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Inhaltsverzeichnis
 
 
 

Für Dominique von Savoyen

Das Rettungsboot
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Heute ist Freitag. Als ich die Pension betrete, bin ich enttäuscht. Das hatte im Internet aber besser ausgesehen. Hier, in der nordfriesischen Realität, muss ich mit meinem Koffer erst an einem verwaisten Softeisstand vorbei und mich dann durch ein leeres, aber stark mit Stühlen vollgestelltes Restaurant hindurchkämpfen, bis ich am Tresen des Schankraumes eine Art Rezeption ausmachen kann.
Niemand da.
»Hallo?«
Nichts zu hören. Nur entferntes Tellerklappern aus der Küche. Steht hier eine Glocke auf dem Tresen? Nein. Ich werde etwas lauter.
»Hallo!?«
Die Fachkraft kommt aus der Küche herbeigeschlichen.
»Guten Tag, mein Name ist Olsen.«
Dass ich ein Zimmer reserviert habe, lasse ich unerwähnt. Das ist natürlich nicht nur ein Zeichen meiner Weltläufigkeit, sondern auch ein Test: Eine wirklich fähige Rezeptionistin wird aus meinem Satz von ganz allein und ohne Nachfragen die richtigen Schlüsse ziehen.
»Schönen guten Tag«, entgegnet die Fachkraft, »haben Sie reserviert?«
Danke, das war’s, denke ich. Scharfer Geist und Professionalität sind an diesem Ort offenbar nicht zu Hause.
»Ja«, erwidere ich immer noch höflich, aber auch ein bisschen gelangweilt, »natürlich.«
»Und der Name war …?«
»Olsen. O-L-S-E-N.«
Eine kleine Pause entsteht. Die Fachkraft schaut in ihr Buch. Ich weiß schon, was jetzt kommt: ein Ausdruck des Bedauerns, ich sei nicht zu finden, die erneute Frage nach meinem Namen.
»Wahrscheinlich haben Sie mich unter meinem Vornamen drin«, sage ich müde, »Das kenne ich schon. Schauen Sie doch bitte unter ›Flemming‹.«
»Flemming?«, fragt die Fachkraft nach und beugt sich wieder über ihr Buch. »Nein …«, sie blättert um, »Flemming habe ich auch nicht …«
»Das gibt’s doch gar nicht.«
»Ach, Moment!«, das Gesicht hellt sich auf. »Für morgen hab ich Sie drinstehen! Hier …«, sie deutet auf eine Stelle auf der vollgekrakelten Seite, »Olsen.«
»Wie auch immer«, entfährt es mir genervt, »ich bin aber nun mal heute da.«
»Ja, ja«, beeilt sich die Fachkraft zu sagen, »aber Sie stehen erst für morgen drin, sehen Sie? Olsen – Freitag, der 14.«
Jetzt wird es mir aber wirklich zu bunt.
»Aber heute ist doch Freitag.«
»Nein, nein«, erwidert mein Gegenüber mit einem entschuldigenden Unterton, »heute ist Donnerstag.«
»Heute ist … Freitag.«
»Nein, wirklich – heute ist Donnerstag. Hier.«
Sie zeigt mir ihren Kalender. Donnerstag. Ist das wahr?
Kann das wirklich wahr sein? Ich frage noch mal nach. Ob sie sich auch ganz sicher sei?
»Ganz bestimmt!«, bekräftigt die Fachkraft. »Das tut mir ja nun leid.«
Ich lache, aber es klingt wahrscheinlich etwas hölzern. Mein Kopf fühlt sich mit einem Mal sehr leer an. Heute ist also erst Donnerstag. Und nicht Freitag. Ich bin tatsächlich losgefahren in der Überzeugung, es wäre Freitag? Das ist mir ja noch nie passiert.
»Tja«, sage ich, »dann fahre ich jetzt wohl wieder nach Hause … und morgen komm ich wieder, und …« Ich weiß nicht, wie dieser Satz weitergehen soll.
»Wissen Sie was?«, sagt die Fachkraft.
»Nein.«
»Und morgen tun wir beide dann einfach so«, sie zwinkert und beugt sich mir ein ganz kleines Stück entgegen, »als hätten wir uns noch nie gesehen.«
»… als hätten wir uns noch nie gesehen …«, echoe ich und lächele hilflos.
»Ist das nicht eine gute Idee?«
»Ja, das ist … prima.«
Die Fachkraft strahlt mich an. Auf ihrem Schildchen steht »Carstensen«.
»Na denn, Herr Olsen, – bis morgen!«
»Ja. Bis morgen, Frau Carstensen.«
 
Es ist also noch mal Freitag. Ich fahre durch die bratpfannenflache Weidenlandschaft Nordfrieslands. Der Himmel kann sich heute nicht so ganz entscheiden: Hellgrau und Dunkelgrau kämpfen sowohl gegeneinander als auch gemeinsam gegen knalliges Blau, und alles wirbelt in unendlich vielen Schattierungen unentwegt durcheinander. Es ist mächtig was los da oben, denke ich – wahrscheinlich mehr als hier unten. Das kleine, graue Band der Landstraße durchschneidet sattes Grün und kleine Wäldchen, ab und zu schimmert das Ziegelrot eines Gehöfts durch die Zweige. Dies ist es also: das Ende der Welt oder zumindest das Ende Deutschlands, sein nördlichstes, der letzte Zipfel deutschen Festlandes. Ich biege rechts ab und bin da: mitten im Nirgendwo, auf einem viel zu großen Parkplatz, zwischen einem geschlossenen Supermarkt und einem noch geschlosseneren, riesigen Anglerbedarfshop. Hier steht, trotzig dazwischengeklemmt und keine fünfhundert Meter von der dänischen Grenze entfernt, ein kleines Backsteinhäuschen. »Lude’s Imbiss«. Meine erste Reisestation.
Einen Monat werde ich reisen, gegen den Uhrzeigersinn, durch ganz Deutschland. So lange war ich noch nie allein unterwegs. Eigentlich, so fällt mir ein, war ich überhaupt noch nie alleine unterwegs. Das wirkt fast ein bisschen lächerlich: Mitte vierzig und zum ersten Mal allein unterwegs? Noch nie allein im Urlaub gewesen? Nein, tatsächlich nicht. Aber mit Urlaub werden die kommenden Wochen ohnehin nur wenig gemein haben. Ich habe sechzehn Imbisse in sechzehn Bundesländern vor mir. Sechzehn Arbeitstage, jede Menge Frittendunst, knapp dreitausend Kilometer Fahrtstrecke und dazwischen ein paar freie Tage, um die Eindrücke festzuhalten. Ich bin bewaffnet mit Diktiergerät, Kamera und Laptop. Ich werde ermitteln, erforschen, erfahren, wie es so zugeht in den Imbissen dieses Landes. Ich bin ein Agent und Schmetterlingssammler. Ich werde eintauchen in die Materie, eins werden mit meinem Objekt. Ich werde lernen, wie es ist, wirklich hinter dem Tresen zu stehen und zu arbeiten. Ich werde Menschen kennenlernen, die genau das tun. Was für ein Abenteuer! Ich freue mich. Und habe Angst. Ob ich vielleicht deswegen einen Tag zu früh losgefahren bin?
Heute ist endlich Freitag.
 
Als ich aussteige, kommt mir Lude entgegen.
»Moin!«, ruft er mir zu. »Schön, dass du da bist.«
Das finde ich auch.
Lude sieht gesund gebräunt aus, eine Eiche von einem Mann, früher hätte man gesagt »in den besten Jahren«. Ich werde Stunden brauchen, bis ich weiß, an wen er mich erinnert. Curd Jürgens. Der Typ Mann, der – etwas schmal und steif in den Hüften – nach oben immer breiter und kräftiger wird, mit einem ungeheuren Brustkorb und massigem Nacken. Lude lächelt mich aus hellblauen Augen an und stellt mir seine Frau und seinen Sohn vor. Anke hat ein schmales, aber herzliches Lächeln. Sie ist auffallend groß, trägt eine Brille und eine etwas mützenartige Lockenfrisur. Thorsten ist ein Hüne mit Raspelschnitt. Die genetische Vorgabe des Vaters hat er augenscheinlich durch konsequentes Muckibudentraining vervollkommnet. Ich habe Angst um meine Hand, aber Thorsten drückt nur ganz sachte zu und sieht dabei sehr nett aus.
»Mensch, ja …«, sagt Lude ein bisschen unbeholfen. »Willkommen hier im Norden.«
Ein dicker Mann schiebt sich von rechts ins Bild.
»Moin!«
Das muss er sein, mein Tippgeber für diese erste Station. Wie hieß er noch?
»Mensch, Herr Klindt!«, rufe ich aus und bin froh, dass mir in genau diesem Moment sein Name einfällt. »Sie auch schon hier? Das ist ja nett.«
Wir betreten Lude’s Imbiss. Hell ist es hier, erstaunlich modern, frisch und sauber. Ein weißer Schleiflacktresen, Tische mit dunklen Granitplatten und eine dezente Beleuchtung bestimmen das Bild. Fast bin ich enttäuscht. Ich hatte mit einem etwas schmuddeligeren Start gerechnet. Unsere kleine Gemeinschaft schiebt sich durch den Laden ins verglaste Raucherzimmer. Dort ist der größte Tisch bereits komplett eingedeckt. Offenbar hat mein Chef als Erstes ein mächtiges Kaffeetrinken mit mir vor. Anke hat gebacken: Erdbeerkuchen, Butterkuchen mit furchtlos bemessenem Butteranteil und einen Berg von einer Torte, wie ich ihn noch nie gesehen habe.
»Das ist Friesentorte«, klärt Anke mich auf.
Ich frage, wie viele Friesen für dieses Backwerk wohl ihr Leben lassen mussten. Die Runde lacht, die Stimmung löst sich. Ich bin dankbar – nicht nur für das reichliche Kuchenangebot, sondern auch für meinen Hunger, der mir die Gelegenheit gibt, mich als guter Esser in dieser Runde einzuführen. Anke schenkt dampfenden Kaffee in große Becher und verteilt den Kuchen. Aus Herrn Klindt wird Jens, und damit sind wir ab sofort alle per Du. Die Friesentorte entpuppt sich beim ersten Bissen als eine Schichtung aus Kuchenboden, Pflaumenmus, Sahne und Baiserdeckel. Was ganz Leichtes also. Lecker.
»Moin, moin!«
Ein graumelierter Brillenträger klopft an die Glasscheibe und betritt den Raucherraum. Anke schiebt Stühle hin und her und schafft Platz. Der Ankömmling stellt sich als Hans-Werner, Redakteur der Husumer Zeitung, vor. Er möchte Informationen für einen Artikel über meinen Besuch bei Lude.
»Also Jo, du testest jetzt Imbisse in Norddeutschland? Erzähl doch mal …«
Und ich erzähle: dass ich keine Imbisse teste, und nicht nur Norddeutschland bereisen werde, wo ich die Tipps herhabe, und so weiter und so fort. Die ganze Runde hört zu. Jens dreht Däumchen. Ich komme mir ein bisschen blöd vor. Eigentlich wollte ich ja die Fragen stellen und die anderen erzählen lassen, aber da muss ich jetzt wohl durch.
»Hat dich deine Fernsehrolle als Ingo der Imbisswirt auf diese Idee gebracht?«, fragt Hans-Werner. Ich spähe nach rechts durch die Scheibe Richtung Tresen und sehe eine dunkelhaarige Gestalt in Tarnhosen und Muskelshirt sich nähern.
»Tachchen!«
Die Runde antwortet mit allgemeinem, begrüßendem Gemurmel. Der Guerillakämpfer ist offenbar ein Stammgast. Ein weiterer Stuhl wird in die Runde geschoben, direkt rechts neben mir. Ich sehe die Adern auf seinen gebräunten, tätowierten Unterarmen.
»Ick bin der Volker.« Ein kräftiger Händedruck, ein kurzer Blick aus zusammengekniffenen Augen. Etwas leicht Spöttisches umspielt Volkers Mundwinkel. Ich rutsche mit meinem Stuhl ein Stück weiter nach links. Jens möchte wissen, ob ich auf der Straße oft angesprochen werde – bei Dittsche würde ich ja eine Perücke tragen.
»Alter, sowat kenn ick ooch!«, antwortet Volker für mich. »Ick war mal – nee, zweemal – son Statist für’t Fernsehn. Und da war ick massivst im Bild! Massivst, vastehste?« Er stubst mich leicht mit dem Ellenbogen an. »Da bin ick nur noch anjequatscht worden. Nur noch!« Seine Hand zerschneidet die Luft. »Det war Wahnsinn! Hör mir uff!«
Der Journalist fragt nach dem Zweck meiner Reise – der bestehe doch darin, ein Buch zu schreiben, oder?
»Ja, genau …«
»Alter,’n Buch! Da kriech ick dann aber ooch eens jeschickt, det is ja wohl ma klar, oder?«
»Gern, wenn du eins bei Amazon bestellst«, möchte ich eigentlich antworten, schlucke es aber herunter. Seit Volkers Ankunft hat sich die Atmosphäre in unserer kleinen Runde irgendwie verändert. Ich versuche, meinen Satz zu beenden, sage, dass bis jetzt noch keiner ein Buch über Menschen in Imbissen geschrieben habe, und einer müsse es ja mal machen. Hans-Werner nickt und stenografiert eifrig mit.
Während ich weiter Fragen beantworte, lasse ich den Blick schweifen. Erst jetzt fallen mir die ordentlich gerahmten Skizzen an den Wänden auf. Der gesamte Raum ist vollgehängt. Ich erinnere mich: Jens hatte mir in seiner Imbiss-Empfehlung geschrieben, dass es unter Ludes Gästen einen Zeichner gebe, der sämtliche Stammgäste auf Einwickelpapier verewigt habe. Ich erkenne einen leicht zittrigen, filigranen, aber auch entschlossenen Strich. Fröhlich sieht keiner der Porträtierten aus. Ganz offenbar ist es das Dunkle im Menschen, das den Zeichner interessiert, die Schatten, das Unbeleuchtete. Besonders einer der Gäste scheint es ihm angetan zu haben – an ihm hat er sich gleich mehrfach versucht: Es ist ein Mann mit Glatze und riesigen Ohren. Seine Augen sind klein, sie stehen eng zusammen, und sein Gesicht ist wettergegerbt. Es ist etwas Besonderes in seinem Blick, etwas Geschundenes und Trauriges.
Ein klappriger Endfünfziger betritt den Raum.
»Ach!«, ruft Jens. »Das ist Jan – der Zeichner. Von dem hatte ich dir ja geschrieben.«
Jan murmelt ein leises Hallo. Ich gebe ihm die Hand. Seine ist enorm schmal und zart. Später wird er diese Hand zur Faust ballen und jemandem zurufen: »Geht die hier auf, gehst du unter!« Kaum eine Hand auf der Welt, bei der dieser Satz unangebrachter wäre. Jan setzt sich mir schräg gegenüber. Der Zeichner ist in dieser Runde eine eher exotische Erscheinung: Er trägt sein Haar fast schulterlang und unaufgeräumt, an seinem Oberkörper hängt ein schlabberiges Jackett wie über einer Stuhllehne. Er justiert die kleine Brille mit den ovalen Gläsern auf seiner Nase und zündet sich eine Zigarette an. Von Jens weiß ich, dass Jan schon seit fast dreißig Jahren hier oben lebt. Er kommt aus Hamburg und ist eigentlich Architekt.
»Verdammt!«, ruft Volker deutlich zu laut. »Ick brauch jetzt erstma’n Schnutenwischer!«
Er hält ein leeres Schnapsglas hoch. Die Stimmung am Tisch duckt sich. Für eine Sekunde wird es still. Lude reagiert sofort.
»Mein lieber Freund.« Sein Ton ist leise und scharf. »Du brauchst hier nicht wieder so rumzubrüllen, klar?«
Volker widerspricht nicht. Er blickt nach unten, nickt und grummelt etwas Unverständliches. Anke stellt ihm ein neues Glas hin. Die Stimmen um mich herum werden wieder lauter. Mir ist unbehaglich neben diesem Mann. Was ist das bloß für ein Typ? Und was ist ein Schnutenwischer? Ein dreifacher Weinbrand in einem Schnapsglas, erklärt mir Jan. Er spricht so leise, dass ich mich ganz zu ihm hinüberbeugen muss. Anke fragt Jan, ob er auch noch eine »Mischung« möchte. Jan lächelt und nickt. In der Zwischenzeit hat Jens Lude in eine Kontroverse über Peter Sodanns Bundespräsidentenkandidatur verstrickt. Die Argumente gehen hin und her.
»So schlecht ist der Mann nun auch wieder nicht«, meint Jens, »’n paar vernünftige Sachen hat der schon gesagt.«
Lude legt die Stirn in Falten. »Also, so einer kann doch wohl nicht Deutschland repräsentieren, oder?«
»Wieso denn nicht?«, meint Jens »Das kann ja wohl nicht so schwer sein! Das bisschen Repräsentieren …«
»Wenn das jeder könnte – wieso machst du das dann nicht?«
»Da hätte ich gar keine Lust zu.« Jens verschränkt die Arme über dem massigen Bauch und grinst. »Aber mit dir zusammen würd ich mich drauf einlassen.«
»Wir beide?« Ludes Lachen füllt den Raum mit kräftigem Bariton. »Ja, das wär was!«
»Na, denn machen wir das doch!«, schlägt Jens vor.
Lude nimmt seine Flasche.
»Prost!«
Zwei Bügelbierflaschen klackern aneinander. Die Eintracht ist wiederhergestellt. Lude steht auf, er hat vorn zwei Kunden entdeckt, die bedient werden möchten. Mir fällt ein, dass ich ja eigentlich zum Arbeiten hier bin. Muss ich denn gar nichts machen? Lude bremst meinen Tatendrang: »Nee, nee, hab du man erstmal deinen Schnack hier. Dat is sowie so’n büschen eng bei uns hinterm Tresen. Lass man erstmal.«
Mein erster Arbeitstag sieht also nicht gerade nach Arbeit aus. Das gefällt mir. So langsam finde ich es sogar richtig gemütlich hier im verqualmten Hinterzimmer. Abgesehen von Volker. Irgendetwas brodelt da in seinem Inneren. Er redet zu laut. Rutscht auf seinem Stuhl hin und her. Jetzt taxiert er mich wieder, kneift die Augen zusammen, will wissen, was ich für einer bin.
»Na, ihr baut doch bestimmt auch viel Scheiß, du und Olli, oder?«
Was ist denn das für eine Frage? Am besten weder verneinen noch bejahen. Ich zucke die Achseln und ziehe die Mundwinkel nach unten.
»Hm … ja … kann schon sein.«
»Aha! Siehste?« Volker grinst mich an und piekst mir seinen Zeigefinger in die Schulter. »Det is det nämlich. Det ha ick mir jedacht.«
Ich habe keinen Schimmer, was das bedeuten soll, lächle etwas gequält und nicke höflich. Volker, so scheint mir, möchte vor allen Dingen Aufmerksamkeit.
»Sag mal«, frage ich ihn, »du klingst aber nicht, als wenn du von hier oben kommst?«
»Nee, Alter.« Volker bestellt mit erhobenem Finger noch einen Schnutenwischer. »Türlich nich. Ick bin aus Neuruppin.«
Volker ist aus der DDR? Das überrascht mich. Ich dachte, er würde berlinern, und diesen Klang verbinde ich intuitiv immer noch mit dem Westen.
»Ach! Und wie bist du dann hier gelandet?«
Und Volker erzählt. In ruppigen Halbsätzen, die aus ihm hervorbrechen. Wie er vor zwanzig Jahren mit zwei Mark in der Hand über die Grenze in den Westen gekommen ist. Drei Wochen nach Maueröffnung. Lieber jetzt als gar nicht: Man weiß ja auch nicht, ob die Grenze in der nächsten Woche nicht schon wieder zu ist. Schon als Kind hatte er jedem erzählt, dass er mal am Meer leben wird. Geglaubt hat ihm keiner. Seiner Mutter sagt er, er bleibt nur ein paar Tage weg. Daraus werden zwanzig Jahre. Volker arbeitet als Putzmann, als Baugehilfe, er nimmt jede Arbeit an.
»Also … mein Ding is bauen«, sagt Volker. »Bauen, det find ick total geil. Bauen, Alter! Fand ick schon als kleener Junge …«
Harte Maloche macht Volker nichts aus: Er hat es geschafft, er ist am Meer, da wo die Freiheit am größten und die Luft am klarsten ist. Volker fummelt eine Zigarette aus seinem Bauchtäschchen und steckt sie an.
»Warste schomma im Knast?«
Ich schüttle den Kopf. Volker rückt ein Stück näher und sieht mir ins Gesicht. Knast sei scheiße. Mehr sagt Volker nicht. Er sieht mich nur weiter an. Ich nicke, sehe auf den Boden und nuschele Zustimmung. Volker knallt sein leeres Schnapsglas auf den Tisch. Wieso, beschwert er sich lautstark, gebe es hier immer noch keinen neuen Schnutenwischer für ihn? Lude steht am Tresen. Er solle die Klappe halten und einfach rüberkommen, ruft er Volker zu. Der Gescholtene schiebt seinen Stuhl weg und setzt sich leise schimpfend in Bewegung. Jens beugt sich zu mir herüber: »Volker geht einem manchmal echt auf die Nerven. Aber von uns allen hier ist er der Einzige, der allein in einem Wald überleben würde.«
Hans-Werner steht auf und klopft zweimal auf den Tisch. Er muss seinen Artikel noch in die Tasten hauen. Anke schenkt ihm zum Abschied einen ein. Die beiden Kunden von vorhin haben sich mit ihren Pommes nach draußen vor den Laden gesetzt. Lude kommt zurück von der Friteuse. Er bringt mir eine weiße Flensburger-Schürze mit.
»Hier. Willste mal anziehen?«
Das gefällt mir: Wenn schon keine Arbeit, dann doch wenigstens Kleidung, die danach aussieht. Während ich aufstehe, um die Schürze zu binden, erscheint ein weiterer Gast in der Glastür unseres Separees. Ich drehe mich um – und erschrecke: Das ist zwar der Mann von den Porträts an der Wand, aber – hat ihm jemand eine Gruselmaske aus Gummi aufgesetzt? Auf dem Papier sah dieses Gesicht nur wettergegerbt aus. In Wirklichkeit ist es gefräst, gemeißelt, zerfurcht, zerknittert, verschrumpelt, gebrochen und wieder zusammengeknetet. Der Mann schielt leicht, und seine winzigen Augen werden von mächtigen Wangen- und Stirnknochen umrahmt. Der gesamte Kopf glänzt wie eine Speckschwarte und ist für die Ewigkeit gebräunt. Der Ankömmling wird von der Runde lautstark begrüßt: »Hallo, Hannes!«
Hannes steht für den Bruchteil einer Sekunde steif da. Dann passiert etwas Beeindruckendes mit diesem Gesicht: Es lächelt. Und auf einen Schlag wird aus der Gummimaske das Antlitz eines liebenswerten Freundes. Ich kann die Augen nicht abwenden. Hannes winkt zum Gruß in die Runde. Seine Hand ist eine Schaufel, eine massige, fleischige Pranke, die Haut fleckig und dünn wie Pergament. Er trägt eine alte, steife Kunstfaserhose und einen giftgrünen Pullover. Anke schiebt noch einen Stuhl an den Tisch zwischen Volker und mir. Sie stellt Hannes ein Bier hin. Ich reiche meinem neuen Nachbarn die Hand. Hannes lächelt mich an und lässt meine Hand komplett in seiner verschwinden. Jan bestellt noch eine Mischung: »Und Lude: Bring mir mal’n bisschen Papier mit!«
»Wen willst du denn zeichnen?«, frage ich ihn – und weiß es doch schon.
Jan nickt in Hannes’ Richtung. Sein Modell scheint es geahnt zu haben. Es lacht und zeigt mit dem Finger auf den Zeichner. Und noch etwas sehe ich jetzt: Der Mann hat keine Augenbrauen und keine Wimpern. Kein einziges Haar im Gesicht.
»Was war dieses Gebäude eigentlich früher mal?«, frage ich Lude, der mit Schnäpsen und Bier und großen Bögen Einwickelpapier zurückkommt.
»Tja.« Lude kratzt sich am Hinterkopf. »Der Laden war früher’n Kohlenschuppen, also bis hier hin ungefähr.« Lude macht eine trennende Handbewegung in Richtung Tresen. »Komm mal mit!«, sagt er. »Ich zeig’s dir.«
Wir stehen auf und gehen zur Küche. Ich schwanke kurz. Dabei bin ich der einzig Nüchterne hier. Der gesamte Boden, das merke ich in diesem Moment, besitzt deutlich Schieflage. Ich frage Lude, woher das kommt.
»Halt mir bloß damit auf!« Der Wirt verschränkt die Arme vor der Brust. »Am Anfang war der Laden ja viel kleiner. Und dann schlug der aber so bombig ein, da ham wir nach’m Vierteljahr gleich vergrößert. Da hinten ham sie angefangen zu fliesen«, Lude deutet Richtung Raucherraum, »und als sie die Wand weggehauen hatten, ham sie gemerkt, dass sie zu tief waren.« Er schüttelt den Kopf. »Da hab ich gesacht: So, nu lass liegen den Scheiß – fertig. Und deswegen ist hier son büschen Schlagseite.«
Anke und Thorsten kommen dazu. Ich erfahre, dass der Supermarkt und der Angelshop nebenan schon seit Jahren dicht sind. Das gesamte Areal – alles Insolvenzmasse. Lude und Anke warten auf den dritten Insolvenztermin, und zwar schon seit siebzehn Jahren.
»Man gewöhnt sich dran«, seufzt Anke.
Sie hätten inzwischen gemerkt, dass sie auch ohne die Läden zurechtkommen. Eigentlich müssten sie dringend umbauen, Wände wegreißen, vergrößern – aber wer steckt da noch Geld rein?
Thorsten ist bei der Bundeswehr. Er hat sich für zwölf Jahre verpflichtet. Feldwebellaufbahn bei den Fallschirmjägern. Weit über zweihundert Sprünge hat er bereits hinter sich. Die Begeisterung dafür steht ihm ins Gesicht geschrieben. Thorsten sagt, er springe auch »zivil«. Seine Eltern hätten ihm nie Steine in den Weg gelegt. Anke nickt.
»Weißt du, unser Nachbarssohn war vierzehn, da kriegt er zu Weihnachten ein Fahrrad, stürzt – und wird nie wieder wach.«
Anke sieht mich an. Ich sehe Thorsten an.
»Deswegen … Als Thorsten damals die Ausbildung machen wollte, da haben wir gesagt: Wenn das sein Ding ist, dann soll er das auch machen.«
 
Im Raucherzimmer werden unterdessen weiterhin Schnäpse und Bier verhaftet. Ein Däne erscheint vorn am Tresen und bestellt einen Hamburger. Er ist zum Angeln hier, auf Karpfen. Der Fangteich ist direkt um die Ecke. Ich frage ihn, wie viele Tiere man denn pro Tag so raushole.
»Gar keine«, sagt der Mann mit den Sommersprossen und lacht. »Oft jedenfalls.«
Vor ein paar Jahren sei er mit seinen Freunden hier gewesen, da hätten sie eine Woche lang keinen einzigen Fisch gesehen. Das sei eben manchmal so. Wer so viel Frustration auf sich nimmt, denke ich, der muss Karpfen wirklich lieben.
»Aber so frisch gefangen abends auf den Tisch ist der Karpfen doch köstlich, oder?«
»Überhaupt nicht!«, lacht der Sommerbesprosste und schüttelt sich mit sichtlichem Abscheu. »Wir schmeißen die doch wieder rein!«
Der Reiz dieser Freizeitbeschäftigung will sich mir nicht so recht erschließen: Man sitzt eine Woche lang an einem künstlichen Teich – am besten noch bei Regenwetter -, um vergeblich darauf zu warten, dass ein Tier anbeißt, das man eigentlich eklig findet? Und wenn man es fängt, tut man nichts weiter, als es sofort wieder reinzuwerfen?
»Nein, nein«, sagt der Däne. Die gefangenen Karpfen würden sie natürlich messen und wiegen – und zum Schluss habe der mit dem größten Fang gewonnen.
»Und was, wenn mein Nachbar nun genau den Karpfen fängt, den ich gerade erst wieder reingeschmissen habe?«
Mein Gesprächspartner scheint ein sonniges Gemüt zu besitzen. Lachend legt er das Geld für den Hamburger auf den Tresen, klopft mir sachte auf die Schulter, zwinkert Lude zu – und verlässt den Imbiss. Durch die Glastür sehe ich, wie er, noch immer lachend, ins Auto steigt.
»Tja«, sagt Lude. »So sind sie, die Dänen.«
 
Die Stammgäste im Raucherzimmer verlangen nach neuen Getränken. Anke stellt mir ein Tablett voll, und ich darf – gewissermaßen als erste Amtshandlung des Tages – servieren. Ich verteile Gläser und Flaschen auf dem großen Granittisch. Jan hat sich in seine Porträtzeichnung vertieft. Lore und ihr Ehemann Jönne sind zu unserer Runde dazugestoßen, sie ist klein und drahtig, er groß und behäbig. Es wird wild durcheinanderdiskutiert. Mindestens drei verschiedene Gespräche zirkulieren im Raum. Es geht um Aufsitzrasenmäher, die Rente und das Wetter. Nur Hannes sagt kaum etwas. Er raucht, lächelt und nimmt ab und zu einen Schluck aus der Bierflasche. Er ist einfach nur dabei, und das reicht ihm. Mir geht es genauso. Die Menschen um mich haben sich an meine Anwesenheit gewöhnt, jetzt darf ich auf meinem Stuhl sitzen, unsichtbar werden und zuhören.
Volker fühlt sich durch Jans Zeichentätigkeit herausgefordert, seinerseits ein Bild anzufertigen. Schließlich habe er draußen auf dem Parkplatz das große Imbiss-Schild gemalt – er sei also vom Fach. Er ruft nach weiterem Malwerkzeug und zerrt an einem der Papierbögen, die Jan gerade als Zeichenunterlage dienen. Jan will sich das Papier nicht nehmen lassen, Volker zetert und zerrt. Für kurze Zeit entsteht ein kleiner Tumult. Irgendjemand holt Papier für den Wüterich, Jens reicht ihm einen dicken Benzinstift, die Lage beruhigt sich wieder. Volker beginnt, bricht ab, zerknüllt den ersten Bogen und fängt noch mal neu an. In großen Bögen führt er den Stift übers Papier. Dann hält er inne und nickt. Das Werk ist offenbar fertig. Stolz präsentiert er es der Runde. Es scheint eine Ente darzustellen. Vereinzelt höre ich Laute der Anerkennung. Volker empfiehlt insbesondere Jan, sich »das Teil« mal ganz genau anzusehen (»Damit du ma weeßt, wat’ne Zeichnung is!«), und entscheidet, dass es genau jetzt an der Zeit sei zu gehen. Dass dies schwierig werden könnte, ist bereits beim Aufstehen zu erkennen. Volker schwankt, schlenkert Richtung Tresen und wühlt in einer sehr tiefen Hosentasche nach Kleingeld. Auf halbem Wege dreht er sich noch mal um.
»Zieh dein Ding durch, Alter!«, ruft er mir zu. »Ick meine, ick weeß ja nich, wat dein Ding jenau is … Aber … na ja, jib Stoff!«
Ich verspreche Volker, ab sofort jede Menge Stoff zu geben und wünsche ihm alles Gute. Gemurmel macht sich am Tisch breit. Man könne Volker doch jetzt so nicht nach Hause gehen lassen.
»Der geht ja auch gar nicht – der ist doch mit’m Fahrrad hier!«, meint Jens.
Jönne macht sich grade: »Umso schlimmer! Der fährt doch anner nächsten Ecke in’n Graben!«
»Oder gegen’ne Laterne«, glaubt Lore.
»Vielleicht geht ihm dann ja’n Licht auf«, sagt Jan sehr leise.
 
Ich setze mich neben den Zeichner und nehme mir auch einen Bogen Einwickelpapier. Seit über zwanzig Jahren habe ich niemanden mehr porträtiert. Jan reicht mir wortlos einen zweiten Bleistift. Dann sieht er wieder auf sein Blatt Papier und flüstert mir etwas zu.
»Weißt du, woher Hannes diese Hände hat?«
Ich zucke die Schultern. »Keine Ahnung. Von der Feldarbeit vielleicht?«
»Ja klar, Feldarbeit …«, murmelt Jan, »Feldarbeit auch …«
Er nimmt einen letzten Zug von dem filterlosen Stummel und drückt ihn in den übervollen Aschenbecher.
»Hannes ist Jahrgang neunundzwanzig. Und mit vierzehn, ein Jahr vorm Kriegsende, da haben sie ihn noch ins KZ gesteckt.«
»Wie bitte?« Ich muss schlucken. »Und wieso?«
»Tja … das war … er … Niemand hatte …« Jan hält inne. »Dumme Jungenstreiche«, sagt er dann. Der Genuss einiger »Mischungen« hat seine Zunge schwer werden lassen. Hannes habe Wehrmacht-Motorräder sabotiert. Am Anspringen gehindert – mit Staniolpapier. Hannes sitzt uns schräg gegenüber und lächelt verträumt ins Blaue.
»Hier um die Ecke war das Lager.«
Jan fingert eine neue Zigarette aus der zerknautschten Packung.
»In Ladelund.«
Er sieht mich an.
»Und wie ist er da wieder rausgekommen?«, flüstere ich.
»Er ist abgehauen. Geflohen.«
Der Zeichner zieht eine schwere Linie durch das Gesicht auf dem Papier.
»Mit diesen Händen«, sagt er, »hat sich unterm Zaun durchgegraben.«
Ich sehe Jan an. Er sieht müde aus. Seine Augen sind wässrig.
»Und er geht heute noch zu den Treffen.«
»Was für Treffen?«
Jan schüttelt den Kopf. Da scheint es etwas zu geben, das er nicht begreifen kann. »Das musst du dir mal vorstellen«, sagt er. Leise Verzweiflung schwingt in seiner Stimme. »Wie schafft der das bloß?« Jan steckt die Filterlose in Brand. »Ich frag ihn, Hannes – wieso gehst du denn da noch hin?« Er nimmt einen Zug. »Und weißt du, was er mir dann sagt?«
Ich weiß es nicht. Mein Mund ist trocken. Ich schüttele den Kopf.
»Weil der Bäcker auch hingeht.« Er macht eine kurze Pause. Seine Stimme zittert. »Das musst du dir mal vorstellen.«
Im Konzentrationslager Ladelund steckt Hannes sich mit Typhus an. Er überlebt, verliert aber sein komplettes Kopfhaar. Von Ladelund wird Hannes nach Køge in der Nähe von Kopenhagen verlegt. Von dort gelingt ihm die Flucht zurück nach Aventoft. Den größten Teil der über dreihundert Kilometer langen Strecke legt er zu Fuß zurück. Unterwegs trifft er einen dänischen Bäcker, den er um ein Brötchen bittet. Der Bäcker ist so gerührt von Hannes’ Geschichte, dass er ihm gleich vier gibt. Hannes geht heute noch zu den regelmäßigen Treffen der ehemaligen Insassen von Ladelund. Der Bäcker auch. Die vier Brötchen haben die beiden mittlerweile alten Männer ein Leben lang verbunden. Mit dem Ende des Krieges ist auch Hannes’ Schulzeit vorbei. Zu Hause wird er gehänselt: Hannes Glatze nennen sie ihn. Ich sehe Hannes an. Er sieht sehr friedlich aus. Seine Hände liegen gefaltet in seinem Schoß. Dieser Mann trägt keinen Groll in sich.
 
Anke kommt und fragt nach weiteren Getränkewünschen. Ich glaube, jetzt kann ich auch ein Bier gebrauchen. Lude setzt sich an unseren Tisch und sieht uns beim Zeichnen zu.
»Du musst mal nicht denken«, flüstert mir Jan in den Kragen, »dass hier immer eitel Sonnenschein ist. Hier drin knallt es jeden Tag an irgendeiner anderen Stelle.«
Im Moment zetert Lore quer über den Tisch. Sie streitet sich mit Jens. Es geht um etwas, das ein gewisser Peter vor ein paar Tagen gesagt oder nicht gesagt hat. Dieser Ort, denke ich, ist eine komplett in sich abgeschlossene, eigene kleine Welt. Ein Rettungsboot, weit draußen auf hoher See. Wenn man hier oben lebt, gibt es einfach keinen anderen Platz, wo man hingehen könnte. Es wird hier auch nichts anderes mehr geben. Es gibt nur den Himmel und die bratpfannenflachen Felder. Und deshalb raufen sie sich auch immer wieder zusammen. Weil sie diesen Ort brauchen. Und weil sie sich gegenseitig brauchen. Zum Reden und zum Trinken.
Ich sehe nach draußen. Es ist dunkel geworden, der Wind hat sich gelegt.
»Mensch!«, ruft Lude. »Lass doch mal’n büschen Musik machen!«
»Hast du’ne Gitarre bei?«, krakeelt Lore von links.
Ich zucke die Schultern. »Leider nicht.«
Lude hat eine Idee. »Hannes, du kannst doch Mundharmonika!«
Hannes lacht: »Die hab ich doch nich immer bei!«
Lude schlägt sich auf die Stirn. »Mensch, ich hab doch eine hier! Wo ist die denn nochmal?«
Anke sucht in der Küche, Lude springt auf, stöbert im Regal hinterm Tresen und wird fündig. Triumphierend hält er das blitzende Teil in die Luft. »Hannes! Hier!«
Hannes nimmt das Instrument in die Hand. Für einen Moment wirkt es, als hätte er so ein Ding noch nie angefasst. Er sieht sich das chromglänzende Gebilde an. Etwas gequält lächelt er in die Runde und bleibt bei Lude hängen.
»Meinst du? Soll ich wirklich?«
Ein deutliches Echo kommt aus der Runde. Jeder will ihn hören. Hannes soll spielen. Er führt die Mundharmonika an die Lippen, setzt sich etwas breitbeiniger hin, stemmt die Füße auf den Boden und nimmt den Kopf leicht in den Nacken. Dann legt er los. Das Instrument beginnt zu klingen. Es scheint ihm einiges abzuverlangen, er pumpt die Luft mit Wucht durch die kleinen Kammern, sein Brustkorb hebt und senkt sich deutlich, Schweißperlen treten auf seine spiegelglatte Stirn. In den riesigen Händen ist die Mundharmonika kaum noch zu sehen. Jan beugt sich zu mir: Hannes habe in seinem ganzen Leben nicht eine Stunde Musikunterricht gehabt, flüstert er. Er spiele einfach nach Gehör. In diesem Moment erkenne ich das Stück – es ist »Lilli Marleen«. Vor der Kaserne, vor dem großen Tor. Stand eine Laterne und steht sie noch davor. Kein Mucks kommt aus der Runde. Alle Augen sind auf Hannes gerichtet. Alle hängen an seinen Lippen. Und der Klang füllt den Raum mit Sehnsucht, Schönheit und Schmerz. Ohne ein Wort zu sagen, erzählt Hannes von seinem Leben, von jedermanns Leben. Alle hier spüren das. Ich habe einen Kloß im Hals. Etwas Erhabenes hat den Raum betreten.
 
Auf meiner nächtlichen Fahrt zur Pension öffne ich das Seitenfenster und strecke den Arm wie einen Flügel in den Fahrtwind. Ich habe Hannes und seine Mundharmonika noch im Ohr, und ich fliege durch die sternenklare, bratpfannenflache Nacht. Meine Reise hat begonnen.
Auf einem Stuhl am Hintereingang der Pension wartet mein Schlüssel auf mich. Die Fachkraft hat ihn dort deponiert. Frau Carstensen. Die Gute.

Im Ring
003
»Na? Isser das? Oder isser das nicht?«
»Das isser!«, versichere ich meinem Gegenüber. Der Mann strahlt.
»Margret!«, ruft Heiko nach hinten. »Jon Flemming ist da!«
Eine zierliche weibliche Person kommt aus der Küche.
»Das ist Margret.« Heikos Augen blinken verschmitzt. »Meine Chefin.«
Auf dem Stammtisch steht eine große Thermoskanne. Margret hat Brötchenhälften geschmiert, es ist kurz vor zehn: Frühstückszeit.
»Also, Olli und du …«, Heiko ringt nach Worten, »ich brech ja jedes Mal fast zusammen.« Nur dass die Sendung immer so spät sein müsse, klagt er. Manchmal sei er dann doch eingenickt, und wenn es noch so lustig sei.
Ich pflichte ihm bei: Ein früherer Sendeplatz …
»Das Schönste für mich ist ja«, unterbricht mich Heiko, »dass ich auch’ne Schildkröte hier hab!« Er lächelt schelmisch und klopft mir auf den Unterarm. »Genau wie bei euch in der Sendung! Mein Peter, der ist immer hier! Jeden Tag, wirklich wahr! Der kriegt sein Bier – und dann is gut. Sitzt auch immer alleine. Und vor allen …«, er wischt sich eine Lachträne aus dem Auge, »der steht bei Schierholz an der Säge.«
Also hier in Bremen gibt es einen Imbiss, den musst Du Dir wirklich anschauen. »Heiko’s Grillimbiss« in Bremen-Kattenturm, der hat Kultstatus. Heiko Förster hat gerade sein 28-jähriges Imbiss-Jubiläum gefeiert. »Kredit gibt es nur an 80-Jährige in Begleitung ihrer Eltern« oder »Wer hier klaut, stirbt!« steht bei ihm an den Wänden, Heiko ist so ein liebenswerter, knorriger Kerl. Früher hat er im Leichtgewicht geboxt.
Anfang Februar hatte mich dieser Text per Mail erreicht – jetzt, knapp drei Monate später, sitze ich mit Heiko und seiner Frau in der Stammtischecke. Der Raum ist komplett holzgetäfelt. Rustikale Laternen an den Wänden sorgen für gedämpftes Licht. Über dem Tresen sind Barre-Bräu-Leuchtschilder an Ketten aufgehängt. Weiter hinten, neben dem Durchgang zur Küche, wartet Daddelautomat Bully auf Kleingeld.
Heiko hat viel zu erzählen, leise und schnell. Seine Stimme tänzelt und duckt sich weg. Ich nehme mir ein Mettbrötchen und höre Anekdoten aus dreißig Jahren Imbissbetrieb. Heiko schwärmt von seiner Zeit als Bundesligaboxer und von seinem Boxerkollegen René Weller. Er deutet auf die Wände links und rechts: Da hängt Heiko mit René und einer noch sehr jungen Verona Feldbusch, Heiko mit René und einem weiteren Boxer, Heiko alleine mit René, Heiko mit René und einem ganzen Haufen weiterer Boxer. Auf allen Bildern wird gelächelt, es werden Fäuste geballt und in die Kamera gehalten. Das, was Heiko nicht sagt, sagen seine Bilder: Der schöne René, ehemaliger Europameister im Leichtgewicht und späterer Weltmeister im Superfedergewicht, ist Heikos engster Freund und sein Idol. Aber nicht nur das: Die beiden könnten Zwillingsbrüder sein. Verblüfft zeige ich auf das gerahmte Plakat an der Wand über ihm. Heiko lacht. »Ja, das sagt jeder, dass wir uns so ähnlich sehen. Ich hab Renés Mutter auch schon mal gefragt, ob da nicht was dran sein könnte.«
Vielleicht, denke ich, hätte Heiko lieber seinen Vater fragen sollen, und studiere das Plakat noch einmal genauer: Es kündigt einen Schaukampf zwischen den beiden an. »Promi-Boxen« lautet die Überschrift – am 11. September 2004. Ich rechne zurück: Der Mann, der vor mir sitzt, war zu diesem Zeitpunkt bereits sechsundfünfzig Jahre alt.
»Ihr habt erst vor fünf Jahren noch gegeneinander geboxt?«
»Ja«, sagt Heiko nicht ohne Stolz. »Und zwar volle acht Runden.« Er guckt mir direkt in die Augen. »Ich hab mich aber auch ein Dreivierteljahr vorbereitet. War’n toller Kampf, wir haben uns nichts geschenkt.«
Heiko erzählt von seinen Vorbereitungen für diesen letzten Schaukampf, vom Training, von der Schinderei. Sein Gesicht wirkt auch jetzt, mit Anfang sechzig, noch immer jugendlich. Das Boxen hat nur wenig Spuren hinterlassen: ein leicht verdicktes linkes Augenlid, die Nase dezent formverändert. Heikos linke Augenbraue strebt nach oben, sie spöttelt und schätzt den Gegner ab, während er ihn mit wachem Auge fixiert. Hier sitzt er: Der suchende Blick des Boxers. Heiko trägt einen kurzen Schnauzer und einen goldenen Ohrring. Das dichte silbergraue Haar ist gepflegt geschnitten. Einen winzigen Rest Vokuhila meine ich in der Frisur noch erkennen zu können. Seine Haut ist ledrig, aber immer noch glatt. Bis auf die kräftige Zornesfalte und die Furchen neben den Mundwinkeln.
Dass er es nie ins Profilager schaffen würde, war Heiko von Anfang an klar. Zu seiner großen Zeit, in den Siebzigern, ist im Boxsport unterhalb des Schwergewichts keine Mark zu verdienen. Erst sein Freund René habe das geändert, sagt er: Er sei der allererste Leichtgewichtler im Profibereich gewesen. Das habe vor ihm keiner geschafft. Er selbst, meint Heiko, habe immer nur aus Spaß an der Freude geboxt. In der Bundesliga war er mal deutscher Meister im Mannschaftsboxen. Ich schaue an ihm herunter: Der Mann sieht aus, als sei er aus Draht gebogen. Sechzig Kilogramm. Seit vierzig Jahren hält er dieses Gewicht, wie mir Heiko nicht ohne Stolz verrät.
»Und wann hast du angefangen, dich fürs Boxen zu interessieren?«, frage ich ihn.
»Da war ich sechs.« Heiko sieht mir in die Augen. »Und mit elf hab ich dann selber geboxt.«
»Hallo, Carrie!« Heikos Blick geht zur Tür. »Du bist aber früh dran heute!«
»Ja … Manno.«
Heikos Zusatzkraft ist ein Rehlein mit Pferdeschwanz und Haarreif. Sie wird ein bisschen rot und schlägt die Augen nieder. Ob sie wohl extra wegen dem Mann aus dem Fernsehen so früh gekommen ist? Ich stehe auf, um ihr die Hand zu geben. Carrie macht einen Knicks und kichert dabei. Margret bietet ihr ein Brötchen an, aber Carrie schüttelt den Kopf. Sie nimmt sich eine Cola Light aus dem Tresen und setzt sich zu uns. Heiko blickt sie fast zärtlich an. Sein väterlicher Unterton ist nicht zu überhören. »Das ist also unsere Carrie.«
»Manno.«
»Normalerweise macht sie die Nachmittagsschicht, aber heute …«
»Oh, Manno!« »Tja, das ist echt Manno …«, versuche ich einen Einstieg ins Gespräch.
Carrie kichert. Ich sage ihr, dass sie heute meine Chefin sei, ich von nichts eine Ahnung hätte und sie mir alles zeigen müsse.
»Ist gut«, sagt Carrie, und die beiden Worte beschreiben eine kleine Terz, genau wie die Silben in »Ku-kuck«. »Was willst du denn wissen?«
»Na … alles«, sage ich. »Was machst du denn normalerweise immer zuerst?«
Carrie guckt zum Tresen. Margret und Heiko lächeln einander an.
»Besteck eindrehen.«
Ich versichere Carrie, dass Besteck eindrehen eigentlich schon immer mein Lebenstraum war und dass es nach dem Verzehr eines letzten Restes Käsebrötchen sofort losgehen könne, aber Heiko bremst meinen Tatendrang. Er will mir erst den ganzen Laden zeigen. Durch den Durchgang gehen wir in den hinteren Küchenbereich – und mir fährt ein Schrecken durch Mark und Bein. In einer holzgetäfelten Ecke im Küchenflur sitzt ein Mann an einem runden Tisch auf einem Barhocker. Er wird von einer gelblichen Werbelampe beleuchtet und hat ein Bier vor sich stehen.
»Das ist doch nur mein Peter!«, sagt Heiko und lacht über mich. »Du weißt doch – meine Schildkröte.«
»Mensch, Peter!«, sage ich und reiche ihm die Hand zur Begrüßung. »Du hast mich aber erschreckt!«
»Hm-hm«, macht Peter und meint damit wahrscheinlich irgendetwas zwischen »Hallo« und »Ich hab doch gar nichts gemacht«.
Heiko prüft den Flascheninhalt auf dem Tisch: »Möchtst du noch’n Bier, mein Peter?«
»Hm«, murmelt der Befragte.
»Na, dann hol ich dir doch eins.«
Ich bleibe mit Peter allein. Mir fällt nichts anderes ein, als dem Mann aufmunternd zuzulächeln. Peter lächelt zurück und presst die Lippen aufeinander. Es wirkt, als hätte er nur noch wenige Zähne. Etwas unendlich Sanftmütiges und Geschlagenes liegt in seinem wässrigen Blick. Seine Augen, sein Gesicht, die gesamte gedungene Körperhaltung scheint nur eines sagen zu wollen: Tut mir leid, dass ich hier bin. Das Leben hat ihm übel mitgespielt und der Alkohol eine sanfte Decke darüber gebreitet.
»Hier, mein Peter.« Heiko stellt ein frisches Pils auf den Tisch.
Peter nickt und steckt sich eine Zigarette an. Er trägt eine blaugraue Latzhose und eine dazu passende Arbeitsjacke. Sein Oberlippenbart ist fusselig und seine Fingernägel schwarz. Der Aschenbecher vor ihm ist bereits gut gefüllt. Jetzt dämmert mir, warum Peter hier sitzt: Vorn regiert das Rauchverbot, hier hinten darf er schmöken.
»So, Flemming, komm, ich zeig dir jetzt mal alles.« Heiko kann nicht lange auf einem Fleck stehen bleiben, die Unruhe des Leichtgewichts kriegt er nicht aus den Knochen.
Wir gucken um die Ecke in die Spülküche, hier ist Margrets Reich, direkt dahinter die Kühlung, hinten rechts die Toiletten und links daneben noch ein weiterer Raucherraum – aber was für einer! Wenn wir uns irgendwo in der Wüste von Nevada befänden, würde hier verbotenes Glücksspiel stattfinden – das Zimmer hat kein Fenster, den großen Tisch in der Mitte ziert ein Wachstischtuch mit Pasta-Motiv, darüber hängt eine Schirmlampe, an den Wänden hat Heiko seine Boxurkunden untergebracht. An der Stirnwand hängt ein 60-km-Verkehrsschild, darauf sind jede Menge Unterschriften zu erkennen. Heiko hat viele Freunde.
Als wir wieder vorne am Tresen sind, nimmt Heiko mich zur Seite. »Weißt du, der Peter ist früher immer in’ner anderen Kneipe gewesen. Und da haben sie ihn …«, Heiko sucht nach Worten, »na ja, nicht so gut behandelt.«
»Wie meinst du das?«
Heiko druckst herum. »Na, sie haben ihn zum Beispiel beklaut. Peter ist mal hier in den Laden gekommen und war irgendwie durch den Wind. Ich frag ihn, was los ist, und er erzählt mir, dass seine Geburtstagsfeier neulich inner Kneipe so teuer gewesen ist. Und er sich das gar nicht erklären kann. Und er auch nicht mehr so genau weiß, wer da alles war und wie viel da so getrunken wurde. Und so weiter und so fort.« Heiko wirft einen Blick Richtung Hintertür und spricht noch leiser. »Und da hab ich zu Peter gesagt: Pass auf – deinen Geburtstag kannst du ab jetzt hier feiern.«
Ich verstehe nicht so richtig.
»Na ja, die haben ihm halt in die Tasche gelangt. Wenn er nicht mehr so ganz klar war. Immer wieder.« Heiko guckt grimmig. »Und dabei ist er so ein Gutmütiger.«