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INHALT

Editorial | Impressum

Tibethaus Deutschland in Frankfurt

BUDDHISMUS

Der junge Dagyab Rinpoche in Lhasa | Annette Kirsch im Gespräch mit Rinpoches Mutter Sönam Lhamo

Die Grundlagen tibetisch-buddhistischen Denkens | S.E. Dagyab Kyabgön Rinpoche

Missverständnisse über die Lehren des Tantra im tibetischen Buddhismus | Dolpo Tulku

Aus dem CaImagesImagesamahāroImagesaImagesa Tantra

Die Landkarte unseres Geistes | Einige grundsätzliche Gedanken zu Lorig, dem Wissen über
den Geist und seine Funktionen | Tenzin Peljor

Das Finden der Perlen: MAHAYANA-SUTRAS – ein sehr persönlicher Zugang | Cornelia Weishaar-Günter

Wie funktioniert die tantrische Praxis? | Angelika Nelis und Andreas Ansmann

BIOGRAPHIE

Der Mut zu lebensnahen Bildern | Amdo Jampa – einer der ersten modernen tibetischen Maler | Thierry Dodin

WISSENSCHAFT

Über welche Welt reden wir? | Einige Gedanken zum westlichen Dialog mit dem Buddhismus | Karsten Schmidt

HEILKUNDE

Nejang – Tibetisches Heil-Yoga | Was ist der Unterschied zwischen tibetischem Yoga und Nejang? | Christine Koch

KUNST + KULTUR

Was hat eine tibetische Glocke mit braunem Zucker und ausgekochten Trockenrettichen zu tun?
Das Herstellen einer Glocke im Sandgussverfahren | Veronika Ronge

Die Entdeckung der Schätze des Klosters Matho | Ein Museum der buddhistischen Kunst in Ladakh | Nelly Rieuf

Zum Tod von André Alexander | Elke Hessel

PERSÖNLICHKEIT + GESELLSCHAFT

Die Wirtschaft braucht Bodhisattvas. Und: wir sind viel freier, als wir denken
Ein Interview mit Dr. Kai Romhardt, Gründer des Netzwerks Achtsame Wirtschaft (NAW) | Christian Stocker

MBSR und Buddhismus – Ein spannendes Verhältnis | Nico Häger

TIBET

Ein blütenweißer Stupa von Feuer erfüllt
Die Einäscherung Tenga Rinpoches – ein persönlicher Erfahrungsbericht | Minka Hauschild

Die Arbeit des Dagyab e.V

Eine Reise durch Minyak und Dagyab (2) | Dezom Dagyab

Bücher und Filme

Service & Kontakt

Buddhismus Begreifen – Studienprogramme

Programmübersicht Juli bis Dezember 2012

EDITORIAL

Liebe Leserinnen und Leser,

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der inhaltliche Schwerpunkt der neuen Ausgabe Chökor Tibethaus Journals liegt auf dem Spannungsfeld von „Verstehen und Missverstehen“, aber auch auf dem Kultivieren von Achtsamkeit, welches ein wichtiges Rüstzeug für einen wirklichen Dialog zwischen Menschen und auch zwischen Kulturen darstellt.

Den Auftakt bildet wiederum ein Interview über das Leben des jungen Dagyab Rinpoche in Lhasa in den 50ern, das Annette Kirsch mit seiner Mutter Sönam Lhamo geführt hat. S. E. Dagyab Rinpoche beschreibt anschließend die Grundlagen tibetisch-buddhistischen Denkens, das sich in einigen Punkten sehr von der westlichen Weltsicht unterscheidet.

Daran schließt eine Reflexion des jungen Dolpo Tulku an, der gebeten worden ist, über die im Westen weit verbreiteten Missverständnisse bezüglich der tantrischen Lehren zu sprechen.

Ein wirklich inspirierendes Gedicht aus dem 8. Jahrhundert, der Zeit der Anfänge des buddhistischen Tantra, das Peter Gäng ins Deutsche übertragen hat, folgt.

Anschließend legt der Leiter unseres buddhistischen Studienprogramms Tenzin Peljor überzeugend dar, warum es für uns alle so wichtig ist, unseren Geist und seine Funktionen genau kennenzulernen.

Den im Westen wenig bekannten Amdo Jampa stellt der Tibetologe Thierry Dodin vor, welcher neben Amdo Gendün Chöpel als einer der ersten modernen tibetischen Maler gilt. In Tibet wird er verehrt, gerade findet in Amdo eine Konferenz anlässlich seines 10. Todestages statt.

„Von welcher Welt reden wir?“, fragt der Frankfurter Religionswissenschaftler Karsten Schmidt im nächsten Artikel und thematisiert einige grundsätzliche Unterschiede der Wahrnehmung der Welt im Westen und im Osten und die damit verbundenen Dialogschwierigkeiten.

Die Bonner Spezialistin für tibetische Gebrauchskunst Veronika Ronge klärt uns anschließend darüber auf, was denn eine tibetische Glocke mit braunem Zucker und ausgekochten Trockenrettichen zu tun hat. Lassen Sie sich überraschen!

Den Artikel „Die Entdeckung der Schätze des Klosters Matho. Ein Museum der buddhistischen Kunst in Ladakh“ der jungen französischen Restauratorin Nelly Rieuf erhielt ich erst vor zwei Wochen und das per Iphone: Sie arbeitet gerade wieder vor Ort in Ladakh. Christian Stocker führt als nächstes ein hochinteressantes Interview mit Dr. Kai Romhardt, dem Gründer des Netzwerks Achtsame Wirtschaft (NAW).

Aus Katmandu berichtet dann Minka Hauschild über die bewegende Zermonie der Einäscherung des verehrten Lama Tenga Rinpoche. Außerdem nimmt uns Dezom Dagyab wieder mit auf ihre Reise durch die osttibetischen Regionen Minyak und Dagyab.

Buch- und Filmrezensionen, Infos zu unseren neuen Studienprogrammen, die im Herbst 2012 beginnen, zum neuen Programm (Achtung: ab dieser Ausgabe als Beilage) und zu tibetischen Festtagen schließen den Chökor ab.

Haben Sie Freude beim Lesen!
Ihre

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Elke Hessel

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Herausgeber:

Tibethaus Deutschland e.V.
Kaufunger Straße 4
60486 Frankfurt am Main
Tel. +49 (0) 69.719135 95
Fax +49 (0) 69.719135 96
info@tibethaus.com
www.tibethaus.com

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Das Chökor Tibethaus Journal ist die Zeitschrift des Tibethauses.
Seit vielen Jahren jedoch wird sie über die Grenzen des Vereins hinaus abonniert und gelesen.
Was ist das Tibethaus?

Tibethaus Deutschland in Frankfurt

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Vernissage im Tibethaus © E. Hessel

Fakten

Seit Ende 2005 existiert das Tibethaus Deutschland in Frankfurt a. M.

Das Institut ist hervorgegangen aus einem schon seit über 20 Jahren bestehenden gemeinnützigen Verein, dessen Mitglieder über ganz Deutschland verteilt waren.

Seine Heiligkeit der XIV. Dalai Lama hat im selben Jahr die Schirmherrschaft übernommen; diese großzügige Geste gewährt er nur in ganz seltenen Fällen. Zusätzlich haben wir das Gütesiegel des Mutterhauses in Neu Delhi erhalten und dürfen die Bezeichnung „Tibethaus“ offiziell im Namen führen. Neben Frankfurt ist dies nur dem Tibethaus in New York gestattet.

Das Tibethaus Deutschland versteht sich als ein Begegnungs- und Studienzentrum, eine Art „tibetisches Goethe-Institut“. Besucher und Mitglieder – egal ob buddhistisch orientiert oder nicht – können hier die alte und moderne Kultur Tibets kennenlernen, studieren und in einen fruchtbaren, anregenden Austausch eintreten. Das Institut sieht eine wesentliche Aufgabe darin, eine Brücke zwischen Tibet und dem Westen zu schlagen, aber auch zwischen dem Westen und Tibet. Finanziert wird es ausschließlich über Mitgliedsbeiträge, Spenden und Kursbeiträge.

Über 300 Seminare, Workshops und Vorträge im Jahr in den Bereichen Buddhismus, Persönlichkeit und Gesellschaft, Kunst und Kultur, Heilkunde und Wissenschaft bieten ein vielfältiges, fundiertes Angebot. Auch die Tibeter im Rhein-Main-Gebiet sehen das Tibethaus als wichtigen Treffpunkt an.

Sein spiritueller Leiter, S. E. Loden Sherab Dagyab Rinpoche, ist einer der höchsten tibetisch-buddhistischen Würdenträger. Geboren 1940 in Osttibet, erwarb er den Abschluss des Doktors der Philosophie an der Klosteruniversität Drepung. Rinpoche kam 1966 nach Deutschland auf Einladung der Universität Bonn, wo er bis zu seiner Emeritierung 2004 als Tibetologe arbeitete. Der Geschäftsführende Vorstand des Tibethauses besteht zur Zeit aus einem Tibeter und zwei Deutschen.

Kunst und Kultur als universale Sprache

Wir verstehen Kulturarbeit als Bildungsarbeit und als Erweiterung des eigenen Horizonts. Zweimal im Jahr organisieren wir hauseigene Ausstellungen mit tibetischen und westlichen Künstlern (mit dem Schwerpunkt auf Förderung der Künstler vor Ort) sowie Kooperationsausstellungen mit Museen und Galerien. Zusätzlich finden regelmäßig Workshops in traditioneller tibetischer Malerei, Einführung in die tibetische Sprache, Veranstaltungen über modernen tibetischen Film, Musik und zu Reisen in Tibet statt.

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Dialog

Das Konzept des Dialogs, des Gemeinschaftlichen und der Inspiration in Zusammenarbeit mit anderen asiatischen Künstlern, Schriftstellern und Musikern, insbesondere Chinesen, wie es in der Ausstellung „Kalligraphie im Dialog“ bereits umgesetzt wurde, soll in Zukunft weiter ausgebaut und vertieft werden. In der Vergangenheit sind Vertreter von Nachbarländern Tibets zu Themenabenden ins Tibethaus eingeladen worden (z.B. aus Indien, Bhutan, Nepal und der Mongolei).

Persönlichkeit und gesellschaftliche Verantwortung

Wir bieten z.B. Vorträge und Seminare zu Methoden der Stressbewältigung, Sterbe- und Trauerbegleitung, Wirtschaftsethik an, um die Teilnehmer beruflich und privat zu unterstützen. Der Ansatz ist für Buddhisten und Nichtbuddhisten gleichermaßen konzipiert.

Regelmäßig (inzwischen wöchentlich) erhalten wir Besuch von Kindergärten, Schulklassen, Studenten, die „hautnah“ etwas über Tibet und den Buddhismus erfahren wollen.

Buddhismus – Wissen und Erfahrung

Unter der Leitung von Dagyab Rinpoche sind in mehr als 25 Jahren anerkannte westliche Lehrer, Fachleute und Übersetzer ausgebildet worden.

Das solide, breit gefächerte buddhistische Programm in Theorie und Praxis ist für interessierte Nichtbuddhisten wie für langjährig praktizierende Buddhisten ein attraktives Angebot. Studienprogramme, Seminare durch Gastlehrer und hauseigene Lehrer sowie wöchentliche offene Meditationsgruppen haben sich etabliert.

Wissenschaft und interdisziplinärer Dialog

Dieser Bereich ist die Schnittstelle zwischen Universitäten und Forschungsinstituten einerseits sowie an Buddhismus und Tibet Interessierten andererseits. Wir bieten wissenschaftliche Vorträge oder Themenabende zu tibetologischen, religions- oder sprachwissenschaftlichen, aber auch neuro- wissenschaftlichen Themen an, teilweise als Kooperationsveranstaltungen mit den Universitäten Heidelberg und Frankfurt.

Heilkunde

In Basiskursen und Vorträgen in Zusammenarbeit mit westlichen Medizinern und tibetischen Ärzten werden die grundlegenden Zusammenhänge der tibetischen Heilkunde anschaulich erklärt. Gesundheitsvorsorge und das Erkennen der primären und sekundären Ursachen von Krankheit stehen dabei im Vordergrund. Kurse in Hatha-Yoga und tibetischem Yoga sind ebenfalls Teil dieses Bereiches.

Tibethaus Verlag

Unser Verlag hat bisher über 60 Bücher und Schriften publiziert. Wir verfügen über allgemeine Bücher zum Mahayana-Buddhismus, buddhistische Kommentare und viele, seltene Übersetzungen buddhistisch-tantrischer Originaltexte aus dem Kanon der Kloster-Universitäten.

Bibliothek

Neben umfangreicher westlicher Literatur zu Tibet und allen Traditionen des Buddhismus finden sich auch Werke mit tibetischen Originaltexten und -kommentaren.

Kulturarbeit für Tibeter

Tibeter und ihre deutschen Freunde treffen sich im Tibethaus zum Neujahrsfest, zur Feier des Geburtstags S.H. des Dalai Lama und anderen hohen tibetischen Festtagen. Manche führen auch ihre Gebete z.B. für Kranke oder Verstorbene in unserem Lhakang durch.

Tibetische Wissenschaftler referieren und diskutieren bei uns im Rahmen von Podiumsdiskussionen (nur auf Tibetisch) über westliche und tibetische Geisteswissenschaft und Naturwissenschaft (z.B. über Genforschung, über Neurowissenschaft, über Gemeinsamkeiten und Unterschiede). Ab August bieten wir einmal im Monat Unterricht in tibetischer Schrift für tibetische Kinder an.

Ein eigenes Tibethaus in Frankfurt

Wir sind immer noch auf der Suche nach einem eigenen größeren Haus, in dem es Platz gibt für größere Veranstaltungen, Seminare, Ausstellungen, eine deutsch/englisch/tibetische Fachbibliothek, ein – das ist ein Fernziel – Tibet-Museum (es wäre das erste in Deutschland, und wir sind bereits im Besitz von außergewöhnlichen tibetischen Kulturschätzen aus Nachlässen).

 

Tibethaus-Beirat

Dr. Alex Berzin, Berlin
Prof. Dr. Karl-Heinz Brodbeck, Würzburg
Prof. Dr. Michael von Brück, München
Carsten Graaf, Meerbusch
Kelsang Gyaltsen, Gesandter S. H. des Dalai Lama, Genf
Prof. Dr. Manfred Hensel, Heidelberg
PD Dr. Adelheid Herrmann-Pfandt, Marburg
Ehrw. Doboom Rinpoche, New Delhi
Prof. Dr. Klaus Sagaster, Bonn
Prof. Dr. Peter Schwieger, Bonn
Dr. med. Tashe W. Thaktsang, Radolfzell
Prof. Dr. Robert Tenzin Thurman, New York
Ph. D. Tsetan Dolkar Khyunglho, Atlanta

BUDDHISMUS

Einladungen, öffentliche Auftritte, politische Verpflichtungen – der junge Dagyab Rinpoche in Lhasa

Im Dezember hatte ich die Gelegenheit, Rinpoches Mutter Sönam Lhamo zu treffen. Dezom Dagyab, ihre Enkelin, war dabei, um die Erzählungen aus dem Tibetischen ins Deutsche zu übersetzen. Der folgende Text ist ein Ausschnitt aus unseren Gesprächen.

Annette Kirsch

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Von links nach rechts: Dagyab Rinpoche, seine Schwester, seine Mutter und der Stiefvater Lobsang Tsültrim in Lhasa © Dagyab

Eigentlich hatte ich mich für Rinpoches Beziehung zu seinem Hauptlehrer Kyabje Trijang Rinpoche interessiert. Letztlich reflektieren die Antworten von „Mo-la“ – Großmutter – jedoch, wie der junge Dagyab Rinpoche in Lhasa wahrgenommen wurde.

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Dezom, weiß Mo-la etwas über das Verhältnis zu Kyabje Trijang Rinpoche? Wie es entstanden ist, wie Rinpoche und er sich getroffen haben? Hat Rinpoche von ihm erzählt, wenn er zu Hause war?

Es war ein sehr enges Verhältnis, meint meine Oma. Sie haben sich sehr gerne gemocht, und Rinpoche ist immer zu den Belehrungen [von Kyabje Trijang Rinpoche] gegangen. Ja, er hat ihn als hohen Lehrer angesehen. Als wertvollen Lehrer.

Haben sie sich auch außerhalb der Unterweisungen getroffen?

Er [d.h. Kyabje Trijang Rinpoche] kam auch nach Hause, er ist öfters nach Hause gekommen.

Zu Mo-la nach Hause.

Ja genau.1 Und er hat auch bei ihr gegessen, als normaler Gast quasi. Er hat bei ihr zu Hause keine Belehrungen gegeben, sondern war als normaler Gast in ihrem Haus.

Kannte sie ihn, weil er mit Rinpoche so eng war? Oder hat Kyabje Trijang Rinpoche Rinpoche kennengelernt, weil er mit seiner Mutter bekannt war?

Nein, nur über Rinpoche.

Kyabje Trijang Rinpoche ist also gekommen, um Rinpoche zu besuchen; bei ihr zu Hause.

Ja. Durch die Belehrungen hat Rinpoche ja Kontakt mit ihm [Kyabje Trijang Rinpoche] gehabt, und dann kam dieser zu ihr nach Hause. Meine Oma hatte keinen privaten Kontakt zu ihm. Rinpoche hat ihn nur durch die Belehrungen kennengelernt.

Okay. Und dann hat Rinpoche Kyabje Trijang Rinpoche eingeladen?

Mhm. Also er [Kyabje Trijang Rinpoche] kam nur, wenn Rinpoche auch im Haus war. Er hat ein Auto gehabt, und [sie lebten] auch nicht sehr weit entfernt voneinander.2 Und wenn Rinpoche gerade bei ihr war, dann kam Kyabje Trijang Rinpoche auch vorbei. Aber nicht, dass er meine Oma einfach so besucht hätte!

Okay, das war nur so eine Idee. Denn Kyabje Trijang Rinpoche war ja viel älter als Rinpoche ...

Mhm.

... er ist, glaube ich, 1900 geboren ...

Also er war etwa um die fünfzig, als Rinpoche dreizehn war.3

Ah ja.

Ja eben, die Klosterregeln waren sehr strikt.4 Aber wenn wichtige Belehrungen waren, dann hat Rinpoche [im Kloster] freibekommen, damit er an den Belehrungen teilnehmen konnte, weil das ja wichtig war. Und dann gab es Belehrungen – zwei verschiedene Namen hat Mola genannt – die sehr lange gedauert haben. Dabei war Rinpoche Gabenherr für die eine Belehrung, und für die andere war Phagphala Rinpoche zuständig. Die zwei haben das quasi finanziert, alle Essenssachen und so weiter.5

Also, ich stell mir das grade vor. Hier in Europa ... ich kenne das aus meiner Kindheit nicht, dieses Lehrer-Schüler-Verhältnis. Und jetzt stelle ich mir vor: Ein 50-Jähriger besucht einen 13-Jährigen ... das kam in meiner Welt nicht vor.

Mhm.

Da geht vielleicht der 13-Jährige den 50-Jährigen besuchen, als Vaterersatz zum Beispiel. Aber dass der 50-Jährige den 13-Jährigen besucht – das ... dafür hab ich noch kein Gefühl: Was ist da, was haben die gemacht? Wie ist es so gekommen? Was waren das für Begegnungen?6

Man hat ihn nicht abgeholt und gesagt: „Jetzt ist Rinpoche bei uns, kommen Sie uns besuchen“ oder so. Vielmehr hat er es gewusst, wenn Rinpoche zu Hause ist, und ist dann von sich aus vorbeigekommen und etwa drei, vier Stunden geblieben. Man hat gemeinsam gegessen, und die zwei haben sich unterhalten. Also es gab ... nicht, dass sie zusammen gespielt haben oder ähnliches, sondern sie haben sich einfach unterhalten.

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Rinpoches Schwester, ein „Onkel“ Jinpa Gyältsen, seine Mutter © Dagyab

Als wäre Rinpoche ein anderer Erwachsener.

Also, Rinpoche hatte ja mit seiner Rede als Neunjähriger den Standard schon hochgesetzt. Und zum Beispiel: Als er mit 13 in Richtung Lhasa gefahren ist [um ins Kloster Drepung einzutreten], wurden ja Entscheidungen getroffen, wie viel an welches Kloster gegeben werden muss.7 Der Kassier des Klosters [Magön in Dagyab] – oder wer auch immer – hat das genau aufgeschrieben: Das-und-das muss diesem Kloster gegeben werden; das-und-das muss jenem Kloster gegeben werden usw. Er hat eine Riesenliste erstellt. Und als Rinpoche dann in Lhasa war, hat er die Liste einfach ignoriert und selbst Entscheidungen getroffen, wem wie viel gegeben werden soll und so weiter. Von daher hat man ihn wirklich ... also er hat auch quasi wie ein Erwachsener funktioniert. Und darum: Wenn er Besuch bekommen hat von einem älteren Menschen, dann wurde er wirklich genauso behandelt wie ein Erwachsener. Sie haben nicht irgendwelche Kindergespräche geführt, sondern wirkliche.

Und Kyabje Trijang Rinpoche hatte einfach Interesse, Rinpoche zu treffen.

Mhm. Ja. Weil sie8 Rinpoche auch als wertvollen Lehrer sahen. Das war auch eine wichtige Begegnung für ihn [Kyabje Trijang Rinpoche]. Für ihn war es wichtig, Rinpoche zu sehen, weil der auch ein hoher Lama ist.

Obwohl er noch so klein war ...

Genau.

Das ist das, was gerade bei mir hakt ...

Genau. Das ist ...

... sie denken in vielen Generationen ...

... genau. Und von daher ... auch von Seiner Heiligkeit dem Dalai Lama wurde Rinpoche sehr hoch angesehen.

Ja, das weiß ich schon ...

Bei so großen Zeremonien musste man [d. h. hier: Dagyab Rinpoche] auch Seine Heiligkeit bitten teilzunehmen. Und dann musste man ihm auch Gaben darbringen. Da war dann der ganze Barkhor voll von Dagyapas9, die die Gaben von Rinpoche – also den Anteil [den Rinpoche darbringen musste] – dargebracht haben. Da war alles voll Dagyapas, die viele Sachen mitgebracht haben. Und dann musste Rinpoche im Tsug Lhakhang [d. h. im zentralen Stadttempel von Lhasa] die Mandala-Darbringung vortragen. Sie haben ihm das nicht zugetraut und gesagt, er müsse vorher quasi eine Prüfung ablegen, um zu beweisen, dass er das machen kann.

Ja?

Also eben die von Seiner Heiligkeit, dessen Delegation. Sie haben ihn abgefragt, ob er das wirklich machen kann. Und dann sollte er öfters üben, damit er ja nicht eine Zeile vergisst oder etwas durcheinanderbringt. Er war damals wirklich sehr faul und hat nie gelernt. Alle haben gesagt: „Das musst du üben, nicht dass du dich da versprichst.“ Und dann hat er das ganz souverän gemacht – fehlerfrei. Phagphala Rinpoche hat immer Angst gehabt und sich unter seinem Zen10 versteckt. Und Rinpoche hat total frei – also auch sehr selbstbewusst – vorgetragen, fehlerfrei. Die Lehrer von Seiner Heiligkeit waren ja beide auch vorne, und sie haben gesagt: „Nicht mal wir können das so fehlerfrei vortragen. Uns unterlaufen auch manchmal Fehler.“ Da haben sie quasi seine Qualität gespürt, er bewies damit, wie gut er eigentlich ist.

Meine Oma sagt immer: „Er war sehr berühmt, als er klein war.“ Einfach durch sein Fachwissen und die souveräne Leistung, die er erbracht hat. So mit neun Jahren diese Rede – unvorbereitet! Das war ... der andere hatte sich ja vorbereitet. Phagphala Rinpoche war vorbereitet, der wusste, dass er eine Rede halten musste zu diesem Thema. Er war vorbereitet und hat sich dann in letzter Sekunde zurückgezogen. Und dann [haben sie] Rinpoche einfach vorgeschoben. Und der hat das [aus dem Stehgreif] gemacht. Und auch eben bei diesen großen Zeremonien, wo Seine Heiligkeit anwesend war. Also eben ... und seine Macht: Wenn er in die Heimat – nach Dagyab – gegangen ist und es hatte wenig geregnet, hat er Gebete gesprochen für Regen, und dann hat es wirklich geregnet. Und wenn die Felder abgeerntet waren, dann blieb ja noch ein Rest übrig. Es kamen Hasen und andere Tiere, die das weggefressen haben, auch das Saatgut. Rinpoche hat dann wieder irgendwelche Schutzrituale abgehalten, die die Felder wirklich geschützt haben. Kein Hase ging mehr dran. Also, das war eine Art Machtdemonstration. Und die Leute haben wirklich an ihn geglaubt. Ja, auch solche Handlungen hat er durchgeführt.

Wie hätte sein Leben ausgesehen, wenn er nicht hätte fliehen müssen?

Dann wäre er halt in Dagyab geblieben.

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Dienerin, Mutter und Schwester (1953) © Dagyab

Hier nahm das Gespräch dann eine neue Wendung. Die Rede des neunjährigen Dagyab Rinpoche wird Thema in der nächsten Chökor-Ausgabe sein.

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Schwester und Mutter (2010) © Dagyab

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Marshall Chin Yi ist als chinesischer Regierungsvertreter 1956 extra nach Lhasa gereist, um das Komitee zur Vorbereitung der Autonomen Region Tibet zu eröffnen.
Links im Bild: Dagyab Rinpoche.
Rechts im Bild: Phagpalha Rinpoche.

Das Ständige Komitee zur Vorbereitung der Autonomen Region Tibet

Rinpoche erinnert sich: Die Chinesen konnten ihr ursprüngliches Vorhaben, gleich nach ihrem Einmarsch die Autonome Region Tibet einzurichten, nicht durchführen, weil es unter den Tibetern zu viele Proteste hervorrief. Deshalb gründeten sie 1956 das Ständige Komitee zur Vorbereitung der Autonomen Region Tibet mit 14 Abteilungen. Es traf sich jeden Samstag, für seine Mitglieder war die Teilnahme Pflicht. Das Komitee setzte sich zusammen wie folgt:

Dalai Lama als Erster Vorsitzender; Panchen Rinpoche als Erster Vize-Vorsitzender (der nur teilnahm, wenn er sowieso gerade in Lhasa war); der Chef der chinesischen Regierung als Zweiter Vize-Vorsitzender; dazu insgesamt etwa 20 Chinesen und etwa 50 Tibeter – d.h. tibetische Regierungsbeamte und drei Tulkus: Kyabje Trijang Rinpoche als Vorsitzender der Abteilung für Religiöse Angelegenheiten, Phagphala Rinpoche als Vize-Vorsitzender der Abteilung für Religiöse Angelegenheiten und Dagyab Rinpoche als Leiter der Abteilung für Nomadenangelegenheiten und Leiter der Abteilung für Entwicklung (Brückenbau, Straßenbau und allgemeine Infrastruktur).

Das Interview wurde transkribiert von Charlotte Molz.

Dagyab Rinpoches Biographie – Das Projekt

Seit Anfang 2011 folgt Rinpoche der Bitte seiner Schüler/innen und erzählt seine Biographie, damit sie aufgeschrieben und in Buchform veröffentlicht werden kann.

Gut ein Jahr nach seinem Beginn ist das Biographie-Projekt in eine neue Phase eingetreten. Rinpoche ist mit seiner Erzählung in der Gegenwart angekommen. Damit ist der grundsätzliche Rahmen für das Buch gesteckt. Nun geht es darum, einen möglichst authentischen Einblick in die Details zu gewinnen und sie in einem lebendigen Text zusammenzufügen. Seit Dezember liegt eine erste Gliederung für das Buch vor. Zudem wurde gemeinsam mit Rinpoche die Erzählperspektive festgelegt: Das Buch soll in der dritten Person geschrieben werden, so dass ein anonymer Erzähler Rinpoches Leben betrachtet und darüber berichtet. Eingeschoben werden umfangreiche Originalzitate von Rinpoche, in denen er bestimmte Situationen oder Zusammenhänge aus der Innenperspektive erklärt. Annette Kirsch, die den Text schreiben wird, führt die Interviews mit Rinpoche weiter fort, um die zentralen Punkte zu vertiefen. Sie hat aber auch damit begonnen, mit nahen Verwandten, Mitarbeitern und befreundeten Lamas ergänzende Interviews durchzuführen.

Das hier abgedruckte Interview ist – wie die vorangegangenen – ein Auszug aus diesen Gesprächen. Bewusst sind die Umgangssprache und der vorläufige Charakter beibehalten worden. Diese Interviews sind das Rohmaterial, aus dem die Texte für das Buch entstehen werden – und nicht identisch mit dem eigentlichen Buchmanuskript.

Rinpoche hat einmal selbst verlauten lassen, dass sein Leben insofern interessant sei, weil es eigentlich aus drei Leben besteht: zunächst als Tulku im Alten Tibet, dann als Flüchtling in Indien, schließlich als Familienvater und Universitätsangestellter in Deutschland. An seinem Leben lässt sich exemplarisch nachvollziehen, wie die Tibeter innerhalb weniger Generationen ihre traditionelle Gesellschaft verlassen und im 21. Jahrhundert angekommen sind.