal dreijährigen Kindes? Erschöpfte sich der Begriff Mutter während der ersten Lebensjahre nicht in dem Verlangen nach Nahrung und Geborgenheit? Gab es das überhaupt, die Verbundenheit mit einer Person, wenn diese die Abwesenheit vorzog? Wozu sich quälen? Mit dem Tag der Abreise hatte sie den Anspruch auf die Liebe ihres Kindes verwirkt.

Emmy durchmaß mit Riesenschritten das Promenadendeck. Sobald sie die Bordwand erreichte, knallte sie ihre Schuhspitze gegen den Eisenrand, bevor sie kehrtmachte. Das Deck gehörte ihr allein, es war komplett entvölkert, als könnte frische Luft Reisenden, die sich gerade ein üppiges Abendessen einverleibt hatten, gefährlich werden. Schließlich schmerzten Emmy die Zehen, und sie lehnte sich gegen eines der beiden mächtigen Dampfspille. In einem Käfig konnte man genauso gut stillstehen.

Kein Zweifel, sie hatte sich richtig entschieden. Anfangs hatte sie Anton mit auf die Reise nehmen wollen, hatte sich um nichts in der Welt vorstellen können, das Kind auch nur für eine Sekunde aus der Hand zu geben, war es doch das einzig Lebendige, das ihr von Gustav geblieben war. Nicht einmal gewusst hatte er von seinem Kind. Ihre Briefe mussten irgendwo in Asiens Weiten verlorengegangen sein.

Professor Hellebens rauhes Auflachen hallte ihr noch heute durch den Kopf. In seinen Augen hatte ein Feuer gebrannt, das die vom Rheumatismus gekrümmte Gestalt Lügen strafte. Ob die liebe gnädige Frau, hatte der Präsident der Gesellschaft für Erdkunde zu Berlin gespottet, des Kindes etwa schon überdrüssig wäre? Dann gäbe es gottesfürchtigere Wege als den, den sie zu beschreiten gedachte. Er könnte ihr das kürzlich eröffnete Säuglingsheim Westend in Charlottenburg wärmstens ans Herz ­legen. Nicht genug, dass die Durchführung eines solchen Unterfangens, wie sie es plante, für eine Frau ohne Begleitung völlig unmöglich wäre, allein die Mitnahme eines Kindes auch nur in Erwägung zu ziehen wäre, mit Verlaub, von beispielloser Verantwortungslosigkeit. Worauf sich ihre Kenntnis von dem Land denn erstreckte? Ob sie überhaupt wüsste, wo genau auf der Landkarte sie den Finger zu platzieren hätte? Nein? Schade. Aber vielleicht wäre sie mit den dort herrschenden Bestattungsgepflogen­heiten bekannt? Leichenzerstückelung, ein Festschmaus für die Geier, das Aufbrechen und Verstreuen der blanken Knochen in alle Winde.

Aber vielleicht würde ihr ja auch so viel Glück zuteil wie jüngst jenem Missionar Rijnhart, diesem Unglücksvogel, und seiner kanadischen Frau, einer Doktorin, dem ersten weiblichen Doktor Kanadas überhaupt, nebenbei bemerkt. Zugegeben unverschämtes Glück, falls sie ihr Kind wie just jene Eheleute erst in der leergeräumten Blech­kiste der Reiseapotheke unterbringen könnte, bevor es ans Verscharren ging. Falls das bedauernswerte Wurm mit dem Sterben auf die paar Wochen des Jahres wartete, in denen der Boden nicht hart gefroren wäre. Bisher barg seines Dafürhaltens Tibets Erde nur einen christlichen Säugling, eben jenen der Rijnharts. Vielleicht spendete ihr der Gedanke Trost, dass der Vater seinem Spross wenig später nachfolgte. Erst unlängst hätte ein Kollege ihn, Helleben, wissen lassen, dass die Frau ein weiteres Mal in dieses Land marschiert war, an der Seite eines neuen Gatten. Mochte das Schicksal alle drei in einer hoffentlich besseren Welt wieder vereinen. Ein versöhnlicher Gedanke, welcher allerdings nicht dem in Mode gekommenen Reinkarnationsgefasel entsprünge.

»Was also, meine liebe Frau Bronnen-Radke«, war Professor Helleben endlich zum Schluss gekommen, »glaubt eine Witwe wie Sie in einer derart unwirtlichen Gegend zu gewinnen? Bei allem Respekt, Gnädigste, verwechseln Sie eine Fahrt dorthin nicht mit einer Soirée, wie dieses tischerückende Theosophenvölkchen einem ahnungs­losen Publikum vorgaukelt. Es gilt nicht, in Tibet das verlorene Paradies zu entdecken.«

Emmy hatte nur nicken können, mit einer leichten Bewegung des Kopfes, immer wieder, fast zwanghaft, so, als hätte sie es schon immer gewusst. Ohne Gruß war sie aus dem Zimmer gestürmt. Sie hatte den alten Mann hinter seinem mächtigen Schreibtisch zurückgelassen, allein mit der Phalanx von Büchern und Lexika, die sich in den ­Regalen an den vier Zimmerwänden bis unter die Decke drängten. Mochte ihn das manifestierte Wissen erschlagen, recht würde es diesem gichtbrüchigen Greis geschehen. Weitere Verwünschungen ausstoßend, raffte sie die Röcke und nahm die Marmorstufen im Treppenhaus des Fürstenberg-Palais. Der Alte würde schon sehen, wie weit es ihn brachte, jemandem, der ihn um Beistand anging, mit einer Predigt den Mut zu nehmen. Mochte es sich bei diesem Jemand auch nur um die Witwe eines Expeditionärs handeln, die keine überzeugenderen Argumente zu bieten hatte als die Unumstößlichkeit ihres Entschlusses.

Als die Dunkelheit der Kabine Emmy umschloss wie ein Tunnel, dessen Wände näher und näher rückten, versteifte sie sich wie ein Brett auf dem Schlafsofa, die Decke unters Kinn gezogen. Plötzlich schnellte ihr Oberkörper in die Höhe. Emmy schnappte nach Luft wie jemand, der gerade vorm Ersticken gerettet worden war. Ausgerechnet die erste Nacht in der Fremde hatte sich die Pein jenes Bittgangs ausgesucht, um sich erneut in ihr Bewusstsein zu ätzen. Bestimmt waren das Beengte und Ungewohnte der Kabine die Auslöser. Als Emmy sich nach vorne beugte und durch das Bullauge spähte, glomm ein Lichtpunkt in der Dunkelheit. Ob das Korsika war? Sie ließ sich aufs Laken zurücksinken. Was erwartete sie? Dass ihr das Tyrrhenische Meer Trost bot?

Der Gang zu Helleben war ihr damals als der einzige Ausweg erschienen, nachdem Cohn vorzeitig und allein mit Beermann aus Tibet zurückgekehrt war. Wenn sie sich von einer Person aus den Kreisen ihres Mannes ein offenes Ohr und Unterstützung für ihr Vorhaben hatte erhoffen können, dann von dem Professor. Kein anderer hätte auch nur einen Finger für Bronnens Witwe gerührt. Aber es kam, wie es hatte kommen müssen. Helleben war über ihre Ahnungslosigkeit hergefallen, mit einer Heftigkeit, die sie zuerst für Schadenfreude gehalten hatte. Dennoch hatten seine Gruselgeschichten sie nicht abschrecken können. Schließlich hatte sie den Gang in die Wilhelmstraße nicht aus Schwärmerei über einen fernen Kontinent angetreten. Sie wollte nur aus dem einzigen Grund in dieses verfluchte Land, weil Gustav dort sein Leben gelassen hatte. Sie musste dessen Boden mit eigenen Füßen betreten. In Erfahrung bringen, ob es dort irgendetwas gab, das es wert war, zur Witwe zu werden. Und einem Kind den Vater zu rauben.

Der Gedanke an Antons Händchen, die sich nach ihr ausstreckten, bremste das Karussell in ihrem Kopf. Trotzdem fand sie noch immer keinen Schlaf. Nachdem Emmy Hellebens Abfuhr verwunden hatte, beschloss sie, seine Warnungen zu beherzigen. Von da an hatte sie die Bücher über Tibet, die ihr Beermann aus den Universitätsbibliotheken besorgen musste, erst dann wieder zugeklappt, wenn sie auf der letzten Seite angekommen war. Über ein Jahr brachte sie auf einem Stuhl kauernd zu, in der einen Hand ein Buch, die andere an Antons Wiege. O ja, in seinem ersten Lebensjahr bekam das Kind eine Menge über Tibet zu hören, vor allem auf Englisch, weil seine Mutter den Inhalt der Texte in dieser Sprache leichter verstand, wenn sie laut vorlas und sich vom Klang der Worte führen ließ.

Nach dem ersten Dutzend Bücher war Emmy irritiert. Sie hatte lauter Einzelheiten erfahren, die nicht zueinander passten, deren Sinn zerfiel, sobald sie danach greifen wollte. Selbst die offensichtlichsten Fakten widersprachen einander. Bald wusste sie nicht mehr, was sie glauben sollte und was nicht. Hatten die Jahrhunderte währenden Versuche der zivilisierten Welt, einen Fuß in dieses Land zu setzen, tatsächlich nicht mehr Spuren hinterlassen als Hunderte von leeren Schachteln billiger, in Amerika für den indischen Markt hergestellter Zigaretten am Wegrand von Phari nach Rungpo? Oder waren die Schilderungen nur maßlose Übertreibungen und wenig schmeichelhafte Diffamierungen bis hin zur unverfrorenen Lüge, ausgedacht von denen, die unverrichteter Dinge umkehren mussten und die sich für ihr Scheitern wenigstens durch üble Nachrede rächen wollten?

Allmählich gelangte Emmy zu der Einsicht, dass sie am besten fuhr, wenn sie alles glaubte, was die Schar der Forschungsreisenden, Missionare, Militärs und Journalisten zusammengetragen hatte. Genauso gut hätte sie nichts von all dem glauben können. Aber dann wäre sie mit leeren Händen dagestanden. Alles schien in diesem Land ohne eindeutige Grenzen möglich zu sein und nichts sich je zu ändern. Irgendwo da draußen lag ein Ort, der nicht von dieser Welt war, ein Ort jenseits von Raum und Zeit. Was konnte man auch an Gewissheiten in einem Land erwarten, in dem man die Hand in kochendes Wasser halten konnte, ohne sich zu verbrühen? Wobei das Wasser mindestens eine halbe Stunde brauchte, bis es überhaupt kochte? Was half einem das Wissen über die Auswirkungen der Höhe, die die physikalischen Gesetze anders funktionieren ließ als in den Ländern, in denen man die Entdeckung eben jener Gesetze für sich reklamierte? War es möglich, dass dem Reiter in den dicken Filzstiefeln an der schattigen Flanke seines Pferdes die Zehen zu Stumpen gefroren, während die Sonne den Rücken der Hand, die den Zügel hielt, mit Brandblasen bedeckte?

Als Emmy auf alles und nichts gefasst war, am allerwenigsten jedoch auf paradiesische Zustände, weder für die überwältigende Mehrheit der Tibeter noch für die Fremden, die was auch immer in diesem Land suchten, war sie im Spätsommer des Jahres 1908 ein zweites Mal bei Helleben vorstellig geworden. Längst war ihr klargeworden, dass er sie nicht aus Boshaftigkeit hatte abhalten wollen oder weil sie eben nur eine Frau war, sondern weil er wollte, dass sie begriff, worauf sie sich einlassen würde. Falls sie es dann tatsächlich noch wollte. Nach allem, was sie inzwischen wusste, hatte er recht, als er ihr einen Kreis der Hölle auf Erden ausmalte, mochte in den Berliner Salons das Hochland Asiens auch als ein Hort der Glückseligkeit gehandelt werden, zu dem die alte, verbrauchte Welt pilgerte. Auf der Suche nach etwas, das dieser alten Welt selbst zu fehlen schien. Etwas, das verlorengegangen war. Auch wenn jeder eine etwas andere Vorstellung davon besaß, worum es sich handeln mochte. So kam es, dass es dieses Mal an Helleben war, Emmy anzusehen, bevor er nickte.

»Reisende soll man nicht aufhalten. Ich werde sehen, was ich für Sie tun kann.«

Helleben hielt Wort. Trotzdem war es anfangs wieder nur ihre Geduld gewesen, die an der Sache wuchs. Beinahe zwei weitere Jahre durchforstete Helleben die Forscherszene auf der Suche nach einer Gelegenheit. Zwei Jahre Ungewissheit waren ein stolzer Preis. Aber Emmy bezahlte anstandslos und verbuchte sie als zwei geschenkte Jahre mit Anton. Inzwischen hielt sie ihr Maß an Wartbarkeit für beachtlich, eine Fertigkeit, die etwas Tröst­liches hatte. Sie zerteilte alles, was kommen mochte, in bewältigbare Einheiten. Man tat, was man konnte, und dann legte man sich schlafen. Jeden Tag aufs Neue. Morgen, dachte Emmy noch, morgen wird ausgepackt.